Tragische Persönlichkeiten: Elisabeth
Kaiserin Elisabeth ("Sisi")

Sisi wurde am Weihnachtsabend des Jahres 1837 in München geboren. Sie galt von ihrer ersten Lebensstunde an als Glückskind, hatte sie doch bei der Geburt bereits den ersten Zahn im Mund. Noch mit fünfzig schrieb die einsame Kaiserin von Österreich in Erinnerung an eine glückliche Kindheit in ihr Tagebuch:

"Ich bin ein Sonntagskind, ein Kind der Sonne;
Die goldnen Strahlen wand sie mir zum Throne,
Mit ihrem Glanze flocht sie meine Krone,
In ihrem Lichte ist es, dass ich wohne,
Doch wenn sie je mir schwindet, muss ich sterben."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 312)

Die Sommer ihrer Kindheit verbrachte Sisi mit ihren sieben Geschwistern auf dem kleinen Schloß Possenhofen,
in der freien, ländlichen Gegend des Starnberger Sees. Ihre Eltern, Herzog Max in Bayern und Ludovika, hatten keine offiziellen Verpflichtungen am Königshof, und sie ließen die Kinder unbeschwert spielen, toben und reiten. Mit neun Jahren glich Sisi eher einem braungebrannten Landkind als einer Prinzessin. Sie war ein wildes, empfindsames und freiheitsliebendes Kind.


Ludovika, Sisis Mutter, war eine Tochter des bayerischen Königs Maximilian I. aus seiner zweiten Ehe mit Karolina von Baden. Im Gegensatz zu ihren drei Schwestern heiratete sie nicht in eine königliche Familie, sondern in eine Seitenlinie des Hauses Wittelsbach. Daß ihrem Mann und damit der Linie Birkenfeld-Gelnhausen der Titel eines "Herzogs in Bayern" zuerkannt wurde, war nur ein schwacher Trost für die enttäuschte Ludovika.

Nach der Hochzeit am 9. September 1828 offenbarten sich Eheschwierigkeiten, die sich vorher bereits hatten erahnen lassen. Max und Ludovika hatten nichts gemeinsam außer ihren Kindern, von denen acht am Leben blieben. Max, als typischer Wittelsbacher, war freiheitsliebend, exzentrisch und unzuverlässig, wenn auch charmant. Er verbrachte viel Zeit auf Reisen, immer auf der Flucht vor allem, was in irgendeiner Weise nach offiziellen Pflichten aussah. Um die Familie kümmerte er sich selten, ausgenommen seine Lieblingstochter Sisi. Ludovika dagegen widmete sich pflichtbewußt und tatkräftig ihren Kindern, obgleich sie erst spät begann, ihren Töchtern Disziplin beizubringen und in das aristokratische Leben einzuführen. Die große Chance für die ehrgeizige Mutter kam, als Sisis älteste Schwester Helene als Ehefrau für den österreichischen Kaiser ins Gespräch kam. Während Max fü solche Kuppeleien nichts übrig hatte, versuchte Ludovika, auf diese Weise endlich doch in die nähe einer Krone zu kommen.
Ludovika und ihre Schwester Sophie, die Mutter des österreichischen Kaisers Franz Joseph, hatten Sisis älteste Schwester Helene zur Braut des jungen Monarchen bestimmt. Im Sommer 1853 sollten die beiden sich in Bad Ischl verloben. Doch Franz Joseph machte den beiden Müttern einen Strich durch die Rechnung. Statt in Helene verliebte er sich auf den ersten Blick in die 15-jährige Sisi, die nur als Begleitung mit Mutter und Schwester ins Salzkammergut gekommen war. Einen Tag später fand die Verlobung statt.

Ludovika war verblüfft, hatte sie doch Sisi nie für besonders attraktiv gehalten. Sophie ärgerte sich, statt der zur Kaiserin erzogenen Helene ein Kind zur Schwiegertochter zu bekommen. Sisi selber war unsicher, verwirrt, ratlos: "Ja, ich hab' den Kaiser schon lieb. Wenn er nur kein Kaiser wäre," gestand sie ihrer Gouvernante.

