Boßeln in Schleswig-Holstein (8) 7. Neubeginn nach dem Krieg

Die 50er Jahre waren gekennzeichnet durch einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Trotz der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit nahm Deutschland teil an dem weltwirtschaftlichen Aufstieg. Gründe dafür waren u. a. die Einbindung der Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem und die damit verbundene Orientierung an das westliche Wirtschaftssystem nach marktwirtschaftlichen Kriterien, die massive Wirtschaftshilfe der USA durch den Marschallplan und eine hohe sowohl räumliche als auch berufliche Mobilität der Gesellschaft. Die erhöhte Mobilität der Gesellschaft lässt sich durch den hohen Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung erklären, denen es nur mit Hilfe erhöhter Mobilität gelingen konnte, einen der früheren Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz finden. Die besondere Flüchtlingssituation hatte unter anderem großen Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Orientierung am Leistungs- und Konkurrenzprinzip. (Vgl. PETZINA 743-747)

Der Sport war Spiegelbild der Gesellschaft. In ihm dominierten ebenfalls Leistungs- und Konkurrenzverhalten. Der Sport wurde in Vereinen betrieben und orientierte sich hauptsächlich in Richtung Wettkampf und Leistung, was auch selektive Wirkung hatte. Strukturelle Merkmale der Mehrzahl der Sportvereine waren die ehrenamtliche Mitarbeit, das Angebot nur einer Sportart und Mitgliederzahlen von 200 und weniger (vgl. CACHAY 1988, 220). Boßelvereine hatten dieselben Orientierungen und strukturellen Merkmale. Sie waren die Sportvereine auf dem Lande und hatten wenig Konkurrenz durch andere Sportvereine.

Erst ab den späten 50er Jahren veränderte sich die Situation. Die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten hatten sich verbessert, das Einkommen, der Lebensstandard und die Konsumbereitschaft hatten sich erhöht, die Arbeitszeit nahm ab und die Freizeit dadurch zu. (Vgl. PETZINA 1982, 745-746 und BOHUS 1986, 155)

Der Sport reagierte auf die gesellschaftlichen Veränderungen mit strukturellen Veränderungen und erweiterter Sinngebung. Neben der Leistung kamen die Funktionen des Sports als sinnvolle Freizeitbeschäftigung mit Möglichkeiten zur Entspannung, Vergnügen und Geselligkeit sowie zur Verbesserung des Gesundheitszustand dazu. Die Vereine öffneten sich für breite Bevölkerungsschichten, indem sie strukturelle Änderungen vornahmen: Sie boten mehrere Sportarten an und wurden so größer und zu Mehrspartensportvereine, sie änderten die Form der Mitarbeit, indem sie neben dem Ehrenamt auch vermehrt bezahlte Übungsleiter und Funktionäre zuließen, und sie lockerten die Teilnahmebedingungen, indem eine Mitgliedschaft nicht mehr zwingend erforderlich war und Kurse angeboten wurden (vgl. CACHAY 1988, 222-225).

Die Boßelvereine konnten und wollten solche Strukturänderungen nicht vornehmen. Sie blieben traditionelle Kleinvereine mit dem Ehrenamt und ihrer einen Sportart; sie hatten fortan einen schweren Stand gegen die Sportvereine, deren Mitgliedszahlen in die Höhe schnellten . Die Mitgliederzahlen der Boßelvereine dagegen stagnierten bzw. gingen sogar leicht zurück . Die Boßler bemerkten die Veränderungen beunruhigt, die Ursachen wurden schnell ausgemacht: die „Vielgestaltigkeit der anderen Sportarten“ (VOIGT 1957, 2), die „wesensfremden“ (VOIGT 1960a, 3) und „unnatürlich gewordenen“ (BAUMANN 1957, 1) Sportarten, der „König Fußball“ (LÜCH OP! 1962a, 2), „Veranstaltungen, zu denen sich unsere Jugend mehr hingezogen fühlt“ (LÜCH OP! 1959a, 4), „dat Fernsehn“ (LÜCH OP! 1961c, 2) und überhaupt „toveel Nies“ (LÜCH OP! 1961c, 1).

Man war sich nicht einig wie man reagieren sollte, um den Erhalt des Boßelspiels zu sichern und so wurden verschiedenartige Strategien im Kampf gegen den Sport verfolgt.

