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Die Apotheke und die Arzneimittelversorgung in
der Krise von Weltkrieg und Inflation 1914-23
Einführung
Krieg, Revolution, Inflation und Besetzung -
in diesem Spannungsbogen kamen auch die Apotheke und die ihr anvertraute
Arzneimittelversorgung nicht zur Ruhe. Schaut man sich die historische Entwicklung an, so
lassen sich im einzelnen folgende Phasen unterscheiden:
* Der Weltkrieg mit Rohstoffverknappung und
zurückgestauter Inflation
* Nach der Novemberrevolution 1918 die erste Preisexplosion
* Die Stabilisierungsphase Febr. 1920 - Mai 1921 mit sinkenden Preisen
* Die Hyperinflation ab Mitte 1921 mit ihrem fulminanten Höhepunkt 1923
* Die Besetzung des Ruhrgebiets und der Ruhrkampf 1923
Im Hinblick auf die Fragestellung der
Arzneimittelversorgung sind insbesondere der Weltkrieg, die nachrevolutionäre Phase und
der Ruhrkampf von Bedeutung. Die Zeit der Hyperinflation dagegen erscheint eher im
Hinblick auf die Standespolitik und die Arzneitaxe interessant, so daß hier auf die
Literatur verwiesen wird.
Der erste Weltkrieg
Versorgungslage
Bis Anfang 1916 kam es zu keinen gravierenden
Beeinträchtigungen, sondern nur zu einer überschaubaren Zahl von Preiserhöhungen. Als
Ursache wurde festgestellt: Von rund 400 verteuerten Arzneimitteln kamen 160 aus dem
Ausland, 35 wurden verstärkt zu Kriegszwecken gebraucht (z.B. Salpetersäure), bei 30
Preisänderungen handelte es sich um Nahrungsmittel und die Erhöhung der Spirituspreise
wirkte sich bei 140 Präparaten aus. Es blieben nur 35 Stoffe übrig, bei denen keine
Ursache für ihre Verteuerung ersichtlich war.
Auch eine Bestandsaufnahme von Arzneimitteln
durch das Kriegsministerium im Frühjahr 1916 zeigte, daß es bei zahlreichen wichtigen
Stoffen noch ausreichende Vorräte gab.
Richtpreise
Als Reaktion auf die Preissteigerungen wurde
das System der Richtpreise mit dem Charakter von Normalpreisen eingeführt. Die
Richtpreise wurden von den Hersteller vorgeschlagen und von der Behörde möglichst im
Einvernehmen gebilligt. Die Preise besaßen deswegen keinen amtlichen Charakter. Sie
wurden nicht veröffentlicht, um dem Ausland keine Preisinformationen zu geben. Eine
Kontrolle war damit dem Apotheker nicht möglich.
Die erzielte Einigung über die Höhe der
Richtpreise hielt nicht lange an. Entsprach die Behörde nicht den Forderungen nach
höheren Preisen, so verschwand die Ware aus dem Handel. Außerdem fanden die Firmen
Möglichkeiten, die vereinbarten Preise zu umgehen. So wies die Preisliste der Firma Gehe
& Co. in Dresden bei einigen wichtigen Ganzdrogen nur einen Strich auf. Die
geschnittenen Drogen, für die keine Richtpreise galten, konnten dagegen bei Zahlung bis
zum Fünffachen der Preise erworben werden.
Bewirtschaftung
Als Reaktion auf die immer häufiger
kommenden Wünsche nach Erhöhung der Richtpreise griffen die Behörden zu härteren
Maßnahmen. Man veranlaßte z.B. die Beschlagnahme der Bestände an Zitronen- und
Weinsäure durch die Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums. Für die Belieferung
der Apotheken wurde dann jeden Monat eine gewisse Menge freigegeben. Viele wichtige
Arznei- und Hilfsstoffe unterlagen einer derartigen Bewirtschaftung, z.B. Fette, Öle,
Kakaobutter, Spiritus und Äther.
Mit der weiteren Ausweitung der Richtpreise
und der Strafverfolgung von Apothekern bei Überschreiten von Preisen versuchten die
Behörden, die Preise der Arzneimittel niedrig zu halten. Ähnlich wie im allgemeinen
Wirtschaftsleben war das Ergebnis eine zurückgestaute Inflation.
Nach der Revolution
Mit der Novemberrevolution ging diese in eine
echte offene Inflation über. Die wesentlichen Instrumente der Kriegszeit bestanden zwar
weiter, jedoch war in der Praxis häufig ein Überschreiten der Preise festzustellen.
Einige Beispiele zeigen das ganze Ausmaß:
| |
Richtpreis |
Berechnet |
|
M. |
Pf. |
M. |
Pf. |
| Folia Sennae conc. |
8 |
- |
22 |
- |
(1 kg) |
| Carrageen |
5 |
50 |
64 |
- |
(1 kg) |
| Mentholum |
86 |
- |
22 |
- |
(100 g) |
| " |
86 |
- |
27 |
- |
(100 g) |
| Oleum Menth. pip. |
55 |
- |
65 |
- |
(100 g) |
Die Ursache hierfür waren die niedrigen
Preise in Deutschland und der große Bedarf des Auslands. Besonders interessante
Schmuggelgüter stellten Salvarsan, Opium, Morphium, Jod und Wismutpräparate dar. Das
Ausmaß der Preisunterschiede zeigt ein Vergleich zwischen Holland und Deutschland am
Jahreswechsel 1919/20:
| Arzneimittel |
Menge |
Holland (Gulden) |
Holland (Mark) |
Inland (Mark) |
| Adalin |
100 g |
8,6 |
155,- |
39,- |
| Luminal |
100 g |
13,5 |
243,- |
55,- |
| Pyramidon |
1 kg |
45,00 |
810,- |
240,-
|
| Morphin |
100 g |
36,00 |
648,- |
400,- |
Schleich- und Kettenhandel
Die Güterknappheit und die Preisunterschiede
förderten Spekulation und die Bildung illegaler Märkte.
Dieser Prozeß äußerte sich insbesondere in
der Zunahme des Kettenhandels. Unter Kettenhandel verstand man die unnötige Einschiebung
von Zwischenhändlern in den Verteilungsprozeß der Ware. Nach den noch geltenden
Kriegsgesetzen gab es klare Verbote für diesen Handel, z.B. für
* Arzneimittelkaufgesuche in Zeitungen ohne
Genehmigung,
* Warenangebote in Zeitschriften mit Preisen
Die Bestimmungen hinderten die Spekulanten
nicht daran, ihre Geschäfte über die pharmazeutische Presse abzuwickeln. Die Inserate
beschränkten sich auf eine kleine Auswahl von Artikeln, wie Alkaloide, Chinin, Jod- und
Bismutsalze, Silbernitrat usw. Die Gesuche erfolgten für "jedes Quantum" und
zielten oft allgemein auf alle "seltenen Drogen und Chemikalien". Eine
ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung hatten sie augenscheinlich nicht zum Ziel.
Neben dem auch von normalen
Handelsunternehmen betriebenen Kettenhandel bildeten sich auch echte Schwarzmärkte,
besonders für die Verschiebung ins Ausland.
Fälschungen
Während der Schmuggel ein rein
wirtschaftlich bedeutsames Problem darstellte, litt die Bevölkerung unter Fälschungen
und Verfälschungen wichtiger Arzneimittel, insbesondere von Salvarsan. Schlemmkreide oder
eine Mischung der beiden Scheuerpulver 'Asta' und 'Blitzblank' färbten die Betrüger mit
Ocker an und füllten sie wie das Original in zugeschmolzene Glasröhren. Die Etiketten
wurden entweder nachgeahmt oder durch Diebstahl beschafft. Mit diesen einfachen Mitteln
gelangen Kopien, die oft kaum vom Original unterscheidbar waren.
Der Vertrieb der gefälschten Arzneistoffe
erfolgte manchmal über regelrechte Organisationen. Immerhin saßen bei einem Prozeß in
Hamburg 86 Personen wegen gemeinschaftlicher Salvarsanfälschung und -schiebung auf der
Anklagebank. Für eine Beteiligung an dem lukrativen Geschäft brauchte man keine
sonderliche Vorbildung, die Fälscher kamen aus allen möglichen Berufen, z.B.
Handelsvertreter, Blumengeschäftsinhaberin, Versicherungsinspektor oder Metzger. Die
Apothekenbesitzer dagegen waren in der Regel nicht betroffen, da die üblichen Handelswege
weitgehend umgangen wurden.
Die Spekulanten blieben jedoch nicht immer
der Gewinner. Die drastisch hochgetriebenen Preise fielen am Beginn der
Stabilisierungsphase wieder völlig zusammen. Kostete ein Kilo Acetylsalicylsäure 1920 im
Januar noch 950 und im April 1400 Mark, so sank der Preis bis Ende Juni des gleichen
Jahres auf lediglich 240 Mark ab.
Die Situation der Apotheker in den besetzten
Gebieten
Die politischen Verhältnisse der
Nachkriegszeit wirkten sich am stärksten auf die Apotheker in den von den Siegermächten
besetzten Gebieten aus. Diese trennten sich im wesentlichen in drei große Gruppen, die
seit dem Weltkrieg 'altbesetzten' und die im Ruhrkampf 'neubesetzten' Gebiete, sowie die
am 8. März 1921 als Sanktionsmaßnahme eingenomenen rechtsrheinischen Städte Düsseldorf
und Duisburg-Ruhrort.
Die Reichsregierung rief als Antwort auf den
Einmarsch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet im Januar 1923 den Generalstreik der
Nation, den sogenannten 'passiven Widerstand' aus. Zu den zentralen Punkten dieser Aktion
gehörte die Weigerung der Beamtenschaft, Befehle der Invasoren anzunehmen, und die
Blockade des Eisenbahnverkehrs. Die Besatzungsmächte reagierten mit der Verhängung des
Ausnahmezustandes, der Einrichtung einer Zollinie und dem Aufbau eigener Eisenbahnlinien.
Der Abbruch des passiven Widerstandes am 26. September 1923 durch Gustav Stresemann war
allerdings nur eine Frage der Zeit.
Ruhrkampf 1923
Die zunehmende Isolierung der besetzten
Gebiete führte fast zu einem völligen Zusammenbruch der Versorgung mit Medikamenten. Das
Chaos verstärkte sich durch die sehr unterschiedliche Handhabung der
Arzneimittellieferungen durch die Besatzungsbehörden, die von der Lieferfirma, dem Sitz
des Lieferanten, dem benutzten Transportmittel, der Bahnstrecke usw. abhingen. Viele
Faktoren beruhten auf der lokalen Situation und waren kaum kalkulierbar. Die
Schwierigkeiten erstreckten sich im wesentlichen auf zwei Gebiete, das Transportproblem
und die zollrechtliche Behandlung der Sendungen.
Über die aus dieser Situation heraus
entstehenden Behinderungen der Arzneimittellieferungen berichtete die Hageda in Essen am
16. Juni 1923 folgendes:
"In einigen Fällen ist es uns
gelungen, Sendungen herein zu bekommen, fast immer aber gingen uns von den Lieferfirmen
Schreiben zu, daß die Sendungen trotz Beschwerden nicht angenommen werden könnten, weil
z.B. Station Altenessen, Essen-Nord, usw. besetzt seien. Wir haben darauf hin andere
Instruktionen gegeben und andere Bahnhöfe genannt. Zwischenzeitlich waren aber auch hier
Maßnahmen der Franzosen zu verzeichnen, so daß diese Bahnhöfe für den deutschen
Verkehr gesperrt waren. Sämtliche für uns und bereitz an uns unterwegs befindlichen
Sendungen sind aus diesem Grunde fast immer zurück gegangen."
Mit der Einführung eines Zolles für die
Einfuhr vieler Waren ab 25. Juni 1923 verschärften sich die Probleme noch. Nicht der Zoll
an sich sondern Mißbräuche führten bei der Postversendung zu der Einstellung der
Beförderung jeglicher Arzneistoffe, weil die Versender im unbesetzten Deutschland die
Vorschriften vielfach unberücksichtigt ließen und unter falscher Inhaltsangabe
zollpflichtige Waren in das besetzte Gebiet zu bringen versuchten. Infolgedessen
verschärften die Einbruchsmächte die Kontrollmaßnahmen wesentlich und gingen nach
mehrfachen Feststellungen von Zuwiderhandlungen dazu über, die gesamte Postladung, Brief-
und Paketpost, soweit es sich nicht um Lebensmittel handelte, mitsamt den Bahnpostwagen zu
beschlagnahmen und die Beamten zu verhaften.
Die Situation im Postverkehr besserte sich
erst Ende 1923. Eisenbahntransporte dagegen erfolgten bei zollfreien Waren offensichtlich
schon im September ohne Probleme.
Die Folgen der schlechten
Versorgungsverhältnisse für die Beschaffung der benötigten Waren beschrieb ein
Apotheker:
"Nach hier kommt kein Auto, kein
Postpaket mit Waren mehr, keine Großhandlung ist vorhanden, so muß ich notgedrungen
meine Waren im unbesetzten Gebiet holen. So fuhr ich am Montag nach Elberfeld zu einer
Großdrogenhandlung, um unter vielen Schwierigkeiten und Belästigungen (anstrengendste
Reise, Zollrevision usw. usw.) einen Handkoffer voll Medikamente zu holen. Alter: 60
Jahre. Gewicht des Koffers: mindestens 20-25 Kilo. Fahrt: teils Bahn, teils elektrisch,
mit vielem Aus- und Einsteigen. Fahrtkosten: 3 (drei) Billionen."
Einen besonders kritischen Punkt bildete die
Belieferung mit Spiritus. Bereits im März verboten die Besatzungsmächte jegliche Einfuhr
aus dem unbesetzten Deutschland. Es trat ein erheblicher Spiritusmangel auf, der neben
Apothekern auch die Ärzte und Hebammen traf. Wieder blieben den Behörden kaum
Möglichkeiten zur Hilfe.
Fazit
Das Ende des Kaiserreichs brachte Krieg,
Revolution, Inflation, Ruhrkampf - ein Jahrzehnt des dramatischen Umbruches begann. Trotz
allem muß klar gesagt werden, daß die Apotheker in dieser Zeit ganz wesentlich zur
ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln beigetragen haben, und
dies häufig in extrem widrigen Situationen. Gelohnt hat sich dies nicht für den
Apotheker. Wirtschaftlich ausgeblutet, sein Vermögen aufgefressen, mußte er sich oft mit
bürokratischen Vorgaben der Behörden beschäftigen, ohne daß diese ihm bei seinen
Nöten helfen konnten.
Quellen und Literatur:
Mentrup, Ludger: Die Apotheke in der Inflation 1914-1923.
Stuttgart 1988 (Quellen und Studie zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 50)
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