Flussaufwärts in die Gegenwart

Die Landschaft, aus der ich - auf welchen Umwegen! aber gibt es das denn: Umwege? - die Landschaft, aus der ich zu Ihnen komme...(Paul Celan)

wir sind bettler und wolln wenig
und reicht uns einer einst ein wort
so selbstverständlich wie das wasser
gehn wir in warme länder fort

(Jan Skácel)


Auf und davon nach Timbuktu


Timbuktu, Tumbuto, Tombouctou, Tumbyktu, Tumbuktu
oder Tembuch? Ganz gleich, wie man es buchstabiert: das
Wort ist eine Losung, eine rituelle Formel, einmal gehört
und nie wieder vergessen. Mit elf Jahren wußte ich, daß
Timbuktu eine geheimnisvolle Stadt im Herzen Afrikas
war, wo man Mäuse aß - und sie auch Besuchern vorsetzte.
Ein in einem Reisebericht abgebildetes verschwommenes
Photo von einer Schale mit einer trüben Brühe, aus der
zwei rosa Füßchen herausragten, faszinierte mich unge-
heuer. Natürlich schrieb ich einen keineswegs druckreifen
Limerick darüber. Die Wörter "Mäuse im Stew" reimten
sich auf Timbuktu, und für mich sind sie immer noch un-
trennbar miteinander verbunden.
  Es gibt zwei Timbuktus. Eines ist das Verwaltungszen-
trum der Sechsten Region der Republik Mali, früher Fran-
zösisch-Sudan - die verschlafene Karawanenstadt, wo der
Niger einen Knick macht in Richtung Sahara, "Sammel-
platz all derer, die mit dem Kamel oder mit dem Kanu rei-
sen", wobei die Versammlungen selten friedlich verliefen;
das schattenlose Timbuktu, das unter der Sonne Blasen
wirft und weite Teile des Jahres durch graugrüne Wasser-
wege abgeschnittcn und über den Fluß, mit Wüstenkara-
wanen oder dem russischen Flugzeug zu erreichen ist, das
dreimal in der Woche aus Bamako einfliegt.
  Und dann gibt es das imaginäre Timbuktu-eine mythi-
sche Stadt in einem Arkadien, eine arntipodische Fata Mor-
gana, ein Symbol für das Ende der Welt - oder ein alberner
Witz. "Er ist auf und davon nach Timbuktu", lautet eine
Redensart, was bedeutet: "Er ist durchgedreht (oder im
Drogenrausch), "Er hat seine Frau (oder seine Gläubiger)
im Stich gelassen", "Er ist auf unbestimmte Zeit fortge-
gangen und kommt wahrscheinlich nicht mehr zurück",
oder "Ihm ist nichts Besseres als Timbuktu eingefallen. Ich
habe immer geglaubt, nur amerikanische 'Touristen wür-
den dort hinfahren."
  "War es schön?" fragte mich ein Freund nach meiner
Rückkehr. Nein. Timbuktu ist alles andere als schön, es sei
denn, man findet zu Staub zerfallende Lehmwände schön-
Wände von einem geisterhaften Grau, als hätte die Sonne
jegliche Farbe aufgesogen.
  Dem durchreisenden Besucher stellen sich nur zwei Fra-
gen: "Wo bekomme ich meinen nächsten Drink?" und
"Warum bin ich überhaupt hier?" Und doch muß ich,
während ich dies schreibe, an den Wüstenwind denken, wie
er das grüne Wasser aufpeitscht, an das diünne, harte Blau
des Himmels; an gewaltige Frauen, die in blaßblauen bou-
bous aus Kattun durch die Straßen schlingern, an die Fen-
sterläden der Häuser mit demselben harten Blau vor
schlammgrauen Wänden, an die orangeroten Laubenvögel,
die ihre Nester in fedrigen Akazien flechten, an schwarze
Gärtner mit schimmernder Haut, die Beete mit blau-
grünen Zwiebeln liebevoll mit Wasser aus Lederhäuten
begießen; an hagere, vornehme 'Tuareg, übernatürliche
Erscheinungen mit ihren burzten Lederschildern und
glänzenden Speeren, die Gesichter hinter indigofarbenen
Schleiern verborgen, die ihre Haut wie Kohlepapier gewit-
terwolkenblau verfärben; an wilde Mauren mit Korkenzie-
herlocken; an Bela-Mädchen der uralten Sklavenkaste mit
ihren festen Brüsten, nackt bis zur Taille, die mit Stößeln
auf ihre Mörser einhämmern und mit monotonen Melo-
dien den Takt dazu angeben; an monumentale Songhai-
Frauen mit großen, korbförmigen Ohrringen, wie sie die
Königin von Ur vor mehr als viertausend Jahren trug.
  Und nachts der Mond, eine halbe Kalebasse, wie er sich
