Synagoge

Geschichte des jüdischen Lebens in Berlin-Hohenschönhausen

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Einweihung Presse

 

Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen
und ihrer Synagoge in der Berliner Straße 91

 

Inhalt:

Ein kurzer historischer Abriß
Synagogenweihe in Hohenschönhausen
Erinnerungsbericht von Dr. Jizchak Schwersenz, ehemaliger Vorbeter der Synagoge Hohenschönhausen
Jizchak Schwersenz. Biographische Notiz

Die räumliche Gestaltung einer Synagoge Von Dr. Michael Rosenkranz

Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen und ihrer Synagoge in der Berliner Straße 91. Ein kurzer historischer Abriß

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Das Gebäude der ehemaligen Synagoge Hohenschönhausen in der Berliner Straße 91
(heute Konrad-Wolf-Straße 91) vor dem Abriß

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Einweihung der Synagoge Hohenschönhausen, 1935

Hohenschönhausen gehörte nicht zu den Zentren jüdischen Lebens in Berlin, erst späte begann sich eine eigene Jüdische Gemeinschaft herauszubilden. Da Hohenschönhausen Ortseil von Weißensee besuchten die jüdischen Kinder in Hohenschönhausen besuchten zunächst den dortigen Religionsunterricht. Im Januar 1925 teilte der Schul- und Talmud-Tora-Vorstand der Jüdischen Gemeinde im "Gemeindeblatt" mit: "Für Hohenschönhausen und Wilhelmsberg jüdischer Religionsunterricht eingerichtet in der Wohnung von Max Karo, Weißenseer Weg 32-34 an jedem Dienstag und Donnerstag 4 ¼ - 6 Uhr nachmittags. Leiter: Lehrer Ferdinand Last. Unterrichtsbeginn: 13.1.1925." Der Kaufmann Max Karo, der aus Schubin, südwestlich von Bromberg, stammte, hatte eine Firma zur Altpapierübernahme, Verwertung und Vernichtung bzw. einen Papiergroßhandel inne und war Mitglied des Reichsverbandes des jüdischen Mittelstandes.

Ab 1931 stellte die Schule in der Roedernstraße einen Raum für den jüdischen Religionsunterricht zur Verfügung. Regelmäßig kündigte das "Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" an, wann und wo der Unterricht durchgeführt wurde. Der Lehrer Ferdinand Last arbeitete noch an anderen Religionsschulen, so in Johannisthal, in Treptow und Buch.

Hingegen hatten die Hohenschönhausener Juden vor 1933 keine eigene jüdische Gemeinde. 1922 wurde in Weißensee ein spezieller Verein gegründet, der die Gottesdienste organisierte, aber auch vielfältige Veranstaltungen durchführte, an denen sicherlich auch Hohenschönhausener Juden teilnahmen.

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Die Schule in der Roedernstraße

In der 1933 veränderten Situation schlossen sich die Hohenschön-hausener Juden zunächst enger zusammen: Sie gründeten eine eigene Gemeinde, die sie Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen nannten. Erstmals kündigte das "Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" für April 1933 ein Gottesdienst dieser Gemeinschaft an. Auch später wurden mehrfach Mitteilungen über Gottesdienste der Gemeinschaft veröffentlicht. Die Freitagsgottesdienste fanden in den ersten eineinhalb Jahren in Wohnungen von Mitgliedern der Gemeinschaft statt: zunächst bei Nathan Festenberg in der Wriezener Straße 2/3, danach wechselweise bei Max Bottstein in der Schöneicher Straße und Eugen Lange in der Koskestraße 13/14. Die Festgottesdienste an den hohen jüdischen Feiertagen wurden teilweise in größeren Räumen durchgeführt, so z.B. zum jüdischen Neujahrsfest 1934 in den Concordia-Sälen in der Landsberger Chaussee 227.

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Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, 12.1.1935

Die Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen schuf sich bald einen eigenen Betraum. Er befand sich in der Berliner Straße 91 und wurde am 22. Dezember 1934 feierlich eingeweiht. Im Sommer 1935 erfolgte die Synagogeweihe. Der Betraum und der zugehörige Versammlungsraum befanden sich in einem barackenähnlichen Gebäude, in dem im Erdgeschoß u.a. eine Tischlerei bestand. Die Hohenschönhausener Synagoge konnte nur durch die aufopferungsvolle Arbeit der Gemeindemitglieder entstehen. Wochenlang hatten Vorstandsmitglieder bei den Malerarbeiten und der Innenausstattung selbst mit Hand angelegt. Für die Vorhänge wurde selbst ein früheres Brautkleid umgearbeitet. In dieser Zeit war Alfons Weinstock Vorsitzender und ehrenamtlicher Kantor der Gemeinschaft. Als Schriftführer fungierte Eugen Lange, während ein Herr Michelson im Gründungsbericht des "Gemeindeblattes für die jüdischen Gemeinden Preußens" als "Erbauer" und "Spiritus rector" gewürdigt wurde. Von ihm ist nicht bekannt, ob er in Hohenschönhausen wohnte.

Ob die Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen einen eigenen Prediger hatte, wissen wir nicht. Wohl nur zu besonderen Anlässen hielt ein Rabbiner die Predigt. Nur wenige Namen von Predigern sind bekannt, die für die Gemeinschaft einen Gottesdienst abhielten. So predigte Rabbiner Dr. Rosenwasser beim Gottesdienst zum Laubhüttenfest 1934. Bei der Einweihung des Betraumes im Dezember 1934 hielt der Weißenseer Rabbiner, Dr. Werner van der Zyl, die Festpredigt, während bei der Synagogenweihe im Juli 1935 Rabbinatskandidat Zimet diese Aufgabe übernahm. Die verschiedenen Prediger in einem recht kurzen Zeitraum deuten darauf hin, daß die Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen keinen festen Prediger hatte.

Wir wissen fast nichts über ihre Tätigkeit nach der Synagogenweihe 1935. Die wenigen Kenntnisse vermittelt ein Erinnerungsbericht von Dr. Jizchak Schwersenz. Er wirkte vom 5. Juni bis November/Dezember 1938 am Freitagabend und am Sonnabendvormittag als Vorbeter in der Synagoge Hohenschönhausen.

