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KOMMUNE I IN BERLIN Damals, wann war das eigentlich? Damals, war es der 6. April oder der 2. Juni 1967? Wem sagen diese Daten heute noch etwas? Sicherlich, einige "Ewigzeit-Studiosi", die bereits anno 67/68 an der Freien FU-Berlin die Hörsaalbank drückten und so etwas wie politisches Bewußtsein für sich verzeichnen konnten, am öffentlichen Leben aktiv teilnahmen, denen kommen heute nostalgische Gefühle hoch, wenn sie wehmütig an die damalige Zeit zurückdenken. Auch diejenigen unter uns, die heute in gesicherten Beamtenpositionen ihr Sitzfleisch abrunden und mit ihren "Jugendsünden" nichts mehr zu tun haben wollen, wollen sich nur ungern an diese wilde Zeit erinnern. Natürlich stellt sich einem heute die Frage, warum gerade 67/68, warum nicht 47/48 oder 87/88. Nun, in den 40er Jahren hatten die Deutschen andere Sorgen als sich mit schlagsahne- gefüllten Plastikbeuteln, mit freier Kohabitation und Orgasmusschwierigkeiten zu befassen. Damals ging es zwar auch um "Nacktes", aber eher ums nackte Überleben. Und 87/88 war es wohl auch für "Petting statt Pershing" schon zu spät. Vietnam war wieder Vietnam und auch Mao, Marcuse und Ho Tschi Minh gerieten zunehmend in Vergessenheit. Diese Artikel, die ich aus verschiedenen Quellen zusammengetragen habe, sollen dazu beitragen, diese heute in Vergessenheit geratene Zeit wieder etwas zu beleuchten. "Man kann die Wahrheit des Marxismus in einem Wort zusammenfassen: Rebellion ist gerechtfertigt". So stand es einst in dicken Kreidelettern auf der Wandtafel des Polit-Büros des SDS".
"Der nach Aussagen seiner Professoren hochbegabte FU-Doktorand stammt aus Luckenwalde in der Mark. Als engagiertes Mitglied der evangelischen "Jungen Gemeinde" verweigerte er den Wehrdienst in der NVA, und die SED verweigerte ihm dafür die Zulassung zum Studium. Am 10. August 1961, drei Tage vor dem Mauerbau, floh Dutschke in den Westen Berlins, wo er mit seiner Ehefrau, einer Theologie-Studentin namens Gretchen, ein Wilmersdorfer Hinterhaus bewohnte.... Zwei Gruppen von SDS-Studenten wollten Dutschkes Dogma in die Praxis umsetzten. Die eine, Polit-Kommune genannt, diskutiert die These ihres Theoretikers, nach der "eine Kommune so funktionieren muß, daß durch sie tendenziell die Gesamtgesellschaft umgewälzt werden kann". Die andere, als "Horror-Kommune" oder Kommune I bekannt, sucht die neue Form der Freiheit in der Auflösung aller privaten Verhältnisse. In dieser Kommune hausen auch die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel, die durch spektakuläre Aktionen auf sich und den saturierten Wohlfahrtsstaat aufmerksam machen wollten." (Der Spiegel, 1967, Nr. 24, S.47-48, Berlin, Studenten, Nein, nein, nein) Bereits 1964 ermittelte Professor von Friedeburg in einer soziologischen Erhebung die Bereitschaft von 26 Prozent der FU-Studenten, "politisches Engagement in einer kritischen Situation" zu demonstrieren - ein doppelt so großer Prozentsatz wie im Durchschnitt aller westdeutschen Hochschulen. Was die Neu-Berliner unter politischem Engagement verstanden, bekamen Universität und Öffentlichkeit bald zu spüren. (Der Spiegel, 1967, Nr. 24, S.54-55, Berlin, Studenten, Nein, nein, nein) Hier eine kurze Chronik der Ereignisse 18. Dezember 1964: Mehrere hundert Studenten protestierten vor dem Schöneberger Rathaus gegen den damaligen Kongo-Premier Moise Tshombe. Schlachtruf: "Lumumba-Mörder". 7. Mai 1965: Zum erstenmal rotten sich im Henry-Ford-Bau der FU 500 Studenten zu einem Protest gegen ihren Rektor, damals Prof. Herbert Lüers, zusammen. Lüers hatte Hausverbot gegen den vom AStA eingeladenen Reporter Erich Kuby verhängt. 16. Juli 1965: 800 Studenten fordern auf einer Vollversammlung aller Fakultäten den Rücktritt von Lüers, der den Vertrag des Politologie-Assistenten Dr. Ekkehart Krippendorff wegen angeblichen Loyalitätsbruchs nicht verlängert hatte. 5. Februar 1966: Erster Straßenkrawall von FU-Studenten; weil der neue Rektor, Professor Lieber, aus "bau- und feuerpolizeilichen Gründen" ein Vietnam-Forum auf dem Universitäts- gelände untersagt, ziehen 1500 Studenten in einer genehmigten Demonstration mit Spruch- bändern ("Amis raus aus Vietnam") durch die Innenstadt. Als einige Dutzend Demonstranten ausscheren, um das Sternenbanner vor dem Amerika-Haus auf Halbmast zu setzen, greift die Polizei zum Knüppel. 