im Fluß spiegelt, der die Farbe von oxydiertem Silber hat
und dessen Oberfläche von emsigen Insekten gekräuselt
ist; die Silberreiher, die schlafend in den Akazien hocken;
das dumpfe Trommeln eines Tamtams in der Stadt, ein
plötzlich erklingendes Lachen, sprudelnd wie klares Was-
ser; Ochsenfrösche und sirrende Moskitos, die einem den
Schlaf rauben, und in weiter Ferne, von der Wüste her, das
Heulen von Schakalen und Wachhunden in den Lagern der
Nomaden. Vielleicht ist das imaginäre Timbuktu mächti-
ger, als man denkt.
 Es hat Opfer unter Europäern gefordert und viele in den
Tod gelockt, seit es zum erstenmal (als Tembuch) auf einer
katalanischen Landkarte des vierzehnten Jahrhunderts
auftauchte. Nach Europa waren Gerüchte von einem afri-
kanischen Königreich gedrungen, wo Kinder der Sonne in
nackter Unschuld umhergingen, regiert von einem weisen
schwarzen Monarchen, der Rex Melly genannt und oft mit
Prester John verwechselt wurde, dem geheimnisvoll
christlichen König, der, so lautete die Prophezeiung, sich an
der Spitze einer gewaltigen Menschenmenge erheben und
aufbrechen würde, die Ungläubigen zu strafen, die Chri-
stenheit wieder zu vereinen und der Welt immerwäh-
renden Frieden zu spenden. Und in den Augen derer, die
kommerzielle Hintergedanken hatten, war Rex Mellys Kö-
nigreich eine unerschöpfliche Quelle roten afrikanischen
Goldes. Visionen von einem Neuen Jerusalem jenseits der
Wüste waren maßgeblich von kommerziellen Überlegun-
gen geprägt.
 Doch Mansa Mussa, der König von Mali, um den sich
diese Legende formte, war ein gottesfürchtiger Moslem.
Statt die Ungläubigen zu strafen, begrüßte der Gründer
Timbuktus bei seinem Besuch in Kairo im Jahre 1324, seine
arabischen Freunde so oft mit Gold in den Händen, daß der
Goldpreis an der Kairoer Börse abstürzte. Seine Begleiter
erregten so großes Aufsehen, daß eine Flut von Händlern,
Handwerkern, Gelehrten und Architekten, darunter ein
Andalusier namens El Saheli, mit ihm zurückgingen. Eine
stattliche Moschee und die erste afrikanische Universität
sollten sich aus den Sanddünen erheben.
Timbuktus Gold kam aus einem benachbarten Land. Es
wuchs unter der Erde in Klumpen, so groß wie Karotten.
  Die Männer, die es zum Markt brachten, waren Kannibalen
  und bestanden auf Sklavenmädchen zum Abendessen.
  Doch das war ein niedriger Preis in einem Tauschsystem,
  bei dem Salz gegen sein entsprechendes Gewicht in Gold
  eingetauscht wurde.
  Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts waren irdi-
  sche Paradiese Mangelware geworden. Die meisten hatten
· sich unter den kritischen Blicken von Geographen in Luft
  aufgelöst. Man rief die Afrikanische Gesellschaft ins Leben
  und beschloß, daß ein Engländer als erster Europäer Tim-
  buktu betreten sollte. Und so geschah es. Doch er kam nicht
  zurück. Major Gordon Laing traf 1826 in Timbuktu ein. Er
  trug immer und überall seine Uniform, sprach prahlerisch
  von seinem Gebieter, dem König von England, und machte
  demonstrativ Aufzeichnungen und Pläne von der Stadt. Als
  er sie verließ, wurde er von seiner Eskorte ermordet, nach-
  dem er sich der Bekehrung zum Islam (und wohl auch der
  anschließenden Versklavung) widersetzt hatte.
  Zwei Jahre später ließen die Franzosen wissen, ein Mon-
  sieur Rene Caillie habe als armer Araber verkleidet die ver-
  schollene Stadt erreicht und sei lebend zurückgekehrt."Ich
  hatte mir eine ganz andere Vorstellung von Timbuktus
  Größe und Reichtum gemacht", schrieb er. "Auf den ersten
  Blick war die Stadt kaum mehr als ein Haufen häßlicher
  Lehmhäuser. Wohin man auch blickte, es war nichts zu se-
  hen als endloser Treibsand von gelblichweißer Farbe ... es
  herrschte tiefste Stille."
   Der Mythos von der goldenen Stadt Timbuktu war ange-
  kratzt. Wo Chapman noch schrieb:


"Im Herzen des von Löwen heimgesuchten Landes
liegt eine mystische Stadt, Ziel hoher Unternehmungen",


stellte der junge Tennyson nur die Frage:

"Oder ist das Raunen von deinem Timbuktu,
   ein Traum, vergänglich wie jener aus uralter Zeit?"

Wenn man von den beiden französischen Forts, dem Hotel,
dem lycée und dem taktvoll vor fremden Blicken abge-
schirmten Viertel der colons einmal absieht, hat sich Tim-
buktu seit Cailliés Besuch kaum verändert. Die Stadt sieht
noch immer wie "ein Haufen häßlicher Lehmhäuser" aus.
Zwar sind einige von ihnen aus weißen Kalksteinblöcken
errichtet, doch der helle angeschwemmte Sand dringt un-
verzüglich in die Poren. Manch ein Türrahmen hat einen
mit grünen Voluten verzierten, erdbeerroten Anstrich, ein-
ziges Zugeständnis an ornamentale Dekoration und allei-
niges Vermächtnis der marokkanischen Eroberung.
  Noch immer werden Salzblöcke aus den gefürchteten
Taodeni-Minen in der Sahara hierhergebracht - eine be-
vorzugte Zielscheibe von Vereinigungen für die Abschaf-
fung der Sklaverei. Die Tuareg stolzieren noch immer wie
Störche durch die Stadt und zeigen sich von ihrer besten
Seite, denn sie haben in der Regierung wenig zu sagen. Sie
kaufen wie eh und je ihre Speere, die Armreifen aus Stein
und den litham genannten indigofarbenen Schleier, denn
sie dürfen ihren Mund in der Öffentlichkeit nicht zeigen.
Doch gleich neben dem Marktstand eines Tuareg ist ein
Händler, der sich auf makawfarbene Brillantine, schwarze
Spitzenbüstenhalter, "thermogene Gesundheitscreme" und
"Nylonstrümpfe Marke Mondkaninchen Made in China"
spezialisiert hat. So wandeln sich die Gesetzmäßigkeiten
des Handels.
  Die Marktfrauen thronen über den abenteuerlichsten
Speisen. Ockerfarbene Kalebassen enthalten ein beliebtes
Getränk aus Sauermilch, geriebener Hirse und Honig.
Auch Krokodilfrikassee ist häufig zu finden.
  Die Straßen sind leer und staubig, doch wirft man einen
Blick in die Innenhöfe der reicheren Häuser, kann man
fettleibige Frauen auf der Erde oder auf niedrigen Sofas lie-
gen sehen. Marr ist hier der Auffassung, daß Sitzen das Hin-
terteil entstellt. Fettleibigkeit von Frauen wird als Symbol
für Reichtum bewundert. Wer in einem trockenen Wü-
stenklima einen solchen Umfang bewahren will, muß
Berge von Nahrung zu sich nehmen - unentwegt. Nur die
wirklich Reichen können sich den Luxus einer Frau lei-
sten, die so dick ist, daß sie von ihren jungen Dienerinnen
getragen werden muß.
  Die Belegschaft, junge enthusiastische Männer, führt das
Hotel im lnteresse der Belegschaft. Sie leben fürstlich. Zum
Abendessen wechseln sie die Kleidung, und sie speisen
pünktlich um acht Uhr. Gäste müssen entweder vor oder
nach ihnen essen. Jeder noch so bescheidene Wunsch wird
mit johlendem Gelächter entgegengenommen. Sie haben
eine gemeinsame Freundin. Angeblich ist sie die Barfrau.
Häufiger kann man sie auf dem Fußboden liegen sehen, wo
sie sich vor Lachen krümmt. Anschließend geht sie nach
Hause, um sich umzuziehen. Die jungen Männer tanzen
fast den ganzen Abend nach Schallplatten, die aus Guinea
geschickt werden. Sie tanzen hier seit Jahrhunderten.
  Allein der herrlichen Graffitis wegen lohnt sich die
Reise nach Timbuktu. Sie reichen vom schlichten "Junger
Mann sucht jungen Mann"-"Mohammed liebt Yahya"- zum un-