Jizchak Schwersenz, am 30. Mai 1915 in Berlin geboren und Sohn jüdischer Kaufleute, schloß sich früh Gruppen innerhalb der jüdischen Jugendbewegung an und erhielt eine Ausbildung zum Religions- und Volksschullehrer. Er entzog sich im August 1942 der Deportation und lebte 17 Monate unter falschem Namen und ohne Wohnung in Berlin. Im Februar 1944 gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Seit 1953 wohnt er in Israel, seit 1991 auch in Deutschland.10

In einem Gespräch 1996 erinnerte er sich an seine Tätigkeit in Hohenschönhausen: "Die Gottesdienstbesucher - ich sehe sie vor mir, ohne eine genaue Anzahl angeben zu können. Da will ich nichts Falsches sagen. Ich kann das jetzt nur mit Vorsicht sagen: Ich sehe den Raum deutlich vor mir, er war ja mit richtigen Synagogenbänken ausgestattet. Sehr groß war der Raum nicht. Vorn waren, wie überall in der Synagoge, der Toraschrein und das Vorbeterpult, an dem ich stand. Ich schätze - aber das nur mit großer Vorsicht -, daß in diesem Raum etwa 30-50 Beter sich versammelten. Es war ja auch klein, war im Grunde genommen keine Synagoge, es war ein Betsaal. Die Bezeichnung bestand ja auch immer. Daß in dem Gebäude unten eine Tischlerwerkstatt war - das erinnere ich mich und sehe es auch etwa vor mir. Der Betraum war im 1. Stock.

Der Zulauf zur Synagoge in jener Zeit war groß, man suchte Hilfe und Zuspruch, man brauchte Erbauung. Und so waren alle damals noch befindlichen Gottesdiensthäuser und Gottesdiensträume gut besucht. In jener Zeit gingen auch Menschen zum Gottesdienst, die früher nicht gegangen sind. Es war natürlich ein intimer Gottesdienst, weil es eben verhältnismäßig klein war.

... Um es noch einmal zu sagen: Die Gemeinde war eine sympathische, weil sie eben intim war, nicht wie in einer ganz großen Synagoge mit Hunderten von Menschen, wo die Beziehungen nicht so sind untereinander. Hier aber waren sie herzlich und warm.

An die Schließung der Synagoge kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war dort wahrscheinlich nur bis zu den Novemberpogromen, nehme ich an. In dem Schreiben heißt es zwar bis 5. Dezember, aber ich möchte fast annehmen, daß nach den Pogromen kein Gottesdienst mehr dort gewesen ist.

Mehr kann ich zu Hohenschönhausen nicht sagen, obwohl ich sehr gern dagewesen bin. Das ist eine ganz eigenartige Episode, an die ich mich noch erinnere. Wir hatten am Freitagabend ein Schlußlied. Das hatte ich ja gesungen als Vorbeter, abwechselnd mit der Gemeinde. Einmal habe ich zu hoch gesungen, und einer aus der Gemeinde sagte mir: Das muß aber tiefer anfangen. Das, erinnere ich mich, war in diesem Betsaal."

In einem von Jizchak Schwersenz aufbewahrten Schreiben vom 5. Dezember 1938 dankt der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen, Eugen Lange, Jizchak Schwersenz für seine ehrenamtliche Arbeit. "Herr Schwersenz hat", heißt es darin, "unseren Gottesdienst dank seiner einwandfreien hebräischen Aussprache, seines schönes, verständnisvollen Gesanges und seiner Gewissenhaftigkeit so gestaltet, daß alle Gemeindemitglieder ihm mit Freude beim Gebet folgten."

Das Schreiben ist das letzte Zeugnis der Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen. Zum selben Zeitpunkt oder kurz zuvor wurde sie aufgelöst. Vorhergegangen war die Reichpogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten und viele Juden in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Die kleine Synagoge Hohenschönhausen wurde offenbar nicht zerstört; das Gebäude hat den Krieg überdauert. Vermutlich wußten nur wenige Hohenschönhausener Einwohner von diesem erst wenige Jahre bestehenden jüdischen Gotteshaus. Doch mußte nach nur fünfeinhalbjähriger Tätigkeit die Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen ihre Tätigkeit einstellen.

Was aus Nathan Festenberg und Alfons Weinstock wurde ist unbekannt.

Die Familie Bottstein mußte - wie viele Juden - ihre Wohnung in der Schöneicher Straße aufgeben. Zunächst blieb sie in Hohenschönhausen und wohnte in der Große-Leege-Straße, ehe sie im Sommer 1942 in die Dunckerstraße im Stadtbezirk Prenzlauer Berg kam. Zwei Tage vor der Deportation hatten Max Bottstein und seine Frau Rosa, wie aus einem Schreiben des Hausverwalters vom 8. Juni 1943 hervorgeht, die Wohnung zu verlassen; sie wurden "evakuiert", wie es zynisch heißt. Vermutlich kamen auch sie in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Am 26. Oktober 1942 wurden Max und Rosa Bottstein "nach Osten" deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. "Der Sohn der Familie Bottstein", heißt es in dem genannten Schreiben, "ist bis zum 26.2.1943 in der Wohnung verblieben und dann scheinbar vom Betrieb aus evakuiert worden. Die Wohnung wurde am 15.3.1943 vom Hauptplanungsamt beschlagnahmt und ist nunmehr am Sonnabend, den 5.6.1943 von den Möbeln geräumt worden." Penibel wird der "Mietausfall" aufgeführt und dessen Bezahlung bei der Oberfinanzdirektion eingefordert.13 Der Sohn der Eheleute Bottstein, Manfred, 21 Jahre alt, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht deportiert worden. Wie andere junge Juden, versuchte er seit dem 28. Februar 1943 in der Illegalität zu leben, doch gelang ihm das nur wenige Monate. Da er im Juli 1943 seine "Vermögenserklärung" abgeben mußte, war er zu diesem Zeitpunkt bereits wieder gefaßt. Ein Jahr später, am 13. Juli 1944, wurde Manfred Bottstein nach Theresienstadt deportiert, in Auschwitz ist er "verschollen".

Eugen Lange, seine Ehefrau Cäcilie und die Töchter Hanni und Hertha konnten in der Koskestraße in Hohenschönhausen bleiben und wurden wenige Monate nach dem Ehepaar Bottstein nach Auschwitz deportiert: Eugen Lange am 1. März 1943, seine Frau und die 14jährige Hanni zwei Tage später, als letzte die 19jährige Hertha am 19. April 1943. Ob Hertha ihre Eltern und die Schwester noch lebend antraf - wir wissen es nicht. Sie sind in "Auschwitz verschollen", Herthas Verbleib ist "ungeklärt", vermerkt das "Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des jüdischen Opfer des Nationalsozialismus".

