Kriegsdienstverweigerung

Ausführliche Darlegung der Gründe für meine Kriegsdienstverweigerung


Ich, Ralf Hoffrogge, habe mich nach gründlichen Überlegungen und intensiven Gesprächen mit Eltern und Freunden dazu entschlossen, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, denn der Dienst an der Waffe widerspräche meiner persönlichen pazifistischen Einstellung. Hierzu berufe ich mich auf Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes, in dem es heißt „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“.


Ich wuchs in einem christlich geprägtem Elternhaus auf und bekam von meinen Eltern (meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater katholischer Religionslehrer) bereits in der Kindheit, die grundlegenden christlichen Wertvorstellungen vermittelt. Diese Wertvorstellungen verinnerlichte ich dann weiter während des Religionsunterrichtes in der Schule und vor allem während des zur Vorbereitung auf die christlichen Sakramente Kommunion und Firmung erteilten Seelsorgeunterrichtes. Das christliche Weltbild mißt dem menschlichen Leben einen unendlich hohen Wert zu. Bereits im alten Testament heißt es bei den zehn Geboten „Du sollst nicht töten.“ Der Mensch gilt im christlichen Weltverständnis als nach dem Abbild Gottes geschaffen, daher stellt die Verletzung dieses Gebotes für einen Christen eine der schlimmsten Sünden dar.


Auch im neuen Testament wird immer wieder die hohe Wertschätzung des menschlichen Lebens deutlich, zum Beispiel wenn Jesus uns auffordert „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“. Dieser Ausspruch fordert einerseits eine positive Einstellung zum eigenen Leben, zur eigenen Persönlichkeit, andererseits wird verlangt den Nächsten nicht nur zu respektieren oder zu tolerieren, sondern ihn zu lieben. Demzufolge muß man alles unterlassen, was dem Nächsten schaden könnte. Natürlich schaffen wir es im Alltag nicht, dieses Gebot immer und in jedem Fall zu beachten, aber die Tötung des Nächsten ist eindeutig die stärkste denkbare Verletzung dieses Gebotes. Der Begriff des Nächsten meint nach christlichem Verständnis wiederum nicht nur die Familie oder die Freunde. Jeder Mensch der uns begegnet ist uns nahe und ist im Sinne dieses Gebotes unser Nächster. Auch ein „feindlicher“ Soldat wäre im Ernstfall der Nächste und dürfte nach (nicht nur) meiner Interpretation des Gebotes der Nächstenliebe nicht getötet werden. Würde man dies trotzdem von mir verlangen, käme ich in einen unmittelbaren Gewissenskonflikt und könnte dem Befehl nicht gehorchen. Selbst wenn mein eigenes Leben bedroht wäre, wüßte ich nicht, ob ich den „Gegner“ töten könnte, oder ob ich, falls ich es täte, jemals wieder ein reines Gewissen hätte.


Das Gebot der Nächstenliebe und das Christliche Weltverständnis verbieten jedoch nicht nur das Töten von Menschen, sondern es wird sogar allgemein zur Gewaltlosigkeit aufgefordert, wenn Jesus zum Beispiel sagt, man solle, wenn man einen Schlag auf die Wange erhalten hat, dem Schläger „auch die andere Wange“ hinhalten. Diese Aussage bricht mit der im alten Testament noch erlaubten Rache (“Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Es wird der absolute Verzicht auf Aggression gefordert, um dem Gegenüber zu zeigen, daß Gewalt nichts bringt.

Eine Persönlichkeit wie Mahatma Gandhi, der es mit seinen Anhängern trotz oder gerade wegen seiner absoluten Gewaltlosigkeit geschafft hat, ganz Indien von den englischen Unterdrückern zu befreien, zeigt meiner Meinung nach, daß diese Philosophie nicht utopisch ist, sondern daß sie vielmehr durchaus praktikabel ist, wenn man sie konsequent verfolgt. Außerdem sieht man am Beispiel des Hindu Ghandi, daß Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe nicht nur in der christlichen Weltsicht ihren Platz haben. Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe sind meiner Meinung nach universelle menschliche Werte und man sollte immer versuchen, diesen Werten entsprechend zu handeln.

