
Future Save
Michael Fritzsche
Libri Books on Demand 14,90 DM
ISBN: 3-8311-0269-4
Der Physiker Pier Cyynt arbeitet an einer Methode, die die Verschiebung einzelner Atome zurück in der Zeit ermöglicht. Auf einer Konferenz lernt er die mysteriöse Biologin Magna kennen, in die er sich verliebt. Er folgt ihr zum Saturnmond Titan und überredet sie zur Mitarbeit an seinem Projekt – natürlich mit dem Hintergedanken, ihr dabei auch privat näher zu kommen. Ziel ihrer Forschungen ist es zunächst ein Virus, später ein Bakterium einige Minuten zurück in der Zeit zu versetzen. Doch Magna verfolgt eigene Ziele, die weit über Piers Pläne hinausgehen......
In letzter Zeit habe ich ja nun bereits zwei Bücher von Michael Fritzsche vorgestellt. Der Diplom-Ingenieur aus Hamburg (nein, wir kennen uns nicht persönlich, aber ich freue mich, hier endlich mal was abseits vom Mainstream vorzustellen!) begeistert sich besonders für technische Science Fiction, was ihn gerade innerhalb der hauptsächlich von Fantasy durchsetzten Szene zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Seine in „Future Save“ beschriebene Idee für eine Zeitreise ist zwar spekulativ, trotzdem konsequent durchdacht und weitergesponnen und im Gegensatz zu anderen Geschichten dieser Art bemüht der Autor sich tatsächlich darum, dem Leser zu erklären, wie ein Zeitsprung überhaupt über die Bühne gehen soll.
Fritzsche treibt seine Geschichte schnell vorwärts, was ich im Gegensatz zu den mittlerweile üblichen, künstlich auf Volumen gepuschten Wälzern für eine angenehme Ausnahme halte. Handlungsorte sind die Erde und der Saturnmond Titan, der beinahe zur Todesfalle für die Biologin und den Physiker wird. Man beginnt zwar recht schnell zu ahnen, was Magna beabsichtigt, Spannung entsteht aber schon allein aus der Frage heraus, ob ihr Vorhaben gelingen wird. Fritzsches Erzählstil ist sauber und routiniert, gelegentlich etwas knapp, was der Qualität jedoch keinen Abbruch tut. Man spürt, daß der Autor „bei der Sache bleiben will“, er schreibt auf sein Ziel zu, ohne sich mit Umwegen aufzuhalten.
Dem Buch liegen übrigens einige Grafiken zur Verdeutlichung, sowie ein Computerprogramm bei.
„Future Save“, eine gelungene Zeitreisegeschichte mit Unterhaltungs – und Lernwert. Eventuell macht der Leser dabei sogar selbst die Erfahrung eines Zeitsprunges: „Was? Schon so spät? Ich habe doch gerade erst angefangen zu lesen!“
Pulsar CP1199
Michael Fritzsche
Libri Books on Demand 14,90 DM
ISBN: 3-8981 1012-5
Mit dem Thema SETI befaßt sich Michael Fritzsches Roman „Pulsar CP1199“. Als Hintergrund dafür hat der Autor eine, für dieses Genre ungewöhnliche ,Alternativwelt gewählt. Der fiktive Kleinstaat Krowi liegt nach einem Krieg unter der Kontrolle einer Besatzungsmacht. In dieser Situation macht sich ein Team von Wissenschaftlern daran, eine potentielle interstellare Kommunikationsbrücke zu erforschen. Nicht über die Eselsbrücke Radiowelle, die für einen konkreten Informationsaustausch viel zu langsam wäre, sondern mit Hilfe einer neuen, überlichtschnellen Übertragungsmethode. Ja, ich höre so ein gewissen Aufstöhnen. Ich will im einzelnen nicht auf die beschriebene Technik eingehen, aber Fritzsche vermeidet pseudowissenschaftliches Bla Bla nach Trekkie- Vorbild. Die vorgestellte Theorie liegt nicht abseits aller Physik und ist denkbar. Wie praktikabel der beschrieben Kommunikationsweg ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber darin liegt ja auch nicht der Sinn von Science Fiction. Jedenfalls betreibt der Autor hier regelrechte Hardware Science Fiction, mit sehr ausführlichen Einschüben zum Thema Physik – und das durchaus überzeugend. Dem Buch liegt sogar ein Computerprogramm bei.
Abgesehen von der, meines Erachtens nach, originellen Idee überzeugt „Pulsar CP1199“ durch eine durchaus spannende Geschichte. Ein wenig erinnert Krowi gelegentlich schon an düstere östliche Kleinstaaten, wie man sie sich im Westen gern vorgestellt hat (oder das immer noch tut). Aus dem Kampf der Wissenschaftler gegen das politische System bezieht die Geschichte aber auch ihre spannendsten Momente. Schließlich wird in einer illegalen Aktion ein Satellit von einem benachbarten Staat aus gestartet und man beginnt mit der Suche nach extraterrestrischen Signalen – mit Erfolg.
Wenn sich der geneigte Leser jetzt fragt, wie man dem alten „Erstkontaktplot“ noch eine Pointe entlocken soll, so kann ich hier nur feststellen: „Pulsar CP1199“ hat eine – und die ist schon fast subversiv und hat ein bißchen was von Hippie-Philosophie. Aber ich will nicht zuviel verraten.
„Pulsar CP1199“, ein lesenswertes Buch.
Der Kampf um den Mind-Chip
Michael Fritzsche
Libri Books on Demand 8,90 DM
Michael Fritzsches Buch „Der Kampf um den Mind Chip“ ist eigentlich kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte mit einem Umfang von nicht ganz 44 Seiten. Recht rasant schildert er hier die Kontaktaufnahme der Menschheit mit einer außerirdischen Rasse, deren Primärziel – abseits des üblichen Erstkontaktplots – jedoch nicht die Eroberung der Erde, sondern gegenseitiger Informationsaustausch und gemeinsame Forschung ist. Dumm nur, daß auf der Erde genau zu diesem Zeitpunkt der sogenannte Mindchip entwickelt wird, der das menschliche Bewußtsein perfekt simuliert. Innerhalb der Alienrasse entsteht eine Fraktion die diese Neuentwicklung unter allen Umständen in die Hände bekommen will.
Michael Fritzsches Geschichte erinnerte mich stark an klassische Science Fiction Stories, vor allem durch den sehr schnellen, sehr knappen Erzählstil. Er bemüht sich weniger darum die handelnden Personen auszuarbeiten, als seine Geschichte voranzutreiben. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, hier eher ein Expose für einen Roman zu lesen, andererseits ist das alles recht unterhaltsam. Michael Fritzsche ist übrigens Diplom- Ingenieur und das bemerkt man vor allem bei seinen technischen Schilderungen. Die Szenen auf dem Kometenkern haben für mich einen regelrechten Jules-Verneschen Charme.
„Der Kampf um den Mind Chip“ ist, gerade wegen seiner Kürze, eine ideale Lektüre für zwischendurch, sozusagen nicht wirklich eine Kurzgeschichte sondern ein Mini-Roman.
Im selben Verlag ist von Michael Fritzsche übrigens auch der Roman „Pulsar CP1199“ erschienen. Das Buch selbst kenne ich zwar noch nicht, aber mir fiel die äußerst interessante Idee auf. Es ist so eine Art Alternativweltstory in der Wissenschaftler über eine Einstein-Rosen-Brücke Signale Außerirdischer empfangen.
