Der Lottogewinn

Der Lottogewinn...


...beschreibt "wahre" Begebenheiten, die sich so oder ähnlich abgespielt haben müssen. Eine Posse, die hauptsächlich in Kneipen spielt, nichts verschweigt und nichts beschönigt.

Ein Bier, bitte!


Gonna watcha you...", der Blick der Bedienung war eindeutig. Warum ging ich nur immer wieder in diese dritt- bis viertklassigen Kaschemmen, in denen das Servierpersonal immer doppelt so alt aussieht wie tatsächlich. Einer der Gründe war ziemlich sicher, daß ich meine alten Bekannten nicht um alles in der Welt wiedertreffen wollte, zum anderen gab es mir ein sicheres Gefühl der Anonymität, wie ich es unter anderen Menschen nicht so leicht fand. Ich war, kurz gesagt, ein Sonderling geworden.

Während die anderen, meine nächsten Freunde und Bekannten die schönen Sonntagnachmittage nutzten, um ihre von der Arbeit geschwächten Körper einmal anständig auszulüften, saß ich vor meinem Bier, und sah fasziniert einer Spinne zu, wie sie am Kneipenfenster zur Straße kunstvoll ein Netz nach dem anderen spannte, ohne dabei in Unruhe zu verfallen.

Mir ging es ähnlich, seit Stunden saß ich nun mittlerweile mit dem ständig schwächer werdenden Blick auf die flanierende Hauptstrasse und dachte an vergangene Tage. Nach und nach konnte ich wieder Gedanken zulassen, die eine Zeit betrafen, an die ich nicht immer gerne zurück dachte, um ehrlich zu sein, ich vermied es, darüber nachzudenken, und immer wenn das Gespräch auf jene Vorfälle kam, wußte ich geschickt abzulenken. Ich war sicher, daß konnte jeder verstehen, der damals dabeigewesen war.

Überhaupt, dabeigewesen, wer war eigentlich schon "dabeigewesen".

Jeder hatte gewußt, daß etwas nicht in Ordnung sein konnte, als Gerdorf damals auftauchte. Von Anfang an hatte er mir nicht gefallen. Manchmal weiß man ja nicht sofort, was einen an einem neuen Menschen stört, oder man ist nicht sicher, oder verdrängt es sofort, hier wußte ich vom ersten Moment an, daß ich mit dieser Person meine Schwierigkeiten haben würde. Er erinnerte durch seine hervortretenden Augen, durch seine lederne Haut mit den tiefen Faltenbündeln am Hals mehr einer Echse oder einem Chamäleon als die meisten der Gäste, die damals im "Grünen Kranz" verkehrten. Aber was heißt schon "damals", solange war es noch gar nicht her. Aber manchmal nimmt sich die Zeit das Vorrecht, spürbar zu werden, ob man nun will oder nicht. Immer wird einem da die eigene Endlichkeit schmerzhaft in Erinnerung gebracht, egal wieviel Bier man zu dem Zeitpunkt hatte oder nicht. Nur die einen werden ganz still und nachdenklich, andere hingegen versuchen laut blökend ihren Weltschmerz in hirnlosen Tiraden für oder gegen jemanden loszuwerden. Am liebsten aber würden solche Leute ihre Agressionen unter dem Rock der Bedienung auslassen. Eher zu dieser Sorte gehörte Gerdorf mit seinem Knittergesicht. Aber übers bloße Schwätzen ging es sowieso nicht hinaus, dachte jeder.

Woher er kam, wußte eigenlich niemand, und eigentlich war es auch egal, wo wir verkehrten, wurde nicht lange gefragt, man war da, das genügte. Solange man seine Zeche bezahlen konnte, war der Wirt stets gleichbleibend freundlich zu allen, für jeden mit einem netten Satz und trotzdem unbeteiligt wie ein afrikanischer Kopfjäger beim Abendschmaus. Mir war es gleich. Mein bescheidenes Einkommen ließ mir zu, mich unabhängig um Leib und Seele zu kümmern, ohne daß ein drohendes Kneipenverbot wie ein Damoklesschwert über jedem neu bestellten Bier hing.

