Der himmlische Computer

Die weltweite Forderung, die Gesellschaft zu verändern, wirkte sich selbst im Paradies aus. Der Anspruch auf Mitbestimmung ging vom Mittelbau der Heiligen und Engel aus, die für gemäßigte Reformen eintraten; viel radikaler aber waren einfache Seelen, die, kaum vom Fegefeuer zur Himmelsreife geglüht, geradezu revolutionäre Ideen äußerten. Das Präsidium oben im Himmel regiere autoritär, während es unten auf Erden die Zügel arg lasch schleifen lasse, seit die Menschen mit der Erfindung der Kernspaltung den Weltuntergang in eigene Verantwortung übernommen hätten und jederzeit in der Lage wären, mit Hilfe der gehorteten Nuklearwaffen Gottes Schöpfung in die Luft zu sprengen.
Harte Kritik übte der Unterbau auch an der himmlischen Buchführung. Die Taten der Menschen würden willkürlich und subjektiv registriert, Wallfahrten, Fürbitten und Totenmessen bereinigten zu großzügig das himmlische Schuldenkonto schlimmer Sünder; Petrus, Chef der Buchhaltung und der Rezeption, übe sein Amt nach veralteten Prinzipien aus, was bei seiner unbewältigten Vergangenheit kein Wunder sei, denn er habe das Trauma des dreimaligen Hahnenschreis immer noch nicht verarbeitet. "Im Himmel menschelet es arg", faßte die Seele eines schwäbischen Uhrmachers das allgemeine Unbehagen in einem Satz zusammen.
Es wurde genährt durch Nachrichten aus der Hölle, wo man die mangelnde Arbeitsmoral der Teufel hinter dem großsprecherischen Begriff "Strafrechtsreform" tarnte. Die Gewerkschaft Pech und Schwefel hatte nämlich das freie Wochenende und die Vierzig-Stunden-Woche für das höllische Personal durchgesetzt, und selbst christliche Feiertage wie der Buß- und Bettag, oben kaum beachtet, wurden unten streng eingehalten. Zwei Tage in der Woche wurde die Hölle nicht geheizt, und auch der Montag war für die armen Seelen ein Tag der Ausspannung, da es lange dauerte, bis das übliche Betriebsklima wiederhergestellt war. Was von konservativen Himmelskreisen als Granatenschlamperei ausgelegt wurde, funktionierte man in der Hölle in den Begriff Humanisierung des Strafvollzugs um. Der als Mitbestimmungsorgan zugelassene himmlische Senat bestand aus zwei Heiligen, zwei Engeln und drei Vertretern des Unterbaus: den Seelen eines Lokomotivführers, einer Sozialhelferin und eines Sektreisenden, dem das Fegefeuer erlassen worden war, weil er auf Erden seinen eigenen Sekt getrunken hatte. Der Senat schlug dem Präsidium die Anschaffung eines Computers vor, der die Taten jedes Menschen speichern und nach dessen Hinschied entscheiden solle, ob er rechts unter die Schafe oder links unter die Böcke einzureihen sei. Der Vorschlag wurde heftig kritisiert. Wenn einem Computer in einem medizinischen Zentrum ein Rechenfehler unterlaufe, so sei das weiter nicht schlimm und führe nur zum leiblichen Tod einiger Dutzend Patienten, wohingegen ein fehlerhafter Computer im Himmel die schwerere Verantwortung für eine irrtümliche ewige Verdammnis trage. Trotz diesem Einwand beschloß das Präsidium, ein elektronisches Rechengerät zunächst probeweise einzuführen, und bestellte ein solches bei IBM über eine Scheinfirma. Auf dem Transport zu dieser wurde der Computer in den Himmel entführt. Der Knall, der bei seinem leiblichen Durchbruch durch die Schallmauer entstand, war das letzte, was man auf Erden von ihm hörte. Zur Begleichung der Rechnung regnete es eine dicke Schicht purer Goldstücke in den Werkshof; da diese jedoch nicht ordnungsgemäß verbucht werden konnten und darüber hinaus auch noch ein großer Prozeß über das Eigentumsrecht an diesem Goldregen zwischen Geschäftsleitung, Betriebsrat, Land und Gemeinde ins Rollen kam, der ganze Generationen von Rechtsanwälten zu Wohlstand brachte, galt der Computer als gestohlen und die Rechnung als unbeglichen, was für die Firma keinen Verlust bedeutete, da eine Transportversicherung für den Schaden aufkam.
