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Krieg - Revolution - Inflation
Der Apotheker in der Krise 1914-1923

In Deutschland stellte nach dem ersten Weltkrieg die Inflation eine Periode des wirtschaftlichen Chaos dar, deren soziale und politische Konsequenzen wesentlich für die Instabilität der Weimarer Republik sein sollten. Die Ursache hierfür war das gleichzeitige Einströmen von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umwälzungen, die alles bisher Bekannte und Erreichte in Frage stellten. Besonders getroffen fühlte sich dabei der Mittelstand. Am Beispiel des Apothekers und der Apotheke soll gezeigt werden, welche Fakten und Emotionen diese bewegte Zeit auszeichneten.

Eine sorgfältige Erfassung und Analyse erscheint dabei unabdingbar, um die Klagen der Apotheker einer kritischen Bewertung unterziehen zu können. Besonders gilt dies für die Angaben über Einkommen und Vermögen. Inwieweit die Kommentatoren jener Zeit - die von einem "erschütternden Drama" sprachen - Recht haben, ist angesichts des gleichzeitigen Anstiegs der Apothekenzahl völlig offen. Ein echte Krisensituation hätte eigentlich das Gegenteil bewirken müssen.

Zunächst soll für eine genauere Analyse der Rahmen der einzelnen Perioden kurz abgesteckt, danach die Apotheke als Wirtschaftsunternehmen analysiert und abschließend die sozialen Anpassungsprozesse der sozialen Gruppe der Apotheker betrachtet werden.

Die historische Entwicklung

1914 brach mit dem Krieg eine gravierende Umgestaltung der gesamten Wirtschaft aus. Der nationale Taumel verdeckte zunächst grundlegende wirtschaftliche Probleme der Isolierung Deutschlands. Ihre Folgen, Rohstoffmangel und Preisanstieg, sollten durch die systematische Gestaltung der Kriegswirtschaft als eine Planwirtschaft unterdrückt werden.

Für den Apotheker zeigten sich recht bald konkrete Probleme:

- gravierende Personalengpässe durch die Einberufungen zum Militär,

- Warenknappheit, der zur Substitution vieler ausländischer Produkte zwang,

- das umfassende Bündel der staatlichen Preisdämpfungsmaßnahmen als das größte Problem.

Zu diesen gehörten

- Wuchergesetze, die der Spekulation einen Riegel vorschieben sollte,

- die Bewirtschaftung, d.h. die staatliche Mengen- und Preiskontrolle von Gütern (z.B. Fette, Öle, Spiritus, Äther),

- Richtpreise als milde Form einer Preisbeschränkung,

- Höchstpreise für Waren im Nebensortiment,

- die Preise der Arzneitaxe mit der Bewertung als Höchstpreis.

Die Überschreitung der Höchstpreise hatte empfindlichste Strafen zur Folge. Die logische Folge dieser rigiden Preisbeschränkungen war das Ausweichen auf den Schwarzmarkt, wo teilweise exorbitante Preise für wichtige Arzneimittel erzielt wurden (Beispiel Salvarsan).

Die Novemberrevolution fegte schließlich die alten Machtstrukturen des Kaiserreichs hinweg, die politischen Verhältnisse kehrten sich von unten nach oben. Die Apotheke als kapitalistisches Unternehmen stand logischerweise ganz oben auf den Sozialisierungslisten von (Links-)Parteien und Regierung

Als Konsequenz rückte der Stand rasch eng zusammen. Man einigte sich auf die Personalkonzession als Ziel für eine neues Apothekenwesen. Gewinner dieser Periode waren eindeutig die Apothekenangestellten. Die Revolution führte zu einem merklichen Machtgewinn dieser Gruppe. Sie wurden nun als Partner ernst genommen und konnten neben der Personalkonzession vor allem Tarifverträge durchsetzen

Weitere Konsequenzen hatte die Revolution aber nicht, denn die Sozialisierungsbestrebungen versackten schließlich stillschweigend.