Nicht alle hatten diesen Vorteil. Heinz hatte von Woche zu Woche, und später von Tag zu Tag das Problem immer dünner werdender Liquidität, ähnlich paralell zum Verlust seiner Haarpracht. Er war es auch, der das Gespräch auf Geld brachte, auf das ganz sichere "System".... Jeder, der für sein Geld arbeitet, träumt zeitlebens davon, irgendwie zu einem kleinen Vermögen zu kommen, sei es durch Erbschaft, Lottogewinn oder lukrative Nebeneinkommen, die viel bringen und wenig Einsatz erfordern. Aber es ist nicht so einfach.

Am Tresen stand Hans bei einem kleinen Bier. Hans sieht etwa so aus wie eine miniaturisierte Ausgabe von Rasputin, trägt eine dicke Hornbrille und liest immer in irgendwelchen Zeitschriften. Über einem abgewetzten Karohemd hängt eine schmuddelige Lederjacke, die ellenhohen Stiefel stecken in einer groben Kordhose. Früher als Hans noch voll im Berufsleben verplant war, ich weiß gar nicht mal, was er überhaupt gemacht hat, fällt mir dabei ein, soll er irgeneinen Führungsjob gehabt haben, oder so etwas ähnliches. Heute kriegt er eine mickrige Rente und trägt Tag für Tag irgendwelche Reklameblätter von Haus zu Haus, um sich so seinen kleinen Luxus zu leisten. Viel ist es ohnehin nicht. Ab und zu mal in die Kneipe mit den anderen, zwei oder drei kleine Bier, bei einem guten Gespräch, das ist genung. Zu Hause baut er Modelle,Nachbauten von alten Automobilen oder von Flugzeugen. Angeblich sitzt er dort Nacht für Nacht und klebt mit wahrhafter Akribie noch die kleinsten Teilchen zusammen, um dann nach Wochen vor der Miniatur eines begehrten Fahrzeugs zu sitzen. Ab und zu verkauft er diese Modelle an Sammler, die für so etwas genügend Geld überhaben. Ich weiß nicht einmal, ob er jemals Frau und Kinder gehabt hat. Irgendwann jedenfalls hat er einmal fürchterlich auf die Nazis geschimpft, und auf verlorene Jahre, die man für nichts verschenkt hat. Im großen und ganzen gehört er zu der Sorte von Gästen, die man gerne sieht, weil sie den Mund nicht so aufreißen, man glaubt ihnen ihr Leben. Wer hat es schon einfach.

Es war September, kurz nachdem es nach herrlich warmen Tagen zum ersten Mal wieder so aussah, als würde der Herbst einkehren, als wir, daß heißt unsere Kneipencrew vom "Kranz" wieder harmonisch um den Tresen herum versammelt saßen, während draußen ein schmutzig grauer Regenschauer den wochenlang angesammelten Straßenstaub zu einem patzigen Schlidderbrei zusammenbuk. Eine Gruppe Ausländer mit weitgeöffnetem Hemdausschnitt lief hinter einer sehr aufreizend gekleideten Dame hinterher, und der lauteste von ihnen machte mit hohler Hand und Zeigefinger eindeutige Bewegungen. Am Video-Shop verlor ich sie aus den Augen.

Gerdorf war an diesem Nachmittag auch da. Und ähnlich aufgedreht wie draußen die jungen Türken, war er auch schon eine ganze Weile dabei, lautstark auf seinen Platznachbarn, den Klempner Heinz, einzureden. Imer wieder hörte ich bis zu mir die Worte "einmalige Chance" und "perfektes System". Den Belagerten hörte ich erst noch ganze Sätze und Wörter reden, dann wurde er immer wortkarger, bis er schließlich nur noch gelegentlich bejahte, was aber eher wie ein verdrießliches Grunzen klang. Der Erzähler jedoch ließ sich in keiner Weise davon abhalten, immer engagierter die Stimme zu erheben, bis auch der Nachbar von Heinz nicht umhin kam, in ein ähnliches Grunzen zu verfallen. Es wurde plötzlich ruhiger in der Kneipe, und Gerdorf bekam seine Chance.

"Mit dem richtigen System kann gar nichts schief gehen, und außerdem, wenn man es durch mehrere teilt, ist das für jeden nur ein Klacks...."ließ er offen, um gleich drauf munter weiter zu aquirieren, "in Amerika ist das schon seit langem Sache von Profis, die machen das ausschließlich, die haben dort Büros so groß wie wir hier Campingplätze. Und außerdem ist alles schon zigmal ausprobiert worden."