Im Gegensatz dazu stehen für mich die Berichte vom Grauen des Krieges, die man täglich in den Medien sehen kann, und die mich immer wieder schockieren und entsetzen. Ich denke dabei immer an den vielen unbegründeten Haß zwischen den Menschen und daran, daß es oft keinen erkennbaren Grund dafür gibt, daß so viele Menschen sterben. Wenn jeder dem anderen mit Achtung und Toleranz entgegentreten würde, gäbe es vielleicht keine Konflikte zwischen den Menschen verschiedener Hautfarbe oder Religion.

Natürlich gibt es dementsprechend auch Situationen, in denen Menschen sich fragen, ob es nicht doch erlaubt ist, Gewalt einzusetzen, um noch größeres Leid zu verhindern. Diese Frage ist in der Vergangenheit bei vielen Gelegenheiten immer wieder diskutiert worden und ist auch in unserer Gegenwart aktuell.

Ich denke, diese Frage läßt sich nicht pauschal klären, zu unterschiedlich sind die Situationen, in denen sie gestellt wird. Ein jeder muß mit seinem Gewissen ausmachen, wie er diesen Konflikt für sich löst.

In einer militärischen Organisation jedoch bleibt die Klärung von Gewissensfragen nicht dem einzelnen Soldaten überlassen. Man muß Befehle befolgen, und diese Befehle beinhalten eventuell den Einsatz von Gewalt oder gar die Tötung von Menschen. Ist man erst einmal Mitglied einer militärischen Organisation, kann man die Befolgung solcher Befehle nicht mehr aus Gewissensgründen verweigern, sondern muß unter Androhung harter Sanktionen gehorchen.

Daher lehne ich es von vornherein ab, einer militärischen Organisation beizutreten.

Ich akzeptiere jedoch durchaus, das man diese Entscheidung auch anders treffen kann, und pflege auch Freundschaften mit verschiedenen Schulkameraden, die sich entschlossen haben, ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr zu leisten und maße mir auch nicht an, die Arbeit der Bundeswehr oder ihrer Soldaten zu verurteilen.

Diese christlich geprägte pazifistische Überzeugung, die ich versucht habe, Ihnen darzulegen, hat sich für mich durch verschiedene Ereignisse und Entwicklungen in der Geschichte bestätigt. Aber auch in meinem persönlichen Lebensalltag macht diese Einstellung Sinn, denn ich versuche Konflikte stets mit Worten zu lösen, oder ihnen ganz aus dem Weg zu gehen und konnte so schon oft Streit vermeiden oder Streitsituationen anderer schlichten.

Auch mein Großvater, der noch 1945 zur Wehrmacht eingezogen wurde, obwohl er damals erst 17 Jahre alt war, bestätigte mich durch seine Erzählungen in seiner Entscheidung. Er selbst geriet zwar in englische Gefangenschaft, bevor er zur Front befohlen wurde, aber viele seiner Schulkameraden kamen in jahrelange russische Gefangenschaft oder wurden an der Front getötet, noch bevor sie erwachsen waren. Beim Gedanken daran, eine solche Tat während des Wehrdienstes im Ernstfall selbst begehen zu müssen, merkte ich, daß ich nicht dazu fähig wäre. Woher sollte ich wissen, wie alt der „feindliche“ Soldat ist? Vielleicht wäre er selbst erst 17 oder noch jünger. Vielleicht ist auch er von einer verbrecherischen Regierung zum Kriegsdienst gezwungen worden, genau wie mein Großvater und seine Schulfreunde.

Ich hoffe, Sie verstehen nun meine Gewissenskonflikte bei dem Gedanken daran, mich an der Waffe ausbilden zu lassen. Jede Art von Waffe ist letztendlich dazu konstruiert, Menschen zu verletzen und zu töten. Daher und aus den obengenannten Gründen kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, den Dienst an der Waffe zu leisten, und bitte Sie darum, mich als Kriegsdienstverweigerer anzuerkennen, damit ich einen Ersatzdienst leisten und meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber so auf andere Weise zu erfüllen kann.



Hochachtungsvoll



Spelle-Varenrode, den 26. 3.1999