Im April 1854 fand die prunkvolle Hochzeit in der Wiener Augustinerkirche statt. Der Kaiser, von politischen Problemen bedrängt, ließ seine junge Frau viel allein, die, an Freiheit gewöhnt, jetzt in das Korsett der Wiener Hofetikette gezwängt wurde.

Am Anfang ihrer Ehe bemühte sich Sisi noch darum, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen, so sehr ihr das Zeremoniell der Wiener Hofburg und das strenge Regiment ihrer Schwiegermutter Sophie verhaßt waren. Während Sisis Schönheit und ihre Natürlichkeit sie beim Volk rasch beliebt machten, bemühte sich Sophie, aus dem freiheitsdurstigen Kind eine disziplinierte Kaiserin zu machen. Sisi flüchtete in Melancholie:

"Ich bin erwacht in einem Kerker,
Und Fesseln sind an meiner Hand.
Und meine Sehnsucht immer stärker
Und Freiheit! Du mir abgewandt."
(Bei Corti, S. 56)

Wenig Trost fand sie bei ihrem vielbeschäftigten Ehemann, der in der ersten Zeit in Wien ihr einziger Halt war. 1858 erfüllte Sisi ihre Hauptverpflichtung als Kaiserin: Nach den zwei Töchtern Sophie und Gisela brachte sie den langersehnten Kronprinzen Rudolf zur Welt. Alle drei Kinder wurden der Aufsicht der Mutter entzogen und der Obhut von Erzherzogin Sophie unterstellt, die ihnen eine angemessene Erziehung zukommen lassen wollte. Sisis Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter verschlechterte sich dadurch aber zusehends.

Inmitten der Revolutionswirren von 1848 bestieg Franz Joseph 18-jährig den österreichischen Kaiserthron, ein Spielball seiner Berater und seiner Mutter , deren kühle Steifheit er geerbt hatte. Pflichtbewußt und dogmatisch bis zur Grausamkeit regierte er bis 1916 über Österreich.

Obgleich er seiner Frau sehr zugeneigt war, litt sie ihr ganzes Leben unter seinem arroganten und langweiligen Wesen und seiner Nachlässigkeit, die er bei aller Freundlichkeit ihr gegenüber an den Tag legte. Seine kühlen Liebeserklärungen waren oft mit Kritik gemischt, seine Frauengeschichten führten zu Sisis Flucht aus Wien. Erst im Alter konnte Sisi dem zurückhaltenden und einsamen Mann mehr Verständnis entgegenbringen. Eingedenk der schönen Stunden anfälicher, aber verschwundener Liebe, unterstützte sie Franz Josephs Freundschaft mit der Hofburgschauspielerin Katharina Schratt. In ihr Tagebuch notierte Sisi im Juni 1887:

"O sprich mir nicht von jenen Stunden
Wo wir einander angehört;
Mit ihrem Glück sind sie entschwunden,
Und unser Eden ist zerstört.
Doch wird ihr Angedenken leben,
Bis Ruhe uns der Tod gegeben.

Drum lass mich niemals, niemals hören
Von Stunden, die auf ewig floh'n,
Die nimmermehr uns zwei gehören
Und deren Seligkeit jetzt Hohn;
Denn, dass wir einstmals uns besessen,
Bedeckt der Tod nur mit Vergessen."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 210f)