Mit demselben Transport wie Cäcilie und Hanni Lange wurde auch der langjährige Religionslehrer der jüdischen Kinder in Hohenschönhausen, Ferdinand Last, deportiert. Schon 1936, zwei Jahre, bevor die Jüdische Gemeinschaft Hohenschönhausen ihre Arbeit beenden mußte, war es untersagt worden, jüdischen Kindern Religionsunterricht an staatlichen Schulen zu erteilen. Wir wissen nicht, wo die religiöse Unterweisung der Hohenschönhausener Kinder danach erfolgte und wer sie unterrichtete. Nach dem Novemberpogrom von 1938 durften jüdische Kinder dann nur noch jüdische Schulen besuchen, der normale Schulbesuch war ihnen verwehrt. Am 30. Juni 1942 mußten auch diese jüdischen Schulen schließen. Ein Vierteljahr später, am 3. Oktober, wurden die zweijährige Mirjam und die zehnjährige Tana Ascher aus der Lüderitzstraße 22b zusammen mit ihrer Mutter Ruth nach Osten deportiert. Es sind die ersten deportierten Kinder aus Hohenschönhausen. In Reval sind sie "verschollen".

Der Deportation entgehen konnte Max Karo, der sein Haus für einige Jahre dem Religionsunterricht zur Verfügung gestellt hatte. Ihm gelang es noch rechtzeitig zu emigrieren. Zusammen mit seinem Sohn Kurt und vermutlich seiner Frau Cilla konnte er vor der Jahreswende 1938/39 Deutschland verlassen und floh wahrscheinlich in die USA. Für Max und Kurt Karo wurde ein Jahr später der Antrag auf Ausbürgerung gestellt, in dem es heißt: "Nach einer Mitteilung des F(inanz)A(amtes). Weissensee ist der Jude Max Israel Karo aus dem Deutschen Reichsgebiet geflüchtet, ohne vorher seinen steuerlichen Verpflichtungen nachgekommen zu sein. Voraussichtlich werden seine Steuerschulden auch nicht aus dem von ihm zurückgelassenen Vermögen restlos befriedigt werden können... Der Sohn Kurt Israel Karo ist ebenfalls zusammen mit seinem Vater aus dem Reichsgebiet geflüchtet.

Ich halte durch das volksschädigende Verhalten des Juden Max Israel Karo den Antrag auf seine Ausbürgerung für begründet und bitte, das Weitere in dieser Beziehung zu veranlassen. Da seine Familienangehörigen, die mit ihm hier im gemeinsamen Haushalt gelebt haben, zus. mit ihm geflüchtet sind, halte ich auch deren Ausbürgerung für gerechtfertigt."  Max Karos Hauptvermögen bestand in dem Grundstück Weißenseer Weg 28-30, für das er seit 1928 gemeinsam mit seinem Bruder Richard als Eigentümer im Berliner Adreßbuch verzeichnet war. Auch Richard Karo und seiner Familie gelang die Emigration. Max Karo verstarb wahrscheinlich 1972 in den USA.

Emigrieren konnte auch einer der beiden in Hohenschönhausen lebenden jüdischen Beamten, der Magistratsrat Richard Pagel. Offenbar schon 1934 - damals im Grunewald wohnhaft - wanderte er zusammen mit seiner Frau Margarethe und der Tochter Elisabeth nach Großbritannien aus. 1940 lebte er in Cambridge bei Dr. Walter Pagel, möglicherweise ein Sohn. Richard Pagel verstarb im Oktober 1950.

Hingegen ist unbekannt, was aus Dr. Fritz Loewenstein wurde. Nach dem Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde er am 30.6.1933 aus dem Bezirksamt Weißensee entlassen.

