Boßeln in Schleswig-Holstein 3. Eisboßeln als Vergleichskampf zwischen Dörfern im 18. und 19. Jahrhundert

Erster zweifelsfreier Beweis für die Existenz des Eisboßelns ist ein Herausforderungsbrief aus dem Jahr 1717 . Darüber hinaus wurde viel über die Herkunft und den Ursprung des Boßelns von verschiedenen Autoren spekuliert, die hier nicht weiter erläutert werden sollen. Die wahrscheinlichste Annahme ist, dass das Spiel im 17. Jahrhundert von holländischen Deichbauern nach Schleswig-Holstein eingeführt wurde .

Das damals so genannte „Eisboßeln“ veränderte sich über Jahrhunderte wenig oder gar nicht. So unterscheiden sich die ersten Spielbeschreibungen vom Ende des 18. Jahrhunderts von GUTSMUTHS 1796 oder in den Schleswig-Holsteinischen Provinzialberichten sehr wenig von denen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts gegebenen Spielbeschreibungen von HANDELMANN (1874, 14-16) und ZETTLER (1893, 267-268). Sie alle schreiben von einem Spiel, welches im Winter in den Marschgebieten der Nordsee gespielt wurde. Spielgerät war eine mit Blei gefüllte Holzkugel, deren Gewicht in den Beschreibungen erheblich differiert: von 6-10 Lot und 8 Lot (1 Lot = 16 2/3 Gramm), die auch „Schetbosseln“ genannt wurden, bis zu 10-50 Neulot (1 Neulot = 50 Gramm) und 2-3 Pfund (1 Pfund = 327,45 Gramm), die auch „Handbosseln“ genannt wurden. Das Ziel war ¼ , ½ , ¾ Meilen oder weiter entfernt (1 Meile » 7500 Meter). Gewinner war jeweils die Partei, die das Ziel zuerst erreichte. Es wurde oft zwischen drei Wurfarten unterschieden: Die kleineren Boßeln wurden „über der Hand“ geworfen, d.h. so geworfen wie man einen kleinen Kieselstein wirft mit „Ansatz in Kopfhöhe“, oder „mit einem Schwung (Kreisschwingung des Arms)“ fortgeschleudert; die größeren Kugeln wurden „unter der Hand“ geworfen, d.h. so wie man heute eine Kegelkugel wirft mit „Ansatz vom Rückenwirbel aus“. Der „diskusähnliche“ Wurf mit Drehung des ganzen Körpers war noch nicht bekannt (vgl.VOIGT 1961, 4). Auch wird noch nicht zwischen Eisboßeln und Klootschießen explizit unterschieden.

Das Spiel wurde hauptsächlich im ländlichen Raum betrieben und war dort neben dem Ringreiten die einzige Abwechslung im ereignisarmen Winter, in dem sowohl Bauern als auch Fischer, die zusammen den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, viel freie Zeit hatten. Die Wettkämpfe konnten im Jahr „wohl 2-3 mal geschehen“ (HARMS 1851, 15). Vor dem Wettkampf wurde ein „Boßelvertrag“ zwischen den beiden teilnehmenden Parteien abgeschlossen, der alle Vereinbarungen festhielt, z.B. die Anzahl der Werfer, den Gewinnpreis, den Termin, die Wurfart, die Wurfstrecke oder die Größe und das Gewicht der Boßelkugeln (vgl. PETERS 1901, 32-35). In den Wettkämpfen stritten gewöhnlich zwei Dörfer gegeneinander, die mit 50 bis 100 Mann gegeneinander antraten. Jeder Werfer bekam eine Wurfnummer und trat gegen sein Pendant der anderen Mannschaft an. Am Ende des Wettstreites, der bei dieser Größe den gesamten Tag in Anspruch nahm, stand stets ein großes Fest, bei dem beide Dörfer zusammen feierten und die unterliegende Partei die Zeche zu zahlen hatte. Diese Feste arteten oft in Schlägereien aus, weil die unterliegende Mannschaft nicht den Spott der Gewinner ertragen konnte (vgl. HANDELMANN 1874, 14-15). Das Spiel Boßeln war also weit mehr als ein Bewegungsspiel, es ging über die bloße Bewegungshandlung hinaus und war ein gesellschaftliches Ereignis, an dem jeder teilnahm. Es war Tradition. Es förderte Eigenschaften und bestimmte Normen und Werte, gute Boßler waren in der Dorfgemeinde auch immer gut angesehen, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung (vgl. KRACHT o.J., 594 oder auch STEIN 1993, 35). Es wurde ohne Hilfsmittel in einem schwierigen Lebensraum betrieben, der so besser kennengelernt wurde und damit auch besser bewältigt werden konnte. Es förderte die Gemeinschaft durch die Identifikation mit der eigenen Partei und diente auch zur Vermeidung von Konflikten bzw. zur Verlagerung von Konflikten ; Fehden zwischen Dörfern oder Familien konnten so gewaltfrei ausgetragen werden. Die Zahl der zu der Zeit noch üblichen Duelle mit tödlichem Ausgang wurde so verringert. Das Boßeln „Mann gegen Mann“ trat an seine Stelle (vgl. PETERS 1900, 44), das wird auch deutlich, weil dem Boßeln ein ähnliches Herausforderungszeremoniell vorausging wie dem Duell („Im Winter ... fordert eine Gesellschaft die andere ... auf Boseln heraus, indem sie ihr die Kugel, wie wailand die Ritter des Mittelalters den Fehdehandschuh, zuschickt.“ (SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE PATRIOTISCHE GESELLSCHAFT 1797, 28)) Das Spiel vereinigte Tradition, Gemeinschaftssinn und Vergnügen und war damit Spiegelbild der geistig-seelischen Haltung der bäuerlichen Welt.



