Müde rieb sich
Jason die Augen. Der Weckruf für die Arbeiter war schon vor Minuten
verklungen. Mit einem mürrischen Gesichtsausdruck erhob er sich aus
seinem Bett und stellte sich unter den Desinfektionsstrahler. Dann schlüpfte
er in seinen Overall und kontaktierte DES RATES Drohnen.
"Entsorger Jason,
ID 37358 meldet sich bereit zur Arbeitseinsatz."
"Verstanden, Nummer
37358. Bitte begib Dich zur Sektion A18, Abschnitt 5. Möge DER RAT
Dich segnen."
"Möge DER RAT
auch Euch segnen."
Er schaltete den
Kommunikator ab.
"Und möge er
seinen Hintern weit öffnen, auf daß Ihr möglichst tief
Euren Kopf hineinstecken könnt, Ihr Wichtigtuer."
Jason war wirklich
nicht besonders gut gelaunt an diesem Morgen. Er machte sich auf den Weg
zu Sektion A18.
Wir schreiben das Jahr 2485, die Menschheit ist auf eine Bevölkerungsanzahl von 6 Billionen gestiegen. Es existieren keine Staaten und keine Regierungen mehr, bis auf eine. 2239 hatte DER RAT beschlossen, sämtlichen Nationen aufzulösen, und unter seine Obhut zu nehmen. DER RAT wurde die höchste Macht im ganzen Sonnensystem. Wer seinen Beschlüssen oder Befehlen widerspricht, arbeitet gegen das Wohlwollen DES RATES, und wird mit sofortiger Wirkung aus dem System entfernt. Jeder Mensch hat seine ihm zugeteilte Aufgabe. Jasons Aufgabe ist es, den Abfall seines Wohnkomplexes zu entsorgen. Er erfüllt diese Arbeit stets zur Unzufriedenheit der Drohnen. Diese sind die oberen Organe im Machtgefüge des Systems. Aber nun zurück zu Jason.
"Jeden Tag die gleiche
Montonie. Müll entsorgen. Wie spaßig! Warum wurde mir keine
andere Arbeit zugeteilt? Zum Beispiel eine Position als Vermehrer."
Vermehrer sind verantwortlich
für den Erhalt der Menschheit. Sie leben in großen, luxuriös
ausgestatteten Räumen mit etwa zwanzig Weibchen, die sie täglich
zu begatten haben. (Immer nur eine pro Tag, nicht was Ihr schon wieder
denkt!)
"Aber nein, mein
Los ist es, den Dreck der anderen zu entsorgen. Ein Hoch auf DEN RAT."
Eine Wachdrohne
versperrte ihm den Weg: "Hey, Du da! Habe ich da eben etwas Ketzerisches
vernommen?"
"Nein, nein! Ich
sagte nur, wie herrlich es ist, die mir vom RAT zugeteilte Aufgabe erfüllen
zu dürfen."
"Hüte Deine
Zunge, sonst wird DER RAT dich aus dem System entfernen lassen!"
"Ja, ja", rief er
zurück, und lief weiter.
Er kam in den Entsorgungskomplex,
in dem sämtliche Abfallrohre endeten, und sich entleerten. Jason begann
mit seiner Arbeit.
Nach fünfstündigem
schweißtreibenden Müllkonvertieren und -recyceln bemerkte er,
das eines der Rohre ein seltsames Geräusch von sich gab.
"Verflucht, was
kann das denn sein?"
Er stieg auf den
stinkenden Haufen und betrachte die Öffnung. Sie schien verstopft
zu sein. Er griff in den Klumpen aus verrotteten und halb lebendigen Abfällen
und zog mit einem starken Ruck daran. Nichts rührte sich.
"Verdammte Hacke!
Das muß doch hinzubiegen sein."
Mit einem Knall
löste sich das ganze Schlamassel, und schlitterte über Jason
hinweg.
"Natürlich
mußte das passieren, aber auch nur, weil ich hier stehe. DAS DARF
DOCH EINFACH NICHT WAHR SEIN!"
Plötzlich vernahm
er ein Dröhnen, welches langsam anschwoll.
"Was soll denn das
sein? Wenn der Abfall hierhergeleitet wird, müßte das Ding doch
blasen und nicht wie jetzt saugen."
Nach und nach wurde
er auf das Rohr zugezogen. Lange vermochte er ihm nicht mehr zu wiederstehen.
"Mist! HILFE!