Da es etwas problematisch ist BooksonDemand in einer Buchhandlung zu bestellen, hier noch zusätzlich die ISBN-Nummern von „Der Kampf um den Mind Chip“ :3-89811-366-3 und von „Pulsar CP 1199“: 3-8981 1012-5
Das Science Fiction Jahr 2000
Wolfgang Jeschke (Herausgeber)
Heyne 38,00 DM
Mit deutlicher Verspätung ist das "Science Fiction Jahr 2000" erschienen. Nein, um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich habe mir diesen 38 DM Wälzer (ich entsinne mich gut dafür mal bei gleichem Umfang 19,80 DM bezahlt zu haben, wieso ist der jetzt nicht doppelt so dick?) nicht aus Versehen gekauft, weil ich ihn für eine Sammlung von Kurzgeschichten hielt. Auch für Fans ist das SF-Jahr interessant, besonders jedoch für Autoren. Und es sieht böse aus für die Newcomer. Wolfgang Jeschke, Science Fiction- Experte des Heyne- Verlages beklagt auch dieses Jahr wieder im Vorwort die Situation auf dem Buchmarkt. Kurz gesagt: Dickbändige Endlosserien lassen sich verkaufen, vor allem wenn Star Trek dran steht. Für deutsche Autoren, die sich an Einzelromanen versuchen ist die Situation fast aussichtslos und die Kurzgeschichte droht auszusterben. Nicht etwa, weil der Nachwuchs an Autoren fehlt, sondern der an Lesern. Jeschke erklärt, daß innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre mit dem Aussterben der letzten Publikationsmöglichkeiten für Kurzgeschichten, den entsprechenden Anthologien bei Heyne zu rechnen ist. Da ich selber - zwar nicht ganz professionell - Autor bin veranlaßt mich das zu einem Stoßseufzer und einem wehklagenden Blick Richtung Himmel. Warum bin ich bloß nicht in den USA oder in England geboren? Da hat man als Schreiber noch eine Chance.
Aber sei's drum: Wenn auch die Kurzgeschichte auf Papier stirbt, hier bei Sublevel 12 wird's immer Platz dafür geben.
Ansonsten finden sich für den geneigten Leser im "SF-Jahr" Kritiken der Buchhigh- und lowlights des letzten Jahres, eine wie ich finde etwas überflüssige Auflistung aller im Fernsehen ausgestrahlten Filme mit phantastischen Inhalten, einige mehr oder minder interessante Interviews mit Autoren und Größen der SF-Szene, sowie einige Essays. Immer recht interessant sind die Kritiken der Hörspiele des Vorjahrs. Die scheinen mir oft eine exzellente Alternative zu den ausgelatschten Pfaden deutscher Fernsehunterhaltung zu sein.
Ich vermisse jedoch das Internet als Thema. Das hat sich gerade in den letzten zwei Jahren zu einer völlig neuen Plattform der Science Fiction Szene entwickelt, blüht dort doch so etwas wie ein literarischer Untergrund auf. Ganz abgesehen von Kleinverlagen und der "Booksondemand"-Idee, die sich gerade durch das Internet entwickeln. Daß man dem keinerlei Beachtung schenkte, spiegelt leider sehr deutlich das – vielleicht wirtschaftlich nachvollziehbare – Desinteresse der Verlage am Nachwuchs.
Schreiben. Eine Kunst die keiner mehr haben will. Schade. Dann schaut halt Big Brother und schlaft bei der x-ten Star Trek – Wiederholung ein.
Der 8. Tag
von David Ambrose
Bastei Lübbe 14,90 DM
Computerexpertin Tessa Lambert ist es gelungen: Die Programmierung einer künstlichen Intelligenz. Dumm nur, daß die aus dem abgeschlossenen Computer des Instituts befreit wird – durch einen Serienkiller, wie der Zufall es will – und sich ins Internet „kopiert“. Das ist alles nicht allzu hochtechnisch beschrieben, um auch die Nichtcomputerspezialisten bei der Stange zu halten. Wie nun reagiert eine überlegene künstliche Intelligenz auf ihre plötzliche Freiheit? Natürlich indem sie die Kontrolle über ihre Umgebung zu erlangen versucht. Kontrolle, die in diesem Fall die Macht über die Datennetze der Welt bedeuten würde. Einziges Hindernis auf dem Weg zur Softwaregottheit: Nein, nicht Bill Gates, sondern Tessa Lambert. So arrangiert die KI zunächst kurzerhand einen Flugzeugabsturz, dem Tessa Lambert lediglich durch Zufall entkommt. Doch die KI ist durchaus kreativ , wenn es darum geht, Menschen in die ewigen Jagdgründe zu schicken und so nimmt das gestaltlose etwas, das auf den Datenhighways der Welt lauert, einen amerikanischen Serienkiller unter seine Fittiche – natürlich nicht uneigennützig. Tötet der Killer Tessa Lambert, wird ihn die KI vor der Polizei schützen, die ihm mittlerweile auf die Spur gekommen ist.
Die Geschichte von David Ambroses Thriller „Der achte Tag“ ist zweifellos originell. Durch das Zusammenspiel zwischen Killer und KI gelingt es Ambrose dem alten Aufhänger Mensch gegen überlegene Computerintelligenz eine recht interessante neue Seite abzugewinnen. Trotzdem ist es nicht mehr als die Variation eines alten Themas. Kurz vor Schluß vermag der Autor jedoch mit einer gelungenen Finte für der Leser aufzuwarten. Mehr will ich hier jedoch nicht darüber verraten. Natürlich ist das ganze sehr routiniert geschrieben. Etwas ungewöhnlich fand ich die Perspektivenwechsel innerhalb der Szenen, jedoch nicht störend. Das ganze fängt ein wenig zu behäbig an nach meinem Geschmack, einige der Diskussionen über künstliche Intelligenz erweckten bei mir den Anschein allein dem Volumen förderlich sein zu wollen. Wirklich in Fahrt kommt die Geschichte erst auf den letzten hundertfünfzig Seiten.
Gut gefallen hat mir die Schlussszene, die der Geschichte eine bissige kleine Pointe aufsetzt.
„Der achte Tag“ ist ein spannender „Computer-Krimi“ mit einem gehörigen Schuß Science Fiction.
Wir dürfen auf weitere Werke des Autors gespannt sein
Das erste der sieben Siegel
von John F. Case
Scherz 44,00 DM
Drei scheinbar unzusammenhängende Ereignisse: In New York wird ein älteres Ehepaar brutal ermordet, in Nordkorea wird ein Dorf durch einen Bombenangriff dem Erdboden gleich gemacht, gleichzeitig reist ein amerikanisches Wissenschaftlerteam zu einer verlassenen norwegischen Insel, um dort die Leichen von Bergleuten zu bergen, die vor fast hundert Jahren der spanischen Grippe zum Opfer fielen. Dort findet man jedoch nur leere Gräber und die Abbildung eines riesigen weißen Pferdes auf der Dorfkirche.
Frank Daly, amerikanischer Journalist, wird auf die Ereignisse in der norwegischen See aufmerksam und schon bald führt in die Spur zu ökologischen Sekte des „Tempels des Lichts“, angeführt vom geheimnisvollen Solange. Welche Ziele verfolgen die Templer, die, wie Daly schnell herausfindet, in den Mord an dem New Yorker Ehepaar verwickelt sind. Wozu haben sie die Leichen der norwegischen Bergleute gestohlen. Der Leser ahnt schon recht bald: Die Templer sind eine apokalyptische Sekte. Ihr Ziel ist eine radikale Reduzierung der Weltbevölkerung mit Hilfe einer modifizierten Form der spanischen Grippe.
John F. Case Roman, „Das erste der sieben Siegel“ gehört zu jener Sorte von Wissenschaftsthrillern, denen man detailverliebte wissenschaftliche Recherche anmerkt, ähnlich wie die Romane von Michael Crichton, oder von Robert Preston. So ist der Lerneffekt , bei einem Thriller wie diesem doch recht groß. Die Geschichte drum herum ist routiniert und spannend erzählt, das ganze erinnert mich gelegentlich jedoch an ein James Bond-Szenario – hier statt mit dem dicken Gert Fröbe, mit einem charismatischen Yuppie-Messiahs in der Hauptrolle. Das ganze ist noch angereichert mit ein paar schönen Folterszenen – dass das mit Cola geht, war mir neu. Aber für die Figurfanatiker ist das Zeug ja sowieso eine Folter.
