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Meister Eckhart gehört in den deutschen Sprachraum. Er
lehrt als Dominikanermönch in Strassburg und Köln, er ist nicht
nur Professor, sondern auch Seelsorger. Er predigt in den Kirchen des
oberdeutschen Raumes. Seine Predigten werden gehört, abgeschrieben und
weitergereicht. Aber sie sind eine Geheimlektüre, weil ihre Verbreitung
verboten ist. Als Drucke sind sie daher meist den Predigten des von der Kirche
anerkannten Johannes Tau-ler beigebunden. Mit der Reformation verschwindet
die deutsche mystische Literatur, sie wird nur noch von einzelnen religiös
Bewegten vertreten. So breitet sich das grosse Schweigen über Eckhart
aus, das erst im 19. Jahrhundert, mit der allmählichen
Veröffentlichung seiner Werke, gebrochen wird.
Eckhart wurde um 1260 in einem Hochheim in Thüringen geboren. Er trat
schon früh in das Dominikanerkloster in Erfurt ein. Er beschritt eine
kirchliche Karriere, zuerst als Prior des Erfurter Klosters, dann als
Ordensprovinzial der sächsisch-niederdeutschen Ordensprovinz, schliesslich
wird er Vikar des Ordensgenerals. Parallel zu diesem Aufstieg vollzieht sich
seine wissenschaftliche Karriere. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhält
er in Paris, wo Thomas von Aquin lehrte, den er aber nicht mehr gesehen hat:
In Paris macht er sein Bak-kalaureat und seinen Magister, er wird damit Professor
und darf sich Meister" nennen. In Strassburg taucht er als Leiter der
Ordensstudien zwischen 1314 und 1322 auf, seine Lehrtätigkeit mit einer
ausgedehnten Predigttätigkeit in deutscher Sprache verbindend. Seine
Übersiedlung nach Köln auf den Lehrstuhl des Albertus Magnus erweckt
zwiespältige Gefühle. Wollte man ihn in Strassburg wegen des Verdachtes
von Irrlehren loswerden? Schickte man ihn nach Köln an einen Ort
äusserster Gefahr? Denn der Kölner Erzbischof war ein radikaler
Ketzerverfolger, der z. B. mystisch eingestellte Beghinen im Rhein
ertränken liess.
Eckhart geriet in Köln in die Fänge der Inquisition, er wurde
angeklagt, fünfzehn seiner Lehrsätze wurden verurteilt. Sein Orden
schützte ihn nicht, der Ordensgeneral erklärte zwar, er habe bei
Eckhart nie abweichende Lehrmeinungen vernommen aber eigene Ordensgenossen
unterstützten die Anklage. Er wurde also durch das Inquisitionsgericht
verurteilt, verfasste aber eine Verteidigungsschrift, die 1880 in Soest entdeckt
wurde. Genützt hat sie ihm nichts, die Kölner Inquisition
überwies das Verfahren an den Hof des Papstes nach Avignon, um ihn
aburteilen zu lassen.
Um sich vor der Gefahr lebenslänglicher Klosterhaft zu schützen,
liess Eckart 1326 in der Dominikanerkirche zu Köln einen Widerruf seiner
Lehre verlesen. mit der Klausel, er widerrufe, falls er Irrtümliches
gelehrt haben sollte. Vielleicht haben ihm Freunde dazu geraten. Denn in
der Richtigkeit der eigenen Anschauungen blieb Eckhart gewiss. Er will sich
nicht dem kirchlichen Urteil beugen, sondern sich nur dann schuldig bekennen,
wenn sich ermitteln liesse, das das von ihm Gelehrte keinen gesunden
Sinn" hat. Eckhart erreicht wenig-stens, dass er in Avignon noch einmal seine
Lehre darlegen kann. 1328 ist er tot.
Darf man eine Kriminalgeschichte vermuten, die schon mit seiner
Übersiedlung nach Köln begann, sich im Inquisitionsprozess fortsetzte
und mit einem vielleicht gewaltsamen Tode endete? Man weiss jedenfalls nicht,
ist Eckhart in Köln gestorben, in Avignon oder auf dem Wege dorthin?
Dafür kennt man die Bannbulle des Jahres 1329, die 28 seiner Lehrsätze
verurteilte und ihn rechtlich schutzlos gemacht hätte, wenn sie noch
in seine Lebenszeit gefallen wäre. Ein Theologieprofessor im Kirchenbann,
das hört man erst wieder bei Martin Luther.
