Woody Allen: Ohne Leit kein Freud

Wenn die Impressionisten Zahnärzte gewesen wären

(Ein Phantasiestück zur Erhellung von Gemütsveränderungen)

Lieber Theo,
wird das Leben mich niemals anständig behandeln? Ich gehe an Verzweiflung zugrunde! Es hämmert in meinem Kopf! Frau Sol Schwimmer verklagt mich, weil ich ihre Brücke ganz nach meinem Gefühl und nicht zu ihrem lächerlichen Munde passend gemacht habe. Das stimmt! Ich kann nicht auf Bestellung arbeiten wie ein normaler Handwerker! Ich hatte beschlossen, ihre Brücke solle kolossal und brandend sein, mit wilden, streitsüchtigen Zähnen, die wie Feuer in alle Richtungen züngeln! Jetzt ist sie völlig fassungslos, weil sie nicht in ihren Mund paßt! Sie ist so bürgerlich und dumm, ich möchte sie am liebsten in tausend Stücke hauen! Ich versuchte, ihr die falschen Zähne in den Mund zu pressen, aber sie stehen ihr heraus wie ein venezianischer Kronleuchter. Ich finde sie trotzdem schön. Sie behauptet, sie kann nicht kauen! Was kümmert es mich, ob sie kauen kann oder nicht! Theo, ich kann so nicht mehr weiter! Ich fragte Cézanne, ob er mit mir zusammen eine Praxis betreiben wolle, aber er ist alt und gebrechlich und außerstande, die Instrumente zu halten, und sie müssen ihm an den Handgelenken festgebunden werden, aber außerdem arbeitet er nicht sorgfältig, und einmal in einem Mund, ruiniert er mehr Zähne, als er rettet. Was ist zu tun?
                           Vincent

Lieber Theo,
ich machte diese Woche ein paar Röntgenbilder, die mir gut schienen. Degas sah sie und war skeptisch. Er sagte, die Komposition sei schlecht. Alle Löcher würden sich in der Ecke links unten zusammendrängen. Ich erklärte ihm, so sähe Frau Slotkins Mund nun einmal aus, aber er wollte nicht hören. Er sagte, er hasse Einfassungen, und Mahagoni sei zu schwer. Als er wegging, riß ich sie in Fetzen! Als wäre das noch nicht genug gewesen, machte ich mich bei Frau Wilma Zardis an eine Wurzelbehandlung, aber halbwegs fertig, verließ mich der Mut. Mir wurde plötzlich klar, daß eine Wurzelbehandlung nicht das ist, was ich machen will! Mir wurde eng und schwindlig. Ich lief aus der Praxis ins Freie, wo ich atmen konnte! Ich war mehrere Tage nicht bei Sinnen und kam am Meer wieder zu mir. Als ich zurückkam, saß sie immer noch auf dem Stuhl. Ich vollendete den Mund ohne große Lust, brachte es aber nicht über mich, ihn zu signieren.

                         Vincent

Lieber Theo,
habe beschlossen, die Praxis mit Gauguin zu teilen. Er ist ein ausgezeichneter Zahnarzt, der auf Brücken spezialisiert ist, und er scheint mich zu mögen. Er hat mir große Komplimente wegen meiner Arbeit an Herrn Jay Grünglas gemacht. Wenn du dich erinnerst, ich füllte ihm links unten Sieben, dann gefiel mir die Füllung nicht, und ich versuchte, sie ihm wieder herauszunehmen. Grünglas war unnachgiebig, und wir gingen vor Gericht. Es bestand die Rechtsfrage um das Eigentum, und auf Anraten meines Anwalts klagte ich geschickt auf den ganzen Zahn und gab mich mit der Füllung zufrieden. Nun, jemand sah sie in meiner Praxis in der Ecke liegen und will sie in einer Ausstellung zeigen! Man spricht bereits von einer Retrospektive!