Hört mich den keiner? Ich werde in das Entsorgungssytem gezogen! Hilfeeeeeee!"
Nun bekam Jason
die Gelegenheit, die Leitungen von innen zu sehen. Mit Warp 2.5 sauste
er durch die weitverzweigten Tunnel bis er plötzlich eine Öffnung
sah, die immer näher auf ihn zukam.
Er landete mit dem
Kopf zuerst. Und zwar auf dem Boden eines Raumes, der anscheinend zum Forschungsbereich
gehörte. Die abstrusesten Geräte, die er je gesehen hatte standen
hier, jedoch schien keiner der Forscher anwesend zu sein.
"Hallo!", rief er,
jedoch ohne eine Antwort zu erhalten.
Interessiert trat
er auf eine der Apparaturen zu. Auf der Schaltkonsole war ein Wirrwarr
von Zahlen und Daten zu erkennen.
"22.10.1974? Was
soll das den heißen? Und wofür könnte dieser Knopf gut
sein?"
Die Zahl auf dem
Display änderte sich in 13.08.0025. Plötzlich öffnete sich
eine Tür an der Seite der Maschine. Jason war neugierig. Was gab es
wohl im Inneren zu sehen? Er trat hinein, was er lieber hätte lassen
sollen. Ein häßliches, endgültiges Geräusch war zu
hören, als sich die Öffnung hinter ihm wieder schloß.
"Äh, hallo?
Ich möchte eigentlich ganz gerne wieder hier heraus."
Eine metallische
Stimme meldete: "Bitte nehmen Sie Ihren Kopf zwischen die Knie. Sie treten
jetzt Ihre Reise in das gewünschte Jahr an. Falls Sie in Panik geraten,
bewegen Sie sich bitte nicht, da Sie sonst atomisiert werden."
"Wie, wenn ich in
Panik gerate? In PANIK? Ich bin die Ruhe selbst. - HILFE!
Hört mich denn keiner."
"Bitte nicht bewegen",
gab die Stimme von sich.
Jason kugelte sich
in Embryonalstellung und wimmerte.
Ein Summton begann
auf- und abzuschwellen. Ein Licht nichtbestimmbarer Tönung drang ihm
durch die geschlossenen Lider. Das Summen steigerte sich zu einem gewaltigen
Crescendo, das Licht begann in den Augen zu schmerzen. Seine Gliedmaßen
schienen sich ins Unendliche zu strecken, sein Gehirn wurde zusammengepreßt
und aus seinem Schädel geschleudert, wo es mit seinen Füßen
zusammenstieß. Sein Selbst schien sich zu krümmen, sein Leben
lief vor seinem geistigen Auge ab.
"Nu' is' vorbei.
Alles für die Katz'!"
Sein Körper
wurde verdreht, schien sich in sich selber zusammenzuziehen. Jason hatte
den Eindruck, es wären ein oder zwei Ewigkeiten vergangen, als sich
die Naturgesetze wieder einschalteten. Dann verlor er das Bewußtsein.
Es rauschte. Und
zwar ziemlich laut in seinen Ohren. Er öffnete die Augen und sah blau.
Nur blau. Dann drehte er den Kopf, hatte aber Schwierigkeiten, weil er
so schnell fiel. Äh, warum fiel er denn?
Offensichtlich weil
er sich zur Zeit mitten in der Luft befand, und der Boden auf ihn zuraste.
"Klasse! Diese Maschine
habe ich wohl überlebt. Aber jetzt wird's kompliziert. Ganz ruhig.
Nur die Ruhe! - Aaaaaaaaaaaah!"
Glücklicherweise
fiel er weich. Leider nicht in einen Strohhaufen, sondern auf einen Menschen.
Dieser hatte augenscheinlich weniger Glück als Jason. Das konnte er
aber noch nicht wissen, da er wieder in Ohnmacht fiel.
Er erwachte und langsam
dämmerte es ihm, daß in den letzten paar Stunden wohl etwas
ziemlich seltsames mit ihm geschehen war. Irgendetwas drückte gegen
seinen Rücken. Jason drehte sich und sah, worauf er gelandet war.
"Der sieht ja genauso
aus wie ich. Jedenfalls bis auf das wallende Gewand und diese komischen
Jesuslatschen. Und so totenbleich bin ich auch nicht, wird wahrscheinlich
daran liegen, das ich noch lebe."
