William Shakespeare
siene Sonette
up platt
Renate Wüstenberg hat in den vergangenen Jahren William Shakespeares sämtliche 154 Sonette ins Plattdeutsche übertragen. Die Edition wurde von der Fritz Reuter Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern vorbereitet und ist im Sommer 2002 im Hinstorff Verlag Rostock erschienen.
Nachstehend können Sie lesen, was in der Presse aus diesem Anlass veröffentlicht wurde. Als eine kleine Kostprobe sollen auf der nächsten Seite das 18., 76. und 130. Sonett ihren Platz finden.
Weitere Sonette finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls für Britische Kultur der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. In die Datenbank "Gesamtbibliographie: Shakespeares Sonette in Deutschland" wurden das 18., 23., 55., 60., 73., 87., 97., 116., 129. und 130. Sonett aufgenommen.
Prof. Jürgen
Grote, Präsident der
Fritz Reuter Gesellschaft,
gegenüber der Ostsee-Zeitung am 17. August 2002:
Am Sonnabend, 31. August, werden die Stadt Neubrandenburg und die Fritz Reuter Gesellschaft eine Jubiläumsfeier im Ratssaal veranstalten. Neben Referaten zur Arbeit der Gesellschaft und ihrer Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt sollen als besondere Überraschung die im Hinstorff Verlag erschienenen Übersetzungen der Shakespeare-Sonette in das Niederdeutsche von Renate Wüstenberg mit den zugehörigen Illustrationen von Werner Schinko vorgestellt werden.
Buchkritik im "Nordkurier" vom 5. September 2002
Make
thee another self for love of me,/
That beauty still may live in thine or thee.
War
en ganz nieger Minsch - för di un mi,/
dat eis wat Schöns tauhus sin kann in di!
Gib mir zu Liebe dir ein andres Ich,/
daß Schönheit lebt für dieses und für dich.
Diese Verszeilen sind dem 10. Sonett von William Shakespeare entnommen. Einmal
von Renate Wüstenberg ins Plattdeutsche, das andere Mal von Karl Kraus ins
Hochdeutsche übersetzt. Auch wer das Plattdeutsche nicht beherrscht, vermag zu
ermessen, wie nahe die norddeutsche Mundart in Wortlaut und Klang dem englischen
Original kommen kann - im Gegensatz zur Krausschen Übertragung. Durch seine
Entstehung in den Siedlungsgebieten der Sachsen (heutige Niederlande) um das 9.
Jahrhundert liegt das Plattdeutsche dem Englischen sprachgeschichtlich näher
als dem Hochdeutschen. Insofern ist die Übertragung von William Shakespeares
Sonetten ins Plattdeutsche, die Renate Wüstenberg jetzt erstmals vorgelegt hat,
eine Art Zeitreise, die geschichtliche Wurzeln zweier Sprachen bemüht, um sich
Verwandschaften von Phonetik, Sprachwitz, Wortspielen und Mehrdeutigkeiten zu
bedienen.
Die im vorpommerschen Jarmen geborene Theologin, die in Berlin als
Religionslehrerin tätig ist, kam über die Ähnlichkeiten der Sprachmelodie zu
diesem Projekt. Eine solche Prämisse ist dem Text anzumerken, und eine
zweisprachige Ausgabe hätte sich hier angeboten. Ein wundervolles Beispiel, wie
die Identität von "uns’ leew Mudderspraak" über den Umweg eines Stücks
großer Weltliteratur gestärkt werden kann. Der Grafiker Werner Schinko hat zu
den Sprachbildern eine eigene Bildsprache gefunden.
Renate
Wüstenberg hat alle 154 Sonette des großen englischen Dichters
ins
Niederdeutsche übersetzt
|
Von GERD RICHARDT
Zwei Damen, fasziniert
von Shakespeares Sonetten: Übersetzerin Renate Wüstenberg (oben)
und das von Werner Schinko gezeichnete Mädchen aus dem Buch. |
|
Berlin (OZ) "Foll'n mi de Klüsen tau, kann 'k bäder seihn ..." - In der Nacht des 13. Februar 1997 war Renate Wüstenberg aufgewacht, und hatte Shakespeares Sonett Nr. 43 (When most I wink, when do mine eyes best see) komplett auf Plattdeutsch vor Augen, so berichtet die Berlinerin. Das war der Anfang. Bis 1999 hatte sie es geschafft, erstmals sämtliche 154 Sonette von William Shakespeare (1564 - 1616) in das Niederdeutsche zu übertragen. Solide geheftet und mit zahlreichen Illustrationen von Werner Schinko erscheinen sie jetzt im Hinstorff Verlag Rostock in Buchform.
