Vincent
Lieber Theo,
ich machte diese Woche ein paar Röntgenbilder, die mir gut
schienen. Degas sah sie und war skeptisch. Er sagte, die Komposition
sei schlecht. Alle Löcher würden sich in der Ecke links
unten zusammendrängen. Ich erklärte ihm, so sähe
Frau Slotkins Mund nun einmal aus, aber er wollte nicht hören.
Er sagte, er hasse Einfassungen, und Mahagoni sei zu schwer. Als
er wegging, riß ich sie in Fetzen! Als wäre das noch
nicht genug gewesen, machte ich mich bei Frau Wilma Zardis an
eine Wurzelbehandlung, aber halbwegs fertig, verließ mich
der Mut. Mir wurde plötzlich klar, daß eine Wurzelbehandlung
nicht das ist, was ich machen will! Mir wurde eng und schwindlig.
Ich lief aus der Praxis ins Freie, wo ich atmen konnte! Ich war
mehrere Tage nicht bei Sinnen und kam am Meer wieder zu mir. Als
ich zurückkam, saß sie immer noch auf dem Stuhl. Ich
vollendete den Mund ohne große Lust, brachte es aber nicht
über mich, ihn zu signieren.
Vincent
Lieber Theo,
habe beschlossen, die Praxis mit Gauguin zu teilen. Er ist ein
ausgezeichneter Zahnarzt, der auf Brücken spezialisiert ist,
und er scheint mich zu mögen. Er hat mir große Komplimente
wegen meiner Arbeit an Herrn Jay Grünglas gemacht. Wenn du
dich erinnerst, ich füllte ihm links unten Sieben, dann gefiel
mir die Füllung nicht, und ich versuchte, sie ihm wieder
herauszunehmen. Grünglas war unnachgiebig, und wir gingen
vor Gericht. Es bestand die Rechtsfrage um das Eigentum, und auf
Anraten meines Anwalts klagte ich geschickt auf den ganzen Zahn
und gab mich mit der Füllung zufrieden. Nun, jemand sah sie
in meiner Praxis in der Ecke liegen und will sie in einer Ausstellung
zeigen! Man spricht bereits von einer Retrospektive!
Vincent
Lieber Theo,
ich glaube, es war ein Fehler, die Praxis mit Gauguin zu teilen.
Er ist ein kranker Mensch. Er trinkt in großen Mengen Zahnweiß.
Als ich ihn beschuldigte, geriet er in Wut und riß mein
Zahnarzt-Diplom von der Wand. In einem ruhigeren Augenblick schlug
ich ihm vor, es mit dem Plombieren im Freien zu versuchen, und
wir arbeiteten auf einer Wiese, umgeben von Grün und Gold.
Er setzte Fräulein Angela Tonnato eine Krone ein, und ich
machte Herrn Louis Kaufmann zur selben Zeit eine Füllung.
Da arbeiteten wir also zusammen unter freiem Himmel! Reihen blendendweißer
Zähne im Sonnenlicht! Dann kam ein Wind auf und blies Herrn
Kaufmann das Toupet ins Gebüsch. Er stürzte ihm nach
und riß Gauguins Instrumente um. Gauguin gab mir die Schuld
und versuchte, mir einen Hieb zu versetzen, erwischte aber irrtümlich
Herrn Kaufmann, worauf der sich auf den Schnellbohrer setzte.
Herr Kaufmann ging wie eine Rakete im Steilflug an mir vorbei
und nahm Fräulein Tonnato mit auf die Reise. Der Schluß,
Theo, ist, daß Rifkin, Rifkin, Rifkin & Meltzer meine
Einnahmen mit Beschlag belegt haben. Schick mir, was du kannst.
Vincent
Lieber Theo,
Toulouse-Lautrec ist doch der beklagenswerteste Mensch auf Erden.
Er sehnt sich mehr als nach sonstwas danach, ein großer
Zahnarzt zu sein, und er hat wirkliche Begabung, aber ist zu klein,
um an den Mund seiner Patienten zu reichen, und zu stolz, sich
auf irgendwas zu stellen. Die Arme über den Kopf gereckt,
tastet er blindlings an ihren Lippen herum, und gestern hat er
Frau Fistelton statt auf die Zähne eine Krone auf das Kinn
gesetzt. Inzwischen weigert sich mein Freund Monet, an etwas anderem
als sehr, sehr großen Mündern zu arbeiten, und Seurat,
der sehr launisch ist, hat eine Methode entwickelt, immer nur
jeweils einen einzigen Zahn zu putzen, bis er "einen vollen,
frischen Mund" erhält, wie er es nennt. Das hat baukünstlerische
Solidarität, aber, ist es auch zahnkünstlerische Arbeit?
Vincent
Lieber Theo,
ich bin verliebt. Claire Memling kam letzte Woche zu einer Kontrolluntersuchung.
(Ich hatte ihr eine Postkarte geschickt, auf der stand, daß
sechs Monate seit der letzten Durchsicht vergangen seien, obwohl
es erst vier Tage her war.) Theo, sie treibt mich zum Wahnsinn!
