Detlev
Kraack:
Monumentale
Zeugnisse der spätmittelalterlichen Adelsreise.
Inschriften
und Graffiti des 14.-16. Jahrhunderts.
(... kurze Zusammenfassung, die Buchveröffentlichung mit demselben Titel erschien im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (ISBN 3-525-82467-X)
Im Spätmittelalter zählte das
Reisen zu den Tätigkeiten, mit denen Adlige und Angehörige der
städtischen Oberschichten des gesamten Abendlandes Ruhm und Ehre gewinnen
konnten. Letztere wirkte gesellschaftlich konstitutiv, und so war die
‚Jagd nach Ehre’ ein ständiges Movens der damaligen Eliten; je
weiter der Weg in die Ferne führte, desto besser (‚mobiliora nobiliora’).
Hauptziele waren dabei die großen Wallfahrtsorte der Christenheit: das
Heilige Land mit Jerusalem, das Katharinenkloster auf dem Sinai, weiterhin
Santiago de Compostela und Rom. Daneben besuchte man aber auch andere Orte wie
den Mont St.Michel, das San Michele Heiligtum auf dem Gargano, den Heiligen
Nikolaus in Bari oder untergeordnete Heiligtümer längs des Weges.
Doch beschränkten sich die Routen der spätmittelalterlichen
Adelsreise keinesfalls auf diese sakralen Orte. Mindestens gleichberechtigte
Ziele stellten die Höfe der abendländischen Fürsten dar.
Daß daneben auch die Reise ins Bad und Aufenthalte an den großen
italienischen und französischen Universitäten, die gleichfalls zu
Orten regen gesellschaftlichen Miteinanders wurden, verstärkt an
Attraktivität gewannen, zeigt, daß sich hier verschiedene Spielarten
eines Phänomens überlagerten: Heidenfahrt, Pilgerfahrt, Adelsreise
und Kavalierstour stellen nur jeweils einzelne Aspekte des
spätmittelalterlichen Unterwegsseins dar. Daß es den edlen Herren
auch auf dem Weg ins Heilige Land oder nach Santiago de Compostela meist um
weit mehr als ihr Seelenheil ging, wird deutlich, wenn wir uns vor Augen
halten, daß sie an den Stationen ihres Weges ehrenvolle Zeichen ihrer
Anwesenheit hinterließen und einen beachtlichen repräsentativen Aufwand
trieben. So schlug man in Herbergen, in speziell dafür eingerichteten
Ehrenhöfen und selbst an den sakralen Zielorten der Reise sein Wappen an
oder hängte entsprechende Tafeln aus Holz bzw. Blätter aus Pappe oder
Papier mit Wappen und Namen auf. Wo dies nicht möglich war, ließ man
Wappen, Namen und Aufenthaltsdatum an die Wand malen oder nahm zu diesem Zweck
selbst Rötel, Kohle oder ein Ritzinstrument zur Hand. Unabhängig von
der technischen Ausführung war es wichtig, sich in der Ferne zu verewigen,
und zwar an möglichst exponierter Stelle und gut sichtbar für alle
nachfolgenden Reisenden.
Während von diesen Zeugnissen selbst
nur wenige Reste erhalten sind, gewinnen wir aus der schriftlichen
Überlieferung ein recht klares Bild von ihrer äußeren Erscheinung
und von der Intention, aus der heraus sie fern ab der Heimat hinterlassen
wurden. Daß diese ‚monumentalen Zeugnisse der
spätmittelalterlichen Adelsreise’ in der Tat von vielen anderen
gesehen und auch im Sinne ehrenvoller Zeichen interpretiert wurden, bezeugen
zum einen zahlreiche Stellen aus der zeitgenössischen Reiseliteratur und
Rechnungseinträge für Steinmetze und Wappenmaler, die man für
die Herstellung und für das Anbringen der ehrenden Zeugnisse bezahlte.
Daneben besitzen wir aber auch Texte, die sich kritisch über dieses adlige
Repräsentationsbedürfnis äußern, das selbst vor Orten wie
der Grabeskirche in Jerusalem nicht Halt machte. Wie das Reisen selbst stellt
auch die heraldische Repräsentation auf der Reise ein in unserem
Untersuchungszeitraum internationales Phänomen dar, das deshalb auch nur
mit einem Ansatz, der seine gesamteuropäische Dimension
berücksichtigt, voll erfaßt werden kann.