Erzherzogin Sophie, Sisis Schwiegermutter, war Ludovikas ältere Schwester und wie diese eine Tochter des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph. Sie war eine Frau mit eigenem Willen und setzte 1848 nach der Abdankung Kaiser Ferdinands I. die Krönung ihres Sohnes Franz Joseph zum österreichischen Kaiser durch. Ihren willensschwachen Ehemann Franz Karl, den eigentlichen Thronfolger, überging sie dabei genauso, wie sie auf eigene Thronansprüche verzichtete. Bekannt als "der einzige Mann bei Hofe", war Sophie es, die in den ersten Regierungsjahren Franz Josephs durch Rat und Tat die Politik Österreichs bestimmte. Sie führte das Regiment in der Wiener Hofburg und achtete streng auf die Einhaltung der Etikette und des "Spanischen Hofzeremoniells". Sophies rigorose Haltung gegenüber der ungewollten Schwiegertochter Sisi entsprang ihrer eigenen Verwurzelung in dieser Welt des höfischen Protokolls, die Sisi so gerne verspottete:

"Auf Titania, schmücke dich
Heut' mit Diamanten!
Sonntag ist's, es nahen sich
Wieder die Verwandten.

Die in greller Pfauenpracht
Dort und falschem Schopfe,
Ei, wie sie sarkastisch lacht,
Mit dem schiefen Kopfe.

Ihr Gemahl, mit Fleisch beschwert,
Duckt sich, wenn sie keifet;
Wedelt aber höchst beehrt,
Wenn der Schwager pfeifet."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 147ff)

Zum Bruch zwischen Sisi und Wien kam es erst 1860, als Liebesaffären Franz Josephs bekanntwurden. Sisi fühlte sich nun nach Sophie auch von ihrem Mann verraten. Zudem litt sie an einer seltsamen Krankheit, die von den Hofärzten vorsichtig als "Lungenschwindsucht" bezeichnet wurde, während die Symptome in ihrer Gesamtheit eine Geschlechtskrankheit vermuten lassen. Von Franz Joseph zutiefst verletzt, flüchtete Sisi aus Wien und begann, rastlos zu reisen. Madeira, Venedig und Korfu wurden in den nächsten zwei Jahren ihre bevorzugten Aufenthaltsorte. Doch auch später kehrte sie nur noch selten nach Wien zurück. Aus der verunsicherten jungen Kaiserin wurde eine selbstbewußte, reife Frau.

Das Reisen wurde ihr Lebensinhalt: "Wenn ich irgendwo angekommen wäre und wüßte, daß ich mich nie mehr davon entfernen könnte, würde mir der Aufenthalt selbst in einem Paradies zur Hölle," vertraute sie Jahre nach der ersten Flucht ihrem Griechischlehrer an.

"Eine Möve bin ich von keinem Land,
Meine Heimat nenne ich keinen Strand,
Mich bindet nicht Ort und nicht Stelle;
Ich fliege von Welle zu Welle."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 44)

Die Ungarn waren immer ein Dorn im Fleisch des österreichischen Vielvölkerstaates. Vergebens hatten sie 1848 um ihre Freiheit gekämpft. Sisi liebte Ungarn, teilweise aus Protest gegen Sophie, die alles Ungarische verabscheute, aber auch, weil sie sich zu Sprache und Menschen dieses Landes hingezogen fühlte. Das Jahr 1866 stürzte Österreich in eine schwere Krise, die das Habsburgerreich von vielen Seiten zu zerbrechen drohte. Doch Sisis Einsatz für einen österreichisch-ungarischen Ausgleich auf der Grundlage besonderer Rechte und Freiheiten für Ungarn unterstützte die Entspannung zwischen Wien und Budapest. Das Habsburgerreich wurde in zwei gleichberechtigte Teile geteilt. Es entstand eine Doppelmonarchie mit Wien und Budapest als gleichberechtigten Hauptstädten.

1867 wurde Franz Joseph zum König von Ungarn gekrönt - Sisis größter politischer Triumph. 10 Monate später kam Sisis jüngstes Tochter, Marie Valerie, zur Welt. Liebevoll das "ungarische Kind" genannt, wurde sie in der von Sisi so geliebten ungarischen Sprache erzogen und stand ihrer Mutter immer näher als die von Sophie aufgezogenen Kinder.

Trotz ihres Einsatzes für Ungarn war Sisi im tiefsten Innern kein politischer Mensch. So sagte sie ihrem Griechischlehrer: "Ich habe auch zu wenig Respekt vor der Politik und erachte sie eines Interesses nicht wert."

