Tagebuch West Coast Trail, August 1998
Acht Tage auf dem West Coast Trail
Samstag, 1. August 1998
6.10 Uhr WCT, Kilometer 73??
Viel ist geschehen seit dem letzten Eintrag. Ich sitze mitten im
Regenwald, von Mücken umsurrt, ein Rinnsal plätschert, von
Ferne ein Fischerboot, sonst ist alles unglaublich still, kaum
Vögel.
Der Reihe nach: Wir sind am Donnerstag früh zu Bett, Freitag
um 6 Uhr wach - gepackt. Mein Gott - das Gewicht!
Nach dem Frühstück Start nach Victoria, die verdammten
Gaskartuschen suchen. Wir fahren kreuz und quer, es gibt
keine. Schließlich kaufe ich bei Robertson Ofen, Lampe und
Gas neu. Dann geht´s 160 Kilometer in die Wildnis, Rast am
Jordan River, um 14.30 Uhr erreichen wir den Trail Head am
Gordon River, Möwen, Sonne, Kiesbänke, Treibholz und eine
kleine Hütte.
Große Überraschung: Es sind noch zwei Plätze frei, wenn wir
sofort starten! Mir werden die Knie weich, ich habe richtig
Angst. Eigentlich wollten wir ja noch umpacken und uns zwei
Tage mental auf den Trail vorbereiten. Und jetzt muß es gleich
sein!
Aber wir sagen ja, kaufen Karten, Permit und zahlen auch gleich
die Fähren der Indianer für C$ 103. Schneller Abschied von
Kathie, John und Christa, sie fahren davon, jetzt sind wir allein,
jetzt gibt´s kein Zurück.
Erstmals schultern wir die volle Ladung und schwanken die 250
Meter zu Butch, dem Indianer, der uns ans andere Ufer
übersetzen soll. Als wir dort ankommen, sind wir schon einmal
durchgeschwitzt. Und das jetzt 75 Kilometer? Ich raffe es nicht.
Es ist 16.30 Uhr als uns Butch grinsend am anderen Ufer
absetzt. Da liegt das Schild: 75 Kilometer! Auf geht´s. Über
Wurzeln, Steine und Schlamm klettern wir auf allen Vieren die
ersten 15 steilen Meter hinauf in den Wald, wo ich als erstes
meine Gamaschen anlege. Was für ein Glück, daß ich die noch
gekauft habe.
Es geht hoch und runter im ständigen Wechsel, alles liegt im
Halbschatten, die Sonne dringt kaum durch die moosbedeckten
Bäume, links und rechts undurchdringlicher Dschungel. Das
Wurzelwerk ist so dicht, daß man kaum einmal den Fuß gerade
aufsetzen kann, jeder Schritt erfordert die volle
Aufmerksamkeit.
Nach 30 Minuten haben wir keinen trockenen Faden mehr am
Leib, keuchen schwer, die hohen Rucksäcke schwanken. Ein
falscher Schritt, und das Gewicht würde einen glatt umlegen.
Nur unsere Wanderstöcke verhindern, daß wir straucheln.
Bei Baum 108 müssen wir erstmals über einen umgelegten
Baum balancieren. Rund 20 Meter lang, oben etwas abgeflacht,
eine kippelige Sache, die wir aber problemlos meistern.
Gegen 19.30 Uhr beginnt es zu dämmern - und keine Stelle weit
und breit, die auch nur annährend für das Zelt geeignet wäre.
Schließlich halten wir einfach in der Nähe eines kleinen
Rinnsals an, spannen das Tarp über einer Kuhle, aus der wir die
großen Äste weggeräumt und die wir mit kleinen Ästen und
Nadeln notdürftig ausgepolstert haben.
Wir kochen Wasser ab, Wiggi macht eine Suppe und Tee, das
muß reichen. Die Nahrungsmittel werden im großen Sack den
Baum hochgezogen und um 9 Uhr kuscheln wir uns in die
Schlafsäcke. Rabenschwarze Nacht, nur minutenweise Schlaf.
Bei Geräuschen leuchtet Wiggi in den Wald, kein Bär, kein
Puma. Es ist nicht einmal ungemütlich.
Samstag, 1. August 1998
18.55 Uhr, Trasher Cove
Was für eine Schinderei! Um 6 Uhr aufgestanden, Wiggi ratzt
bis 7.30 Uhr, war eine tolle Nacht unterm Tarp, warm und
kuschelig. Um 9 Uhr weiter, auf und ab, Schlamm ohne Ende,
entlang umgestürzter Baumriesen, grün bemoost, vermodernd.