Synagogenweihe in Hohenschönhausen

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Hohenschönhausen ist ein Vorort von Berlin: Es fällt in die Kategorie derjenigen Orte, die formal zum Bereich der Berliner Jüdischen Gemeinde gehören, die indessen so sehr an der Peripherie der Riesenstadt liegen, daß sie in tatsächlicher Hinsicht den Charakter einer Kleingemeinde tragen. Früher lebten in diesen Außenbezirken nur wenige Juden. Sie konnten zu Gottesdiensten oder Gemeindeabenden in die Stadt fahren. Heute sind nicht nur in fast allen Vororten die jüdischen Familien zahlreicher geworden, sondern auch die jüdischen Bedürfnisse sind stärker, und die wirtschaftlichen Verhältnisse machen das Fahren immer schwieriger. So wurde es nötig, daß für diese „Vorortgemeinden", die, wie gesagt, keine selbständigen Gemeinden sind – etwas geschah, und auf Grund eines Abkommens zwischen der Berliner Jüdischen Gemeinde und dem Landesverband hat dieser die „Betreuungsstelle für die Berliner Vororte" eingerichtet, um seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Kleingemeindearbeit für diese Außenbezirke nutzbar zu machen. Die wichtigste, aber gleichzeitig schwierigste Aufgabe besteht in nahezu in allen in Betracht kommenden Ortschaften in der Beschaffung und Herrichtung eines räumlichen Zentrums. Ein solches zu schaffen, ist gerade heutzutage besonders schwierig, denn nicht jeder Raum ist so gelegen, daß er sich für die Abhaltung von Gottesdiensten eignet. Und die Mittel, die zur Verfügung gestellt werden können, sind beschränkt. Um so erfreuliche5r ist es deshalb, wenn alle diese Schwierigkeiten überwunden werden. Das ist mit mehr oder minder großer Vollständigkeit hie und da schon gelungen, und es wird darüber demnächst noch mehr zu berichten sein. Der schönste Erfolg bisher ist der in Hohenschönhausen, wo es gelungen ist, eine eigene Synagoge zu schaffen. Dieser Erfolg konnte nur erzielt werden, weil die Hohenschönhausener Glaubensgenossen in vorbildlicher Opferbereitschaft an diesem Werk mitarbeiteten. Denn wenn auch im Zusammenwirken zwischen der Berliner Jüdischen Gemeinde und dem Landesverband gewisse Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten, so ist doch diese Synagoge im wesentlichen dadurch entstanden, daß die Vorstandsmitglieder der „Jüdischen Gemeinschaft Hohenschönhausen" mit ihrer Hände Arbeit diese Räume hergerichtet haben, den Betraum und den Versammlungsraum. Beide Räumlichkeiten haben früher profanen Zwecken gedient. Sie liegen in einem barackenähnlichen Hause, das auf einem Hof steht und im Erdgeschoß u.a. eine Tischlereiwerkstatt enthält. Aber oben haben die Vorstandsmitglieder wochenlang die Wände und die Decke verputzt, gemalt und verkleidet, sie haben eine künstlerisch wertvolle Innenausstattung geschaffen, das von der Gemeinde gelieferte Gestühl und die Kultuseinrichtung (Heilige Lade, Kanzel, Vorbeterpult) aufgestellt und neu hergerichtet, die Kandelaber hergestellt, und die Frauen haben die Vorhänge gefertigt, wobei u.a. eine Dame ihr früheres Brautkleid gestiftet und selbst umgearbeitet hat. So haben die Glaubensgenossen in Hohenschönhausen diese Synagoge – wenn man von den Außenwänden des Gebäudes absieht – tatsächlich selbst gebaut, und sie ist damit mehr als es sonst der Fall zu sein pflegt, „ihre" Synagoge. Das gleiche gilt für den Versammlungs- und Gemeinschaftsraum, in dem ebenfalls alle Handwerkerarbeiten von den dortigen Mitgliedern selbst ausgeführt worden sind. Der Betraum ist schon zu Anfang dieses Jahres feierlich eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben worden. Erst jetzt aber hat er das Aussehen erhalten, das notwendig war, und erst jetzt konnte auch der Versammlungs- und Gemeinschaftsraum eingeweiht werden. Bei dieser Einweihung konnte daher der Syndikus des Landesverbandes, Dr. Schildberger, erklären, der Landesverband sei stolz darauf, daß er gemeinsam mit der Berliner Jüdischen Gemeinde dieses Werk vorbildlichen, opferbereiten Gemeinschaftsgeistes fördern durfte, denn, so hob Herr Dr. Schildberger Hervor, in dieser zeit höre man leider weit mehr von Gemeinden, die eingehen oder einzugehen drohen, als von solchen, die neu erstehen. Auch Rabbinatskandidat Zimet rühmte in seiner Einweihungspredigt den Gemeinsinn der Schöpfer dieses Raumes, der nun im doppelten Sinne ein „Gemeinschafts"-Zentrum ist. Herr Weinstock, der Vorsitzende und ehrenamtliche Kantor der Hohenschönhausener Gemeinschaft, Herr Michelsohn, der „Erbauer" und oberste „Spiritus rector" der kleinen Synagoge, und Herr Lange als Schriftführer und Mitarbeiter am Bau konnten die Glückwünsche und den Dank des Landesverbandes, der Gemeindekörperschaften sowie der vollzählig erschienenen Gemeindemitglieder von Hohenschönhausen entgegennehmen. Unsere Glaubensgenossen in Stadt und Land aber mögen an diesem Beispiel sehen, daß ernsthafter Wille und Beharrlichkeit aller Schwierigkeiten Herr werden und ganz neue Wege zu gehen wissen, wenn es zum Preise Gottes und zur geistigen und praktischen Hilfe für unsere Menschen erforderlich wird.

Gemeindeblatt für die jüdischen Gemeinden Preußens vom 1. August 1935

 

Erinnerungsbericht von Dr. Jizchak Schwersenz, ehemaliger Vorbeter der Synagoge Hohenschönhausen

Nach der Tonbandaufzeichnung eines Gespräches am 7. Juni 1996 (Das Gespräch führten Bärbel Ruben und Dr. Christa Hübner)

Es war ein Zufall, daß ich mich gemeldet habe. Ich hatte es nicht gelesen; ein Freund, der sehr regelmäßig und gründlich die Zeitungen liest, hat mir diesen Aufsatz über Hohenschönhausen geschickt.

Ich habe das leider in meiner Autobiographie nicht erwähnt. Das ist eine kleinere Episode, alles kann sowieso nicht darin sein, es kommen immer noch neue Gedanken, vieles ist vergessen. Aber es war eine schöne Zeit, und ich werde sie vielleicht in die 4. Auflage mit aufnehmen.

Ja, das war eine sehr kurze Zeit. Ich habe noch Zeugnisabschriften von meiner Flucht - leider können Sie nicht das Original sehen. Ich habe ja sehr viel mitgenommen auf der Flucht, ich habe mitgenommen, was ich nur konnte. Ein Teil der Dokumente, die ich retten konnte, sind auch veröffentlicht. Die Frage damals war: Soll ich die ganzen Zeugnisse alle mitnehmen? Da habe ich den Gedanken gehabt: Ich schreibe sie ab oder lasse sie abtippen und beglaubigen vom damaligen leitenden Verantwortlichen der Reichsvereinigung. Das ist es, was ich habe. Zu meiner großen Freude, denn sonst hätte ich noch mehr mitnehmen müssen.

Hier ist das Original meines gefälschten Arbeitsausweises - er ist im Buch -, herausgeschmuggelt von meiner Freundin, von der Sie hoffentlich gelesen haben, von Edith Wolf, von Ewo, von mir ausgeschrieben mit Schreibmaschine. Beide Unterschriften - Sie sitzen vor einem Fälscher - sind erfundene Namen. Und es rettete mich tatsächlich bei Razzien. Ich habe dann diese Zeugnisabschriften kopieren lassen, um sie später, in mehreren Exemplaren, auch nach Amerika zu schicken, zur Sicherheit usw. Die Abschriften sind von Alfred Selbiger beglaubigt, im August ‘42. ‘42, da wurde er erschossen hier in Berlin. Er war der Leiter der Jüdischen Jugendhilfe, ein ungeheuer aktiver Mensch.

Soll ich Ihnen vorlesen?

Jüdische Gemeinde Berlin

Synagoge Hohenschönhausen

Hohenschönhausen, den 5.12.38

- also genau nach dem Novemberpogrom -

 

Herr Jizchak Schwersenz war in unserer Synagoge vom 5.6.1938 bis zur jetzt erfolgten Auflösung unserer Gemeinde als Vorbeter tätig. Herr Schwersenz hat unseren Gottesdienst dank seiner einwandfreien hebräischen Aussprache, seines schönes, verständnisvollen Gesanges und seiner Gewissenhaftigkeit so gestaltet, daß alle Gemeindemitglieder ihm mit Freude beim Gebet folgten. Herr Schwersenz versah alle Funktionen, einschließlich der Vorlesung aus der Tora und der Schofa??. Wir können Herrn Schwersenz für seine ehrenamtlich durchgeführte Tätigkeit nur herzlich danken und ihn nur bestens empfehlen.