Im Paradies indessen ging man daran, den Computer zu programmieren. Dazu wurden zwei Kommissionen gebildet. Die erste arbeitete ein Punktsystem für gute Werke aus; ihr Vorsitzender war der heilige Pfarrer Jean-Baptiste von Ars, seine Stellvertreterin die heilige Elisabeth. Von den Mitgliedern der Kommission Sünden (Vorsitzender Paulus, Stellvertreter die heilige Afra) wurde eine intime Kenntnis der Materie erwartet; deshalb nahm man in diese Kommission vor allem Persönlichkeiten auf, die auf ein gewisses Vorleben vor ihrer Bekehrung zurückblicken konnten. Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß die Sitzungen der Kommission Gute Werke weit weniger kurzweilig waren als die Sitzungen der Kommission Sünden, deren Mitglieder sich darin überboten, immer neue Variationen und Kombinationen von Sünden auszudenken, welche die Diskussion um den Punkwert recht fesselnd machten. Die Protokolle der Gute-Werke-Kommission wurden kaum gelesen, während die der Sündenkommission als Ersatz für fehlende erotische Literatur von Hand zu Hand gingen und Gegenstand vieler anregender paradiesischer Unterhaltungen bildeten.
Dann wurde der Computer zunächst mit den Bewertungstabellen gefüttert; anschließend wurden die Taten aller lebenden Menschen eingespeichert. Eine Hochrechnung über den vermutlichen Jahresausstoß an guten Seelen indes brachte ein niederschmetterndes Ergebnis. Nach dem eingespeicherten Bewertungsschema hatte die Hölle einen solchen Ansturm zu erwarten, daß sie sich nur durch einen Numerus clausus vor Überfüllung schützen konnte, während für das Paradies in kürzester Zeit ernsthafte Nachwuchssorgen zu befürchten waren.
Eine neue Kommission wurde berufen; Kirchenrechtler, die im Paradies allerdings nur in geringer Zahl verfügbar und nach irdischen Maßstäben unterrepräsentiert waren, wurden als Sachverständige hinzugezogen. Man kritisierte das Bewertungssystem. Die guten Taten seien zu niedrig, die Sünden zu hoch bewertet worden. Man schlug einen achtzigprozentigen allgemeinen Sündennachlaß vor, was als zu schematisch abgelehnt wurde, bis die schlichte gute Seele einer Weißnäherin aus Montbéliard den Fehler fand: Man hatte vergessen, den Begriff der Gnade einzuprogrammieren.