Wir haben viel zu viel mit, heute kommt die Backmischung
raus! Vier Pfund Shit!!
Nach zwei Stunden passieren wir Kilometer 72, kaum zu
glauben. Die Meter zählen hier anders. Dann endlich die
Donkey Engine, eine alte verrostete Maschine zum
Baumrücken. Es ist 12 Uhr! 3,5 Kilometer ! Und dafür haben
wir jetzt insgesamt sechs Stunden gebraucht.
Wir kämpfen uns zum höchsten Punkt des WCT empor, dort
treffen wir Robbi aus Gotha, der schon den Juan de Fuca Marine
Trail hinter sich hat. 47 Kilometer ähnlich wie hier und laut
Robbi kein Stück leichter. Der Junge hat am ersten abend
festgestellt, daß er seine Lebensmittel vergessen hat. Da ist er
den ganzen Trail mit ein paar Müsli-Riegeln und
Mineraltabeltten gelaufen.
Inzwischen haben wir rund zehn Leute gesehen, aber meist sind
wir allein. Endlich sind wir oben, jetzt geht´s steil runter.
Wieder bewähren sich die Stöcke, geben Sicherheit bei dem
tierisch steilen Abstieg über Steine und Wurzeln hinweg.
Am Log Jam Creek füllen wir die Flaschen mit frischem Wasser
auf, die Laufstrecken werden immer kürzer, die Pausen immer
länger. Aber was für ein Wald! Farne, 1000 Jahre alter Zedern
und alles ist so verwachsen und ineinander verkeilt und
verschachtelt, daß es fast unmöglich ist, den Pfad auch nur für
wenige Meter nach links oder rechts zu verlassen.
Endlich der Abzweig zum Trasher Cove, ein harter Kilometer
liegt noch vor uns. Die Leiter ist kaputt, wir müssen uns
abseilen. Wiggi knotet das Seil an einem Baum fest und klettert
den schlammigen Steilhang ohne Rucksack runter. Dann hoch,
Rucksack holen, ich hinterher, dann ein zweites Mals, das Seil
holen. Das ganze dauert eine Stunde für 20 Meter!
Dann warten noch einmal drei Leiter, 50 Meter führen sie
hinunter zum Trasher Cove, eigentlich das Ziel der ersten
Tagestappe. Wir haben zwei Tage gebraucht und sind fertig wie
Meier´s Lieschen.
Drei junge Burschen, die uns im Laufe des Tages überholt
haben, liegen schon seit Stunden faul in der Sonne. Der Platz ist
ziemlich voll. Nur ich muß noch ein drittes Mal die Leitern
hoch, weil ich beim Abseilen ganz oben eine Sandale verloren
habe, Scheiße. Die Schultern schmerzen, die Beine auch.
Robbi lädt uns neben sein Zelt ein, ganz komfortabel in all dem
Treibholz, die ausgebleichten dicken Stämme liefern eine gut
Kulisse und Möglichkeit, die nassen Klamotten aufzuhängen.
Wiggi kocht Spaghetti, das Zelt steht, Feierabend.
20.30 Uhr
Unser gewaltiger Sack mit Lebensmitteln hängt hoch im Baum.
Das Lagerfeuer knistert und Wiggi versucht, im letzten Licht
einen der Seehunde zu fotografieren, die direkt vor uns am
Strand tauchen.
Ungefähr 50 Leute mögen hier sein, überall steigt blauer Rauch
empor. Robbi hat eben eine Schlange vertrieben, die unter sein
Zelt kriechen wollte. Ein Mädchen aus dem Nachbarzelt nahm
sie in die Hand und spielte mit ihr. Nein, nicht giftig. Das
Wasser ist spiegelglatt, die Sonne liegt rot auf den Waldhügeln
gegenüber. Wir sehen immer noch Port Renfrew.
Sonntag, 2. August 1998
19.25 Uhr Camper Creek
Erst eine heiße Brühe, dann die 1. Portion Tortellini, Wiggi
übertrifft sich selbst.
Wir sitzen zwischen riesigen Treibholzstämmen, das Feuer
brennt, Nebel wabert vom Meer über die Creek-Mündung
herein. Hinter uns liegt ein Tag voller Schönheit und Schweiß.
Gestern um diese Zeit hatte ich einen Hänger, fragte mich, wie
ich die vier Wochen überstehen sollte. Jetzt erfüllt mich ein
Gefühl von Stolz- und Zufriedenheit, daß wir es geschafft
haben.
Um 10 Uhr sind wir am Trasher Cove aufgebrochen. Es war
granatenhart. Fast zwei Kilometer türmen sich Gesteinsbrocken,
durchsetzt mit riesigen Treibholzverschlägen. Wir balancieren,
klettern, kriechen, springen. Welch ein Glück, daß Robbi unsere
Rucksäcke besser verpackt und verschnürt hat. Wenn die noch
so hoch und schwankend wären wie an den ersten beiden Tagen,
könnten wir das Gewicht auf den schmalen Steinen nie halten,
würden wir vermutlich längst irgendwo unten liegen.
80 Meter vor Owens Point bemerkt Robbi, daß er Karte und
Adressbuch verloren hat. Er läuft den ganzen Weg zurück!
Wahnsinn, aber der Sportlehrer ist fit und erst 38.
Wir gehen weiter, jetzt am Strand, es geht gut voran auf dem
feuchten Sand. Vorbei am stinkenden Kadaver eines Wales,
gewaltig Knochenberge und dem Wrack der "Revere', die im
September 1883 hier gestrandet ist.
Dann eine traumhaft schöne Stelle: Ein Wasserfall füllt unsere
Flaschen, kleine, baumbestandene Inseln, dahinter liegt grell
weißer Dunst über dem Wasser, aber über dem Strand ist der
Himmel blau. Wir wollen gar nicht mehr weg von hier, aber
Owens Point wartet.
"Pumaspuren", ruft Wiggi und macht entgegenkommende
Wanderer auf die gefährliche Entdeckung aufmerksam. Die
geben Entwarnung: Es war nur ein Waschbär, der hier kurz
vorher am Strand entlang gelaufen ist.
Owens Point signalisiert das Ende der Bucht, die nach Port
Renfrew führt. Eine weit ins Meer ragende Felsnase, die nur zu
passieren ist, wenn Niedrigflut unter 1,7 Meter herrscht, heute
ist das um 14.35 Uhr. Wenn wir Owens Point hinter uns haben,
laufen wir das erste Mal wirklich am Pacific entlang, vor uns
sind dann 10 000 Kilometer Wasser - und dann kommt Japan.
Um 13 Uhr sind wir da, das Wasser hat große Höhlen in die
Felsen geschlagen, da müssen wir durch. Das Felsband, auf dem
wir balancieren müssen, ist nur zehn Zentimeter breit, die
Stöcke helfen, dann ein Schritt ins Wasser und wir sind drüben.
Andere Hiker - es sind Ed und Danielle - helfen uns, einen
Felsvorsprung zu erklimmen. Geschafft. Und da kommt auch
schon Robbi, wir sind wieder komplett. Nur sein Adressbuch hat
er nicht mehr gefunden.
Drüben, auf einer 200 Meter entfernten Steininsel liegt eine
große Gruppe Seelöwen, silberweiß glänzen sie in Dunst und
Sonne.
Ab jetzt geht´s besser: Blanker Fels mit kreisrunden Tide-Pools,
tiefe Einschnitte, die übersprungen werden müssen, kleine
Buchten mit kristallklarem Wasser. Wir kommen gut voran, die
Stimmung ist toll.
Bei Kilometer 65 führt die nächste Leiter hoch zum Trail in den
Wald. Sollen wir sie nehmen? Hier untern läuft es sich so toll.
Ein kanadisches Paar (Ed und Danielle) sagt, wir schaffen es
noch bis zur nächsten Leiter.
Mir wird mulmig, wir gehen unter 30 Meter hohen Steilwänden
entlang, kein Ende in Sicht und die Flut kommt. Die Küste ist
noch immer atemberaubend schön, aber wir haben keinen Blick
mehr dafür.
Plötzlich ein Graben, drei Meter breit, das Wasser schwappt
schon bedenklich hoch, die Flut drückt. In der Mitte nur ein
runder schlüpfiger Stein. Was tun? Zurück? Die Zeit läuft uns
davon.
Robbi geht vor, ein Sprung auf den Stein, ein zweiter und er ist
drüben. Er wirft den Rucksack ab, kommt zurück und streckt die
Hand aus. Erst ich, alles geht glatt, mein Herz rast. Dann Ed,
kein Problem.