Eugen Lange

Vorsitzender

Den Namen hatte ich längst vergessen. Als nun das mit Hohenschönhausen kam, dachte ich: Das ist ja auch dabei. Ich habe es herausgesucht, und dann fiel mir der Name Langes wieder ein. Naja, es sind ja immerhin schon 43 Jahre, seit ‘38 sogar mehr. Das heißt, ich war dort von Juli bis Dezember - nur etwa ein halbes Jahr - am Freitagabend und am Sonnabendvormittag.

Damals war ich in der Leitung der Jüdischen Jugendhilfe bereits tätig und in vielen anderen Tätigkeiten auch. Man mußte damals selbst in jungen Jahren, in denen man schließlich war - 1938 war ich 23 Jahre alt - ungeheuer viel tun. Es fehlte an Kräften, an Lehrern, an Jugendleitern.

Daß ich damals in Hohenschönhausen als Vorbeter wirkte, war, glaube ich, eine Empfehlung, oder man hat mich empfohlen - wohl die Familie Lewin. Sie wohnten in der damaligen Grenadierstraße - heute heißt sie wohl anders. Ich schreibe von ihnen im Buch, und sie sind dort abgebildet. Diese waren es, soweit ich mich erinnere, die mich dorthin gebracht haben. Sie gingen gelegentlich auch dort beten. Da es weit war - ich wohnte damals in Tiergarten, Holsteiner Ufer - habe ich häufig bei ihnen in der Grenadierstraße übernachtet. Sie gingen dann - es war eine große Familie - mit mir dorthin. Ob gingen oder fahren, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich mußte man fahren.

Die Gottesdienstbesucher - ich sehe sie vor mir, ohne eine genaue Anzahl angeben zu können. Da will ich nichts Falsches sagen. Ich kann das jetzt nur mit Vorsicht sagen: Ich sehe den Raum deutlich vor mir, er war ja mit richtigen Synagogenbänken ausgestattet. Sehr groß war der Raum nicht. Vorn waren, wie überall in der Synagoge, der Toraschrein und das Vorbeterpult, an dem ich stand. Ich schätze - aber das nur mit großer Vorsicht -, daß in diesem Raum etwa 30-50 Beter sich versammelten. Es war ja auch klein, war im Grunde genommen keine Synagoge, es war ein Betsaal. Die Bezeichnung bestand ja auch immer. Daß in dem Gebäude unten eine Tischlerwerkstatt war, das erinnere ich mich und sehe es auch etwa vor mir. Der Betraum war im 1. Stock.

Der Zulauf zur Synagoge in jener Zeit war groß, man suchte Hilfe und Zuspruch, man brauchte Erbauung. Und so waren alle damals noch befindlichen Gottesdiensthäuser und Gottesdiensträume gut besucht. In jener Zeit gingen auch Menschen zum Gottesdienst, die früher nicht gegangen sind. Es war natürlich ein intimer Gottesdienst, weil es eben verhältnismäßig klein war.

Ich war ja ein "Westler", lebte in Charlottenburg bzw. damals im Bezirk Tiergarten. Von dort aus hätte ich deportiert werden sollen, wenn ich zu Hause gewesen wäre. So war mir der Osten Berlins nicht so sehr bekannt, aber immerhin doch. Wir hatten sehr viele Verwandte am Hackeschen Markt, am Alexanderplatz, zu denen wir viel gingen. Ich kannte es auch durch meine vielen Schüler, und durch die Schule, die ich dann im Prenzlauer Berg leitete, kam ich ja täglich hin und kannte mehr oder weniger den Osten von den Besuchen in den Wohnungen der Schüler. Und so kam ich in das ferne Hohenschönhausen auch durch meine Schüler, die Kinder der Familie Lewin.

Um es noch einmal zu sagen: Die Gemeinde war eine sympathische, weil sie eben intim war, nicht wie in einer ganz großen Synagoge mit Hunderten von Menschen, wo die Beziehungen nicht so sind untereinander. Hier aber waren sie herzlich und warm.

An die Schließung der Synagoge kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war dort wahrscheinlich nur bis zu den Novemberpogromen, nehme ich an. In dem Schreiben heißt es zwar bis 5. Dezember, aber ich möchte fast annehmen, daß nach den Pogromen kein Gottesdienst mehr dort gewesen ist.

Mehr kann ich zu Hohenschönhausen nicht sagen, obwohl ich sehr gern dagewesen bin. Das ist eine ganz eigenartige Episode, an die ich mich noch erinnere. Wir hatten am Freitagabend ein Schlußlied. Das hatte ich ja gesungen als Vorbeter, abwechselnd mit der Gemeinde. Einmal habe ich zu hoch gesungen, und einer aus der Gemeinde sagte mir: Das muß aber tiefer anfangen. Das, erinnere ich mich, war in diesem Betsaal.

Adolf Schwersenz, nach dem Sie mich gefragt haben: Natürlich kenne ich ihn persönlich, d.h. natürlich ist es nicht. Die Schwersenze waren nicht sowenige; wir hatten immerhin eine ganze Spalte im Telefonbuch, und es waren eine ganze Reihe dieses Namens hier in Berlin. Sogar heute gibt es noch so etwa zehn Menschen mit dem Namen Schwersenz. Ich kenne sie nicht. Adolf Schwersenz habe ich viel getroffen in unserer Familie. Ich weiß nicht, wie die Verwandtschaft ist, eine enge wohl nicht, aber eine entferntere. Denn damals war ich zu jung, um mich für Familiengeschichte zu interessieren oder nachzufragen. Adolf Schwersenz erschien häufig bei den Tanten und bei den Onkels, bei den Geschwistern meines Vaters. Wenn wir dort waren, erschien er, war er eingeladen. Ich sehe ihn ein wenig vor mir, und, wie gesagt, er war Kantor bei der Gemeinde. Ich kannte ihn von den Besuchen, die er bei unseren Verwandten in der Danziger Straße machte. Mein Vater lebte damals selber in der Danziger Straße, und da lebten auch noch die Schwestern vom Vater mit ihrer Familie. Da war er dann auch zu Besuch. Aber wie die Verwandtschaft ist, weiß ich nicht. Mir ist keinesfalls bekannt, daß er Onkel, d.h. geschwisterlich verbunden war.

