Geschichte des jüdischen Lebens in Berlin-Hohenschönhausen |
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Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinschaft
Hohenschönhausen
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| Erinnerungsbericht von Dr. Jizchak
Schwersenz, ehemaliger Vorbeter der Synagoge Hohenschönhausen Nach der Tonbandaufzeichnung eines Gespräches am 7. Juni 1996 (Das Gespräch führten Bärbel Ruben und Dr. Christa Hübner) Es war ein Zufall, daß ich mich gemeldet habe. Ich hatte es nicht gelesen; ein Freund, der sehr regelmäßig und gründlich die Zeitungen liest, hat mir diesen Aufsatz über Hohenschönhausen geschickt. Ich habe das leider in meiner Autobiographie nicht erwähnt. Das ist eine kleinere Episode, alles kann sowieso nicht darin sein, es kommen immer noch neue Gedanken, vieles ist vergessen. Aber es war eine schöne Zeit, und ich werde sie vielleicht in die 4. Auflage mit aufnehmen. Ja, das war eine sehr kurze Zeit. Ich habe noch Zeugnisabschriften von meiner Flucht - leider können Sie nicht das Original sehen. Ich habe ja sehr viel mitgenommen auf der Flucht, ich habe mitgenommen, was ich nur konnte. Ein Teil der Dokumente, die ich retten konnte, sind auch veröffentlicht. Die Frage damals war: Soll ich die ganzen Zeugnisse alle mitnehmen? Da habe ich den Gedanken gehabt: Ich schreibe sie ab oder lasse sie abtippen und beglaubigen vom damaligen leitenden Verantwortlichen der Reichsvereinigung. Das ist es, was ich habe. Zu meiner großen Freude, denn sonst hätte ich noch mehr mitnehmen müssen. Hier ist das Original meines gefälschten Arbeitsausweises - er ist im Buch -, herausgeschmuggelt von meiner Freundin, von der Sie hoffentlich gelesen haben, von Edith Wolf, von Ewo, von mir ausgeschrieben mit Schreibmaschine. Beide Unterschriften - Sie sitzen vor einem Fälscher - sind erfundene Namen. Und es rettete mich tatsächlich bei Razzien. Ich habe dann diese Zeugnisabschriften kopieren lassen, um sie später, in mehreren Exemplaren, auch nach Amerika zu schicken, zur Sicherheit usw. Die Abschriften sind von Alfred Selbiger beglaubigt, im August 42. 42, da wurde er erschossen hier in Berlin. Er war der Leiter der Jüdischen Jugendhilfe, ein ungeheuer aktiver Mensch. Soll ich Ihnen vorlesen? Jüdische Gemeinde Berlin Synagoge Hohenschönhausen Hohenschönhausen, den 5.12.38 - also genau nach dem Novemberpogrom -
Herr Jizchak Schwersenz war in unserer Synagoge vom 5.6.1938 bis zur jetzt erfolgten Auflösung unserer Gemeinde als Vorbeter tätig. Herr Schwersenz hat unseren Gottesdienst dank seiner einwandfreien hebräischen Aussprache, seines schönes, verständnisvollen Gesanges und seiner Gewissenhaftigkeit so gestaltet, daß alle Gemeindemitglieder ihm mit Freude beim Gebet folgten. Herr Schwersenz versah alle Funktionen, einschließlich der Vorlesung aus der Tora und der Schofa??. Wir können Herrn Schwersenz für seine ehrenamtlich durchgeführte Tätigkeit nur herzlich danken und ihn nur bestens empfehlen. Eugen Lange Vorsitzender Den Namen hatte ich längst vergessen. Als nun das mit Hohenschönhausen kam, dachte ich: Das ist ja auch dabei. Ich habe es herausgesucht, und dann fiel mir der Name Langes wieder ein. Naja, es sind ja immerhin schon 43 Jahre, seit 38 sogar mehr. Das heißt, ich war dort von Juli bis Dezember - nur etwa ein halbes Jahr - am Freitagabend und am Sonnabendvormittag. Damals