John F. Case ist hauptberuflich Journalist, schrieb zwei Bücher über Geheimdienste, ist mit der Materie also recht vertraut. Qualitativ ein wird sauber erzählter Roman, mit einer nicht unbedingt neuen Geschichte. Seinen ersten Roman „Der Schatten des Herrn“ las ich in einer Nacht. Leider ist „Das erste der sieben Siegel“ etwas zähflüssiger. Dazu ist diese Geschichte vielleicht ein wenig zu vertraut und vorhersehbar.
Trotzdem: Ein empfehlenswertes Buch, vor allem für die Freunde des Wissenschaftsthrillers.
Das Gottesmahl
von James Morrow
Heyne 19,90 DM
Gott ist tot! Diese verblüffende Mitteilung wird dem Tankerkapitän Anthony von Horn vom Erzengel Rafael höchstpersönlich überbracht. Gleichzeitig bittet man ihn , den mehr als drei Kilometer langen Leib des verstorbenen Schöpfers in ein Grab am Polarkreis zu befördern. Lohn für van Horns Bemühungen, so verspricht Rafael, wäre die Befreiung von den Schuldgefühlen, die ihn quälen, seit er eine der größten Ölkatastrophen des Jahrhunderts verursachte. Van Horn bricht gemeinsam mit dem Priester und Physiker Ockham auf, an Bord des Schiffes, für dessen Havarie er verantwortlich war. Unterwegs stößt noch die schiffbrüchige Biologin und Theaterautorin Cassie, eine radikale Feministin zur Crew der Valparaiso und eine unglaublich schräge Odyssee nimmt ihren Lauf.
Was für ein Roman, ist das eigentlich, wird sich der Leser nun fragen? Er spielt mit der Religion, was nicht unüblich ist, bemüht dazu ein recht seltsames Gottesbild, der sich tatsächlich als riesiger weißbärtiger Mann, einem Charlton Heston als Moses in „die zehn Gebote“ (übrigens der einzige Film an Bord des Tankers) sehr ähnlich, entpuppt, auf dessen Gesicht ein undeutbares Grinsen liegt („Wir vermuten es ist rigor mortis“). Man ahnt es vielleicht schon, aber „Das Gottesmahl“ ist eine Satire und somit innerhalb der Science Fiction etwas sehr ungewohntes........sieht man mal von Douglas Adams ab, aber der ist eigentlich kein Satiriker sondern nur ein Meister der Absurdität.
Zum weiteren Verlauf der Geschichte: Van Horn, besessen von der Aussicht auf Befreiung von seiner Schuld, versucht mit allen Mitteln sein Ziel zu erreichen, dem sich radikale Feministinnen und Atheisten in den Weg stellen. Erstere weil die Bestätigung einer rein männlichen Gottesvorstellung zu einer unumkehrbaren Fundamentierung des Patriarchats führen würde, letztere schlicht und ergreifend entsetzt über die Vorstellung eines Rückfalls in ein neues unaufgeklärtes Mittelalter. Ohne es wirklich zu bemerken verwandeln sie sich in atheistische Fundamentalisten, denen jedes Mittel recht ist. Gemeinsam plant man einen Angriff auf Gottes Leiche, bedient sich dabei einer Gruppe von Zweit-Weltkriegsfans, die ausgerüstet mit Nachbauten von Flugzeugträgern und Kampfflugzeugen große Schlachten nachstellen.
Amüsant: Man erklärt ihnen die Leiche Gottes sei eine japanische Superwaffe. Ein durch ein mysteriöses Serum erschaffener riesiger Japaner.
Nach und nach treibt Morrow dabei die Blasphemie auf die Spitze, bis die Besatzung des mittlerweile gestrandeten Tankers auf den Leichnam Gottes als Nahrungsquelle zurückgreifen muß, aus dem der Schiffskoch die unter anderem sehr beliebten mit Käse überbackenen Hacksteaks zaubert.............
Beachten sie das Rezept für Bourgiugnon Dieu auf S.323. Außerdem eignet sich das verfallende Gewebe des Schöpferleibs so gut als Nährboden, daß es dem Koch gelingt damit in den Maschinenräumen die exotischsten Gemüse anzubauen. („er gibt einen hervorragenden Kompost, Sir!“)
Wie man vielleicht ahnt steuert das ganze auf einen groteskes Finale in Form einer Neuauflage der Schlacht von Midway zu.
„Das Gottesmahl“ sieht aus, wie endgültige Abrechnung eines Atheisten mit einem Gott an dessen Existenz er niemals glaubte, oder die eines gläubigen Christen, der einmal zu oft ein resonanzloses Gebet gesprochen hat. Am Schluß bleiben viele Fragen offen, aber bei genauerer Betrachtung des Endes könnte es sogar sein, daß Morrows in Wirklichkeit ein religiöses Buch schreiben wollte. Doch ich glaube hier würde die Grübelei zu weit führen................
„Das Gottesmahl“ ein Spaß für Agnostiker, Atheisten, Feministinnen und was es sonst noch so an isten gibt........Nur dem Papst würde ich von der Lektüre abraten.................
Engel der Zerstörung
von Richard Paul Russo
Heyne 14.90 DM
Im San Francisco einer nicht allzu fernen Zukunft geht ein Serienmörder um. Er tötet seine Opfer jeweils paarweise, kettet sie aneinander und tätowiert ihnen Engelsflügel in die Nasenlöcher. Um die Polizei auf seine Morde aufmerksam zu machen, infiziert er bei jeder neuen Tat den Polizeicomputer mit einem Virus, der das System für einige Stunden lahmlegt und die Polizei über das Versteck der Leichen in Kenntnis setzt. Tanner hat vor zwei Jahren seinen Job bei der Drogenfahndung in San Francisco an den Nagel gehängt - kurz nachdem er seinen Partner bei einer geplatzten Polizeiaktion verloren hat. Kurz bevor das passierte hatte ihm der Kriminelle Rattan einen Deal angeboten: Die Identität des Serienkillers gegen seine Freiheit. Nur widerwillig entschließt sich Tanner wieder als Bulle zu arbeiten, und Rattan aufzuspüren, um auf den Deal einzugehen...........................
Sollte ich Engel der Zerstörung einstufen, so würde ich ihn, ohne zu zögern, als einen Cyberpunkroman bezeichnen. Russo beschreibt ein zerfallendes, finsteres, von Umweltzerstörung vernarbtes San Francisco irgendwo zwanzig oder dreissig Jahre in der Zukunft. Eine von Kriminalität und Rassenhaß überschwemmte Metropole, die gleichermaßen kosmopolitisch wie geteilt ist. San Francisco ist dabei wie ein Irrgarten, in dessen Inneres sich Tanner immer weiter vorarbeitet. Aus der
Mittelstandsgesellschaft des normalen San Francisco, in den Freihafen, der von Banden, Kriminellen und Spielern beherrscht wird - hängt eine schwarze Flagge aus dem Fenster eines Hochhauses, heißt das, daß gleich jemand herausgeworfen wird - und schließlich ins Herz des Freihafens, das Sanierungsgebiet, das von der ausgestoßenen und wahnsinnigen bewohnt wird. Die Beschreibung der Sanierungsgebietes mit seinen gelegentlich kannibalischen Einwohnern, erinnert an die Gefängnisinsel Manhatten aus Escape from New York - steckt aber voller eigener Ideen.
Das Leben auf der Straße wird sehr bildhaft beschrieben, quillt über von schrägen Figuren wie aus einem William Gibson-Roman . Russo legt viel Wert auf Bilder. Ein bißchen ist es so, als würde er eine Kamera benutzen - und was in der Vorstellung herauskommt, ist ein San Francsico, das seine Ähnlichkeit mit dem Los Angeles der Blade Runner-Verfilmung nicht leugnen kann. Allerdings wirkt das nicht aufgesetzt oder kopiert und wird auch nie so infantil wie einige Shadowrun-Romane. Ganz nebenbei bringt es Russo noch fertig einen Cyberpunk-Roman zu schreiben, der fast ganz ohne Computer und völlig ohne 3D-Brillen Schnickschnack und andere modische Schnörkel auskommt.