Jetzt Wiggi: Er zögert, macht einen Schritt, steht unsicher auf
dem Stein und rutscht ab! Knie und Nase schlagen auf den Fels,
Blut fließt, er hängt mit dem Bauch auf dem Stein, der Rucksack
zieht ihn Richtung Wasser, die Stiefel hält er hoch in die Luft -
bei Nässe drohen Blasen.
Robbi spring auf den Stein, löst den Rucksack und gibt ihn mir.
Wiggi kommt hoch, sehr tapfer, nichts passiert. Robbi holt den
Rucksack von Danielle, die ohne Gewicht den Graben mühelos
schafft. Alle sind drüben. Jetzt nur noch den Ausstieg finden!
Wieder meterhohe Felsen, mühsam kämpfen wir uns hoch. Alles
tut weh, wir sind völlig ausgepumpt, der Rucksack hängt wie
Blei.
Aber es geht weiter. Vor uns liegt ein steiler Hang, über den ein
Bach Richtung Meer fließt, alles voll schlüpfrigem Schlamm.
Die Ranger haben ein Seil vom Wald her gespannt, das ziehen
wir uns über den Rücken und tasten und Schritt für Schritt nach
oben. Wenn wir da abrutschen, geht´s 30 Meter abwärts bis in
die Brandung. Aber alles geht gut.
Der Pfad verschwindet im Wald, ist kaum zu finden. Etwa 500
Meter geht es unglaublich steil direkt nach oben. Jeder Schritt
fällt schwer, ich schnaufe wie ein Ackergaul.
Dann plötzlich ein rund sieben Meter hohes senkrechtes Stück.
Habe ich mich verlaufen? Das muß ein Irrtum sein. Hier komme
ich nie hoch. Doch dann sehe ich wieder ein grünes Seil, alle 30
Zentimeter ein Knoten. Das ist wirklich der Trail! Ich hänge
mich mit der einen Hand in das Seil, mit der anderen greife ich
in die Wurzeln - und wirklich es geht. Relativ schnell bin ich
oben und habe jetzt wirklich genug.
Aber es ist noch nicht zu Ende. Mehr taumelnd als gehend
erreichen wir den Haupttrail, noch zwei Kilometer bis Camper
Creek. Hunderte von Metern türmen sich modernde Baumriesen,
Stege und grob zugehauene Stämme führen darüber hinweg.
Tiefe Schlammpfuhlen, Baumscheiben liegen darin und dienen
als Tritte. jetzt nur nicht straucheln, sonst gibt´s ein
Schlammbad bis über beide Ohren.
Der Wald ist herrlich, aber wir sehen ihn nur beim
Verschnaufen, wenn der Blick unter der Hutkrempe nach oben
geht. Sonst darf man den Blick nicht vom Pfad nehmen, der
Schweiß beißt in die Augen.
Ich kann nicht mehr, Schultern, Nacken, Muskeln - alles ist
völlig verhärtet und tut tierisch weh. Von den Füßen will ich gar
nicht reden.
Endlich nach fünf Leitern kommt Campers Creek. Unsere erste
Cable Car, aber wir brauchen sie nicht, wir gehen einfach zu
Fuß durch das steinige Flußbett und springen von Stein zu Stein
über das Wasser.
Robbi ist schon da und hat einen Platz freigehalten, rund ein
Dutzend Zelte, Nebel drückt, es wird kühl. Jetzt ist es 20.45
Uhr. Der Nebel ist weg. Herrlich die Luft und die Stille.
Montag, 3. August 1998
19.45 Logan Creek
Etwas besser geschlafen heute. Robbi hilft uns beim Rucksack-
Packen, plötzlich geht viel mehr rein. Steil führt der Weg den
Berg hinauf. Dichter Wald umgibt uns, vorsichtig gehen wir
über Wurzeln, überklettern Steine und durchwaten
Schlammlöcher, in denen Baumscheiben und Äste als Tritte
liegen.
Wir werden trittsicherer, die Routine wächst. Dennoch sind wir
ziemlich erschöpft und können es nicht glauben, daß wir nach
zwei Stunden erst 1,5 Kilometer geschafft haben.
Und es geht immer so weiter. Endlich sind wir am Sandstone
Creek. Robbi sitzt schon eine Stunde dort in der Sonne. Das
Wsser fließt über breite Sandsteinfelsen in einen großen, fast
kreisrunden Pool, dahinter eine steile Felswand - grandios.
Wir erholen uns etwas und weiter geht´s um 15 Uhr zum Cullite
Creek. Fünf endlose Leitern runter, dann eine Fahrt in der Cable
Car. Super. Aber gleich wieder fünf Leitern über 60 Meter
senkrecht nach oben!
Ich bin völlig fertig, ausgepumpt und klatschnaß, als ich endlich
mit letzter Kraft oben ankomme. Die Leitern erfordern volle
Konzentration. Immer müssen drei Punkte festen Halt auf den
manchmal schmierigen Sprossen finden, dann erst stemmt ein
Bein das Gewicht mühsam auf die nächste Stufe.
Nur Robbi scheint das alles nichts auszumachen. Er turnt die
Leitern hoch wie ein Äffchen und bietet uns an, auch noch
unsere Rucksäcke nach oben zu bringen. Aber das kommt
natürlich überhaupt nicht in Frage.
Mit einem kurzen, aber knackigen Anstieg führt der Trail nach
den Leitern weiter, gefolgt von zahlreichen deftigen
Schlammlöchern. Zur Belohnung aber kommt dann ein
Hochmoor, in dem es gebrannt haben muß. Ein langer
Boardwalk läßt uns endlich einmal ausschreiten. Was für eine
Erholung im hellen Sonnenschein über die Ebene zu gehen, die
Bohlen unter dem Fuß.
Das Glück ist nicht von langer Dauer, nach ein paar hundert
Meter geht´s gleich wieder knüppeldick in den Schlamm. Um
17.30 Uhr erreichen wir endlich den Logan Creek. Eine schmale
Bucht, wir zelten unter der Hängebrücke, einige ganz Mutige
haben ihre Zelte vorn an der Flutkante aufgeschlagen.
Jetzt sitzen wir mit Ed und Danielle am Feuer, trinken Tee und
erzählen - schön. Das Holz explodiert förmlich, es knallt wie
China-Böller und immer wieder müssen Ed und Danielle
glühende Stückchen von ihrem Zelt holen. Es ist recht frisch
geworden, kalt weht der Nebel mit einem kräftigen Wind
landeinwärts. Weil es so ungemütlich ist, gehen wir bald
schlafen.
Dienstag, 4. August 1998
19 Uhr Bonilla Point
Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel. Links von
mir schiebt sich ein Felsband in die Brandung, 200 Meter vor
mir steht ein Baum auf einem Felsen und macht der '"Lonley
Zypress" Konkurrenz. Rechts von mir bereitet Wiggi das
Abendessen, vor mir planschen Kinder in einem kleinen
Süßwassersee.
Es ist traumhaft schön hier. Weiter, dunkelbrauner Sandstrand,
fünf bis sechs Zelte, ein paar Kinder fangen Krebse oder spielen
Tarzan und Jane an Seilen, die wie Lianen von den Bäumen
hängen. Neben uns campen wieder Edgar und Danielle, die uns
nun schon drei Tag begleiten.
Um 10.15 Uhr sind wir am Logan Creek aufgebrochen, drei
Leitern hoch, dann über die Suspension Bridge, eine ziemlich
schaukelnde Hängebrücke mit einer Planke und Stahlseilen
links und rechts. Dann wieder drei lange Leitern 50 Meter
hinauf und wieder Wald und Wurzeln und viel, viel Schlamm.
Nach zwei Stunden erreichen wir den Walbran Creek, breit
fließt der Fluß unter der Cable Car dahin. Robbi filtert Wasser,
dann ahlen wir uns 30 Minuten in der Sonne und schauen auf
den schneebedeckten Mt Baker im Olympic-N.P. von
Washington.
Schuhe aus, barfuß durchwaten wir den kalten Walbran Creek,
schwer lastet der Rucksack auf den blanken Füßen.
Drei Kilometer geht es am Strand entlang, es geht sich schwer
im tiefen Sand. Um 17.30 Uhr sind wir am herrlichen Bonilla
Point bei Kilomter 48 angelangt. Die härtesten 27 km meines
Lebens liegen hinter mit.
Heute sind wir sogar zu faul, ein Lagerfeuer zu entzünden. Wir
sitzen vor der kleinen Zeltkerze und sehen, wie die Flut kommt
und Wolken aufziehen. PooAH singt der Leuchtturm die ganze
Nacht.
Mittwoch, 5. August 1998
19:50 Uhr, Dare Beach
Ein Tag voller Nebel und Regen - und jetzt bricht die Sonne
durch. Vor zwei Stunden war alles dicht, grauschwarze Wolken
hingen schwer über dem Wasser - und nun blauer Himmel.
Um 10.30 Uhr sind wir am Bonilla Point aufgebrochen. Im
Nebel vier Kilometer in einer Stunde! am Strand entlang. Dann
der Kulturschock: Monikas Kiosk. Plastikstühle, Cola, Bier,
Hamburger direkt unter dem Carmanah Lighthouse. Wir ordern
Bier für C$ 3 und riesige Doppelburger mit Chips für C$ 8,
einfach irre.
Mit vollen Bäuchen geht´s zurück in den Wald, das bekannte
Bild, aber nicht mehr so steil. Viele Boardwalks erleichtern das
Vorankommen. Am Cribs Creek wird es gegen 14 Uhr
ungemütlich. Nieselregen setzt sein. Wir flüchten uns unter eine
Yacht, die hier hoch auf den Strand geschleudert wurde. Der
Bootskörper aus Alu ist total verdellt, uns bietet das Boot Schutz
vor dem stärker werdenden Regen.
Wir holen die Jacken aus den Rucksäcken, obwohl wir längst
durchnäßt sind. Robbi filert noch einmal Wasser, denn auf den
nächsten elf Kilometern soll es nun keines mehr geben.
Im Regen weiter durch den Wald, der seinem Namen nun alle
Ehre macht. Alles trieft und tropft, alles ist feucht, der Schlamm
quatscht unter jedem Tritt.
Gegen 17.30 Uhr erreichen wir den Campground hinter Dare
Point an Dare Beach. Ed und Danielle sind schon da und haben
es sich im Regen häuslich eingerichtet.
Wir bauen die Zelte auf und spannen das Tarp, Wiggi kocht ein
Bouillon, die herrlich von Innen wärmt. Alles ist naß, Robbi
schaut deprimäßig rein. Aus einem Wasserloch 200 Meter am
Strand entlang schöpfe ich Wasser, das aussieht wie Tee.
Jetzt, 20.55 Uhr, blauer Himmel, keine Wolke, nur ein kühler
Wind. Nebenan schwimmen ein paar ganz tapfer junge Leute im
kalten Meer. Die Sonne knallt wie mit einem Punktscheinwerfer
aufs Wasser, darüber ziehen Hunderte von Möwen dahin. Was
für ein Anblick.
Donnerstag, 6. August 1998
Tsusiat Falls, Kilometer 25, 19.25 Uhr
Was für ein Panorama: Die Abendsonne liegt über der
Brandung, 1001 Möwe sitzen am Ufer, manchmal erheben sie
sich wie auf Kommando, dann schwirrt die Luft. Recht rauscht
der Wasserfall über die Felsen, zwischen dem Treibholz steigt
blauer Rauch empor. Ich spüre ein ungeheuere Ruhe, kein
Tinitus, kein Streß, die Glieder wohlig zerschlagen. Selten war
ich so eins mit mir.
Heute sind wir tatsächlich wie geplant am Dare Beach um 10
Uhr bei Kilometer 38 aufgebrochen. Etwas am Strand entlang,
es ist nebelig, nur manchmal ein Sonnenstrahl.
Nach einem Kilometer hoch in den Wald, gut zu laufen, viele
Boardwalks, besonders im Indianer-Reservat.
Dann geht´s leicht bergauf und bergab, schließlich ein
Schwindelpfad hoch am Rande der Steilküste entlang. Unter uns
kleine, felsige Sandbuchten, kein Mensch da unten.
Gegen 13.30 Uhr erreichen wir die Nitinat Narrows, ein breiter
Strom, der seltsamerweise landeinwärts zu fließen scheint. Das
Meer drückt hier das Wasser herein, unter fließt der Fluß,
tückische Gegenströmungen. Hier sind schon etliche ertrunken,
die versucht haben, ohne Fähre rüberzukommen.
Wir klettern in das Boot eines freundlichen Indianer. "How are
you", fragt er. "Fine." "What, only fine, thát´s all?" lacht er und
wirft den Motor an. Nach zwei Minuten sind wir am anderen
Ufer. Robbi fragt nach Krabben. Wenige Minuten später ist der
Indianer von seiner Reuse zurück und hat drei riesige Krabben
dabei, die ärgerlich ihre großen Zangen recken.