war ich in der Leitung der Jüdischen Jugendhilfe bereits tätig und in vielen anderen Tätigkeiten auch. Man mußte damals selbst in jungen Jahren, in denen man schließlich war - 1938 war ich 23 Jahre alt - ungeheuer viel tun. Es fehlte an Kräften, an Lehrern, an Jugendleitern. Daß ich damals in Hohenschönhausen als Vorbeter wirkte, war, glaube ich, eine Empfehlung, oder man hat mich empfohlen - wohl die Familie Lewin. Sie wohnten in der damaligen Grenadierstraße - heute heißt sie wohl anders. Ich schreibe von ihnen im Buch, und sie sind dort abgebildet. Diese waren es, soweit ich mich erinnere, die mich dorthin gebracht haben. Sie gingen gelegentlich auch dort beten. Da es weit war - ich wohnte damals in Tiergarten, Holsteiner Ufer - habe ich häufig bei ihnen in der Grenadierstraße übernachtet. Sie gingen dann - es war eine große Familie - mit mir dorthin. Ob gingen oder fahren, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich mußte man fahren. Die Gottesdienstbesucher - ich sehe sie vor mir, ohne eine genaue Anzahl angeben zu können. Da will ich nichts Falsches sagen. Ich kann das jetzt nur mit Vorsicht sagen: Ich sehe den Raum deutlich vor mir, er war ja mit richtigen Synagogenbänken ausgestattet. Sehr groß war der Raum nicht. Vorn waren, wie überall in der Synagoge, der Toraschrein und das Vorbeterpult, an dem ich stand. Ich schätze - aber das nur mit großer Vorsicht -, daß in diesem Raum etwa 30-50 Beter sich versammelten. Es war ja auch klein, war im Grunde genommen keine Synagoge, es war ein Betsaal. Die Bezeichnung bestand ja auch immer. Daß in dem Gebäude unten eine Tischlerwerkstatt war, das erinnere ich mich und sehe es auch etwa vor mir. Der Betraum war im 1. Stock. Der Zulauf zur Synagoge in jener Zeit war groß, man suchte Hilfe und Zuspruch, man brauchte Erbauung. Und so waren alle damals noch befindlichen Gottesdiensthäuser und Gottesdiensträume gut besucht. In jener Zeit gingen auch Menschen zum Gottesdienst, die früher nicht gegangen sind. Es war natürlich ein intimer Gottesdienst, weil es eben verhältnismäßig klein war. Ich war ja ein "Westler", lebte in Charlottenburg bzw. damals im Bezirk Tiergarten. Von dort aus hätte ich deportiert werden sollen, wenn ich zu Hause gewesen wäre. So war mir der Osten Berlins nicht so sehr bekannt, aber immerhin doch. Wir hatten sehr viele Verwandte am Hackeschen Markt, am Alexanderplatz, zu denen wir viel gingen. Ich kannte es auch durch meine vielen Schüler, und durch die Schule, die ich dann im Prenzlauer Berg leitete, kam ich ja täglich hin und kannte mehr oder weniger den Osten von den Besuchen in den Wohnungen der Schüler. Und so kam ich in das ferne Hohenschönhausen auch durch meine Schüler, die Kinder der Familie Lewin. Um es noch einmal zu sagen: Die Gemeinde war eine sympathische, weil sie eben intim war, nicht wie in einer ganz großen Synagoge mit Hunderten von Menschen, wo die Beziehungen nicht so sind untereinander. Hier aber waren sie herzlich und warm. An die Schließung der Synagoge kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war dort wahrscheinlich nur bis zu den Novemberpogromen, nehme ich an. In dem Schreiben heißt es zwar bis 5. Dezember, aber ich möchte fast annehmen, daß nach den Pogromen kein Gottesdienst mehr dort gewesen ist. Mehr kann ich zu Hohenschönhausen nicht sagen, obwohl ich sehr gern dagewesen bin. Das ist eine ganz