Ulrike Posche über "Bunte"-Chefredakteur Franz Josef Wagner
Glaube, Liebe, Hoffnung - die ganze Welt in zwölf Zeilen
"Neuschnee sehen. Du betrittst gegen 23 Uhr deine Stammkneipe, gegen 2 Uhr morgens, wenn du sie wieder verläßt, siehst du ihn: den Neuschnee. Es hat zum ersten Mal geschneit. Du bist ergriffen."
(Franz Josef Wagner in der "Bunten Illustrierten". Heft 46, am Donnerstag nach unserem Treffen)
Erst war Franz Josef Wagner Sudetenflüchtling, dann Domspatz in Regensburg, Handlanger in Paris und Bademeister in Genf. Vielflieger war er, Bildreporter, Bordellkunde und Star-Autor. Jetzt ist er wieder auf der Flucht, flieht vor den Gedanken und Geschichten, die hinter seiner 52 Jahre alten Jungvisage überhand nehmen und ihn doch jeden Morgen bis in die "Bunte"-Redaktion verfolgen. Dort hält Wagner seit zwei Jahren einen Chefredakteurs-Schreibtisch besetzt - und die Redakteure bis in die Nacht als Geiseln. Es muß an der Mährischen Pforte liegen, den bunten Wäldern, dem Regen im Niederen Gesenke, auch am böhmisch-mährischen Blut, daß Menschen wie er zu allem Geschichten erfinden müssen. Und daß sie gern zuhören, wenn die Geschichte des anderen sie nicht langweilt. "Die Gene", meint Wagner, "Helmuth Karasek kommt auch aus der Ecke." Ein Espresso, ein Champagner, ein Grappa, dann wieder Espresso und Grappa. Bis zu jenem Abendtermin in der Bar des Münchener Hotels Vier Jahreszeiten hat der Märchenerzähler Franz Josef Wagner an diesem Samstag noch mit niemandem geredet. Was soll er auch sagen? Er hat in der Früh aus dem Fenster geguckt. Schnee gesehen und sich gesagt: Es hat geschneit. Schnee, Unschuld, Einsamkeit. ein Kribbeln in der Nase, das Glatzer Schneegebirge. Was macht das stille Weiß mit den Menschen?
"Das Gefühl Schneeflocke" - eine Doppelseite, nichts als Schneegestöber, "Frau Holle macht ernst" oder "Die Engel haben Mauser". So ungefähr werden seine Titelgedanken losgerodelt sein, kurz nach dem Aufstehen. Jeder Frühstückspartner würde da störend in die Partie rutschen. Und eine Antwort auf "es hat geschneit" braucht der Chefredakteur von "Bunte" nicht. Deshalb trinkt er den morgendlichen Pfefferminztee allein, bevor sein Chauffeur ihn zum Tennis bringt.
Franz Josef Wagner kann nicht anders. Wenn er ein Stichwort hat, einen Namen hört, ein Alltagsphänomen wittert, dann reißt sich seine Phantasie von der Kette und surft durch Zeiten und Räume, sucht nach Geheimnissen, unbewußten Mächten, nach der Seele, die in allem wohnt. Und die immer jünger werdenden "Bunte"-Leser lohnen ihm die Gabe mit leise steigender Auflage. Die "Bunte Illustrierte" hat er vom tantenhaften Tosca-Charme befreit, die Soraya-Tragödie durch Prinzessin Lillys freimütige Verhütungstips ersetzt und das Mururoa-Atoll aus dem Reiseteil in die Reportage-Strecke geschoben.
Wenn er am Schlußtag dann doch noch eine Geschichte über Monacos Caroline ordert, dann, weil er wissen will, trägt sie auf dem Foto, das er gekauft hat, einen Parka von Prada? Ist das Tuch von Hermes? Sind die Schuhe von Patrick Cox? Und wo kann ich in Hamburg, München, Köln, Berlin Cox, Hermes und Prada kaufen'? Scharen von jungen Recherchiermäusen hetzt er ungeduldig an die Telefone, und morgens gegen vier hat er den Prinzessin-Caroline-im-November-Look.
"Beim Adel verkauft sich nur noch die Geschichte nach der Geschichte", sagt er. Er sei ja nicht das "Goldene Blatt"; und "die großen Fürsten sind ohnehin alle tot".
Johannes von Thurn und Taxis beispielsweise, der hatte noch eigens einen Schuheinläufer unter seinen Regensburger Lakaien, schwärmt Wagner, und ein spanisches Hofritual.
