3. Evolutionstheoretische Erklärung anhand von Ergebnissen
der empirischen Sexualforschung
Gegen Ende der 60er Jahre begannen einige Forscher, das Liebesleben der Menschen aus der evolutionstheoretischen Perspektive zu betrachten. Man versuchte, das menschliche Verhalten nicht mehr nur, wie bis dahin hauptsächlich praktiziert, aus der kulturellen Perspektive zu verstehen.
Diese junge Wissenschaft wird in der Literatur als Evolutionspsychologie, Evolutionsbiologie oder Soziobiologie bezeichnet und ihre Kernaussage lautet, daß alle Lebewesen von der Evolution darauf programmiert worden sind, für die bestmögliche Weitergabe ihrer Erbanlagen zu sorgen.
Heute weiß man, daß sich die genetischen Ausstattungen und Fähigkeiten des Menschen seit 10.000 Jahren praktisch nicht mehr verändert haben, d.h. die Städter in ihren eleganten Anzügen, den schnellen Autos und wärmeisolierten Häusern unterscheiden sich biologisch nicht vom Steinzeitmenschen, der Jagdszenen auf die Wände von Höhlen malte. Wenn man ein Baby aus der Steinzeit in unser Jahrhundert versetzen würde, so würde es sich vermutlich ebenso in die heutige Gesellschaft einpassen wie jedes andere Kind auch. Der Mensch hat sogar mit den Schimpansen 98,4 Prozent aller Erbinformationen gemeinsam.
Die evolutionspsychologische Sichtweise geht davon aus, daß genetische Anlagen nicht nur körperliche Attribute ausmachen, sondern auch das Verhalten beeinflussen. Viele Forscher sind der Ansicht, daß diese Verhaltensbeeinflussung bei Männern und Frauen unterschiedlich ist. So legen Männer bei der Partnerwahl Wert auf Jugend, während Frauen nach Status und Schutz Ausschau halten. Diese Beeinflussung kann auch unbewußt stattfinden, so achtet der Mann automatisch bei der Partnerwahl auf Anzeichen von Fruchtbarkeit, selbst wenn er gar keine Kinder haben möchte.
Dies macht der Mann genauso intuitiv, wie der Mensch in den folgenden Theorien in vielen Kleinigkeiten unbewußt einen Fortpflanzungsvorteil sucht. Man muß bedenken, daß viele Anpassungen innerhalb der Spezies Mensch durch einen Vorteil bei der Fortpflanzung bzw. der Kinderaufzucht zustande kamen, auch wenn diese Anpassungen vordergründig nichts mit der Fortpflanzung zu tun haben. Dies bedeutet jedoch nicht, daß das, was auf die Männer allgemein gilt, auf jeden einzelnen Mann zutrifft. Die Spezies Mensch versucht ständig ihre Fitneß zu maximieren, indem die einzelnen Individuen darauf achten, ihre Gene möglichst optimal an die nächste Generation weiterzugeben. Natürlich gibt es Menschen, die dies versäumen oder sogar bewußt unterlassen, aber deren Gene gehören in der nächsten Generation nicht mehr dazu.
Dieses evolutionstheoretische Erklärungsmodell leidet genauso wie viele Modelle anderer Disziplinen, die vor allem den Menschen betreffen, darunter, daß sich die Aussagen nicht anhand von Laboruntersuchungen überprüfen lassen.
3.1. Strategien der Partnerwahl / Partnerwerbung
Der Mensch verfährt bei der Partnerwahl, in romantischen Liebesbeziehungen, Sexualität und Liebe nach strategischen Gesichtspunkten. Bei Sexualstrategien handelt es sich um auf Adaption beruhende Lösungen für Probleme bei der Partnerwahl, da sich erfolgreiche Strategien/ Verhaltensweisen durchgesetzt und somit vermutlich vererbt haben. Mit dem Begriff Sexualstrategie soll hier keine bewußte Absicht unterstellt werden, denn Sexualstrategien erfordern keine gezielte Planung und keinerlei Elemente von Reflexion.
Das neue darwinistische Paradigma geht davon aus, daß einige Unterschiede zwischen typisch männlichem und typisch weiblichem Sexualverlangen bestehen, und daß das Verlangen des Mannes weniger wählerisch ist.
Wenn man davon ausgeht, daß die Evolution den Menschen darauf programmiert hat, möglichst viel seines genetischen Materials an die nächste Generation weiterzugeben, wird deutlich, daß diese Zielsetzung bei Mann und Frau unterschiedlicher Strategien bedarf. Männer können sich hunderte Male jährlich fortpflanzen, während dies bei Frauen im Regelfall nicht öfter als einmal im Jahr möglich ist. Diese Asymmetrie liegt zum Teil im hohen Wert der Eizellen, die bei allen Arten größer und seltener sind als Spermien. Beim Menschen ist die Eizelle fünfundachtzigtausendmal größer als die männliche Samenzelle. Frauen haben einen einmaligen, auf ungefähr vierhundert Eizellen begrenzten Vorrat, der nicht wieder aufgefüllt werden kann, während Männer ca. zwölf Millionen Spermien in der Stunde produzieren können. Das Ungleichgewicht wird dadurch verstärkt, daß die Umwandlung der Keimzelle in einen Organismus im weiblichen Körper stattfindet und dadurch von der Frau eine hohe Anfangsinvestition verlangt wird. Männer können, während ihre Frau neun Monate damit beschäftigt ist, ein Kind auszutragen, theoretisch zahlreiche weitere Kinder mit anderen Frauen zeugen. Weiterhin ist die Frau dadurch benachteiligt, daß sie sich nur bis zur Menopause, die meist zwischen dem 47. und dem 52. Lebensjahr eintritt, fortpflanzen kann.
Im frühen 18. Jahrhundert soll Marokkos Sultan Mulai Isma´il die unübertroffene Anzahl von 888 Nachkommen gezeugt haben, während der Spitzenwert der Frauen "nur" bei 69 Nachkommen liegt.
Diese unterschiedlichen Voraussetzungen haben laut Grammer zur Folge, daß Frauen sich eher zurückhalten und zufällige, unausgewählte Kopulationen vermeiden, um nicht zu einseitigem Investment in den Nachwuchs genötigt zu werden, während Männer häufig auf eine schnelle Entscheidung drängen, da sie einem stärkerem Wettbewerb um die begrenzte "Ressource Frau" ausgesetzt sind. (s. auch "Kontaktanzeigen", (6.))
Der hohe Wert der Eizelle, der hohe reproduktive Wert der Frau hat zur Folge, daß Frauen und Kinder bei Gefahr zuerst gerettet werden (à Titanic) und daß für gewöhnlich nur die Männer in den Krieg ziehen. Einen großen Verlust an Männern kann eine Gesellschaft leichter wieder ausgleichen, da der reproduktive Erfolg des einzelnen Mannes sich bei einem Frauenüberschuß erhöhen wird, während die Frauen bei einem Männerüberschuß ungefähr den gleichen Reproduktionserfolg haben.
3.1.1. Das Wahlverhalten der Frau
Frauen überlassen in der Regel den Männern die Initiative bei der Partnerwerbung und verhalten sich eher zurückhaltend und wählerisch. Es gilt für nahezu die gesamte Tierwelt, daß männliche Tiere mit größerer Brutalität um Partner kämpfen, als weibliche Tiere dies tun. Die Tatsache, daß es nicht ein einziges Mal im Laufe der uns bekannten Geschichte vorgekommen ist, daß Frauen einen Kriegszug unternahmen, um Nachbardörfer zu überfallen und Ehemänner zu rauben, zeigt schon ganz deutlich, daß die Paarungsstrategien der Männer häufig aggressiver und brutaler sind als die der Frauen. Ebenso sind bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz oder bei der Vergewaltigung die Täter fast immer Männer und die Opfer fast immer Frauen.
Des weiteren tragen die männlichen Individuen bei vielen Arten ihre Vorzüge gegenüber den Konkurrenten sehr viel stärker zur Schau.
Die Ursache für dieses Verhalten liegt darin, daß eine Frau nur eine begrenzte Anzahl an Kindern zur Welt bringen kann und das Überleben ihrer Gene vom Überleben und Fortpflanzungsverhalten dieser wenigen Kinder abhängt. Deshalb ist es für die Frau besonders wichtig, daß sie für die Zeugung ihrer Kinder den genetisch besten und fürsorglichsten Partner auswählt und somit deren Überlebenschancen erhöht.
Ein weiterer Vorteil dieses Verhaltens ist: Je wählerischer und zurückhaltender eine Frau ist, desto mehr muß sich der Mann bei der Werbung anstrengen, und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß die männlichen Nachkommen bei der Brautwerbung ähnlich gut sind und sich daher erfolgreicher fortpflanzen.