Die Verurteilung durch die Kirche gilt nicht nur einer Person, sie gilt einer
theologischen Richtung, seiner mystischen Theologie. Unter Mystik wird sehr
Vielfältiges verstanden, hier wird der Begriff eng gefasst: Als jene
Bewegung des Menschen zu Gott, die eine unmittelbare Gotteseinigung erstrebt,
nur mit dem Mittel des Denkens und der Lehre, also ohne Vermittlung einer
religiösen Institution. Als Urheber eines mystischen Systems kann Plotin
aus Alexandria gelten, der hervorragende Philosoph des 3. Jahrhunderts und
Begründer des Neuplatonismus. Von ihm geht, durch die Vermittlung mancher
christlicher Theologen, der Weg direkt zu Eckhart, ja man könnte seine
theologisches Bestreben so verstehen, dass er den Neuplatonismus in die
christliche Lehre einarbeiten wollte.
Dem heutigen Menschen nahezubringen, was Mystik ist, erscheint als kaum zu
bewältigende Aufgabe. Der Hauptstrom der westlichen Lebenshaltung geht
in Richtung Tätigkeit, Selbstverwirklichung, wirtschaftlicher Erfolg.
Das ganze Leben ist in seiner Tendenz auf Diesseitigkeit ausgerichtet. Aber
Eckhart gehört einer ganz anderen Lebensrichtung zu, der des
Mönchtums. Die mittelalterlichen Menschen werden in solche geschieden,
die ihrem weltlichen Berufe nachgehen, und in solche, die als Priester und
Mönche die kirchlichen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des
Gehorsams auf sich genommen haben.
Aber Eckhart geht weist über die Forderung nach Erfüllung der
Klostergelübde hinaus. Die-se Klostergelübde sind ein Tun, sie
sollen ja den priesterlichen Frommen von dem nur welt-lichen Frommen
unterscheiden. Aber mit dem Lobpreis des Tuns darf man vor Gott nicht beginnen.
Eckhart fordert etwas Radikaleres:
Der Mensch solle auf alles verzichten, was an menschlichen Lebensformen
existiert. Er soll sich nicht in die Welt hineinbegeben, sondern er soll
sich aus der Welt herausbegeben, er soll nicht werden, sondern entwerden.
Er soll nicht nehmen, sondern er soll alles lassen und verlassen, er soll
nicht in der Welt anwesend sein, sondern von der Welt abgeschieden sein.
Der Wille des Menschen, der auf diese Welt gerichtet ist, ist nicht Gottes
Wille. Der wahre Gott wohlgefällige Mensch muss leer und arm werden,
an frommen Werken, an eigener Erkenntnis und eigenem Willen. Er muss sein
Ich und seine Welt preisgeben. Nur der leere Mensch ist für Gott
aufnahmebereit. Hier ist kein Raum für Bussübungen, für
Verzichtsübungen, für Frömmigkeitsübungen.
Die damalige und heutige Frage, was soll ein Mensch tun, hält Eckhart
für ganz unsachgemäss. Der Mensch solle gar nichts tun, er soll
leer sein und darauf warten, was Gott an ihm tut. Schon in seinem Denkansatz
treibt Eckhart das Gott-Mensch-Problem in eine äusserste Dialektik.
Gott ist alles, der Mensch nur ein leeres Gefäss für Gottes Handeln.
Nur wo der Menschenwille schweigt, kann Gottes Wille sich entfalten. Denn
Gott ist der Schöpfer, der Geber des Lebens, der Vater der Menschen.
Das aber kann nur der leer gewordene Mensch überhaupt begreifen. Er
empfängt diese Welt, in der er lebt, als ein einziges Geschenk Gottes.
Sein Verhältnis zu Gott ist das der Gnade und der Dankbarkeit.
Man wird sich also hüten müssen, die scheinbare Weltverleugnung
Eckharts als Weltflucht zu verstehen. Es geht ihm bei seiner negativen
Anthropologie darum, den Menschen aus dem Zentrum des Lebens herauszunehmen
und Gott als das Zentrum allen Lebens zu etablieren. Der Dialektik von Gott
und Mensch entspricht die Dialektik von Geben und Empfangen. Mystik meint
daher nicht eine Lebenshaltung der Entsagung, sondern das Leerwerden des
Menschen ist nur eine Voraussetzung des radikalen Gotteshandelns.