Abb. 2: Holzschnitt von 1874 von B. Mörlins (Dithmarscher Künstler)

Die Bildquelle gibt Aufschluss über das Boßeln im 19. Jahrhundert. Die Bevölkerung nahm regen Anteil am Spiel: Eine große Zuschauerzahl ist hinter dem Werfer und betrachtet das Ereignis, sogar eine Musikkapelle ist unter ihnen zu erkennen. Frauen befinden sich nicht unter den Zuschauern und nur ein einziges Kind ist zu sehen, welches aus der Ferne an der Hand eines Mannes zuschaut. Das Boßeln war anscheinend Männersache. Der Wettkampf findet am Rande der Ortschaft statt: Im Hintergrund sind eine Mühle und eine Kirchturmspitze zu sehen. Es ist Winter: Zuschauer sind mit Mäntel, Schals, Fellmützen und Stiefeln bekleidet. Der Werfer hat sich seiner Kleidung und seiner Stiefel entledigt und peilt das Ziel an. Ein weiterer Werfer kniet neben ihm; an seinem Hut kann man die „Wurfnummer“ 1 erkennen.


Das Boßeln war nicht nur bei der bäuerlichen Landbevölkerung bekannt. Auch in der etwas vornehmeren Stadtbevölkerung der Westküstenregion kannte man das Boßeln. Nur war es hier weniger ein gesellschaftliches Großereignis, sondern wurde zur Zerstreuung und Unterhaltung im kleinen Kreis gespielt: „Am 25. Februar 1834, einem Sonnabend, versammeln sich nach Verabredung in ihrer `Klubgesellschaft` ..., 6 verheiratete und 6 unverheiratete Personen zum Eisboßeln“ (JOHNSEN 1961, 327).

Den Namen „Boßeln“ trug auch noch ein Spiel, welches an der Ostseeküste gespielt wurde. Dieses Spiel hatte nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Boßelspiel an der Westküste und war bereits 1899 fast ausgestorben. Spielgerät war bei diesem Spiel eine Holzscheibe. Die von der einen Partei geworfene Scheibe konnte mit Schlagstöcken von der anderen Partei aufgehalten werden. Die Partei, die die Scheibe aufgehalten hatte, musste dann die Scheibe von dort wo sie liegenblieb der anderen Partei wieder entgegenschleudern. Ziel war es, den Gegner hinter ein vorher bestimmtes Mal zurückzudrängen. PETERS geht im „Jahres-Bericht zur Förderung der Jugend- und Volksspiele“ 1898-99 ausführlich auf dieses Spiel, sein Verbreitungsgebiet, die Wurftechnik, die verschiedenen Ausmaße der Spielgeräte und der Schlagstöcke sowie die Regeln ein. Dieses Spiel war an der gesamten deutschen Ostseeküste unter verschiedenen Namen bekannt: In Angeln und Großenbrode hieß es „Trill“, in Südostangeln und Schwansen „Trüll“, in Melsdorf, Dahme und Giekau „Boßeln“, in Heikendorf „Blank“, in Schönberg und Krumbeck „Tründelspill“, in Dannau „Boßel spelen“, in Schlamersdorf „Boßelspiel“. In Schlamersdorf und Dahme wurde neben der Scheibe auch mit einer Kugel geboßelt. An Schulen in Kiel wurde das „Trillwerfen“ auch nach den Regeln des Boßelspiels der Westküste gespielt. Peters berichtet noch weiter von dem Spiel wie es außerhalb Schleswig-Holsteins in Mecklenburg, im Kreis Ostpriegnitz, in Pommern, in Westpreußen, in Danzig und im Kreis Stuhm hieß und gespielt wurde. (Vgl. PETERS 1899, 3-17)

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