35 Jahre lang lebte ich in Israel, so etwa das halbe Leben, wie ich Ihnen sagte. Wenn ich die Kindheit - sechs Jahre - abrechne, dann ist es das halbe Leben etwa. Seit ‘91 bin ich wieder in Deutschland. Ich wollte überhaupt nicht mehr zurückkommen, ich hatte nie die Absicht gehabt, mich zu erinnern an die Orte und die Straßen. Aber dann kam die Einladung der Stadt Berlin eine Einladung, seit 1973 jedes Jahr aufs Neue. Ich lehnte immer ab, bis sie mir ‘79 einen persönlichen Brief schickten, in dem sie schrieben: Wir verstehen Ihre Gründe sehr gut, aber wir bitten Sie, springen Sie einmal über die Hürde. So hieß es. Und dann habe ich das getan. So bin ich ‘79 erst nach 34 Jahren das erste Mal wiedergekommen. Dann begann ich meine Vortragstätigkeit, die mich alle Jahre hierher führte. Ich kam alle Jahre auf zwei Monaten. Die Vorträge wurden immer mehr und mehr in ganz Deutschland. Ich war auch schon vor der Wende in Ostberlin. Ich war 1988 eingeladen zum Vortrag in die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität. Der sehr viel genannte Dr. Fink war ebenfalls da, Professoren usw. Das war für mich ein bedeutsames Ereignis. Ich habe vorher schon Ostberlin bei meinen Reisen besucht. Ich wollte die Straßen wiedersehen. Aber zum Vortrag war ich, glaube ich, das erste Mal. Vor der Wende war ich auch einmal in der Gemeinde in der Oranienburger Straße auf Einladung von Dr. Kirchner.

Und danach bin ich ja sehr häufig da zu Vorträgen, auch in Frankfurt/Oder und Cottbus. Ich bin erfreut, wie das Echo ist, sonst wäre ich nicht hier, wäre auch heute nicht mehr hier. Die Menschen kommen, die Säle sind voll, auch in Dörfern und kleinen Orten, deren Namen ich nicht kannte.

Es ist vor kurzem ein Buch herausgekommen, dessen Titel ich sehr gut finde: Wir sind die Letzten, fragt uns aus. So ist es. Deswegen ja auch das große Interesse an den Vorträgen, wobei ich ja gern auch andere Themen halte als das autobiographische.

 

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Jizchak Schwersenz

Jizchak Schwersenz, am 30. Mai 1915 in Berlin geboren, Sohn jüdischer Kaufleute, schloß sich früh jüdischen Gruppen innerhalb der Jugendbewegung an. Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer und Volksschullehrer. Seit 1938 leitende Mitarbeit in Organisationen der Jugend-Alija, die jüdische Kinder auf ein Leben in Pllästina vorbereitete und im zionistischen Pfadfinderbund "Makkabi Hazair". 1939 bis 1941 Leiter der Jugend-Alija-Schule in Berlin. Entzog sich im August 1942 der Deportation und lebte 17 Monate unter falschem Namen und ohne Wohnung in Berlin. Bildete 1943 mit anderen "Untergetauchten" die Jugendgruppe "Chug Chaluzi". Im Februar 1944 Flucht in die Schweiz. Dort Betreuung von Kindern aus den Konzentrationslagern und den nazibesetzten Ländern. Studium an der Universität Zürich. 1953 Einwanderung nach Israel, Arbeit als Lehrer. Seit 1979 Vortragsreisen in Deutschland und in der Schweiz. Veröffentlichte 1988 das Buch "Die versteckte Gruppe. Ein jüdischer Lehrer erinnert sich an Deutschland".

 

Die räumliche Gestaltung einer Synagoge
von Dr. Michael Rosenkranz


Das aus der altgriechischen Sprache herstammende Wort Synagoge bedeutet Zusammenkunft. Die hebräische Bezeichnung dafür lautet Beth Knesseth, Haus der Zusammenkunft. Man versteht darunter seit über zweitausend Jahren ein Haus, in dem sich Juden treffen um miteinander zu sprechen, zu lernen, zu feiern, vor allen Dingen aber um miteinander G’ttesdienste zu halten. Synagogen weisen typische Baumerkmale auf, die sich baugeschichtlich von den Vorgängern der Synagoge, dem Tempel und, davor, dem Stiftszelt herleiten.

Während die anderen Menschen und Völker noch lange Zeit später die Gestirne und Naturkräfte oder aber einfach auch nur selbst gebaute Figuren als G’tter anbeteten, war nach Jüdischer Überlieferung Avraham (Abraham) der erste Mensch, der G’tt als den Einzigen, Allmächtigen, den Schöpfer allen Seins erkannte, ein unsichtbarer, unvorstellbarer G’tt. G’tt schloß mit Avraham einen ewig währenden Partnerschaftsbund, ebenso mit seinem Sohn Yitzchaq (Isaak) und mit dessen Sohn Yaaqov (Jakob), der nach einem Kampf mit einem Boten G’ttes, einem Engel, den Ehrennamen Yissrael (Israel) erhielt, das bedeutet Streiter G’ttes - einer, der mit G’tt kämpft und für G’tt streitet. Aus den zwölf Söhnen Yaaqovs, das ist Yissraels, gingen zwölf Stämme hervor, die später das Volk Yissrael, die Israeliten, bildeten, mit denen G’tt Seinen Bund am Sinai schloß. Im Verlauf der weiteren Geschichte gingen zehn der zwölf Stämme verloren. Übrig blieben der Stamm Yehudah (Juda) und der Stamm Lewi, die in der Folge gemeinsam als Juden bezeichnet wurden, wobei auch heute die Bezeichnung Israeliten die korrektere ist.

In der Zeit der Urväter Avraham, Yitzchaq und Yaaqov, die Hirten waren, die mit ihren Herden weite Strecken zurücklegten, war es üblich an besonderen Orten Altäre aus gesammelten unbehauenen Steinen zu errichten, auf denen der Dienst für G’tt, das Opfer, dargebracht wurde. Solche Orte waren oft durch eine Begebenheit ausgezeichnet und erhielten hiervon ihren Namen, mit dem sie teilweise bis heute noch benannt werden. Die errichteten Altäre wurden beim Weiterwandern aufgegeben, allenfalls bei der Rückkehr wieder verwendet.