Fisher veröffentlichte 1930 folgende Theorie: Frauen, die solche Männer als Sexualpartner wählen, die für Frauen attraktive Merkmale besitzen, werden im allgemeinen attraktive Söhne haben, vorausgesetzt, das anziehende Merkmal des Mannes ist erblich. Da die Söhne mit diesem Merkmal anziehender als andere Männer sind, werden sie wahrscheinlich auch mehr Paarungspartner erhalten, mehr Nachkommen hinterlassen und so auch die Gene der Frau verbreiten.
Weiterhin ist es für die Frau wichtig, daß der Mann bereit ist, möglichst viel in die Aufzucht des Kindes zu investieren (Schutz, Fürsorge...). Dies liegt aus evolutionärer Sicht daran, daß mit zunehmender Intelligenz und fortschreitender Aufrichtung der Körperhaltung die Schutzbedürftigkeit der Jungen beträchtlich anstieg und sie somit viele Monate lang für Raubtiere ein einfaches, hilfloses Opfer darstellten. Außerdem war das menschliche Gehirn mit zunehmenden Volumen wahrscheinlich stärker auf eine frühzeitige kulturelle Programmierung angewiesen. Kinder mit beiden Elternteilen dürften einen Ausbildungsvorteil gegenüber Kindern "alleinerziehender Mütter" gehabt haben.
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte geht es der Frau bei der Partnerwahl nicht nur um die genetischen Eigenschaften, sondern auch darum, was der Mann zur Kinderaufzucht wird beisteuern können.
Dementsprechend ist das menschliche Partnerwerben im Vergleich zum
Affen sehr komplex und dauert wesentlich länger (zum Teil Wochen und
Monate). Diese Zeit benötigen die Partner aus evolutionärer Sicht,
um sicher zu gehen, daß sie gut zueinander passen, damit sie die
nächsten Jahre miteinander verbringen können, um ihre Nachkommen
großzuziehen.
Der Psychologe David Buss kam bei einer Studie, bei der 10.047 Personen aus 37 Kulturen rund um den Globus über ihre Präferenzen bei der Partnerwahl befragt wurden, zu dem Ergebnis, daß in all diesen Kulturen die Frauen den finanziellen Zukunftsaussichten eines potentiellen Partners mehr Bedeutung beimessen als die Männer. Da in den meisten Gesellschaften die Tendenz besteht, daß Status und Besitz mit steigendem Alter zunehmen, könnten diese Präferenzen eine Ursache dafür sein, daß sich Frauen in allen 37 Kulturen mit Vorliebe für Männer entscheiden, die älter als sie selbst sind.
Umgekehrt suchen die Männer tendenziell nach jüngeren Frauen. Auf die Gründe hierfür werde ich später näher eingehen. Die Grafiken stellen die Abhängigkeiten der Alters-wünsche bei Partnern in der Abhängigkeit vom Netto-einkommen dar. Sie macht deutlich, daß sich Männer mit hohem Status jüngere Partnerinnen suchen, währen dies umgekehrt für Frauen, wie es die untere Abbildung zeigt, nicht zutrifft.
In einer generations-übergreifenden Studie aus den USA bewerteten
Männer und Frauen 18 Charakteristika nach ihrer relativen Erwünschtheit
bei einem Lebensgefährten bzw. Ehepartner. Gute finanzielle Aussichten
auf Seiten des Partners wurden über den Untersuchungszeitraum von
fast 50 Jahren von etwa doppelt so vielen Frauen wie Männern mindestens
mit dem Begriff wichtig bewertet.
Dieses Streben nach Ressourcen kann man auch daran erkennen, daß die Männer, die von Frauen geheiratet werden, durchschnittlich mehr verdienen als die gleichaltrigen Männer, die nicht geheiratet wurden und daran, daß Frauen, die mehr als ihr Ehemann verdienen, doppelt so oft die Scheidung einreichen wie Frauen, deren Mann mehr als sie verdient.
3.1.2. Das Wahlverhalten des Mannes
Männer sind einerseits promiskuitiv wie Männchen von Arten, die sich nicht um ihre Nachkommen kümmern, und lassen sich ohne besonderen Weitblick auf Affären ein. Andererseits ist es für sie sinnvoll, Besonnenheit zu zeigen, wenn es darum geht, eine Partnerin für das Langzeit-Joint-venture der Kinderaufzucht zu finden. Im ersten Fall dürfte das männliche Individuum stärkere sexuelle Appetenz und weniger differenzierte Ansprüche in Bezug auf den Geschlechts-partner mitbringen als das weibliche Individuum; im letzten Fall indessen dürften beide einander mit gleichermaßen kritischer Einstellung begegnen.
Da Männer beide Möglichkeiten der Fortpflanzung haben, ist davon auszugehen, daß sie in der Kennenlernphase entscheiden, ob es sich bei der potentiellen Partnerin eher um eine kurze Affäre oder um eine längerfristige Partnerin handelt. Da bei der Langzeitbeziehung vom Mann eine verhältnismäßig große elterliche Investition eingebracht wird, ist es für ihn aus dem genetischen Aspekt heraus besonders wichtig, daß die Kinder, die er in dieser Beziehung großzieht, von ihm sind. Dies könnte bedeuten, daß eine Frau, die dem Drängen des Mannes nach sexuellem Kontakt zu schnell nachgibt, auch für andere Männer zu leicht zu haben ist, und daher aus Sicht des drängenden Mannes eher zur Affäre als zur "Ehe" taugt. Wenn eine Frau beispielsweise die durch nichts abzustellende Gewohnheit hat, jede Woche mit einem anderen Mann zu schlafen, dann macht die elterliche Investition von der männlichen Seite unter genetischem Aspekt eindeutig keinen Sinn.
Eine Studie von Sprecher et al., in der Studenten nach dem Einfluß des sexuellen Vorlebens einer möglichen Partnerin befragt wurden, kommt zu dem Ergebnis, daß eine Partnerin, die eine geringe sexuelle Aktivität hat, in einer Beziehung als Freundin und Heiratspartnerin am häufigsten erwünscht ist. Frauen mit hoher sexueller Aktivität waren als Heiratspartner eher unerwünscht, wurden aber als Ausgehpartner favorisiert.
Zwar suchen beide Geschlechter im Partner eine generell gute Erbsubstanz, jedoch haben Frauen ihre speziellen Gründe, beim Mann besonders auf dessen Fähigkeit, eine Familie zu versorgen, zu achten, während für Männer bei ihrer Partnerin besonders die Fähigkeit, Kinder zur Welt zu bringen, bedeutsam ist. Letzteres bedeutet unter Anderem, großen Wert auf das Alter einer potentiellen Geschlechtspartnerin zu legen, da die Fruchtbarkeit bis zur Menopause stetig zurück geht. In allen 37 Kulturen, die David Buss untersucht hatte, gaben die Männer jüngeren, die Frauen älteren Partnern den Vorzug. Er geht davon aus, daß die heutigen Männer junge Frauen bevorzugen, weil sie von ihren männlichen Vorfahren eine Präferenz ererbt haben, die sich unbeirrbar auf dieses Indiz des weiblichen Fortpflanzungswertes richtet. Diese in der Psyche verankerte Präferenz wirkt bei der Partnerwahl fort.
Dieses Streben nach einer fortpflanzungsfähigen Partnerin brachte den Mann dazu, gezielt auf Anzeichen zu achten, die Jugend und Gesundheit versprachen.
Symons ist der Ansicht, daß es einen generellen Standart der physischen Attraktivität gibt, bei dem es in erster Linie um Zeichen von Gesundheit und Jugendlichkeit geht, die für den reproduktiven Erfolg einer Paarbindung wichtig sind.
David Buss geht davon aus, das man große Augen und eine kleine Nase als universelle Schönheitsmerkmale der Frau bezeichnen kann. Da mit zunehmendem Alter die Augen kleiner und die Nase größer wirken, sind diese Komponenten der "Schönheit" auch Zeichen für Jugend und damit für Fruchtbarkeit. Frauen hingegen können es sich leisten, hinsichtlich des Aussehens ihrer Partner großzügiger zu sein, da auch ein älterer Mann vermutlich noch fruchtbar ist.
Der Wert der jugendlichen Frau wird auch darin deutlich, daß manche Partnervermittlungsagenturen in ihren Anzeigen damit werben, Frauen bis 45 kostenlos zu vermitteln, bis zu etwa diesem Alter werden sie typischerweise von Männern gesucht, während ältere Frauen schwieriger zu vermitteln sind.
Bei der Untersuchung von 190 Kulturen fanden Ford und Beach sehr große Unterschiede in den Ansichten über menschliche Schönheit. Zum einen gibt es Unterschiede zwischen der verschiedenen Kulturen, zum anderen auch noch historische Veränderungen innerhalb der Kulturen selbst.