22. Juni 1966: 3000 Studenten inszenieren - nach amerikanischem Vorbild - erstmals an der FU ein Sit-in, einen Sitzstreik. Damit protestieren sie gegen die Weigerung des Akademischen Senats, den Studenten fortan Universitätsräume für politische Veranstaltungen zu überlassen. Studenten-Plakat: "Libertas nicht Liebertas". 28. November 1966: Auf dem Wittenbergplatz vereinigen sich 1200 Studenten mit politisch Gleichgesinnten aus der Bevölkerung, um gegen die Beteiligung der SPD an der Großen Koalition zu demonstrieren: "Wer macht uns frei? Eine neue Arbeiterpartei." 10. Dezember 1966: Etwa 1000 Studenten beteiligen sich an einer (polizeilich nicht genehmigten) Vietnam-Demonstration auf dem Kurfürstendamm. Die Polizei nimmt 74 Teilnehmer fest. 17. Dezember 1966: 200 SDS-Anhänger inszenieren auf dem Kurfürstendamm eine Spaziergang-Demonstration gegen die Polizei. 85, zumeist unbeteiligte Passanten werden festgenommen. Der Berliner Senat: "Berlin braucht keine Provos".28. Januar 1967: 1500 Studenten ziehen mit polizeilicher Genehmigung und polizeilich beschützt über den Kurfürstendamm, um gegen "Polizei-Willkür" zu protestieren. Mitmarschierer ist der Schriftsteller Günter Graß der ein Schild vor der Brust trägt: "Tausche Grundgesetz gegen Bibel". Februar 1967: Die Wohngemeinschaft "Kommune I" wird gegründet. 5. April 1967: Die Polizei arretiert elf Mitglieder der "Horror-Kommune" in der Mehrheit Studenten und SDS-Mitglieder, weil sie mit Rauchkerzen und Pudding nach Ansicht der Polizei "Anschläge gegen das Leben oder die Gesundheit des US-Vizepräsidenten Humphrey geplant" hatten. 6. April 1967: 2000 Studenten demonstrieren vor dem Charlottenburger Schloß und dem Berliner Springer-Hochhaus an der Mauer gegen den Berlin-Besuch Hubert Humphreys und die amerikanische Vietnam-Politik. Sprechchöre: "Vize-Killer" oder "Ho Ho Ho Tschi Minh". Funkwagen der Polizisten, die 24 Protestanten festnehmen, werden mit Murmeln bombardiert. 24. Mai 1967: Mitglieder der Kommune I verteilen Flugblätter mit der Überschrift "Wann brennen die Berliner Kaufhäuser". Zuvor hatte in Brüssel das Kaufhaus "A lInnovation" (322 Tote) gebrannt. 2. Juni 1967: Tod des Studenten Benno Ohnsesorg anläßlich einer Demonstration gegen Schah Resa Pahlewi. Fritz Teufel wird inhaftiert, da zwei Polizisten ihn beschuldigten, einen Ordnungshüter durch Steinwürfe schwer verletzt zu haben. Juli 1967: Prozeß gegen Rainer Langhans und Fritz Teufel. (Der Spiegel, 1967, Nr. 24, S.54-55, Berlin, Studenten, Nein, nein, nein)
Die Öffentlichkeit wurde am 6. April 1967 durch die Schlagzeilen der "Springer-Presse" aus ihrem Nachkriegsschlaf gerüttelt. "Bild-Zeitung", "Nacht-Depesche", "Mittag" und "Telegraf" meldeten ein Bombenattentat auf den US-Vizepräsidenten Humphrey.
Die Berliner Kommunarden hatten sich vorgenommen, den US-Vizepräsidenten H. Humphrey gebührend zu empfangen. Der "Spiegel" schreibt dazu: "Es war im Grunewald, bei Abenddämmerung. Fünf Unheimliche schlichen über eine Lichtung des Berliner Forstgeheges. Rauchschwaden stiegen auf. Pudding tropfte von Bäumen. Dann entfernten sich die Gestalten; sie gingen in die S-Bahn-Schenke Nikolassee und bestellten eine Lage Bier. Fünf andere Personen hockten zur gleichen Zeit - am Mittwochabend letzter Woche - in einer Dachkammer des Hauses Niedstraße 14 im West-Berliner Wohnbezirk Friedenau. Sie hantierten mit Büchsen und Beuteln. Auf einer Küchenwaage maßen und mischten sie küchenfremde Chemikalien: Ammoniumchlorid, Kieselgur und einen Farbstoff namens "Sudan II". Dann schlug Berlins Politische Polizei zu - an beiden Tatorten gleichzeitig. Elf Personen, so meldete der Polizeibericht, seien verhaftet worden, "die unter verschwörerischen Umständen zusammengekommen" seien und "Anschläge gegen das Leben oder die Gesundheit des US-Vizepräsidenten Humphrey" geplant hätten. Tatsächlich hatten sich die elf gegen den Johnson-Vize - der anderntags bei der Berlin-Durchreise von 5000 Schupos, 80 US-Geheimdienstmännern und einem US-Hubschrauber beschützt wurde - verschworen. Freilich: Nicht Sprengstoff, nicht "Granatenähnliches" ("Welt") hatte das düstere Komplott vernehmlich machen sollen. Die Tatwerkreuge waren weniger brisant: Bomben aus Rauch und Rahm. Die Idee, den US-Reisenden mit schlagsahnegefüllten Plastikbeuteln und detonierendem Rauch-Werk zu erschrecken, wurde in einer Sozietät hervorgebracht, die zu den derzeit absonderlichsten Politzirkeln der Frontstadt Berlin zählt: in der "Kommune