"So was Schönes gibt es doch garnicht mehr." Charles, dieser Dummkopf, habe mit seinen peinlichen Liebesgeständnissen die Märchenwelt der Yellow Press völlig zerstört, findet Wagner. Und Di, diese englische Gans, habe einfach nicht kapiert, daß sie nur einen Job erledigt, daß sie allein für dynastische Zwecke gebraucht wurde - von Charles, von ihm, von Paris Match.
Heute ziehen andere Themen die Leser ins Blatt. Wenn er einen schönen Frauenrücken auf den Titel hebt und die Frage: "Rückenschmerzen - ist der falsche Partner schuld?", dann kann er sicher sein, daß das Heft sich verkauft. Als er sich im Sommer '95 für eine Viertelmillion (Neider behaupten auch, es sei eine halbe gewesen) die Exklusivrechte an der Hochzeit des Rennfahrers Michael Schumacher sicherte, war er nicht ganz so ruhig. Die Fotos erschienen ihm zu kleinbürgerlich. Es fehlte ihm der Glamour einer großen Society-Hochzeit. Deshalb ließ er sich am Tag vor dem Erscheinen zwischen Tennis und Redaktion durch die Münchener Mandelstraße fahren, wo es ein Standesamt gibt. Er hatte Glück an diesem Morgen. Gerade war ein Brautpaar getraut worden. Und Wagner dachte, eine Braut ist etwas Schönes. Eine Braut ist Glück und Frieden. Auf eine Braut schießt man nicht. Da hat er gewußt, daß sein Schumi-Coup hinhauen würde. 200000 Exemplare hat er mehr verkauft als an anderen Donnerstagen. "Das hast du genau richtig fotografiert", hat er den Fotografen später gelobt, "die Leute mögen das Spjeßige."
Als der Lehrersohn Franz Josef Wagner nach dem Abitur das Internat der Regensburger Domspatzen verließ, konnte er singen, Geige spielen und Klavier. Zeitschriften waren daheim rausgeschmissenes Geld, Fernsehen gab's nicht und auch nie eine Armbanduhr. Bis heute schätzt er die Zeit bloß. Mit 19 ging er nach Paris und schleppte tagsüber Möbel, damit er sich nachts die Nouvelle vague, die schwarzen Existentialisten-Rollis und die filterlosen Gitanes leisten konnte, die er bis heute raucht. Er sei so arm gewesen, sagt er, daß er sich sogar die "Vogue" habe klauen müssen.
Natürlich wollte er Schriftsteller werden. Was sonst hätte einer werden wollen, der in Zeiten von Sartre und Beauvoir im Café "Deux Magots" seine Jugend verbringt? Und als er Ostern '65 allein in seinem Apartement sitzt und immer noch keinen Roman geschrieben hat, beschließt er, etwas Richtiges zu machen. Er beginnt in München an der Journalistenschule, bricht ab und wird Volontär bei der "Nürnberger Zeitung".
Ende der sechziger Jahre beginnt Wagner für die Edelfedern von "Jasmin - die Zeitschrift für das Leben zu zweit" zu recherchieren, den Bericht eines Abtreibungsarztes. Da ist er 25. Die Recherche liest sich, zwei Tage später wird Wagner Autor. Er reist für "Jasmin" um die Welt, interviewt Romy Schneider, Curd Jürgens und Cassius Clay, die Helden der 70er. Immer ist er der Aufmacher, immer die Doppelseite. Dann holt ihn Günter Prinz zur "Bild"-Zeitung nach Hamburg. Inzwischen ist er mit einer Stewardeß verheiratet und Vater einer Tochter. Seine Ehe sei praktisch schon vorbei gewesen, als er aus dem Standesamt kam, sagt er heute. Für das Leben zu zweit sei er auf Dauer kein Typ. Aber das Haus an der Elbchaussee war von Rhododendren umwuchert, die Räume hoch und hanseatisch. Ein Traum also, und auf Reisen war er meist ohnehin. Die Ehefrauen galten Prinz und Wagner - beide keine Mönchsnaturen - als Heilige, scheiden ließ man sich nicht. Das war die Belohnung sozusagen für die schönen Kinder, die sie geboren hatten.