So war man zwar einen wesentlichen Schritt weitergekommen, strauchelte dann aber doch. Die würdigen Kirchenlehrer wußten zwar den Begriff der Gnade ziemlich genau zu definieren; ihn jedoch in eine mathematische Formel zu bringen, die ihn für den Computer faßbar gemacht hätte, gelang keinem der Sachverständigen. Man beschloß also, irdische Wissenschaftler zu befragen, was auf einen günstigen Zeitpunkt fiel, denn in Little Rock, Arkansas, fand gerade ein Kybernetikerkongreß statt, der Wissenschaftler aus Ost und West vereinigte, so daß bei einer Befragung wenigstens der politische Proporz gewahrt blieb. Wie aber die Verbindung aufnehmen, da kein direkter Draht zur Erde vorhanden war? Einen Engel zu schicken solch himmlisches Federvieh hätte man doch nur für einen läppischen Einfall einer Werbeagentur fürs Weihnachtsgeschäft gehalten. So beschloß man, die Frage nach der mathematischen Definition des Begriffs Gnade durch eine Art Pfingstwunder an die Kybernetiker zu stellen. Aber wo man Klärung, Bewußtseinserhellung erwartet hatte, da vollzogen sich diese auf ganz unerwarteten Ebenen. Durch den himmlischen Einfluß erkannten die Kybernetiker die Fragwürdigkeit ihres Tuns, ließen davon ab und wandten sich anderen, sinnvolleren Tätigkeiten zu. Vor allem die in militärischen Diensten stehenden Raumfahrt und Raketenforscher sahen ein, daß ihre Arbeit destruktiv gewesen war, und schauten sich nun nach konstruktiver Tätigkeit um. Zwar brachte der darauf folgende Zusammenbruch der Rüstungsindustrie vielen Aktionären herben Verlust. Auf der anderen Seite aber flossen nun alle Gelder, die für die total unrentable militärische Forschung und Aufrüstung ausgegeben worden waren, der Herstellung von Konsumgütern zu; die Arbeitszeit konnte verkürzt, die Löhne konnten erhöht werden, das Angebot an Lebensqualität wuchs, der Wohlstand breitete sich bis in die letzten Entwicklungsländer aus, kein Mensch auf der Welt brauchte mehr zu hungern oder zu frieren.
So hatte die wunderbare Anfrage der himmlischen Computerkommission zwar der Menschheit reichen Segen und dem Himmel indirekt auch wieder Nutzen gebracht, da bei dem allgemeinen Wohlbehagen die Zahl der Sünden und Verbrechen stark zurückging; aber auch die Ratlosigkeit über den Gnadenbegriff hatte sie nur noch vergrößert. Man kam also bald zu der Erkenntnis, daß der Computer für den Himmel nicht geeignet sei und daß nichts anderes übrigbleibe, als die Taten der Menschen mit den alten, konservativen Methoden zu messen. Es galt nun vor allen, den Stau von Seelen, der sich während der Jahre der Experimente in den zugigen himmlischen Wartehallen angesammelt hatte, in einer raschen und großzügigen Abfertigung aufzulösen. Den Computer stellte man eines Nachts mit Hilfe eines erneuten Wunders in den Werkshof der IBM zurück. Dort staunte man nicht schlecht und dachte, die vermeintlichen Diebe hätten, von Gewissensqualen übermannt, das Gerät zurückgebracht, das inzwischen allerdings durch den Fortschritt der Wissenschaft höchstens noch im Himmel brauchbar war, da es auf Erden nur noch Schrottwert hatte. Man schenkte es daher dem Deutschen Museum in München, wo es seitdem mit dem Vermerk "Bitte den Gegenstand nicht berühren" ausgestellt ist.
Besucher, die dieses Gebot nicht beachteten, hatten da dem Computer noch die segensreiche Auswirkung seiner jahrelangen Verwendung am himmlischen Standort anhaftete merkwürdige Erlebnisse. Ein Mädchen, das lispelte, verlor über Nacht seinen Sprachfehler; die Gattin eines Kunsthändlers, die Kontaktschwierigkeiten in der Ehe hatte, brauchte von Stund an die Couch des Psychotherapeuten nicht mehr zu strapazieren; einem Bankräuber, der im Deutschen Museum Materialstudien machte, wurde das gesamte Handwerkszeug aus dem Auto gestohlen. Da die Betroffenen ihre Erlebnisse jedoch weder mit dem Berühren des Gegenstands in Zusammenhang brachten noch weitererzählten, ahnt niemand die geheime Kraft des Rechengeräts, das zu dumm war, das Wesen der Gnade zu begreifen.

Thaddäus Troll, Hoffmann und Campe,78

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