I, Lebensgemeinschaft junger Maoisten", Eingeweihten auch unter dem Namen "Horror-Kommune" bekannt. Das weltanschauliche Fundament des kuriosen Zirkels, eines ultra-linken Splitterklubs des West-Berliner Sozialistischen Studentenbunds (SDS), umschrieb der aus München zugewanderte Nicht-Studierende ("Ich arbeite nicht, ich studiere nicht") Hans Dieter Kunzelmann, der die Kommune gründete: "Ich habe Orgasmus-Schwierigkeiten, und ich will, daß dies der Öffentlichkeit vermittelt werde." Derlei psycho-biologische Probleme sind es anscheinend vornehmlich, was die Kommune zusammenhält, die in der Wohnung des gegenwärtig in Amerika weilenden und mithin nichtsahnenden Schriftstellers Uwe Johnson, Niedstraße 14, zur Untermiete wohnt. Sechs Herren und drei Damen, darunter ein Bruder des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger sowie dessen geschiedene Frau Dagrun, kohabitieren und diskutieren dort im Geiste Maos- in einer Art kontinuierlichen Schauprozesses: Die Kohabitanten sind gehalten, Fähr- und Erlebnisse aus ihrer Libido-Sphäre dem Gremium der Kommune mitzuteilen. Den Beschluß, öffentlich zu wirken und bei Anlaß des Humphrey-Besuches gegen Amerikas Vietnam-Politik zu protestieren, orientierten die Mao-Libertiner am Vorbild der "Provos" von Amsterdam, die mit Rauchschwaden die Beatrix-Hochzeit getrübt hatten. Doch was den holländischen Demonstranten eindrucksvoll und tränenreizend von der Hand ging, bereitete den Pulver-Mischern der "Horror-Kommune" Schwierigkeiten: Das auf der Küchenwaage gemischte Protest-Pulver hätte - nach Ansicht von Feuerwerks-Experten der Berliner Polizei - nicht recht als Rauch-, schon gar nicht als Explosionskörper getaugt. Doch auch mit den schlichteren Demonstrations-Geschossen - neben Schlagrahm waren auch Pudding und Joghurt als Beutelfüllungen erwogen worden - mußten sich die Kommune-Provos vor dem geplanten Einsatz erst noch üben: Im Grunewald zielten sie mit den Pudding-Ladungen auf Bäume. Der Zorn verrauchte, ehe es rauchte. Noch bevor US-Vizepräsident Humphrey am Freitagvormittag Berlin verließ, wurden die inhaftierten Attentäter "mangels Tatverdachts" wieder auf freien Fuß gesetzt. Ermittlungen wegen möglicher "Verabredung zum Verbrechen" oder wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz (Gefängnis bis zu zwei Jahren) werden jedoch fortgesetzt.... Dabei erwies sich, daß West-Berlins Horror-Maoisten offenbar doch noch von konterrevolutionärer Blässe angekränkelt sind. Einer aus dem verschworenen Kreis der elf, so konstatierten die Geschlagenen, muß für die Polizei gespitzelt haben." (Der Spiegel, 1967, Nr. 16, S.34, Humphrey-Attentat, Rauch und Rahm) Und an anderer Stelle führt der Reporter Otto Köhler weitere "Bombentatbestände" an: Der Vorgang ist bekannt: Die politische Polizei im freiheitlichen Teil Berlins nahm am vorletzten Mittwoch elf Mitglieder der exotisch-erotischen "Lebensgemeinschaft junger Maoisten" fest. Noch am gleichen Abend ging der Presse ein Polizeibericht zu, in dem behauptet wurde, die Jung-Maoisten hätten einen Bombenattentatsplan auf Berlin-Besucher und US-Vize Humphrey im Sinn gehabt. Das war die Beschuldigung einer Behörde, die sich schon oft durch ihre frei gestaltende Phantasie im Umgang mit demonstrierenden Studenten hervorgetan hatte. Jeder Redakteur hatte somit gewiß Anlaß, sich der wiederholten Mahnungen des Deutschen Presserates an die Konvention zum Schutze der Menschenrechte zu erinnern, die vorschreibt, daß bis zur rechtskräftigen Verurteilung die Schuldlosigkeit eines Beschuldigten zu vermuten ist. Doch diese Mahnungen lagen - bestenfalls - im Archiv, der Polizeibericht aber lag auf dem Schreibtisch. Und das hatte Folgen. "Bild"-Berlin machte mit der halbseitigen Bombenschlagzeile auf: "Geplant - Berlin: Bomben-Anschlag auf den US-Vizepräsidenten -Elf Verschwörer gefaßt" und tröstete zugleich den US-Vize in einem Willkommensgruß: "Mit diesen Bombenlegern werden wir fertig!" Die "Berliner Morgenpost" bat zwar einerseits die Berliner: "Laßt euch durch einige wenige Verrückte nicht irremachen", bot aber andererseits die von ihren Redakteuren gefertigte Schlagzeile "Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt - FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking". Die BZ schrie auf: "Diese Schande ohne uns!" Der sozialdemo- kratische "Telegraf" meldete mit unbezwelfelbarer Gewißheit, ein "Verschwörerkomplott" sei aufgedeckt, "das ein