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Aus
dem 5. Kapitel: Die Skelettfrau - Sich
dem Werden, Vergehen und Neuwerden der Liebe stellen
Wölfe
pflegen gute Beziehungen zueinander, das weiß jeder, der die
Verbindungen in einem Rudel jemals über einen längeren Zeitraum
hinweg beobachtet hat. Wenn sich ein Wolfspärchen zusammentut,
dann fast immer fürs ganze Leben. Obwohl sie sich zanken und ihre
Differenzen manchmal unverhohlen bissig austragen, überstehen
ihre Beziehungen die härtesten Winter und auch sonst alles, was
die vier Jahreszeiten an Wachstum, Bereicherungen und Verlusten
mit sich bringen. Die menschlichen Bedürfnisse im Hinblick auf
Beziehungen sehen nicht anders aus.
Während die Wölfe instinktiv treu sind und ein Leben lang
zueinander halten, haben Menschen manchmal erhebliche
Schwierigkeiten in dieser Hinsicht. Um mit archetypischen
Begriffen zu beschreiben, was der der unverbrüchlichen Stärke
von Wolfsbeziehungen zugrunde liegt, könnte man sagen, daß die
Integrität ihrer Beziehungen auf ihre Synchronizität mit dem
alten Grundmuster der gesamten Natur - was ich den Leben/Tod/Leben-Zyklus
nenne - zurückzuführen ist.
Wenn ich von der "Leben/Tod/Leben-Natur" spreche, dann
meine ich den ewigen Zyklus von Entstehung von Leben, Entwicklung,
Abbau und Tod, auf welchen wieder neues Leben folgt. Diesen
Kreislauf gibt es auf allen Existenzebenen, sowohl im physischen
als auch im psychischen Bereich. Alle Erscheinungsformen im
Universum, von den Galaxien und Spiralnebeln über die Sonne,
über die Menschen, Tiere, Pflanzen, Einzeller bis hin zu atomaren
Partikeln entstehen, vergehen und entstehen wieder neu in einem
ewigen Kreis.
Anders als der Mensch betrachten Wölfe das Auf und Ab des Lebens
in der Verfügbarkeit von Kraft, Potenz, Nahrung und so weiter
nicht als Übel oder Strafe. Höhepunkte und Tiefpunkte im Leben
sind naturgegeben, und Wölfe finden sich, so gut es geht, damit
ab. Die Instinktnatur verkraftet alle positiven und alle negativen
Erfahrungen und bleibt dabei sich selbst und anderen treu.
Wölfe zeigen, daß es möglich ist, den unaufhörlichen Zyklen
der Natur mit Anmut und Erfindungsreichtum zu begegnen und über
alle Schicksalsschläge hinweg zu seinem Lebensgefährten zu
halten. Den Menschen wird solche Treue, solche Weisheit und
Ausdauer nicht in die Wiege gelegt. Wir müssen sie uns aneignen,
und das beinhaltet eine nähere Bekanntschaft mit dem, was uns am
meisten Angst einflößt. Daran führt kein Weg vorbei, wie wir
bald sehen werden. Wir müssen uns mit der Künderin des Todes
vereinigen.
In weisen Geschichten ist die Liebe nur selten ein romantisches
Stelldichein zweier Liebender. So beschreiben zum Beispiel einige
Geschichten aus dem Polarkreis sie Liebe als die Vereinigung
zweier Menschen, deren gemeinsame Kraft es einem oder beiden
ermöglicht, Kontakt mit der Seelen-Welt aufzunehmen und in Form
eines Tanzes mit dem Leben und dem Tod am Schicksal selbst
teilzuhaben.
Die Geschichte von der Skelettfrau handelt von einem Fischer, der
sich die Künderin des todes ins Bett holt und mit ihr schläft.
Es ist eine Liebesgeschichte aus der Arktik, wo der Stamm der
Inuit lebt.
