Graffiti in der Literatur - von Schaefer-Wiery und Norbert Siegl

 

Susanne Schaefer-Wiery und Norbert Siegl

Graffiti in der Literatur (Teil 1)

Institutsinformation

Hinweise auf Graffiti findet man in den Printmedien in großer Menge immer wieder, in erster Linie im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung über die Sprayer-Szene, wo seit nunmehr schon Jahrzehnten die diversen "Lösungs-" Vorschläge dazu diskutiert werden und wo meist der negative Aspekt dieser Kulturform herausgegriffen wird.

Daneben sind Graffiti aber auch Bestandteil vieler literarischer Werke und es werden in Summe darin die vielfältige Möglichkeiten und Formen dieser Kommunikationsform deutlich. Hier soll nun eine kleine Auswahl vorgelegt werden, die fortlaufend aktualisiert wird.

Kontakt:
Institut für Graffiti-Forschung
...zur website des Instituts für Graffiti-Forschung 


Marquez, Gabriel Garcia:

Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Dtv-Taschenbuch:

S. 258 und

S. 314: ... er malte auf den Venushügel der schönen Täubnerin einen Pfeil, der blutend nach Süden zeigte und schrieb ihr auf den Bauch: das ist meine Muschi...


Morgan, Marlo,

1998: Traumfänger. Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines. München: Goldmann

S. 151: .... Weil sie über keine Schriftsprache verfügen, wird ihr Wissen durch Lieder und Tänze von Generation zu Generation weitergegeben. Jedes historische Ereignis läßt sich durch Zeichnungen im Sand, durch ein Theaterspiel oder Musik schildern. Um die Erinnerungen lebendig zu halten, musizieren sie eigentlich jeden Tag. Es würde fast ein Jahr dauern, wenn sie ihre ganze Geschichte erzählen wollten. Wenn man dann noch jedes einzelne Ereignis aufmalen und diese Gemälde in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden ausbreiten würde, hätte man eine Weltkarte der letzten Jahrtausende. ...

S. 209, Kapitel 24, "ARCHIVE":

Am nächsten Morgen erlaubten sie mir, den Teil der Höhle zu sehen, den sie Zeitbewahrung nannten. Die Stammesangehörigen hatten eine Art Schacht aus Steinen errichtet, durch den das Sonnenlicht hereinfiel. Nur einmal im Jahr scheint die Sonne ganz direkt und in einem bestimmten Winkel durch diesen Schacht. Dann wissen sie, daß ein ganzes Jahr vergangen ist, seit sie zum letzten Mal diesen Sonnenstand verzeichneten. Dies ist auch der Zeitpunkt für eine große Feier, bei der die Zeitbewahrerin und die Erinnerungsbewahrerin besonders geehrt werden.

An diesem Tag vollziehen die beiden Archivarinnen ihr jährliches Ritual. Sie bedecken die Felsen mit einem Wandgemälde, das alle bedeutenden Ereignisse der vergangenen sechs Jahreszeiten der Aborigines zeigt. Alle Geburten und Todesfälle sowie andere wichtige Beobachtungen sind unter Angabe des Tages, der Jahreszeit und des jeweiligen Standes von Sonne und Mond verzeichnet. Ich habe über einhundertsechzig dieser Zeichnungen gezählt. So erfuhr ich auch, daß das jüngste Stammesmitglied dreizehn Jahre alt sein mußte und vier Leute in der Gruppe über neunzig waren.

Damals wußte ich noch nicht, daß die australische Regierung an irgendwelchen Atomversuchen teilgenommen hatte — bis ich es auf der Felswand verzeichnet sah. Die Regierung hatte wahrscheinlich keine Ahnung, daß in der Nähe des Testgeländes Menschen lebten. Auch die Bombardierung der Stadt Darwin durch die Japaner war auf der Wand geschildert. Ohne die Hilfe von Stift und Papier wußte die Erinnerungsbewahrerin, in welcher Reihenfolge die einzelnen wichtigen Ereignisse aufzuführen waren. Als mir die Zeitbewahrerin erklärte, daß sie die Verantwortung für das Meißeln und Malen trug, war so viel Freude in ihrem Gesicht zu sehen, daß ich glaubte, in die Augen eines Kindes zu blicken, dem man gerade ein besonderes Geschenk gemacht hat. Beide Frauen waren schon recht alt. Ich war überrascht, daß es in unserem Kulturkreis so viele alte Leute gibt, die vergeßlich, uninteressiert, unzuverläßlich und senil sind, während die Leute hier draußen in der Wildnis mit jedem zusätzlichen Jahr nur noch weiser werden, weshalb ihre Meinung auch in jeder Diskussion geschätzt wird. ...