Er stand auf und
schaute sich um. So eine Gegend hatte er nur in Geschichtsprogrammen gesehen.
Sanfte, grüne Hügel, Olivenbäume, die Sonne schien warm
auf ihn herab. Sein Overall war durch die erlebten Strapazen völlig
zerrissen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Kleidung des Toten
an sich zu nehmen.
"Na, lächerlicher
kann ich wohl kaum aussehen. Aber egal, ich sollte mich mal auf die Suche
nach jemanden machen, der mir sagen kann, wo ich hier überhaupt gelandet
bin."
Leider hatte er
überhaupt keinen Orientierungspunkt, also lief er einfach in Richtung
Sonne. Nach vier Stunden konnte er Horizont Umrisse ausmachen, die von
Menschen zu stammen schienen. Rasch lief er darauf zu.
"Heda, hallo! Können
Sie mir vielleicht sagen, wo wir uns befinden, oder wo ich einen Kommunikator
bekomme?"
Es war ein kleiner
Trupp von etwa neun Leuten.
Einen so erbärmlichen
Haufen hatte er noch nie gesehen. Sie waren in verstaubte Gewänder
aus Sackleinen gekleidet, und schienen auf der Suche nach etwas zu sein.
Als sie Jason erblickten, weiteten sich ihre Augen.
"Hey, Kumpels. Könnt
Ihr mir vielleicht sagen, wo ich mich befinde?", rief er ihnen zu.
Die Gruppe brach
in unverständliches Gemurmel aus. Er aktivierte seinen Multitranslator.
"Ein Wunder, ein
Wunder!", schrien sie.
"Äh, Entschuldigung,
könnt Ihr mir mal erzählen was hier so verwunderlich ist?", fragte
Jason.
Der Älteste
aus der Menge sank vor ihm auf die Knie und sagte: "Meister, Ihr habt doch
selbst das Wunder bewirkt!? Warum fragt Ihr uns dann, was Ihr getan habt?"
"Sag mal, Alterchen,
hast Du Haschplätzchen gefrühstückt, oder warum titulierst
Du mich mit 'Meister' und behauptest, ich würde Wunder wirken?" Ihm
wurde die Sache jetzt zu bunt.
"Wer, glaubst Du
denn, bin ich?", wollte er wissen.
"Aber Herr, wir
wissen doch alle, wer Ihr seid. Ihr seid Jesus."
"Sicher bin ich
Jason", meinte Jason.
"Aber nein, Ihr
seid nicht Dschäisen, Ihr seid Jesus Christus, unser Erlöser!"
"Wer soll denn das
sein?"
"Der Meister will
uns bestimmt nur prüfen, wie wir zu ihm stehen!", rief ein pickliger
Jüngling.
"Hey, Schabrackenfresse,
Ruhe dahinten, hier unterhalten sich erwachsene Leute!", rügte ihn
Jason.
"Vergebt mir, Meister,
bitte vergebt mir!". Er versank mit seinem Gesicht fünf Zentimeter
tief im Sand.
So langsam nervte
die Geschichte, außerdem fing es an zu dämmern.
"Hört mal,
das Einzige, was ich jetzt wissen möchte ist, WO ICH BIN, klar?"
"Aber Herr, Ihr
seid auf dem Wege nach Nazareth", klärte ihn der Alte auf.
"Wie weit ist es
noch bis dahin?"
"Ach, höchstens
noch vier Tagesmärsche."
"WAAAS? Nu'
reicht's mir aber. So, Ihr macht jetzt erstmal die Fliege und ich mach's
mir gemütlich", sprachs, holte seinen 'Instant-Sleeping-Room for
very dangerous cases espacially survival in the desert' hervor, aus
dem sich auf Knopfdruck eine kleine Schlafzelle entfaltete.
"Aaaah, ein Wunder.
Meister! Erschaffe uns auch Schlafstätten, denn wir sind ebenfalls
müde von der weiten Wanderung, Herr!"
Jason Gesicht begann
rot anzulaufen: "Verflucht noch eins, ich habe gesagt, Ihr sollt Euch VERPFEIFEN!
Oder rede ich Hebräisch?"
"Aber natürlich,
Herr."
Die Adern auf seiner
Stirn traten hervor: "Wollt Ihr mich eigentlich verarschen?! Ich hab jetzt
keinen Bock mehr auf Euch!"