Stattdessen setzte Sisi auf die Macht ihrer Schönheit, für die sie weltweit bewundert und angebetet wurde. Bei einer Größe von 172 cm wog sie nur 50 kg, und ihre ohnehin schmale Hüfte schnürte sie auf 65 cm. Ihr ganzer Stolz war ihr fersenlanges Haar, dessen Pflege jeden Tag Stunden dauerte. Sie selber nannte sich "Sklavin meiner Haare". Um diese Schönheit zu erhalten, hielt Sisi strenge Diät und trieb exzessiv Sport - sie ritt, turnte und wanderte. Ihre Schönheit verschaffte ihr Ruhm, aber in späteren Jahren folgten daraus auch körperliche Schwäche und Hungerödeme.

Selbstinszenierung und Schönheitskult kosteten ihren Preis: Der Narzißmus, mit dem sie über ihren Körper wachte, zwang sie zu andauernder Beschäftigung mit sich selber. Nicht selten verweigerte sie sich den ohnehin verhaßten Repräsentationspflichten bei Hof, weil sie mit ihrem Aussehen nicht zufrieden war. Mit zunehmendem Alter versteckte sie sich vor Fotographen hinter Fächern und Schirmen.

Die Liebe zu Pferden und dem Freiheitsgefühl im Sattel wurde Sisi gleichsam in die Wiege gelegt. Ihr Vater Max war der erste, der sie von Kindheit an zu langen Ausritten und gefährlichen Sprüngen ermunterte und das Vergnügen an zirkusreifen Reitkunststücken weckte. Obwohl ihr wilder und leichtsinniger Reitstil von ihrem Mann und der Wiener Aristokratie mißbilligt wurde, hielt Sisi auch als Kaiserin von Österreich an ihren Ausritten fest, bis ihr zunehmend kranker Körper es nicht mehr erlaubte.

Reiten war für Sisi nicht nur eine Sportart zur körperlichen Ertüchtigung und zur Erhaltung ihrer Figur, es war auch eine Möglichkeit der Selbstdarstellung. Sisi trainierte ehrgeizig viele Stunden am Tag, um nicht nur die schönste Monarchin der Welt, sondern auch die beste Reiterin zu sein und ihre einzige aristokratische Rivalin auf dem Pferderücken, Kaiserin Eugénie von Frankreich, zu übertreffen.

Ihrer Lust am Reiten konnte Sisi in den Weiten Ungarns freien Lauf lassen, wo sie auch unter den bewundernden Blicken vieler Aristokraten an den großen Fuchsjagden teilnahm. Die Jagden in England und Irland in den 1870er Jahren bildeten den Höhepunkt von Sisis sündhaft teurer Reitbegeisterung.

Sisi liebte es, ihre Gefühle, Erlebnisse und Gedanken in Gedichten festzuhalten. Ihr verehrtes und bewundertes Vorbild war der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797 - 1856), ein Lyriker, satirischer Erzähler und Essayist, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen politischen Werken für Demokratie und soziale Gerechtigkeit gekämpft hatte. Mit ihrem "Meister" verkehrte Sisi in spiritistischen Sitzungen, sie glaubte, seine Hand führe beim Dichten die ihre. Auf Korfu ließ sie einen Heine-Tempel errichten: "(...)ich liebe an ihm seine grenzenlose Verachtung der eigenen Menschlichkeiten und die Traurigkeit, mit der ihn die irdischen Dinge erfüllten" (Christomanos, Tagebuchblätter, S.149). In Gedichten an den Meister brachte sie ihre grenzenlose Begeisterung zum Ausdruck:

"Es schluchzt meine Seele, sie jauchzt und sie weint,
Sie war heute nacht mit der Deinen vereint;
Sie hielt Dich umschlungen so innig und fest,
Du hast sie an Deine mit Inbrunst gepresst.
Du hast sie befruchtet, Du hast sie beglückt,
Sie schauert und bebt noch, doch ist sie erquickt.
O könnten nach Monden aus ihr noch erblüh'n
so wonnige Lieder, wie Dir einst gedieh'n!-
Wie würde sie hegen, die Du ihr geschenkt,
Die Kinder, die Du, Deine Seele getränkt."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 312)