Wenn sich unsere Idealmaße auch ändern mögen, so bleiben die idealen Proportionen doch erstaunlich gleich. So ist ein niedriges Taille-Hüfte-Verhältnis (THV) eines der Merkmale, die eine Barbiepuppe mit einer fülligen urzeitlichen Fruchtbarkeitsgöttin gemeinsam hat. Gesunde Frauen im gebärfähigen Alter haben gewöhnlich ein THV von 0,67 bis 0,8 – was bedeutet, daß ihr Taillenumfang, unabhängig von ihrem Gewicht, 67 bis 80 Prozent des Hüftumfanges beträgt. Die meisten Frauen, die sich in diesem Bereich bewegen, sind gesund und können Kinder bekommen. Niederländische Wissenschaftler haben festgestellt, daß schon eine leichte Vergrößerung des THV auf Schwierigkeiten bei der Fortpflanzung hindeuten kann.
Hier zeigt sich also ganz deutlich, daß die Männer unbewußt auf ein Anzeichen von Fruchtbarkeit achten, dessen Bedeutung ihnen im Allgemeinen wahrscheinlich nicht einmal bekannt ist.
In allen von Buss untersuchten Kulturen bevorzugten Männer ein THV von ca. 0,7, hingegen ließ sich keine evolutions- bedingte Vorliebe für eine bestimmte Größe des weiblichen Fettanteils bei Männern ausmachen. Statt dessen weisen sie "eine evolutionsbedingte Präferenz für alle mit dem gesellschaftlichen Ansehen verbundenen Merkmale auf, die natürlich von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind." In Gesellschaften, in denen die Nahrungsmittelversorgung nicht stabil ist und in denen es keine effektiven Speichermöglichkeiten für Nahrungsvorräte gibt, werden beispielsweise dicke Frauen bevorzugt.Mit ihr ist der Fortpflanzungserfolg vermutlich wahrscheinlicher als mit einer weniger gut oder vielleicht mangelhaft ernährten Frau. 1951 fanden die meisten Gesellschaften mollige Frauen attraktiver als Schlanke und bevorzugten eher breite als schmale Hüften. Dies läßt sich vermutlich auf den erlebten Nahrungsmangel während des Krieges zurückführen.
Eine generationsübergreifende Studie, bei der über einen Zeitraum von 50 Jahren untersucht wurde, welchen Wert Männer und Frauen auf bestimmte Eigenschaften des Lebensgefährten legen, hatte unter anderem zum Ergebnis, daß Männer die äußere Attraktivität und das Aussehen des potentiellen Lebenspartners als wichtiger und erwünschter einstufen als Frauen. Weltweit äußern Männer den Wunsch nach attraktiven, jungen Ehefrauen, die ihnen bis ans Lebensende treu bleiben. Diese Präferenzen sind universal verbreitet, und keine einzige Kultur bildet eine Ausnahme.
Bei einer Befragung unter deutschen Studenten konnten sich 73,5 Prozent
der Männer und 52,5 Prozent der Frauen eine/n gutaussehende/n Bummel-studentin/en
als Partner/in vorstellen. Männer verzichten bei der Partnerin also
eindeutig leichter zu Gunsten des Aussehens auf Erfolg.
Die beiden Grafiken zeigen die Alterspräferenzen von Männern und Frauen im Bezug zum eigenen Alter. Sie zeigen, daß es bei Frauen keine gravierenden Verschiebungen bei den Alterswünschen gibt, während bei den Männer im steigendem Alter der Altersunterschied zur Wunschpartnerin immer größer wird.
Aufgrund dieser männlichen Vorlieben neigen Frauen dazu, Männer durch Manipulationen an ihrer physische Erscheinung zu täuschen, während Männer häufiger solche Täuschungsmanöver benutzen, die sich auf falsche Dominanz und falsche Ressourcen beziehen. Es scheint, daß Männer und Frauen gleichermaßen bemüht sind zu zeigen, daß sie genau das besitzen, woran das andere Geschlecht interessiert ist. Dies gibt Anlaß zu der Annahme, daß männliche Selbstdarstellung und Statusorientierung ein Ergebnis weiblicher Selektionskriterien sind.
Diese Grafik zeigt die Rangfolge der beim Partner gewünschten Eigen-schaften von Männer und Frauen. Die Linie mit den weißen Punkten zeigt die männlichen Präferenzen, die mit den schwarzen die weiblichen. Es ist deutlich zu erkennen, daß Frauen im Allgemeinen mehr Wert auf den Status, Männer mehr Wert auf die äußere Attraktivität des potentiellen Partners legen.
Ein unattraktiver Mann, der mit einer attraktiven Frau verheiratet ist, wird als intelligent, gebildet und beruflich erfolgreich beurteilt. Eine Frau hingegen gewinnt nicht durch die Attraktivität ihres Mannes.
Sobald Investment eine Rolle spielt und ein Paar mit genügend hohem väterlichen Investment mehr Nachwuchs aufziehen kann als andere, werden für beide Geschlechter auch solche Kriterien wichtig, die die Fähigkeit für eine langandauernde Beziehung anzeigen.
Männer, die es versäumten, auf diese einen hohen Reproduktionswert signalisierenden Qualitäten zu achten – Männer also, die Frauen mit grauen Haaren heirateten, deren Haut nicht mehr faltenlos und fest war -, müssen weniger Nachwuchs hinterlassen haben, und ihre Linie muß schließlich ausgestorben sein. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es nicht immer wieder Männer gibt, die sich in ältere Frauen verlieben.
Stroebe et al. stellte bei Partnervermittlungsagenturen fest, daß sowohl Frauen als auch Männer bei der Auswahl von potentiellen Partnern Personen aussuchen, deren Attraktivität in etwa der eigenen entspricht. Wenn man Männern jedoch in einem Experiment die Verabredung garantiert und eine Ablehnung ausschließt, dann wählen sie solche Partnerinnen aus, die die höchste Attraktivität besitzen.
Im Vergleich zu vielen Tieren, deren sexuelles Handeln sich auf eine relativ kurze Zeit des Jahres beschränkt, können sich Menschen das ganze Jahr über paaren. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Frau nun befruchtungsfähig ist oder nicht.
Besonders stark hat sich während der Entwicklung des Menschen das Sexualverhalten der Frau verändert. Sie besitzt die Fähigkeit zu einem intensiven Orgasmus, wie er in dieser Art bei keiner Affenart vorkommt.
Der Sexualakt selbst hat sich vom sachlich schnellen Aufsteigen, Ejakulieren und Absteigen beim Affen zu einem langen, ausgedehnten Liebesspiel beim Menschen entwickelt. Diese intensive, gemeinsam erlebte Lust trägt entscheidend zur Paarfestigung bei und sorgt dafür, daß sich Mann und Frau regelmäßig paaren.
Im Gegensatz zu Affen, bei denen sich der Eisprung durch Anschwellen der Genitalien oder Änderung des Geruches oder des Verhaltens ankündigt, ist es der Menschenfrau gelungen, ihre fruchtbaren Tage zu verschleiern (heimliche, bzw. kryptische Ovulation). Dies hat zur Folge, daß Frauen nicht nur zur Zeit des Eisprungs Anziehungskraft auf Männer ausüben, sondern während ihres gesamten Ovulationszyklus.
Diese heimliche Ovulation hatte zur Folge, daß die Männer sich nicht mehr der Vaterschaft sicher sein konnten, da die Zeiträume, in denen sie die Frauen kontrollieren müßten, zu ausgedehnt wären. Laut Alexander und Noonan war die profitabelste Lösung dieses Problems die Paarbindung, da mehrfacher sexueller Verkehr während des ganzen Ovulationszyklus die Chancen der Vaterschaft erhöht.
Im Gegensatz zu dieser Annahme gehen Benshof und Thornhill davon aus, daß sich der verborgene Östrus deshalb entwickelt habe, um der Frau die Möglichkeit zu geben, ihren Mann erfolgreich zu betrügen.
Robert Wright schreibt in seinem Buch "Diesseits von gut und böse", daß man nicht uneingeschränkt davon ausgehen kann, daß Männer und Frauen für eine dauerhafte Bindung geschaffen sind. Jedoch sind in allen der ethnologischen Forschung bekannt gewordenen Kulturen die - monogame oder polygame, dauerhafte oder temporäre - Ehe die Norm.