mißverständlich politischen "Chinois sont les cons".
Zum Glück sind sie alle in lesbarer Schrift und in 
Französisch verfaßt.
Es gibt noch zwei Buchläden. Die Evangelische Bücherei
und die Librairie Populaire du Mali starren sich quer 
über den zentralen Platz hinweg feindselig an.
Sie werden wohl kaum florieren. Ein Plakat über dem Eingang
zur Evangelischen Bücherei verkündet: La crainte de l'Eternel
est le début de la sagesse"-
tröstende Worte für ein Volk, das so offensichtlich
in der ewigen Gegenwart lebt. Billy Grahams Gesammelte
Werke und ein paar Postkarten sind käuflich zu erwerben.
Die Librairie Populaire führt zwei Zeitschriften. La
Femme sovietique uund Les Nouvelles de Moscou. Zeitungs-
papier steht hoch im Kurs, es ist gut zu gebrauchen, um auf
dem Markt Fisch, Fleisch oder Gemüse einzuwickeln. Se-
riösere und grundlegendere ideologische ßücher wie die
Gesammelten Werke von W.I.Lenin, Mao Tse-Tung, Marx
und Engels dürfen ein wenig länger Staub ansetzen, bevor
ihre Seiten auf dem Markt landen, wo Pflanzenfarben,
Cavennepfeffer, Schnupftabak, Kautabak, als Abtreibungs-
mittel dienende, zerriebene Baobabblätter oder Amulette,
mit denen man Dschinns abwehrt, in sie eingewickelt wer-
den. Werfen Sie in Timbuktu nie mit Steinen nach einem
Hund! Die ausgezehrten Tiere, die am Tag durch das Dorn-
gestrüpp streichen, könnten Dschinns sein, die Sie nachts
heimsuchen werden. Ein Dschinn beginnt als ein kleiner
schwarzer Fleck in einer Ecke Ihres Zimmers und ist am
Ende so groß wie Ihr Haus. Glaubt man an Dschinns und an
die Fähigkeit heiliger Männer, aus eigener Willenskraft zu
fliegen, dann sind die Wunder der Jet-Set-Ära Stümpereien
von Dilettanten. "Wie lange würde es dauern, um von hier
nach Mekka zu fliegen?" fragte mich ein alter Mann. Er
könnte es in einem Tag schaffen, sagte ich ihm. Das machte
keinerlei Eindruck auf ihn. Einheimische Heilige heben je-
den Freitagmorgen regelmäßig von der Erde ab und sind
schon am Nachmittag zurück. Er hatte auch von einem
Volk mit dem Namen Merikaner gehört, das behauptete,
zum Mond geflogen zu sein. "Das ist unmöglich", sagte er:
"Es sind Gotteslästerer." Die Einwohner Timbuktus sind
Araber, Berber, Songhai, Mossi Toucouleur, Bambara, Bela,
Malinke, Fulani, Mauren und Tuareg. Später kamen die
Engländer, Franzosen, Deutschen, Russen und danach die
Chinesen. Viele andere werden kommen und gehen, und
Timbuktu wird bleiben, wie es ist.

Bruce Chatwin, Juli 1970 in "Vogue"


"voglio vedere le mie montagne"

gesungen über den Gotthard fahrend
nicht zum Alphorn eher zur Zither in der Weise von Beuys und Hölder

Auf Granit beißen sie
und jedes Haus
hat seinen Tag
etwas ist anders in dir
wenn du Felsstürze
im Rücken gebierst
dem Mittagsschatten Freund bist
und die Steine rund die
Gesichter scharf sind

Zinnen trägst du
und Schneefahnen
deinen Garten umzäunst du
mit Glimmer
dein Herz säumt nah dem Weg
und die Lawinenhunde
sind in dir

Einmal gehst du zu Tal
nur einmal siehst du
mit den Augen der Weite
und ohne Endmoränen
zerspränge die Brust dir

Nah dem Himmel
fehlt dir der Abstand
weißt nichts vom Weinstock 
den dein Schiefer schon stützt
wo denn am Ufer des Lago
tätst du dich suchen

©buhkutzli 31.1.1999 


verlier Dich!

bilder:
mehr gegen den rand der welt zu...:
innen umarmt:
krieg:
flussabwärts:
in Geheimnissen: