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Julia Deeg Ach, gäbe
es doch bloß mehr von diesen unerschrockenen Frauen und Männern, "Ich würde für Israelis das Gleiche tun" Die 21-jährige Julia Deeg aus Berlin hält sich seit über drei Wochen in Arafats belagertem Amtssitz in Ramallah auf - gemeinsam mit etwa 30 internationalen Friedensdemonstranten aus zehn Ländern. SPIEGEL ONLINE sprach heute Morgen mit ihr über die Lage und ihre Hoffungen für die deutsche Nahostpolitik.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Vorstellung, wie lange das noch so weitergehen wird? Deeg: Das hängt wirklich davon ab, wie sich die Regierungen weltweit verhalten, auch unsere. Deshalb hoffe ich heute auf klare Worte aus dem Bundestag. Dass endlich einmal eine klare Linie zu Stande kommt und wirksame Druckmechanismen entwickelt werden. Aber Deutschland hat sich bisher nicht sehr mutig gezeigt, wohl auch wegen des Vorwurfs, dass Israel-Kritik antisemitisch sei. (Das gilt auch für das feige Österreich! Anm: LK) SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Kritikern ist dieser Vorwurf ja auch berechtigt. Deeg: Ich bekomme das auch oft zu hören. Aber ich würde für Israelis das Gleiche tun. Nur sind die eben nicht in der gleichen Situation wie die Palästinenser. Ich habe heute israelischen Soldaten vor der Tür zugerufen, dass ich sehr schlimm finde, was vor 60 Jahren in Deutschland passierte. Dass es aber auch Menschen gab, die damals widersprochen haben, so wie ich jetzt widerspreche. Ich bin nicht anti-israelisch oder anti-jüdisch oder pro-palästinensisch, sondern ich bin für die Menschenrechte. (Ich weiß nicht, wie Ihr mich nach der Lektüre bisher seht, doch ich sehe es ebenso. Nur weil vielleicht mein Großvater (was in der Realität nicht der Fall war) einen Anderen gefoltert, geschändet oder ermordet hat, also Etwas getan hat, für das ich mich als Enkel schäme, habe ich nicht das Recht zu schweigen, wenn der Sohn oder der Enkel des Gefolterten, des Geschändeten oder des Ermordeten dann auch einem Anderen Böses an tut. Ja, ich muss es mir nicht ein Mal gefallen lassen, wenn ich selbst dieses Neue Opfer bin. Ich habe Nichts, aber auch gar Nichts mit den Handlungen unserer Großväter zu tun. Anm. LK) SPIEGEL ONLINE: Aber auch palästinensische Terrorgruppen begehen Morde und missachten die Menschenrechte.
SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch klare Bekennerschreiben von Selbstmordattentätern aus Organisationen im PLO-Umfeld. Deeg: Warum werden dann seit Beginn der israelischen Offensive ausgerechnet alle Polizeistationen zerstört und Computer, Karteien und Akten vernichtet? Und warum werden alle Autoritäten isoliert? Wie soll Arafat ohne funktionierende Institutionen und Polizei denn je durchgreifen können? Neben uns wurde vorgestern sogar ein Gefängnis gesprengt. SPIEGEL ONLINE: Scharon beschwört aber, dass es sich um Terroristenjagd handelt. Deeg: Ist das nicht aber in gewisser Weise Staatsterrorismus? (Und das seit mehr als 50 Jahren! Anm. LK) Es ist schlimm, wenn sich Leute in die Luft sprengen und damit unschuldige Menschen umbringen. Aber wird denn auch darüber nachgedacht, warum sich ein 16-jähriges Mädchen zu solch einer Verzweiflungstat verführen lässt? Ich muss doch nach den Ursachen fragen. Was hier passiert, hat jede zivile Entwicklung um mindestens zehn Jahre zurückgeworfen und bestärkt auf beiden Seiten die Menschen, die fundamentalistisch einem furchtbaren Glauben folgen. SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie nicht dennoch fürchten, hier für einseitige Propagandazwecke missbraucht zu werden? Deeg: Ich erlebe das Geschehen hautnah genug, um mir eine eigene Meinung bilden zu können. Also, wenn mich einer fragt, wen ich vertrete, welche Gruppe oder Richtung oder Partei, dann sage ich: Ich bin Julia. SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass die Informationen stimmen, die Sie bekommen? Deeg: Wir sind hier nicht nur abhängig von den Informationen der palästinensischen Autoritäten und sagen zu allem Juhu. Auch die Palästinenser hier argumentieren sehr kontrovers, auch mit Arafat zusammen. Jeder hat außerdem eigene Verbindungen nach draußen, um Zusatzinformationen zu erhalten. Wir empfangen auch internationale Medien. Und Informationen sichern wir prinzipiell mit eigenen Nachfragen übers Telefon ab. Natürlich ist die Wahrheit ein Puzzlespiel, aber wir melden nichts, bevor uns unabhängige Stellen einen Sachverhalt bestätigen. SPIEGEL ONLINE: Gestern war Javier Solana, der Gesandte Europas, bei Arafat. Ist daraus neue Hoffnung gewachsen?
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die Versorgung? Deeg: Wie bei einer Belagerung im Mittelalter: Wir werden ausgehungert. Vor acht Tagen kam mit einem Sanitätsfahrzeug die letzte Lebensmittellieferung. Am Sonntag hatte der französische Konsul bei einer Visite durch Zufall Pakete für ein Waisenhaus dabei mit Trockenmilch, Linsen und Babynahrung. Davon leben jetzt hier hundert Leute. SPIEGEL ONLINE: Ihre Klagen mag hier niemand so recht ernst nehmen. Sie mussten doch damit rechnen, dass es so kommt. Deeg: Rechtfertigt das, dass Leute so etwas tun? Auch als ich vor über drei Wochen mit weißer Fahne hier hergelaufen bin, wurde ich auf den letzten Metern beschossen. Was rechtfertigte diese Schüsse? Was hatte ich Illegales getan? SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie mit der Angst fertig? Deeg: Natürlich habe ich Angst. Andererseits gewöhnt man sich auch an immer krassere Situationen. Ich halte mich fest an dem Glauben, dass sie den politischen Wahnsinn nicht veranstalten wollen, das hier zu stürmen. Dann würde alles eskalieren. SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kontakt zu den israelischen Soldaten? Deeg: Hier vor dem Fenster, vor dem ich gerade sitze, sind Scharfschützen postiert, die sich hinter Sandsäcken und Vorhängen verstecken. Manchmal laden sie auch durch und legen grinsend auf uns an. Einige Male haben wir laut mit ihnen sprechen können. Auf sie zugehen können wir aber nicht, denn entweder wird geschossen oder sie versuchen uns zu verhaften. Eine Gruppe Franzosen, die vor drei Tagen das Haus verließ, war gestern immer noch in Haft. SPIEGEL ONLINE: Diskutieren Sie denn ab und zu noch Auswege mit Arafat?
SPIEGEL ONLINE: Haben deutsche Politiker einmal zu Ihnen Kontakt aufgenommen? Deeg: Ja, Vertreter der CDU und PDS haben mich angerufen. Von der FDP hat sich jemand bei meiner Mutter gemeldet, die zu Anfang mit mir hier war. Aber seltsamerweise aus dem Regierungslager niemand. Dabei wollte ich unbedingt Joschka Fischer erreichen. Doch bei den Grünen wurde ich nicht weitervermittelt. Das Interview führte Holger Kulick
Warum diese Welt von Heute keine Chance mehr hat auf Frieden? Diese Welt von Heute wird regiert von Alten Männern, teilweise sind es Alte Männer, die einst einen Traum hatten. Alte Männer, deren Träume in Schutt und Asche liegen, haben Nichts, absolut Nichts mehr zu verlieren. Also ziehen sie alle Anderen unweigerlich bewusst, manche vielleicht unbewusst, mit in den Tod. Damit will ich nicht sagen, dass Alte Männer nicht auch weise sein können. Doch es gibt keine weisen Alten Männer, die ihr ganzes Leben lang der Macht gehuldigt haben. Macht korrumpiert immer und jeden irgendwie, und wenn so böse gewordene Alte Männer in einer Zeit des Umbruchs an der Macht sind, das vielleicht auch noch gehäuft und sich gegenüber stehend, dann gibt es kein Zurück mehr, dann gibt es nur noch Krieg.
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