Nur wer leer ist, kann Gottes Schöpferhandeln in der Welt erkennen,
kann sein Wirken in der Welt verfolgen. Von daher erhalten weltliches und
kirchliches Leben eine gewisse Rechtfertigung. Man gewinnt auch nicht den
Eindruck, dass Eckhart ein besonderer Asket gewesen ist, oder dass er besondere
Übungen vor Gott gefordert hat. Er hat vielmehr sich bemüht, seine
wichtigsten Zuhörer, Benediktinerinnen und Laienkreise der Beghinen
zu beruhigen, wenn sie sich in Kasteiungen oder in frommen Halluzinationen
verfingen. Er will ihnen Gottes Gnade wichtig machen. Wer leer ist, aber
von Gottes Gnade erfüllt, der empfängt das Leben als Geschenk.
So hat Eckhart von seiner Position der Abgeschiedenheit aus die
Schöpfungslehre interpretriert.
Aber Gott ist doch nur äusserlich erfasst, wenn er als der Geber guter
Gaben erkannt wird. Es gilt, Gott noch einmal ganz anders, als zum Menschen
selbst gehörend, innerlich zu erfassen. Gottes Eigen sein, mit Gott
eins sein, Gott in seinem Inneren tragen, das wird das positive Ziel der
Mystik. Mystik will dieses Hineinziehen Gottes in das Leben des Individu-ums,
will Vergöttlichung des Menschen, will Identität im Einssein mit
Gott. Das Jesuswort, Ich und der Vater sind eins, bezieht Eckhart auch auf
den Mystiker als Gottessohn.
Wie ist aber solches Einssein mit Gott zu bewerkstelligen? Bei der Beantwortung
dieser Frage wird sich die Eckhartinterpretation in eine krichengebundenere
und eine freiere Fraktion teilen. Hier wird die letztere bevorzugt.
Der Mensch hat ein Wissen um Gott. Dieses Wissen stammt nicht von ihm selber,
aber es ist ihm bei seiner Menschwerdung mitgegeben worden. Er stammt aus
dem göttlichen Logos und weiss um seinen Ursprung aus ihm. Dieses
Vermögen der Gotteserkenntnis benennt Eckhart mit verschiedenen
Ausdrücken, er kann um seiner Hörer willen vom Gotteslicht im Herzen
oder vom Seelenfünklein sprechen. Sein wichtigster Ausdruck für
das Phänomen der ewigen Verbindung Gottes und des Menschen wird aber
der Begriff der Vernunft oder der Vernünftigkeit.
Diese Vernünftigkeit eint Gott und Mensch. Sie ist natürlich nicht
als mathematische Vernunft aufzufassen, sondern, wie bei den alten Philosophen,
als die Logosvernunft. Also weiss das Denken um Gott, wie sehr es auch durch
die Eindrücke der Sinnenwelt von Gott abgelenkt sein mag. Bei dem Mystiker
steht das "Nichtwissen" um die Welt dem Wissen um Gott" gegenüber.
Sein tiefstes Denken ist gottgemäss, ist auf Gott ausgerichtet, ist
vernunft- und logosgerecht. Diese auf Gott gerichtete Vernunft sieht nun
Eckhart mit dem Willen des Menschen verbunden. Mit seinem Willen will der
Mensch Gott ergreifen, das ist der einzige Wille, den Eckhart gelten lässt.
Dieser Wille ist auf das Einssein mit Gott, auf die Wiederherstellung seines
Ursprungs aus Gott gerichtet.
Ein solcher Wille ist auch auf der Seite Gottes vorhanden. Er will dem Menschen
nicht nur mittelbar in der geschaffenen Welt begegnen, sondern auch unmittelbar
in der Begegnung von göttlichem und menschlichem Sein. So wird der Einzelne
durch Gottes Willen und Gottes Geeist, der diesen Willen bezeugt, in die
wahre Gottesgemeinschaft hineingezogen. Er wird damit neu geboren, er
erfährt nach seiner ersten Geburt aus dem Fleische eine zweite Geburt
aus dem Geiste. Die erste Geburt war das Ins-Leben-Treten des Menschen, seine
zweite Geburt ist das In Gott Hineintreten". Und die zweite Geburt
ist grösser als die erste, denn sie führt weit über das Sichtbare
hinaus, sie führt auch über kirchliches Denken hinaus. Die zweite
Geburt führt in die Eigentlichkeit Gottes, in das Herz der Gottheit,
sie wird als Akt der Liebe dieser Gottheit erfahren.
