SubRosa-buhkutzli-Zitate
Was BUH zu Flüssen sammelt

Zitate notiert am 4.5.1999 und am 25.6.2000

Paul Celan spricht als Fluß: "Die Landschaft, aus der ich -auf welchen Umwegen! Aber gibt es das denn: Umwege?- die Landschaft, aus der ich zu Ihnen komme..."

Heinrich von Kleist, Briefe: "Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so tritt die Elbe schlank und klar unter die Felsen, leise, mit schüchternen Wanken naht sie sich, das rohe Geschlecht drängt sich, ihr den Weg versperrend, um sie herum, der glänzend reinen ins Antlitz zu schauen, sie aber, ohne zu harren, windet sich flüchtig, errötend hindurch."

Robert Musil: "Es gibt im Leben eine Zeit, wo es sich auffallend verlangsamt, als zögerte es, weiterzugehen oder wollte seine Richtung ändern. Es mag sein, daß einem in dieser Zeit leicht ein Unglück zustößt."

Evangelium Johanni,4: Gespräch mit der Samariterin, "Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten, wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt."

Johannes,7: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geiste, welche empfangen hatten, die an ihn glaubten."

Rudolf Steiner, Aegypt.Mythen und Mysterien, 10.Vortr.: Den Astralleib wieder in seinem ursprünglich reinen Goldfluß herzustellen, das wollten die eleusinischen Mysterien, das wollten auch die Ägypter, das Suchen nach dem goldenen Fluß wurde eine der Proben der ägyptischen Einweihungen. Und das ist uns erhalten in der wunderbaren Sage des Aussuchens des goldenen Vlieses durch Jason und die Argonauten."

Joseph Beuys: "Flüssig werden, das ist's, was ich meine."

Steiner, GA 124, 3.Vortr.: dort heißt es, daß "der Strom des Seelenlebens nicht nur von der Vergangenheit in die Zukunft fließt, sondern auch von der Zukunft in die Vergangenheit fließt, daß wir zwei Zeitströme haben: das Ätherische, das in die Zukunft geht, während dasjenige, was wir als Astralisches dagegen haben, von der Zukunft in die Vergangenheit zurückfließt."

Steiner, Vortr.v.8.9.23 in GA 225 "Wenn wir, sagen wir, das Wort 'Einweihung' bilden, so ist das so furchtbar anschaulich, denn 'Weihen', das steckt in der ganzen Anschauung drinnen: unter Wasser tauchen den Menschen, wegbringen von den scharfen Konturen des physischen Lebens, in das flüssige Weltenelement hineinbringen, so daß er im webenden, lebenden, flüchtig-flüssigen Geistigen mit seiner Seele sich bewegen kann. Hineinweihen ist, jemanden einführen in die in sich bewegliche, fluktuierende, flüssige Welt des Lebens."

30.06.96 Leserbrief in Frankfurter Rundschau vom Vortag: "...Als Psychotherapeut befasse ich mich mit der Rekonstruktion des Sinnes persönlicher Geschichte(n). Es gibt den Strom aus der Vergangenheit: ich verhalte mich so, weil ich so geprägt worden bin; und es gibt einen Strom aus der Zukunft: ich tue etwas genau in der Art und Weise, damit ich ein bestimmtes oder mir mehr vorschwebendes Ziel erreiche. Beide Ströme treffen sich in der Gegenwart und befähigen idealerweise das Ich zum freien Handeln."

Aus: An der Donau von Attila József

Auf Steinen saß ich an des Flußdamms Saum, sah, wie stromab Melonenschalen schwimmen, dacht an mein Leben und gewahrte kaum der Tiefe Schweigen und der Fläche Stimmen. Als ob sie grade quer durch mich hinfloß, trüb war die Donau. Trüb, weise und groß. .........

Arbeiten will ich. Denn ich muß gestehen Vergangenheit. In Donauwellen sah ich heutiges, Einstiges, Künftiges vergehen. Hinwogend war es miteinander da. Die Schlacht, der Alten ruhelose Klinge wird stiller, seit Erinnerung sie auffing. Ordnen wir nun doch endlich unsre Dinge. So unser Auftrag. Er ist nicht gering.

(1936, Übersetzung: Stefan Hermlin)

aus: Le bateau ivre von Arthur Rimbaud

...J'aurais voulu montrer aux enfants ces dorades Du flot bleu, ces poissons d'or, ces poissons chantants. Des écumes de fleurs ont bercés mes dérades Et d'ineffables vents m'ont ailé par instants...