In den nördlichsten Regionen der Erde wird Liebe nicht als
romantischer Flirt oder egoistische Befriedigung zwischen Mann und
Frau verstanden. Die Jagdkulturen, die es seit Menschengedenken
fertigbringen, den eisigsten und lebensfeindlichsten Landstrichen
unseres Planeten ein Existenzminimum abzuringen, beschreiben die
Liebe in ihren Erzählungen immer als ein unzerreißbares Band,
das aus alles-überdauernden psychischen Sehnensträngen gewirkt
ist und deshalb auch die härtesten Zeiten übersteht. Die
Vereinigung von zwei Menschen wird als angakok verstanden,
als eine magische Verflechtung, durch die beiden Partnern in einer
Beziehung "die Kräfte hinter allen Dingen" zugänglich
werden.
Eine Vereinigung solcher Art ist aber nur möglich, wenn bestimmte
Bedingungen erfüllt werden. Um eine so dauerhafte Liebe zu
schaffen, muß ein dritter Partner zur Teilnahme an der Beziehung
eingeladen werden, und diesen unsichtbaren Dritten im Bunde nenne
ich die Skelettfrau. Man könnte sie auch "Frau Tod"
nennen. Sie ist die Verkörperung der Leben/Tod/Leben-Natur und
wird als Göttin verehrt. In der menschlichen Zweierbeziehung
fällt ihr die Rolle des Orakels zu, denn sie weiß, wann ein
Zyklus zu Ende geht und wann ein neuer beginnt. Insofern kann sie
als die ahnungsvolle Intuition in einer Beziehung interpretiert
werden, als jener dunkelste Aspekt des Vorauswissens, den Männer
wie Frauen am meisten fürchten, wenn sie das Vertrauen in die
Transformationsfähigkeit ihrer Beziehung verloren haben und sie
fürchten, die nächste Hürde nicht mehr gemeinsam nehmen zu
können.
Das genau ist der Punkt, an dem die Skelettfrau, Künderin des
Todes und des Neuwerdens, von beiden Partnern herzlich willkommen
geheißen und umarmt werden muß, damit die Liebe von Dauer ist.
Ausgangspunkt war eine kurze, fünfzeilige Inuit-Überlieferung,
die mir Mary Uukalat erzählte und die zu einer Geschichte wurde.
Sie beschreibt die psychischen Stationen auf dem Weg zum Liebesakt
mit der Skelettfrau.
DIE
SKELETTFRAU
Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wußten nur noch, daß ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestoßen hatte und daß sie ertrunken war. So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen ihre kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und um- und umgedreht.
Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hieß, daß der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wußte. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, daß der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: "Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muß ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen."
Das Skelett bäumte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers.
Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. "Iii, aiii", schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing. "Aiii", und "igitt", schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer.
Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. Über das Eis und den Schnee; über Erhebungen und druch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein.
"Weg mit dir", schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen. Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, daß er dem Verderben noch einmal entronnen war.
Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt. Was dann über ihn kam und ihn veranlaßte, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wußte der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so gräßlich aussah - aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe.
"Na, na, na", murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schließlich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht.
Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes, das ebenmäßig und ruhig in seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. "Oh, Fleisch, Fleisch, Fleisch", sang die Skelettfrau. "Oh, Haut, Haut, Haut." Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für ales, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele
Fettpolster überall und warme, große Brüste.
Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.
Die Leute sagen, daß die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mußten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres, ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns, und viele unserer Leute glauben es heute noch.
Der
Tod im Haus der Liebe
Viele
Liebesbeziehungen scheitern an der Unfähigkeit eines oder beider
Partner, der Skelettfrau ins Gesicht zu sehen und ihre einzelnen
Teile behutsam zu entwirren. Um lieben zu können, muß man nicht
nur stark sein, sondern auch weise. Die Stärke kommt vom Geist.
Die Weisheit kommt von den mit der Skelettfrau gemachten
Erfahrungen.
Wie wir an dieser Geschichte sehen, muß man eine intime Beziehung
zur Leben/Tod/Leben-Natur herstellen, wenn man für den Rest
seines Lebens "gut im Fleisch" stehen will. Wenn uns das
gelingt, fischen wir nicht länger im trüben, sondern wissen von
vornherein, daß eine haltbare Bindung aus einer Serie von
unvermeidlichen Toden und überraschenden Neugeburten besteht.