Bei dieser Vorstellung der Vereinigung des Ich mit der Gottheit kommt Eckhart
ohne Rückgriff auf philosophische Vorstellungen nicht aus. Er verlässt
alle kirchlichen gegenständlichen Gottesbilder. Über dem christlichen
Schöpfergott und jenseits von ihm ist die eigentliche Gottheit, das
ewige, unsichtbare Weltprinzip. Eckhart greift auf die unbedingte Transzendenz
der philosophischen Gottesvorstellung zurück. Seine Gottheit ist die
absolute Einheit der Dinge vor ihrer Vielgestaltigkeit. Sie ist das Ruhende
vor aller Bewegung, das Vollkommene vor aller Unvollkommenheit der Welt,
aber zugleich der Wille zur Schöpfung und zur Vereinigung des Menschen
mit der Gottheit.
Wo Menschenwille und Gotteswille sich treffen, da geschieht der Durchbruch
des Menschen zu Gott, zum absoluten Sein oder zum Ursein, wie Eckhart sagt
Hier handelt es sich um die sogen. unio mystica, die Vereinigung mit einem
Sein, das nur als völlige Transzendenz beschrieben werden kann. Aber
seine Theologie wird dadurch nicht, wie bei zahlreichen Mystikern, zur negativen
Theologie. Das Ursein enthält die Fülle des Seins, es ist Wille
zur Schöpfung und zur Erlösung.
Eckhart kann theologisch zu recht extremen Vorstellungen vordringen. In der
Konsequenz des Vereinigungsgedankens verwischen sich die Grenzen von Gottheit
und wiedergebore-nem Menschen. Beide sind eins geworden, das wiedergeborene
Individuum wird selbst zur Gottheit und damit zum Schöpfer seiner selbst.
Nun wird der vorschnell Urteilende sagen, hier handele es sich um eine handfeste
Schwärmerei. Der durch die Gesellschaft gebundene und in sein Schicksal
verflochtene moderne Mensch käme gar nicht auf den Gedanken, solch eine
Überhöhung des Menschenbildes vorzunehmen, oder, würde er
höchstens urteilen, werden hier Lehren angeboten, die vielleicht für
die Erwartung eines Lebens nach dem Tode taugen, hier könne ja die Theologie
frei phantasieren. Aber Eckhart denkt seine Theologie für den
gegenwärtig lebenden Menschen. Die Vergöttlichung des Menschen
ist nicht jenseitig, sondern diesseitig gemeint.
Der, Mensch wird göttlich als der irdische Mensch. Gott ist im leiblichen
Menschen gegenwärtig. Diese Gegenwart ereignet sich in der Predigt.
In seinen Predigten geht Eckhart im-mer wieder den mystischen Lösungsweg
nach, vom Entwerden des Menschen bis zu seiner höchsten Erhebung über
alle Dinge. Das Predigtwort, also der Zuspruch des mystischen Geheimnisses,
bewirkt die Einheit von Gottheit und Menschheit. Das gesprochene Wort aus
der Erkenntnis und der Erfahrung des Logos repräsentiert den ewigen
Logos. Das Wort der Einheit von Gottes Gottheit und des Menschen Menschlichkeit
wird zum Sakrament.
Die zu diesem theologischen Entwurf gehörende Anthropologie ist nicht
weit von der des Apostel Paulus entfernt. Der innere Mensch gehört ganz
der Gottheit zu, der äussere lebt sein Leben in der sinnlichen Welt.
Hat nun Eckharts mystische Theologie der Einheit von Menschlichem und
Göttlichem etwa für die sinnliche Welt zu bedeuten?
Er begründet mit seiner mystischen Erkenntnis zwei anthropologische
Aussagen: Die von der Freiheit des Menschen und die von der Selbstlosigkeit
des Menschen. Wer in der Gottheit ist, der ist frei von der sichtbaren Welt.
Er wurzelt in einem Bereich, der vor aller Welt liegt, in der Transzendenz.
Er ist frei von allen sklavischen Bindungen des Menschen, von Menscheninteressen
und Besitzdingen. Er ist frei von allen Parteiungen, er ist auch frei von
solchen Grössen wie Staat und Kirche. Er ist, wie schon Paulus sagte,
ein freier Herr aller Dinge, weil die Gottheit ein freier Herr aller Dinge
ist. Nur das Einssein mit der Transzendenz macht frei für die Welt.