Prinz hat ihn immer machen lassen. Serien, Reportagen in Saigon und im Jom-Kippur-Krieg. 5000 Mark Honorar am Tag habe der Chefredakteur ihm gezahlt, als er in den 80ern über die Fußballweltmeisterschaft schrieb. Dabei, so lästerten die Kollegen über den, der immer schon etwas mehr konnte als sie, habe er meist nur allein am Rand gestanden und mit niemandem geredet. Zu Kollegenstammtischen beim Reeperbahn-Italiener zog Wagner nichts hin. Morgens ging er in den Verlag, mittags zum Italiener in der Pöseldorfer Milchstraße, und nachts schrieb er. Und wenn er schlecht drauf gewesen sei, habe Prinz ihm, so heißt es, einen Tausender rübergeschoben und gesagt: Geh in den Puff und entspann dich. Das Leben lag vor ihm wie eine doppelstöckige Torte, und er durfte sich die dicksten Stücke nehmen, die Marzipanrosen und Mokkabohnen.
"Lauter Legenden", sagt FJW. In Wahrheit habe er sich einmal mit Prinz über Frauen unterhalten, wie Männer eben Über Frauen quatschen. Er könne sich gar nicht vorstellen, wie es mit zwei Frauen im Bett sei, hatte er da gesagt, wie das überhaupt funktionieren solle. Da habe Günter Prinz ihm einen Tausender rübergeschoben und gesagt: "Mach's einfach mal."
Prinz und Wagner, die beiden Narzißten, waren so eng mit einander, daß viele im Verlag sie für ein schwules Paar hielten. Der soignierte, weißhaarige Herr der "Bild"-Zeitung und sein einsamer Asphalt-Literat. Die Wahrheit war, daß der frühere Polizeireporter Prinz in Wagner wohl sein jüngeres Alter ego sah und der den älteren als Meister, Vorbild und Kleintext-Guru kritiklos verehrte. Bis heute schließt Wagner die Manschetten seiner Hemden nicht - eine Marotte, die er von Prinz geklaut hat, und ein Andenken dazu.
Mit Prinz wechselt Wagner 1989 zum Burda-Verlag nach München. Der Springer Verlag hatte sich mit Prinz überkreuzt, und der hatte seinen Tafelritter gleich mit abgezogen. Im Jahr darauf übernimmt Wagner, der inzwischen Romane veröffentlicht hat, Bestsellerautor und Porsche-Fahrer ist, die Chefredaktion der "Bunten" und führt nebenher drei Monate lang als Sonderberater Burdas Ost-Kampfblatt "Super". Eine unrühmliche Zeit für den heimlichen Romantiker, der Häme zwar mag, dem Hetze aber fern liegt. "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen - ganz Bernau freut sich" - das ist bei allem, was man gegen den Gossen-Poeten sagen kann, nicht sein Stil. Politisch war Wagner immer da, wo die hohen Auflagen waren und die Doppelseiten. Für Springer und Burda macht er zwar ordnungsgemäß auf CDU. Doch wenn er über Willy Brandt redet, hat er Glanz auf der Iris.
Zwei Jahre später will Wagner Chefredakteur der "Bild"Zeitung werden, aber Springer-Vorstand Günter Wille will ihn nicht und läßt ihn nicht. Zeitlich passend stolpert "Bunte"Chefredakteurin Beate Wedekind über ein Bonner Tabu. Sie hatte über die Ehen deutscher Politiker spekulieren lassen, darunter auch über die der Kohls. Der Kanzler protestiert umgehend beim Verleger, Beate Wedekind wird beurlaubt. Schon ist Wagner, der "Sprechzwanggeplagte, paranoide Enzyklopädist" (Frankfurter Rundschau), wieder Chefredakteur der "Bunten" und dichtet Romane über schwarze Trüffeln, schreibt böse Listen über die Dümmsten, Größten, Reichsten, Schönsten, verteilt verbale Handkantenschläge mit der Linken und Cut-up-Lyrik mit der anderen. "Gott stellt seine Frühjahrskollektion vor: Die neuesten Stiefmütterchen" titelt er mit Gottes Segen, oder: "Sandra Maischberger, die hübsche, neue Enttäuschung. Eine Art akustisches Loch." Wagner macht alles selber, loben, tadeln, schwärmen, strangulieren. Und seine Redakteure sind "Ignoranten" und "Idioten", weil sie seinen Hirn-loopings nicht folgen können. Schreiber sind "Wichser", Redakteurinnen nennt er "die Mütter aller Schnecken".