Für den Mann scheint es genetisch ein Vorteil zu sein, seine Nachkommen zu schützen, zu versorgen und zu erziehen. Einer der Gründe hierfür ist die Schutzbedürftigkeit des Nachwuchses. Mit der typisch männlichen Sexualstrategie, dem Umherstreifen, alles zu verführen, was verführenswert erscheint, und sich anschließend aus dem Staub zu machen, ist den männlichen Genen wenig gedient, wenn der daraus resultierende Nachwuchs aufgefressen wird.
Der Verhaltensforscher Desmond Morris geht davon aus, daß die Paarbindung dem Menschen angeboren ist und sich auf die im Folgenden beschriebene Weise langsam entwickelt hat.
Die Paarbindung brachte dem Menschen neben den Vorteilen bei der Kinderaufzucht auch die Möglichkeit, daß die Männer kooperationsfähig sein konnten, um größere Beutetiere erlegen zu können. Dies war nur möglich, wenn jeder Mann seine eigene Frau hatte und sich daher nicht ständig im Konflikt mit anderen Stammesgenossen befand. Die Rivalität der Männer um die Frauen, die durch einen Mangel an Frauen forciert wird, und die damit verbundene Investition von Zeit und Energie in die Partnerwerbung, scheint ein zentrales Motiv zur Entwicklung monogamer Bindungen darzustellen.
Im Zusammenhang mit der reduzierten Konkurrenz um bereits vergebene Frauen baut die Monogamie durch Klärung der Verhältnisse uneingeschränkte Rivalitäten ab. Sie fördert derart die Entspannung sowie die Harmonie und schafft so die Basis für die Kooperation der Individuen in größeren Gruppen.
Für die Frauen bedeutete die Paarbindung unter anderem, daß die Männer mit der Jagdbeute ins Lager zurückkehrten und sie mit ihnen teilten. Aufgrund dieser und weiterer Vorteile wurde die Monogamie zur Norm. Unsere urzeitlichen Vorfahren entwickelten das biologische Bedürfnis, sich zu Paaren zusammenzutun und sich gemeinsam um die Aufzucht der Kinder zu kümmern.
Buss geht davon aus, daß Frauen im Laufe der Entwicklungsgeschichte mittels eines festen Ehepartners oft sehr viel mehr Ressourcen für sich und ihre Kinder erwerben konnten als durch eine Reihe kurzfristiger Sexualpartner.
Wenn die Paarbindung für den Menschen so wichtig ist, dann stellt sich natürlich die Frage, wozu der Mensch, der doch anscheinend darauf angelegt ist, den Partner zu lieben und ihm treu zu bleiben, derart aufwendige Hochzeitszeremonien braucht, und warum es so viele Dreiecksbeziehungen, Ehebrüche, Trennungen und Scheidungen gibt. Da es die wichtigste Funktion der Paarbindung ist, die elterliche Fürsorge und den elterlichen Schutz der Kinder zu verdoppeln, müßte sie im Idealfall vollständig und lang anhaltend sein. Falls die Paarbindung reißt, ist die heranwachsende Generation bedroht.
3.3.1. Der Seitensprung oder die "Sollbruchstelle"
Nach der Definition sind die meisten Kopulationen bei monogamen Arten Intrapaarkopulationen. Es gibt jedoch, laut Mock und Fudjioka, als universelles Merkmal Extrapaarkopulationen ("Fremdgehen"), auf die sich beide Geschlechter von monogamen Arten von Zeit zu Zeit einlassen.
Die westlichen Gesellschaften stellen keinen Ausnahmefall dar, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, es kommt überall zum Ehebruch. Es gibt keine Kultur, in der Ehebruch unbekannt ist, keine kulturelle Einrichtung und keinen Sittenkodex, die außereheliche sexuelle Aktivitäten wirksam unterbinden. Deborah Blum behauptet sogar, daß es bei keiner existierenden Art Monogamie im Sinne von absoluter Treue gibt.
In einer vergleichenden Studie zum kurz- und langfristigen Paarungsverhalten wurden amerikanische Studenten und Studentinnen aufgefordert, die nach ihren Vorstellungen ideale Anzahl von Partnern für einen bestimmten Zeitraum zu nennen. In jedem gewählten Zeitraum erstreckte sich das Begehren der Männer auf eine deutlich größere Zahl als das der Frauen. Männer wünschten sich z.B. durchschnittlich mehr als sechs Partner innerhalb des nächsten Jahres, während Frauen nicht mehr als einen wollten.
In einer Studie von Sigusch und Schmidt an deutschen Arbeitern gaben 46 Prozent der verheirateten Männer, aber nur sechs Prozent der Frauen an, daß sie die Gelegenheit nutzen würden, falls ein attraktiver Partner für ein unverbindliches Abenteuer zu haben wäre.
Da das Verhältnis Männer zu Frauen im großen und ganzen eins zu eins beträgt, muß bei Heterosexuellen die Anzahl der durchschnittlichen Intimkontakte bei beiden Geschlechtern gleich groß sein. Bei allen Befragungen zum Thema Partnerzahl und Partnerwechsel, Treue und Untreue zeigt sich in Deutschland jedoch kurioserweise, daß Männer sich im Schnitt an zwei- bis dreimal so viele Intimkontakte erinnern wie Frauen. Dies deutet darauf hin, daß Männer gerne mit ihren Eroberungen angeben, während Frauen dazu neigen, solche Kontakte zu verheimlichen. (Siehe dazu auch das Kapitel "Doppelmoral"(4.1))
Wie lassen sich die leidenschaftliche Affäre und der schnelle Seitensprung biologisch erklären?
Morris ist der Meinung, daß die Natur keinen gesunden, vermehrungsfähigen Erwachsenen verschwenden will, dessen Partner z.B. getötet wurde. Deshalb werden Männer und Frauen nicht unwiderruflich auf einen bestimmten Partner geprägt. Aufgrund dieser Flexibilität besteht immer die Gefahr, daß einer der Partner eine außereheliche Beziehung eingeht und damit die Aufzucht der Jungen gefährdet.
Nach der Auffassung der meisten Evolutionspsychologen wirken beim Seitensprung, ähnlich wie bei der Partnerwahl, bei Mann und Frau verschiedenartige Motive, die zu unterschiedlichen Strategien führen.
3.3.1.1. Der Seitensprung des Mannes
Laut einer Studie von Hunt waren 41 Prozent der Männer ihrer langjährigen Partnerin wenigstens einmal untreu.
Eine mögliche Erklärung bietet der britische Genetiker A.J. Bateman an, er stellte bei Versuchen an Taufliegen fest, daß fast alle Weibchen ungefähr die gleiche Zahl von Nachkommen hatten, gleichgültig, ob sie sich mit einem oder mehreren Männchen gepaart hatten, während die Anzahl der Nachkommen der Männchen mit der Anzahl der Weibchen, mit denen es sich paarte, anstieg. Dies bedeutet, daß wahllose sexuelle Appetenz beim Männchen, und nur bei ihm, von der natürlichen Selektion gefördert wird.
Beim Menschen geht man davon aus, daß es dem Mann genetische Vorteile bringt, wenn er neben der Paarbeziehung gelegentliche Seitensprünge begeht, vorausgesetzt, diese flüchtigen Seitensprünge beeinträchtigen seine Rolle innerhalb der Paarbeziehung nicht.
Damit bedient sich der Mann einer Kombination der zwei grundlegenden Sexualstrategien der Tierwelt:
1. Die Massenmethode zielt darauf ab, so viele Jungen wie
möglich zu zeugen und die Nachkommenschaft so weit wie
möglich zu streuen. Ein solches Männchen interessiert
sich nicht für seinen Nachwuchs und überläßt die
Aufzucht dem Weibchen oder dem Zufall.
2. Die Qualitätsmethode läuft darauf hinaus, nur sehr
wenige Junge zu zeugen, ihnen dafür aber die
größtmögliche Fürsorge zu geben.
Die Doppelstrategie des Mannes besteht also zum einen darin, innerhalb einer Paarbeziehung Kinder zu zeugen und ihnen mit aller väterlichen Sorgfalt Schutz und Fürsorge zu gewähren. Zum andern kann der Mann parallel einen Seitensprung mit einer anderen Frau eingehen, die eventuell schwanger wird und das Kind alleine oder mit Hilfe eines neuen Partners aufziehen muß. Dem Mann ist es durch diese Doppelstrategie gelungen, mehr von seinem Erbgut an die nächste Generation weiterzugeben.
Da sich die Mischung aus beiden Varianten bewährte, entstand als Prototyp der bindungsfähige Mann mit einer Schwäche für den Seitensprung. Die Gefahr dieser Doppelstrategie besteht darin, daß das sexuelle Erleben eine gefühlsmäßige Zuneigung schafft und so aus der flüchtigen Affäre eine Konkurrenzbeziehung zur eigentlichen Paarbeziehung wird.
Diese Gefahr versuchen manche Männer zu vermeiden, indem sie die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen.
