Gundermann  

              Gerhard Gundermann
                                                                                 1955-1998
 
 
 
soll sein
der Winter soll wieder richtig kalt sein, und auf 'm Dach soll Schnee sein, aber weiss
rings um mein Haus soll wieder richtig Wald sein, und der Ofen drinne richtig heiss
 mein Teppich, der soll endlich wieder fliegen, mein Zauberpferd kommt angetrabt
die Flaschengeister könn mich nicht mehr kriegen, weil ich wieder Freunde hab
die Bäume sollen wieder meine Brüder sein, wir lassen unsre Wunden heiln
an den Zweigen solln die Vögel wieder wohnen und mit mir die Kirschen teiln
ich will auch wieder mit den Tieren sprechen können und ich will das Gras verstehn
was es flüstert in den blauen Sommernächten, ich habe mich so lang danach gesehnt
frag mich nicht wie, frag mich nicht wann, s ist doch nur n Lied
 aber mitm Lied fang ich erst mal an
der Regen soll wieder seinen Bogen schlagen, zwischen schwarz und weiss wie n bunter Arm, und das rot darin soll nicht mehr so verlogen sein und grün und gelb nicht mehr so arm, 
die Pilze sollen wieder in die Bomben kriechen, und die Bombe wieder in den Flugzeugbauch
das Loch im Himmel soll sich wieder schliessen, und die Löcher in der Erde, die auch
frag mich nicht wie, frag mich nicht wann, s ist doch nur n Lied
aber mitm Lied fang ich erst mal an
mein Teppich, der soll endlich wieder fliegen, mein Zauberpferd kommt angetrabt
die Flaschengeister könn mich nicht mehr kriegen, weil ich wieder Freunde hab
G.G.

 Gerhard Gundi Gundermann ist tot.
Seit dem frühen Morgen stand das Telefon nicht mehr still.
Trauer, Betroffenheit. Irgendwie war es unfassbar, so richtig sagen konnte keiner was, nur die bitte noch, einen sofort zu informieren, falls neues bekannt würde.
Gerhard Gundermann war für viele mehr als Musik. er war Fixpunkt, Kraftquell, sich nicht anzupassen, weiterzumachen und den Traum vom besseren Miteinander nicht aus dem Kopf zu verlieren.
Leben wir seine Lieder.
Stiewe/PNull 22.6.98

HINWEISE + TERMINE:

Silly & Gundermann+Seilschaft unplugged, das Konzert vom November 1994 in Potsdam ist ab sofort als Video (Buschfunk) und als Doppel CD (BMG-Amiga) erhältlich.
 Bei Buschfunk( Tel: 030/ 4459380) ist der Mitschnitt seines letzten Solo-Konzertes ("Krams") als Doppel-CD erhältlich,
ebenso das Video "Gundermann+Seilschaft - live im Tränenpalast".
Für das Frühjahr '99 ist das "Liederbuch 2" geplant.
Gundermann*s Seilschaft e.V. findet ihr unter http://www.gundi.de

..Verlierer ist der, der mehr von sich abgibt, als das er nimmt G.G. 1992
   Foto: Sören Marotz-1994

..möglicherweise werden in den Nischen die Pfeiler aufgestellt,
die unsere Welt mal halten, wenn sie zusammenbricht..
G.G.1993