Krieg und Revolution überdeckten einen für die wirtschaftliche Entwicklung ganz wichtigen Prozeß: Die Inflation. Für die damalige Inflation gab es zwei dominierende Ursachen: 1. der Warenmangel im Krieg, und 2. griff die Regierung nach dem Kriegsende wegen der Kriegsschulden zur Notenpresse.

Man unterteilt ganz grob 3 Phasen der Inflation:

- den 1. Schub, der bereits Preissteigerungen von mehreren 100 % brachte,

- eine Ruhepause mit zurückgehenden Preisen,

- und die eigentliche Hyperinflation mit ihrem bekannten Gesicht.

Wichtig ist, daß sowohl Inflation wie auch Preiskontrollen schon kurz nach Kriegsbeginn einsetzten. Aus heutiger Sicht ist das Phämomen der Inflation bekannt und verständlich. Für die Zeitgenossen war die Inflation aber ein viel langsamerer und völlig unverständlicher Vorgang. Gerade dieser schleichende Anpassungs- und Lernprozeß ist es aber, der diese Zeit so spannend und interessant macht.

Ein wichtiges Beispiel ist die Illusion, daß die Mark noch die alte Mark sei. Sie blieb bis 1922 in der Rechtssprechung erhalten. Dies hatte insbesondere die Konsequenz, daß in Verbindung mit der Wuchergesetzgebung jegliche Steigerung der Handelsspanne oder Gewinne hart bestraft wurde, d.h. wenn der Apotheker 1913 eine Mark an einer Salbe verdient hatte, hätte er bei strikter Auslegung 1922 auch nur eine Mark verdienen dürfen! In der Praxis verfuhr man etwas großzügiger, dennoch lauerte bei fast jedem Verkaufsvorgang die Angst vor dem Richter.

Insofern ist die 1. Phase nach die wichtigste Phase, denn in ihr fanden die grundlegenden strukturellen Verschiebungen statt, die später nie mehr rückgängig gemacht werden konnten.

Die Apotheke als Wirtschaftsunternehmen

Nach dem Überblick über die historischen Phasen soll nun die Apotheke als Wirtschaftsunternehmen betrachtet werden. Hierzu soll eine Analyse der wichtigsten Faktoren für das Wohlergehen der Apotheke und seines Besitzers erfolgen. Dies sind

- die Erlöse, wesentlich bestimmt durch staatliche Kontrolle,

- die Kosten, maßgeblich abhängig vom Einkommen der Angestellten,

- die Gewinne als Ergebnis von Einnahmen und Ausgaben,

- die Auswirkungen auf den Wert des Unternehmens.

Den stärksten Einfluß auf die Einnahmen hatte der Staat und seine Behörden, insbesondere das Reichsgesundheitsamt, durch die Kontrolle der Taxe. Sie hatten große Probleme mit dem Bereich der Arzneimittelpreise:

- nach dem Prinzip Mark = Mark durften die Gewinne nicht ansteigen,

- die wirtschaftliche Situation der Apotheke war ihnen völlig undurchsichtig,

- vor allem aber sollte der Konsument im sensiblen Bereich der Arzneimittelpreise geschützt werden.

Die Arzneitaxe entwickelte sich daher zu einer strangulierenden Zwangsjacke für den Apotheker:

- Jede Überschreitung der Preise war nach der Wuchergesetzgebung strafbar,

- die Taxe dagegen konnte trotz zahlloser Versuche nicht der zunehmenden Preissteigerung angepaßt werden,

- selbst die Umstellung auf ein Indexsystem brachte kaum Hilfe.

Insgesamt war die Arzneitaxe praktisch den gesamten Zeitraum nicht marktgerecht, die Verkaufspreise lagen häufig unter dem Einstandspreis und die Einnahmen sackten herab. Lassen wir zu diesem Thema einen Zeitgenossen zu Wort kommen:

"Die Behörden, die noch in der heutigen Zeit, wo alle Werte und Preise, wie von einem steten Wirbelsturm herumgepeitscht, von Stunde zu Stunde sich ändern, einem einzelnen Stande die Verkaufspreise jedes einzelnen seiner vielen hundert Artikel durch besondere Taxen glauben vorschreiben zu können, sind vergleichbar einem Menschen, der versuchen wollte, mit dem Lichtstrahl einen Wettlauf zu unternehmen."