Daraus folgt, daß die natürliche Selektion zum einen männliche Individuen begünstigt, die sich brillant darauf verstehen, Frauen durch vorgetäuschtes Interesse ein Kind anzuhängen, und zum anderen weibliche Individuen begünstigt, die unaufrichtige Freier am Besten durchschauen.
Laut Trivers ist es eine der wirksamsten Methoden, um einen Anderen zu täuschen, selbst zu glauben, was man sagt. Dies kann bedeuten, daß Männer zu Beginn einer Beziehung über beide Ohren verliebt sind, aber schon nach einigen Monaten intimer Beziehung kein großes Interesse mehr an der Frau haben.
Der Tausendfüßler Scutigerella stellt ein kennzeichnendes Beispiel für männliche Täuschungsmanöver in der Tierwelt dar. Die Männchen dieser Gattung locken die Weibchen mittels Ei-Attrappen, die sie auf ihrer Afterflosse tragen an, um ihnen, sobald sie diese vorgetäuschten Eier umfassen, ins Maul zu ejakulieren, in das diese nämlich ihre Eier zum Ausbrüten nehmen.
Einen weiteren Hinweis für die bedeutende Rolle, die Gelegenheitssex im Repertoire des männlichen Sexualverhaltens spielt, bieten Studien über das Sexualverhalten von Homosexuellen. Donald Symons geht davon aus, daß sich Homosexualität unter Männern frei von typisch weiblichen Auflagen wie Romantik, persönlichem Engagement und Bindungsbereitschaft entfalten kann. Das gleiche gilt umgekehrt von der lesbischen Liebe der Frauen, die nicht von den Forderungen und Diktaten der Männer beeinflußt wird. Daher bietet das Sexualverhalten von Homosexuellen einen Einblick auf das Verhalten von Männern und Frauen, ohne das dieses durch Kompromisse mit der Sexualstrategie des anderen Geschlechts verzerrt wurde. Die häufigste Manifestation männlicher Homosexualität ist Gelegenheitssex unter Fremden. Viele homosexuelle Männer durchstreifen Nachtbars, Parkanlagen oder öffentliche Toiletten, wenn sie schnellen Sex wollen, Lesbierinnen tun das nur selten. Während Schwule häufig nach neuen Partnern suchen, sind Lesbierinnen viel eher auf eine intime, dauerhafte und verpflichtende Beziehung aus. Laut einer Studie von Saghir und Robins hatten 94 Prozent aller Schwulen mehr als 15 Sexualpartner, während dies nur auf 15 Prozent der Lesbierinnen zutraf. Eine ausgedehnte Untersuchung von Kinsey ergab, daß annähernd 50 Prozent der homosexuellen Männer in San Francisco über 500 Sexpartner gehabt hatten. Symons geht davon aus, daß heterosexuelle Männer mit gleicher Wahrscheinlichkeit wie die homosexuellen sehr häufig mit fremden Personen sexuell verkehren, an anonymen Orgien in öffentlichen Bädern teilnehmen oder in öffentlichen Toiletten zum Fünf-Minuten-Fellatio einkehren würden, wenn die Frauen an solchem Treiben interessiert wären.
3.3.1.1.1 Physiologische Belege für eine polygyne
Veranlagung des Mannes:
Bei Arten mit stark ausgeprägter Polygynie (z.B. bei den Gorillas oder den See-Elefanten), wo es für das Männchen darauf ankommt, mehrere Weibchen zu monopolisieren, ist es von immensem evolutionärem Wert, ein großes, kräftiges Männchen zu sein, daß sich gegenüber seinen Geschlechtsgenossen durchzusetzen vermag und nicht von der Fortpflanzung ausgeschlossen wird. Bei monogamen Arten, bei denen kleine Männchen genauso reich an Nachkommen sind wie große, ist kaum ein Geschlechtsdimorphismus (z.B. kein Größenunterschied) festzustellen. Daraus läßt sich schließen, daß Geschlechtsdimorphismus ein Maßstab für die sexuelle Selektion unter den männlichen Individuen ist und deren Intensität einen Gradmesser dafür darstellt, wie polygyn eine Art ist. Laut Alexander belegt die Spezies Mensch auf der Skala des Geschlechtsdimorphismus der Arten einen Platz, der sie als leicht polygyn einstuft.
3.3.1.2. Der Seitensprung der Frau
Laut einer Studie von Hunt waren 18 Prozent der Frauen ihren langjährigen Partnern wenigstens einmal untreu.
Essock-Vitale/ McGuire kamen anhand von Interviews von 300 verheirateten Frauen zu dem Ergebnis, daß die Anzahl der Sexualpartner sehr stark variiert. Der Mittelwert liegt etwa bei 8,8 Sexualpartnern pro Frau, wobei der Anteil an außerehelichen Affären 23 Prozent beträgt.
Blutuntersuchungen an 1000 Neugeborenen, die in den 40er Jahren unter einem Vorwand durchgeführt wurden, zeigten, daß rund 10 Prozent der Kinder ein Produkt von Seitensprüngen waren.
Die Situation der Frau ist grundlegend anders als die des Mannes; da der Mann ihr ohne Schwierigkeiten so viele Kinder zeugen kann, wie sie gebären und großziehen kann, scheint es für sie sinnlos zu sein, sich mit fremden Männern einzulassen und dadurch den Zusammenbruch ihrer intakten Familie und den damit verbundenen Verlust der männlichen Investition zu riskieren.
In der Reedbook-Studie wurde deutlich, daß Frauen, die außer Haus einer Arbeit nachgehen, mit größerer Wahrscheinlichkeit außereheliche Sexualaffären haben. Von den Hausfrauen hatten 27 Prozent außereheliche Sexualerlebnisse, während 47 Prozent der Ehefrauen mit Teilzeitbeschäftigungen oder ganztägiger Arbeit außerhalb des Hauses sexuellen Fremdverkehr hatten. Eine der Ursachen für diesen Unterschied könnten darin liegen, daß Frauen, die außer Haus arbeiten, in finanzieller Hinsicht unabhängiger von ihrem Ehemann sind.
Einer der Gründe für die Untreue der Frau (oder für "Geschlechtsverkehr außerhalb der Paarbeziehung", wie die Biologen es wertfrei formulieren) könnte in einem Ressourcengewinn liegen. Das heißt, wenn das weibliche Individuum es versteht, sich die Bereitschaft zu sexuellem Kontakt honorieren zu lassen, dann gilt die simple Rechnung: Je mehr Geschlechtspartner, desto mehr Geschenke. Bei den nächsten Verwandten des Menschen, den Bonobos, lassen sich die Weibchen oft mit einem Stück Fleisch paarungsbereit stimmen. Bei dieser Strategie könnte der verschleierte Zeitpunkt des Eisprungs dazu dienen, die Zeitspanne, während der eine Frau Ressourcen ergattern kann, zu verlängern.
Eine vergleichende Studie zum kurzfristigen und auf Dauer gerichteten Paarungsverhalten ergab, daß Frauen insbesonders folgende Eigenschaften an ihren Geliebten höher bewerten als an dem Mann, mit dem sie eine feste Bindung eingehen wollen:
Er soll von Anfang an Geschenke machen
einen extravaganten Lebensstil zeigen
und großzügig über seine Mittel verfügen.
Ein weiteres Motiv für eine Frau, mit mehr als einem Mann zu verkehren, und ein weiterer Vorteil der heimlichen Ovulation ist die sich damit bietende Möglichkeit, jedem einzelnen der Männer den Glauben zu geben, daß er der Vater des Kindes sein könnte. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, daß die Männer dem Kind gegenüber freundlich gestimmt sind und ihm zumindest ein begrenztes Maß an Schutz und Fürsorge zukommen lassen.
Einer weiterer Grund, aus dem Frauen ihre Paarbindung aufs Spiel setzen, könnte damit zu tun haben, daß sie aus beiden Beziehungen das Beste mitzunehmen wollen (Aus-beiden-Sphären-das-Beste-Theorie). Intuitiv suchen sie als Ernährer liebevolle und fürsorgliche Männer, die auch bereit sind, etwas in den Nachwuchs zu investieren, aus und gegebenenfalls (falls der Ernährer nicht die nötigen Eigenschaften hat) einen Liebhaber, der jedoch andere Qualitäten bieten muß, zum Beispiel einen gesunden und starken Körper, außergewöhnliche Intelligenz, hohen Status oder einfach Jugendlichkeit.