Foto: Joern Haufe


so viel Jahre unterwegs, und immer nur durch Feindesland
wann ham' wir uns zur Nacht gelegt ohne ein Eisen in der Hand
wann ham' wir jeh aus Spass getanzt, nein immer nur auf Messers Schneide
das du noch singen kannst, wir sind doch pleite
sogar die Kinder ham's trainiert, sie sagen ihren Namen nicht
und wenn ihn doch einer erfährt, machen die Supermärkte dicht
wann ham wir je aus Spass getanzt, nein immer nur auf Messers Schneide,
das du noch singen kanst, wir sind doch pleite
wo solln wir hin, wo bleiben wir
ich kann doch nur zu dir herein, und du zu mir
sag, wird ein Zyniker noch mal ein Schelm,wird aus dem Schwert nochmal ne Sense
und aus so'm zerkratzen Helm, saufen denn daraus noch die Gänse
ich kann doch nicht einfach Heimat sagen,zum Land, auf das mein Schatten fällt
da hast du hast schon vom Wagen die Räder abgeschlagen
wo solln wir hin, wo bleiben wir
ich kann doch nur zu dir herein, und du zu mir
G.G.
jeden Morgen steigt mein Völkchen in den Ring
und dann schlägt es aufeinander ein
doch mit dem Schlagen ist das ein besondres Ding
jeder will der Hammer, keiner will der Ambos sein
das is'n Scheisspiel, du und ich wir zwei, wir machen nich mehr mit dabei,
das is'n Scheissspiel, und ab morgen bleiben uns're Startlöcher frei
was man in die Hand bekommt, wird, ausgepresst
Brüste, Kehlen, Köpfe, Portmo'ne ne ne
wass nicht zusammenhält, wird auseinand' gefetzt
und abend s geht mein Völkchen in die Knie
das is'n Scheisspiel, du und ich,wir zwei, wir machen nich
mehr mit dabei
das is'n Scheisspiel, und ab morgen bleiben unsre 
Startlöcher frei
irgendwann ham' wir mal in Physik gehört
das Druck den gleichen Gegendruck erzeugt
wie kommt, das jeder nur auf seine Fäuste hört
bis einer vor dem andren seinen Nacken beugt
das is'n Scheisspiel, du und ich, wir zwei wir machen nich
mehr mit dabei, 
das is'n Scheisspiel, und ab morgen bleiben unsre
Startlöcher frei
das is'n Scheisspiel
G.G.

Foto: Joern Haufe
Montag morgen. Karnickel Knuppi und die Vögel gefüttert. Kaffee gekocht. Eine Nachricht zwischen den Füßballergebnissen und dem Wetterbericht: Gundi soll tot sein. Köpfe und Herzen kreisen. Umarmungen. Tränen. FreundINNen benachrichtigt. Das Tageswerk kann nur taumelig verrichtet werden - immer das Warten auf den Widerruf der Ente, ich zu Hause, mein Liebster die Flucht ergreifend irgendwo in Berlin. Aber die Ente wollte nicht sterben. Trafen uns am Abend wieder. Angst bei dem Gedanken, unsere Insel in Tränen und Rotwein versinken zu sehen. Seine Lieder, die in unseren CD- und Kassetten-Kisten obendraufliegen, vermieden wir. Und zunächst auch alles, was im Herzen brannte. Den Rotwein nicht. Nach der ersten Flasche begannen wir vorsichtig, der Zunge freien Lauf zu lassen:
Trauer um den, der unsere Batterien aufgeladen hat, um die Geschichten von Ashley, von den Plattwürmern, vom Schwimpen im Schwimmbad Schwarze Pumpe, von der Hologramm-Schwiegermama, von William Case und der Zwillingsforschung, von Gott als Besitzer einer Mietwagen- firma ("Querdenker zahlen 175 % Versicherung"), von den Weibern und der Weisheit, die beide mit "wei" anfangen. Von dem Loch,das ungestopft bleiben wird. Von den Konzerten in Berlin. Und in Frankfurt (Oder), wo wir nicht nur in der Singegruppe Gundi´s Lieder sangen. Von der Furcht vor einer Best-of. Von der Dankbarkeit, daß seine Zeit wenigstens auf der seinigen Insel gekommen war. Vom Herzstillstand. Vom Mitleiden mit Conny, Linda, dem endlich ausgelernten Dachdeckersohn und der Tochter, deren Hochzeit Gundi gern erlebt hätte.
Wir hatten einige Kassetten unserer Vernarrtheit wegen selbstironisch "Mix Gott Gundermann" benannt. Unser Gott ist tot.
Am Dienstag wegen Informationshunger den Zeitungsladen am Bahnhof gestürmt. Im ND lesen müssen, Gundi sei ein Träumer gewesen, weil er sich eingebildet habe, mit seinen Liedern den Menschen ihren Platz in der Gesellschaft zeigen zu können. Ob Gundis "Traum" aber Wirklich- keit wird, liegt jetzt  allein in unserer Hand. Für mich ist er der Wunschvater und die Wunschmutter. Wenn es für mich ans Sterben geht, möchte ich mir den Gundermann-Spiegel  vorhalten können. Im Moment sind wohl mehr Punkte in der Minus- als in der Plus-Kiste.
Aber:
ist es zeit zu gehen, ist es zeit zu bleiben
wer kann so weit sehn, was weiß ich
gehn oder bleiben, ach ich weiß von beiden
nur es geht nicht ohne dich
ist es zeit zu sprechen, ist es zeit zu schweigen
wer wird auf mich hören, was weiß ich
sprechen und schweigen, ach ich weiß nur einen
satz und der heißt, ich brauche dich
wird´s ein tag ein neuer, wird es ein weltenfeuer
was da grad herauzieht, was weiß ich
ein tag ein neuer oder ein weltenfeuer
ich steh beides durch, nur stell dich neben mich
Patti Heidrich , Mittwoch 24.6.98