Jemand muß ihm gesagt haben, daß Chefredakteure Tyrannen sein müssen. Und Wagner hat es geglaubt. "Ich will dich f ... ", soll er eine frappierte neue Reporterin empfangen haben. Sie hatte bloß einen Antrittsbesuch in seinem Chefbüro absolvieren wollen. Die Frau eines Stellvertreters stellte ihren Mann vor die Wahl: Wenn du dich weiter von ihm beleidigen und demütigen lassen willst, mußt du dir eine andere Frau suchen. Er habe doch alles nur spielerisch gemeint, entschuldigt sich Wagner, der so gern den Bad-boy-Journalisten macht.
Für einen Brocken seiner Größe hat er fast zierliche Handgelenke, und manchmal lächelt er schüchtern wie Klaus Kinski in dem Film "Nosferatu." Mit seiner gutturalen Stimme kann der einstige Sängerknabe Wagner jeden Dompfaff beschämen, und wenn man ihn lobt, macht er sich klein und versteckt seine Zähne - so wenn man ihm ein weiteres Zitat aus der "FR" vorliest: Wenn Wagner redigiert, "wären auch Beiträge von Joachim Kaiser oder von Politikprofessoren lesbar".
In Gewerkschaftszeitungen wird Wagner angeprangert. weil er in einem Monat allein 230mal gegen die Arbeitszeitordnung verstoßen haben soll. 13,5 Überstunden am Tag hätten manche Redakteure auf dem Konto. Und Klimakonferenzen, die der Betriebsrat anberaumt, sind zwecklos.
Jene aber, die die berauschenden Produktionsnächte im Münchner Arabella-Park schadlos überleben und Wagners Beleidigungen kontern können, verfallen ihm zeitlebens. "Wagnerianer" verneigen sich beim Telefonieren mit dem Dompteur noch, wenn sie längst selbst als Chefredakteur auf "Bild"- und "Ternpo"-Fluren Kommandos geben.
Vor Jahren hat Franz Josef Wagner den Friseur Gerhard Meir entdeckt. Dessen Professionalität imponierte ihm, er ließ ihn fotografieren. Aber den Meir-Bildern fehlte der richtige Kick. Wagner stierte auf die Fotos, und die, die mit ihm das Blatt machen. stierten auf ihn. "Shampoo", rief er auf einmal, "der Film! Wir setzen den Meir in eine Badewanne, überall ist Schaum. Schaurn, Schaum, und er schneidet einem Mädchen die Haare." Als der Fotograf den Friseur für Wagners Vision begeistern wollte, winkte der ab. "Ich bin seriös, ich habe Kunden, ich kann sowieso nicht."
Da hat Wagner ihn eben selbst gewonnen. Das ist das Bild, Gerhard, das schaut gut aus, das mußt du machen! Ich geh doch nicht nackt für euch in eine Badewanne!" wehrte sich Meir am Ende kraftlos. Wer spricht von nackt? Du sitzt natürlich in einem Anzug in der Wanne! - Da saß er dann eine Stunde später auch. Er sei ihm dankbar, sagt Figaro Meir heute, und ist seither der bunteste Hund aller bunten Seiten.
Einer wie Wagner kennt nur Schwarz oder Weiß, gute oder schlechte Bildzeilen. Gloria kennt er nicht. Die Promis, über die er sich nächtelang den Kopf zergrübelte, die Kikis, Trixies, Lillys, die Zitronentörtchen und Sugar-daddys über die er alles weiß, Männer, die mit Vornamen "Bübchen" heißen oder "Mick", die trifft er auf keiner Privatparty. Wenn er zu Burdas Bambi-Verleihung muß, sitzt er da wie ein Hochspannungsmast. Es kann nicht nur daran liegen, daß er im Mund ein Schönheitsproblem verborgen hält. In solchen Momenten, so sagen die, die ihn kennen, rutsche der Sudetenjunge aus dem katholischen Ölmütz in ihm durch - einer, der panische Angst hat vor den "hohen Leuten" und sich in deren Gesellschaft, bei Podiumskiskussionen und Fernseh-Talkshows, unwohl fühlt.
Mit Boris Becker war Wagner befreundet, als er vor Jahren ein Buch über ihn schrieb. Er ist mit dem Tennisstar von Turnier zu Turnier gereist, ein ganzes Jahr lang. Irgendwie haben sie sich dann entzweit, und als Becker ihn im Winterurlaub 1995 auf Mauritius anrief und aus heiterem Himmel anbot: "Du kannst meinen Sohn fotografieren", da hat Wagner nicht verstanden, warum Boris gerade ihm das Angebot machte - gratis und ohne Auflagen dazu. "Du hast es dir verdient",' habe Becker gesagt. Solche Aktionen setzen Wagner außer Gefecht. Schließlich ist er es, der generöse Gesten macht, belohnt und großzügig beschenkt.
