Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein, insbesondere an der bäuerlich-ländlich geprägten Westküste, wird besonders deutlich und lässt sich besser bei Betrachtung der „Landvolkbewegung“ verstehen. Die „Landvolkbewegung“ war eine Bewegung der ländlichen Bevölkerung, die von den Bauern ausging. Das Bauerntum fühlte sich durch die Industrialisierung und die daraus folgenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen an den Rand gedrängt. Es brachte dem neuen Staat der Weimarer Republik viel Skepsis entgegen, weil es in ihm nicht mehr die gewohnten Privilegien und den gewohnten Schutz z. B. durch Schutzzölle genoss. Diese gegen den Staat gewandte Grundhaltung spitzte sich gegen Ende der zwanziger Jahre zu, als eine schlechte Ernte 1927 und die Weltwirtschaftskrise ab 1928 die Landwirtschaft in Not brachte. Das sich formierende „Landvolk“ wandte sich zum Teil gewalttätig gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Handels- und Steuerpolitik des Reiches. Die Bewegung nahm an Radikalität zu, als sie bemerkte, dass sie beim Staat keine Wirkung erzielte. Schließlich wandten sie sich einer Partei zu, die das Ziel hatte, den verhassten Staat zu kippen und die sich in ihrem Programm in Schleswig-Holstein bewusst auf die Seite der Bauern stellte - die NSDAP. Die NSDAP fand fortan besonders in der ländlichen Bevölkerung Schleswig-Holsteins eine breite Zustimmung. (Vgl. WULF 1996, 192-199)
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das gesamte Reich systematisch mit einem Netz nationalsozialistischer Organisationen überzogen, die das Ziel hatten, die Menschen nach den Zielen der Machthaber zu erziehen. Auch die bisherige Ordnung und Organisationsstruktur des Sports wurde zerstört und neu organisiert - nationalsozialistisch und dem totalitären System genügend (vgl. BOHUS 1986, 148-150). So änderte sich auch die Organisationsstruktur beim Boßeln. Erst schloss sich der vormals selbständige steinburger Boßelverband 1934 dem schleswig-holsteinischen Hauptverband an. Im gleichen Jahr noch wurde der Verband in eine „besondere Fachsäule“ Boßeln überführt, die dem DRL (Deutscher Reichsbund für Leibesübungen) angeschlossen war (vgl. COLDEWEY 1938, 110). An der Basis in den Vereinen änderte sich vorerst jedoch nur wenig, oft heißt es in den Vereinschroniken nur lapidar: „1934 muß der Verein formal die Gleichschaltung mitmachen. Sein Vorsitzender heißt jetzt Vereinsführer“ (SCHILL 1959, 3). Der mit dem Anschluss an den DRL verbundene Sportbetrieb mit Klasseneinteilungen und Meisterschaftskämpfen scheiterte. Retrospektiv wird in Vereinschroniken oft von einem „Rückgang der Vereinstätigkeit“ (CROISSIER 1961, 3) oder „Einengungen des Boßelspiels“ (LÜCH OP! 1957c, 3) gesprochen. Nach nur zwei Jahren schlossen sich die Boßler der nationalsozialistischen Organisation „NS.-Kulturgemeinde, Abt. Volkstum und Heimat“ an, die ihrerseits 1937 der Organisation „NS.-Gemeinschaft ´Kraft durch Freude´“ eingegliedert wurde (vgl. COLDEWEY 1938, 110-111), deren Hauptaufgaben in der Gestaltung von Urlaub und Reisen sowie der Durchführung der Volksbildung lagen. Der Boßelverband „passte“ nirgendwo so richtig in das nationalsozialistische Organisationsgeflecht. Dies kann auch als Versuch des Verbandes zu werten sein, eine Nische zu finden und die Reste der alten Strukturen zu erhalten.
Wohl aber passte die Ausübung des Boßelns in die nationalsozialistische Ideologie . Es hatte einen „gesundheitlichen Wert“ besonders in der „Durchbildung der Muskulatur des gesamten Körpers“ und der „körperlichen Abhärtung“ und einen „erzieherischen Wert“ mit der „Willensstärkung, insbesondere der Jugend“ der „zum äußersten Einsatz für die Gemeinschaft erzieht“ (vgl. COLDEWEY 1938, 7-8). COLDEWEY (1938, 8) fasste in einem Satz die Funktion des Boßelns im nationalsozialistischen Erziehungsdenken zusammen: „So entspricht das kämpferische Spiel in vollem Umfange der nationalsozialistischen Lebenshaltung und ist eines der wirksamsten Erziehungsmittel zu Härte und Gemeinschaftssinn, besonders für die Menschen nordischen Blutes und bäuerlich-ländlicher Lebensführung.“
Das Boßeln in seiner alten Form, welches nicht das individuelle Leistungsstreben sondern den Gemeinschaftssinn betonte, legitimierte seine Existenz neben anderen Wehrsportarten wie z. B. Boxen, Schießen oder Ringen und wurde deshalb in Schulen zur Pflicht gemacht und in der Hitlerjugend in den „Arbeitsplan für körperliche Schulung“ aufgenommen . Während früher das Boßeln für Frauen nicht ausdrücklich ausgeschlossen wurde und in Wettkämfen in Ausnahmefällen zwei Frauen für einen Mann werfen durften, widersprach jetzt das Ausüben von „Kampfspielen“ für Mädchen und Frauen der nationalsozialistischen Ideologie. Eine Teilnahme für Frauen war in dieser Zeit undenkbar.
Der Krieg von 1939 bis 1945 brachte das Boßeln zum Erliegen.
Abb. 5: Vereinsfahnen der Bahnweiser sind der Parteifahne gewichen