es kommt der der Tag, da sind die Kleinen gross
und die Grossen werden tot sein
es kommt der Tag, da schweigen all die Sänger
und die Steine werden schrei'n
und ich kehre zurück auf'm Pferd mit wilder Mähne
und aus schwarzen Schafen werden weisse Schwäne
es kommt der Tag, da brechen in die müden Städte wilde Wasser ein
es kommt der Tag, da wird jeder alte Kahn ein Schiff voller Piraten sein
und ich reite voran auf'm Pferd mit wilder Mähne
und aus schwarzen Schafen werden weisse Schwäne
G.G.

..die Sender, die die Einschaltquoten beherrschen, die Zeitungen, die die höchsten Auflagen haben, es wird keine Information mehr verkauft, sondern nur Quark, Oberflächlichkeiten, Desinformation, Verblödung, und die Leute bezahlen auch noch Geld dafür. Und ich versuche ja auf der andern Front - ich bin das Unterbewusstsein, und wenn die immer blöder werden und immer lustiger und immer mehr - dann muss ich mich doch auf das konzentrieren, was meine Aufgabe ist, also das ich sagen muss, wo das endet...
G.G. 1997


Fotos: Joern Haufe

Die Besten gehen immer zuerst -
doch warum gerade Gundermann?

Eigentlich wollte ich noch gar nicht aufstehen, aber mein heutiger Tag erforderte noch etwas Vorbereitung. So dudelten die Nachrichten ab halb acht, bis mich die Kurzmeldung auf Deutschland Radio Berlin über den "Tod des vor allem in Ostdeutschland bekannten Liedermachers Gerhard Gundermann" hochschrecken ließ. Der kurze Moment des Aufwachens ging dann direkt in eine Erstarrung über.
Warum er? Gerade vorgestern hatte ich noch einmal meinen Nachruf für Tamara Danz aus dem letzten Jahr rausgekramt und neu einsortiert. Er war damals aus einem spontanen Verlust- und Einsamkeitsgefühl entstanden. Aber es bleibt dir doch noch der Gundi Gundermann, sagte ich mir damals wie auch vor zwei Tagen. Genau in dieser Nacht starb der "Rockpoet und Baggerfahrer" (Hans-Dieter Schütt) an Herzstillstand.
Gundi ist tot. Hoffentlich hat er seinen Frieden gefunden. Er selbst sagte von sich vor ein paar Jahren schon, daß er alles gesehen und alles erlebt hat und daher eigentlich gehen könnte, aber da sind ja noch die Kinder und Conny müßte auf jeden Fall mitkommen.
Nun wird er warten müssen bis sie nachkommt. Sie hat noch kein Visum.
Mit ihm hatte ich jemanden gefunden, der mein Lebensgefühl am ehesten traf. Gundermann war für mich eine Art Sprachrohr für mein Denken und Fühlen, welches aber nie eine Form bekam, die nach außen dringen konnte. Die Lücke, die sein Abschied gerissen hat, wird schwerlich zu füllen sein. Jeder der ihn kannte wird sich fragen, ob er denn genug von dem eingesogen hat, was er geben konnte. Ich war nicht bereit für seinen Abschied, aber das letzte Konzert was ich von ihm gehört habe - es war am 8. Mai in Schönholz - möge mir die Kraft geben ihm da wo er jetzt angekommen ist alles Gute zu wünschen. Bei uns hat er seine Sache wohl ganz gut gemacht.
Mir bleiben die Konserven, die Fotos, die Erinnerungen an die Konzerte und die Begleitung auf einem Stück meines Weges. Ich glaube manchmal ging er ein paar Schritte neben mir her, lautlos, eher wie ein Schatten. Dafür danke ich ihm.
Montag, 22. Juni 1998
Sören Marotz


ich sitz auf meiner Bank und lass die Zwiebel stinken
das macht die Mücken krank und lässt die Sonne sinken
der Weisswein lockt und lässt den alten Papa hinken
ich habe heute Bock, mich ganz langsam zu betrinken
meine Augen tauchen in das Abendlicht
das is so mild wie seit 20 Jahren nicht
der Hund macht Frieden mit der Katze, weil er hat die Gicht
und ich fahr jetzt schon eindreiviertel Jahr nicht mehr auf Schicht
das war mein zweitbester Sommer,
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben und immer wieder und nie genug
das war mein zweitbester Sommer
ich küsse meinen Sittich, umarme meine Bäume
und schiesse wie ein Raumschiff durch die Zwischenräume
ich stell mich an, das ich den grossen Wagen nicht versäume
und flieg mit meiner Tochter durch merkwürdige Träume
ich höre uff zu kiffen, damit ich sie nicht störe
und bin ganz ergriffen, wenn ich sie schnarchen höre
auf dem Reihenhausdach proben Engelschöre
und meine Alte lacht, wenn ich ihr Treue schwöre
das war mein zweitbester Sommer
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben und immer wieder und nie genug
das war mein zweitbester Sommer
ich hör, wie alte Schachteln über ihre Männer tratschen
und alte Säcke wegen die frigiden Weiber knatschen
die jungen Hühner seh ich uff'n Feuerwehrball latschen
na ich bin aus'm Rennen, ich brauch sie nicht mehr zu bequatschen
aber eines Tages, da tauch ich aus'm Dschungel
und die schärfsten Weiber drehn sich nach mir um
diese Sekunde reicht mir und ich mach mich wieder krumm
und knalle weiter mit meiner alten Schnalle rum
das war mein zweitbester Sommer
ich schlürf ihn aus bis zum letzten Zug
ich will das alles hier haben und immer wieder und nie genug
das war mein zweitbester Sommer
G.G.
 