                           Vincent

Lieber Theo,
ich glaube, es war ein Fehler, die Praxis mit Gauguin zu teilen. Er ist ein kranker Mensch. Er trinkt in großen Mengen Zahnweiß. Als ich ihn beschuldigte, geriet er in Wut und riß mein Zahnarzt-Diplom von der Wand. In einem ruhigeren Augenblick schlug ich ihm vor, es mit dem Plombieren im Freien zu versuchen, und wir arbeiteten auf einer Wiese, umgeben von Grün und Gold. Er setzte Fräulein Angela Tonnato eine Krone ein, und ich machte Herrn Louis Kaufmann zur selben Zeit eine Füllung. Da arbeiteten wir also zusammen unter freiem Himmel! Reihen blendendweißer Zähne im Sonnenlicht! Dann kam ein Wind auf und blies Herrn Kaufmann das Toupet ins Gebüsch. Er stürzte ihm nach und riß Gauguins Instrumente um. Gauguin gab mir die Schuld und versuchte, mir einen Hieb zu versetzen, erwischte aber irrtümlich Herrn Kaufmann, worauf der sich auf den Schnellbohrer setzte. Herr Kaufmann ging wie eine Rakete im Steilflug an mir vorbei und nahm Fräulein Tonnato mit auf die Reise. Der Schluß, Theo, ist, daß Rifkin, Rifkin, Rifkin & Meltzer meine Einnahmen mit Beschlag belegt haben. Schick mir, was du kannst.

                           Vincent

Lieber Theo,
Toulouse-Lautrec ist doch der beklagenswerteste Mensch auf Erden. Er sehnt sich mehr als nach sonstwas danach, ein großer Zahnarzt zu sein, und er hat wirkliche Begabung, aber ist zu klein, um an den Mund seiner Patienten zu reichen, und zu stolz, sich auf irgendwas zu stellen. Die Arme über den Kopf gereckt, tastet er blindlings an ihren Lippen herum, und gestern hat er Frau Fistelton statt auf die Zähne eine Krone auf das Kinn gesetzt. Inzwischen weigert sich mein Freund Monet, an etwas anderem als sehr, sehr großen Mündern zu arbeiten, und Seurat, der sehr launisch ist, hat eine Methode entwickelt, immer nur jeweils einen einzigen Zahn zu putzen, bis er "einen vollen, frischen Mund" erhält, wie er es nennt. Das hat baukünstlerische Solidarität, aber, ist es auch zahnkünstlerische Arbeit?

                           Vincent

Lieber Theo,
ich bin verliebt. Claire Memling kam letzte Woche zu einer Kontrolluntersuchung. (Ich hatte ihr eine Postkarte geschickt, auf der stand, daß sechs Monate seit der letzten Durchsicht vergangen seien, obwohl es erst vier Tage her war.) Theo, sie treibt mich zum Wahnsinn! Verrückt vor Verlangen! Ihr Gebiß! Ich habe nie so ein Gebiß gesehen! Ihre Zähne treffen perfekt aufeinander! Nicht wie die von Frau Itkin, deren untere Zähne über die oberen ungefähr drei Zentimeter vorragen, was ihr einen Unterbiß verleiht, der dem eines Werwolfs ähnelt! Nein! Claires Zähne schließen und passen! Wenn das geschieht, weiß man, es gibt einen Gott! Und doch ist sie nicht allzu vollkommen. Nicht so makellos, um uninteressant zu sein. Sie hat eine Lücke zwischen Neun und Elf unten. Nummer zehn hat sie in ihrer Jugend verloren. Plötzlich und ohne Warnung hatte er ein Loch. Er wurde ziemlich leicht entfernt (das heißt, er fiel ihr beim Sprechen raus) und nie wieder ersetzt. "Nichts hätte nummer zehn unten ersetzen können", sagte sie zu mir, "er war mehr als ein Zahn, er war mein Leben bis dahin." Über den Zahn wurde selten gesprochen, als sie älter wurde, und ich glaube, sie war nur deshalb gewillt, mit mir darüber zu sprechen, weil sie mir vertraut. Oh, Theo, ich liebe sie. Ich sah ihr heute in den Mund und war wieder wie ein junger, nervöser Zahnarztstudent, so daß ich ihr Tupfer und Spiegelchen in den Hals rutschen ließ. Später hatte ich meine Arme um sie geschlungen und zeigte ihr die richtige Art, sich die Zähne zu bürsten. Die süße kleine Närrin war gewohnt, die Bürste stillzuhalten und den Kopf von einer Seite zur anderen zu bewegen. Nächsten Donnerstag gebe ich ihr etwas Gas und bitte sie, mich zu heiraten.