Hunger machte sich
bei ihm bemerkbar, also nahm er seinen Nahrungsreplikator, und ließ
sich erstmal ein Fischfrikadellenbrötchen herstellen.
"Ooooooooh! Meister,
auch wir sind hungrig nach diesem langen Marsch. Speise Deine Jünger,
Herr!"
Sein Adrenalin fing
an, von seinen Fußsohlen bis zu seinen Schläfen zu kriechen,
die Augen traten aus den Höhlen: "Hört mal, Ihr birkenstocktragenden,
unfrisierten Halbaffen, wenn ich innerhalb von zehn Sekunden noch mehr
als eine Staubwolke von Euch sehe, werde ich wirklich BÖSE!"
"Aber Meister,..."
Und Jason wurde
wirklich böse. Er nestelte an seinem Gerätegurt, griff sich den
10 Megavolt-Elektroschocker und ließ den nächstbesten Sackleinenträger
einmal kräftig aufspringen.
"Aber Herr, wir..."
"VERPISST EUCH,
VERDAMMT NOCHMAL! Sonst mache ich das mit jedem von Euch, denn ich
bin inzwischen ZIEMLICH SCHLECHT GELAUNT!"
Entweder hatten
die Leute die Möglichkeit, sich in Rauch zu verwandeln, oder der Kondensstreifen
stammte von ihrer rapiden Flucht in sicherere Gefilde. Auf jeden Fall schien
Jason für's erste Ruhe zu haben.
Als er am nächsten
Morgen erwachte, war er in Gesellschaft. Und zwar von etwa zwanzig, dezent
in Metallrüstungen gekleidete Herren, die ihre Speerspitzen auf seinen
Kopf richteten.
"Äh, möge
DER RAT Euch segnen."
Ein unangenehm dreinschauender,
breitschultriger Kerl mit einem Federbusch auf dem Kopf schritt auf ihn
zu.
"Das muß einer
von jenen Typen sein, die diesen neuen Gott anbeten. Der Rat. Ha! Das ich
nicht lache! Wir nehmen ihn mit zum Statthalter, soll der doch entscheiden,
wie er am unterhaltsamsten hingerichtet werden kann. Steh auf, Schurke!"
Dieses Angebot konnte
Jason ihm einfach nicht abschlagen, zumal er dabei von zwei Soldaten tatkräftige
Unterstützung bekam, indem sie ihn mit ihren Pilums drangsalierten.
"Tja, vielleicht
ist dieser Statthalterknilch etwas umgänglicher", hoffte Jason.
Er wurde dem Statthalter
vorgeführt.
"Salve, Herr! Wir
bringen Euch hier den Aufwiegler", sagte der bullige Legionär.
"Das ist aber reizend
von Euch. Laßt uns jetzt bitte alleine, Septimus." Er wandte sich
an Jason: "Nun, wie ist dein Name?"
"Jason", antwortete
er.
"Huch, das ist aber
ein netter Name. Und wie stattlich du gebaut bist. Laß dich anschauen!"
So langsam kam sich
Jason wie auf einem schlechtem Trip vor. Gab es denn zu dieser Zeit wirklich
nur Verrückte auf der Welt?
Der Statthalter
wandte sich an ihn: "So sag mir nun, warum verdrehst du hier allen das
Köpfchen? Du hast mir ja ganz schönen Ärger eingebrockt."
"Ich weiß
gar nicht, wovon ihr redet. Ich bin erst seit ein paar Stunden hier in
der Gegend und das einzige, was ich bis jetzt getan habe, ist, daß
ich gemerkt habe, daß ihr alle einen gehörigen Lattenschuß
habt. Und außerdem habe ich jetzt die Schnauze voll! Ich geh jetzt."
"Na, na, na! Jetzt
werd aber nicht unverschämt."
"Ach, leck' mich!"
"Wo denn?"
Anscheinend hatten
diese Leute nichts anderes zu tun, als Jason zur Weißglut zu bringen.
Er nahm den bewährten
Elektroschocker und schickte den Statthalter ins Reich der Träume.
"Tja, dann muß
ich jetzt nur noch aus diesem, mit Legionären vollgestopften Palast
entkommen."
Er lief zum nächstgelegenen
Feuerbecken, nahm etwas Asche, und rieb sich damit Gesicht und Arme ein.
Dann trat er aus dem Saal heraus.
Die Wache blickte
ihn erstaunt an.
"Halt, Numider.
Wo willst du hin?"