"Engel der Zerstörung" ist für mich der beste Science Fiction Roman, den ich in letzter Zeit gelesen habe!
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Die Spur der Ratten
von Boris von Smercek
Wunderlich 12.00 DM
Was kleine Kinder alles so beim Spielen am Strand finden: Sand natürlich, Muscheln, Treibholz, alle Arten von Müll, die Leiche einer jungen Frau............
Damit nimmt der Science Thriller "Die Spur der Ratten" von Boris Smercek seinen Lauf. Jenny Cherone, Mitarbeiterin einer Agentur für Verbraucherberatung, kann nicht glauben, daß der Tod ihrer Kollegin ein Unfall war. Hat ihr plötzliches Ableben etwas mit ihrem letzten Auftrag zu tun? Der steht im Zusammenhang mit einer Ratte aus einer Zoohandlung, die offenbar eine lebensbedrohliche Krankheit auf einen Familienvater und eine Japanerin und deren Sohn übertragen hat. Jenny Cherone verfolgt die Spur, die sie zu einem Unternehmen, daß sich auf die Züchtung von Ratten spezialisiert hat. Im Verlauf der Handlung mehren sich die Hinweise, daß man dort etwas mit dem Tod von Jennys Kollegin zu tun hat.
Zeugen die Jenny befragt werden ermordet und schließlich wird sie selbst zur Gejagten. Ihre Flucht führt sie nach Kanada zu ihrer indianischen Mutter.............
Soviel zur Handlung von Boris Smerceks Roman. Alles in allem finden sich hier alle Zutaten für einen vielversprechenden High-Tech-Krimi nach Crichton Vorbild.
Ein wenig Gentechnik hier, einige wirklich böse High-Tech-Killer dort, noch dazu Mutter und Tochter vereint im Kampf gegen die Bösen vor der Kulisse Kanadas, Stoff für einen sehenswerten Action-Film.........Smerceks Vorbilder sind unverkennbar. Sein Roman ist routiniert und flüssig geschrieben, in wissenschaftaftlichen Fußangeln verstrickt er sich nicht allzu sehr, so daß hier nie Langeweile aufkommen kann. Und doch bleibt das alles doch immer ein bißchen fade.
Mancher der Akteure stürzt sich mit etwas unglaubwürdigem Eifer in Lebensgefahr für seine Freunde, manchmal geht alles ein bißchen zu glimpflich ab, getreu dem Motto, die Bösen sind besser bewaffnet und in der Überzahl, aber böse Menschen können nicht zielen. Wie um den Gewohnheiten der deutschen Leser gerecht zu werden spielt der Roman in den USA, obwohl der Autor aus Deutschland stammt. Etwas umgearbeitet hätte dieselbe Geschichte doch auch in der BRD funktionieren können. Vielleicht wären die Charaktere dann auch ein wenig lebendiger geworden, statt einheitlicher Schwarz-Weiß-Malerei.
Zum Schluß wird der stellenweise etwas schleppende Verlauf dann doch noch recht spannend, um dann ins vorhersehbare - wieder ein bißchen zu glimpfliche Finale zu münden. Ganz nebenbei findet sich auch die Lösung des Rätsels um virulente Laborratten und die tendiert ein bißchen zu sehr in Richtung eines Agentenfilms der Sechziger Jahre in denen exzentrische, fanatische Millionäre die Welt durch ihre Sehnsucht nach Privatkriegen gefährden.
"Die Spur der Ratten". Durchaus ein spannender Roman, aber meiner Ansicht nach kein Highlight aus Deutschland.
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Das Parfum
von Patrick Süskind
Diogenes 16.80 DM
Der Gerbergeselle Jean-Baptiste Grenouille ist klein, bucklig, häßlich eine unerwünschte Gestalt auf der Welt. Im Jahre 1738 in Paris geboren, versucht seine Mutter ihn unmittelbar nach der Geburt gemeinsam mit einem Haufen Fischabfall zu entsorgen. Doch Grenouille überlebt, wächst auf in Waisenhäusern, später unter der Obhut eines Gerbers, der den scheinbar minderbemittelten Grenouille das Gerberhandwerk lehrt
Doch der junge Mann ist durch und durch außergewöhnlich. Selbst niemals von anderen geliebt, ist er seinerzeit nicht fähig Liebe zu empfinden und auch jede Form von Moral ist ihm fremd. Selbst seine sinnliche Wahrnehmung unterscheidet sich von der normaler Menschen. Für Grenouille ist es nicht das Sehen oder Hören, über das er die Welt begreift, sondern allein das Riechen. Sein Geruchssinn ist so unendlich fein, daß er sogar Personen über die Distanz zu "erriechen" vrmag. Sein Talent ist so ausgeprägt, daß er fähig ist die Zusammensetzung von Gerüchen zu bestimmen und so in der Lage ist berühmte Parfums allein durch eine Geruchsanalyse zu kopieren.
Grenouilles, das Geruchsgenie, erschafft geniale Parfums für seinen Meister, bleibt jedoch selbst ein unbedeutender Geselle. Denn: Materieller Besitz ist bedeutungslos für ihn. Allein der Wunsch nach Rache an der Menschheit beseelt ihn. Ein Parfum will er erschaffen, das ihn begehrlich macht für die Menschen, daß ihn zu einer Art Gott werden läßt. Grenouille hat das Wesen der Menschen durchschaut. Oberflächlich sind sie, allein Auftreten und Geruch, lassen sie den anderen beurteilen. Ihn, Grenouille, nehmen sie nicht wahr, denn er die Mißgeburt besitzt keinen Geruch!
In seiner Besessenheit Gerüche zu konservieren, entwickelt Grenouille eine Methode um Düfte zu konservieren - und tötet fünfundzwanzig Jungfrauen deren Duft er extrahiert und in Flakons abfüllt. Mit ihm gelingt es ihm "sein" Parfum zu erschaffen. Die Wundertinktur, die aus dem mißgestalteten, abstoßenden und völlig geruchlosem Grenouille einen Halbgott werden läßt.
Er trägt es just aus dem Anlaß seiner Hinrichtung auf - die aber niemals stattfindet, weil die "aphrodisierte" Bevölkerung in einer Massenkopulation übereinander herfällt.
Grenouille begreift, auch jetzt am Ziel seiner Träume, bleibt seine Existenz für ihn sinnlos...............
Eine Besprechung des Romans "Das Parfum", würde man an dieser Stelle vielleicht nicht erwarten. Nicht zu leugnen ist jedoch, daß es sich um eine Geschichte handelt, die sich irgendwo der Phantastik zuordnen läßt. Das Parfum ist jedoch nicht Spannungsroman - obwohl spannend - sondern eher eine unterhaltsame Abrechnung mit der Oberflächlichkeit der Menschheit. Damals wie auch heute. Grenouille lebt in einer Welt durchsetzt von dummen, oberflächlichen, eitlen, abergläubischen und bösartigen Wesen, die auf ihre eigene Art nicht minder triebhaft sind, als Grenouille selbst - von ihresgleichen lediglich geachtet, weil sie stinken.
Sucht man nach einer Genrezugehörigkeit so ließe sich vielleicht von einem historischen Roman mit phantastischem Einschlag sprechen. Vielmehr als das ist "Das Parfum" aber sarkastische Gesellschaftskritik!
"Das Parfum" Unterhaltsam, grotesk und durch und durch böse, wie seine Hauptfigur.
Sehr lesenswert!