der Fährmann legt am Ufer an 
und auf dem hölzern' Landesteg
stehn die bleichen Seelen an
der Fährmann bringt sie alle weg
weg vom Hunger, weg von Durst
weg von Schnaps und von der Wurst
weg vom Geld und weg vom Salz,
weg vom Fenster und vom Hals
ihrer Liebsten ,Freund und Feinde,
aus der Mitte der Gemeinde
aus der Hitze, aus dem Streit
 aus dem Leid und aus der Zeit
alle, die gehen wollen, solln gehen können
alle, die bleiben wollen, solln bleiben können
alle, die gehen wollen, solln gehen können
alle, die kommen wollen, solln kommen können
die hier anstehn, sind satt vom Leben, 
sie haben alles abgegeben
wollen nur noch ihre Ruhe
 und stehn da mit Augen zu
zurück zu uns wolln sie nicht mehr
zwingt sie nicht zur Wiederkehr
ruft sie nicht und schickt sie leise
wenn sie wollen, auf die Reise
lasst sie nochmal die Enkel sehn,
und überm Haus ne Wende drehn
und schütten ihre Sammeltasse Glück
wieder in die Welt zurück
alle, die gehen, wollen, solln gehen können
alle, die bleiben wollen, solln bleiben können
alle, die gehen wollen,solln gehen können
alle, die kommen wollen,solln kommen können
alle, die gehen wollen, solln gehen können
G.G.


..der gnadenloseste Jäger jedes Kompromisses den ich gemacht hab, ist das eigene Gewissen..
G.G.1993

Fotos: Patti Heidrich-1994


und wenn du denkst, daß da noch einer sitzt, der dich vor dem bösen schwarzen Kater beschützt, vergiss es
und wenn du denkst, daß da noch einer guckt, der dicke Brocken in deine dünne Suppe spuckt, vergiss es
jetzt sind wir frei, frei, vogelfrei, jetzt sind wir frei, vogelfrei
flieg oder stirb,  fly oder die
und wenn du denkst, daß da noch einer drüber wacht, ob Sensibelchen auch richtig zugedeckt ist in der Nacht, vergiss es
und wenn du denkst, daß da noch einer drüber lacht, wenn so'n Kleier so'ne grossen Sprünge macht, vergiss es
jetzt sind wir frei, frei, vogelfrei, jetzt sind wir frei, vogelfrei
flieg oder stirb, fly oder die
und wenn du denkst, daß es noch einen int'ressiert, wenn Dummling schwer gelernte Sätze rezitiert, vergiss es
und wenn du denkst, daß da noch einer applaudiert, wenn Nichtsnutz die immer gleichen Faxen vorführt, vergiss es
jetzt sind wir nämlich frei frei, vogelfrei, jetzt sind wir frei, vogelfrei
flieg oder stirb, fly oder die
G.G.
Als fehlte ein Stück
der eigenen Stimme