Wie alle halbwegs genialen Grenzgänger und wirklichen Nachfahren Henri Nannens schrammt auch Wagner mit seinem dramatischen Vorstellungsvermögen, seiner Theatralik und der selbstgewählten Einsamkeit manchmal haarscharf am Wahnsinn vorbei. Nehmen wir Henry Maske, sagt er, den Boxer aus Frankfurt/Oder. Heinrich von Kleist stammt aus Frankfurt/Oder - und hat sich später am Wannsee umgebracht. Denken Sie an den Prinzen von Homburg, Drama von Kleist, aber auch Pseudonym eines anderen Boxers. Also: Was macht der märkische Sand, wie prägt der Wind vom Oderbruch die Menschen in Frankfurt/Oder? Das sind Fragen, die Wagner interessieren, die ihn von Dienstag zu Dienstag, von Schlußtag zu Schlußtag umtreiben.
"What makes him tick?" fragen Hamburger Chefredakteure, wenn sie Porträts bestellen. Aber Franz Josef Wagner will keine Porträts und keine Reportagen. Er will Poesiealben, will Madrigale und Mysterienromane, und bitte nicht länger als zwölf Zeilen. Darin ist Wagner seit einem Vierteljahrhundert König. "Gossen-Goethe", "Gossen-Shakespeare", "Gossen-Hemingway" ist er genannt worden. Sein Stil wurde das perfekte Weglassen des Unwesentlichen. "Erst war sie dick, dann dünn, dann wieder dick und dann tot", schrieb er über das traurige Leben und Sterben von Tina Onassis. Und die Ethik-Päpste der deutschen Journaille fragten sich besorgt: Soll das noch Journalismus sein?
"Wenn einem Autor der Atem ausgeht, werden die Sätze nicht kürzer, sondern länger", warnte John Steinbeck. Wagner schreibt mit der zweiten Luft: "Lenden leer, Kassen voll", fabulierte er über den angeblich zeugungsunfähigen Filmstar Tom Cruise; "Hund tot, Frau tot, halbtot", über einen todkranken Nachrichtensprecher. Er macht den "Bunte"-Lesern klar, warum das Herz des britischen Thronfolgers seit Jahren für Camilla Parker Bowles schlägt. "Di mag hübsch sein, aber wenn zwei Wespen anfliegen, wird sie hysterisch", knödelte er über die Prinzessin von Wales. Muß man überhaupt mehr sagen?
Muß er sich überhaupt die Zähne richten lassen? Die Lücken zwischen den Schneidezähnen in Ober- und Unterkiefer sind inzwischen so breit, daß er einen dünnen Spargel durchschieben könnte. Bei einer Podiumsdiskussion mit Helmuth Karasek hat er den reden und reden lassen, weil's ihm so peinlich war, daß man seine Löcher sehen konnte. Aber Jacketkronen? Wie soll das gehen, man müßte ja die abgeschliffenen Stümpfe vor dem Überkronen zusammenziehen? Wäre er dann noch derselbe? Würde er sich mit Stiftzähnen lieber in den VIP-Lounges tummeln? Mit Maya Flick flirten oder "Bild"-Chef werden in Hamburg? Ja, könnte er überhaupt noch schreiben ohne seine Giftzähne?
Als Wagner an jenem Samstagabend das "Vier Jahreszeiten" verläßt, ist der Schnee längst getaut. "Ja, alles weggetaut", sagt der Portier und dreht die Glastür. Es ist wieder milder geworden in München. Gestern hat Wagner in Michael Graeters Klatsch-Kolumne einen Herrenwitz gestrichen: "Er mixte manchen Dosenöffner", schrieb der über einen Barkeeper. Und Wagner, der Asphalt-Journalist, machte einen "Herzensbrecher" daraus.
Ulrike Posche, Jahrgang 1957, schrieb während des Studiums für die "Rheinische Post" und die "Münstersche Zeitung" wahre Geschichten - nicht selten im Sieben-Zeilen-Format. Seit neun Jahren schreibt sie für den "Stern" - über Menschen, Männer und die ganz Mächtigen in der Politik.