Soll er sie uns ausnehmen, fragt der Indiander, "Cost me a
minute".Ja. Er nimmt die erste Krabbe, bricht sie einfach
entzwei, holt mit den Fingern die Innereien heraus und wirft sie
ins Wasser, die toten Krabben wandern in den Wassersack. (C$
21)
Weiter geht´s noch sechs Kilometer. Im Wald wird es wieder
etwas mühsam, Robbi stürmt voran, ich im Rhythmus
hinterweg, und Wiggi folgt in seinem stetigen Schritt. "Unsere
laufende Kampfmaschine" hat Robbi ihn wegen seines
superschweren 30-Kilo-Rucksacks genannt, die ihn im Sand
deutlich tiefer einsinken läßt als uns Leichtgewichte.
Inzwischen laufen wir die meiste Zeit allein, jeder für sich. An
schönen Punkten warten wir aufeinander, damit keiner
zurückbleibt. Es ist ein schönes Stück Einsamkeit, jeder hängt
seinen Gedanken nach, belauscht die Signale des Körpers und
ist so völlig eines mit dieser grandiosen Natur. Wiggi läuft sich
regelrecht den ganzen Frust der letzten Monate von der Seele.
Jeden Tag bleibt ein Stückchen von all dem Mist unsichtbar
hinter ihm auf dem Trail liegen.
Weil wir inzwischen auch kräftig futtern, werden unsere
Rucksäcke täglich etwas leichter. Außerdem sind wir
inzwischen gut eingelaufen, und das Gelände ist viel einfacher,
als am Anfang. Nur das Gehen im weichen Kies oder Sand
fordert viel Kraft.
Bei Kilometer 29 kehren wir an den Strand zurück, und um
16.30 Uhr gehen wir durch das große Steintor am Tsuquadra
Point. Der Nebel ist weg, der Himmel wolkenlos, die Flut steht
optimal. Wir haben einfach unheimlich Glück.
Nur der Wind steht uns hart auf der Brust, als wir die letzte
herrliche Bucht durchstapfen. Im perfekten Halbrund donnert
die Brandung auf feinen, hellen Sand. Irgendwo in der
Zivilisation wäre dieses Schmuckstück von Menschen
zugelagert, hier haben wir alles für uns allein.
Dann sind wir am Wasserfall, 13 Kilometer sind geschafft. Der
Zeltaufbau neben Ed und Danielle ist im stürmischen Wind gar
nicht so einfach. Wir schlagen lange Holzheringe - vom
Treibholze gehackt - in den Sand.
Wiggi kocht Meerwasser und läßt die Krabben sieben Minuten
kochen. Dann werden sie mit den Händen zerlegt und im Sand
sitzend gegessen. Nuevelle Cuisine a la WCT, sie schmecken
herrlich.
Wir sitzen bis 10.30 Uhr am Lagerfeuer, Vollmond, es ist klar
und hell. Wiggi schläft heute im Freien, das Zelt steht ihm zu
nah an einer Felswand, er hat Angst, daß ihm ein Stein auf den
Kopf fällt.
Freitag, 7. August 1998
20.10 Uhr, Tsocowis Creek
Ein herrlicher Platz, wieder rauscht ein Wasserfall in einen
kleinen Pool, in dem ich am 7. Tag mein erstes Ganzkörperbad
genommen und die paar Haare gewaschen habe. Ein ganz neues
Gefühl. Die Wäsche gewaschen, eine Stunde später war schon
alles trocken.
Eigentlich wollten wir heute bis Michigan Creek laufen, aber
der Platz hier ist so schön, daß wir einfach geblieben sind. Die
sieben Kilometer waren schön, meist durch den Wald, ein
bißchen Wurzelkletterei, vorbei an Valencia Bluffs, wo 1906
126 Menschen ertrunken sind, was den Anstoß zum Bau des
Trails gab.
Am Klanawa River eine wilde Fahrt in der Cable Car. Um 16
Uhr sind wir hier, sonnen und baden. Wir sind ganz allein mit
Ed und Daniele und einem jungen Paar aus Ontarion, denen
Robbi den Stove repariert.
Ed sagt, es würde regnen heute Nacht. Hoffentlich nicht. Wiggi
mästet uns mit Bouillon, Linsensuppe und Spaghetti. Pap! Heute
ist Tims Geburtstag, ich denke fest an ihn, vielleicht merkt er´s.
