Boßeln in Schleswig-Holstein (9) 9. Kontakt zu ähnlichen Lokalsportarten im In- und Ausland (1965 - 1975)

Der Wiederaufbau der Wirtschaft war bis Mitte der 60er Jahre abgeschlossen. Es war eine Wohlstandsgesellschaft mit einem hohen Lebensstandard entstanden. Die Geschwindigkeit der Entwicklung zur Wohlstandsgesellschaft war so schnell, dass GEIßLER den Begriff „Wohlstandsexplosion“ für gerechtfertigt hält. Diese ist besonders gekennzeichnet durch einen starken Anstieg des Volkseinkommens pro Kopf und der Nettoreallöhne und -gehälter aller Arbeitnehmer. Die Wohlstandsexplosion kam auch besonders dem Lebensstandard der wirtschaftlich schwachen Schichten zugute. Mit der Steigerung des Einkommens hatten sich die Lebensbedingungen verbessert: die Größe und Qualität der Wohnungen nahm zu, Konsumgüter wie Auto, Waschmaschine, Telefon und Fernseher waren bald in fast jedem Haushalt vorhanden, Freizeit und Urlaub wurden zu wichtigen Faktoren des gesellschaftlichen Lebens. (Vgl. GEIßLER 1996, 45-55)

Die ökonomischen Bedingungen waren geschaffen für ein Hinausblicken der Boßler über den regionalen „Tellerrand“. Auch das Mehr an Freizeit und die Verbesserung der Verkehrs- und Kommunkationssituation hatten Anteil an dem erwachenden Interesse, mit ähnlichen Lokalsportarten im In- und Ausland in Kontakt zu treten. Die deutsche Außenpolitik gab schließlich mit ihrer großen „Europaeuphorie“ neben der wirtschaftlichen europäischen Integration auch Impulse für eine kulturelle europäische Integration. 1957 wurde die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ (EWG) gegründet, 1967 schlossen sich die europäischen Institutionen Montanunion, EURATOM und EWG zur „Europäischen Gemeinschaft“ (EG) mit gemeinsamen Organen zusammen. Die EG wuchs in der Folgezeit sowohl in der Anzahl der Mitgliedsländer als auch in der Größe der Macht und Befugnisse und kam der angestrebten politischen Union näher (vgl. MÜLLER 1996, 358-359; 400-402; 474-475).

In Zusammenhang mit der angesprochenen kulturellen europäischen Integration suchte auch der Sport, seine europäischen Kontakte zu intensivieren. Angesprochen seien hier europäische Vereinigungen wie z. B. die UEFA (United European Football Association), die jetzt verstärkt europäische Wettbewerbe ins Leben riefen.

Auch für die Boßler war es die Zeit der europäischen Integration. Der Kontakt zu den niedersächsischen Klootschießern wurde ab 1960 intensiviert. Davor stand man zwar schon in Verbindung, aber die ökonomischen und allgemeinen Lebensbedingungen ließen nur sporadische gemeinsame Wettkämpfe zu - bis dahin fanden nur drei gemeinsame Wettkämpfe des schleswig-holsteinischen Boßelverbandes mit dem Friesischen Klootschießerverband (FKV) statt: 1903, 1930 und 1938. Das Klootschießen ist eine mit dem schleswig-holsteinischen Boßeln verwandte Sportart, die in den niedersächsischen Landschaften Oldenburg und Ostfriesland betrieben wird. Prinzipiell unterscheidet sich das Klootschießen vom Boßeln nur durch die Wurfart. Die Klootschießer wenden einen Wurf an, der mit dem ausgestorbenen steinburgischen „Schunk“-Wurf vergleichbar ist: Die Kugel wird durch Kreisdrehung des Armes beschleunigt und fortgeschleudert. Zur Unterstützung benutzen sie ein Sprungbrett. Die gemeinsamen Wurzeln und die großen Ähnlichkeiten - der Kloot der Klootschießer ist nur 25 Gramm leichter als die Boßel der Boßler und hat denselben Durchmesser - lässt ohne große Probleme gemeinsame Wettkämpfe zu. Ab 1960 fanden und finden regelmäßig fast jährlich Wettkämpfe zwischen dem VSHB (Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler) und dem FKV statt. Aber auch unterhalb der Verbandsebene gab es regelmäßige Treffen wie z. B. Landesverband Oldenburg gegen Unterverband Eiderstedt, oder auch Treffen zwischen einzelnen Vereinen.