Besonders im besetzten Ruhrgebiet griffen die Apotheker daraufhin zur Selbsthilfe, und führten - natürlich absolut gesetzeswidrig - eigene Taxen ein.

Das dramatische Absinken der Einnahmen belegen die gut dokumentierten Zahlen der Krankenkassen. Im 1. Weltkrieg gab es kaum Taxerhöhungen - die Einnahmen der Apotheker sanken damit langsam aber sicher. 1919 brachte eine Beschleunigung der Inflation und damit einen totalen Zusammenbruch. 1920/21 stabilisierten sich die Einnahmen etwas, 1922 gingen sie wieder merklich zurück und erst Ende 1923 setzte eine spürbare Erholung ein.

Diese Gesamtzahlen verdecken allerdings, daß es regional zwischen den einzelnen Staaten und zwischen Stadt- und Landapotheken gravierende Unterschiede innerhalb der Standes gab.

Sinkenden Einnahmen stand auf der Kostenseite der große Block der Lohneinkommen der Angestellten gegenüber. Im 1. Weltkrieg gab es kaum Änderungen der Nominallöhne, was real (also in Bezug auf die Kaufkraft) schon einen spürbaren Rückgang bedeutete. Die Tarifverträge 1919 hoben zwar die Nominalgehälter leicht an, führten aber durch den Kaufkraftverlust zum entscheidenden Zusammenbruch der Realgehälter. Tarifkommissionen und Schlichtungssystem führten 1920 zur Anlehnung an Beamtengehälter. Dadurch war eine automatische Anpassung der Angestellteneinkommen möglich - nicht immer zur Freude der Apothekenbesitzer. Bezieher höherer Einkommen gewannen interessanterweise im Verlauf der Inflation gegenüber den jüngeren Angestellten (offensichtlich setzte sich das Eigeninteresse der Standesvertreter auch hier durch).

Bei sinkende Einnahmen und steigenden Kosten sind die Folgen für den Apotheker absehbar. Schon im Weltkrieg und besonders 1919 gab es einen starken Rückgang der realen Gewinne. Handelspanne und Gewinn in Papiermark dagegen blieben im Schlüsseljahr 1919 durch die niedrig bleibenden Lohnkosten praktisch gleich, so daß der Einbruch den Zeitgenossen nur schwer erkennbar war. Die Stabilisierung 1920/21 mit der Anpassung der Taxe führte auch zu einer Stablisierung der Gewinne.

In der Hyperinflation wurden die Krankenkassenzahlungen entwertet, da die Lieferung immer noch weitgehend auf Rechnung erfolgte. Die Arzneitaxe veraltete innerhalb von Tagen oder gar Stunden. Die Folgen waren eine sinkende Handelsspanne, der Verkauf unter dem Einstandspreis und ein bedrohlicher Umsatzrückgang. Die Konsequenz war eindeutig: auf jeden Fall Verluste für den Apotheker.

Dieser verdiente selbst in der Stabilisierungsphase 1921 nicht gerade fürstlich:

Der Handelsgewinn sinkt mit Apothekengröße, da zunehmend Angestellte beschäftigt werden und in den Zahlen kein Unternehmerlohn eingerechnet ist. Mit zunehmender Größe enthält der Gewinn einen zunehmenden Anteil aus der inflationären Höherbewertung des Lagers, die aber keine Steigerung des verfügbaren Einkommens bedeutete.

Mit einem Durchschnittseinkommen von 2060 Mark lag der Apothekenbesitzer etwa 50 % über dem Angestellten. Die Kaufkraft entsprach bei diesem Gewinn den Einnahmen eines Angestellten vor dem Weltkrieg. Die aktuelle Einkommensentwicklung war also eindeutig unbefriedigend.

Auch bei seinem Vermögen, der Apotheke, mußte der Apotheker Einbußen hinnehmen: Sinkende Lagerbestände während der Hyperinflation bedeuteten einen merklichen Substanzverlust, und der Geschäftswert war nach der Inflation merklich niedriger als in der Vorkriegszeit. Seine Gewinne fielen dem Apotheker dagegen kaum ins Auge: vor allem die Entlastung der oft hochverschuldeten Betriebe ist hier anzuführen.