So gingen die Ausführungen noch eine ganze Zeit weiter und steigerten sich in einer Art Lobeshymne auf moderne Mathematik.

Um es vorweg zu nehmen, es handelte sich um ein "absolut sicheres Lottogewinnsystem", das aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber gedrängt war und scheinbar unfehlbar war. Wenn man dafür das nötige Startkapital aufbrachte. Und das schien wohl etwas über einem üblichen Monatslohn zu liegen, jedenfalls, so wie er sich für die meisten unter uns definierte. Praktisch also zwei oder drei Monate sorgenfreier Getränkeversorgung, das wollte schon was bedeuten.

"Absolut sicher....", hörte ich es jetzt wieder vom Tresen, "die Rendite ist auch dann noch traumhaft, wenn man durch fünf teilt."

Denn so viele Teilnehmer sollten wohl schon zusammen kommen, damit dieser Start in den Reichtum wohl realistisch finanziert werden könnte. So weit, so gut, ich war eher skeptisch, das lag wohl daran, weil ich Gerdorf eigentlich nicht mochte, aber auch, weil ich generell Glücksspiele nicht ohne weiteres akzeptiere. Es verdienen immer die Falschen daran, und diejenigen, die mit Geld nicht umgehen können werden schnell versaut, so manche BILD-Schlagzeile berichtet doch wohl glaubhaft davon.

Gerdorf war in Feuer und Flamme geraten, und ich dachte für einen Moment, Heinz wäre aus seiner Lethargie erwacht, ich vermeinte sogar einen glitzernden Ausdruck in seinem Gesicht zu entdecken.

Der Regen draußen war in ein sehr feines Nieseln übergegangen, wir standen immer noch bei geöffneter Tür, als die Türkenbande wieder zurück kam, diesmal mit einem Haufen Videokassetten unter dem Arm des Schreihalses, die anderer trotteten dumpfgeil hinterher. Am Kiosk blieben sie erneut stehen, vermutlich um sich noch eine Dröhnung für den Glotzenabend abzuholen. Es wurde auch langsam dunkel draußen, das Gespräch war wieder ruhiger geworden, Heinz bezahlte gerade, auch ich wollte jetzt erst einmal nach Hause, spätestens in drei Stunden würden wir wieder hier vereint sitzen, um noch das ein oder andere Bier zu trinken, und um das ein oder andere Gespräch zu führen.

Am selben Abend war Gerdorf nicht da. Nicht daß er mir gefehlt hätte, nein, dazu hatte ich mich zu wenig mit ihm befaßt, aber sein überzeugter Monolog am Nachmittag war noch ein bißchen lebendig geblieben, ein paarmal kamen wir noch auf sein flammende Rede, ohne sie abfällig abzutun, aber bald waren wir schon wiederr in ganz anderen Gesprächen. Heinz hatte wohl Kummer mit seiner kleinen Klempnerei, die Auftragslage war nicht mehr so gut wie in den Achtzigern, größere Firmen mit knallhart ausgefeilter Finanzpolitik, mit modernster Technik ausgerüstet nahmen den Kleinen die nötigen Aufträge weg. Nur noch ein guter Name und bester Service halfen zum Überleben. Udo, der Wirt gab unerwarteter Weise eine Runde aus und bald war es Mitternacht.

Nach einem letzten Korn, die Stühle auf den anderen Tischen waren schon hochgestellt, verließen auch wir die Kneipe. Obwohl es Vollmond war, hatte sich der Mond hinter einer schweren, naßen Wolke verzogen und man sah nur einen weiten, vernebelten Schein.

Aber die Wirkung der Biere und Schnäpse war nicht verfehlt. Auf einem weichen Daunenteppich, ganz lustig im Kopf, fand ich den Weg über die Hauptstrasse, bereits Traumfetzen im Kopf, "absoluter Gewinn, perfekte Chance.....". Als ich den Marktplatz überquerte, brach wie ein Wunder, der Mond aus seinem dicken Wolkenteppich hervor und der sanfte Schein in dieser ersten Herbstnacht machte mich vollends glücklich. Was für ein Leben, was für ein Glück!