Die Initiative zu internationalen Kontakten ging von holländischen „Klootschietern“ aus. Das „Klootschieten“ der Holländer lässt allein schon durch den Namen eine Nähe zum deutschen Klootschießen vermuten. Diese Vermutung bewahrheitet sich. Das „Klootschieten“ in Holland ist jedoch nicht so vereinheitlicht wie das Klootschießen in Niedersachsen. Es existieren noch verschiedene Wurftechniken und Klootgrößen (vgl. POORTHUIS 1978, 110-126). Die ersten internationalen Kontakte reichen in das Jahr 1934 zurück. Diese Kontakte waren jedoch noch nicht verbandsmäßig geplant und organisiert, sondern basierten auf privatem Engagement. Der Klootschieter J. P. Poorthuis aus Losser/Holland las in der Zeitung vom Klootschießen in Ostfriesland, nahm Briefkontakt auf und fuhr noch im gleichen Jahr (per Fahrrad!) mit einer Wettkampfmannschaft nach Jever . Der Kontakt nach Schleswig-Holstein ging ebenfalls von Losser aus. Bereits kurz nach dem Krieg (1949) nahm man Kontakt zu einem Boßelverein in Wilster auf . Auch vom bowl playing in Irland hatte Poorthuis in der Zeitung gelesen und stand ab 1952 mit irischen bowl playern in Kontakt, der 1965 nach langjährigem Briefwechsel in einer Fahrt nach Irland gipfelte (vgl. SCHRÖDER 1988, 117-118). Die erste Nachricht über die Existenz von irischen „Boßlern“ erreichte Schleswig-Holstein 1961. In der Verbandszeitschrift „Lüch op!“ wird im Heft 5 1961 das erste Mal vom „Boßeln in Irland“ berichtet, in folgenden Ausgaben wurde die Berichterstattung fortgesetzt. Das bowl playing ist ein Wettbewerb „Mann gegen Mann“, der auf der Straße mit 28 Unzen (=794,5 g) schweren Eisenkugeln ausgetragen wird. Der Mann, der das ausgemachte Ziel mit der kleinsten Anzahl von Würfen erreicht, ist Sieger. Begleitet wird das Spiel von einer großen Anzahl von Zuschauern, die auf den einen oder anderen Teilnehmer Geld wetten (vgl. CROWLEY 1961a, 4; 1961b, 4; 1961c, 4).

Dieses Netz an Privatkontakten war schließlich Grundlage für eine beginnende Verständigung zwischen den Verbänden, die eine erste internationale Begegnung zwischen den Verbänden L.K.F. (Losserse Klootschietersfederatie/Holland), BC (Bol Chumann Na h-Eireann/Irland), FKV und VSHB im Jahre 1969 in Losser zur Folge hatte. Für diesen Wettkampf wurden Spielregeln festgelegt. Es wurden regionale Eigenarten der verschiedenen Spiele beibehalten und jeweils als eigenständige Wettbewerbe angeboten: der Feldkampf nach Art der Holländer, der Straßenkampf nach Art der Iren und der Standkampf nach Art der Deutschen (wahlweise mit schleswig-holsteinischer oder niedersächsischer Wurfart). Noch während des Treffens vereinbarte man weitergehende Zusammenarbeit und gründete die I.B.A. (International Bowlplaying Association). Von da an wurden regelmäßig internationale Wettkämpfe veranstaltet (1970 in Cork/Irland, 1972 in Garding/Schleswig-Holstein, 1974 in Jever/Niedersachsen, 1977 in Cork/Irland und 1980 in Tubbergen/Holland). Ab 1980 pendelten sich die internationalen Begegnungen in einen Vier-Jahres-Rhythmus ein. (Vgl. SCHRÖDER 1988, 117-134) Das Boßeln erhielt eine neue Dimension. Die Aussicht auf internationale Wettkämpfe, die auch „Europameisterschaften“ genannt werden, war und ist ein großer Anreiz für viele Boßler.



Abb. 7.: Irisches Straßenboßeln in Schleswig-Holstein


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