Im Lauf der Zeit waren die Nachkommen Israels nach Ägypten gekommen und dort in Knechtschaft und schwerste Erniedrigung gezwungen worden. Auf Geheiß und mit Hilfe G’ttes führte Masche (Moses) sie, die nun ein Volk aus zwölf Stämmen geworden waren, von dort heraus und in die Freiheit. Gemeinsam zogen sie weiter, und ein gemeinsames, ein einendes Heiligtum wurde erforderlich. Nach Anweisung G’ttes baute Mosche daraufhin das Stiftszelt, dessen grundlegender Aufbau seither die G’tteshäuser der Israeliten bestimmt. Das Stiftszelt sollte sein und wurde das Zentrum, um das sich die zwölf Stämme scharten, das sie in ihrer Mitte während ihres Wanderns trugen, - Je drei Stämme flankierten es in Jeder Himmelsrichtung - es war ein bewegliches, ein tragbares Heiligtum. Angefertigt war es aus wertvollsten Materialien und hatte im aufgebauten Zustand drei räumliche Unterteilungen Zunächst den großen Vorhof im Osten, in dem sich der kupferüberzogene Brandopferaltar und, westwärts davon, das große kupferne Wasserbecken befanden, wohin die Israeliten ihre Tiere zur Opferung brachten und wo die Opferschlachtungen vollzogen wurden.

Westwärts davon stand das Stiftszelt, auch Offenbarungszelt (Ohel Mo'ed) genannt, betretbar durch einen Vorhang in seiner Ostwand. Es war unterteilt einerseits in das Heiligtum (Qodesch), in dem der goldüberzogene Rauchopferaltar und, an der Nordwand, der goldüberzogene Tisch mit den zwölf Ohaloth, den Schaubroten, die in zwei Schichten, mit Weihrauch bestreut, lagen, und diesem gegenüber, an der Südwand, der massiv goldene siebenarmige Leuchter standen, dessen Leuchter die ganze Wacht hindurch brannten, was für alle Zeiten so bleiben sollte, ein Ewiges Licht.

An der Westwand fand sich ein weiterer Vorhang, hinter dem sich schließlich der dritte Raum, das Allerheiligste (Qodesch haQodaschim), befand, der Raum, in dem die Bundeslade, die die heiligen Tafeln barg, niedergestellt war, und der vom Hohenpriester nur zu ganz besonderen Anlässen, so einmal im Jahr, am Versöhnungstag, betreten werden durfte.

Als die Israeliten nach Ende der langen Wüstenwanderung sich im verhießenen Land niedergelassen hatten, und König David die Bundeslade nach Jerusalem, in die Davidsstadt hatte bringen lassen, da entstand in ihm das Bedürfnis das Stiftszelt durch ein prächtiges festes Haus, einen Tempel, zu ersetzen. Doch sollte sein Sohn Schlomo (Salomo), der nach ihm König wurde, erst dieses Werk vollbringen. Auf dem Berg Moriyah, auf der Tenne des Arnan, oberhalb der Davidsstadt, wurde
der Tempel erbaut, 480 Jahre nach dem Auszug aus Agypten, etwa im Jahr 957 v.d.Z. Der Tempel, dessen Eingang wiederum im Osten lag, bestand aus einer Vorhalle (Ulam), die sich zum Vorhof öffnete, einem westwärts davon gelegenen Hauptraum (Hekhal) und dem Allerheiligsten (Dvir oder Qodeschha Qodaschim). Der Hauptraum hatte Fenster. Um den Hauptraum und das
Allerheiligste lagen niedrige Kammern in drei Stockwerken.



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Mittelalterliche Darstellung des Tempels

Der Tempel war außerordentlich prächtig, so war der Hauptraum im Innern unter anderem mit schnitzwerkverziertem Zedernholz ausgetäfelt, das Allerheiligste mit Gold ausgekleidet. Im Allerheiligsten stand die Bundeslade mit den beiden Steintafeln. Sie wurde überwölbt von zwei großen, aus Olivenholz angefertigten, mit Gold überzogenen Engelsgestalten (Kerubim). Im Hauptraum stand der goldüberzogene Altar, an den Seitenwänden fanden sich je fünf goldene Leuchter, außerdem zweimal fünf Tische für die Schaubrote. Vor dem Hauptraum waren zwei kunstvoll gestaltete Säulen errichtet. An der Nord- und Südseite standen kupferne Kessel auf fahrbaren Gestellen, die für die Waschungen im Zusammenhang mit den Brandopfern bestimmt waren. Der Brandopferaltar im Vorhof war gleichfalls aus Kupfer. Im Südosten wurde außerdem ein riesiges kupfernes Becken aufgestellt, das Meer genannt, das den Priestern für ihre Waschungen diente. Dieser Tempel, der sich in seiner Schönheit tief in die Erinnerung Israels eingegraben hat, wurde im Jahr 586 v.d.Z. von dem Babylonier Nebukadnezar zerstört. Die jüdische Bevölkerung des Landes wurde in die Gefangenschaft nach Babylon geführt.

Fünfzig Jahre später gestattete der Perser Koresch (Kyrus II.), der Sieger über Babylon, den Juden wieder heimzukehren und erneut einen Tempel zu erbauen. Unter Serubbavel wurde der Tempel, kleiner und weniger prächtig, im Jahr 515 v.d.Z. an der alten Stelle wieder errichtet. Es gab jetzt einen äußeren Hof und einen inneren. Im inneren lag der eigentliche Tempel mit dem Heiligtum und dem Allerheiligsten. Die von Nebukadnezar geraubten Tempelgeräte hatten die Juden weitgehend zurückerhalten. Nur die Bundeslade blieb verschollen. Das Allerheiligste blieb leer.

Dieser Tempel wurde im Jahr So v.d.Z. von dem Edomiter Herodes erheblich erweitert und umgebaut. Im Osten fand sich nun ein großer Frauenhof, an den sich westwärts ein Hof anschloß, der den männlichen Laien zugänglich war, schließlich der Priesterhof, in dem der Brandopferaltar stand. Der Tempel selbst hatte einen Vorraum, das Heiligtum und das Allerheiligste. Vor dem Vorhang zum Allerheiligsten standen ein Leuchter, ein Tisch mit den Schaubroten und der Räucheraltar. Der Raum hinter dem Vorhang, das Allerheiligste, blieb weiterhin leer. Dieser zweite Tempel, von manchen als dritter bezeichnet, wurde im Jahr 70 n.d.Z. von dem Römer Titus zerstört.