Verrückt vor Verlangen! Ihr Gebiß! Ich habe nie so
ein Gebiß gesehen! Ihre Zähne treffen perfekt aufeinander!
Nicht wie die von Frau Itkin, deren untere Zähne über
die oberen ungefähr drei Zentimeter vorragen, was ihr einen
Unterbiß verleiht, der dem eines Werwolfs ähnelt! Nein!
Claires Zähne schließen und passen! Wenn das geschieht,
weiß man, es gibt einen Gott! Und doch ist sie nicht allzu
vollkommen. Nicht so makellos, um uninteressant zu sein. Sie hat
eine Lücke zwischen Neun und Elf unten. Nummer zehn hat sie
in ihrer Jugend verloren. Plötzlich und ohne Warnung hatte
er ein Loch. Er wurde ziemlich leicht entfernt (das heißt,
er fiel ihr beim Sprechen raus) und nie wieder ersetzt. "Nichts
hätte nummer zehn unten ersetzen können", sagte
sie zu mir, "er war mehr als ein Zahn, er war mein Leben
bis dahin." Über den Zahn wurde selten gesprochen, als
sie älter wurde, und ich glaube, sie war nur deshalb gewillt,
mit mir darüber zu sprechen, weil sie mir vertraut. Oh, Theo,
ich liebe sie. Ich sah ihr heute in den Mund und war wieder wie
ein junger, nervöser Zahnarztstudent, so daß ich ihr
Tupfer und Spiegelchen in den Hals rutschen ließ. Später
hatte ich meine Arme um sie geschlungen und zeigte ihr die richtige
Art, sich die Zähne zu bürsten. Die süße
kleine Närrin war gewohnt, die Bürste stillzuhalten
und den Kopf von einer Seite zur anderen zu bewegen. Nächsten
Donnerstag gebe ich ihr etwas Gas und bitte sie, mich zu heiraten.
Vincent
Lieber Theo,
Gauguin und ich hatten wieder eine Auseinandersetzung, und er
ist nach Tahiti abgereist! Er war mitten bei einer Extraktion,
als ich ihn störte. Er hatte das Knie auf Herrn Feldmanns
Brust und die Zange am rechten oberen Backenzahn des Mannes. Es
gab den üblichen Ringkampf, und ich hatte das Pech, hereinzukommen
und Gauguin zu fragen, ob er meinen Filzhut gesehen habe. Gauguin
wurde abgelenkt und lockerte den Griff um den Zahn, und Feldmann
nutzte diesen Fehler aus, um aus dem Stuhl zu springen und aus
dem Sprechzimmer zu fliehen. Gauguin bekam einen Tobsuchtsanfall!
Volle zehn Minuten hielt er meinen Kopf unter den Röntgenapparat,
und danach konnte ich mehrere Stunden lang nicht mit beiden Augen
gleichzeitig zwinkern. Jetzt bin ich einsam.
Vincent
Lieber Theo,
alles ist aus! Da heute der Tag war, an dem ich vorhatte, Claire
zu bitten, mich zu heiraten, war ich ein wenig nervös. Sie
sah großartig aus mit ihrem weißen Organdykleid, dem
Strohhut und dem Zahnfleischschwund. Wie sie so in dem Stuhl saß,
den Absaugschlauch im Mund, brauste es mir im Herzen. Ich versuchte,
romantisch zu sein. Ich machte das Licht dunkler und versuchte,
das Gespräch auf fröhliche Themen zu lenken. Wir nahmen
beide etwas Lachgas. Als der Augenblick richtig schien, sah ich
ihr direkt in die Augen und sagte: "Bitte spülen."
Und sie lachte! Ja, Theo! Sie lachte mich aus und wurde dann wütend!
"Meinen Sie, ich könnte für einen Mann wie Sie
spülen!? Das soll wohl ein Witz sein!" Ich sagte: "Bitte,
Sie verstehen nicht." Sie sagte: "Ich verstehe sehr
gut! Ich könnte niemals bei jemandem außer einem zugelassenen
Zahnorthopäden spülen! Wahrhaftig, schon der Gedanke,
ich könnte hier spülen! Lassen Sie mich!" Und damit
lief sie weinend hinaus. Theo! Ich möchte sterben! Ich sehe
mein Gesicht im Spiegel und möchte es zerschlagen! Es zerschlagen!
Hoffe, dir geht es gut.
Vincent
Lieber Theo,
Ja, es ist wahr. Das Ohr im Schaufenster bei Gebrüder Fleischmann,
Scherzartikel, ist meines. Ich nehme an, es war eine Torheit,
aber ich wollte vorigen Sonntag Claire ein Geburtstagsgeschenk
schicken, und alle Läden waren zu. Na ja. Manchmal wünsche
ich, ich hätte auf Vater gehört und wäre Maler
geworden. Das wäre nicht aufregend, aber wenigstens ein normales
Leben.
Vincent
Quelle: Woody Allen - Ohne Leit kein Freud - Rogner & Bernhard