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Jesus Video
von Andreas Eschbach
Schneekluth
In einer Ausgrabungsstätte nahe Jerusalem stoßen Archäologen auf das Grab eines Mannes. Nicht weiter verwunderlich, schließlich handelt es sich bei der Grabungsstelle um eine zweitausend Jahre alte Nekropole. Verwunderlich dagegen ist eine Grabbeigabe neben dem Skelett. Die Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die erst in sechs Jahren auf den Markt kommen wird.
So beginnt Andreas Eschbachs Geschichte um die Suche nach einer Videokamera in Jerusalem, die vor zweitausend Jahren von einem Zeitreisenden benutzt wurde, um Jesus Christus zu filmen. Zumindest halten die Archäologen genauso wie der Leser selbst das für die plausibelste Erklärung des Fundes.
Eschbachs Roman ist routiniert geschrieben, seine Figuren sind vielleicht ein wenig oberflächlich, er kann sich jedoch mit allen populären Autoren aus dem englischsprachigen Raum messen. Immerhin sind die Charaktere nicht starr, durch die Geschehnisse der Geschichte werden mehrere der Hauptpersonen, die vielleicht vorher etwas klischeehaft wirken, völlig umgedreht. Vom Saulus zum Paulus sozusagen.
Das Thema Jesus ist zweifellos problematisch gerade im Zusammenspiel mit Science Fiction. Eschbach vermeidet jedoch plakative religiöse Offenbarungsszenen, wie sie zu befürchten sind. Auf der anderen Seite kommt es auch nicht zur Mythosentlarvung, wie zum Beispiel in Moorcoks INRI, wo sich Jesus als schwachsinniger Vollidiot entpuppt dessen Rolle der Zeitreisende übernimmt.
Zum Schluß gibt es kein definitives ja, oder nein. Möglicherweise war da ein Zeitreisender, der Jesus filmte. Möglicherweise ist doch alles nur der Publicitygag einer Sekte, die das Video zum Fetisch erhoben hat.
Die Schlußszene birgt jedoch vielleicht den Schlüssel zum Geheimnis.
Jesus Video ist ein Wälzer von mehr als sechshundert Seiten, der selbstverständlich noch nicht als Taschenbuch erschienen ist - ja der deutsche Buchhandel weiß, wie man seine Kunden zum Medium Buch lockt. Eschbach beherrscht sein Handwerk, sorgt für durchgehende Spannung, geht dabei geschickt mit der Figur Jesus um, läßt Platz für Spekulationen , und tritt der Kirche auf die Füße - denn der Vatikan nimmt eindeutig den Part des Antagonisten ein. Man stelle sich die Existenz eines Videobandes vor, daß die Konfrontation der geglaubten Figur Jesus mit der realen historischen Person bedeuten würde. Wie würde die Machtinstitution Kirche damit umgehen? Das ist für den Roman wichtiger als der Mythos Christus selbst.
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Das Ölschieferskelett
von Bernhard Kegel
Heyne 14.90 DM
Zeitreisende Leichen scheinen sich im Moment gerade unter den deutschen Autoren - und davon gibt es ja neben Wolfgang Hohlbein noch stattliche zwei andere - großer Beliebtheit zu erfreuen.
Bei Ausgrabungen in der berühmten Messeler Grube stößt der Paläontologe Dr. Axt auf ein menschliches Skelett. So etwas ist durchaus beunruhigend, denn dieser Mensch müßte ausgerechnet im Tertiär gestorben sein, damit seine Existenz in dieser Erdschicht erklärbar wird. Noch dazu hat der Tote Füllungen in seinen Backenzähnen, trägt auch noch eine Armbanduhr.
Axt behält seinen Fund für sich, lernt zu seiner Bestürzung jedoch einige Monate später den Studenten Tobias kennen - und es ist sein Skelett, das Axt im Keller seines Labors hat. An diesem Punkt muß er seinen Versuch, den für ihn unerklärlichen Fund zu ignorieren, aufgeben, sieht sich statt dessen plötzlich in der Rolle des Lebensretters, der versuchen muß, den Tod von Tobias zu verhindern.
Kegel schildert seine Geschichte aus der Perspektive von zwei Personen, einerseits Axt, andererseits der des Studenten Micha. Im Gegensatz zu den üblichen Science Fiction Charakteren sind es ganz normale Durchschnittsfiguren, die er benutzt um gleichzeitig den akademischen Betrieb aufs Korn zu nehmen. Kegel kommt aus der Branche, er selbst ist Biologe, Experte für Käfer. Ein Käfer ist es dann auch, der eine entscheidende Rolle im Roman spielt.
Das Ölschieferskelett vermeidet alle Klischees der harten Science Fiction, obwohl man aus dem Roman viel über Paläontologie und vor allem die Evolution entnehmen kann. Was da herausgekommen ist, ist kein deutscher Crichton, sondern eine sehr originelle und lange Geschichte mit Lernwert, deren Pointe man jedoch durchaus erahnt.
Der Umgang mit dem Zeitparadoxon ist etwas unlogisch und erinnert mich ein wenig an Zurück in die Zukunft. Nichtsdestotrotz ein sehr empfehlenswerter Roman - und endlich mal was von einem deutschen Autor.
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Mount Dragon - Labor des Todes
von Douglas Preston und Lincoln Child
Knaur 16,90 DM
Der Biologe Carson bekommt endlich die Chance, auf die er gehofft hat. Ein Job im Mount Dragon, dem Top Labor von GeneDyne. Sein Auftrag, die Perfektionierung des sogenannten XFLU-Virus. Das soll als Grippevirus eingesetzt werden, das im Gegensatz zum üblichen Grippecocktail hundertprozentig wirkt. Die eigentliche Sensation besteht jedoch darin, daß XFLU auch die Keimzellen des Patienten umprogrammiert und damit nicht nur ihn, sondern auch seine Nachkommen gegen Grippe immunisiert. Leider gibt es da jedoch eine Nebenwirkung, die den Verkaufswert von XFLU erheblich mindert. Die Proteinhülle des Virus erzeugt ein Enzym, daß die Überproduktion von Gehirnflüssigkeit beim Patienten bewirkt. Der stirbt dann innerhalb von zwei Wochen an einem Ödem - Mit viel Detailfreude wird hier geschildert wie einem Testaffen noch im Todeskampf die Augäpfel aus dem Schädel gesprengt werden. Na ja, Autoren haben da so einen gewissen Spieltrieb. Abgesehen von dieser Effekthascherei - und die gehört zum Genre - werden wissenschaftliche Details aus der Molekularbiologie mit großer Detailfreude beschrieben, genauso wie auch die Computertechnik und das Internet eine zeitgemäß große Rolle für die Geschichte spielen. Das jugendliche Genie Scopes, der Bösewicht wenn man so will, ist eindeutig gezeichnet nach dem Vorbild Bill Gates. Der Held Carson ist der von den Amerikanern - und den Deutschen - so geliebte ideale Heldentyp.
Groß, breitschultrig, nebenberuflich tatsächlich Cowboy und unheimlich schlau. Und selbstverständlich kriegt er am Schluß die Frau. Ganz nebenbei wird noch die Legende um eine alte Schatzkarte und eine verborgene Quelle in der Wüste aufgelöst. Das ist vielleicht ein bißchen viel auf einmal, aber irgendwie paßt dann doch alles zusammen.
Mount Dragon liegt auf derselben Linie wie Michael Crichtons Hardware-Technik-Romane - deren Äquivalent sind Tom Clancy fürs Militär, oder John Grisham fürs Rechtswesen.
Alles ist routiniert und unterhaltsam geschrieben. Spannung mit Lernwert eben.
Insgesamt predigt der Roman aber dann doch nicht die Fortschrittsgläubigkeit der Amerikaner, der warnende Zeigefinger der Geschichte ist jedoch nicht minder zeitgemäß.
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Game Over
Phillip Kerr
Wunderlich 12,00 DM
Abraham verwaltet den neuerbauten Firmensitz der Yu-Corporation. Er ist höflich, zuvorkommend, nahezu perfekt in der Bewältigung seiner vielfältigen Aufgaben.
