Sibylle auf der Teck

Märchen von Hexen
Die drei Spiegel der Zauberin

Sibylle auf der Teck

Tief unten im Sibyllenloch am Fuße des Teckfelsens hauste die Sibylle.
In ihren unterirdischen Schloß hielt sie ungeheure Schätze an Gold und
Edelsteinen verborgen. Sie war eine schöne und weise Frau. Sie wußte
um alle Dinge und sah die Zukunft voraus. Den Menschen im Tale tat
sie Gutes, wo sie nur konnte. Vielen, die sie um Rat baten, half sie in 
der Bedrängnis, und kein Armer, der sich in seiner Not an sie wandte, 
stieg vergeblich den steilen Weg zu ihr empor.
Leider aber waren die drei Söhne der Sibylle nicht von der Art ihrer 
Mutter und bereiteten ihr viel Kummer. Jeder von ihnen baute sich
eine eigene Burg nahe der Teck, denn sie lebten untereinander in
Unfrieden. Der eine baute seine Burg auf der Rauber, der andere
auf dem Wielandstein, der dritte ließ sich die Diepoldsburg erstellen.
Von diesen Felsennestern aus plagten sie die Bauern und plünderten
die durchziehenden Kaufleute aus. Auch gegenseitig machten sich die
Brüder das Leben schwer und machten sich die Beute streitig. Am
ärgsten aber trieb es der Jüngste, der seine Brüder und sogar seine 
Mutter bestahl, von der er darum den Beinamen "der Rauber" erhielt.
Dieser Name ist seiner Burg, von der nur noch wenige Mauerreste
stehen, geblieben bis auf den heutigen Tag.
Aus Gram über die Untaten und die Feindschaft ihrer Kinder beschloß
Sibylle endlich, ihr Schloß und das Land zu verlassen. Auf einem
goldenen Wagen, der von zwei großen Katzen gezogen wurde, fuhr sie
eines Abends aus ihrer Höhle talab durch die Lüfte. Ihre langen roten
Haare umwehten sie. Niemand weiß, wohin sie gegangen ist.
Alljährlich aber, wenn die Frucht zu reifen beginnt, kann man eine Stunde
weit den Teckberg hinab, über den Kahlenberg und den Götzenbrühl und 
dann weiter die Weinberge empor den Weg verfolgen, den sie gefahren
ist. Die Spur ihres Wagens kann man deutlich sehen: Die Wiesen sind
dort üppiger grün, das Korn trägt größere und goldenere Ähren, und das
Brot, das daraus gebacken wird, schmeckt besser als alles andere Brot der 
Welt. Dies ist der letzte Segen, den die gute Sibylle den Menschen
drunten im Tal hinterlassen hat. Die Spur ihres Wagens nennt man heute
noch die "Sibyllenfahrt".