August Diehl Interview
"Jedesmal Selbstmord"
August Diehl stirbt für seine Rollen. Auf der Berlinale wurde der Hacker aus dem Kinothriller "23" gerade zum "Shooting Star 2000" gekürt. Hebt er nun ab?
Ein gigantisches Talent, sagen alle, die mit August Diehl gearbeitet haben.
Und das sind nicht nur seine Lehrer an der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule,
wo der 23-Jährige nach wie vor in der Ausbildung steckt. Nein, Diehl, hat seine
Klasse mehrfach und vor großem Publikum bewiesen. Als Hacker im Psychothriller "23",
für den er den Bayerischen Filmpreis bekam, ebenso wie an den Hamburger Kammerspielen
unter Peter Zadek. Bei der Berlinale ist er als einer der bedeutensten europäischer
Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet worden.
Bei der Berlinale sind Sie zum "Shooting Star 2000" gekürt worden.
Hatten Sie das Gefühl, abzuheben?
Nein, ich hatte ja keine Ahnung, was mich da erwartet. Ich war einfach nur neugierig
und freute mich darauf, acht Tage lang Leute aus ganz Europa zu treffen, die den gleichen
Beruf machen.
Erzeugt eine solche Auszeichnung Druck, werden Sie künftig an höheren Maßstäben gemessen?
Ich empfinde keine Verpflichtung, an einen Erfolg anzuknüpfen. Das sind so zwei Welten:
Es gibt da diesen Beruf, den ich sehr gern mache - und es gibt das, was der Beruf auslöst.
Erfolg und Misserfolg gehören in die zweite Kategorie, und es wird gefährlich, wenn man
beides mischt, wenn man Erfolge auf seine Persönlichkeit münzt.
Mit dem Thriller "23" haben Sie einen sensationellen Start gehabt. Von null auf hundert in
Rekordzeit.
Sagen wir: von null auf fünfzig.
Ist das nicht zu bescheiden?
Ja okay...Aber trotzdem, ich denke, man kann noch ganz andere Sachen machen. Es war
wunderbar, weil der Regisseur Hans Christian Schmidt und ich immer das Gefühl hatten,
Anfänger zu sein. Auch wenn er schon älter ist und den Beruf schon länger macht. Das hat
dem Film gut getan, weil wir beide mit der selben Neugierde an die Arbeit gegangen sind.
Ihr Vater ist Schauspieler, Ihre Mutter Kostümbildnerin. War damit der Berufsweg vorgezeichnet?
Würde ich so direkt nicht sagen. Mein Bruder ist auch was anderes geworden. Aber es hat
natürlich einen Einfluss gehabt, dass ich in dieser welt aufgewachsen bin und von kleinauf
mit dem Theater zu tun hatte.
Als Kind hat es Sie nach Frankreich verschlagen...
Ja, meine eltern wollten da eben leben. Wir hatten ein Haus, und mein Vater ist regelmäßig
nach Deutschland gereist, um zu spielen. Das machte es natürlich kompliziert. Weggegangen sind
wir dann wegen der Schule. Wir sind viel herumgezogen: Hamburg, Wien, Düsseldorf, Paris - in
Bayern habe ich schließlich Abitur gemacht.
Wann war klar, dass Sie Schauspieler werden wollen?
Erste Indizien gab es seit der Kindheit, aber das große Ereignis war mit 18, als wir
Schultheater gemacht haben. "Die Räuber", ich habe den Franz Mohr gespielt.
Gerade mal sechs Jahre sind vergangen - und jetzt stehen Sie auf der Bühne des Wiener Burgtheaters.
Wie begegnen Sie dieser Institution? Mit Ehrfurcht, oder so, als wärīs das Stadttheater Lüdenscheid?
Für mich ist nicht das Burgtheater die Institution, sondern die Leute, die dort mitmachen.
Ich mache es wegen des Regisseurs Luc Bondy, wegen der traumrolle und der Wahnsinnskollegen.
Das Burgtheater hat einen großen Ruf, aber wenn ich die gleiche Konstellation woanders hätte,
ginge ich dorthin.
Sie spielen "Die Möwe" von Tschechov. Ihre Rolle endet einmal mehr tödlich. Wie in "23", wie in
Sarah Kanes "Gesäubert"...
Und jedesmal Selbstmord.
Wann werden Sie mal eine Rolle überleben?
In "Kalt ist der Abendhauch", der im Herbst ins Kino kommt. Da stirbt meine Figur zwar auch,
aber erst im Alter. Den Part hat, Gott sei Dank, ein anderer übernommen.
Was wünschen Sie sich beruflich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ich regelmäßig springen kann zwischen Film und Theater. Und natürlich,
dass ich mit vielen verschiedenen Leuten zusammenarbeiten kann, die mich neugierig machen und
die ich interessant finde. Genau das, was sich jeder wünscht.
Rückschläge haben Sie bisher noch nicht erlebt. Kalkulieren Sie sie ein?
Natürlich gab es Krisen, aber im Großen und Ganzen ging alles glatt. Trotzdem hatte ich immer
das Gefühl, es mir zu erkämpfen. Das ist etwas, was ich mir erhalten will. Das, und die Leichtigkeit,
Dinge nicht so bitter ernst zu nehmen. Andererseits muss ich auch mal lernen zu scheitern.
Gibt es ein heilsames Scheitern?
Ganz sicher, das hat so was von einer Entjungferung für diesen Beruf. Wenn man das hinter sich
hat, kann man anfangen zu arbeiten. wenn man mal völlig verrissen wurde, hat man keine Angst mehr
vor dem nächsten Scheitern.
Kuno Nensel
Quelle: TV SPIELFILM