(Übersetzung: Paul Celan)

Henry Miller, aus: Ein Samstagnachmittag

"Die glatte Stille des Wassers, die Fischerboote, die Eisenstangen, die das Fahrwasser abgrenzen, die tiefbordigen Schlepper mit schwerfällig ausgebordeten Rümpfen, die schwarzen Fährboote und die glänzenden Deckstützen, der unveränderliche Himmel, der in vielen Biegungen sich hinziehende Fluß, die sich weit hinstreckenden und immer das Tal umschließenden Hügel, das ständig wechselnde und sich doch gleichbleibende Panorama, die Buntheit und Bewegung des Lebens unter dem unveränderlichen Zeichen der Trikolore, das alles ist die Geschichte der Seine, die mir im Blute liegt und in das Blut aller eingehen wird, die nach mir kommen, wenn sie an einem Samstagnachmittag an diesen Ufern entlangfahren."

ders: "Und als ich in Sèvres über die Brücke fahre, wobei ich nach rechts und links schaue, überquere ich jede Brücke, die es gibt, ob sie über die Seine, Marne, den Ourcq, die Aude, Loire, den Lot, den Shannon oder die Liffey, den East River oder den Hudson geht, über den Mississippi, den Colorado, den Amazonenstrom, Orinoko, Jordan, Tigris oder Irawadi, überquere ich alle möglichen Flüsse, und ich habe sie alle überquert, eingeschlossen den Nil, die Donau, die Wolga, den Euphrat, und als ich in Sèvres über die Brücke fahre, brülle ich wie der besessene heilige Paulus: 'Tod, wo ist dein Stachel?' Hinter mir Sèvres, vor mir Boulogne, aber das, was unter mir fließt diese Seine, die irgendwo in einer Myriade kleiner Rinnsale ihren Anfang nahm, diese stille, aus einer Myriade Wurzeln weiterrieselnde Wasserader, dieser glatte Spiegel, der die Wolken weiterträgt und die Vergangenheit erstickt, immer und immer weiterströmend, während querdurch zwischen dem Spiegel und den Wolken ich mich bewege, ein vollkommenes, organisiertes Wesen, ein Weltall, in dem unzählige Jahrhunderte ihren Abschluß finden, ich und das, was über mir schwimmt, und alles, was durch mich hindurchzieht, ich und dies, ich und alles übrige, in einer ununterbrochenen Bewegung vereint, diese Seine und jede von einer Brücke überspannte Seine ist für einen Menschen, der sie mit dem Fahrrad überquert, das Wunder." (aus: Schwarzer Frühling, Rowohlt 1960)

"Erst die Emphase der Dichtung hat aus dem Gemurmel, dem lebensbegleitenden Singsang von Emotion und Erkenntnis etwas Erinnerbares heraufgeholt und zu Kieseln gehärtet...einige Worte umspült von fließender Zeit." (Durs Grünbein)

"Weiter unterwegs auf dem unsichtbarsten aller deutschen Ströme grüße ich Dich von Herzen Dein Johannes Stüttgen"

"Um einen Stein richtig zu skulpieren, muß man ein Fluß sein." (Giuseppe Perone)

"Ich kann mich nicht an die Flüsse klammern, die schon im Meere sind; ich lebe im Fluß dieser Zeit; ich bin der Alte, mein Wirkungsbereich ist neu." (Gustav Landauer!!!)

"Die Intuition des Augenblicks: In jedem wirklichen Dichter kann man Elemente einer angehaltenen Zeit finden, einer Zeit, die sich der Meßbarkeit entzieht, einer Zeit, die wir vertikal nennen werden, um sie von der geläufigen Zeit zu unterscheiden, die horizontal mit dem Wasser des Flußlaufs, mit dem wehenden Wind dahinströmt. Deswegen ist es notwendig, deutlich festzustellen: Während die Zeit der Prosa horizontal verläuft, ist die Zeit der Poesie vertikal....Das Ziel der Poesie ist die Vertikalität, die Tiefe oder die Höhe, der dauerhafte Augenblick oder die Gleichzeitigkeit belegen, wenn sie sich gliedern, daß der poetische Moment eine metaphysische Perspektive hat." (Gaston Bachelard)

"Ich erinnere mich, wie der erste Mensch in Zeitlupe den Mond betrat. Aber wo war ich?" (Marcello Mastroianni)

Þ Ulrich Raulff in der FAZ über den Soziologen Ulrich Beck: "Der Glanz der Deutungsmacht Soziologie ist verflogen. Vom reißenden Strom ihres Diskurses ist nur ein plapperndes Bächlein namens Beck geblieben."

