Boßeln in Schleswig-Holstein 4. Verbands- und Vereinsgründungen um die Jahrhundertwende (1880 -1910)

Zu einem Durchbruch kam die Industrialisierung in Schleswig-Holstein erst mit dem Beginn des Kaiserreiches 1871. Sie machte sich in den ländlich geprägten Räumen der Westküste hauptsächlich durch technische Verbesserungen in der Landwirtschaft bemerkbar. So wurde die Produktivität immens gesteigert, z.B. durch Dampfdreschmaschinen, Mäh-, Sä- und Häckselmaschinen, Milchzentrifugen und den Einsatz von Mineraldüngern. Durch die neuen landwirtschaftlichen Methoden kam es zu einem „Multiplikator-Effekt“: Es mussten bessere Verkehrsmittel und -wege geschaffen werden, um die Maschinen zu transportieren. Folge war ein umfassender Strukturwandel der ländlichen Gesellschaft: Die Verbesserung der Infrastruktur benötigte mehr Handwerker, ländliche Arbeiter mussten aufgrund der Technisierung und damit verringerten Arbeitsmöglichkeiten in die Städte abwandern, die sozialen Unterschiede wuchsen. Es kam insgesamt zu einer Änderung der dörflichen Sozialstruktur. (Vgl. SCHULTE 1996, 40-41) Diese Änderungen hatten auch Folgen für andere gesellschaftliche Bereiche. Der Sport z.B. konnte sich aufgrund der verbesserten Verkehrs-, Kommunikations- und Mediensituation besser ausbreiten. Er spiegelte die gesellschaftlichen Prinzipien der Leistung und Konkurrenz wieder. Auch das alte Volksspiel Boßeln wurde von den Entwicklungen erfasst. Nach Vorbild der in großer Anzahl in anderen Gebieten entstehenden Sportvereine bildeten sich in kurzer Zeit in den Boßelgebieten Boßelvereine (z.B. Friedrichstadt 1880, Husum 1886, Garding 1886, Wilster 1892, Lunden 1894, Eddelak 1894, Büsum 1896). Die Entwicklung ging dabei von den ländlichen Zentralorten aus, weil die Idee des Sportvereins diese aus den Großstädten zuerst erreichte. Die neuen Sportarten fanden dagegen auf dem Lande keinen großen Zuspruch, weil die Skepsis gegenüber Neuem schon immer groß war und „Alt-Ehrwürdiges“ und die „gute alte Sitte“ (VERBAND SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER EISBOßLER 1898, 1) traditionell hoch geschätzt wurden. So blieben die Boßelvereine die einzigen „Sport“-Vereine.

Profitieren konnte das Boßeln auch durch die Förderung des Sports und des Spiels von „Allerhöchster“ kaiserlicher Seite. Der Goßlersche Spielerlass von 1882, der Spiele in der Schule verankerte sowie die Erhöhung der Anzahl der Turnstunden hatten zur Folge, dass sich auch das Boßeln in der Schule durchsetzte. Die Lehrer übten in den Boßelgebieten oft in den Turnstunden des Winters das Boßeln: „Ein eifriger Förderer des Boßelsports ist der Lehrer Rohwedder, welcher dafür sorgt, daß immer neuer, guter Nachwuchs da ist, und der seit 12 Jahren in Westerdeichstrich wohnt. Turnstunde giebt es bei ihm im Winter wenig, wenn es irgend angänglich ist, boßelt er mit ´seinen Jungs´ über Feld, wobei seine ´Unzertrennliche´ (Pfeife) ihn treu begleitet.“ (PETERS 1902, 50; siehe dazu auch PETERS 1900, 28 und PETERS 1902, 42)

Auch die Gründung des „Zentralausschuß zur Förderung der Volks- und Jugendspiele“ 1891 gab einen positiven Impuls für das Boßeln. Er wurde amtlich und staatlich unterstützt, genoss hohes Ansehen (vgl. LANGENFELD 1988, 27) und errang somit große Verdienste um die Spiel- und Bewegungskultur in Deutschland (vgl. KRÜGER 1987, 331). Der „Verein zur Förderung der Jugend- und Volksspiele in der Stadt Kiel“, der dem Zentralausschuss angehörte, berichtete sehr ausführlich in seinen „Jahres-Berichten“ ab 1898 vom Boßeln und erweiterte damit die Bekanntheit, das Ansehen und wahrscheinlich auch die Verbreitung des Spiels.