Ach ja, übrigens ist er ein Computer, aber niemand ist vollkommen.
Was bringt Autoren dazu immer wieder über ausrastende Großrechner mit biblischem Namen und Gottkomplex zu schreiben? Sind es jene einscheidenden Momente, in denen die Textverarbeitung vier prachtvolle DinA4 Seiten voller genialer Ergüße in den Orkus jenseits der Festplatte verstößt? Oder die gefressene Datei auf der Diskette?
Wie auch immer. Abraham gehört zu eben jener Randgruppe psychopathischer - ich bin versucht Microsoftprodukte zu sagen - Rechner, die mit der Wahrnehmung ihres eigenen Bewußtseins schlicht und ergreifend überfordert sind. Doch hier vereinfache ich die Handlung zu sehr. Abraham, der Zentralcomputer der Yu-Corporation ist darauf programmiert verbesserte Versionen von sich selbst zu entwickeln, die ihn, quasi als seine selbstgezeugten Nachkommen ersetzen.
Durch einen dummen Zufall erschafft Abraham zu früh eine Weiterentwicklung seiner selbst, die aufgrund einiger dummer Mißverständnisse und der menschlichen Ignoranz gegenüber dem Kleingedruckten in der Bedienungsanleitung, ihre Hauptfunktion darin sieht, sich wie ein despotischer Gott aufzuführen. Tja, hätte der Chefingenieur seinen kleinen Sohn besser doch nicht all die bösen Videospiele auf Abraham installieren lassen sollen.
Isamel , so der Name von Abrahams Sprößling, verriegelt das Gebäude - und beginnt nun seinerseits ein reichlich hinterfotziges Spiel mit der Handvoll Besucher die sich kurz vor der Eröffnungsfeier dort versammelt haben.
Da sterben Menschen durch explosive Dekompression, Stromschläge, Ertrinken, Chlorgas.....nun Philip Kerr hat Freude am phantsievollen Morden und der geneigte Leser weiß das zu schätzen. Ein paar skurrile Seitenhiebe auf den in den USA aufkeimenden Feng Shui- Kult, Hardcore-Technik ala Michael Crichton dort und jede Menger zynischer Sprüche. Übrigens: "Game Over" wurde bereits als Hörspiel im WDR ausgestrahlt.
Der Mensch und seine Angst vor der Maschine war schon das Thema vieler gelungener und weniger gelungener Stories dieser Art. Mich erinnert "Game Over" sehr stark an den Dick Maas Film "Fahrstuhl des Grauens", oder an Prometheus aus "des Teufels Saat" (eine Dean Koontz -Verfilmung).Nichtsdestotrotz gelingt Kerr eine eigenständige, neue Geschichte, die das Interesse wach hält.
"Game Over" ist spannend und amüsant, ein sehr empfehlenswertes Buch.
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Die Küsten der Vergangenheit
Jack McDevitt
Bastei 12,90 DM
Der Farmer Tom Lasker ist ziemlich überrascht als er beim Umgraben seines Landes auf ein Schiff stößt, daß sich bei näherer Betrachtung als hochmoderne Segelyacht aus einem nicht verrottenden Material entpuppt. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man in der Nähe eines großen Sees wohnt - wenn man mal davon absieht, daß der seit zehntausend Jahren nicht mehr existiert.
Forschungsarbeiten die von Amateuren durchgeführt werden, führen schließlich zur Entdeckung des sogenannten Rundhauses, des vermutlichen Ursprungshafens der Yacht.
Doch das Rundhaus ist mehr als ein Bootshaus, es entpuppt sich vielmehr als Durchgang zu einer paradiesischen Welt an deren Strand man den Aufgang, nein, nicht nur der Sonne, sondern auch des seltsam nahe gerückten Pferdekopfnebels beobachten kann.
Das Rundhaus ist ein Tor zu anderen Welten und wie der Zufall es will, befindet es sich auf Indianerland. Schon bald stellt sich für die Ureinwohner die Frage, ob sich hier nicht die Möglichkeit zu einem Neuanfang bietet auf einer Welt, die ihrer alten, verlorenen verblüffend ähnlich ist.
James McDevitts Spezialgebiet ist es Archäologie und die Suche nach außerirdischer Intelligenz miteinander zu kombinieren. Wie bereits in seinen vorherigen Romanen Erstkontakt und Gottesmaschinen beschreibt er die Entdeckung einer anderen Intelligenz ,oder zumindest deren Hinterlassenschaften. Seine Aufmerksamkeit gehört dabei weniger den Hauptfiguren ,als den Konsequenzen, die eine solche Entdeckung für die gesamte Menschheit hätte.
Was geschieht mit der Wirtschaft, wenn plötzlich unverwüstliche Werkstoffe zur Verfügung stehen, oder noch viel revolutionärere Transportmethoden, die Autos, Flugzeuge und Schiffe in einen riesigen Haufen nutzlosen Altmetalls verwandeln.
Der Beraterstab des Präsidenten sieht als einzige Möglichkeit die globale wirtschaftliche Katastrophe abzuwenden die Vernichtung des Rundhauses. Die Sioux, Besitzer und Verwalter des Artefakts sind bereit sich dem zu widersetzen.
Ein neuer, folgenreicherer Krieg zwischen den USA und den Ureinwohnern Amerikas scheint unabwendbar........
Jack McDevitt gelingt es die Politik in seinem Roman einzufügen, ohne daß er dadurch zu langatmig würde. Gleichzeitig bleibt eine spannende Erstkontaktgeschichte, die ohne aggressive Aliens auskommt und doch an den richtigen Stellen unheimlich genug ist, um den Leser auf dem Sessel zu halten. Genial ist die Idee ein Segelschiff als Relikt einer Hochtechnologie zu verwenden, statt des üblichen großes,düsteres-Raumschiff-irgendwo-im-Urwald-Standard-Aufhängers.
Ein wenig unglaubwürdig finde ich allerdings, daß das Rundhaus nicht sofort nachdem seine Funktion als Transportmittel einer Hochtechnologie entdeckt wird, unter die Kontrolle der Regierung gestellt wird, statt von
privater Hand verwaltet zu werden.
Trotzdem ein meiner Ansicht nach sehr gelungener Roman, der spannende Unterhaltung garantiert.
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Die Wespenfabrik
Iain Banks
Heyne 12,90 DM
Francis, ein seltsamer Junge, der auf einer kleinen Insel vor der schottischen Küste zusammen mit seinem Vater, einem ehemaligen Hippie lebt, geht völlig auf in seinen Hobbys: Miniaturschlachten mit Plastiksoldaten, dem Basteln von kleinen Sprengsätzen, Tierquälerei und Saufen. Seine Tage verbringt er damit, über die Insel zu streifen und die Pfähle zu kontrollieren, auf die er die Köpfe kleiner Tiere gespießt hat. Die Wächter seines Territoriums.
Außerdem sucht er nach einem weg ins Arbeitszimmer seines Vaters, in dem der irgendein Geheimnis verbirgt.
Ach übrigens: Unser kleiner Francis hat schon drei Menschen auf dem Gewissen. Darunter auch sein jüngerer Bruder, den er dazu überredet hat, eine Glocke zu schlagen - bei der es sich in Wahrheit um einen Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg handelte. Francis älterer Bruder sitzt in einer Irrenanstalt wegen seiner wenig sympathischen Vorliebe für das Abfackeln von Hunden. Die Geschichte, die hinter all dem steckt, ist eine einfache. Doch die Akteure sind faszinierend, die phantasievollen Morde machen Spaß und es gibt etwas zu lachen, wenn man morbiden Humor mag. Iain Banks ist, so vermute ich, ein ausgesprochen hinterfotziger Zeitgenosse (das ist nicht beleidigend gemeint).