Wo aber Freiheit ist, da ist auch Selbstlosigkeit, ist sachgerechtes Urteilen,
ist sachgerechtes Wirken und Hilfe wie Liebe zum Mitmenschen erst möglich.
Ist diese Freiheit nicht da, wird alles Tun zur Selbsterhöhung des Menschen
und zum Ausleben seiner Begierden. Eckhart begründet mit der
Göttlichkeit des Menschen seine Freiheit und seine Liebe gegenüber
der Welt und damit sein Gutsein. Nicht als Wunsch, nicht als blosse Hoffnung,
sondern als Realität.
Zu dieser innerweltlichen Freiheit in der Transzendenz gehört auch die
Freiheit im Leiden und Sterben. Das Göttliche leidet und stirbt nicht,
Leiden und Sterben sind äussere Ereig-nisse, die das Gegenständliche
betreffen. Der äussere Mensch muss sie tragen, aber der innere wird
davon nicht berührt. Er gehört mitten im Leben einer anderen Welt
zu.
Sicher ist diese Konzeption nicht auf den Fortschritt der Welt eingestellt,
aber auf die Definition des Menschen als ein freier und guter Mensch. Damit
steht Eckhart nahe bei Sokrates und Plato.
Eckhart ist Kirchenlehrer und begründet doch eine kirchenfreie
Religiosität. Ohne es zu wollen, unterläuft er kirchliche
Autoritäten, die kirchlichen Sakramente oder die gebotenen guten Werke.
Was nicht aus Gott ist, aus Freiheit und Liebe getan, das ist wertlos. Fast
sieht es so aus, als sei Eckhart an der sichtbaren Kirche und ihrer Praxis
nicht besonders interessiert. Der Mystiker braucht ja auch nur seine mystische
Theologie und sonst nichts.
Bestimmte kirchliche Lehren tauchen bei Eckart nur am Rande oder überhaupt
nicht auf. Dazu gehört die gesamte kirchliche Sünden- und
Erlösungslehre. Von dem erlösenden Kreuzestod Christi kaum ein
Wort. Höchstens erscheint Jesus als Mitleidender. Die Lehre, die ihn
wirklich interessiert hat, ist die Trinitätslehre, selbst ein Ergebnis
altkirchlicher Spekulation, und darum für Eckart geeignet, seine
Gottesphilosophie in sie hineinzulegen. Er spricht oft von Gott dem Vater,
von der Geburt des Sohnes durch den Vater und von der Geburt des Sohnes in
der gottsuchenden Seele. Aber brauchte Eckhart diese Trinitätsspe-kulation
überhaupt, oder hätte er auf sie verzichten können? War sie
notwendig, um die Liebe Gottes zum Menschen zu veranschaulichen oder
auszudrücken, dass mit der Geburt des Frommen durch Vater, Sohn und
Geist der ganze Gott in die menschliche Seele ein-zieht? Oder konnte er auf
sie verzichten?
Eckhart musste natürlich die Schwierigkeit überwinden, die sich
bei der Textauslegung ergab. Wenn man die neutestamentlichen Texte wörtlich
interpretierte, konnte man in ihnen den von Eckhart entdeckten mystischen
Sinn nicht finden. Er entnahm den Texten nur Stichworte, und zwar solche,
die sich zur mystischen Interpretation der Lehre eigneten. Diese Art der
Schriftauslegung war in der alten Kirche als allegorische Auslegung bekannt,
aber das war lange her, und die Kirche war längst zur wörtlichen
Textinterpretation überge-gangen. War Eckhart ein Unzeitgemässer
oder gar ein religiös Naiver, der gar nicht gemerkt hatte, welcher Geist
in seiner Kirche wehte, nämlich der Geist der Inquisition und der
Transsubstantiationslehre, hatte er gar nicht bemerkt, dass die Zeiten freier
Textinterpreta-tion in der Kirche längst vorüber waren? War er
so verwoben in seine mystische Theologie, dass er die theologische Situation
der Zeit nicht wahrnahm, oder war er so überzeugt von seiner mystischen
Theologie, dass er die Theologie der Kirche seiner Zeit gar nicht wahrnehmen
wollte? Mit der Bannbulle des Papstes hatte er jedenfalls nicht gerechnet.
Hätte er mit ihr gerechnet, so würden die hochstehenden Predigten
und die kraftvollen theologi-schen Gedanken des Meisters wohl kaum auf die
Nachfahren gekommen sein.
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