Bombentattentat auf den Vizepräsidenten zum verbrecherischen Ziel hatte". Und der "Abend" die exklusive Schlagzeile: "Maos Botschaft in Ost-Berlin lieferte die Bomben gegen Vizepräsident Humphrey". Das war gewiß eine schöne Leistung West-Berliner Zeitungen, die aufgrund einfacher Beschuldigungen der Polizei solch erschreckende Tatsachen in ihre Schlagzeilen zu zaubern wußten. Doch die Krone gebührt zwei westdeutschen Blättern, die einzig durch die Tatsache verbunden sind, daß ihre Verleger für besonders reife Leistungen Journalisten-Preise vergeben. Die "Nürnberger Nachrichten" des linksliberalen Joseph E. Drexel ("Joseph-Drexel-Preis") bot die Überschrift: "Humphrey sollte ermordet werden", und der Düsseldorfer "Mittag", das jüngste und darum eifrigste Blatt Axel Springers ("Theodor-Wolff-Preis), überbot diesen Titel nur um Nuancen: "Berlin: Humphrey sollte heute ermordet werden". Am nächsten Tag freilich fielen die "Nürnberger Nachrichten" völlig zurück. Offensichtlich hatte man dort die Leistung des Vortags als etwas überreif empfunden und meldete jetzt: "In Berlin fragt man sich nicht ohne Besorgnis, ob angesichts der dürren Detailangaben des Polizeipräsidiums nicht doch vielleicht der Vorwurf des Sozialistischen Studentenbundes zutrifft, daß die politische Polizei, eine selbstfabrizierte Bombe platzen ließ, damit den Amerikanern, bei ihrem Wunderkind Berlin ähnliche Vietnamdemonstrationen erspart blieben, wie sie in Den Haag, Rom und London stattgefunden haben." Inzwischen war nämlich bekanntgeworden, daß der Anschlag gegen das Leben oder die Gesundheit des amerikanischen Vizepräsidenten lediglich darin bestand, daß die maoistischen Liebes-Kommunarden von Berlin Humphrey unter dem Schutz von harmlosen Rauchkerzen mit gesundheitsförderndem Quark und allenfalls cholesterinhaltiger Buttercreme bekleckern wollten. Die "Attentäter" waren 36 Stunden nach ihrer Festnahme alle auf freiem Fuß, weil der Haftprüfungsrichter im Gegensatz zu den eifrigen Redaktionen keine Glaubwürdigkeit im Polizeibericht entdecken konnte. Doch das erfuhren, "Mittag"-Leser nur mit einem Satz - versteckt in einer Meldung aus Paris. Zum Ausgleich für diese magere Vexier-Nachricht bot der politische Ressort-Leiter des "Mittag«, Wolfgang Will, seinen Lesern einen ausführlichen und notwendigen Kommentar: "Bomben wurden gebastelt... Mit Terror sollte Politik gemacht werden... Dem muß endlich ein Riegel vorgeschoben werden!" Dort aber, wo Hubert Humphrey herkommt, dem all der Lärm galt, dort sprach die "New York Times" in ihrer Überschrift lediglich von einer "angeblichen Verschwörung", ja, sie begann nahezu jeden Satz ihres Berichtes monoton mit der relativierenden Einschränkung: "Die Polizei sagt...der Polizeibericht sagt...die Polizei fügt hinzu..." (Der Spiegel, 1967, Nr. 17, S.61, Mord, von Otto Köhler) Soweit zum "Attentat" auf den US-Vizepräsidenten. Um nun aber einen Eindruck zu vermitteln, wie die Kommunarden lebten, folgt ein Bericht des Spiegel-Korrespondenten Peter Brügge: "Schon nach der ersten Plauderstunde mit Kommune I wurde ich von der Kommune-Frau Gertrud Hemmer, genannt Agathe, zum Beitritt ermuntert. "Lassen Sie sich eintragen", scherzte sie und lächelte, eine müde Juliette Greco,"aber ein Mädchen müssen Sie bringen! Unsere Jungs wollen auch was anderes sehen." Damit ist in der Tat ein Leiden umschrieben, an dem die Maoisten aus der Berliner Kaiser-Friedrich-Straße bisher vergeblich laborieren. Sich getreu den gesellschaftlichen Utopien ihres Philosophen Herbert Marcuse von der Arbeit zu befreien - das war ein Vorsatz, den sie aus eigener Macht in die Tat umsetzen konnten. Sich politisch an den Lehren Maos zu erbauen, Nacht für Nacht ihre Kümmernisse und Komplexe zu besprechen, gemeinsame Kasse, gemeinsames Konto, gemeinsam den Besen zu führen - das haben sie seit einem halben Jahr alles geübt, wie beschlossen. Doch auf dem Sektor der freien Liebe, auf dem sie sich als exzessive Praktikanten des Utopisten Marcuse "von jeglicher Triebunterdrückung" zu entfesseln gedachten, sind sie so gut wie gar nicht vorangekommen. Das herzhaft ausgemalte Experiment rundum uneingeschränkter körperlicher Konvertibilität wie sie von sexuellen Tauschzirkeln des amerikanischen Bürgertums bereits auf unpolitischem Wege geübt wird, ist der deutschen Kommune fürs erste danebengeraten. Obwohl Berlins entnervte Justiz den Kommunarden Fritz Teufel nicht freizugeben wagt, ist in