Ohne sich dessen bewußt zu sein, bevorzugen untreue Ehefrauen die Gene des Liebhabers auf zweifache Weise. Zum einen schlafen sie mit ihren Liebhabern besonders häufig dann, wenn sie ihren Eisprung haben, und zum anderen zeigen sie dabei eine Orgasmusstruktur, die die Chancen einer Empfängnis verbessert. Dies legt den Schluß nahe, daß sie sich von ihrem heimlichen Liebhabern häufig nicht nur Ressourcen versprechen, sondern daß es vielmehr die biologische Funktion des Seitensprungs ist, mit den "besseren" Genen des Liebhabers ein Kind zu zeugen.
Eine weitere Hypothese besagt, daß das Fremdgehen bei Frauen die Funktion hat, einen Partnerwechsel vorzubereiten. Eine Untersuchung ergab, daß Frauen meistens dann Affären beginnen, wenn sie sich in ihrer aktuellen Beziehung unzufrieden fühlen; Männer, die fremdgehen, sind dagegen in ihrer Ehe nicht unglücklicher als jene, die nicht fremdgehen. Nach dieser Theorie tendiert die Frau eher zu serieller Monogamie, da sie nicht wirklich mehrere Partner gleichzeitig haben möchte, während der Mann ein typisch polygames Verhalten zeigt.
3.3.1.2.1. Physiologische Belege für eine polyandriesche
Veranlagung der Frau:
Laut Harcourt kann man von dem Verhältnis zwischen durchschnittlichem Hodengewicht und durchschnittlichem männlichem Körpergewicht auf das Fortpflanzungsverhalten einer Spezies schließen. Bei Schimpansen (2,70/00) und anderen Arten mit hohem relativen Hodengewicht besteht ein polyandrisches Fortpflanzungssystem. Arten mit einem niedrigem relativen Hodengewicht sind entweder monogam (wie z.B. die Gibbons) oder polygyn (wie z.B. die Gorillas 0,20/00).
Das relative Hodengewicht des Menschen (0,60/00)liegt deutlich näher bei dem des Gorillas. Hieraus läßt sich schließen, daß der Mann im Laufe der Evolution nur eine eher geringe Menge an Spermienkokurrenz hatte, jedoch auch nicht ganz frei davon war.
Ein weiteres physiologisches Indiz weiblicher Untreue liegt in der variablen Spermiendichte des Mannes. Baker und Bellis haben festgestellt, daß die Zahl der Spermien in hohem Maß von der Zahl der Stunden abhängt, die die Ehefrau in letzter Zeit außerhalb des Gesichtskreises des Ehemanns verbracht hat.
Dies bedeutet, wenn zwei Ehemänner zwischen den sexuellen Kontakten mit ihren Ehefrauen die gleiche Zeit verstreichen lassen, dann bildet derjenige, der sich in der Nähe der Frau aufhält, eine kleinere Anzahl an Spermien als derjenige, der in dieser Zeit z.B. verreist war. Die Tatsache, daß die natürliche Selektion eine so clevere Waffe konstruiert hat, ist ein Indiz dafür, daß diese Waffe auch benötigt wird.
Aus den Stammesmenschen wurden Stadtbewohner, die jedesmal, wenn sie den Fuß vor die Tür setzen, bei der Arbeit, auf der Straße oder beim Einkaufen, attraktiven fremden Mitgliedern des anderen Geschlechts begegnen, die ständig sexuelle Signale aussenden und damit die Paarbindungen einem enormen Druck aussetzen.
Laut Erich Witte sind fremde Personen besonders attraktiv, denn aus biologischer Sicht ist die Liebe zu einem fremden Partner der einzige Weg, Inzucht zu vermeiden.
"Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie im Charakter und im Benehmen eines Menschen zu fehlen scheint, ist der Schluß gerechtfertigt, daß sie einer starken Verdrängung erlegen ist und darum im unbewußten Seelenleben eine um so größere Rolle spielt.
Eifersucht ist ein psychologischen Phänomen, das teilweise auf biologische Ursachen zurückzuführen ist. Eine Theorie besagt, daß das Fühlen evolutionsgeschichtlich älter als das Denken ist. Das höhere Alter und die dementsprechende Fundierung der Gefühle könnte deren Durchsetzungskraft insbesondere gegenüber des Denkens erklären. Vielleicht hat sich das, was wir heute als Gefühle bezeichnen, aus den Instinkten unserer Vorfahren entwickelt.
Bei der Frage, ob man dem potentiellen Partner vertrauen kann, dürften sich bei Mann und Frau die Urteilskriterien unterscheiden, denn seine Gene sind durch eine andere Art von Treuebruch gefährdet als die ihren. Die natürliche Besorgnis der Frau gilt der Möglichkeit, daß der Mann seine Investition in die Aufzucht der Nachkommen reduziert oder einstellt, die Besorgnis des Mannes gilt der Möglichkeit, daß er falsch investieren könnte, denn die Kinder eines anderen aufzuziehen, bringt seinen Genen keine Vorteile.
David Buss stellte bei Untersuchungen fest, daß 60 Prozent der männlichen Versuchspersonen es schlimmer fanden, sich ihre Frau bei der sexueller Untreue vorzustellen, als die Vorstellung aufkeimender, tiefer, emotionaler Zuneigung zu einem anderen. Hingegen störten sich 83 Prozent der Frauen stärker an der emotionalen als an der rein sexuellen Untreue ihres Partners.
Frauen empfinden die sexuelle Untreue ihres Mannes häufig als Schock, auf den sie heftig reagieren, aber die Folge ist häufig eine Langzeit-Kampagne zur Selbstaufwertung (Abmagerungsdiät, Make-up und Rückeroberungsstrategien).
Obwohl die Logik der männlichen Eifersucht in unserer Zeit überholt ist und die Frau heutzutage, dank empfängnisverhütender Mittel, ihren Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr in die Lage bringt, als gutmütiger Trottel zwanzig Jahre lang das Kind eines anderen zu behüten, reagieren Männer auf Untreue gerne mit Wut, und selbst nachdem sie sich gelegt hat, fällt es ihnen oft schwer, eine Fortsetzung der Lebensgemeinschaft mit der Frau in Erwägung zuziehen, die sie betrogen hat.
Bei Untersuchungen über die Rolle, die außerehelicher Geschlechtsverkehr bei Scheidungen spielte, gaben etwa 51 Prozent der Männer diesen als einen der Hauptursachen an. Im Gegensatz dazu sahen nur 27 Prozent der Frauen in der außerehelichen Betätigung ihrer Ehemänner einen triftigen Scheidungsgrund.
Menschen leiden selbst in solchen Kulturen unter Eifersucht, in denen Seitensprünge erlaubt und an der Tagesordnung sind. Ein Eskimo mag zwar aus Gastfreundschaft einem Fremden seine Frau als Bettgenossin anbieten, er würde jedoch dann eifersüchtig werden, wenn seine Frau den Wunsch nach dem sexuellen Kontakt mit dem Gast äußert. Männer reagieren auf sexuelle Untreue möglicherweise deshalb heftiger als auf emotionale, weil sie sich in der Sexualität selbst mehr unter Leistungsdruck setzen und ihnen die Untreue der Partnerin mangelnde Leistung im Bett signalisiert.
Selbst die Revolutionäre der Kommunen Ende der 60er Jahre, die ihre Beziehungen zur "eifersuchtsfreien Zone" erklärten, fanden sich in den meisten Fällen früher oder später in "stinknormalen" Zweierbeziehungen wieder.
Bei einer Studie, bei der 67 Charakteristika daraufhin bewertet wurden, ob sie in einer dauerhaften Beziehung erwünscht oder unerwünscht sind, kamen bei den amerikanischen Männern Treue und sexuelle Loyalität auf den ersten Platz, während Untreue die am wenigsten erwünschte Eigenschaft war.
Dies ist wohl auch die Ursache für so drastische Ausuferungen wie Keuschheitsgürtel und die "pharaonische Beschneidung". Der im 15. und 16. Jahrhundert in ganz Europa mehr oder minder verbreitete Keuschheitsgürtel stellt ein bezeichnendes Symbol für den beachtlichen Aufwand dar, den abwesende Männer betrieben, um ihre Frauen unter Kontrolle zu halten.
Der Keuschheitsgürtel wurde im Jahre 1395 erfunden und bis nach 1600 verwendet. In Deutschland wurde immerhin noch im Jahre 1903 ein Patent für einen Keuschheitsgürtel erteilt.
In manchen Fällen kann heftige Eifersucht pathologische Formen annehmen, die über das Ziel, die Verhinderung von Untreue und die Sicherung der Elternschaft, hinausschießen.