eigenartige Episode, an die ich mich noch erinnere. Wir hatten am Freitagabend ein Schlußlied. Das hatte ich ja gesungen als Vorbeter, abwechselnd mit der Gemeinde. Einmal habe ich zu hoch gesungen, und einer aus der Gemeinde sagte mir: Das muß aber tiefer anfangen. Das, erinnere ich mich, war in diesem Betsaal. Adolf Schwersenz, nach dem Sie mich gefragt haben: Natürlich kenne ich ihn persönlich, d.h. natürlich ist es nicht. Die Schwersenze waren nicht sowenige; wir hatten immerhin eine ganze Spalte im Telefonbuch, und es waren eine ganze Reihe dieses Namens hier in Berlin. Sogar heute gibt es noch so etwa zehn Menschen mit dem Namen Schwersenz. Ich kenne sie nicht. Adolf Schwersenz habe ich viel getroffen in unserer Familie. Ich weiß nicht, wie die Verwandtschaft ist, eine enge wohl nicht, aber eine entferntere. Denn damals war ich zu jung, um mich für Familiengeschichte zu interessieren oder nachzufragen. Adolf Schwersenz erschien häufig bei den Tanten und bei den Onkels, bei den Geschwistern meines Vaters. Wenn wir dort waren, erschien er, war er eingeladen. Ich sehe ihn ein wenig vor mir, und, wie gesagt, er war Kantor bei der Gemeinde. Ich kannte ihn von den Besuchen, die er bei unseren Verwandten in der Danziger Straße machte. Mein Vater lebte damals selber in der Danziger Straße, und da lebten auch noch die Schwestern vom Vater mit ihrer Familie. Da war er dann auch zu Besuch. Aber wie die Verwandtschaft ist, weiß ich nicht. Mir ist keinesfalls bekannt, daß er Onkel, d.h. geschwisterlich verbunden war. 35 Jahre lang lebte ich in Israel, so etwa das halbe Leben, wie ich Ihnen sagte. Wenn ich die Kindheit - sechs Jahre - abrechne, dann ist es das halbe Leben etwa. Seit 91 bin ich wieder in Deutschland. Ich wollte überhaupt nicht mehr zurückkommen, ich hatte nie die Absicht gehabt, mich zu erinnern an die Orte und die Straßen. Aber dann kam die Einladung der Stadt Berlin eine Einladung, seit 1973 jedes Jahr aufs Neue. Ich lehnte immer ab, bis sie mir 79 einen persönlichen Brief schickten, in dem sie schrieben: Wir verstehen Ihre Gründe sehr gut, aber wir bitten Sie, springen Sie einmal über die Hürde. So hieß es. Und dann habe ich das getan. So bin ich 79 erst nach 34 Jahren das erste Mal wiedergekommen. Dann begann ich meine Vortragstätigkeit, die mich alle Jahre hierher führte. Ich kam alle Jahre auf zwei Monaten. Die Vorträge wurden immer mehr und mehr in ganz Deutschland. Ich war auch schon vor der Wende in Ostberlin. Ich war 1988 eingeladen zum Vortrag in die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität. Der sehr viel genannte Dr. Fink war ebenfalls da, Professoren usw. Das war für mich ein bedeutsames Ereignis. Ich habe vorher schon Ostberlin bei meinen Reisen besucht. Ich wollte die Straßen wiedersehen. Aber zum Vortrag war ich, glaube ich, das erste Mal. Vor der Wende war ich auch einmal in der Gemeinde in der Oranienburger Straße auf Einladung von Dr. Kirchner. Und danach bin ich ja sehr häufig da zu Vorträgen, auch in Frankfurt/Oder und Cottbus. Ich bin erfreut, wie das Echo ist, sonst wäre ich nicht hier, wäre auch heute nicht mehr hier. Die Menschen kommen, die Säle sind voll, auch in Dörfern und kleinen Orten, deren Namen ich nicht kannte. Es ist vor kurzem ein Buch herausgekommen, dessen Titel ich sehr gut finde: Wir sind die Letzten, fragt uns aus. So ist es. Deswegen ja auch das große Interesse an den Vorträgen, wobei ich ja gern auch andere Themen halte als das autobiographische. |