Zum letzten Mal hörte ich ihn auf der Burg in Beeskow. Fast hätte das Konzert gar nicht stattgefunden. Es goß in Strömen, der Strom fiel aus. Über den Burghof neigte sich die Dämmerung. Ratlos pendelte der Blick der Musiker zwischen Bühne und Himmel hin und her. Als es beinahe dunkel war, brach der Regen mit einem Schlag ab und wenige Augenblicke später flammten die Lichter wieder auf. Gerhard Gundermann sang und wir hörten ihm zu, rückten zusammen auf unseren nassen Bänken. Nie habe ich mir zu erklären vermocht, was es eigentlich war, das mir diese Lieder zu Lebensmitteln machte. Die griffigen Floskeln vom "singenden, klingenden Baggerfahrer", über die Gundermann nur allzu gern spottete, gehen ins Leere. Wie soll das rechte Bein erklären, was ihm das linke bedeutet?
"Das ist doch alles nur Geikel", sagte er mir in einem Interview vor fast zehn Jahren. "Was zählt, ist allein das Produkt. Der Mann ist wichtig, wenn er es herstellt, wenn er sein Bild auf der Bühne entwirft. Danach ist er nicht wichtig und vorher auch nicht." So hat er gelebt: viele wichtige Momente, die immer zu tun hatten mit der Suche nach einer lebbaren Gesellschaft. "Utopie schöpfe ich aus der härtesten Reflektion der gegenwärtigen Lage, aus Verantwortung und Liebe", beschrieb er seine Arbeit. Wie viele kenne ich, deren Visionen daran kranken, daß ihnen just immer eines dieser Elemente fehlt. "Der Endzustand könnte sein: Demokratiefähigkeit dieses Volkes", träumte Gundermann. "Die besteht darin, daß die inneren Antriebe größer sind als die äußeren. Es geht darum, daß die Hemmschwelle zwischen Denken und Machen übersprungen wird. Was ich tue, soll dazu beitragen."
Seinen inneren Antrieben zu folgen, schließt Opportunismus aus. Werden sie stärker, verliert der Außendruck seine Wirkung. Keine Gesellschaft, die damit nicht ihre Schwierigkeiten hätte. Längst hatte Gundermann sein Koordinatensystem gedreht, hießen die Pole nicht mehr "rechts" und "links" für ihn, sondern "oben" und "unten". Da mochte wenden, wer wollte. Der Kompaß, dem Gundermann folgte, war nicht mehr zu täuschen. Er grub sich seinen Zeittunnel durch die Geschichte, hin zu seinesgleichen, mochten sie Carl Schurz heißen oder Heinrich von Kleist. Die Metaphern seiner Lieder brauchte er nicht mühsam zu konstruieren, er fand sie, wo immer er war. Weil er der Welt nicht gegenübertrat, sondern sich als ein Teil von ihr empfand. Freiheit fängt an mit der Freiheit von Dünkel. Die Gundermanns Lieder lieben, haben das mit ihm gemeinsam erfahren. Sie trauern. Was ihnen jetzt fehlt, ist ein Stück ihrer eigenen Stimme.
Henry-Martin Klemt
(aus: Oderanzeiger Nr. 389, Frankfurt/Oder, gekürzt)