Ebenso wie alle anderen Spiele (vgl. KRÜGER 1993a, 157) erhielt das Boßeln eine betont nationale Prägung: „Es bekämpft durch seine Eigenart aufs schärfste jenen häßlichen Zug der Zeit, der nur immer an sich selbst denkt und bei der Verfolgung der eigenen Interessen das Wohl des großen Ganzen aus den Augen verliert.“ (VERBAND SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER EISBOßLER 1898, 2) Mit dem „Wohl des großen Ganzen“ ist die erwünschte deutsche Vormachtstellung in der Welt nach Vorbild der Engländer gemeint, die u.a. durch den Sport als Wehrertüchtigung erreicht werden sollte. In diesem Sinne war auch „das Eisboßeln ganz dazu angethan ..., die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen“ (VERBAND SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER EISBOßLER 1898, 1) und der Verweichlichung der Jugend entgegenzuwirken.

An eine zweite nationale Frage wagten die Boßler sich heran: an die sozialen Unterschiede zwischen Bürgertum und Arbeitern, die zu einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung geführt hatten. Es war schon etwas anmaßend, dass die Boßler annahmen, dass das Boßeln „den Besten unseres Vaterlandes segensreich in die Arme“ arbeitete, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den sozialen Frieden im Volk wiederherzustellen (VERBAND SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER EISBOßLER 1898, 2). Die politische Stellung zumindest der Führung der Boßler wird mit dieser Aussage deutlich: bürgerlich-national. Die soziale Spaltung in den bäuerlichen Gebieten der Westküste war auch nicht so groß wie in den industrialisierten Ballungszentren. Es gab nur wenig „Arbeiter“, da Landarbeiter wegen der zunehmenden Technisierung in die Stadt abwandern mussten und es Industriearbeiter mangels Industrie nicht gab.

Die positiven Voraussetzungen für die Verbreitung und Organisierung des Sports in Deutschland führten schließlich zur Gründung von nationalen Dachverbänden, z.B. den Deutschen Ruderverband 1883, den Deutschen Schwimmverband 1886, den Deutschen Fußball Bund 1900 oder den Deutschen Tennisbund 1902 (vgl. KRÜGER 1993a, 156-158). Dieselben positiven Voraussetzungen in Schleswig-Holstein waren dann auch Anlass zur Gründung eines schleswig-holsteinischen „nationalen“ Dachverbands für die Boßler: den „Verband Schleswig-Holsteinischer Eisboßler“ 1894 in Glückstadt. Es wurde für alle dem Verband angeschlossenen Vereine ein „Boßel-Reglement“ (vgl. PETERS 1900, 28-31) geschaffen, in dem verbindliche Regeln für das alte Eisboßeln vorgeschrieben wurden, z.B. die Anzahl und Befugnisse der „Schiedsmänner“ (zwei von jeder Partei), die Eintragung der Werfer mit laufenden Nummern in eine Liste oder die Regelungen bei Übertreten der Abwurflinie. Daneben wurde eine völlig neue Art des Boßelns geschaffen und reglementiert: das Boßeln auf dem „Verbandsfeste“, heute „Standkampf“ genannt. Danach ist das Werfen in vier Wurfarten mit festgelegten Boßelgewichten erlaubt: „1. Werfen mit der 500-Gramm-Boßel (mit oder ohne Umlauf) unter der Hand; 2. Schunken mit derselben Boßel; 3. Schunken mit der 100-Gramm-Boßel; 4. Über-der-Hand-Werfen mit der sub 1 und 3 genannten Boßel“ (PETERS 1900, 28). Diese entsprechen den schon im vorherigen Kapitel beschriebenen Wurfarten. Bei diesem Wettbewerb warf jeder Teilnehmer für sich, musste aber einem Verein angeschlossen sein. Ziel war es, mit drei Würfen in einen fest abgesteckten Wurfsektor eine möglichst große Gesamtweite zu erzielen. Die sportlichen Prinzipien der Leistung, gemessen in Metern und Zentimetern, der Konkurrenz und der Reglementierungen fand man hier nun wieder. Das Boßeln hatte neben dem traditionellen Eisboßeln eine neue sportliche Komponente hinzugewonnen, die nicht nur wie bisher im Winter durchgeführt wurde, sondern zu allen Jahreszeiten. Die neue Komponente hat zur „Belebung des Eisboßelns außerordentlich beigetragen“ (PETERS 1901, 28). Die damit verbundene Rekordsucht führte dazu, dass sich der effektivste Boßelwurf durchsetzte: der Boßelwurf „mit Umlauf“, d. h. der Wurf mit Drehung des Körpers um die Längsachse, erzielte die größten Weiten. Überall wurde dieser Wurf bald bevorzugt, nur in Steinburg wurde weiter das „Schunken“ (Schleudern der Kugel durch Kreisdrehung des Armes) mit der kleinen 100-Gramm-Boßel ausgeübt. Die Steinburger fühlten sich durch den großen Verband ungenügend repräsentiert, sodass sie 1898 einen eigenen „Eisboßlerverband im Kreise Steinburg“ gründeten (vgl. COLDEWEY 1938, 107-108).



Abb. 3: Ein Boßler im Feldkampf vor einem "Über-der-Hand"- Wurf

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