Sobald wir die Skelettfrau entwirren, wird uns klar, daß
Leidenschaft nicht etwas ist, das man sich "holt",
sondern etwas, das in Zyklen geschaffen, gegeben und dann wieder
regeneriert wird. Die Skelettfrau führt uns vor, daß
Gemeinsamkeit über alle Mehrungen und Minderungen, alle Enden und
Anfänge hinweg etwas erzeugt, das wir als wahre Liebe und wahre
Hingabe empfinden.
Die Geschichte von der Skelettfrau ist eine sehr treffende
Metapher für die Problematik in modernen Liebesbeziehungen, mit
all ihren Ängsten vor dem Todesaspekt der Leben/Tod/Leben-Natur.
Von der Mehrheit der Menschen in der westlichen Zivilisation wird
der Todesaspekt traditionell vom Lebensaspekt getrennt, woraufhin
die beiden Hälften dieser Einheit plötzlich wie unvereinbare
Gegensätze wirken. Man hat uns beigebracht, daß der Tod etwas
Endgültiges ist, ein Nichtsein, das stets nur weiteres Nichtsein
nach sich zieht, was den Beobachtungen in der Natur aber nicht
entspricht. Tod erzeugt und birgt ständig neues Leben, selbst
wenn man in seiner Existenz schon bis auf die Knochen reduziert
ist.
Anstatt die Archetypen Tod und Leben als unvereinbare Gegensätze
zu sehen, sollte man sie sich als unzertrennliches Liebespaar
vorstellen, als die rechte und die linke Hälfte eines einzigen
Gedankens. Im Verlauf einer Liebe werden zahllose Tode gestorben,
viele, scheinbar endgültige Endpunkte erreicht, und doch
existiert das Wesen der Beziehung fort, solange die beiden Partner
begreifen, daß der ewige Wechsel zwischen Werden und Vergehen das
wahrhafte Konstante in ihrer Beziehung ist.
Wer unbewußt davon ausgeht, daß Endpunkte unmöglich schon den
nächsten Ausgangspunkt in sich bergen können, ist zu
fatalistisch, um auch nur ein einziges sogenanntes Ende innerhalb
einer Beziehung zu ertragen. Manche verstehen nicht mehr, daß die
Künderin des Todes ein fundamentales Muster der Schöpfung
repräsentiert. Der Horror vor ihr wird zu übermächtig, um sich
voll und ganz auf einen Partner einzulassen, weil solche Hingabe
letztlich nichts anderes bedeutet, als sich den Zyklen immer neuer
Enden und Anfänge willentlich auszuliefern.
Die östlichen Kulturen haben sich seit Jahrtausenden bemüht,
Verständnis für die untrennbare Verknüpfung von Leben und Tod
zu verbreiten. Die Hindus sprechen vom ewigen Rad der Geburten und
Wiedergeburten. in den Mythen und Legenden nahezu aller Völker
ist von Todbringern die Rede, deren Aufgabe darin besteht, dem
Menschen die Übergänge zwischen Leben und Tod, zwischen Gestalt
annehmen und sich aus der Gestalt zurückziehen, zu erleichtern,
denn das Wissen um ewige Erneuerung ist älter als alle
Ignoranz. Und Ignoranz ist es, die uns treibt, einen Aspekt der
Leben/Tod/Leben-Natur abzulehnen und zu fürchten, ihn mit allen
Mitteln zu verleugnen, während der andere Aspekt isoliert wird,
als könnte er allein für sich bestehen.
In der archetypischen Psychologie gilt die Leben/Tod/Leben-Natur
als fundamentale Komponente der Instinktnatur aller Geschöpfe.
Das archetypische Urbild wird unter anderem durch Baba Yaga
personifiziert und in den Mythen verschiedener Völker durch
mystische Frauenfiguren, wie Coatlique, Hel, Berchta, Kwan Yin und
die griechischen Schicksalsgöttinnen, um nur einige der
bekanntesten zu nennen. Alle diese Frauengestalten sind
Künderinnen des Todes und des Lebens.
Was wir heutzutage noch über das Wesen der Leben/Tod/Leben-Natur
wissen, ist zum größten Teil von unserer Todesangst verzerrt
worden. Und so ist es kein Wunder, daß unsere
Anpassungsfähigkeiten an diese Zyklen so gering ist und daß wir
uns wie trotzige Kinder aufführen, wenn etwas stirbt, weil wir
unterschwellig davon ausgehen, daß uns etwas angetan, geraubt,
böswillig entrissen wurde, das von Rechts wegen uns gehört. So
ist es aber nicht. Die Kräfte des ewigen Werdens, Vergehens und
Neuwerdens sind ein Teil unseres Wesens, eine innere Autorität,
wenn man so will, die jeden Schritt im Tanz des Lebens kennt.
Diese innere Autorität weiß, wann etwas geboren werden soll und
wann es sterben muß. Sie ist ein liebevoller, behutsamer Lehrer,
wenn man auf sie hören kann. Rosario Castellanos, ein
mexikanischer Mystiker und Poet,schreibt über die Hingabe an die
Kräfte des ewigen Werdens und Vergehens:
...dadme
la muerte que ma falta...
...gib mir den Tod, den ich brauche...
Dichter
wissen, daß das Leben ohne den Tod seinen Wert verliert; ohne ihn
gibt es keine neuen Lektionen zu lernen, kein Dunkel aus dem das
Glitzern eines Diamanten leuchtend hell hervortritt. Die
Eingeweihten fürchten den Anblick des Gerippes nicht, während
der Rest der Menschheit vehement darauf besteht, daß alle Arten
von Skelettfrauen zurück ins Eismeer geworfen werden müssen,
sobald man sie (wieder einmal) an der Angel hat. Das ist
verständlich, denn ihr Anblick ist zunächst grauenerregend, und
selbst wenn man sich an ihren Anblick gewöhnt hat, dauert es noch
eine ganze Weile, bis man sie gut genug kennt, um sie von Herzen
lieben zu können.
In einer seelenlosen Gesellschaft wird der Bevölkerung
weisgemacht, daß der Mensch sich mit rasender Eile fortbewegen
muß, um im Verlauf seines einen kurzen Lebens schnell noch die
eine, wahre Liebe zu finden, die nie vergeht. Dieses Hasten die
eine, wahre Liebe zu finden, die nie vergeht. Dieses Hasten von
einem Partner zum nächsten ist eine Suche nach einer sich ewig
drehenden Liebesmaschine, und insofern darf es uns nicht wundern,
wenn wir alle wirr im Kopf beziehungsweise in der Psyche werden,
wie es in Hans Christian Andersens Märchen "Die roten
Schuhe" beschrieben ist. Die roten Schuhe tanzen,
selbständig geworden, mit der Person fort und wirbeln in ihrem
irren Tanz an den Dingen vorbei, nach denen der Mensch sich am
meisten sehnt. Aber er steckt in den Schuhen fest und ist nicht
mehr imstande, seinen schwindelerregenden Tanz zu beenden.
Es gibt aber auch eine völlig andere Art der Liebe, einen
Liebestanz, bei dem alle Schwächen, Ängste und Ticks des
Partners dazugehören und bei jedem Schritt mit einbezogen werden.
Und, wie so oft bei einem Einweihungsprozeß, stolpern die meisten
von uns fast immer "rein zufällig" und "völlig
unbeabsichtigt" in die Arme einer solchen Liebe.
Die
Anfangsphasen der Liebe - Wenn man zufällig über einen Schatz
stolpert
Alle
Märchen enthalten Material, das die Vorgänge im Innenleben des
Menschen wie in einem Spiegel reflektiert, aber darüber
hinausgehende zieht sich immer auch ein universell gültiges
Grundthema durch den Text, eine Art Grundmuster, in dem
Instruktionen enthalten sind, was man tun muß, damit Innen- und
Außenwelten im Gleichgewicht sind.
Die
Geschichte der Skelettfrau kommt mir am interessantesten vor, wenn
wir sie nicht allein als eine Beschreibung der Vorgänge in der
individuellen Psyche verstehen, sonder zudem als eine Serie von
sieben Entwicklungsstufen, die ein Mensch durchläuft, um eine
dauerhafte Liebesbeziehung mit einem Partner herzustellen. Auf der
ersten Stufe begegnet man einer Person, die sich bei
fortschreitender geistig-seelischer Entwicklung als kostbarer
Schatz erweist, selbst wenn keiner der beiden gleich erkennt,
über was er da bei der ersten Begegnung gestolpert ist. Auf der
zweiten Stufe zieht sich einer meist zurück und versteckt sich,
während der andere ihn sucht und verfolgt. Als nächstes kommen
Phasen der Entwirrung, der dämmernden Einsicht in die Zyklen von
Werden und Vergehen in der Beziehung und des Mitgefühls für den
anderen. Darauf folgt eine Phase des Vertrauens und der völligen
Entspannung im Beisein des anderen, und danach weihen beide
Partner sich in ihre Vergangenheitserlebnisse und Zukunftsträume
ein, wodurch alte Wunden und Liebesängste geheilt werden. In der
letzten Phase wird das Herz so eingesetzt, daß neues Leben
entsteht und sich Körper und Seele vereinen.
Die erste Phase der Liebe, die zufällige Entdeckung eines
Schatzes, wird in Dutzenden von Geschichten aus aller Welt
beschrieben. Sobald es heißt, daß ein Geschöpf aus den Tiefen
des Meeres an die Oberfläche gezogen wird, können wir sicher
sein, daß eine Konfrontation folgt, bei der sich das, was oben,
in der bewußten Welt lebt, mit einem oft gruseligen Etwas, das in
die Unterwelt verdrängt wurde oder dort beheimatet ist,
auseinandersetzen muß. Auch in dieser Geschichte fängt der
Fischer mehr, als er je zu hoffen gewagt hätte. "Oh, das ist
ein Riesenfisch", denkt er voller Vorfreude, als er das
Gewicht an seiner Angel spürt, nicht ahnend, daß er im nächsten
Moment eine Beute an Land ziehen wird, die seine Kräfte
überfordert.
So geht es allen ahnungslosen Liebesfischern. Sie hoffen, sich
einen prachtvollen Fisch zu angeln, der sie bis auf weiteres mit
Nahrung versorgt, ihr Leben rundum erleichtert, vielleicht auch
ein wenig spannender macht, und mit dem sie den Neid und die
Bewunderung der anderen Fischer und Jäger erregen können.
Der naive, ausgehungerte oder psychisch verwundete Liebesfischer
wird von dem Verlangen getrieben, eine Trophäe zu erobern. Die
jugendlich unbedarften oder naiven Fischer wissen noch nicht
genau, was sie in Wahrheit suchen. Die Ausgehungerten werfen ihre
Angel aus, um eine innere Leere zu füllen. Die seelisch
Verwundeten fischen nach Trostspendern für frühere, schmerzhafte
Verluste. Aber alle stolpern irgendwann über einen
"unerwarteten" Schatz.
Das vergnügungssüchtige Ego der meisten Liebesfischer ist bei
genauerem Hinsehen nicht an Liebe interessiert, sondern an
unterhaltsamer Zerstreuung. Das Ego sagt Dinge wie: "Ich
wollte doch nur ein bißchen Spaß mit Soundso haben. Warum werde
ich plötzlich mit diesen grauenhaften Verwicklungen und Ängsten
konfrontiert? Damit will ich nichts zu tun haben."
Aber wer sich in die tosenden Gewässer des Austauschs mit einem
anderen begibt, sollte sich von vornherein darauf gefaßt machen,
daß der Todesaspekt der Leben/Tod/Leben-Natur sich eines Tages in
der Angelleine verfängt und danach nicht mehr loszuwerden ist,
selbst wenn man ihm noch so oft einen kräftigen Hieb mit dem
Paddel versetzt.
Wir ziehen immer mehr an Land, als wir beabsichtigt haben, solange
wir uns der naiven Phantasievorstellung hingeben, daß irgendeine
romantische Eskapade, irgendeine berufliche Position oder
irgendein Geldsegen tiefere Seelenbedürfnisse erfüllt und auf
die Dauer befriedigt. Niemand von uns ist zu Anfang bereit, für
eine zutiefst erfüllende Liebe zu arbeiten. Am liebsten wäre es
uns, wenn der einmal an Land gezogene Schatz keine weiteren
Ansprüche stellen und uns für den Rest des Lebens die Arbeit
abnehmen würde. Klar, wir wissen natürlich, daß man sich auf
diese Weise nie weiterentwickelt, nicht selbst zum kostbaren
Schatz wird. Trotzdem wünschen wir uns wider jedes bessere
Wissen, für immer auf der anfänglichen Stufe der Liebe
stehenbleiben zu können.
Auch
der Fischer meint, nicht mehr als die simple Jagd nach
körperlicher Befriedigung zu verfolgen, noch während er die
gesamte weibliche Urnatur an die Oberfläche hievt. Die
verstoßene Künderin des Todes und der Auferstehung vom Tode
taucht aus den Tiefen des Unbewußten auf, klappert mit ihrem
fauigen Gebiß, und damit ist die erste Phase des zufälligen
Über-einen-Schatz-stolperns abgeschlossen.
Wir
wissen, daß Beziehungen ins Schwanken geraten, genauso wie der
Kajak des Inuit-Fischers, wenn die hoffnungsfrohe
Erwartungsphase beendet ist und wir uns genauer anschauen, was
da sonst noch am Angelhaken hängt. Das gilt ebenso für die
Beziehung einer Mutter zu ihrem 18 Monate alten Kind wie für
die Beziehung eines Elternpaars zu einem Halbwüchsigen beim Übergang
in die Pubertät oder für die langjährige Ehe zwischen zwei
Partnern oder eine kurze Liebesaffäre. Wenn die honigsüße »Liebling-Phase«
zu Ende geht, wird alles aufgewühlt, die Beziehung gerät in
turbulentere Gewässer, denn nun werden langgehegte Erwartungen
enttäuscht, nun müssen liebgewonnene Illusionen sterben. Auf den
ersten Liebesrausch folgt eine ernsthaftere Auseinandersetzung
mit dem Gegenüber, ein intimeres Kennenlernen, bei dem alle
Kraftreserven und alles, was wir an instinktivem Wissen besitzen,
gebraucht werden.
In
einer fortgeschrittenen Liebesbeziehung wird im Laufe der Zeit
alles, aber auch alles, was man zu sein glaubt, auseinandergenommen,
abmontiert, inspiziert, entwirrt und schließlich, wenn man durchhält,
noch einmal ordentlich durchgeknetet und dann erneuert. Das Ego
wehrt sich dagegen, aber selbst das arbeitsscheueste
Ego der Welt sieht irgendwann ein, daß es nicht anders geht. Wenn
die Sehnsucht nach Gefühlstiefe und Wahrheit größer wird als
die Arroganz des Egos, fühlt sich die Psyche unwiderstehlich zu
den fortgeschrittenen Phasen der Liebe hingezogen.
Und was wird abmontiert? Was stirbt? Außer den Illusionen und
Erwartungen auch die Habgier, die alles sofort und möglichst
gleichzeitig haben will, ebenso wie das Verlangen nach einer »immer
nur guten, schönen, lustigen Zeit miteinander«. Liebe führt
unweigerlich zu einem Abstieg in die Bereiche der Skelettfrau, und
so ist es nicht verwunderlich, wenn der erste Impuls eines Jägers
und Fischers darin besteht, die Beziehung ins Meer der Unbewußtheit
zurückzustoßen, kaum daß er die Skelettfrau zu Gesicht bekommt.
Diese
Weigerung, sich den Zyklen des Werdens, Vergehens und Neuwerdens
im Verlauf einer Beziehung zu stellen, wird auch vom Vater der
Skelettfrau symbolisiert. Der Vater stürzt seine ungezogene
Tochter von einem Felsvorsprung in die Tiefe, er legt sie »auf
Eis«, läßt sie untergehen und langsam verrotten, weil sie gegen
irgendwelche gesellschaftlichen Regeln verstoßen hat, an die sich
nicht viel später kein Mensch mehr erinnern kann. Die »ungezogene«
Tochter ist selbstverständlich eine wildnatürliche und
instinktiv wissende Frau. Zwar liegt sie nun unter dem
Meeresspiegel begraben, ist entsetzlich einsam und »vom Fleische
gefallen«, aber sie weiß im Mark ihrer Knochen, daß der Tod ihr
ein neues Leben bescheren wird.
Die Instinktnatur kann in das Eismeer gestoßen werden, wo sie zum
Skelett reduziert wird, aber das Urwissen geht ihr selbst als
Gerippe nicht verloren. Und da die Instinktnatur ein Teil von uns
ist, taucht sie bei der nächsten Gelegenheit wieder aus den
Tiefen dieses Eismeers auf, denn sie findet immer ein Loch
zwischen irgendwelchen Eisschollen. Wenn zwei Liebende auf
forcierten Frohsinn bestehen, ein permanentes Disneyland der
Liebe, wenn sie auf sexuelles Feuerwerk bestehen oder ewige
Eintracht ohne jede Zwiespältigkeit und Mühe, dann wird die
Leben/Tod/Leben-Natur ein ums andere Mal vom Felsvorsprung in die
Tiefe gestoßen.
Dabei
wird der weibliche Partner, aber auch das Seelenvolle im Manne,
zum Skelett reduziert; es geht unter und fällt buchstäblich
vom Fleische. Die Frau ist die Hüterin der Lebenszyklen; das Gebärende
und damit im Endeffekt Todbringende liegt ihr im Blut. Aber da
neue Kräfte nun einmal nie ohne eine Minderung des früher
Dagewesenen entfaltet werden können, finden Paare, die alles
Traurige, alles Negative und Unintensive in ihrer Beziehung
ablehnen, sich eines Tages in einer versteinerten Beziehung
wieder. Das Streben nach einer Liebe, die stets nur Positives mit
sich bringt, ist genau das, was einer ursprünglich
vielversprechenden Liebe letztendlich den Todesstoß versetzt.
Das Phänomen begegnet mir in tausenderlei Varianten auf der Couch
in meinem Sprechzimmer, wo Männer wie Frauen sich seufzend
niederlassen und von den Verwicklungen in ihren Beziehungen erzählen.
Die Geschichten verlaufen immer nach folgendem Schema: Zwei
Menschen beginnen einen Balztanz, um zu sehen, ob sie zueinander
passen. Plötzlich fischt der eine oder andere die Skelettfrau aus
dem Unterbewußtsein, weil irgend etwas in der Beziehung abstirbt
und nicht mehr so gut wie früher funktioniert. Oft ist es die
sexuelle Anziehungskraft, die dahinschwindet, oder man sieht die
schwache, tief verletzte Unterseite des Partners, oder man
erkennt, daß der andere »nicht in jeder Hinsicht Trophäenmaterial
ist«. Hier haben wir also den Moment an der Angel, in dem die
Skelettfrau mit dem fauligen Gebiß klappert und nicht mehr von
der Leine loskommt.
O Schreck und Graus! Was nun? Ich sage meinen Patienten, daß sie
an einem magischen Wendepunkt stehen, daß sie nicht davonpaddeln,
den anderen jetzt auf keinen Fall von sich stoßen sollen. Aber
was nützt das? Der eine oder andere Partner rudert, so schnell er
kann, an das rettende Ufer, und ich rudere analysierend nebenher
und rufe ermunternde Dinge, während die Künderin des Todes
hinter uns hergeschleift wird.
Aber selbst das Davonlaufen gehört zu diesem Einweihungsprozeß.
Es liegt in der Natur des Menschen, sich eilends in seinem Iglu zu
vergraben, wenn ein Schatz sich als Künder von unvermeidlichen
Toden offenbart. Davonlaufen ist menschlich, aber nicht für lange
und nicht für immer.
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