So schwankte ich zusehends auf mein Heim zu, noch im Treppenhaus allerlei Unsinn im Kopf,mit verdrehten Gedanken und matten Gliedern, erhaben jedoch im Geiste sah ich schon den nächsten Tag vor mir, an dem alles, aber auch alles gelingen würde. Mit dieser frommen Grundhaltung und der Aura eines kleinen Heiligen schraubte ich mich Stockwerk um Stockwerk empor, immer noch innerlich massenhaft Frohsinn verbreitend. Was für ein Wohlgefühl!

Der nächste Tag begann schleppend, nach Unmengen Kaffee stellte ich fest, daß sich kaum noch Eßbares im Haus befand, also schnappte ich mir die ausgebeulte Einkaufstasche und begab mich in den nahen Einkaufsmarkt. An der Grabbelkiste stand außer etlichen heftig diskutierenden Hausfrauen mein alter Bekannter Edwin, der gerade dabei war, irgendwelche Sonderposten Unterwäsche auszuzeichnen, schlaksig in einem weißen Verkäufermantel mit einem Blechschild an der Bruststasche, in der obligat einige Billigkugelschreiber des Konzerns demonstrativ aufgereiht steckten, ähnlich überflüssig wie ein Raylleestreifen an einem verbeulten Manta.

Edwin sah ziemlich zerknittert aus, so als habe er die Nacht unter seinem Sofa geschlafen, vermutlich hatte er wieder Ärger daheim gehabt und hatte auch mehr als einen über den Durst getrunken.

"Na, wie siehts aus?" fragte ich möglichst unbeschwert, und prüfte zwischen Daumen und Zeigefinger die Qualität der angebotenen Unterhosen.

"Geht so. Muß ja!" erwiderte der Angesprochene und klebte weiter eifrig Preisschilder auf die Ware. Er hatte nur kurz hochgeblickt und tat jetzt so, als wäre sein Job unheimlich verantwortungsvoll.

"Komm doch wieder mal vorbei, wir sind abends meistens im "Grünen Kranz", so wie früher, Heinz ist auch mit von der Partie...." bot ich ihm an und legte die Ware zurück.

"Kaum Zeit...." kam angespannt zurück, "du weißt schon, der Job....

Er hob neue Wäsche von einer Palette auf den Verkaufstisch und stöhnte hörbar. Das Gespräch war vermutlich beendet. Ich wiederholte das Angebot, grüßte und ging wieder meiner Wege. Am Getränke-Shop lud ich noch zwei Steigen Pils ein, schob zur Kasse, zahlte, stolperte fast noch über einen festgebundenen Köter und verließ den Supermarkt.

Draußen hatte es wieder begonnen zu nieseln, es war Herbst geworden, Grund genug, den Rückweg zügig anzutreten. Am Schnellimbiß nahm ich noch eine Currywurst zu mir, trat in eine Serviette voll Senf, die meine Schuhe umschlang wie ein Ertrinkender eine Holzplanke und trollte mich missmutig.

Zu Hause blätterte ich stundenlang im "Großen Weltatlas", und versuchte mir vorzustellen, wie ich mit leichtem Handgepäck und den Taschen voll mit Geld und Schecks eine Gangway zu irgendeiner Weltstadt hinunterschritt. Mir fiel keine Stadt ein. Wo wollte ich denn eigentlich auch hin, ich hatte gar kein Ziel im Kopf, geschweige denn die finanziellen Mölichkeiten dazu. Ich versuchte mir eine schöne Frau vorzustellen, die ich in einem Cafe kennenlernen würde und die mich zu sich nach Hause einladen würde, mir ihre Arme um den Hals legte und sich mir hingab. Das war schon eher ein Ziel, für das es sich lohnte etwas zu verändern. Nicht alles im Leben mußte ja so bleiben. Mein Blick fiel auf die Küchenuhr, es war bereits Nachmittag, Zeit den Weg über die Hauptstrasse zu nehmen, Heinz würde vielleicht schon warten.

Als ich ankam, war bereits ein reges Gespräch im Gange. Gerdorf hatte verschiedene Zettel vor sich ausgebreitet und deutete mit dem Zeigefinger immer wieder auf eine Zahlenreihe, wobei er munter die Stimme erhob und siegessicher und euphorisch den anderen große Gewinnchancen versprach. Den ganzen Abend habe er gesessen und gerechnet, er wüßte jetzt genau, wie man es anstellen müßte, ein paar Millionen einzusacken, oder wenigstens ein paar Hunderttausend. Und daß ohne echtes Risiko für den einzelnen, eben echt perfekt.... Um seinen Ausführungen den nötigen Nachdruck zu verleihen, bestellte er bei Hugo eine Runde Schnaps. Auch mich gerade dazugekommenen lud er ein. "Wohl bekomm's," lautete der einfallsreiche Trinkspruch, und schon gurgelte das durchsichtige Gebräu die Kehlen hinunter, kurz darauf von den meisten mit einem wohligen Grunzen bewertet. Ja, das tat gut! Wie ein Habicht stürzte sich Gerdorf nun wieder auf seine Zettelsammlung und zog von weiter unten ein vielfach geknicktes Exemplar hervor, über und über mit weiteren Zifferreihen bedeckt. Er machte dazu ein Gesicht, als würde er Danksagungen studieren, wie man sie im Süden oft in den kleinen Kapellen findet, fromme Grüße an den Herrn, verbunden mit dem Wunsch nach Gesundheit, Errettung verlorener Seelen und der tiefen Freude über das Wiedererscheinen totgeglaubter Familienangehöriger. Er käme jetzt zum eigentlichen Erfolgsrezept, vernahm ich es nun wieder aus dem Munde von Gerdorf, der seine eigene Rührung blitzschnell abgelegt hatte, von alleine würde auch sein perfektes System nichts werden, es bedürfe des persönlichen Einsatzes undsoweiter.

"Vierhundertfuffzig Mark kostet der Spaß, vorausgesetzt, fünf Entschlossene finden sich zusammen, zweifelsfrei natürlich von meinem System überzeugt. So viel müßten wir schon zusammenwerfen, um allerhöchste Effizienz zu erzielen. Das tut keinem weh, und bringt die höchste Rendite....Hugo...., bring noch mal so'ne Stange Rachenputzer für die Erfolgreichen von morgen," orderte er den Wirt, der fleißig Striche auf einem nicht mehr gänzlich leeren Block machte, immer einen schön neben dem anderen, durch vier Striche setzte er jeweils säuberlich einen Schrägstrich, und legte den Stift dann daneben ab.

Das Trinkzeremoniell spielte sich ebenfalls wieder kurz und bündig ab, ohne großes Innehalten standen die Gläser bereits wieder auf dem Tresen, begleitet vom wohligen Grunzen der oral Unterversorgten. Aber was nützt es, hier abzuschweifen in psychologische Überzeugungen, wichtig war doch im Hier und Jetzt, daß ich selber beiwohnte dieser ritterlichen Runde, dieser Verschwörung gegenüber permanentem Geldmangel und mangelnden Perspektiven. Zugegeben, die Argumente gewannen zusehends an Symphatie, nicht zuletzt durch die feurigen Beigaben, die Hugos Buchführung optimierten. Auch war es nicht von der Hand zu weisen, daß "wer nichts wagt, auch nichts gewinnt", und daß "der Schlüssel zum Glück nur dem Mutigen gehört". Ich mußte plötzlich an meine Frauenbekanntschaft aus dem Cafe denken, die mich einladen würde zu sich nach Hause, um dort in einem Rausch der Sinne mit mir höchste Weiblichkeit offenbaren würde, dort in irgendeiner fremden Stadt, weit weg von hier, mit Bargeld im Portemonnai und Schecks in der Brieftasche.... Die Sonne brannte heiß und ich bemerkte den Geruch von schwerem, betäubendem Parfüm in der Luft. Auf dem Stelltisch neben dem großen, weichen Doppelbett stand eine Flasche teuerer Rotwein, ihr Glas zeigte feurigrote Lippenstiftspuren. Der Geruch von durchliebten Tagen und Nächten hing noch im Zimmer und ich lehnte mich genießerisch zurück und sog die Luft ein....