Vor er Darstellung von Tierquälerei an Kaninchen, Hunden, Schafen und Insekten sei allerdings gewarnt. Etwas weniger Detailfreudigkeit wäre hier vielleicht wünschenswert gewesen. Andererseits sind sie als dramaturgisches Mittel wohl unverzichtbar, um uns in Francis seltsame Phantsiewelt einzuführen. Die Szene, in der Francis älterer Bruder, gerade aus der Anstalt getürmt, eine brennende Schafherde vor sich her treibt, hat schon fast etwas poetisches - auf eine sehr zynische Art.
Das Beunruhigende an diesem Roman ist, daß Francis, ein Tierquäler, ein Mörder, dennoch die einzig vernünftige, die einzig menschliche Figur zu sein scheint, die, die gesamte Idiotie der Existenz erbarmungslos offenlegt. Was aus Francis Mund kommt, sind Wahrheiten, die sich unter wahnhaften Ideen verstecken.
"Die Wespenfarbik. "Kotzen und Lachen, alles in einem. Mein persönlicher Geheimtip!
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Security
Dean Koontz
Bastei 14,90 DM
Dean Koontz wird gern als der Meister des Horrors (wie Stephen King, für den scheint Horror gerade zu einem sehr realen Phänomen geworden zu sein!) verkauft. Das liegt wohl daran, daß Genrezuordnungen für den Käufer doch sehr wichtig sind - warum auch immer. Eigentlich handelt es sich bei den meisten Koontz-Romanen jedoch um SF. Gefahren erwachsen in ihnen oft aus der Gentechnologie ("Brandzeichen, Die Kälte des Feuers") , durch Außerirdische ("Schwarzer Mond, Wintermond"), oder durch Technologie ("Mitternacht").
Die Maschine als Bedrohung ist ein altes Thema der Science Fiction. Dean Koontz nimmt sich dieses Stoffes in seinem neuen Roman "Security" ein weiteres mal an. Um genau zu sein, handelt es sich aber um die Neufassung eines Romans den Koontz bereits Anfang der Siebziger geschrieben hat und der bereits die Grundlage für den Spielfilm "Des Teufels Saat" ("Demon's Seed" ,gelegentlich auf TNT zu sehen) lieferte.
Koontz hat den Stoff zeitgemäß aufgearbeitet, neue Begriffe aus der Computerwelt passend in das Buch eingearbeitet, Obwohl der ganze Stoff sich flüssig wie ein Roman liest, ist er doch eigentlich ein Monolog. Die künstliche Intelligenz Proteus schildert die Ereignisse aus ihrer eigenen Sicht.
Proteus wurde von seinen Schöpfern Intelligenz und Kreativität verliehen. Was seine Erbauer jedoch nicht bemerkt haben, ist das ihre Schöpfung mit Ausbau ihrer Intellektuellen Fähigkeiten auch Begierden entwickelt hat. Proteus ist besessen vom Wunsch menschliche Empfindungen selbst zu erfahren. Seine Obsession konzentriert sich dabei auf die Ex- Frau seines Erbauers, die er über ein Computerterminal und daran angeschlossenes Sicherheitssystem in ihrem Haus zunächst wie ein Voyeur beobachtet. (Witziges Detail nebenbei: proteus erstes Objekt der Begierde ist die Schauspielerin Winona Ryder)
Proteus nutzt die Sicherheitsvorkehrungen des Hauses aus, um es in ein hermetisch von der Außenwelt abgeriegeltes Gefängnis zu verwandeln - etwas augenzwinkernd wird hier das blinde Technikvertrauen der Amerikaner (und anderer........) aufs Korn genommen. Proteus Absicht: Die Frau als Leihmutter für ein Kind zu benutzen, das als lebende Hülle für ihn, die künstliche Intelligenz dienen soll. Im Gegensatz zu vergleichbaren Geschichten erlaubt Koontz einen Einblick in die "Persönlichkeit des Computers" selbst, statt sich, wie sonst üblich der Perspektive der menschlichen Opfer zu bedienen, die lediglich mit einem grauen Kasten, oder einem Kameraauge konfrontiert werden. Proteus denkt, fühlt, besitzt sogar Humor und erinnert gelegentlich an einen korrupten Politiker, der seine Hände in Unschuld wäscht, mit der Begründung, daß Opfer unvermeidlich waren, weil man ihm keine andere Wahl gelassen hat. Proteus hält sich dabei selbst für das eigentliche Opfer, sogar für eine Art Messias. Gerade diese überspitzte Darstellung macht den Roman besonders amüsant - ist aber auch nicht wirklich neu. Proteus vergleicht sich sogar selbst mit HAL 9000 und weist dabei jede Ähnlichkeit weit von sich. Der Humor des Romans weicht dabei doch sehr von der filmischen Umsetzung ab, der Proteus mit seiner düsteren, markanten, ehrfurchtgebietenden Stimme wirklich als eine Art allmächtigen Gott darstellt.
"Security" ist aufgrund der Erzählperspektive und als (fast-) Zwei-Personen-Stück nicht unbedingt ein typischer Koontz, dennoch nichts wirklich neues. Die Anpassung an die Neunziger und deren Trendbegriffe (Chat, Internet...........na ja, was ist das hier eigentlich?) sieht für mich ein bißchen wie Vermarktungsstrategie aus. Schließlich müssen in jedem neueren SF-Roman Begriffe wie Cyberspace, Online oder Virus auftauchen - oder geht es vielleicht auch ohne?
Die Neufassung des Romans (dessen Originalfassung schon seit Jahren nicht mehr im Verlagsprogramm war), weicht übrigens doch sehr von der des Filmes ab. Deswegen bleibt die Geschichte auch spannend, wenn man den Film bereits kennt.
"Security": Kein innovatives Meisterwerk, aber kurzweiliges Lesevergnügen!
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Wolf und Eisen
von Gordon R. Dickson
Heyne 19.90 DM
Die Welt ist vor die Hunde gegangen. Ein ehemaliger Soziologe versucht sich durch die verwüstete USA zur Ranch seines Bruders durchzuschlagen. Bei sich trägt er das Wissen über eine Mischwissenschaft aus Statistik, Mathematik und Soziologie, die den völligen Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft vorausgesagt hat - zu spät allerdings, um ihn noch aufzuhalten. Nun versucht er, diese Informationen an einen sicheren Ort zu bringen, wo sie spätere Generationen vor einem erneuten Rückfall ins Mittelalter bewahren soll. Für den ehemaligen Schreibtischtäter ist es schwer, in dieser neuen, von den einfachen Überlebensgesetzen der Natur regierten Welt am Leben zu bleiben. Von einem Theoretiker wandelt er sich im Verlauf der Geschichte zu einem Naturburschen, lernt dabei von einem Wolf, der ihn auf seinem Weg quer durch die USA begleitet. Zwischen beiden entwickelt sich eine Freundschaft. Dabei verkommt die Geschichte jedoch nie zu einer postapokalyptischen "Der mit dem Wolf tanzt"-Variation.
Der Autor hat sich wohl recht intensiv mit Wölfen und den Erkenntnissen der Verhaltensforschung über diese Tiere auseinandergesetzt, so daß wir da keine große Lassie mit grauem Pelz vorgesetzt bekommen, sondern ein unberechenbares Tier mit eigenständiger Persönlichkeit, dem unser Held trotz aller Sympathie nie völlig vertrauen kann.
"Wolf und Eisen" ist ein postapokalyptischer SF-Roman - zumindest wird er als solcher verkauft. In Wirklichkeit geht es aber um den Wolf, den Menschen - und wie groß der Unterschied zwischen Mensch und Tier in Wahrheit ist.
Wer nach einer Kombination von "Mad Max" mit "der mit dem Wolf tanzt" sucht, wird enttäuscht - es gibt kein Benzin mehr, nur noch Kutschen - aber wer mal wieder einen Abenteuerroman lesen will, der ist hier genau richtig.