S. 212: ... Später an diesem Tag erfuhr ich im Zeitbewahrungsteil der Höhle, daß die Aborigines die Erfinder der Sprühfarbe sind. Ihrer großen Sorge um die Umwelt entsprechend, benutzen sie keine giftigen Chemikalien. Sie haben sich geweigert, mit der Zeit zu gehen, und deshalb haben sie noch heute dieselben Methoden wie vor 1000 Jahren. Sie malten einen Teil der Felswand mit Hilfe der Finger und einem Pinsel aus Tierhaar tiefrot an. Nach ein paar Stunden war diese Schicht getrocknet, und sie brachten mir bei, wie man aus weißer Tonerde, Wasser und Eidechsenöl weiße Farbe herstellt. Wir benutzten ein flaches Stück Baumrinde, um die Mixtur anzurühren. Als sie die richtige Konsistenz zu haben schien, falteten sie die Rinde zu einem Trichter, und ich ließ die Farbe in meinen Mund laufen. Es fühlte sich etwas ungewöhnlich an, aber die Farbe war fast geschmacklos. Als nächstes legte ich die Hände auf die rotbemalte Wandfläche und spuckte die Farbe um meine Finger herum. Schließlich entfernte ich meine vollgespritzten Hände, und da war er — ein Handabdruck der "Veränderten" auf der heiligen Wand. Es hätte keine größere Ehre für mich bedeutet, wenn mein Gesicht in der Kuppel der Sixtinischen Kapelle verewigt worden wäre.

Ich verbrachte einen ganzen Tag mit dem Studium der Eintragungen auf der Wand. Sie hatten die Herrscher England registriert, die Einführung der Geldwirtschaft, das erste Auto, das ihnen zu Gesicht kam, ein Flugzeug, den ersten Düsenflieger, die Satelliten, die über Australien kreisten, Sonnenfinsternisse und sogar soetwas wie eine fliegende Untertasse, in der "Veränderte" saßen, die noch veränderter aussahen als ich! Einige der Zeichnungen waren nach Augenzeugenberichten früherer Zeit- und Erinnerungsbewahrer entstanden, aber andere zeigten Ereignisse, von denen die Kundschafter, die in zivilisierte Gebiete geschickt worden waren, erzählt hatten. ...


Lion Feuchtwanger berichtet in "Die Geschwister Oppermann" von einem riesigen Hakenkreuzgraffito am Nordseestrand, dort in den Sand geschrieben...

Feuchtwanger Lion, Jud Süß:

FTB, 1976, S. 210:

...Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums. Es war wie eine Geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall im Land, hatten die Bauern in ihre Äcker, Wiesen, Gärten mit Kornblumensamen, mit Mohn und Kleesamen, aber auch mit den Samen edlerer Blumen Schriftzeichen gesäht. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügten Buchstaben und mit zierlich gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit Kornblumen, gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr künstlich: "Süß Saujud". Oder auch: "Josef Süß Saujud und Verderber."...

siehe auch S. 211


Evangelium nach Johannes:

8,6: "Das sagten sie, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie einen Grund hätten zur Anklage gegen ihn. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde." (...)

7,8: "... und er bückte sich abermals und schrieb auf die Erde."


Mauthe, Jörg: Die große Hitze. Edition Atelier

S. 149: (Die Hauptfigur des Romans (Tuzzi) geht in die Alserkirche, gegenüber dem Allgemeinen Krankenhaus)...

Tuzzi schlenderte, nicht erleichtert, durch den anschließenden Keuzgang, dessen Wände von einer langen und offenbar bisweilen erfolgreichen Heiligenverehrung zeugten, denn einige Wände waren dicht bekleidet mit gleichförmigen Marmortafeln, steinernen Beglaubigungen gnädiger Heiligenhilfe. Die meisten stammten noch aus den Zeiten der Monarchie und sagten ihren Dank in vielen Sprachen: Dzienkuje, sv. Antonius, Grazie, San Antonio, Danke, heiliger Antonius, vielen Dank und hilf weiter, Köszenem szépen, Szent Antal.

