Das Trojaprojekt
Georg Coenen, Das Trojaprojekt - Skulpturen auf dem Schulgelände

Die Ausgangslage

Die Schliemann-Grundschule in Rudow verfügt am Rande des Rudower Fließes über eine ausgedehnte Schulfreifläche. Die früher überwiegend asphaltierte Fläche des Pausengeländes wurde 1997 im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen nach den Vorstellungen der Schule umgestaltet.
Seit 1989 bemühte sich eine Gruppe von Eltern und Lehrerinnen um ein Konzept für die Umgestaltung. Aufgrund der Größe der versiegelten Fläche und der bisherigen Aktivitäten der Schule meldete der Bezirk Neukölln die Schliemann-Schule als Ausgleichsmaßnahme für die Bautätigkeiten im Zentralen Verkehrsbereich Berlins an. Das Naturschutz- und Grünflächenamt Neukölln übernahm die Planung und Bauleitung, die Deutsche Bahn AG finanzierte die Entsiegelung und den Umbau des Schulgeländes.
Bei der Verwendung der Mittel zur Schulhofumgestaltung wurde von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie festgelegt, daß ein Teil der Bausumme für Projekte von Schüler/innen zu verwenden ist. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Planungsverfahren und bei der Einbeziehung in die praktischen Umbauprozesse wurde "Grün macht Schule" mit der Koordination der Maßnahme betraut.
Im Laufe der schulinternen Diskussionen entwickelte sich zunehmend die Idee, ausgehend vom Namen der Schule Bezüge zu Troja, Ruinenlandschaften... Skulpturen zu entwicklen.
Die Planungsgruppe und interessierte Kolleg/innen legten die Kriterien für die Schüler/innen-Projekte fest:
ein Skulpturenprojekt, Bezug zu Troja kann, muß aber nicht hergestellt werden; die entstehenden Kunstobjekte sollen überwiegend dauerhaft und vor allem aus Stein, aus Holz, Ton und Lehm entstehen.
Gemeinsam mit Künstler/innen wurde versucht, ein gestalterisches Gesamt-Konzept zu entwickeln. Dies gelang nur unzureichend. Die beteiligten Künstler/innen stellten darufhin der Planungsrunde verschiedene eigene Ideen und Konzepte vor. Aus diesen entwickelten sich unterschiedliche Projekte, die alle einen inhaltlichen oder in ihrer Formensprache vielfältige Bezüge zu Troja aufwiesen. Die Details der Gestaltung entwickelten die Künstler/innen später mit den Kindern während der praktischen Arbeit, teilweise nach zuvor im Unterricht erarbeiteten Entwürfen.

Identifikation und Gewaltprävention durch Beteiligung

Die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern, der Lehrkäfte sowie Eltern an der Planung und Umsetzung dieses Projektes war nicht nur hinsichtlich einer Qualitätsverbesserung der Schulfreifläche bedeutsam, sondern hat auch einen hohen sozialen Stellenwert. Die Schülerinnen und Schüler der Schliemann-Schule lernten während der Skulpturen-Workshops nicht nur Materialien und handwerkliche Techniken kennen, die in der Regel schon aus Kostengründen außerordentlich selten im Unterricht vermittelt werden konnten, sondern auch kooperatives Arbeiten. Sie entwickelten neue Fähigkeiten, Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Verantwortungsbewußtsein für das Geschaffene. Durch das Hinterlassen sichtbarer Spuren und das Bewußtsein, an einem aufregenden, gemeinsamen Gestaltungsprozeß der gesamten Schule teilzunehmen, entstanden vielfältige Identifikationsmöglichkeiten.
Kindliche Lebenswelt benötigt mehr als zugewiesene Rest-Flächen und Reservate. Die kindliche Entwicklung wie auch die Entwicklung von Jugendlichen und Erwachsenen wird wesentlich durch den Spielraum bestimmt, der ihnen für den sozialen Austausch, die individuelle und gemeinsame Erfahrung und die Aneignung der Umwelt, ihrer kreativen Entfaltung und Gestaltung zur Verfügung steht.
Der Spielraum zur Mitgestaltung kann neben den fundamentalen, sinnlichen Erfahrungen mit natürlichen Materialien wie Holz, Stein, Lehm, Ton ... die Grundlagen für ökologische, menschengerechtere und gesündere Lebensbedingungen bilden. Durch Projekte, wie sie -allerdings in einem ungewöhlich großen Rahmen- an der Schliemann-Grundschule durchgeführt wurden, können bei Kindern und Jugendlichen Kreativität, Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl gegenüber dem gemeinsam Geschaffenen, ihrer sie umgebenden Umwelt und den Mitmenschen wachsen.

Fortbildungsveranstaltungen

Zu den schulinternen Vorbereitungen auf das Troja-Projekt gehörte neben konzeptionellen Planungsrunden mit Kolleginnen, Eltern und Künstler/innen auch die Durchführung eines Studientages des Kollegiums mit allen beteiligten Künstler/innen. Im Rahmen dieses Studientages wurde auf die reichhaltigen Anregungen für den Unterricht hingewiesen, welche sich durch die Auseinandersetzung mit Troja und mit der griechischen Mythologie eröffnen. Besonders in der Auseinandersetzung mit dem Thema Zerstörung/Ruine -auch in ihrer heutigen Ausprägung- wurden die -leider- aktuellen Bezüge des Themas deutlich.

Neben den 700 Kindern der Schule, einigen ihrer Geschwister und fast 100 Eltern, dem Kollegium der Schliemann-Schule nahmen insgesamt etwa 200 erwachsene Personen (überwiegend Lehrerinnen anderer Schulen) an den verschiednen Veranstaltungen teil.

Die Resonanz auf die angebotenen Fortbildungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer war überraschend positiv:
mehr als fünfzig Lehrerinnen und drei Lehrer nahmen an einem vorbereitenden Lehrgang teil. Angeleitet von Bildhauer/innen enstanden in idyllischer Umgebung erste bemerkenswerte Holz- und vor allem Steinskulpturen. Mit wachsender Begeisterung der Beteiligten wuchsen Mut, Kreativität und Erfahrung. Personen, die größtenteils keinerlei Erfahrung im Umgang mit Hammer und Beizeisen oder Hohlbeitel hatten, offenbarten -teilweise für sie selbst- höchst überraschende Energien und Fähigkeiten.

Kinder und Erwachsene arbeiten und lernen gemeinsam

Gemeinsames Lernen und Arbeiten ermöglichte während der Workshops, an denen sich sechzig Lehrer/innen beteiligten, vielfältige Kooperationsformen und soziale Prozesse zwischen Kindern einer Klasse, verschiedener Klassen, unterschiedlicher Altersstufen, zwischen Kindern und Erwachsenen (Lehrer/innen der Schliemannschule, beteiligter Eltern, Lehrer/innen anderer Berliner Schulen) und zwischen Erwachsenen unterschiedlicher Fachrichtungen und Berufe (u.a. Künstler/innen, Landschaftsplaner/innen, Azubis).
Es entstanden Skulpturen durch gemeinsames Arbeiten von Erwachsenen und Kindern an einem großen Projekt (Ruinenlandschaft). Bei der Tempelrunde aus Holz ergänzten sich die Tätigkeiten: Kinder entrindeten, Fachleute spalteten die Baumstämme, Kindern entwarfen Dachschindeln, bearbeiteten und bemalten diese, während einzelne Erwachsene Segmente der Musen-Skulpturen gestalteten. Bei der Steinbearbeitung gab es vielfältige Kooperationsformen: einzelne Erwachsene arbeiten mit einem oder mehreren Kindern, teilweise arbeiten Kinder und Erwachsene allein oder aber in Gruppen und zuweilen wurde eine begonnene Steinskulptur von anderen Kindern weiterbehauen. Bei der Herstellung Ceramischer Säulen arbeiteten 1-3 verschiedene Kinder gleichzeitig oder nacheinander unter Mithilfe von Erwachsenen an einzelnen Segmenten, die später zu zwei Säulen zusammengefügt wurden. Die Ton-Reliefe und die entstandenen Moasike sind Gemeinschaftprodukte von Klassen. .

Die schwierige Organisation und verblüffende Erfahrungen

Absprachegemäß nahmen alle Schülerinnen und Schüler der Schliemann-Schule an den Workshops teil. Jeweils sechs Kinder arbeiteten mit drei Erwachsenen unter der Anleitung einer/s Künstler/in. Zwei Klassen konnten parallel jeweils eine Woche jeden Tag eine Stunde reiner Arbeitszeit auf dem Gelände aktiv sein. Darüberhinaus bestand jeden Tag für fünfzig Kinder die Möglichkeit, zusätzlich im Anschluß an den regulären Unterricht bis 15 Uhr weiterzuarbeien. Diese Organisation ermöglichte die Teilnahme aller 700 Kinder am Gestaltungsprozeß. Der häufige Wechsel der Kinder wurde insbesondere bei den Künstler/innen als Belastung angesehen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten spielte sich jedoch das Wechsel-Prinzip bei den Kindern zunehmend besser ein. Die ursprüngliche Skepsis der meisten beteiligten Erwachsenen wich immer mehr der Sicherheit im Umgang miteinander, dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem Spaß bei der gemeinsamen Arbeit.
Auch wenn die Arbeit mit Ton oder Lehm sinnvollerweise zwei Stunden oder länger hätte dauern können, die Beschäftigung mit Stein und Holz ermüdete und belastete ungleich stärker und erforderte einen schnelleren Wechsel der Gruppen.
Da keine vergleichbaren Erfahrungen vorlagen, wurde im Vorfeld bei den Planungsrunden vermutet, daß besonders die jüngeren Kinder bei der Arbeit mit Stein physisch überfordert seien. Als weiteres Problem erschien, daß viele Kinder ihren spezifischen Beitrag zur Gestaltung kaum noch erkennen könnten, da sie an einem abstrakteren gemeinsamen Ganzen arbeiten sollten. Insbesondere wurde vermutet, daß die bildhauerische Arbeit mit dem Kalkstein, der nur langsam seine Form freigibt, schnell demotivierend sein könnte.
Um so verblüffter mußten die Erwachsenen feststellen, daß insbesondere die Kinder der unteren Klassen eine herausragende Arbeits-Intensität, Konzentration und Ausdauer zeigten. Dies war in diesem Umfang nicht erwartet worden! Die motivierten und im Verlaufe der Workshops immer sachkundigeren Kinder beflügelten auch die Kreativität und das positive Arbeitsklima der Erwachsenen.

Symposium "Natur und Kunst-Skulpturen auf dem Schulgelände"

Höhepunkt und vorläufigen Abschluß der meisten gestalterischen Aktivitäten
auf dem Gelände der Schliemann-Grundschule bildete das Symposium "Natur und Kunst- Skulpturen auf dem Schulgelände", in dessen Mittelpunkt die theoretische und vor allem die praktische Annäherung an Landschafts- und Raumgestaltungskonzepte mit künstlerischem Schwerpunkt stand. Das zentrale Anliegen von "Grün macht Schule", Kinder und Jugendliche als auch die erwachsenen Nutzer/innen am Gestaltungskonzept und seiner Verwirklichung zu beteiligen, wurde durch die Skulpturenprojekte der Schliemann-Schule eindrucksvoll veranschaulicht. Auch die während der Tagung in Exkursion und Referaten vorgestellten Beispiele künstlerischer Gestaltungen anderer Schulen verdeutlichten, wie die stärkere Einbeziehung kreativer Aktivitäten auf den Schulfreiflächen zusätzliche Impulse schafft, um anregende und identifikationsstiftende Räume zu schaffen.

Von Beginn an war geplant, bei der Tagung das Angebot der Skulpturen-Workshops um sanftere Materialien und die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit anderen Techniken und Gestaltungsmitteln zu erweitern. Die zeitweisen Installationen wie eine Wasserlandschaft, eine Bambus-Skulptur "Labile" und die Filz-Objekte "Das Goldene Vließ" waren eher filigrane, verletzliche Gebilde. Der teilweise vergrabene "Schatz des Priamos" aus Kupferblech und das unvorhergesehene Verschwinden des Labile deuteten auf Vergänglichkeit und den Vorrang der gewonnenen Erfahrungen hin. Neben die massiven, aufwendigen und langsam wachsenden Skulpturen traten Plastiken, die innerhalb einer relativ kurzen Zeit entstehen konnten: u.a. eine Tuffstein-Skulptur "Profile" und die Holzskulptur "Paris überreicht den Apfel an ..." .

Der Erfolg des Troja-Projektes beruhte zu einem hohen Maße auf dem Engagement und der Begeisterung der beteiligten Kinder.
Neben der gestalterischen Qualität der entstandenen Skulpturen gehört zu den bleibenden Erinnerungen an die Workshops un die Tagung bei vielen Beteiligten das Erlebnis, erfahren zu haben, welche Kraft und Phantasie in Kindern frei wird, wenn ihnen Raum zu ihrer Entfaltung gelassen und dabei die unterstützende Hilfe von Erwachsenen zuteil wird.
700 Kindern und mehr als 200 Erwachsenen gelang es, ihre Spuren auf dem Gelände der Schliemann-Schule dauerhaft zu hinterlassen!


Nähere Informationen und viele Fotos sind in der Broschüre "Das Trojaprojekt" enthalten.
Eine Dia-Serie (20 Dias) und diverse Videos erhalten Sie bei "Grün macht Schule" (link Medien)

Adresse: Schliemann-Schule
Groß-Ziethener-Chausssee 73
12355 Berlin
Tel.: 030-6636053
Ansprechpartner/in:
Frau Hinz/Herr Meyer

Wir bieten Gruppen Führungen über das Schulgelände. Bei langfristiger Anmeldung ist in Absprache mit der Schule ein Dia-Vortrag/eine Videovorführung möglich.
Anfragen bitte an Georg.Coenen@berlin.de