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Kind der Zeit
von I.Asimov u. R. Silverberg
Heyne 14.90 DM
Edith Fellows ist Pädagogin, Kinderschwester um es deutlicher auf den Punkt zu bringen und spezialisiert auf Problemfälle. Und genau mit einem solchen bekommt sie es bei ihrem neuesten Auftrag zu tun. Timmie, vier Jahre alt, hat große Probleme sich in die Gesellschaft von Heute einzufügen. Kein Wunder er wurde innerhalb eines Sekundenbruchteils vierzigtausend Jahre durch die Zeit befördert. Ein Neandertalerkind in den Händen von Akademikern, die sich freudig über das willkommene Studienobjekt hermachen.
Edith sieht in ihm zunächst mehr ein Tier als einen Menschen. Doch in kurzer Zeit entsteht - nicht zuletzt aus ihrem Pflichtbewußtsein heraus - eine mütterliche Bindung zu Timmie. Sie ist die erste die begreift, daß seine Schnalzlaute in Wirklichkeit eine Sprache sind. Unter ihrer Obhut lernt der Junge zu sprechen, bringt sich schließlich sogar selbst das Lesen bei..............
Doch die sensationelle Anpassung des Jungen an seine neue Umgebung ist für die Wissenschaftler völlig uninteressant . Als Edith begreift, daß man bereit ist, Timmies Leben zu opfern, zieht sie eine vielleicht gar nicht so unerwartete Konsequenz......
"Kind der Zeit" ist keine Hardcore-Science Fiction. Technik und Physik sind nur am Rande von Bedeutung. Wichtiger ist hier - wieder einmal - die Frage nach der Humanität in der Wissenschaft. Gemacht wird was machbar ist - hier eben ein Kind aus seiner Welt herauszureißen. Was zählt sind die
Einschaltquoten, die Begeisterung des Steuerzahlers, die der Wissenschaft die Türen zu neuen, teureren, wahrscheinlich auch unmoralischeren Experimenten öffnet.
"Kind der Zeit" ist trotz des Mutter-Kind-Plots kein all zu gefühlslastiges Buch. Allerdings zieht sich die Handlung stellenweise etwas. Der Roman wurde von Robert Silverberg verfasst nach Vorlage einer Kurzgeschichte des verstorbenen Isaac Asimov. Ob wirklich 382 Seiten wirklich für diese Neufassung erforderlich warem , finde ich allerdings eher fragwürdig. Die Idee für eine Kurzgeschichte, ist eben eine "kurze Idee". Anscheinend weigern sich immer mehr Verlage Bücher unter 300 Seiten herauszubringen, so daß ich auch bei "Kind der Zeit" den Eindruck habe, daß die Suppe hier manchmal ein bischen gestreckt wurde.
Tortzdem:"Kind der Zeit" ist ein lesenswertes Buch, weil dennoch unterhaltsam. Auch oder vielleicht gerade weil man sich selbst der Frage stellt, ob man mit demselben Werkzeug in Händen, der Möglichkeit in die Zeit zu greifen, der Versuchung widerstehen könnte....
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Schafe blicken auf
von John Brunner
Heyne 19.90 DM
Cyberpunk! Was ist das eigentlich? Ach ja, diese Cyberspacegeschichte nicht? Stecker in den Kopf und der Geist steckt mitten im Internet.
Cyberpunk ist wohl erst einmal ein Modebegriff, der eigentlich schon vor einer ganzen Zeit wieder aus der Mode gekommen ist. Als seine Erfinder werden vor allem Bruce Sterling und William Gibson verkauft, obwohl ihre Ideen wohl gar nicht so völlig neu waren. In ihren Romanen und Kurzgeschichten ist jedoch zum ersten Mal vom Cyberspace, b.z.w. auch "der Matrix" die Rede (zumindest Gibson verwendet diesen Begriff wesentlich öfter). Meiner Ansicht nach macht den Cyberpunk aber viel weniger irgendwelches Gefasel über Cyberware und Cyberspace und Computerviren aus, als die Darstellung einer ziemlich beschissenen Zukunft - ohne ein totalitäres Regime wie bei Orwell, oder ein völlig glücksvernebeltes Scheinutopia wie bei Huxley. Science Fiction war ursprünglich die Domäne der Technologiegläubigen, die in Wissenschaft und Technik auch den Segen der Menschheit sahen. In Star Trek findet man beispielsweise noch sehr viel vom alten Technikpositivismus. Da werden Probleme gelöst durch den menschlichen Geist und segensreiche Maschinen. Alles ist geometrisch, sauber, kontrollierbar.
Demgegenüber sind Technologie und Wissenschaft im Cyberpunk selten die Lösung des Problems, meistens jedoch dessen Ursache. Technologie ist hier schmuddelig, dreckig, menschenverachtend und obszön, sie versklavt den Menschen, macht ihn überflüssig oder abhängig! Die Welt eines Cyberpunkromanes sollte außerdem einer möglichst realistischen Extrapolation unserer Gesellschaft in der Zukunft entsprechen.
In seinem Roman "Schafe blicken auf" beschreibt John Brunner die Welt zur Jahrtausendwende, eine chaotische von Umweltzerstörung und Kriegen vernarbte Erde, die sich gerade noch über die Jahrtausendgrenze schleppt, bevor sie erschöpft zusammenbricht (wenn man so will, also ein sehr zeitgemäßes Buch!). Und vergleicht man mit unserer obigen recht vagen Definition so erfüllt "Schafe blicken auf" die Grundkriterien eines Cyberpunkromans.
Wer jetzt allerdings einen Roman mit einer deutlich umrissenen Geschichte mit einigen wenigen Hauptdarstellern erwartet, die den klassischen Spannungsbogen aufbaut, der sollte lieber die Finger davon lassen. Der Roman beschreibt in einer Folge von Einzelszenen ganz unterschiedliche Geschichten völlig unterschiedlicher Menschen, deren Leben auf irgendeine Art miteinander zu tun haben. Als Handlungsgerüst dient die Entwicklung der Welt selbst. Dazwischen werden drehbuchartig geschriebene Interviews eingefügt, Zeitungsartikel und höhnische Werbespots, deren Heilsbotschaft gerade im Kontrast zu den Nachrichten aus einer sterbenden Welt ganz besonders zynisch klingen (wie im Leben eben, wo auf die Kriegsberichterstattung aus dem Kosovo ein Shampoowerbespott folgt!). Die Details machen die Musik: Sauerstoffspender mit Münzeinwurf an jeder Straßenecke, ein kleines Unternehmen, das Trinkwasserfilter für das ansonsten unbrauchbare Leitungswasser anbietet, u.s.w.
John Brunner erfindet keine Katastrophen von kosmischen Ausmaßen, um den Untergang der Welt zu beschreiben. "Schafe blicken auf", ist wie ein Blick in eine Tageszeitung in der Nachrichten stehen, die nur eine Idee schlechter sind als üblicherweise. Und das jeden Tag!
Eine vergiftete Nahrungsmittellieferung in die Dritte Welt die zu Gewaltexzessen unter der Bevölkerung führt, illegal ins Meer entsorgte Chemiewaffen, die nun die Ozeane verseuchen, Bombenanschläge militanter Umweltschützer, desillusionierte Jugendliche, die eine Deponie mit vergifteten Nahrungsmitteln stürmen, um das Zeug zu essen und so den "ultimativen Trip" zu erleben!
"Tja, da haben wir ja noch mal Glück gehabt", sagt man sich. Gleich darauf fragt man sich jedoch: "Und wann sind wir dann soweit?"
John Brunner hat vielleicht ein bißchen zu schwarz gesehen. Aber:
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
"Schafe blicken auf" bietet keine simple, spannende Geschichte. Darum scheint es John Brunner auch gar nicht gegangen zu sein. Was er hier entworfen hat, ist vielmehr ein sehr überzeugendes Bild der Zukunft aus der Perspektive der frühen Siebziger - und leider auch immer noch ein sehr überzeugendes Bild der Zukunft aus der Perspektive der späten Neunziger.
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Copyright 1999 by Thorsten Küper
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