Es gab aber auch Tausende Inschriften jüngeren und jüngsten Datums, an weiße Mauerteile mit Bleistift und Kuli, auch mit Lippenstiften hingekritzelte Stoßgebete aus großer Leib- und Seelenbedrängnis. "Heiliger Antonius. Bitte hilf mir, laß mich nicht mit meinem Kind stehen, führe ihn zur Einsicht, ich halte es so nicht mehr aus" stand da und "L.H.Antonius, hilf mir doch zu einem Baby!" und kaum eine Spanne weiter in anderer Schrift: "Heiliger Antonius, gib, daß ich kein Kind krieg"!".

Die Nähe des großen Krankenhauses und des Landesgerichtes machten sich in vielen Hilferufen geltend: "Hilf mir, ich ertrage den Schmerz nicht länger" und "Bitte, schütze mich in meinem Prozes daß ich nicht schuldig gesprochen werde, bitte filmals".

Dem Legationsrat begann’s vor den Augen zu schwimmen, und nach einer Weile überwältigten ihn diese Hilferufe aus den kleinen Höllen des Alltags, die keinerlei auf administrativem Wege versuchte Schicksalsabschaffung je löschen wird, ja er genierte sich fast, weil er gelesen hatte, was eigentlich einem Heiligen zugeflüstert bleiben sollte. ...


Zenker, Helmut: Kottan ermittelt — Der vierte Mann. R. Piper, München, 1987:

S. 20: In einem Café bei der Oper rede ich mit einem Werbetexter über Zahnpastareklame. "man sollte einen Vampir engagieren", sage ich, "der versteht was von Zähnen." Auf den Kacheln der Klowand steht in Blockbuchstaben: Onanie ist Massenmord, Pater Brown. Darunter: Massenmord ist schön, Himmler. Und auf der Tür zur Küche hängt immer noch die Notiz fürs Personal: Kommen Sie von der Toilette? Haben Sie sich auch die Hände gewaschen? ....

S. 166: (Graffiti, U-Bahn Karlsplatz.) Wer nichts weiß und wer nichts kann, geht zur Post und Eisenbahn. Wer außerdem ein Arschloch ist, der meldet sich als Polizist.

S. 196: Schrammel hat den zweiten Satz auf der U-Bahn-Toilette zweimal eigenhändig übermalt. Die Schrift ist immer wieder erneuert worden. Wie das Zeichen des österreichischen Widerstands an der Mauer der Stephanskirche das auch immer wieder nachgeritzt wird.


Lodge, David: Saubere Arbeit. Heyne Allgemeine Reihe, Nr. 01/8871, 1994:

S.77: Robyn sieht von ihrem Skript hoch und läßt den Blick über ihre Zuhörer gehen. Manche schreiben hektisch jedes Wort mit, andere mustern sie spöttisch, kauen an ihren Stiften, und diejenigen, die schon zu Anfang gelangweilt dreingesehen haben, schauen jetzt mit leerem Blick aus dem Fenster oder schnitzen emsig ihre Initialen in die Hörsaaleinrichtung.

S. 257, 258: ... Erhitzt und erregt von ihrer Vision breitete sie weit die Arme aus. "Wir müßten die Wachmänner und die Schranken am Tor abschaffen und das Volk hereinlassen." "Ein hübscher Gedanke" sagte Vic. "Aber dann hätten Sie im Umsehen Graffitis an allen Wänden, die Toiletten wären verwüstet und die Bunsenbrenner geklaut." ...

 

Lodge, David: Therapie. Heyne Allgemeine Reihe. Nr. 01/10492, 1998:

S. 269, 270: ... Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen und mein erster Gedanke am Morgen galt ihr. Wenn sie — was selten geschah — später als gewöhnlich oben an der Beecher’s Road in Sicht kam, ließ ich meine Straßenbahn wegfahren und riskierte, zu spät zur Schule zu kommen (zwei Stockhiebe), um mir ihren Anblick nicht entgehen zu lassen. Es war eine durch und durch romantische, völlig selbstlose Verehrung — Dante und Beatrice in der Vorstadt. Niemand kannte mein Geheimnis, und selbst auf der Folter hätte ich es mir nicht entlocken lassen. Ich mußte mich zu dieser Zeit mit den üblichen hormonellen Umstellungen herumschlagen, wurde überschwemmt und geschüttelt von körperlichen Veränderungen und Empfindungen, mit denen ich nicht umgehen, die ich nicht benennen konnte — Erektionen und nächtliche Ergüsse und Körperbehaarung und vieles anderes mehr. Aufklärung war im Lehrplan unserer Schule nicht vorgesehen, und Mum und Dad sprachen, ganz der puritanisch-repressiven Tradition der Arbeiterklasse verhaftet, nie über das Thema. Natürlich kursierten auf dem Schulhof die üblichen schmutzigen Witze und Großtuereien, dazu gab es entsprechende Illustrationen an den Wänden der Klos, aber den Wissenden Informationen zu entlocken, ohne die eigene beschämende Ahnungslosigkeit zu enthüllen, war nicht ganz einfach. Meine Aufklärung besorgte ein Mitschüler in der Mittagspause, als wir von einem verbotenen Besuch in einem Fish-and-Chips-Shop zurückkamen. "Wenn dein Pimmel steif wird, steckst du ihn in den Schlitz von einem Mädchen und spritzt dir einen ab." Das war nun zweifellos eine reizvolle und aufregende Vorstellung, aber in Verbindung mit dem Engel, der jeden Tag die Beecher’s Road hinabschwebte, um sich an meiner stummen Anbetung zu freuen, verbot ich mir solche Gedanken als unrein, ja schmutzig.

 

Lodge, David: Schnitzeljagd. Ullstein Buch Nr. 20836, 1993:

S. 20: ... In der dritten Reihe knobelte einer verstohlen am Kreuzworträtsel der Times herum, und mindestens drei Zuhörer schienen zu schlafen. Jemand — vermutlich ein Student — hatte tief und kräftig, wie einer, dem endgültig der Geduldsfaden gerissen ist, das Wort "Doof" in das Pult geritzt, an dem Persse saß. Ein anderer hatte die Mitteilung Swallow ist ein Wichser eingekratzt. Persse sah keine Veranlassung, einem dieser Urteile zu widersprechen. ...

S. 46, 47: ... "Nein, als wir hörten, daß es den Gestiefelten Kater gab und nicht König Lear, sind wir statt dessen in ein Pub gegangen. Robin wollte noch weiter in eine Disco, aber ich habe gesagt, daß ich hier verabredet bin. Ich bin da. Wo ist das Gedicht?"

"Es besteht nur aus einem Wort", sagte Persse, ein wenig besänftigt durch diese Erklärung. "Aber es ist das schönste Wort der Welt. Und man kann es nur im Dunkeln lesen." Er führte Angelica auf den verglasten Durchgang und zeigte ihr die Aussicht. "Da unten", sagte er. "Am See"."

Blendend warf die schneebedeckte Landschaft das Licht des fast vollen Mondes zurück, der jetzt hoch am Himmel stand. Der Rasen, der von Rand des künstlichen Sees aus leicht anstieg, war eine weite, weiße Fläche, auf der Fußspuren, die tagsüber langsam angetaut waren, in riesengroßer, zittriger Schrift einen Namen bildeten: ANGELICA.

"O Persse", flüsterte sie. "Was für ein wunderschöner Einfall. Ein Erdgedicht."

"Ich hätte es eher ein Schneegedicht genannt."

"Ich dachte an Erdkunst, diese meilenlangen Zeichnungen, die man nur vom Flugzeug aus richtig würdigen kann."

"Im Grunde ist es auch ein Sonnengedicht und ein Mondgedicht, denn die Sonne hat den Schnee in meinen Fußspuren geschmolzen, und der Mond hat sie beleuchtet, damit du sie sehen kannst."


Richler, Mordecai: Solomon Gursky war hier. Carl Hanser Verlag:

S. 569, 570:

Als Moses die Berliner Tagebücher von Baron Theodor von Lippe las, stieß er zu seiner Verblüffung zufällig auf folgenden Eintrag:

18.Mai 1944

Berlin wird systematisch zerstört und mit einem Bombenteppich überzogen oder, wie die Alliierten es nennen, flächendeckend bebombt. Die Menschen sind dazu übergegangen, mit Kreide Botschaften auf die geschwärzten Mauern der eingestürzten Häuser zu schreiben: "Liebster Herr Kunstler, lebst du noch? Ich suche dich überall, Clara." "Mein Engelchen, wo bleibst du? Ich bin in großer Sorge. Dein Helmut." ...

S. 590, 591:

Barney nahm ihm die Sprühdose aus der Hand. Er zielte auf den Aufkleber an der Wand, auf dem "Wir wollen Moschiach jetzt" stand, strich die Worte durch und sprühte auf eine freie Stelle: "Wir wollen McTavish jetzt".


©ifg, 2002

mail an das Institut für Graffiti-Forschung