Von einem Shakespeare-Lesebuch war sie angeregt worden, sich an der Übersetzung des Sonetts Nr. 43 zu versuchen, erzählt sie. Zuerst habe sie es auf Hochdeutsch probiert. Doch wie von selbst habe sich während der Arbeit, von Wortlaut und Klang der Shakespearschen Originaltexte wachgerufen, das Plattdeutsche in Erinnerung gebracht.
Dass sich dann dann die Mundart als so gut geeignet herausstellte, hat mich überrascht, erinnert sie sich. Von 1984 bis 1994 arbeitete Renate Wüstenberg (Jahrgang 1953) als Religionslehrerin in Berlin. Theologie hat die in Jarmen Aufgewachsene im nah gelegenen Greifswald studiert. Beim Vikariat im Lieper Winkel auf Usedom kam ihr zugute, dass auch bei ihr zu Hause viel Platt gesprochen wurde: "Süss wier ick dor nich klorkamen." Ihr plattdeutscher Wortschatz sei hauptsächlich von der Oma geprägt, die aus Mecklenburg-Strelitz stammte, längere Zeit in Bremen arbeitete und sich schließlich in Vorpommern niederließ.
"Hätte Oma das als gutes, natürliches Platt akzeptiert? Bis ich diese Frage für mich bejahen konnte, habe ich an meinen Fassungen der Sonette gefeilt. Manche wurden 30 bis 40 Mal überarbeitet", berichtet sie. Was sich gelohnt hat, denn die jetzt abgedruckten plattdeutschen Texte im strengen Sonett-Maß wirken an keiner Stelle unnatürlich.
20 Sonette hatte sie übertragen, da testete sie die in ihrem Freundeskreis aus. Überraschend kam Resonanz von Wolf Biermann, dem man ein Exemplar zugespielt hatte. Er riet unbedingt zum Weitermachen. Der Poet, der selbst mit der Übersetzung der Shakespeare-Sonette ins Hochdeutsche befasst ist, riet unbedingt zum Weitermachen. Das spornte natürlich aufs Neue an.
50 Gedichte waren fertig, als die Schweriner Fritz-Reuter-Bühne bei Renate Wüstenberg anrief. Dramaturg Manfred Brümmer sorgte dann für ein Novum im niederdeutschen Theater: Eine Auswahl von 30 Shakespeare-Sonetten gelangte am 19. März 1999 zur Bühnenpremiere. Der Abend in der Regie von Birgit Susemihl erlebte mehrere Aufführungen in Schwerin und Putbus. Ein beachtlicher Erfolg. Bei einer Teilübersetzung wollte sie nun nicht mehr stehen bleiben.
70 Texte - erste Erschöpfung. Büst du oewer 'n Hund kamen, kümmst du ok oewer 'n Stert, gab sie sich einen Ruck. "Ich habe nachher schon in 14 Zeilen geträumt, in fünfhebigen Jamben gesprochen", lächelt sie.
Wofür das alles, wer liest so etwas? Solche Fragen seien ihr erst gekommen, als auch das letzte der 154 Sonette sich dem Plattdeutschen gefügt hatte. Die in Neubrandenburg ansässige Fritz Reuter Gesellschaft aber nahm sich der Sache an: sie holte Experten-Voten wie das des renommierten Literaturwissenschaftlers Professor Ulf Bichel ein und gewann das Kultusministerium in Schwerin, die Veröffentlichung zu fördern. So ließ sich auch der Hinstorff Verlag für das ungewöhnliche Buch-Projekt begeistern.
Jetzt erst recht die Frage: Wer braucht Shakespeares Sonette auf Platt? "Werner Schinko war nicht der einzige, der mir gestanden hat, mit Hilfe meiner 'plattdeutschen Brücke' erstmals einen Zugang zu diesen Sonetten gefunden zu haben", sagt die Übersetzerin. Sie selbst sei beim Eindringen in die Gedankenwelt des Elisabethanischen Dichters immer stärker von der Heutigkeit seiner Gedankenwelt beeindruckt worden. Aus vielen Sonetten sprechen Lebenslust und Verantwortung, sagt sie und hofft, mit ihrer Arbeit sowohl William Shakespeare als auch ihrem geliebten Platt neue Freunde zu gewinnen. "Und wenn mancher nur ein einziges Sonett für sich entdeckt und gut findet, ..." , wünscht sich Renate Wüstenberg.