Obwohl sich durch die Kombination der
sehr fragmentarischen monumentalen Überlieferung und der Stellen aus den
schriftlichen Quellen eine regelrechte Typologie dieser größtenteils
verlorenen Quellengattung skizzieren läßt, hat sich die Forschung
bislang noch nicht intensiver mit diesen Zeugnissen auseinandergesetzt. So ging
es in der vorliegenden Arbeit zunächst einmal darum, das Phänomen
selbst genau zu fassen und eine Definition für die monumentalen Zeugnisse
der Reisenden zu finden, die sich im begrifflichen Spannungsfeld zwischen
Graffito und Inschrift bewegen. Weiterhin galt es, eifrig zu sammeln, um sich
einen Überblick über die Überlieferung zu verschaffen. Die
Ergebnisse dieser Suche, die sich weder auf Literatur noch auf systematische
Bibliographien stützen konnte, werden in zwei Katalogen dokumentiert, von
denen der eine geographisch und der andere chronologisch angeordnet ist.
Zunächst werden die inschriftlichen
Zeugnisse selbst präsentiert. Dabei geht die Untersuchung von
Zentraleuropa aus und wendet sich dann zunächst den Zeugnissen längs
des Weges ins Heilige Land und auf den Sinai zu. Während für den Weg
über die Alpen und von Vendig aus durch Adria und Ägäis sowie
für die Stationen Rhodos und Zypern nur indirekt in den schriftlichen
Quellen Überliefertes präsentiert werden konnte, war es in diesem
Zusammenhang für die Grabeskirche und den Abendmahlssaal auf dem Berg Zion
zu Jerusalem, für die Geburtskirche zu Bethlehem, für das
Katharinenkloster auf dem Sinai und für das Anthoniuskloster in der
Ägyptischen Wüste möglich, dort inschriftlich Erhaltenes mit
Photographien zu dokumentieren und zumindest für diesen Bereich
festzuhalten, was andernorts als verloren gelten muß.
In weiteren Abschnitten haben wir uns darum bemüht, anhand
der schriftlichen Quellen zu rekonstruieren, was auf dem Weg nach Santiago de Compostela
und an anderen Orten Westeuropas an ähnlichen Zeugnissen vorhanden gewesen
ist.
Um die Zeugnisse der
spätmittelalterlichen Reisenden einerseits besser in einen
größeren anthropologischen Zusammenhang einbetten, andererseits aber
gerade ihre charakteristischen Eigenheiten klarer herausarbeiten zu
können, haben wir bei der Dokumentation bisweilen auch Zeugnisse der
nachfolgenden Jahrhunderte berücksichtigt.
Da die monumentalen Zeugnissen selbst größtenteils
verloren sind, haben wir in einem zweiten Katalog die uns bekannten Stellen aus
der schriftlichen Überlieferung des 14. 19. Jahhrunderts zusammengestellt,
an denen von Wappenanschlägen und heraldischer Repräsentation auf der
Reise berichtet wird. Weiterhin haben wir dabei auch Quellen berücksichtigt,
in denen Reisende auf die Zeugnisse ihrer Vorgänger stießen und sich
bisweilen kritisch, bisweilen aber auch geradezu fachkundig mit ihnen
auseinandersetzten. Hier werden Auszüge aus Reiserechnungen,
Reiseberichten und anderer zeitgenössischer Literatur in chronologischer Folge präsentiert.
Ausgehend von der Dokumentation der
monumentalen Überlieferung selbst werden die Formen und die Inhalte der
inschriftlichen Zeugnisse systematisch untersucht. Neben Namen, Wappen und
Aufenthaltsdaten, die die Inschriftensetzer als Individuen hervortreten lassen,
können dabei auch bisweilen aufwendige Helmzierden, teilweise
verschlüsselte Devisen und Ritterordenszeichen identifiziert werden. Diese
Symbole sowie die Anordnung der Wappen und Namen zueinander lassen weitreichende
Rückschlüsse auf das Selbstverständnis der
spätmittelalterlichen Adligen zu. So können wir etwa Regeln einer
regelrechten ‚ikonographischen Grammatik’ ableiten, die
persönliche und soziale Beziehungen unter den Reisenden an die Wand
projiziert. Wappenschilde in unterschiedlicher Größe, in Anordnung
über bzw. untereinander und auch in Allianzstellung sowie kettenartige
Verbindungen zwischen verschiedenen Wappen sprechen hier eine ebenso deutliche
Sprache wie rahmende Ensembles von Ritterordenssymbolen und die kunstvolle
Wiedergabe von Helmzierden. Da wir davon ausgehen können, daß
zumindest ein Teil dieser Zeugnisse von den Reisenden selbst angebracht wurde,
sie aber zumindest über deren Ikonographie und Anordnung entschieden, bietet
sich hier ein ‚ungefilterter’ Zugriff auf die zeitgenössische
Mentalität. Wir erkennen, wie die Adligen sich selbst verstanden bzw. wie
sie von anderen gesehen werden wollten.