Kommune I das Übergewicht an Männern erdrückend. Auch ohne den armen Teufel steht es auf diesem Gebiet theoretisch 4:1. Der fortgeschrittene Nichtstuer Dieter Kunzelmann, die Studiosi Volker Gebbert, Rainer Langhans und Ulrich Enzensberger sehen sich jetzt nur Agathe gegenüber, deren akademische Liebe den Religionswissenschaften gehört. Die blonde Hospitantin Dagmar von Doetinchem de Rande, eine Kunststudentin mit Samthosen und Samthaut, die im Haushalt schon gute Arbeit leistet, reserviert ihre Zärtlichkeiten ausschließlich und demonstrativ für den wohlgestalten Kommunarden und Dichterbruder Ulrich Enzensberger. "Von diesen Dingen", sagt Fräulein von Doetinchem, "haben draußen alle ganz falsche Vorstellungen." Dieses wenig ermutigende Zahlenverhältnis muß als vorläufige Bilanz der erotischen Rückschläge hingenommen werden, von denen Kommune I in ihren ersten sechs Monaten erschüttert wurde. Drei Damen schieden aus, eine davon, die Studentin Dorothea Ridder, um sich in der weniger exzentrischen Kommune II niederzulassen, die am Kudamm in den tristen Räumen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes haust, ebenfalls der weiblichen Potenz ermangelt und, wie die wandernde Dorothea mir verriet, "genausowenig funktioniert". In unerwarteter Beklommenheit versagten sich die weiblichen Elemente dem theoretisch auch von ihnen für richtig erachteten Wechsel und damit dem vielleicht wesentlichsten Teil der ihnen zugedachten Aufgabe. Monogam kuschelten sie sich an den einen Kommilitonen, dem sie in das polygame Experiment gefolgt waren. "Wir haben da alles Erdenkliche versucht", sagt der Kommunarde Langhans und wiegt seinen brillanten Pudelkopf.
Für das Titelphoto ihrer Druckschriften, die sie gemeinsam verfassen und auf einer verborgenen Maschine abziehen, stellte die Kommune zwar einen kollektiven Rückenakt vor der Wand ihres Frühstückszimmers, um Kauflust und Anteilnahme der Berliner Intelligenz in die rechten Bahnen zu lenken, doch in ihrem häuslichen Zusammenleben gibt es kaum Nacktes außer Glühbirnen" (Der Spiegel, 1967, Nr. 31, S.37, Lieber Fritz! Wem soll das nützen?, P. Brügge in der Berliner Kommune I)
Und an anderer Stelle schreibt der "Spiegel" zu Rückenakt: "Dieses Photo zeigt das Titelbild einer Broschüre der Berliner Studenten-Kommune-I -Lebensgemeinschaft junger Maoisten, die von den Verfassern in der vergangenen Woche an der Berliner Freien Universität verteilt wurde. Mit ihrer Schrift will die sogenannte Horror-Kommune, deren Mitglieder in einer gemeinsamen Wohnung in Lebens- und Liebesgemeinschaft hausen (und dort auch für das Wandbild posierten) und die wegen eines geplanten Pudding- und Rauchbomben-Attentats auf US-Vizepräsident Humphrey Anfang April dieses Jahres (1967) Aufsehen erregte, gegen disziplinarische und strafrechtliche Verfahren protestieren mit denen Universitäts- und städtische Behörden gegen die Maoisten vorgehen. Aktueller Anlaß für die Protest-Schrift: Anfang Juni wurde Kommune-Mitglied Fritz Teufel wegen Landfriedensbruchs festgenommen". (Der Spiegel, 1967, Nr. 27, S.20, Kahle Maoisten vor der kahlen Wand) Hören wir weiter, was der "Spiegel" über die Kommune I berichtet: "Im Flur ihrer Sechseinhalb-Zimmer-Wohnung hängt eine Tafel, darauf wird jedem mit Kreide sein Tagesquantum Hausarbeit zugewiesen. Absolute Gleichheit von Mann und Frau ist am Herd und am Spültrog verwirklicht, aber zur heimlichen Betrübnis der Kommunarden geht von einem Mannesopfer wie diesem offenbar noch nicht genügend Anziehungskraft auf die zögernden weiblichen Elemente Berlins aus. Nach Monaten erschöpfender und aggressiver Auseinandersetzungen im Innern entlud sich die Aktivität von Kommune I dafür, wie man weiß, nach außen. Und wieder glaubten die Kommunarden feststellen zu müssen, daß die Mädchen ein wenig anders als sie selbst empfinden: Es fiel ihnen schwerer, sich mit dem Pudding in der Hand gegen die herrschende Gesellschaft zu erheben, sich mit den sogleich feindlich reagierenden Ordnungsmächten anzulegen. Seit sie miteinander Joghurt, Farbeier und Rauchbomben für ihre verhinderte Begegnung mit dem Froschgesicht Hubert Humphrey zubereitet haben, können sie sich über Mangel an amtlicher Humorlosigkeit in Berlin nicht beklagen: Verhaftungen und (nicht befolgte) Vorladungen zu Disziplinarverfahren an der Freien Universität, Zwangsvorführung beim Untersuchungsausschuß des Abgeordnetenhauses, Strafbefehl wegen