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Jizchak Schwersenz, am 30. Mai 1915 in Berlin geboren, Sohn jüdischer Kaufleute, schloß sich früh jüdischen Gruppen innerhalb der Jugendbewegung an. Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer und Volksschullehrer. Seit 1938 leitende Mitarbeit in Organisationen der Jugend-Alija, die jüdische Kinder auf ein Leben in Pllästina vorbereitete und im zionistischen Pfadfinderbund "Makkabi Hazair". 1939 bis 1941 Leiter der Jugend-Alija-Schule in Berlin. Entzog sich im August 1942 der Deportation und lebte 17 Monate unter falschem Namen und ohne Wohnung in Berlin. Bildete 1943 mit anderen "Untergetauchten" die Jugendgruppe "Chug Chaluzi". Im Februar 1944 Flucht in die Schweiz. Dort Betreuung von Kindern aus den Konzentrationslagern und den nazibesetzten Ländern. Studium an der Universität Zürich. 1953 Einwanderung nach Israel, Arbeit als Lehrer. Seit 1979 Vortragsreisen in Deutschland und in der Schweiz. Veröffentlichte 1988 das Buch "Die versteckte Gruppe. Ein jüdischer Lehrer erinnert sich an Deutschland". |
Die räumliche
Gestaltung einer Synagoge
von Dr. Michael Rosenkranz
Das aus der altgriechischen Sprache herstammende Wort Synagoge bedeutet Zusammenkunft. Die
hebräische Bezeichnung dafür lautet Beth Knesseth, Haus der Zusammenkunft. Man versteht
darunter seit über zweitausend Jahren ein Haus, in dem sich Juden treffen um miteinander
zu sprechen, zu lernen, zu feiern, vor allen Dingen aber um miteinander Gttesdienste
zu halten. Synagogen weisen typische Baumerkmale auf, die sich baugeschichtlich von den
Vorgängern der Synagoge, dem Tempel und, davor, dem Stiftszelt herleiten.
Während die anderen Menschen und Völker noch lange Zeit später die Gestirne und
Naturkräfte oder aber einfach auch nur selbst gebaute Figuren als Gtter anbeteten,
war nach Jüdischer Überlieferung Avraham (Abraham) der erste Mensch, der Gtt als
den Einzigen, Allmächtigen, den Schöpfer allen Seins erkannte, ein unsichtbarer,
unvorstellbarer Gtt. Gtt schloß mit Avraham einen ewig währenden
Partnerschaftsbund, ebenso mit seinem Sohn Yitzchaq (Isaak) und mit dessen Sohn Yaaqov
(Jakob), der nach einem Kampf mit einem Boten Gttes, einem Engel, den Ehrennamen
Yissrael (Israel) erhielt, das bedeutet Streiter Gttes - einer, der mit Gtt
kämpft und für Gtt streitet. Aus den zwölf Söhnen Yaaqovs, das ist Yissraels,
gingen zwölf Stämme hervor, die später das Volk Yissrael, die Israeliten, bildeten, mit
denen Gtt Seinen Bund am Sinai schloß. Im Verlauf der weiteren Geschichte gingen
zehn der zwölf Stämme verloren. Übrig blieben der Stamm Yehudah (Juda) und der Stamm
Lewi, die in der Folge gemeinsam als Juden bezeichnet wurden, wobei auch heute die
Bezeichnung Israeliten die korrektere ist.
In der Zeit der Urväter Avraham, Yitzchaq und Yaaqov, die Hirten waren, die mit ihren
Herden weite Strecken zurücklegten, war es üblich an besonderen Orten Altäre aus
gesammelten unbehauenen Steinen zu errichten, auf denen der Dienst für Gtt, das
Opfer, dargebracht wurde. Solche Orte waren oft durch eine Begebenheit ausgezeichnet und
erhielten hiervon ihren Namen, mit dem sie teilweise bis heute noch benannt werden. Die
errichteten Altäre wurden beim Weiterwandern aufgegeben, allenfalls bei der Rückkehr
wieder verwendet.