"Ich müssen
weg. Mein Auto stehen in Halteverbot.", entgegnete er.
"Dein was?", fragte
der Legionär.
Mist, dachte Jason,
anscheinend war der Verbrennungsmotor zu dieser Zeit noch nicht erfunden
worden.
"Äh, ich müssen
zum Sozialamt, Mietzuschuß beantragen."
"Wenn du mir nicht
bald sagst, wohin du gehst, bekommst du meinen Zorn zu spüren, Sklave!"
"Mein Visum sein
abgelaufen. Müssen zurück nach Äthiopien."
Der Römer zog
sein Schwert. Jason seinen Elektroschocker.
Er rieb sich die
Asche ab, entkleidete den betäubten Legionär und zog dessen Uniform
an. Vorsichtig schlich er Richtung Ausgang. Als er endlich außerhalb
des Palastes war, suchte er sich eine stille Ecke, und wechselte die Kleidung.
Dann schlenderte er gelassen durch die Stadt.
Nach einer Weile
versperrte ihm ein Bettler den Weg.
"Herr, habt Mitleid
mit einem Blinden. Gebt ihm ein kleines Almosen!"
"Du bist blind?",
fragte Jason.
"Ja, Herr, seit
ich denken kann."
"Dann wirf dir die
hier ein!"
Jason gab ihm zwei
Universal-Aufpäppel-Pillen. Skeptisch befühlte der Blinde die
Tabletten.
"Einwerfen, Herr?"
"Du sollst sie schlucken,
du Idiot!"
Mit einem Gesichtsausdruck,
der aussah, als hätte Jason gesagt, er solle sich ausziehen und auf
einem Bein durch die City hüpfen, schluckte der Bettler die Pillen.
Plötzlich erhellte sich seine Miene.
"Ich kann sehen,
ein Wunder, ich kann sehen! Dieser Mann hat mir das Augenlicht wiedergegeben",
brüllte der nun nicht mehr Blinde.
"Gern geschehen",
entgegnete Jason, während er von etwa dreißig Leuten angestarrt
wurde.
"Oh, hilf auch mir,
Herr! Ich habe Zahnschmerzen!", rief einer aus der Menge.
Ein anderer schrie:
"Herr, hab' Erbarmen mit mir! Ich habe abstehende Ohren."
"Und ich einen Pickel
am Hintern!"
"Ich habe eine Dauererektion!"
Ein völliger
Tumult entstand, als sämtliche Zipperleinchen der anwesenden Bevölkerung
aufgezählt wurden. Schnellstens machte er sich aus dem Staub.
Einige Zeit und Kilometer
später, kam er an einem Haus vorbei, in dem anscheinend etwas gefeiert
wurde. Interessiert trat Jason der ausgelassenen Menge bei.
"Was gibt es denn
hier besonderes?", fragte er.
"Lall, wi - hick
- wir feieiern hier 'ne Hochseit. Aba - börps - leider ham wa kein
Wein mehr!"
"Ich denke, da kann
ich wohl helfen. Habt ihr denn etwas Wasser da?", wollte er wissen.
"Latürnich.
Hey, Leute. Wir ham hier wen, der - rülps - noch wat zu süppeln
hat!"
Die torkelnde Festtagsgesellschaft
führte Jason zum Brunnen. Er zog den Materiekonverter aus seinem Batmanmäßigen
Gürtel und hielt ihn kurz über die Öffnung.
"So, viel Spaß.
Und nicht mehr fahren, wenn ihr was getrunken habt!"
Der Mann wurde rot
im Gesicht.
"Samma, willste
uns - börp - veraaschen, oder wat? Wir ham ja immer noch nix zu saufen."
"Klar habt ihr was.
Der Brunnen ist jetzt voll Wein."
Er kurbelte an der
Kurbel, und kurze Zeit später erschien ein Eimer reinsten Chateau
Chabracs.
Die Menge brach
in Jubelgesänge aus: "Ein..."
"Wunder, ja ich
weiß", lachte Jason.
Eine gutbestückte
Schönheit lächelte ihn an. Er lächelte zurück.
"Wie heißt
du?", fragte sie.
"Jason, und du?"
"Miriam. Wollen
uns nicht ein bißchen zurückziehen?"
"Äh, - hüstel
- ich wüßte nicht, was ich lieber täte", freute sich Jason.
"Ich kenne einen
Platz, an dem wir völlig ungestört wären", hauchte Miriam
ihm ins Ohr.
"Dann aber schnellstens
hin, bevor die anderen etwas merken", hechelte Jason.
Sie führte
ihn in einen Schuppen hinter dem Haus. Er war klein, dunkel und roch nach
Ziegenscheiße. Jason konnte sich keinen romantischeren Ort vorstellen.
Sie legten sich
ins Stroh und Miriam schmiegte sich an ihn. Ihm wurde es ganz warm um die
Ohren, und er fühlte, daß im Inneren seiner Brust etwas ganz
heftig pochte.
Im Inneren seiner
Hose übrigens auch.
Sanft küßte
er ihre Schultern, streichelte ihr Haar und versuchte vergeblich ihr den
BH zu öffnen. Klappte natürlich nicht, denn dieser war damals
schließlich noch nicht erfunden. Also begnügte er sich damit,
ihr das Gewand über den Kopf zu streifen. So langsam traten sämtliche
Hormone ihre Reise von den Drüsen zur bekannten Stelle unterhalb der
Gürtellinie an.
Jason legte ebenfalls
seine Kutte an, und legte sich zu ihr.
"Miriam, nimmst
du die Pille?", fragte er.
"Wenn du es wünschst",
erwiderte sie, und griff kräftig an seinen Nasiewissenschon.
"HUARGH! Nicht den
Pillermann, die Pille...ach, vergiß es, die gibt's ja zu dieser Zeit
noch gar nicht", stöhnte er gequetscht heraus.
"Du sprichst in
Rätseln", wunderte sich Miriam.
"Na egal, ich sollte
mich von solchen Sachen nicht stören lassen. Also weiter im Text."
Kaum kuschelten
sich die beiden aneinander, wurde die Tür weit geöffnet. Ebenso
wie die Augen des Eintretenden.
"Was...? WAS, ZUM
TEUFEL, MACHT IHR DA!"
"Kinder?", antwortete
Jason.
"DU BIST DES TODES!"
"Okay, okay, wir
spielen Mau Mau, du hast uns erwischt."
"ICH WERDE DIR DIE
HAUT VOM LEIBE ZIEHEN!"
"Na gut, dann halt
Skat, wenn du unbedingt mitspielen willst", schlug er vor.
Der Mann sprang
auf Jason zu. Schaum flockte durch seinen Bart. Die Augen traten aus den
Höhlen, die Adern auf der Stirn drohten zu platzen.
Jason bekam doch
allmählich Angst. Was sollte er jetzt nur machen. Der Schuppen war
winzig klein, der Ausgang durch diesen anfliegenden Kerl blockiert. Also
schmiß er sich auf die Erde und beobachtete, wie der Typ über
ihn hinwegsprang, durch die Rückwand brach und kopfüber im Schweinetrog
landete.
"BRINGT MIR SEINEN
KOPF!", brüllte er.
Das war das Stichwort.
Jason gab Miriam
noch einen flüchtigen Kuß, und nahm dann die Beine in die Hand.
Hinter sich hörte er die aufgebrachte Menge heulen und zetern.
"ERSCHLAGT IHN!"
"VIERTEILT IHN!"
"STEINIGT IHN!"
"HATTEN WIR SCHON
WAS MIT SKALPIEREN!"
"VERGESST NICHT
IHM AUCH NOCH WEHZUTUN!"
"BRATET IHN!"
Er hatte Glück,
daß er schneller war als sie. Jason merkte, daß er noch nackt
war. Leider fiel das den Passanten und römischen Soldaten, an denen
er vorbeilief, ebenfalls auf.
"SCHNAPPT EUCH DEN
PERVERSEN!"
Im Film klappt das
vielleicht, einem zweihundertköpfigen Lynchmob davonzulaufen, aber
was wissen die Filmleute schon vom richtigen Leben.
Nach etwa hundert
Metern hatten sie ihn gepackt, ihm rasch einen Lendenschurz umgehängt,
damit die Kinder sich nicht erschreckten, und schleppten ihn nun zum Hügel
Golgatha.
"KREUZIGT IHN, LASST
IHN VERRECKEN, MACHT IHN ALLE!", tönte es aus der Menge.
Das Kreuz wurde
von der aufgebrachten Menge herangeschleppt, Jason darauf fixiert, und
das ganze dann aufgestellt.
"Hey, ihr wollt
mich doch wohl nicht so hängenlassen, oder?", rief er panisch.
"DOCH!", brüllte
der Mob.