                           Vincent

Lieber Theo,
Gauguin und ich hatten wieder eine Auseinandersetzung, und er ist nach Tahiti abgereist! Er war mitten bei einer Extraktion, als ich ihn störte. Er hatte das Knie auf Herrn Feldmanns Brust und die Zange am rechten oberen Backenzahn des Mannes. Es gab den üblichen Ringkampf, und ich hatte das Pech, hereinzukommen und Gauguin zu fragen, ob er meinen Filzhut gesehen habe. Gauguin wurde abgelenkt und lockerte den Griff um den Zahn, und Feldmann nutzte diesen Fehler aus, um aus dem Stuhl zu springen und aus dem Sprechzimmer zu fliehen. Gauguin bekam einen Tobsuchtsanfall! Volle zehn Minuten hielt er meinen Kopf unter den Röntgenapparat, und danach konnte ich mehrere Stunden lang nicht mit beiden Augen gleichzeitig zwinkern. Jetzt bin ich einsam.

                           Vincent

Lieber Theo,
alles ist aus! Da heute der Tag war, an dem ich vorhatte, Claire zu bitten, mich zu heiraten, war ich ein wenig nervös. Sie sah großartig aus mit ihrem weißen Organdykleid, dem Strohhut und dem Zahnfleischschwund. Wie sie so in dem Stuhl saß, den Absaugschlauch im Mund, brauste es mir im Herzen. Ich versuchte, romantisch zu sein. Ich machte das Licht dunkler und versuchte, das Gespräch auf fröhliche Themen zu lenken. Wir nahmen beide etwas Lachgas. Als der Augenblick richtig schien, sah ich ihr direkt in die Augen und sagte: "Bitte spülen." Und sie lachte! Ja, Theo! Sie lachte mich aus und wurde dann wütend! "Meinen Sie, ich könnte für einen Mann wie Sie spülen!? Das soll wohl ein Witz sein!" Ich sagte: "Bitte, Sie verstehen nicht." Sie sagte: "Ich verstehe sehr gut! Ich könnte niemals bei jemandem außer einem zugelassenen Zahnorthopäden spülen! Wahrhaftig, schon der Gedanke, ich könnte hier spülen! Lassen Sie mich!" Und damit lief sie weinend hinaus. Theo! Ich möchte sterben! Ich sehe mein Gesicht im Spiegel und möchte es zerschlagen! Es zerschlagen! Hoffe, dir geht es gut.

                           Vincent

Lieber Theo,
Ja, es ist wahr. Das Ohr im Schaufenster bei Gebrüder Fleischmann, Scherzartikel, ist meines. Ich nehme an, es war eine Torheit, aber ich wollte vorigen Sonntag Claire ein Geburtstagsgeschenk schicken, und alle Läden waren zu. Na ja. Manchmal wünsche ich, ich hätte auf Vater gehört und wäre Maler geworden. Das wäre nicht aufregend, aber wenigstens ein normales Leben.

                           Vincent

Quelle: Woody Allen - Ohne Leit kein Freud - Rogner & Bernhard

als Privatpatient zurück zur Praxis