Bisweilen stellen die Inschriften sogar
die einzigen Belege dafür dar, daß ein Edelmann sich auf den Weg in
die Ferne gemacht hatte. In anderen Fällen ergänzen sie sich auf
geradezu ideale Weise mit dem, was wir aus den Reiseberichten erfahren. Zum
Teil ist es möglich, anhand der monumentalen Zeugnisse regelrechte
Itinerare von Reisdenden aufzustellen. So wird aus der Ikonographie der
Inschriften deutlich, in welcher Reihenfolge etwa bestimmte Höfe oder
Heiligtümer besucht wurden, weil die Inschriften sukzessive um
entsprechende Elemente ergänzt wurden.
Auch zu den Kosten für die monumentale Verewigung in der
Ferne können wir Angaben machen, obgleich sich hier lediglich generelle
Trends widerspiegeln: je exponierter der Ort desto teurer die Verewigung. Neben
Steinmetzen und Wappenmalern wird in den Reiserechnungen in einigen Fällen
die Rolle von Herolden als Vermittlern des heraldischen Wissens deutlich.
Die Tatsache, daß die
inschriftlichen Zeugnissen nicht nur von nachfolgenden Reisenden bewundert und
besonders dann, wenn es sich um Landsleute, Bekannte oder gar Verwandte
handelte in Ehren gehalten, sondern vor allem von Geistlichen heftig kritisiert
wurden, eröffnet uns die Möglichkeit, das Gesamtphänomen aus
verschiedenen Perspektiven zubetrachten. Anhand der ausführlichen Kritik
des Felix Fabri aus dem späten 15. Jahrhundert läßt sich eine
regelrechte Typologie dieser Quellengattung entwickeln.
Interessant für die Rezeption der Zeugnisse sind nun gerade
die Fälle, in denen es zu Mißverständnissen kam. Bisweilen sind
es durch kulturelle Eigenheiten bedingte Verständnisschwierigkeiten, die
die Zeitgenossen für unsere Untersuchung wichtige Details überliefern
lassen. So horchen wir etwa auf, wenn der Breslauer Patrizier Nikolaus von
Popplau im späten 15. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel erlebte,
wie die Spanier ihm aus Mitteleuropa vertraute Formen des Umgangs mit
heraldischen Symbolen nicht in der für ihn korrekten Weise verstanden.
Wie die monumentalen Zeugnissen neben dem mündlichen oder dem
schriftlich abgefaßten Bericht von der Reise dazu beitrugen, das Wissen
um die weiten, gefahrvollen und damit ehrenvollen Reisen eines Edelmannes zu
verbreiten, wird deutlich, wenn man sich deren Entstehungszusammenhang
systematisch verdeutlicht. Am Beispiel eines ‚idealtypischen
Reisenden’ versuchen wir, die spätmittelalterliche Adelsreise vom
Aufbruch in der Heimat bis zur Rückkehr aus der Ferne unter
Einschluß der sich daran anschließenden dokumentation der
Reisetätigkeit zu skizzieren. Dabei gilt unser spezielles Augenmerk der
Weitergabe von Informationen über die Reise, die nur dadurch zu einer ehrenvollen
werden konnte, daß man sich und seinem Gereistsein eine möglichst
große Öffentlichkeitswirkung verschaffte.