Verkehrsbehinderung, Eingeschriebenes von Anwälten und Staatsanwälten - das reißt nicht ab, das erweckt in hochsensiblen Revoluzzerseelen die erhebende Illusion permanenten Druckes von außen. Doch Mädchen und Männer zu einer innigeren Gemeinschaft zu komprimieren, war es nicht das geeignete Mittel. Wenn es nun klingelt, können sie mit einem gewissen Nervenkitzel davon ausgehen, daß der Briefträger vor ihrer Wohnungstür steht, auf die sie provokant gesetzt haben: "Der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin". Meistens ist es der Briefträger. Da er vor 11 Uhr zu erscheinen pflegt, empfangen ihn die Kommune-Kinder Nessem, dreieinhalb, und Grischa, zweieinhalb. Diese haben sich bis zum Erwachen der Erwachsenen mit den Stempeln aus der Kommune-Bibliothek beschäftigt, deshalb steht auf ihren Wangen und Armen viele Male: "Kein Privatbesitz". Nessem, von der Kommune im Verlauf der Nahost-Krise in Nasser umbenannt, ist der legitime Sohn der Kommunardin Hemmer, deren Ehemann man augenblicklich in Kommune II suchen muß. Das Mädchen Grischa wurde dem Kommunarden Kunzelmann von einer Münchner Freundin geschenkt, die bald ebenfalls für die Kommune heanzuziehen hofft, wenn schon nicht für I, so wenigstens für II. Erzieherische Funktionen von Vater oder Mutter sind im Leben der Kommune nicht mehr vorgesehen. Jeder kümmert sich ein wenig um die Kinder, die hinter jedem hertrotten, barfuß, genügsam. Jeder wechselt gelegentlich Windeln, besorgt in der Mensa eine Mahlzeit für sie. Der blonde Knabe Nasser nennt seine legitime Mutter zur Zeit Schwester. "Manchmal sagt er auch zu einem von den Männern schon Mutter", rühmt die Kommune-Frau. Sie empfindet das als gesellschaftlichen Fortschritt, weicht es doch ab von den jüdisch-christlichen Familiensitten der letzten vier Jahrtausende, die man als exzessiver Jünger von Professor Marcuse endlich von sich tun möchte. Schon bei der Frage, wie bei solcher Auflösung von Bindungen die auch künftig wünschenswerte Stubenreinheit zu erzielen sei, verweigert alle Philosophie von Marcuse und Mao die Auskunft. Soll man's bei Grischa mit einem nächtens vom Band gesprochenen Sauberkeitsbefehl ans Unbewußte versuchen? Man ist sich nicht einig. Vordringlicher als ein Kind mit vollen Hosen ist die unsaubere Gesellschaft, die es bloßzustellen, herauszufordern, lächerlich zu machen gilt, und mit der die Kommune doch durch viele feine Drähte verbunden ist, daß nicht deutlich wird, wer in Wahrheit nun wen bewegt. Morgens rennen sie nach den Zeitungen. Die Milch in den Bierkrügen und das Rührei auf den Tellern erkalten, während diese souveränen Aufrührer bei Radiomusik empfindsam überprüfen, was die Presse über sie sagt. Man nimmt sie zur Kenntnis. Die Gesellschaft reagiert, ja sie reagiert sogar, was die Berliner Administration betrifft, ausgesprochen sauer, der Zar hat sich bereits gekratzt. Der Kommune, so scheint es, ist das schon genug, ist es fast schon Genuß. Schon sind Zeitungen und Radio nicht mehr genug. Ein Fernsehgerät war ihr dringendster Wunsch. Und in einem ihrer Pamphlete zu zwei Mark baten sie die Umwelt nicht vergeblich, man möge es ihnen schenken, bitte mit erstem und zweitem Programm. "Es kommt ja doch oft was über uns", erlärt es mir Kunzelmann, der Bummler, und krault verlegen seinen roten Apostel-Bart, "und wir können es dann nicht sehen." Die Geseilschaft, der sie nicht ähnlich werden möchten, haben sie doch gerne vor sich im Bild. Kommune I begrüßt es, wenn das Bürgertum und seine Obrigkeit sich wie nach dem Humphrey-Happening und im Fall Teufel auf pompöse Weise lächerlich macht. Nur möchte sie nicht, daß über sie selber gelacht wird. Den öffentlichen Hinweis, ihre Mitglieder befänden sich sämtlich in psychotherapeutischer Behandlung, verurteilte die Kommune geschlossen als eine hämische, herabwürdigende Unterstellung. Dabei möchte sie den Spießern sonst gerade darin voraus sein, daß sie sich zu den eigenen Neurosen bekennt und ihnen täglich neue Seiten abgewinnt Was die eigene Eitelkeit angeht, reagiert der Bürgerschreck als Bürger. Journalisten sollen bezahlen für jede Antwort, die Kommune I ihnen gibt. "Erst blechen, dann sprechen", warnt im Flur eine Inschrift. Dem öffentlichen Interesse, das sie höhnend ("Brenn Kaufhaus, brenn") auf sich gezogen haben, begegnen sie mit aufgehaltener Hand. Da geht es ihnen weniger um die Verbreitung ihrer Ideen als um die Verbreiterung ihrer finanziellen Basis.