Sisi haßte nicht nur die Repräsentationspflichten, die ihr persönlich als Kaiserin von Österreich auferlegt waren, sie zweifelte überhaupt an der Zukunft der österreichischen Monarchie. Dieses Gefühl verstärkte ihr Desinteresse an der Politik. Sie legte ein Konto in der Schweiz an, als rechne sie damit, daß die Kaiserfamilie bald ins Exil gehen müsse. Deutliche Worte des Zweifels fand sie in ihrem Tagebuch:

"Ihr lieben Völker im weiten Reich,
So ganz im Geheimen bewundre ich euch:
Da nährt ihr mit eurem Schweisse und Blut
Gutmütig diese verkommene Brut."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 159)

18 Jahre nach Sisis Tod sollte sich zeigen, wie recht sie mit ihren Befürchtungen gehabt hatte. Der erste Weltkrieg beendete nicht nur die Habsburgerherrschaft in Österreich, sondern auch das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. So wird Sisi zum Symbol des Untergangs der Monarchie: "Das Bedeutsame an Elisabeth von Österreich ist, daß so ein Fall nur am Ende einer Dynastie möglich ist.(...) Ihr Temperament besaß die Zerbrechlichkeit der Donaumonarchie selbst", so der Essayist Émile Cioran (in: Constantin Christomanos, Tagebuchblätter).

Sisis erste drei Kinder, Sophie (geboren 1855), Gisela (geboren 1856) und Rudolf (geboren 1858) wurden der Obhut ihrer Mutter weitgehend entzogen, da Erzherzogin Sophie auf einer "kaiserlichen" Erziehung ihrer Enkelkinder durch höfische Lehrer bestand. Daher blieb Sisis Verhältnis zu ihren Ältesten immer etwas unterkühlt und wenig herzlich, obwohl Sophies früher Tod 1857 Sisi mit tiefer Trauer, Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen erfüllte. Die Entfremdung zu ihren Kindern und zu ihrem vielbeschäftigten, aber einsamen Ehemann wurde durch Sisis Flucht aus Wien 1860 noch verstärkt. Sisi entzog sich jeder Form von Familienleben. Nur ihrer jüngste Tochter, Marie Valerie (geboren 1868) gab Sisi die Liebe und Zuwendung, die sowohl ihre älteren Kinder, als auch ihr Ehemann gebraucht hätten. Mit fast übertriebener Fürsorge klammerte sich Sisi an ihr "ungarisches Kind ". Die Liebe, die Marie Valerie später für ihren Ehemann Franz Salvator von Toskana empfand, erfüllte Sisi mit Eifersucht.

Zwar gab Sisi durch ihre ständige Abwesenheit von Wien ihrer Familie keine Möglichkeit der Annäherung, doch wehrte sie Vorwürfe ab, sie sei egoistisch. Constantin Christomanos zitiert sie mit folgenden Worten: "Sehen Sie, man hält mich für selbstsüchtig, aber ich habe wirklich keine Zeit, an mich zu denken..." (Christomanos, Tagebuchblätter, S. 153). Doch bezog Sisi diesen Satz nur auf ihre intensive Verbindung mit der Natur und deren Schönheit, nicht auf die Menschen in ihrer Umgebung.

Die von vielen beneidete Kaiserin von Österreich konnte den Schicksalsschlägen nicht entgehen, die ihr Leben begleiteten. 1857 starb ihre erste Tochter Sophie im Alter von nur zwei Jahren. Zehn Jahre später wurde ihr Schwager, Kaiser Maximilian I. von Mexiko, von antimonarchischen Aufständischen im eigenen Land erschossen. Seine Frau Charlotte verfiel in Wahnsinn, verbrachte die letzten fünfzig Jahre ihres Lebens in geistiger Umnachtung auf Schloß Miramare, in unbewohnten fürstlichen Häusern und in Nervenkliniken. Einer von Sisis nächsten Freunden, König Ludwig II. von Bayern, wurde 1886 ebenfalls für geisteskrank erklärt und gefangengesetzt. Wenig später ertrank er unter bis heute ungeklärten Umständen im Starnberger See.