Im Lauf der Zeit waren die Nachkommen Israels nach Ägypten gekommen und dort in
Knechtschaft und schwerste Erniedrigung gezwungen worden. Auf Geheiß und mit Hilfe
Gttes führte Masche (Moses) sie, die nun ein Volk aus zwölf Stämmen geworden
waren, von dort heraus und in die Freiheit. Gemeinsam zogen sie weiter, und ein
gemeinsames, ein einendes Heiligtum wurde erforderlich. Nach Anweisung Gttes baute
Mosche daraufhin das Stiftszelt, dessen grundlegender Aufbau seither die
Gtteshäuser der Israeliten bestimmt. Das Stiftszelt sollte sein und wurde das
Zentrum, um das sich die zwölf Stämme scharten, das sie in ihrer Mitte während ihres
Wanderns trugen, - Je drei Stämme flankierten es in Jeder Himmelsrichtung - es war ein
bewegliches, ein tragbares Heiligtum. Angefertigt war es aus wertvollsten Materialien und
hatte im aufgebauten Zustand drei räumliche Unterteilungen Zunächst den großen Vorhof
im Osten, in dem sich der kupferüberzogene Brandopferaltar und, westwärts davon, das
große kupferne Wasserbecken befanden, wohin die Israeliten ihre Tiere zur Opferung
brachten und wo die Opferschlachtungen vollzogen wurden.
Westwärts davon stand das Stiftszelt, auch Offenbarungszelt (Ohel Mo'ed) genannt,
betretbar durch einen Vorhang in seiner Ostwand. Es war unterteilt einerseits in das
Heiligtum (Qodesch), in dem der goldüberzogene Rauchopferaltar und, an der Nordwand, der
goldüberzogene Tisch mit den zwölf Ohaloth, den Schaubroten, die in zwei Schichten, mit
Weihrauch bestreut, lagen, und diesem gegenüber, an der Südwand, der massiv goldene
siebenarmige Leuchter standen, dessen Leuchter die ganze Wacht hindurch brannten, was für
alle Zeiten so bleiben sollte, ein Ewiges Licht.
An der Westwand fand sich ein weiterer Vorhang, hinter dem sich schließlich der dritte
Raum, das Allerheiligste (Qodesch haQodaschim), befand, der Raum, in dem die Bundeslade,
die die heiligen Tafeln barg, niedergestellt war, und der vom Hohenpriester nur zu ganz
besonderen Anlässen, so einmal im Jahr, am Versöhnungstag, betreten werden durfte.
Als die Israeliten nach Ende der langen Wüstenwanderung sich im verhießenen Land
niedergelassen hatten, und König David die Bundeslade nach Jerusalem, in die Davidsstadt
hatte bringen lassen, da entstand in ihm das Bedürfnis das Stiftszelt durch ein
prächtiges festes Haus, einen Tempel, zu ersetzen. Doch sollte sein Sohn Schlomo
(Salomo), der nach ihm König wurde, erst dieses Werk vollbringen. Auf dem Berg Moriyah,
auf der Tenne des Arnan, oberhalb der Davidsstadt, wurde
der Tempel erbaut, 480 Jahre nach dem Auszug aus Agypten, etwa im Jahr 957 v.d.Z. Der
Tempel, dessen Eingang wiederum im Osten lag, bestand aus einer Vorhalle (Ulam), die sich
zum Vorhof öffnete, einem westwärts davon gelegenen Hauptraum (Hekhal) und dem
Allerheiligsten (Dvir oder Qodeschha Qodaschim). Der Hauptraum hatte Fenster. Um den
Hauptraum und das
Allerheiligste lagen niedrige Kammern in drei Stockwerken.

Mittelalterliche Darstellung des Tempels
Der Tempel war außerordentlich prächtig, so war der Hauptraum im Innern
unter anderem mit schnitzwerkverziertem Zedernholz ausgetäfelt, das Allerheiligste mit
Gold ausgekleidet. Im Allerheiligsten stand die Bundeslade mit den beiden Steintafeln. Sie
wurde überwölbt von zwei großen, aus Olivenholz angefertigten, mit Gold überzogenen
Engelsgestalten (Kerubim). Im Hauptraum stand der goldüberzogene Altar, an den
Seitenwänden fanden sich je fünf goldene Leuchter, außerdem zweimal fünf Tische für
die Schaubrote. Vor dem Hauptraum waren zwei kunstvoll gestaltete Säulen errichtet. An
der Nord- und Südseite standen kupferne Kessel auf fahrbaren Gestellen, die für die
Waschungen im Zusammenhang mit den Brandopfern bestimmt waren. Der Brandopferaltar im
Vorhof war gleichfalls aus Kupfer. Im Südosten wurde außerdem ein riesiges kupfernes
Becken aufgestellt, das Meer genannt, das den Priestern für ihre Waschungen diente.