Bereits während der Zeit des ersten Tempels waren erste mahnende Stimmen aufgetreten, die die blutigen Schlachtrituale der Tieropfer als unangemessenen G’ttesdienst verwarfen und statt dessen eine g’ttesfürchtige Gesinnung und Lebensführung forderten. Die Zerstörung des ersten Tempels mit dem nachfolgenden babylonischen Exil zwang die Juden neue Formen des G’ttesdienstes zu entwickeln.

Versammlungshäuser entstanden, die nicht den Anspruch eines zentralen Heiligtums hatten, in denen die Menschen aber die Heilige Schrift studierten und diskutierten, - es waren erste Synagogen, wie sie fortan überall in der Diaspora, nach der Rückkehr aus dem Exil aber auch im Heiligen Land, parallel zum zweiten Jerusalemer Tempel überall entstanden. Diese Synagogen waren Mehrzweckgebäude, Gemeindezentren in denen die Ortsverwaltung, die Gerichtsbarkeit, Unterricht, G’ttesdienst, Handel und einiges mehr unter einem Dach vereint waren. Während der wieder errichtete Tempel erneut zum zentralen Heiligtum geworden war, in dem die Tieropfer stattfanden, entwickelte sich in den Synagogen, nicht in Konkurrenz zu ihm, aber doch parallel,
eine G’ttesdienstform, die ausschließlich Gebets- und Wortg’ttesdienst war, in der an die Stelle der Schlachtopfer die Thorahlesung getreten war, die am Schabbath, außerdem an Montagen und Donnerstagen, den damaligen Markttagen, den Mittelpunkt des G’ttesdienstes bildete. Dieser Gebets- und Wortg’ttesdienst in den Synagogen überdauerte die Zerstörung des zweiten Tempels, die nicht nur dem Tierschlachtopferkult sondern auch der Priesterschaft ein Ende setzte. Damit gewann die laizistische Form des G’ttesdienstes, das Gebet, an Bedeutung. Da die Zerstörung des Tempels jedoch als gewalttätig erlittener Verlust empfunden wurde, hatte man nicht nur das Bedürfnis wenigstens die Ordnung der Tempelg’ttesdienste in der Ordnung der Synagogeng’ttesdienste zu erhalten, wie selbstverständlich orientierte sich auch der zunächst ganz und gar nicht festgelegte Bau der Synagogen dann zunehmend am Idealbau des Tempels. Und der Ort des ehemaligen Tempels kennzeichnete schon von Anfang an auch die Gebetsrichtung, das ist auch die Ausrichtung des Synagogengebäudes, also in einer Gegend westlich vom
Heiligen Land in Richtung Osten, nördlich davon in Richtung Süden, jeweils nach Jerusalem gewandt. Dabei war anfangs oft der Eingang in die Synagoge in der nach Jerusalem gerichteten Wand, so daß beim Beten durch die geöffnete Tür Richtung Jerusalem geblickt werden konnte. Ab dem 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende erhielt der Thorahschrein, der bis dahin möglicherweise beweglich, trag- oder fahrbar, war, seinen festen Platz an der nach Jerusalem gerichteten Wand. Dieser Schrein, der die Thorahrollen mit der Weisung G’ttes birgt, trat nun an die Stelle des Allerheiligsten, wie dieses vom übrigen Heiligtum durch einen Vorhang getrennt. Die Hüllen der Thorahrollen, der Schrein, der Vorhang wurden nach dem Vermögen der Gemeinde so kunstvoll als möglich gestaltet.

Der erhöhte Platz vor dem Thorahschrein heißt Duchan und entspricht dem Ort, von dem aus die Priester zur Zeit des Tempels das Volk segneten, - es ist der Ort, von dem aus die Nachkommen der Priester (Kohanim) auch heute noch an den Hohen Feiertagen den Priestersegen sprechen, die einzige noch verbliebene priesterliche Funktion.Wie selbstverständlich trat das auf erhöhtem Platz (Bimah, auch Almemor genannt) stehende Lesepult für die Thorahrollen an die Stelle des Altars im Tempel, auf dem nun nicht mehr Priester die Opfer vollziehen, sondern Laien die Offenbarung G’ttes hörbar machen. Der Almemor, der zweitwichtigste Raumteil der Synagoge, ist gleichfalls oft in besonderer Weise geschmückt, zumindest mit einem kunstvollen Geländer. In Erinnerung an die Leuchter im Tempel stehen auch heute noch vor dem Thorahschrein rechts und links oft siebenarmige oder ähnlich gestaltete Leuchter, während das Ewige Licht die Gestalt eines kleinen Lämpchens angenommen hat, das meist mittig vor dem Thorahschrein hängt. Den Tisch mit den Schaubroten gibt es jedoch nicht mehr, - an die zwei Reihen von Broten erinnern nur noch die zwei Chaloth, über die nach dem G’ttesdienst, nach dem Segen über den Wein der Segen über das Brot gesprochen wird, und die mit Salz gegessen werden gemäß den Worten der Thorah: ,,Alle deine Speiseopfer sollst du mit Salz bestreuen; das Salz, das Bündnis mit deinem G’tt, darfst du ... nicht fehlen lassen."

Der ursprünglich dritte Teil des Stiftszeltes und des Tempels, der Vorhof, findet sich wieder in dem Teil der Synagoge, in dem die Betenden sitzen, der heute mit Sitzbänken ausgestattet ist, was, insbesondere im Orient, nicht ursprünglich der Fall war. Dabei sitzen Männer und Frauen traditionell, jedoch unterschiedlich stark voneinander getrennt. An das groáe Wasserbecken, das den Priestern für ihre Waschungen diente, erinnert schließlich noch das Waschbecken, das sich heute meist im Übergangsraum zum Gemeinderaum befindet. Dort wäscht man sich die Hände bevor, nach dem G’ttesdienst, im Gemeinderaum dann der Qiddusch, die Worte der Heiligung, über Wein und Brot gesprochen wird, und die gemeinsame Mahlzeit beginnt. So bewahrten die Israeliten über Jahrtausende und alle Wirren, Zerstörungen und Verfolgungen hindurch die Mosche von G’tt am Sinai offenbarte bauliche Ordnung des Raumes der Begegnung mit G’tt.

Dr. Michael Rosenkranz

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Letzte Aktualisierung: 23.09.01

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