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12. Zusammenfassung An dieser Stelle wird die in der Einleitung gestellte Frage wieder aufgegriffen, ob das Boßeln den Prozess der „Versportlichung“ vollzog, indem die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit nochmals kurz zusammengefasst werden und ein abschließendes Fazit gezogen wird.
Das Boßelspiel ging einen Weg, der immer eng verbunden war mit der Entwicklung des Sports. Die traditionelle Bewegungskultur Boßeln ist jedoch viel älter als „der Sport“, der erst im 19. Jahrhundert aus England nach Deutschland kam und in Konkurrenz zum deutschen Turnen und anderen Leibesübungen trat und erst später zum Sammelbegriff für Bewegung, Spiel und jeder Art von Leibesübungen wurde. Die Boßler haben deshalb ein besonderes Selbstverständnis. In jedem Kapitel werden die Verbindungen zum Sport in der jeweiligen Epoche sowie die Abgrenzungen zum Sport aufgezeigt. Das Aufzeigen von gesellschaftlichen Veränderungen und deren Verknüpfung mit der Entwicklung des Boßelns lassen darüber hinaus verstehen, warum es zu Veränderungen beim Boßeln gekommen ist. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich das Boßelspiel wenig. Es war ein Vergleichskampf zwischen Dörfern, der in Regeln und Spielgerät regional differierte und dessen Bedingungen vor dem Wettkampf festgelegt wurden. Das Spiel war ein Wintervergnügen, das immer mit einem großen Dorffest verbunden war. Die bäuerlich-ländliche Gesellschaft veränderte sich in dieser Zeit über Jahrhunderte nicht, sodass auch das Boßelspiel über Jahrhunderte unverändert fortbestand. Erst mit der beginnenden Industrialisierung kam es zu einem Wandel der ländlichen Gesellschaft. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen bildeten sich Boßelvereine nach Vorbild der entstehenden Sportvereine. Positive Voraussetzungen und staatliche Förderungen führten schließlich zur Gründung von Boßelverbänden und zur Belebung des Spiels. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ermöglichten veränderte Machtverhältnisse in der Gesellschaft dem Sport einen großen Aufschwung. Mit ihm blühte der Boßelsport auf. Boßeln wurde zum regional begrenzten Massensport. Die Nationalsozialisten machten alle Arten von Vereinen und Verbänden zu Unterorganisationen der Partei, die die Ziele der Partei zu verfolgen hatten. Auch die Boßler machten den Prozess der „Gleichschaltung“ mit und wurden zuerst dem „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ (DRL) angeschlossen und sind später aufgrund der besonderen kulturellen Stellung der „NS-Kulturgemeinde, Abt. Volkstum und Heimat“ beigetreten. Während des Krieges kam das Boßeln zum Erliegen. Nach dem Krieg nahmen die Boßelvereine relativ schnell ihren Betrieb wieder auf, auch wenn der Krieg große Lücken in den Reihen der Aktiven hinterließ. Die gesellschaftliche und soziale Funktion des Boßelns wurde zu dieser Zeit betont. In den 50er und 60er Jahren wurde das Boßeln stark vom übrigen Sport bedrängt. Das Sportangebot wurde größer und die Sportvereine reagierten auf das veränderte Freizeitverhalten der Bevölkerung mit Strukturänderungen. Die Boßelvereine passten ihre Struktur nicht an und hatten daher mit Mitgliedereinbußen zu kämpfen. Erhalten wurde der Boßelsport letztlich nur von engagierten Lehrern, die während der Sportstunden boßelten. Weitere Impulse gab es durch die Internationalisierung, die durch die Tendenz zur europäischen Integration auf politischer und kultureller Ebene hervorgerufen wurde. Die Aussicht auf internationale Wettkämpfe war ein großer Anreiz für Boßler. Die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft hatte zur Folge, dass auch Frauen Boßeln als Sport ausüben wollten. Die Widerstände der Männer waren groß, sodass Frauen ab 1975 eigene Frauenboßelvereine gründeten, die sich später auch in Verbänden zusammenschlossen. Frauen betonten immer die kulturelle und soziale Funktion der Vereine. Das Boßeln hat teilweise den Prozess der „Versportlichung“ vollzogen. Es war im Selbstverständnis der Boßler nicht nur Sport, sondern war und ist auch verbunden mit kulturellen Aufgaben wie der Heimat- und Brauchtumspflege, der Pflege der plattdeutschen Sprache, der Förderung des Dorflebens und dem Erhalt von regionalen Traditionen. Auch die Merkmale des Versportlichungsprozesses nach EICHBERG sind beim Boßelspiel nur teilweise wieder zu finden. Das Leistungsprinzip mit der Steigerung der in Metern und Zentimetern gemessenen Leistung mit dem damit verbundenen Rekordwesen findet man im „Stand- und Leistungsboßeln“ wieder. Das weiterhin bestehende traditionelle Feldboßeln dagegen folgte diesem Trend nicht und blieb ein Spiel. Den Versuch einer Leistungsstaffelung in hierarchisch angeordneten Meisterschaftsebenen hat es in der Vergangenheit zwei Mal gegeben; er konnte sich aber nie durchsetzen, sodass es bei der traditionellen Form des Herausforderungssystems blieb. Dieses Merkmal von EICHBERG findet sich beim Boßeln also nicht wieder. Das dritte Merkmal - die Ausbildung von Vereins- und Verbandsstrukturen mit bürokratischen Kontrollen, Regeln und Schiedsrichtern - ist zum größten Teil erfüllt. Es kam zur Gründung von Vereinen und Verbänden, die allgemeingültige Regeln aufstellten; „richtige“ Schiedsrichter gibt es jedoch nicht, da zur Einhaltung der Regeln keine Unparteiischen eingesetzt werden, sondern jede Mannschaft einen Obmann bestimmt, der mit dem Obmann der Gegenpartei über strittige Regelfragen entscheidet und die Einhaltung der Regeln gewährleistet. Für eine Prognose der zukünftigen Entwicklung des Boßelns hilft eine Analyse der gegenwärtigen Tendenzen: Die weiter voranschreitende Internationalisierung und das Wiederaufleben des Schulboßelns sowie die weitere Verbreitung des Frauenboßelns geben Anlass zur Hoffnung, dass Boßeln in der Zukunft weiterbestehen wird. Gesellschaftliche Tendenzen, die u. a. Sportvereine in die Krise stürzten, lassen jedoch keinen neuen Boom erwarten. Das Boßeln wird wahrscheinlich seinen kleinen Platz in der Bewegungskultur Schleswig-Holsteins behalten. |
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