Foto: Patti Heidrich-1994
KERL WIE N BAUM
für gg
war n kerl wie n baum mit ner krone so groß mit ner wurzel so tief so viel erde im schoß
so viel himmel im haar alle arme verstrickt in die winde der welt und kein sturm der ihn knickt
war n kerl wie n baum wo die vögel drin wohn fraß ne raupe sein blatt sah er n schmetterling schon
und kein frost der ihn fällt und kein beil das ihn schreckt wo der blitz ihn verbrannt spielten kinder versteck
war n kerl wie n baum der das gift für mich fraß daß ich luft gekriegt hab wenn ich neben ihm saß
und hielt ausschau für mich nach den andern im wald deckt sein schatten mich zu wars mir nich mehr so kalt
war n kerl wie n baum hat den regen geliebt und den schneeweißen schnee und das licht im zenit
all die erde im schoß all den himmel im haar und n schmetterling sitzt jetzt im gras wo das war
HENRY-MARTIN KLEMT
oct.98
.. all das Lächeln und die Schläge, die du in der Welt verteilst, holn dich irgendwann ein, wenn du dich noch so beeilst
all die Suppe, die wir heute in die Elbe ablassen, die ha'm wir morgen wieder in den Suppentassen..
G.G.


Du hast hier Kaffe gekocht und saubergemacht auf'm Klo, dort sitzt du am Computer im Grossraumbüro
und siehst gut aus und ich frag mich,wie hälst du's da blos aus, so abgeschnitten von zuhaus
wir sind auf Arbeit getuckert mit deiner MZ, jetzt kommste mich besuchen im Ford Cabriolet
von null auf hundert sechs Sekunden,ach so hälst du das aus, so abgeschnitten von zuhaus
wie viele Steine kann man ziehen aus der Wand, bevor das Dach einfällt, und mich begräbt im Sand
hier schneits schon rein, ach ich sag euch,ich halt das hier nicht aus, in so'm zerschnittenen Zuhaus
G.G.
Ich möchte gern so etwas sein wie eine Tankstelle für die Verlierer. Glücklich wäre ich, wenn die Leute sagen würden, sie brauchen zum Leben Brot, Wasser und Lieder von Gundermann. Lieder als Lebensmittel, das wäre schon mehr,
als man verlangen kann.
G.G.