Dieses Leben ist ja nicht billig. Der lahmende "Deux-Chevaux", den ein Freund ihnen borgt, ist schon allein Aderlaß, doch wie sollten sie auf den verzichten: Auch ein unproduktives Leben ist schließlich heute nicht frei von Transportproblemen. Die Wohnungsmiete kostet 750 Mark. Mit Semestergebühren, Radio-, Fernseh- und Zeitungsgebühren, den Ausgaben für Brot und Windeln, Milch und Scherzartikel summiert sich das auf bald 2000 Mark. Die wollen ohne Arbeit verdient sein. Außer dem Zuschuß von drei immer liebenden Vätern brauchen sie deshalb wohl den Erlös, der sich daraus ziehen läßt, daß man neben den Fehlleistungen des Staatsanwaltes in einem Aufwasch auch die flehentlichen, drohenden, versöhnlichen Briefe vervielfältigt und verhökert, die von diesen Vätern, von Müttern und Geschwistern aus der fernen, gutbürgerlichen Idylle kommen. Das sind nicht alles Briefe von Spießern. Selbst Sympathie mit dem Aufruhr gegen die Väter kommt von den Vätern, die man hier zu kleinen Preisen exekutiert.
So wie Vater Otto Kunzelmann und die Justiz des freien Berlin stellen sich nicht viele gegen die exotischen Scholaren der Anarchie. Kein Hausmeister rechtet mit ihnen, kein Passant reibt sich an ihrer krausen Haartracht, kein Nachbar an ihrer Moral, die darin besteht, nicht mehr die Moral der anderen zu haben. Gefolgt von ihren braven Kindern, bepackt mit Aufklärungs- schriften, die in jeder Vorlesungspause sogleich zum Verkauf kommen können, so ziehen die Leute von der Kommune in die Arena der Freien Universität, umgeben vom Glorienschein rektoraler Mißbilligung. Die Kinder spielen vor dem Auditorium maximum ungestört an einem Häuflein Bausand. Den Nichtakademiker Kunzelmann weist ein Pedell höflich und ohne Nachdruck auf das noch immer bestehende Hausverbot hin. Professoren geben ihnen Beweise intellektueller Hochachtung. Man weiß, daß der große Marcuse sie in ihrem Mief besucht hat, obwohl er ein Gegner kommuner Lebens- und Liebesversuche zu sein behauptet. Selbst mit den Wachtmeistern aus der Gegend versteht man sich. "Die sind direkt stolz", mutmaßt der junge Enzensberger, "daß sie uns im Revier haben." Die Umwelt hat sich auch an diese Herausforderung schon gewöhnt. Statt Empörung begegnet ihnen jene teilnahmslose Verlegenheit, wie sie Krüppel erfahren, die vor Kaufhäusern Ziehharmonika spielen. Studenten, die Cabrios fahren und nicht ihrer Meinung sind, kaufen ihnen etwas ab, einer hat ihnen hundert Mark geschickt. Die Gesellschaft weicht aus und greift nach der Börse. Die deutsche Massenuniversität, gegen deren Unmenschlichkeit sie auch aufbegehrten, ist ihnen nun zum einzig denkbaren Nährboden geworden." (Der Spiegel, 1967, Nr. 31, S.39, Lieber Fritz! Wem soll das nützen?, P. Brügge in der Berliner Kommune I) Na, von Massenuniversität kann zur damaligen Zeit wohl noch keine Rede sein. In West-Berlin waren im WS 65/66 insgesamt 28886 Studenten eingeschrieben, davon 15438 an der FU, 9673 an der TU. Der klägliche Rest verteilte sich auf PH und Kirchliche Hochschule. Geht man nun davon aus, daß von den 15438 Studiosi an der Freien Universität etwa 15420 anständige und fleißige Studenten waren, so fallen die paar Kommunarden kaum ins Gewicht. Daß sich aus kirchlicher Hochschule und Technischen Universität keine Kommunarden rekrutierten versteht sich wohl von selbst. Jedenfalls soll mit dem Arbeiten ein für alle mal Schluß sein. Aber hören wir weiter: "Daran, was sein wird, wenn einmal alle Zuschüsse versiegen, wenn die Hilfsbereitschaft der etwas anders Denkenden schwindet, die Mensatüren sich ihnen verschließen, wollen sie nicht denken, nicht jetzt. "Wir kennen jedenfalls keine Existenzangst mehr", sagt Kunzelmann, "soviel haben wir auch gelernt." Die Idee, sich von Kaufhausdiebstahl zu ernähren, haben sie ebenso begraben wie den Gedanken, einmal wieder Geld zu erarbeiten. Herrscht nicht ringsum Überfluß an Waren und schlechtem Gewissen? Da dürfen sie wohl hoffen, ein kühnes Leben aus zweiter Hand zu führen. Die Möblierung ihrer Suite deutet an, wie es geht: Ein Zimmer nur mit Trödlerware (Anm. Sperrmüll gab es wohl damals noch nicht?) gefüllt, daraus läßt sich ihr ganzer Bedarf an Möbelluxus mühelos immer wieder erneuern. Man schläft auf alten Matratzen vor leeren Fenstern, durch die man auf den trüben Strich am Stuttgarter Platz hinuntersieht. Nur im Büro herrscht adrette Ordnung, schließlich ist es eine deutsche Kommune. An langer Tafel ist für jeden ein Arbeitsplatz gedeckt, wie bei den sieben Zwergen. Eine Dose Pustefix steht für revolutionäre Versuche bereit. Eine Legion Seifenblasen in den Teufel-Prozeß zuschicken, war die letzte Idee, mit der sie spielten. Scherzartikel sind die Waffen ihres Aufruhrs.