"Sie hatte die Gewohnheit ihrer frühen Kindheit wiederaufgenommen, der Seine zu folgen, wenn sie denken wollte, weil ihre Gedanken dann so ruhig und reich wie der Fluß zu strömen schienen...." (Peter Hoeg, Von der Liebe und ihren Bedingungen in der Nacht des 19.März 1929)

Irina Liebmann über den Rhein in: Letzten Sommer in Deutschland): "Das Wasser sah dick aus, schwer. Es war kein Fließen, es war ein Kriechen. Es war auch kein Wasser, es war dicke, grüne Haut...Ein Drachen kroch da lang, in der Nachmittagssonne, der Lindwurm.)

Henry Miller, aus "Mademoiselle Claude": Es würde eine Zeit kommen, dessen war ich sicher, wo wir ein großes Zimmer mit einem Balkon hätten, ein Zimmer mit einem Blick auf den Fluß und Blumen auf dem Fensterbrett und singende Vögel (im Geiste sah ich mich mit einem Vogelkäfig am Arm heimkommen. Auch recht, so lange es sie glücklich machte!) Aber der Fluß - da müssen von Zeit zu Zeit Flüsse sein. Ich bin ganz versessen auf Flüsse. Ich erinnere mich, einmal in Rotterdam....der Gedanke jedoch, am Morgen aufzuwachen, wenn die Sonne durch die Fenster hereinflutet, neben einem eine gute, treue Hure, die einen liebt, einen bis zum Wahnsinn liebt, die Vögel singen und der Tisch ist gedeckt, und während sie abwäscht und sich das Haar kämmt - all die Männer, mit denen sie verkehrt hat, und jetzt du, gerade du, und Schiffe fahren vorbei, Maste und Rümpfe, der ganze verfluchte Strom des Lebens fließt durch dich hindurch, durch sie, durch all die Männer, die hinter dir stehen und nach dir kommen, die Blumen und die Vögel und die Sonne, all das strömt herein, und der Duft erstickt dich, vernichtet dich. O Gott! Gib mir eine Hure immer und ewig!"

"Sie setzte sich an ihr Klavier, um in der Musik die Ganzheit zu suchen, die sie nicht finden konnte. Wie das Meer Körper trägt, Wracks, leere Hüllen und verlorene Dinge, die es in seinem eigenen Bildhaueratelier umgestaltet hat, und sie zu unerwarteten Plätzen trägt, sie in unberechenbaren Strömungen treiben läßt, so brachte der Strom der Musik Fragmente des Ich an die Oberfläche, von denen Djuna glaubte, sie seien ertrunken und vergessen. Er spülte sie ans Ufer, verändert, umgeformt und in ihrer Gestalt unkenntlich gemacht. Jede zurückflutende Welle, jede Gegenströmung ließ neues Material aus dem Meer der Erinnerungen auftauchen, das aus dem alten geformt worden war. Treibholzgestalten, die durch den Rhythmus des Meeres, das sich am Zorn brach, geduldig umgestaltet worden waren. Gebilde, denen das Meer mit unendlicher Geduld die Umrisse verknoteter Alpträume verliehen hatte. Holz, das von den Qualen des Zweifels verkrüppelt und verzerrt worden war. Sie spielte, bis diese Flut der Trümmer sich aus der Musik erhob, um sie zu ersticken. Zornig schloß sie das Klavier..." (Anais Nin)

10.10.98 Manfred Bieler, "Der Mädchenkrieg" erste Seite: "Die anhaltischen Flüsse hatten es schwer, in die breite Elbe zu münden, die sich selber unter dem Druck der böhmischen und sächsischen Gewässer durch die Ebene schob und nie ihr Maul aufriß, sondern die Mulde, die Saale und die Nuthe nur mit halben Lippen verschluckte.. Die Zuchthäusler des Zerbster Fürsten hatten die Nuthe später ins Bett gebracht und gestaut, und die herzoglichen Vogelhändler hatten Schnepfen, Lerchen und Ammern an die Schloßküche geliefert, bis das Anwesen in den Besitz eines Goldmanufakturierers übergegangen war, der es mit Hilfe von Lusthäusern, überdachten Laubengängen, Tee- und Damenzimmern, einem künstlichen See, einer venezianischen Gondel und einem Roulette-Turm zum Paradies für preußischen und russische Intendantur-Offiziere umbaute....."



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