Eine Strategie war die strikte Abgrenzung zum Sport: Das Boßeln sei keine Sportveranstaltung, sondern ein Dorffest, welches mit Festumzügen, Tanz und Geselligkeit gefeiert werde und Teil der dörflichen Gemeinschaft sei (vgl. TÖDT 1990, 153-155). Die Abgrenzung zum Sport äußerte sich auch in der Hinwendung zur Brauchtums- und Heimatpflege: „Nicht Sport im üblichen Sinne, sondern ein in der Landschaft verwurzeltes Spiel der Gemeinschaft solle das Boßeln sein“ (LÜCH OP! 1957e, 1) war die Meinung des Verbandsvorsitzenden Dunklau in einer Ansprache zum Unterverbandsfest 1957 in Dithmarschen. Diese Orientierung manifestierte sich in der Zusammenarbeit des Boßelverbandes mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund und 1960 schließlich mit einem korporativen Beitritt zu diesem .

Eine andere, gegensätzliche Strategie war die Annäherung an den Sport: Es wurde z.B. laut darüber nachgedacht, ob ein Anschluss an den Landessportverband vollzogen werden sollte, „da es sich bei diesem Spiel um eine Sportart handele“ (LÜCH OP! 1960, 4); in Süderdithmarschen verordneten einige Vereine einheitliche Sportkleidung, um äußerlich die Nähe zum Sport zu demonstrieren . Die Bedeutung des Boßelns als Breitensport wurde oft hervorgehoben und die Breitenarbeit als Mittel zur Erhaltung des Spiels gesehen . Auch stand man vielerorts einer Kooperation mit den Sportvereinen aufgeschlossen gegenüber. Das zeigte sich in der gegenseitigen Teilnahme bei Feiern oder in Freundschaftswettkämpfen mit Sportvereinen („Büsumer Fußballer gegen Büsumer Boßelverein“ (LÜCH OP! 1964, 4)). Man ermöglichte jungen Sportlern, an mehreren Sportarten teilzunehmen: das „Abwerfen“ z. B. ermöglichte ihnen vor dem eigentlichen Wettkampf ihre beiden Würfe zu machen; danach waren sie frei und konnten z. B. Fußball spielen. Eine direkte Konkurrenzsituation wurde so versucht zu vermeiden.

Eine dritte Strategie schließlich war der Versuch, Lehrer für den Boßelsport zu gewinnen. In Dithmarschen und Eiderstedt fand man viele Lehrer, die sich engagierten. Auch den Kreisschulrat, den Kreislehrerverein und viele Rektoren konnten die Boßler in Eiderstedt für ihre Sache gewinnen . Folgen waren ein regelmäßiges Üben im Rahmen der Sportstunden und Boßeln als Disziplin bei den Bundesjugendspielen . Weniger erfolgreich waren die Bemühungen in den anderen Gebieten: Die Lehrer der Kreise Husum (Unterverband Norden) und Steinburg verstanden größtenteils nichts vom Boßeln und interessierten sich auch nicht dafür (vgl. LÜCH OP! 1962b, 3). Das hatte Folgen für die Boßler in diesen Kreisen: Die Jugend fehlte, die Mitgliederzahlen nahmen ab, viele Vereine mussten ihre Vereinsarbeit einstellen („Traurig stimmt uns geradezu die Tatsache, daß fünf Vereine sich sang- und klanglos aufgelöst haben. Auch die übriggebliebenen sechs Vereine des Unterverbandes [Norden] zeigen einen rapiden Mitgliederschwund“ (LÜCH OP! 1959a, 4)). Der Unterverband Steinburg hatte unter noch größeren Folgen zu leiden: Erst starb der für diese Region typische „Schunk“-Wurf mit kleineren Kugeln („Steinburg wirft künftig mit der 500-Gramm-Boßel bei offiziellen Veranstaltungen“ (LÜCH OP! 1962c, 1)) und dann löste sich 1964 der Unterverband, der zu der Zeit nur noch aus zwei Vereinen bestand, auf .

In Dithmarschen und Eiderstedt dagegen fruchtete besonders die dritte Überlebensstrategie. Das Engagement der Lehrer hatte zur Folge, dass es mit dem Boßeln „weiter bergauf“ ging (LÜCH OP! 1963, 2). Das Boßeln wurde dort in dieser Zeit stabilisiert und erhalten.



Abb. 6: Boßler in einheitlicher Sportkleidung


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