Dieser Tempel, der sich in seiner Schönheit tief in die Erinnerung Israels eingegraben
hat, wurde im Jahr 586 v.d.Z. von dem Babylonier Nebukadnezar zerstört. Die jüdische
Bevölkerung des Landes wurde in die Gefangenschaft nach Babylon geführt.
Fünfzig Jahre später gestattete der Perser Koresch (Kyrus II.), der Sieger über
Babylon, den Juden wieder heimzukehren und erneut einen Tempel zu erbauen. Unter
Serubbavel wurde der Tempel, kleiner und weniger prächtig, im Jahr 515 v.d.Z. an der
alten Stelle wieder errichtet. Es gab jetzt einen äußeren Hof und einen inneren. Im
inneren lag der eigentliche Tempel mit dem Heiligtum und dem Allerheiligsten. Die von
Nebukadnezar geraubten Tempelgeräte hatten die Juden weitgehend zurückerhalten. Nur die
Bundeslade blieb verschollen. Das Allerheiligste blieb leer.
Dieser Tempel wurde im Jahr So v.d.Z. von dem Edomiter Herodes erheblich erweitert und
umgebaut. Im Osten fand sich nun ein großer Frauenhof, an den sich westwärts ein Hof
anschloß, der den männlichen Laien zugänglich war, schließlich der Priesterhof, in dem
der Brandopferaltar stand. Der Tempel selbst hatte einen Vorraum, das Heiligtum und das
Allerheiligste. Vor dem Vorhang zum Allerheiligsten standen ein Leuchter, ein Tisch mit
den Schaubroten und der Räucheraltar. Der Raum hinter dem Vorhang, das Allerheiligste,
blieb weiterhin leer. Dieser zweite Tempel, von manchen als dritter bezeichnet, wurde im
Jahr 70 n.d.Z. von dem Römer Titus zerstört.
Bereits während der Zeit des ersten Tempels waren erste mahnende Stimmen aufgetreten, die
die blutigen Schlachtrituale der Tieropfer als unangemessenen Gttesdienst verwarfen
und statt dessen eine gttesfürchtige Gesinnung und Lebensführung forderten. Die
Zerstörung des ersten Tempels mit dem nachfolgenden babylonischen Exil zwang die Juden
neue Formen des Gttesdienstes zu entwickeln.
Versammlungshäuser entstanden, die nicht den Anspruch eines zentralen Heiligtums hatten,
in denen die Menschen aber die Heilige Schrift studierten und diskutierten, - es waren
erste Synagogen, wie sie fortan überall in der Diaspora, nach der Rückkehr aus dem Exil
aber auch im Heiligen Land, parallel zum zweiten Jerusalemer Tempel überall entstanden.
Diese Synagogen waren Mehrzweckgebäude, Gemeindezentren in denen die Ortsverwaltung, die
Gerichtsbarkeit, Unterricht, Gttesdienst, Handel und einiges mehr unter einem Dach
vereint waren. Während der wieder errichtete Tempel erneut zum zentralen Heiligtum
geworden war, in dem die Tieropfer stattfanden, entwickelte sich in den Synagogen, nicht
in Konkurrenz zu ihm, aber doch parallel,
eine Gttesdienstform, die ausschließlich Gebets- und Wortgttesdienst war, in
der an die Stelle der Schlachtopfer die Thorahlesung getreten war, die am Schabbath,
außerdem an Montagen und Donnerstagen, den damaligen Markttagen, den Mittelpunkt des
Gttesdienstes bildete. Dieser Gebets- und Wortgttesdienst in den Synagogen
überdauerte die Zerstörung des zweiten Tempels, die nicht nur dem Tierschlachtopferkult
sondern auch der Priesterschaft ein Ende setzte. Damit gewann die laizistische Form des
Gttesdienstes, das Gebet, an Bedeutung. Da die Zerstörung des Tempels jedoch als
gewalttätig erlittener Verlust empfunden wurde, hatte man nicht nur das Bedürfnis
wenigstens die Ordnung der Tempelgttesdienste in der Ordnung der
Synagogengttesdienste zu erhalten, wie selbstverständlich orientierte sich auch der
zunächst ganz und gar nicht festgelegte Bau der Synagogen dann zunehmend am Idealbau des