"Aber..., aber dann
sterbe ich doch, wenn ich hier länger hänge."
"ÄTSCH, GENAU!"
"Ihr seid aber finster
drauf", bemerkte Jason.
Nachdem sie ihn eine
Weile mit reifen Früchten, sehr überreifen Eiern und diversen
Gebrauchsgegenständen beworfen hatten, zogen sie von dannen. Es begann
zu dämmern.
"Psst, Jason!"
"Miriam? Miriam,
bist du das?"
Jason spähte
in die Dunkelheit.
"Miriam, hol mich
hier runter!"
"Ich wüßte
nicht, wie", entgegnete sie.
"Mein Gürtel,
mit diesen komischen Dingern dran, liegt der noch in dem Schuppen?", wollte
Jason wissen.
"Nein!"
"Oh, Scheiße!"
"Der liegt nicht
mehr im Schuppen, weil ich ihn mitgebracht habe."
"Puh", gab er erleichtert
von sich. "Dann nimm jetzt das rote Dings, richte es auf mich und drück
ab!"
"In Ordnung", bestätigte
Miriam, und drückte ab.
Ein merkwürdiger
Summton schwoll an, und einen Moment später fiel Jason vom Kreuz,
knapp neben ihr in den Schmutz.
"Oh, Miriam! Endlich
bin ich wieder bei dir. Laß uns schnell verschwinden!"
"Ja, ich kenne auch
einen Ort, wo wir niemals gefunden werden."
Sie führte
ihn zielsicher durch die Dunkelheit bis zu einer kleinen Höhle. Er
konnte im Inneren die Überreste eines kleinen Lagerfeuers mittels
seines Nachtsichtgerätes erkennen. Jason zündete es an und legte
sich mit Miriam auf die bereitgelegten Felle.
"Oh, Miriam!"
"Oh, Jason!"
"Miriam!"
"Jason!"
"MIRIAM!"
"JASON!"
...
"JASON...?"
Eine halbe Ewigkeit
im Zustand der Zeitreise später, erwachte Jason im Forschungslabor.
"Miriam? Wo ist
Miriam?!"
"Seien sie ruhig,
Mann! Sie können froh sein, daß sie noch am Leben sind, wenn
wahrscheinlich auch nicht für lange. Sie werden sich vor DEM RAT verantworten
müssen, Entsorger Jason."
"Ich kann doch nichts
dafür, das war doch alles nur ein unglücklicher Zufall. Lassen
Sie mich das aufklären: Ich tat also meine Arbeit im Abfalltrakt,
wurde durch ein Rohr in dieses Labor gezogen, wurde ins Jahr 25 n.Chr.
gezogen, dort hielt man mich für Jesus, dann wurde ich gekreuzigt,
und nun bin ich hier", erklärte er.
"Na klar - Jesus!
Ha! Wie auch immer, du wirst dann also morgen aus dem System entfernt.
Vielleicht hast du ja Glück, und der Heiland rettet dich vorher, harharhar!"
Jason wurde abgeführt,
und eine kleine, müffelige Zelle gebracht.
"Also eines habe
ich aus dieser ganzen Geschichte gelernt: Egal ob vor zweieinhalbtausend
Jahren oder heute, die Erde wurde schon immer von Idioten bewohnt, die
nichts anderes zu tun haben, als mich auf die Palme zu bringen."
Der nächste
Morgen war relativ ereignislos, bis auf die Tatsache, daß DER RAT
tatsächlich beschloß, Jason auszutilgen. Er wurde daraufhin
zur Personalentsorgungskammer gebracht, wo bereits das Eliminierungskommando
auf ihn wartete.
"Hey, hast du nicht
erzählt, man hätte dich für Jesus gehalten?", fragte ihn
leise jemand aus dem Grüppchen.
"Ja, warum?, fragte
Jason.
"Na, dann kannst
du dich ja bestimmt selber retten, hihihi."
"Ich hab's gewußt.
Alles Idioten!"
Doch da tat sich die Decke auf, ein kaltes, blaues Licht brach herein, der Raum war erfüllt von Engelsgesang und eine gewaltige Stimme hoch über ihnen sprach: "Jason, mein Sohn, komm heim."
Und Jason schwebte gen Himmel, und nur ein paar ziemlich verblüfft dreinschauende Soldaten blieben in Rauch und Trümmern zurück.
ENDE
Autor: Maik Szirniks