Hierbei neigen eifersüchtige Männer ganz offensichtlich zu gefährlicheren Reaktionen als Frauen. Laut Kriminalstatistik haben im Jahr 1993 114 Männer und im Vergleich dazu "nur" 22 Frauen aus Eifersucht einen Mord begannen. Meist handelt es sich um paradoxe Verzweiflungsakte: Der Mann tötet seine Frau, weil er sie nicht verlieren will.(à Othello)
Ein beachtlicher Teil der Tötungsdelikte lassen sich kulturenübergreifend auf sexuelle Eifersucht zurückführen und werden teilweise sogar noch heute gesetzlich toleriert. So war es noch bis 1974 in Texas rechtlich zulässig, daß ein Ehemann seine Frau und ihren Liebhaber umbrachte, wenn er sie beim Geschlechtsverkehr überraschte.
3.3.2. Scheidung bzw. Trennung
Wenn man moderne Ehen bzw. Paarbeziehungen einmal näher betrachtet, stellt man fest, daß trotz des Versprechens ewiger Liebe und Treue ein großer Prozentsatz der Paare an Ehestreitigkeiten scheitert. Während die Zahl der Eheschließungen seit 1960 in Hessen um ca. 25% zurück ging, ist die Scheidungsrate im gleichen Zeitraum um ca. 220% gestiegen.
In Deutschland geht bereits jede dritte Ehe in die Brüche, in Großstädten und Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet bereits jede zweite. Eine Umfrage der Universität Kiel ergab, daß 52 Prozent der Frauen ihren Angetrauten im sechsten Ehejahr nicht wieder heiraten würden.
In den USA hat sich die Scheidungsrate von 1966 bis 1978 verdoppelt, während von 1970 bis 1990 die Zahl der unverheirateten Paare von einer halben auf fast drei Millionen anstieg.
Trotz dieser desillusionierenden Zahlen träumen 85 Prozent der Heranwachsenden von lebenslanger Zweisamkeit, und fast 65 Prozent wollen sogar heiraten.
Dies wird auch daran deutlich, daß trotz steigender Scheidungszahlen die Zahl der nie verheirateten Amerikaner/innen 1989 mit 10 Prozent nahezu ebenso hoch lag wie 1890.
Es stellt sich nun die Frage, ob dieses Verhalten biologisch durch eine angeborene Tendenz zur Polygamie bedingt ist, oder ob kulturelle und psychologische Aspekte diesen Trend gegen die Ehe ausgelöst haben. Dabei lassen sich diese einzelnen Aspekte allerdings kaum abgrenzen, da sie sich gegenseitig beeinflussen.
Die männliche Vorliebe für schöne, junge Frauen wird ebensowenig durch das Jawort ausgelöscht, wie das weibliche Interesse am Status und Prestige anderer Männer. Daher verwundert es nicht, daß die häufigste genannte Scheidungsursache der Ehebruch ist.
Im durchschnittlichen Fall dürfte sich die Versuchung zum Abtrünnigwerden mit zunehmender Dauer einer Beziehung mehr und mehr auf die Seite des Manns verlagern. Eine der möglichen Ursachen ist, daß er im Prinzip eine 18jährige, die noch 25 Jahre Fortpflanzungsfähigkeit hat, als neue Partnerin finden kann. Hingegen kann kein neuer Partner der Ehefrau 25 Jahre Reproduktionsfähigkeit oder etwas von entsprechendem Wert verschaffen.
Ein mittelloser Ehemann mit niedrigem sozialen Status hat womöglich wenig Chancen, seiner Frau abtrünnig zu werden, er gibt dafür unter Umständen ihr Anlaß, ihm untreu zu werden. Dagegen verstärkt sich für den Ehemann, der sozial und ökonomisch aufsteigt, der Anreiz zu Untreue und Trennung, während sich der Anreiz im gleichen Zug für die Frau abschwächt.
In vielen traditionellen Gesellschaften (!Kung, Aboriginis, Gainj Neuguineas, u.a.) werden Kinder ca. bis zum vierten Lebensjahr gestillt und bekommen die Brust als Schnuller. Durch diesen ständigen Körperkontakt und der Stimulation der Brustwarzen sollen (laut Cohen, Hasan, Lee u.a.) der Eisprung und damit die Empfängnisbereitschaft im Anschluß an die Geburt ca. drei Jahre lang ausbleiben. In diesen Gesellschaften folgen die Geburten in der Regel in vierjährigem Abstand aufeinander. Boné stellt das systematische Stillen als den Hauptfaktor dar, der den Zeitraum zwischen den Geburten vergrößert.
Weiterhin berichten stillende Mütter häufig von einem Nachlassen des Geschlechtstriebs.
Dieses natürliche Verhütungsmittel könnte zum einen dafür sorgen, daß ein Paar nicht durch zu schnell hintereinander folgende Geburten überlastet wird, oder zum anderen den Partnern nach vier Jahren, wenn das Kind aus den ersten Schwierigkeiten heraus ist, die Möglichkeit der Trennung geben.
Dies ist aber auch nicht allgemeingültig. Die Grafik zeigt, daß beispielsweise in Hessen die meisten Ehen nach sechs Ehejahren geschie-den werden. Dies steht im Widerspruch zu anderen Industrieländern (z.B. Finnland und den USA), in denen die meisten Scheidungen nach vier Ehejahren eingereicht werden.
In den USA ist das Scheidungsrisiko bei Männern und Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren am größten und wird mit vorrückendem Alter immer geringer. 80 Prozent der geschiedenen Männer und 75 Prozent der geschiedenen Frauen suchen sich einen neuen Ehepartner.
Eine Studie (1992, Buehlman, Gottman und Katz) brachte zum Vorschein, daß unter allen Faktoren, die auf eine Scheidung hindeuten, die Unzufriedenheit des Ehemanns mit der Ehe der zuverlässigste ist. Dies könnte, so Charmie und Nsuly, größtenteils damit zusammenhängen, daß Männer nach einer Scheidung mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit wieder heiraten als Frauen. Das heißt, daß sich Männer aus Sicht der Fortpflanzung (und anderer emotionaler, materieller Vorteile einer neuen Ehe) nach einer Scheidung in einer wesentlich besseren Situation wiederfinden als ihre Ehefrauen.
In der Umwelt unserer Urahnen war der Mann, wenn er sich eine neue Frau nahm, nicht unbedingt gezwungen, sich von seiner bisherigen zu trennen. Aus darwinistischer Sicht gab es auch keinen vernünftigen Grund zur Trennung, denn so konnte er seinen Nachkommen weiterhin mit Schutz und Fürsorge zur Seite stehen. Eine Theorie besagt daher, daß Männer, falls es Status, Attraktivität und die finanzielle Situation erlauben, daraufhin angelegt sind, rechtzeitig (spätestens dann, wenn die bisherige Ehefrau nicht mehr fortpflanzungsfähig ist) auf Polygynie umzusteigen. In der heutigen modernen Gesellschaft mit ihrer institutionalisierten Monogamie könnte sich dieser Impuls zur Polygynie in der Scheidungsrate widerspiegeln.
Eine weitere Theorie in Sachen Scheidungsrate geht davon aus, daß Kinderlosigkeit eine der wichtigsten Scheidungsursachen ist. Dabei geht man davon aus, daß, wenn zwei Menschen in der menschlichen Entwicklungsgeschichte über einen längeren Zeitraum miteinander sexuellen Kontakt hatten und dabei keinen Nachwuchs produzierten, mangels sicherer Verhütungsmittel alles dafür sprach, daß mindestens einer von beiden unfruchtbar war, und beide nicht viel zu verlieren hatten, wenn sie sich trennten und es mit einem neuen Geschlechtspartner noch einmal versuchten. Dies könnte ein mentaler "Partnerabstoßungsmechanismus" sein, der bei Frauen wie bei Männern zu einer Verbitterung über den Partner führt, wenn über lange Zeit ausgeübter Geschlechtsverkehr ergebnislos bleibt. Kinder festigen die eheliche Bindung und senken das Scheidungsrisiko, weil sie eine enge Interessengemeinschaft zwischen Mann und Frau begründen. Laut Rasmussen ist in Kulturen auf der ganzen Welt die Wahrscheinlichkeit, daß kinderlose Ehen zerbrechen, größer als bei Paaren mit Kindern. Unfruchtbarkeit steht, laut einer von Betzig durchgeführten Untersuchung an 160 Gesellschaften, hinter Ehebruch an zweiter Stelle der Gründe, die für ein Scheidungsbegehren genannt werden.
Homosexuelle haben unweigerlich mit dem Problem zu kämpfen, daß ihr Geschlechtsakt nie Erfüllung findet, d.h. er führt nicht zum biologischen Höhepunkt, nämlich der Geburt von Kindern. Da dieses Fortpflanzungsmuster nicht vervollständigt wird, neigen viele Betroffene dazu, die Anfangsphase zu wiederholen, d.h. das Werben wird zu einer Verhaltensschleife, so daß eine sexuelle Eroberung auf die nächste folgt, sie leben also polygam. Selbst wenn die Beziehung zweier Männer die Anfangsphase übersteht und sie einen gemeinsamen Haushalt gründen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Trennung größer als bei heterosexuellen Paaren.