Tempels. Und der Ort des ehemaligen Tempels kennzeichnete schon von Anfang an auch die
Gebetsrichtung, das ist auch die Ausrichtung des Synagogengebäudes, also in einer Gegend
westlich vom
Heiligen Land in Richtung Osten, nördlich davon in Richtung Süden, jeweils nach
Jerusalem gewandt. Dabei war anfangs oft der Eingang in die Synagoge in der nach Jerusalem
gerichteten Wand, so daß beim Beten durch die geöffnete Tür Richtung Jerusalem geblickt
werden konnte. Ab dem 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende erhielt der Thorahschrein, der
bis dahin möglicherweise beweglich, trag- oder fahrbar, war, seinen festen Platz an der
nach Jerusalem gerichteten Wand. Dieser Schrein, der die Thorahrollen mit der Weisung
Gttes birgt, trat nun an die Stelle des Allerheiligsten, wie dieses vom übrigen
Heiligtum durch einen Vorhang getrennt. Die Hüllen der Thorahrollen, der Schrein, der
Vorhang wurden nach dem Vermögen der Gemeinde so kunstvoll als möglich gestaltet.
Der erhöhte Platz vor dem Thorahschrein heißt Duchan und entspricht dem Ort, von dem aus
die Priester zur Zeit des Tempels das Volk segneten, - es ist der Ort, von dem aus die
Nachkommen der Priester (Kohanim) auch heute noch an den Hohen Feiertagen den
Priestersegen sprechen, die einzige noch verbliebene priesterliche Funktion.Wie
selbstverständlich trat das auf erhöhtem Platz (Bimah, auch Almemor genannt) stehende
Lesepult für die Thorahrollen an die Stelle des Altars im Tempel, auf dem nun nicht mehr
Priester die Opfer vollziehen, sondern Laien die Offenbarung Gttes hörbar machen.
Der Almemor, der zweitwichtigste Raumteil der Synagoge, ist gleichfalls oft in besonderer
Weise geschmückt, zumindest mit einem kunstvollen Geländer. In Erinnerung an die
Leuchter im Tempel stehen auch heute noch vor dem Thorahschrein rechts und links oft
siebenarmige oder ähnlich gestaltete Leuchter, während das Ewige Licht die Gestalt eines
kleinen Lämpchens angenommen hat, das meist mittig vor dem Thorahschrein hängt. Den
Tisch mit den Schaubroten gibt es jedoch nicht mehr, - an die zwei Reihen von Broten
erinnern nur noch die zwei Chaloth, über die nach dem Gttesdienst, nach dem Segen
über den Wein der Segen über das Brot gesprochen wird, und die mit Salz gegessen werden
gemäß den Worten der Thorah: ,,Alle deine Speiseopfer sollst du mit Salz bestreuen; das
Salz, das Bündnis mit deinem Gtt, darfst du ... nicht fehlen lassen."
Der ursprünglich dritte Teil des Stiftszeltes und des Tempels, der Vorhof, findet sich
wieder in dem Teil der Synagoge, in dem die Betenden sitzen, der heute mit Sitzbänken
ausgestattet ist, was, insbesondere im Orient, nicht ursprünglich der Fall war. Dabei
sitzen Männer und Frauen traditionell, jedoch unterschiedlich stark voneinander getrennt.
An das groáe Wasserbecken, das den Priestern für ihre Waschungen diente, erinnert
schließlich noch das Waschbecken, das sich heute meist im Übergangsraum zum Gemeinderaum
befindet. Dort wäscht man sich die Hände bevor, nach dem Gttesdienst, im
Gemeinderaum dann der Qiddusch, die Worte der Heiligung, über Wein und Brot gesprochen
wird, und die gemeinsame Mahlzeit beginnt. So bewahrten die Israeliten über Jahrtausende
und alle Wirren, Zerstörungen und Verfolgungen hindurch die Mosche von Gtt am Sinai
offenbarte bauliche Ordnung des Raumes der Begegnung mit Gtt.
Dr. Michael Rosenkranz
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