Als Sisis Sohn Rudolf 1889 in Mayerling mit seiner Geliebten Mary Vetsera Selbstmord beging, konnte sich Sisi nie mehr von diesem Schlag erholen. Zunehmend vereinsamt erlebte sie den Tod ihrer Schwester Sophie, die 1897 beim Brand auf einem Wohltätigkeitsbasar in Paris starb. Im Laufe der Jahre kamen zu den zahlreichen Todesfällen in Sisis Familie eigene Selbstmordgedanken hinzu, durchgespielt in Gedichten, ohne in die Tat umgesetzt zu werden:

"O, zürnt mir nicht ob dem, was ich getan,
Ich konnt' den Zweifel nicht ertragen,
Den Leib vertraut' dem kühlen Grund ich an,
Der Geist fleucht auf, die Zukunft zu erfragen."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 366)

Kronprinz Rudolf, 1858 geboren, war seiner Mutter Elisabeth im Charakter sehr ähnlich, ein intelligenter, sensibler und melancholischer Mensch, der schon als Kind strengen militärischen Erziehungsmethoden unterworfen wurde. Wie Sisi hielt er die Staatsform der Monarchie für überholt und schloß sich liberalen und antimonarchischen Kreisen an. Damit ging er einerseits auf Konfrontationskurs zu seinem konservativen Vater, andererseits fand er aber auch bei seiner Mutter nicht das Verständnis und die Anerkennung, die er suchte. 1881 heiratete Rudolf die 16-jährige Prinzessin Stephanie von Belgien. Außer der 1883 geborenen Elisabeth war dieser unglücklichen Ehe kein Nachwuchs beschieden, und Rudolf fühlte sich,ähnlich wie sein Vater, auch eher zu jeder anderen Frau hingezogen als zu seiner Gattin.

Am 31. Januar 1889 beging Kronprinz Rudolf zusammen mit seiner 17-jährigen Geliebten Mary Vetsera in Mayerling Selbstmord. Der Grund und die Hintergrüde der Tragödie sind bis heute nicht geklärt. Fürchtete Rudolf, daß sein Vater aus der Aufdeckung seiner politischen Betätigungen Konsequenzen ziehen würde? Lag es an Rudolfs finanziellen Schwierigkeiten? Hatte es etwas mit der Todesbesessenheit zu tun, die Rudolf mit Sisi teilte? Oder lag es, was sehr unwahrscheinlich ist, an der hoffnungslosen Liebe zu Mary? War es vielleicht gar kein Selbstmord, sondern Mord?

Der Hof versuchte den Skandal soweit als möglich zu vertuschen. Sisi aber erholte sich nie mehr von diesem Schlag. Geplagt von dem schlechten Gewissen, durch ihr Verhalten mitschuldig an Rudolfs Ende zu sein, verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre in Einsamkeit.

Ludwig II. war Sisis Cousin und Sohn des bayerischen Königs Maximilian II. Joseph. 1845 geboren folgte er mit 18 Jahren seinem Vater auf den Thron. Mit Sisi, schwermütig und träumerisch wie er, verband ihn eine lebenslange enge Freundschaft, die Gerüchte über eine Liebesbeziehung aufkeimen ließ. Obgleich der bayerische König, dem auch eine homosexuelle Neigung nachgesagt wurde, niemals heiratete, war er 1867 vorübergehend mit Sisis Schwester Sophie verlobt.

Der musikbegeisterte Ludwig, Mäzen und Förderer Richard Wagners, zog sich ab 1875 in die Einsamkeit zurück und widmete sich fast ausschließlich dem Bau seiner Schlösser, der ihn an den Rand des finanziellen Ruins trieb. 1886 wurde er wegen Anzeichen von Geisteskrankheit entmündigt und gefangengesetzt. Am 13. Juni ertrank er mit seinem Leibarzt in der Nähe von Schloß Berg unter ungeklären Umständen im Starnberger See. Die trauernde Sisi war von einem Selbstmord überzeugt, für den sie die bayerische Regierung verantwortlich machte.

"'Sie stürzten ihren König
Vom hohen Schwanenstein,
Sie drängten ihren König
Bis in den See hinein.'

Das Lied, das Lied wird klingen,
Bis alle Mörder tot,
Es dringt das leise Singen
In ihre Sterbenot."
(Sisi, Das poetische Tagebuch, S. 119)

Er sei nach Genf gekommen, um den Herzog von Orleans zu töten, sagte der 25-jährige Anarchist Luigi Lucheni dem Untersuchungsrichter, nachdem er die Kaiserin von Österreich mit einer geschliffenen Feile ermordet hatte. Da er diesen nicht habe finden können, habe er die andere umgebracht in Ermangelung eines Besseres.

Seit Mai 1898 hielt sich Lucheni in Lausanne auf, wo er sich einer Anarchistengruppe angeschlossen hatte. Er selber bezeichnete sich als "individualistischen Anarchisten". Da sein anarchistisches Wissen aber eher oberflälich war, glaubte man kaum an einen Einzeltäter, vielmehr an ein Komplott gegen die Kaiserin von Österreich. Doch war und blieb es Lucheni allein, der für das Attentat verantwortlich gemacht und im Oktober 1898 zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt wurde. Dort fing er an, sich weiterzubilden, Sprachen zu lernen und an seiner Autobiographie zu schreiben. Am 19. Oktober 1910 beging er Selbstmord, angeblich aus Verzweiflung darüber, daß der Gefängnisdirektor ihm fünf Hefte mit seiner Lebensgeschichte weggenommen hatte. Über seiner Person und seinem Leben stehen noch immer die Worte, mit denen er seinen kaltblütigen Mord an Sisi kommentierte:"Ich bereue nichts!".

"Ihr Mörder tötete sie mit einem Wort, das viel schlimmer war als sein unheilvolles Stilett,", so der Diplomat und Schriftsteller Paul Morand 1963. "Das Double zu spielen, wenn man die erste große Rolle sein möchte, heißt zweimal ermordet zu werden..."(Christomanos, Tagebuchblätter, S. 194)

Schicksalsschläge vergrößerten Sisis Einsamkeit. Der Tod König Ludwigs II. Von Bayern 1886 beraubte sie eines ihrer wenigen wirklichen Freunde. Der Selbstmord ihres Sohnes Rudolf 1889 in Mayerling aber brach sie völlig. Nur noch in schwarz gekleidet, setzte sie ihre einsame Odyssee fort, von Selbstmordgedanken verfolgt, hoffnungslos und unglücklich. Der Nachwelt, den von ihr so genannten "Zukunfts-Seelen", hinterließ sie traurige Bilder ihrer Einsamkeit:

"Ich wandle einsam hin auf dieser Erde,
Der Lust, dem Leben längst schon abgewandt;
Es teilt mein Seelenleben kein Gefährte,
Die Seele gab es nie, die mich verstand."
(Sisi, das poetische Tagebuch, S. 214)

Als der Anarchist Luigi Lucheni der Kaiserin von Österreich am 10. September 1898 in Genf eine geschliffene Feile ins Herz stieß, traf er eine vom Leben enttäuschte Frau. Das Schicksal hatte Sisi zuletzt doch noch gefunden. Von den Zukunfts-Seelen erhoffte sie Verständnis:

"Ihr teuern Seelen jener fernen Zeiten,
Zu denen meine Seele heute spricht,
Gar oft wird sie die eueren begleiten,
Ihr last ins Leben sie aus dem Gedicht."

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