Die sinkenden Einnahmen und rückläufigen Betriebsergebnisse führten zu einer deutlichen Verhaltensänderung:

- die Zahl der Verkäufe ging drastisch zurück

- parallel dazu stieg die Zahl der Apothekenverwalter spürbar an.

Soziale Prozesse

Bei objektiver Betrachtung war die wirtschaftliche Lage also sicher negativ, aber keineswegs übermäßig dramatisch. Das subjektive Empfinden war dagegen ganz anders.

In der ersten Phase stand der Wunsch nach Einheit im Stand klar im Vordergrund. Der Konsens zeichnete sich durch gemeinsamen Kampf von Besitzern und Angestellten gegen Sozialisierung aus. Besitz- und Einkommensverhältnisse sollten gemeinschaftlich geregelt werden.

Einzelne Schritte auf diesem Weg waren:

- die Einigung auf die Personalkonzession,

- Tarifverträge,

- die Reform- und Entschuldungskommission, die das Prozedere des Übergangs zur Personalkonzession klären sollte,

- als logische Weiterentwicklung den Aufbau einer vereinten Standesführung in der Ada (Zusammenschluß von WVDA, VdA und DAV).

Man könnte meinen, daß damit wirklich ein festes Fundament für den Stand geschaffen wurde. Allerdings siegte nach dem Ende der Sozialisierungsgefahr prompt der Egoismus des Einzelnen.

Der Verteilungskampf, eine für die Inflation typische Entwicklung setzte ein. Der Weg vom Konsens zur Konfrontation hatte klare wirtschaftliche Gründe. Die Besitzer fühlten sich nämlich benachteiligt durch Tarifverträge und Apothekenreform.

Sie gründeten 1920 sogenannte 'Schutzverbände' zur Wahrung ihrer Rechte. Zunächst blieben sie eine kleine, belächelte Minderheit. Im November 1921 initiierten sie eine Abstimmung der Apothekenbesitzer über die Plände der AdA. 85 % schlossen sich dabei ihrer Meinung an und zerstörten damit die Basis für eine Zusammenarbeit mit den Angestellten. Am 8.3.1922 endete die AdA durch den Austritt des VdA.

1922 formiert sich der VdA daraufhin zu einer Gewerkschaft um. Mit der Wahl seiner Mittel bei der Durchsetzung höherer Gehälter blieb er nicht zimperlich, mit Erfolg, denn 1923 kann er erfolgreich die Realeinkommen steigern (Abb. 5). Die Einnahmen der Apotheker blieben 1923 gleichbleibend schlecht. Eine wenig effektive Reaktion der Besitzer war daraufhin der Ausschluß der Angestellten von den Gauversammlungen des DAV.

Was bleibt von der Krise?

Die Erlebnisse, mit denen die Apotheker in die junge Weimarer Republik gingen, waren eindeutig negativ: Vermögensverluste, die Ablehnung von Behörden und Staat, sowie Frustration und Wut. Langfristig positive Entwicklungen gingen dagegen im momentanen Empfinden unter:

- die Emanzipation der Angestellten,

- die Dämpfung des 'Apothekenschachers',

- ein zunehmender wirtschaftlicher Realismus.

Krieg, Revolution und Inflation rissen den Apotheker somit höchst unsanft aus der sicheren Klassengesellschaft des Kaiserreichs und stellten ihn vor die Existenzfrage. In seinem Empfinden mischten sich nachweisbare Einkommens- und Vermögensverluste mit dem Eindruck der Hilflosigkeit gegenüber dem offenbaren Versagen des Staates. Der Traum von der 'guten alten Zeit' war unübersehbar weit verbreitet. Unterstützung konnte die junge Republik daher von den Apothekern kaum mehr erwarten.

Quellen und Literatur:

Mentrup, Ludger: Die Apotheke in der Inflation 1914-1923. Stuttgart 1988 (Quellen und Studie zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 50)