Nach Eibl-Eibesfeld fördert das Hypophysenhormon Oxytocin bei einer Reihe von Säugern die Bereitschaft, starke Bindungen mit anderen Individuen einzugehen. Beim der menschlichen Frau finde die Oxytocinausschüttung beim Geburtsvorgang, beim Stillen und beim Orgasmus der Frau statt. Seiner Aussage nach würden aufgrund dieser hormonellen Einflüsse stillende Mütter im allgemeinen zärtlicher als die nichtstillenden mit ihren Babys umgehen.
Diese durch das Kind ausgelöste, hormonell gesteigerte Bindungsfähigkeit
könnte sich eventuell auch auf die elterliche Paarbeziehung festigend
auswirken.
Natürlich kann ich nicht sicher behaupten, daß Partner aus genetischen Gründen beim Ausbleiben von Nachwuchs zur Trennung neigen, oder daß die Geburt und die Erziehung eines Kindes den Partnern neue Ziele und Perspektiven geben, die ihre Beziehung festigen.
Die Grafik zeigt, daß in den Sechzigern und Siebzigern die Geburten zurück-gingen, während die Scheidungsrate anstieg. Aufgrund dieser Korrelation kann jedoch weder auf eine Kausalität noch auf den Ursprung dieser Wechselbeziehung geschlossen werden. Der Anstieg der Scheidungsrate könnte zum einen auf die Verfügbarkeit relativ sicherer und einfach zu handhabender Verhütungsmittel, zum anderen auch auf den Wegfall vieler sozialer und kultureller Zwänge oder eines dritten, unbekannten Faktors zurückzuführen sein.
Dies hatte zur Folge, daß junge Menschen die Möglichkeit zu einem risikolosen, geregeltem Sexualleben haben, wofür früher eine Ehe oder mindestens Verlobung notwendig war. Diese mittlerweile große Gruppe potentieller Sexualpartner wirkt auf bereits Verheiratete als Motiv zum Seitensprung bzw. zur Polygamie, oder sogar als Scheidungsgrund.
Mit dem Rückgang der Geburtenrate stieg in der westlichen Welt die Scheidungsrate an, darüber, ob dies nun auf den fehlenden Nachwuchs oder den unkomplizierteren Zugang zum anderen Geschlecht zurückzuführen ist, kann man nur spekulieren. Es ist jedoch offensichtlich, daß es dem Menschen seit der Entdeckung des Ovulationszykluses 1924 durch Ogino und mit Hilfe anderer Verhütungsmittel nach und nach gelungen ist, seine Fruchtbarkeit weitgehend zu beherrschen. Dies hatte zur Folge, daß die Geburten zurückgingen und daß die Sexualität weitgehend von ihrer primären Funktion, nämlich der Fortpflanzung, getrennt gelebt werden konnte.
Weiterhin wird in der Beschäftigung der Frau außer Haus und der damit verbundenen finanziellen Unabhängigkeit einer der Hauptgründe für den Anstieg der Scheidungsquote gesehen.
Tennov kam bei Untersuchungen über die Dauer der romantischen Liebe, vom zündenden Funken des Verliebens bis zu dem Augenblick, in dem sich ein neutrales Gefühl für die geliebte Person einstellt, zu dem Ergebnis, daß diese Zeitspanne meistens zwischen 18 und 36 Monaten beträgt.Im Laufe dieser Zeitspanne läßt die Idealisierung des Partners nach, und danach entscheidet sich, ob es sich um eine bloße Verliebtheit gehandelt hat, oder ob es sich um eine dauerhafte Beziehung handelt.
Dies könnte eine Ursache dafür sein, daß die meisten Scheidungen frühzeitig, im oder um das vierte Ehejahr erfolgen und die Anzahl der Scheidungen danach mit wachsender Zahl der Ehejahre abnimmt. Dieses Muster trifft auf die meisten Kulturen zu und bleibt über die Zeit hin, trotz ansteigender Scheidungszahlen, konstant.
Lazarus sieht in der Idealisierung der Verliebtheit das Problem, daß dadurch Menschen zusammen gebracht werden, deren Eigenschaften nur begrenzt miteinander korrespondieren, und diese trotz der beschränkten Entsprechung ihrer Eigenschaften zu einer "institutionalisierten Dauerbindung" in Gestalt der Ehe veranlaßt werden. Die Vorstellung, man müsse an einer Ehe hart arbeiten, entstand wohl unter anderem deshalb, weil viele eigentlich nicht zueinander passende Partner aufgrund ihrer Verliebtheit Dauerbindungen eingehen.
Ich bin der Meinung, daß man den Anstieg der Scheidungsrate nicht auf eine Ursache zurückführen kann, sondern daß dies eine Folge mehrerer voneinander abhängiger Ursachen ist, die sich zum Teil gegenseitig verstärken.
z.B.
à Pille à Verringerung der sozialen Kontrolle und Zwänge à Sex ohne Ehe und Kinder à mehr potentielle unverheiratete Sexualpartner à Idealisierung des Single-Daseins in den Medien à höhere Ansprüche an bestehende und zukünftige Ehen à mehr Scheidungen und mehr Ehe-Verweigerer à noch mehr unverheiratet Sexualpartner usw.
Ist bei Frauen und Männern der Unterschied zwischen treuem und untreuem Verhalten nun genetisch bedingt? Bedeutet dies, daß von dem Moment an, wo ein Spermium des Vaters in die Eizelle der Mutter eindringt feststeht, ob der Nachkomme zwangsläufig treu oder eher flatterhaft sein wird? Tooby und Cosmides (1990, On the Universality of Human Nature and the Uniqueness of the Individual) sind der Meinung, daß diese definitive Prägung für Männer wie für Frauen unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist, da in der Regel zwei extrem verschiedene alternative Eigenschaften von der natürlichen Selektion nicht erhalten werden. Gewöhnlich bedeutet eine von beiden Eigenschaften einen etwas größeren Fortpflanzungsvorteil und damit verbunden eine etwas stärkere genetische Weitergabe an die nächste Generation als die andere. Dies hat über einen entsprechend langen Zeitraum schon bei einem minimalem Vorsprung zur Folge, daß sich die entsprechende Eigenschaft durchsetzt.
Zum einen ist es möglich, daß ein ganzer Teil einer Population auf ein bestimmtes Verhalten, z.B. sich mit Hilfe des Seitensprungs einen Fortpflanzungsvorteil zu verschaffen, festgelegt ist, während der andere Teil darauf geprägt ist, seinen, und eventuell auch (versehentlich) den Nachwuchs eines anderen, liebevoll zu versorgen. Zum anderen könnte es jedoch viel wirkungsvoller sein, wenn diese beiden Fortpflanzungsstrategien nicht innerhalb der Population, sondern innerhalb jedes einzelnen Individuums vorhanden sind.
Dadurch wäre jedes Individuum in der Lage, sich veränderten Umweltbedingungen anzupassen.
Die Annahme, Männer und Frauen seien in psychischer Hinsicht identisch, steht im Widerspruch zu den unterschiedlichen entwicklungsgeschichtlichen Anpassungsproblemen, mit denen sie konfrontiert waren.
Der gravierendste Unterschied liegt meiner Meinung nach darin, daß eine Frau sich nur durch ihre eigenen Kinder, die sie selbst gebärt und aufzieht, fortpflanzen kann (Sie bekommt auch für gewöhnlich keine fremden Kinder untergeschoben). Sie kann zwar die Kinder alleine, ohne die Hilfe des Vaters, aufziehen, aber es ist mit dessen Hilfe auf jeden Fall einfacher. Daher ist es für sie immer besser, in einer Beziehung mit einem Mann zu leben, der sich als nützlich bei der Kinderaufzucht und umgänglich in der Partnerschaft erwiesen hat.
Der Mann kann hingegen entweder fürsorglich seine Kinder in einer Paarbeziehung großziehen oder irgendwelchen Frauen ein Kind anhängen, ohne sich groß um das Wohl der Kinder zu kümmern. Für ihn kann genetisch sowohl ein polygames als auch ein monogames Verhalten vorteilhaft sein. Daher ist der Mann nicht im gleichen Maße wie die Frau auf den Erfolg der Paarbeziehung angewiesen.
Die treue monogame Beziehung bringt jedoch beiden Partnern die größtmögliche
Sicherheit in Sachen Fortpflanzung, sie sichert dem Nachwuchs neben der
obligaten Mutterliebe auch die wichtige väterliche Fürsorge für
die längste Elternschaft im gesamten Tierreich.