 

ich wurde Bergmann, wie mein Vater und fuhr ein
aber mein Sohn wird hier kein Bergmann mehr sein
die Gleise rosten und das Förderband ist leer
die braune Kohle von hier will jetzt keiner mehr
ach meine Grube Brigitta  is pleite
und die letzte Schicht lang schon verkauft
und die Bagger stehn still in der Heide
und das Erdbeben hört endlich auf
ich war'n Bergmann, weiter hab ich nischt gelernt
ich hab dieses Land in jedem Winter treu gewärmt
die Lunge is wie'n Sack mit Kohlebrocken voll
im Herzen Asche, in den Adern Alkohol
ach meine Grube Brigitta is pleite
und die letzte Schicht lang schon verkauft
und mein Bagger, der stirbt jetz  in der Heide
und das Erdbeben hört endlich auf
ich war'n Bergmann , langsam geh ich durch's Revier
die Frau will wegziehn, ich bin angebunden hier
gehör dazu wie auf'm Fensterbrett der Staub
ein jeder Baum trägt meinen Steckbrief unterm Laub
G.G.
 
ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verliern
wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden
wer sich wärmen will,muss erst mal friern
du hast meine Unschuld kassiert, gib mir dafür deine Hand wir hatten nichts als unsre Ketten zu verliern
und unser Land
die letzten werden die ersten sein, 
in den Momenten, wo die Blätter sich wenden
aber dann, aber dann, werden sie wieder die letzten sein
ich geb nicht auf, ich geb nur nach
ich werf die Flinte in's Korn
und merk mir, wo ich sie hingeschmissen hab,
neben meine abgerissnen Ohr'n
verlornes Kind auf verlor'nem Posten im Hinterland
die Sieger trinken auf uns're Kosten und
verlieren den Verstand
die letzten werden die ersten sein
in den Momenten,wo die Blätter sich wenden
aber dann, aber dann, werden sie wieder die letzten sein
G.G.


Foto: Sören Marotz-1997
und wenn ich nicht mehr rennen kann, da kann ich noch n bissel gehn, und wenn ich nicht mehr gehen kann, will ich hier nochn bissel rumstehn, und wenn ich nicht mehr stehn kann, da schaffe ich es noch zu kriechen,
und wenn ich nicht mal mehr  liegen kann, dann fang ich eben wieder an zu fliegen
jaja
G.G.


na dann werden wir mal müssen, schreit der Kaufhausmann
hier werdet ihr beschissen, nicht nur nebenan
doch mein Fusel, der is pur, und die Wahrheit, die ist nackt
bei mir gibt es nur:, Katzen im Sack
soll es eine grün-rote sein oder schwarz
eine fast schon tote, oder eine, die beisst
ob se Krallen zeigt, oder ob se nich
ob se lieber schweigt, oder ob se widerspricht
ihr hattet die Wahl, doch is egal
denn sie sind alle noch verpackt,die Katzen im Sack
du kannst Haken schlagen und du ein Kreuz
sie kann alles sagen, und er bereuts
ihr könnt Sterne tragen, oder Sterne sehn
eine Bar im Wagen, oder barfuss gehn
ihr habt die Wahl, doch is egal
denn sie sind alle noch verpackt, die Katzen im Sack
G.G.
Beschimpfung meiner Generation
gerade geboren, aber schon nicht mehr jung,
Liebe geschworen, aber immer immer auf'm Sprung
zum Streiten zu feige, zum Lügen zu müd
gestern frühreif und heute verblüht
kein Zeichen an der Mütze, aber immer auf der Hut
nur ja nicht in die Pfütze, und auch ja nicht in die Glut
immer gehetzt und den Mantel im Wind
immer nur Sex,aber ja nur kein Kind
nie vorme gehn, aber immer vorlaut
noch nie was gesehn ,aber alles schon durchschaut
nie um was bitten und nie was verschenkt
ihn der Nacht ausflippen, und am Tag ferngelenkt
nie was verliern, aber nie richtig reich
zu klug zum marschieren, zum Regieren zu weich
meisstens erschossen, so ganz ohne Schuss
manchmal Genossen, selten mit Genuss
G.G.
Foto: Joern Haufe
...die ganze Menschheit, also auch das DDR-Volk teilte sich bis jetzt immer ein in so sagt man 80% Nichtdenker, 15% Falschdenker und
5% Richtigdenker, und es ist natürlich schon ein unheimlicherFortschritt, wenn aus den 80% Nichtdenkern 80% Falschdenker werden..
G.G.1990



 

ich mache meinen frieden
ich mache meinen Frieden mit dir, du grosser Gott, ich nehm  was du mir du mir bieten kannst Leben oder Tot
ich will mich nicht mehr drängeln und will mich nicht verpissen und wer mich angeschissen hat, will ich auch nicht mehr wissen
so fülle meinen Becher, ich trink ihn bis zur Neige nun gib mir schon mein Kreuz, oder eine Geige
ich mache meinen Frieden mit dir, du kleine Mücke, du kannst mich ruhig pieken, ich werd dich nicht zerdrücken.
du kannst mich ruhig stechen, ich werde dich nicht schlagen, du musst mir nur versprechen, es deinen Kumpels  nicht zu sagen
nu hau schon deinen Spund rein und lass uns einen heben, ich fülle auf mit Rotwein, so könn wir beide leben
ich mache meinen Frieden mit allen den Idioten, die ihre Welt behüten  wolln mit ihren linken Pfoten
mit jeden Samurei, mit jedem Kamikaze, mit jedem grünen Landei und auch mit jeder Glatze
die diese Welt nicht bessern können, aber möchten, mit viel zu kurzen Messern in viel zu langen Nächten.
G.G
Gundi, Wir haben uns eingereiht, gestern. Wir haben uns eingetragen in das Kondolenzbuch und wir haben an Deinem Grab gestanden.Wir haben geheult, immer noch unfähig, das Geschehene zu begreifen.Wir haben einander festgehalten, viele Freunde gesehn, die uns gleich keine Worte fanden. Die Kameras, die Mikrophone, die man uns vor die Nase hielt, ignorierten wir, das passierte lässt sich nicht in Worte fassen.
Du fehlst uns.
Stiewe/PNull 28.6.98


Foto: Sören Marotz-1998
BESUCHER:

Alle kursiv gesetzten Abschnitte stammen von Gerhard Gundermann.
Bewusst findet man hier nichts zum Einschreiben, geht bitte dazu auf
 die offzielle Seite von Gerhard Gundermann,
dort existiert u.a.eine Kondolenzliste, und vor allem: gestaltet eigene Seiten.
Schickt mir die URL, sowie Informationen über geplante Veranstaltungen,
die in Beziehung zu Gundi stehen, ich werde sie dann hier aufnehmen.
E-Mail an Stiewe/PNullgit
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Wir danken Joern Haufe, Patti Heidrich, Sören Marotz & Henry Martin Klemt für die kostenlose Bereitstellung der  Bilder und Textbeiträge.
Mehr von und über Gerhard Gundermann findet man im Buch: "Gundermann-Rockpoet und Baggerfahrer" erschienen im Verlag
"Schwarzkopf & Schwarzkopf".
Die Plattenfirma  Buschfunk  veröffentlichte von Gerhard Gundermann bisher die CD's:  "Einsame Spitze",
"Der 7.Samurai", "Frühstück für immer", "Engel über dem Revier" und "Krams, das letzte Konzert";
das Video "Live im Tränenpalast" und das Gundermann Liederbuch.
"Männer Frauen & Maschinen"aus dem Jahre 1988 ist von AMIGA/ARIOLA neuveröffentlicht worden.