Laut Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft waren und sind noch vorhanden und wurden bis Ende der 60er Jahre ohne größere Proteste hingenommen. Besonders in der schulischen und hochschulischen Ausbildung, in der Berufsausbildung, im Berufsleben (Differenzen im Einkommen und in den Karrierechancen) und in der Politik hatten Frauen zum Teil erhebliche Nachteile gegenüber Männern zu erdulden. Auch die Geschlechterrollen in der Familie waren stark verwurzelt. Der Frau waren die Haus- und Erziehungsarbeit in der Familie zugewiesen. Erste Proteste gegen die Diskriminierung von Frauen wurden gegen Ende der 60er im Zusammenhang mit den Studentenprotesten und unter dem Einfluss der neuen Frauenbewegung in den USA laut. Es formierten sich Frauengruppen, die gegen das Patriarchat kämpften. Neben Teilerfolgen, die die Bewegung feiern konnte wie z. B. die Verbesserung von Bildungschancen für Mädchen, die Neufassung des Familienrechts 1976, mit der das bis dahin gültige patriarchalische Modell der „Hausfrauenehe“ gesetzlich aufgelöst wurde, oder die Liberalisierung des Abtreibungsrechts durch die Reform des §218 ebenfalls im Jahre 1976, wurde ein wichtiges gesellschaftliches Bewusstsein der Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern geschaffen. Bis heute kann man jedoch noch nicht von Chancengleichheit in allen Bereichen sprechen. (Vgl. GEIßLER 1996, 275-305 und MÜLLER 1996, 411-412)
Das Bewusstsein der Ungleichheit von Männern und Frauen wurde auch im gesellschaftlichen Bereich Sport wach. Die Strukturänderungen von Sportvereinen ermöglichten Frauen, verstärkt am Sporttreiben im Verein zu partizipieren. Besonders die Sportvereine, die ihr Sportangebot erweitert und Alternativen zum traditionellen Wettkampfsport angeboten haben, verzeichneten einen besonders hohen Zuwachs an weiblichen Mitgliedern (vgl. CACHAY 1988, 225-227).
Boßelvereine hatten diesen Strukturwandel nicht vollzogen und blieben traditionelle Kleinvereine, in ihnen war kein Platz für Frauen. Frauen wollten aber ebenso wie die Männer diesen Heimatsport ausüben und nicht nur wie bisher beim Fastnachtsboßeln die Boßel werfen dürfen. Das Fastnachtsboßeln oder Manns- un Fruunsboßeln“ war eine karnevalistische Abart des Boßelns bei dem es nicht ums gewinnen ging, sondern um den Spaß und die Geselligkeit (vgl. AUGUSTIN 1978, 29-30). Also gründeten Frauen 1975 erste selbständige Boßelvereine, sogenannte „Fruunsboßelvereine“. Immer mehr Frauen nahmen sich ein Beispiel an die ersten Gründerinnen und gründeten im Laufe des „Jahres der Frau“ (1975) sechs „Fruunsboßelvereine“ in Eiderstedt. Bis 1979 waren schon 14 Vereine gegründet worden, die sich dann zu einem Verband zusammenschlossen, dem „Unterverband der Frunsboßelvereine Nordfriesland“. Auch in Dithmarschen und Steinburg wurden „Fruunsboßelvereine“ gegründet. , 47 Unter männlichen Boßlern war die Akzeptanz gegenüber Frauenboßeln anfangs gering. Den Versuch der Frauen, in den Boßelverband der Männer aufgenommen zu werden, wurde mit der Begründung abgeschmettert, dass die Leistungsunterschiede zu groß seien und die Veranstaltungen zu umfangreich werden. Die Frauen wollten jedoch lediglich den Anschluss an einen eingetragenen Verein, da die Mitgliedschaft günstiger für den Erhalt öffentlicher Mittel gewesen wäre. Die Bemühungen hatten schließlich Erfolg und der Unterverband der Frunsboßelvereine Nordfriesland wurde kooperatives Mitglied im Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler. Trotzdem gingen die Frauen weiterhin ein eigenen Weg, auch aufgrund der immer noch bestandenen Vorbehalte der Männer.
1984 waren Frauen zum ersten Mal bei der Europameisterschaft in einer Disziplin vertreten und bildeten mit den Männern eine gemeinsame Landesmannschaft. Dass „Männer und Frauen unterschiedlichen Verbänden angehören, ist auf dieser Ebene nicht wichtig“ (DITHMARSCHER LANDESZEITUNG/BZ, 28.10.1997).
Die Boßlerinnen Schleswig-Holsteins boßeln seit 1990 mit dem international üblichen 375g - Kloot (55 mm Durchmesser) statt mit der bis dahin benutzten 500g - Boßel , um sich nicht für jeden internationalen Wettkampf umgewöhnen zu müssen. Bei der Europameisterschaft 1992 waren Frauen in allen Disziplinen vertreten .
Die Boßlerinnen betonen immer wieder, dass ihre Vereine nicht nur Sportvereine sind, sondern dass sie darüberhinaus einen kulturellen Auftrag haben. Ihre Aufgaben sind auch die Pflege der plattdeutschen Sprache und die Förderung des Dorflebens: Sie veranstalten Kinderfeste, Weihnachtsfeiern, Dorfabende und Boßelbälle, sie machen Ausflüge und spielen Lotto (vgl. DIRCKS 1991, 184-186).