An die Wand gemalt...

...wurde schon immer; ob Höhlenmalerei, Wandinschriften an alten antiken Stätten, reich bemalte ägyptische Grabstätten, die Bibel illustrierende Bildzyklen an Decken und Wänden von Kirchen oder heutige, "moderne" graffiti. Versucht man, die Geschichte des Graffiti zu beleuchten, wird zunächst deutlich: die Wand wurde und wird als Kommunikationsforum benutzt - denn Graffiti ist Ausdrucksform.
So wurde schon sehr früh mit dem Malen oder Ritzen an Wänden begonnen. Beispielsweise findet man in Höhlen oft Tierdarstellungen. Diese dienten vermulich der Verehrung sowie dem rituellen Bannen von Gefahren bei der Jagt der dargestellten Tiere, die -erlegt- das Überleben der Gruppe sicherten.

Das Bedürfnis, den eigenen Namen an berühmten, sehenswürdigen Orten zu verewigen, beschehrte dieser Mauer im Trierer Dom eine ganze Reihe von Inschriften.
Im antiken Athen war es Sitte, auf Tonscherben öffentlich Anklage gegen jederman zu erheben. Die Wände des in Lava untergegangenen Pompei (79 n. Chr.) sind für Archäologen und Kulturhistoriker eine wahre Fundgrube. Kritzeleien, Texte, Schmäh- und Sinnschriften, Anschläge für Wahlen bis hin zu anzüglichen Zeichnungen wurden hier reichlich entdeckt. Später konnte man solcherlei an Wänden von Schenken, Kerkern und öffentlichen Orten finden, und natürlich auf Schulbänken und in den berüchtigten Karzern.

Eines der wohl bekanntesten "Zeichen an der Wand" ist der Fisch. Zu Zeiten der Christenverfolgungen im Römischen Reich benutzten Anhänger des Christentums dieses Symbol zur Identifikation untereinander. (1)
Im Italien des 14. Jh. war es verbreitet, Verurteilte und Hingerichtete auf Wänden des Gerichtsgebäudes oder anderer kommunaler Gebäude darzustellen, z.T. verbunden mit der Tötungsart. Auftraggeber hierfür waren oft die Behörden selbst. Mit einer solchen Zeichnung war der Verlust der Ehre verbunden - die Schande wurde öffentlich. Aber es war auch eine Demonstration der Machtverhältnisse.
Rom um 1500: hier war das Anbringen von Zetteln mit bissigen, gegen die Obrigkeit gerichteten Versen am pasquino, einem antiken Statuenfragment, durchaus nicht ungewöhnlich. Auch Zeichnungen und Karikaturen waren zu finden. Dies setzte sich in den italienischen Staaten der Renaissance fort. Es gab öffentliche Kummerkästen und Wände voller Zettel mit Gebeten, Klagen usw. Auch hier nutzte man die Wand als Ventil, um Mitteilungen, Witze, Verunglimpfungen und Spott loszuwerden. Das bis heute benutzte "schwarze Brett" dürfte hier seinen Ursprung haben.
Die gemalte Dekoration an Häusern war ebenfalls verbreitet und wurde in bestimmten Regionen Süd- und Mitteleuropas ausschweifend betrieben. So stellte man Besitz und Status dar. Die Ausgestaltung der Hausfassade war nicht zuletzt einem Repräsentationsbedürfnis geschuldet, was Hausbesitzer in einen regelrechten Wettstreit führte. Aber auch behördliche Auflagen oder der Wunsch, die eigene Stadt zu verschönern waren Gründe für geschmückte Fassaden.
Selbst Goethe erwähnte in seinem Werk "Dichtung und Wahrheit" die Darstellung eines Spottbildes in Frankfurt/Main. An ein Brückentor, das den Eingang zur Judengasse bildete, war die "Judensau" gemalt. Da sich die Zeichnung über mehrere Jahre hielt, kann man sie auch als Ausdruck damaliger politischer Verhältnisse verstehen.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie Inschriften auf Wänden zum Mittel bzw. Ziel politischer Auseinandersetzungen werden können, ist die Signatur Francos an der Wand der Universität in Salamanca. Es ist bei den Absolventen der Universität Tradition, sich an der Wand zu verewigen. Die Inschrift des späteren spanischen Diktators ist immer wieder Ziel von Farbbeuteln.
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Begriffsbildung und Technik
Das Wort Graffiti kommt ursprünglich aus dem Griechischen: "graphein" = schreiben.
Im Italienischen wandelte sich der Begriff von "graffiare" (kratzen) über "sgraffito" zu "graffito", wobei letztlich zwischen sgraffito und graffito kein Unterschied mehr bestand. Mit sgraffito wurde zunächst eine Form der Fassadengestaltung bezeichnet. Dabei trug man zuerst einen dunkelfarbigen Putz auf die Wand auf. Darüber kam eine Schicht helleren Putzes, auf dem auch die Skizze gezeichnet wurde. Dann kratzte man entlang der Vorlage die obere Putzschicht ab und der dunkle Untergrund erschien. Häufig verwendete Motive waren Ornamente, Figuren, ermahnende und belehrende Inschriften sowie Themen der Griechischen Mythologie und Geschichte, die den Hausherren als Gelehrten auswiesen.
Mitte des 19.Jh. erfuhr der Begriff einen Bedeutungswandel. Der Aspekt des technischen Verfahrens (das Kratzen) wurde verdrängt. Stattdessen bezeichneten Archäologen und Altertumsforscher jetzt alle möglichen Kritzeleien und Ritzzeichen als Graffiti. Vorallem aber das Inoffizielle und Unübliche wurde so benannt. Heute werden auch legale Wand- und Leinwandbilder als Graffiti bezeichnet. Wie die Bedeutung des Wortes änderten sich auch Werkzeuge und Materialien. Angefangen bei Griffel und Kratzeisen, über Kohlestift und Pinsel verwenden writer heute Marker (Filsstift), Sprüdosen und Airbrush. (2)
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Eine Randerscheinung?
Auch Künstler nahmen sich des Phänomens an. Seit der französischen Revolution rückten Graffiti immer mehr ins Blickfeld. Die berühmte Wandaufschrift "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" war damals häufig zu sehen.
In Frankreich um 1830, vorallem in Paris, nahmen sich Künstler der harten Lebensumstände der "Gamins" an, Pariser Straßenjungen, deren Markenzeichen das Graffiti war. Victor Hugo befaßte sich in "Die Elenden" mit der Rolle des Graffiti für die Gamins. Die Künstler zeigten zum einen damit ihre Symphatie gegenüber der Gewitztheit armer Leute. Andererseits machten sie auf krasse soziale Mißstände aufmerksam.

Um die Jahrhundertwende (1900) begannen Gesellschafts- und Sprachwissenschaftler, Sammlungen mit Toilettensprüchen anzulegen und in der Münchner Zeitschrift "Antropophyteia" zu veröffentlichen. Sie hofften, so Erkenntnisse über das menschliche Wesen zu erlangen.
Heinrich Zille als Milieuzeichner Berlins, selbst aufgewachsen im proletarischen Milieu dieser Stadt, räumte dem Graffiti viel Raum ein. Auch er nutzte in seinen Bildern graffiti für politische Botschaften bis hin zu Wahlkampfslogans.
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