Fragt man nach dem kulturgeschichtlichen Ort, an dem das
Phänomen der heraldischen Repräsentation auf der Reise anzusiedeln
ist, so wird man bei den Wurzeln wohl insbesondere an die seit dem
Hochmittelalter überlieferte Gewohnheit denken dürfen, während
der Nacht an der Herberge oder an seinem Zelt den Schild mit dem Wappen
aufzuhängen. Daß man im Spätmittelalter statt auf die reale
Verteidigungswaffe auf Holz, Papp oder gar Papierformen zurückgriff macht
verschiedenerlei deutlich: zum einen erkennen wir einen Abstraktionsschritt,
durch den der Schild auf das Symbolische reduziert wurde. Außerdem
scheint der Repräsentationscharakter des Wappens zunehmend wichtiger
geworden zu sein. So hängte man den Schild zur Nacht auf, um ihn am
nächsten Morgen wieder abzunehmen, während man die mit relativ
einfachen Mitteln zu vervielfältigen Papp und Papierwappen an den Orten
längs des Weges hinterließ und damit eine relativ größere
Öffentlichkeit erreichte. Wie sehr dieses offensichtliche
Repräsentationsbedürfnis in die der Zeit vertrauten Formen
eingebunden war, wird dadurch deutlich, daß die erhaltenen Wappen als
Ensemble, aber vor allem auch in ihrer Ikonographie bisweilen den Charakter von
regelrechten ‚Wappenbüchern an der Wand’ haben.
Die
geradezu als anthropologische Konstante zu betrachtende Form der Verewigung mit
einem Graffito läßt einen weiteren Aspekt der monumentalen
Verewigung an exponierter und vor allem sakraler Stelle deutlich werden. Durch
das Hinterlassen des Wappens oder des Namens konnte man seine Anwesenheit auf
einer symbolischen Ebene über die Dauer der realen Anwesenheit hinaus
prolongieren. Machen Zeugnisse aus dem Bereich des Frühen und des Hohen
Mittelalters deutlich, daß es in dieser Zeit vor allem die sicher auch
mit magischen Vorstellungen verbundene verlängerte Anwesenheit an heilger
Stätte von großer Bedeutung war, so läuft dieses Phänomen nun zunehmend in heraldische Formen
gekleidet in ein auf
Verewigung an exponierter Stelle zielendes Repräsentationsbedürfis
hinaus.
Mit den Reisezielen ändern sich in
der Neuzeit die Orte der zunächst noch durchweg heraldischen
Repräsentation auf der Reise. Hier sind es nun nicht mehr so sehr die
exponierten Wallfahrtsziele sondern Universitäten, Höfe und
verstärkt Bäder, die zu Orten eines intensiven gesellschaftlichen
Miteinanders werden, und an denen man mit einer entsprechenden
Öffentlichkeit rechnen kann. Mit dem Ausklingen der klassischen Adelsreise
ist auch das von uns untersuchte Phänomen immer seltener in den Quellen
faßbar, bis es schließlich ganz erlischt. Abgesehen von gewissen
konstanten Elementen der Verewigung, die auf einer anthropologischen Ebene
anzusiedeln sind, verschieben sich hier die Phänomene. Bereits die
Zeitgenossen hatten darüber geklagt, daß die heraldische
Repräsentation zunächst innerhalb des um seine Existenz ringenden
Adels ausbreitete und zu einer regen Konkurrenz auf diesem Gebiet führte.
Als äußerst unpassend empfand man es, daß zunehmend auch
Nichtadlige diese originär adlige Verhaltensweise nachahmten. Elemente
davon haben sich nun allerdings nicht mehr in heraldischem Gewande zum Teil bis
heute erhalten.
Für die weitere Beschäftigung
mit dem Gegenstand wäre die gesamteuropäische Perspektive des
Phänomens weiter zu vertiefen. Vor allem die Iberische Halbinsel
dürfte hier ein lohnenden Untersuchungsziel darstellen. Weiterhin sollte
dem Umgang mit heraldischen Formen insgesamt mehr Aufmerksamkeit gewidmet
werden. Die bislang noch unzureichend bearbeiteten Erzeugnisse aus der Feder
von Herolden dürften manch neue Erkenntnis bringen. Neben den systematisch
ausgewerteten Reiseberichten, sollte auch die Rechnungsüberlieferung noch
stärker berücksichtigt werden. Hier dürfte den bislang doch sehr
fragmentarischen Kenntnissen über den Entstehungszusammenhang der
heraldischen Zeugnisse noch einiges hinzuzufügen sein, was das von uns
skizzierte Bild weiter verfeinern könnte.
Dr. phil. Detlev Kraack, Wissenschaftlicher Assistent für
Mittelalterliche Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der
Technischen Universität Berlin
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