Samstag, 8. August 1998
17.35 Uhr Bamfield, Trial Inn Motel
Die Zivilisation hat uns wieder. Wir sind zu dritt in einem
Schlicht-Motel und fühlen uns wie die Könige. Wie haben´s
geschafft, ein unbeschreibliches Gefühl.
Um 9.30 Uhr sind wir losgegangen, das Wetter stimmt mal
wieder. Robbis Kommentar: "Mehl ist nur der Vorname." Fünf
Kilometer wandern wir den Strand entlang bis Michigan Creek,
dort hängt Ed seine alten Wanderschuhe in den Baum. Auch
eine Art Abschied.
Jetzt wird´s lang: 12 Kilometer durch den Wald, zwar eine
leichte Strecke aber sie zieht sich. Wir schlurfen sie in vier
Stunden ab, verabschieden Ed und Danielle beim Pachena
Lighthouse, plötzlich englischer Rasen und ein weißrotes
Holzhäuschen, ein Labsal fürs Auge.
Die letzten Kilometer wollen nicht enden, doch endlich taucht
der weite Sandstrand der Pachena Bay auf. Wir haben es
wirklich geschafft!!
Am Trailhead Fragen und Gratulationen von den Leuten, die
morgen starten wollen. Ein irres Gefühl zu sehen, wie die sich
den Info-Film reinziehen. Plötzlich ist man der alte erfahrene
Hiker-Hase und das sind die Novizen.
Ich rufe die Taxe, die uns die fünf Kilomer Gravelroad nach
Bamfield bringt. An den Rückseiten der Vordersitze hat der
Taxi-Fahrer, der wohl regelmäßig Trekker abholt, Schilder
hingehängt: "You might think, You don´t smell, but You do -
Showers for C$ 3". Praktischerweise betreibt der Mann auch ein
Motel, wo wir uns für C$ 69 einquartieren. Die erste heiße
Dusche - wunderbar.
Sonntag, 9. August 1998
9.20 Uhr Bamfield
Habe eben versucht, Line anzurufen, aber nur mich selbst
gehört. Jetzt sitzen wir im Zimmer und futtern Muffins.
Gestern ein Abend im Pup mit viel Bier und Fishermans Basket.
Eine hübsche Wagner-Walküre mit blonden Zöpfen und
offenliegendem Herzen läßt uns wieder an den Segnungen der
kanadischen Gastronomie teilhaben.
Montag, 10. August 1998
21.40 Uhr, Port Alberni. Troys Hotel
Nach Frühstück mit Muffins und Cake im Zimmer treffen wir
Ed und Danielle wieder. Wir sitzen am Bamfield Dock und
warten auf die Lady Rose. Mit Ed und Danielle sind wir
inzwischen so vertraut, daß es richtig traurig ist, die beiden vom
Federal Gouvernment mit dem Bus nun endgültig verschwinden
zu sehen.
Die Lady Rose kommt nicht, dafür um 13 Uhr die Frances
Barkles, ihr Schwesterschiff, das uns für C$ 60 nach Port
Alberni bringt, drei Stunden schöne Fahrt durchs Alberni Inlet,
vorbei an Inseln und Bergen, dichten Nadelwäldern, leider aber
auch großen Kahlschlägen, wo sich die Waldbarone bedient
haben.
Port Alberni ist eine ziemlich häßliche Holzfällerstadt. Wir
laufen auf der Suche nach einem Motel zur Chevron Tanke, die
nette Frau dort ruft in einem neuen Hostel an, wenige Minuten
später kommt Troy Heiman, ein wieseliges, zwergenhaftes
Kerlchen, das uns in seinem steinalten Dodge in sein "Hotel"
bringt.
Unbeschreiblich, das ist Troys Aparement, gestern haben hier
zehn Leute aus Vancouver geschlafen. Ein Schmodder und
Knies, Line würde schon vom Anblick der Spüle Ausschlag
kriegen und den Betten gar nicht erst nahekommen. Das Zimmer
ist vollgeräumt mit Omas Sperrmüll, die Spüle voll Geschirr,
Kitschbilder an den Wänden, wir lachen uns schräg. Und alles
für schlappe C$ 75.
Immerhin hat Troy uns in einem China Restaurant abgeliefert,
wo wir uns die Bäuche mit "All you can Eat" bis zum Anschlag
füllen. Danach sind wir so müde, daß selbst in Troys Hotel das
Schlafen keine Probleme machen dürfte.
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