Ich war ins Sinnieren geraten, nachmittags Schnaps trinken, ja das war es wohl. Gleichzeitig wurde mir bewußt, wie sehr ich mich nach einer Veränderung meines Alltags sehnte, und es schien mir, als hätte Gerdorf mit seinem Anpreisen von Geld und Wohlstand einen tiefen Riß in meinem Leben augenfällig gemacht, ohne daß ich mich dagegen wehren konnte. Nicht er war der Schuldige, nein, ich hatte plötzlich unerwartete Sehnsüchte verspürt, die es nun zu stillen galt. Aber es gab auch Widerstände in mir, spürte ich gleichermaßen. Einem Schwätzer wie Gerdorf konnte ich nur mit Anstrengung in die Triefaugen schauen und ihm brüderlich die Hand reichen, zum ernsten Gespräch oder zur gemeinsamen Anstrengung, ein Lottoprojekt setzte gewissermaßen auch noch Vertrauen voraus, alles Dinge, an denen es mir momentan noch mangelte. Vielleicht würde ein weiteres Schnäpschen ganz gut tun, würde mir aus dem Seelenkonflikt helfen. Kurzentschlossen orderte ich nun eine weitere Runde, sah Hugo seine Zeichen auf den Block setzen und spürte verwunderte Blicke von den anderen. Ich wartete jedoch noch einen Moment, vom Tresen aufzuschauen, ich wollte abwarten, was nun für eine Wirkung eintrat.

Heinz schaute etwas gequält zu mir herüber, als wäre ihm etwas mitteilenswertes eingefallen, ließ prüfend seinen Blick auf mir ruhen, dem ich jedoch ohne weiteres standhielt, dann entglitten ihm die Züge, und er wirkte auf einmal sehr glücklich und zufrieden, ähnlich retardiert wie ein Heiminsasse, der gerade seine Tagesdosis an Neuroleptika zu sich genommen hat.

Gerdorf sah von seine Zetteln auf und äußerte: "Hat mal jemand 'nen Stift?", worauf eine Zahlenreihe durchstrich und eine neue daruntersetzte. "War noch ein Fehler drin", teilte er mit und im gleichen Zuge, "also, wer ist dabei?"

Einen Moment herrschte Schweigen, dann begann Heinz seine Bedenken zu äußern, "vierhundertfünfzig Mark seien doch eine ganz nette Summe, die, wenn man sie gewinnbringend anlegt, innerhalb von ein paar Jahren glatt auf einen Tausender angewachsen sei." Weiter kam er nicht, schon rechnete ihm Gerdorf vor, wie er in ein paar Jahren über tausend Mark denken würde. Die würden ja gar nicht mehr ins Gewicht fallen, so optimiert wäre bis dahin alles gelaufen....

In diesem Moment kam Hans herein. Er zerrte seinen leeren Zeitungswagen in die Kneipe, draußen war ihm schon einmal so ein Gefährt abhanden gekommen, während er drinnen ein Bier trank.

"Na Leute, der Sommer ist wohl vorbei," grüßte er und bestellte ein kleines Bier. Gleich wandte er sich Gerdorf zu, der ihn freudig begrüßte. "Wie sieht's aus, seit ihr schon beim Anteile ausrechnen?", fuhr er fort und deutete auf die mittlerweile recht verstreuten Zettel vor Gerdorf. "Habt ihr denn schon geklärt, wann's losgeht, oder seit ihr noch am Diskutieren?

Jetzt war ich dran einen verwunderten Blick in die Runde zu werfen. Hatte ich das gerade recht verstanden, daß Hans und Gerdorf schon miteinander klar seien, oder ging es um etwas anderes, was ich vielleicht nicht richtig verstanden hatte? Auch die anderen wirkten plötzlich in sich gekehrt, als ob sie nachdenken würden. Hans bemerkte unsere Stimmung und fragte: "Oder habt ihr noch gar nichts klargemacht? Was ist denn los mit euch?" Habt alle keine Frauen, dafür habt ihr doch Glück beim Spiel!

Ich dachte wieder an die Palmen und das Zimmer mit meiner schönen Fremden, die ich kennenlernen wollte, kennenlernen würde, wenn ich wollte, vielleicht mußte ich einfach etwas riskieren. So falsch lag Gerdorf da gar nicht. Und wenn Hans dabei war.... Auf Hans war Verlaß, er hatte immer Mut gehabt, etwas zu beginnen, oder?

Während ich so überlegte, hatte Heinz eine Runde bestellt, und schien dabei zu sein, mit Gerdorf etwas zu besprechen. Als ich ein bißchen genauer zuhörte, war klar, daß auch Heinz sich entschloßen hatte, zu den "Entschiedenen", wie Gerdorf sagte, zu gehören.

Erst einmal gehörte jedem von uns ein Glas Schnaps, auch dieses Thema war bald erledigt. Die Runde wurde jetzt richtig munter, auch Karl und Lorenzo, die selten etwas sagten, begannen heftig zu diskutieren. Ich geriet dafür mehr ins Grübeln, der Gedanke an meine Schöne, die ich ja noch nicht kannte, ließ mich nicht mehr los, vielleicht war es ja doch eine innere Eingebung, die mir befahl, Gerdorf auf die Seite zu nehmen, um gewissermaßen einen Clubausweis für diesen Verein von "Erfolgreichen" zu beantragen, etwas wiederstrebend am Anfang, aber Gerdorf redete mit Engelszungen und wiederholte noch einmal, nur für mich, die Vorteile einer solchen Lottogemeinschaft, um es einmal genau zu benennen. Bald saßen wir froh vereint in unserer Runde, zukünftige Lottomillionäre würden wir sein, und darauf tranken wir noch eine von Hans ausgegebene Runde.

Lange schon war es dunkel draußen geworden, das Grau war in Nachtschwarz übergegangen, und immer noch saßen wir hier und frohlockten über unsere glanzvolle Zukunft. Hans erzählte ein paar Anekdoten, Gerdorf erläuterte mehrmals lautstark den Inhalt seiner Zettelsammlung, obwohl längst alle in Gedanken Gelder ausgaben, die uns noch gar nicht gehörten. Wir gerieten nach und nach in eine wahre Hochstimmung, die gar nicht enden wollte. Einmal wurde ich noch erinnert an die alltäglichen Dinge, als ich Gerdorf einen Scheck von DM 450.- rüberschob, damit wir gleich bei der nächsten Ziehung unser "System" anwenden konnten. Aber sofort war ich wieder im allgemeinen Geraune untergetaucht und Runde um Runde fühlte ich mich vom Boden abheben, siegessicher und weltmännisch war ich bereits am Erzählen, was ich mit meinem Geld anfangen würde. Nur von meinem Traum, unter den Palmen, beim Cafe, auf dem breiten Bett, davon erzählte ich nichts. Ich wollte dieses Geheimnis nicht vorzeitig herauposaunen, es lebte in meiner Vorstellung, sollte es dort auch erst wachsen und gedeihen.

Es war spät geworden, wir hatten viel geredet und getrunken, plötzlich fühlte ich mich müde und ausgelaugt, ich zahlte eine nicht unbeträchtliche Zeche, konnte dafür aber mit Vergnügen Hugo beobachten, der das ganze Theater mehr oder weniger meinungslos bejaht hatte, jetzt aber mit großem Vergnügen einen Strich nach dem anderen abhakte, sorgfältig wie ein Lagerverwalter, der gleich seinen Arbeitern anweisen wird, dies und das wieder aufzufüllen.So ging dieser schicksalsträchtige Tag zu Ende.

Diesmal schwankte ich den Weg über die Hauptstrasse, verharrte am Marktplatz, als ich Nachtschwärmer einen Pulk fetter Tauben aufscheuchte, die an einem Marktstand noch einige Reste ausfindig gemacht hatten, und die jetzt mit ihren arthritischen Flügeln versuchten Land zu gewinnen. Kein Mond stand heute am Himmel, ich war innerlich aufgewühlt, trotzdem hundemüde, jedoch nicht unzufrieden, sollten die Dinge sich doch endlich ändern, vielleicht würde mein Traum dann doch wahr, wenngleich das noch nicht voraussehbar war, aber warum auch, ich konnte meine ewigen skeptischen Gedanken doch einmal beiseite lassen, jetzt war ein neuer Markstein in Sicht, jetzt würde die Fügung das ihre dazu tun. Ich lief dem Rinnstein entlang in die Richtung meiner Wohnung, fand den Eingang und hob stakelig die Füße, um nicht unnötig Lärm zu verursachen. Das Haus war hellhörig, so mancher meiner nächtlichen Ausflüge wurde mir tags danach minutiös genau berichtet. Hier konnte man wahrscheinlich nicht einmal in Ruhe sterben, irgendeine Nachbarin würde wie zufällig mit Besen und Scheuertuch zu Hilfe eilen. Kaum in der Wohnung, fiel ich aufs Bett und schlief ein.

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