Manchmal geraten die Kommunarden dabei ins Spiel mit sich selber, und auch dazu nehmen sie sich die Zeit. Vor kurzem beschossen sie sich ausschweifend mit Wasserpistolen, die man zu diesem Zweck nicht angeschafft hatte. Ein Wasserstrahl drang durch die Scheibe auf die Straße. Und welches Wunder - schon wieder war die Obrigkeit getroffen. Sie ging in Gestalt eines Wachtmeisters unten vorbei. Der Strafbefehl beläuft sich auf 27 Mark und ist noch nicht bezahlt." (Der Spiegel, 1967, Nr. 31, S.39, Lieber Fritz! Wem soll das nützen?, P. Brügge in der Berliner Kommune I) Männlein und Weiblein leben also in einer Wohnung, nein, sie wohnen nicht, sie hausen dort und von fleißigem Studieren kann wohl schon gar keine Rede sein. Zu allem Überfluß verteilten diese faulen Studenten nun auch noch Flugblätter, in denen sie zum Kaufhaus- brand anregten. Jetzt war das Faß von Ordnungsbehörden und Justiz am überlaufen. Endlich wurde den beiden Kommunarden Teufel und Langhans der Prozeß gemacht. Doch lassen wir wieder den "Spiegel" berichten:
Der Reporter G. Mauz berichtet uns vom Prozeß gegen Rainer Langhans und Fritz Teufel: "Im Juli 1967 hatte es der Landgerichtsdirektor Walter Schwerdtner, 53, zum erstenmal als Vorsitzender der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin mit den Kommunarden und Studenten Rainer Langhans und Fritz Teufel zu tun. Damals sprang Herr Schwerdtner in die Verhandlung wie ein Lebensmüder ins Wasser. An der Spitze des Gerichts stürmte er mit dem Schlachtruf "Aufhören, sofort aufhören" in den Saal, und "raus, raus" schrie er auch. Schon vor Beginn der Sitzung drohte er: "Ich lasse den Saal räumen." Herr Schwerdtner meinte die Photographen und Kameraleute, von denen gut drei Dutzend tätig waren, als das Gericht einzog. Niemand hatte sie rechtzeitig aufgefordert abzutreten. Im Juli 1967 verlief die Berliner Verhandlung gegen Rainer Langhans und Fritz Teufel so tumultuarisch, wie sie begonnen hatte. Auf ihrem Höhepunkt wurde sie ausgesetzt, weil Gericht und Staatsanwaltschaft und niemand sonst eine psychiatrische Begutachtung der Angeklagten für erforderlich hielten. Exempel für Aufsässigkeit hatten die Angeklagten in Fülle geliefert. Doch muß, wer renitent ist, spinnen? Am Montag vergangener Woche begann der Prozeß gegen Rainer Langhans und Fritz Teufel vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin ein zweites Mal. Schon vor Beginn muß man beim Anblick der Angeklagten um Herrn Schwerdtners Gesundheit fürchten. Im Juli 1967 traten Rainer Langhans und Fritz Teufel in Jeans, offenen Hemden und auf Sandalen an. Diesmal haben sie Multicolor gewählt. Rainer Langhans, 27, gleicht unter einem Atompilz von - eigens zur Sitzung vom Figaro hergerichteten Locken einem Papua-Medizinmann. Zu einem lindgrünen Litewka-Jäckchen mit orangenen Knöpfen, mit Mao-Kragen und Manschetten in Blau trägt er hellblaue Jeans. Durch Lockenstrudel und hinter kreisrunden Brillengläsern hervor späht er mit den Augen eines melancholischen Mäuserichs. Fritz Teufel, 24, ist in einen fast knielangen Kittel oder Frisiermantel gekleidet, auf dessen Orange silberne Knöpfe blitzen, während Manschetten und Mao-Kragen in Violett erstaunliche Akzente setzen. Haar und Bart dieses Angeklagten, eine perfekte Rundumfrisur, sind vergleichsweise dezent und erinnern an nicht mehr als den Klabautermann oder Oberammergau. Auch lassen die eher elliptischen Brillengläser Fritz Teufel stillvergnügt wie Disneys Porky und nicht wie Karl Luxemburg blicken. Erst zwischen Kittelsaum und Boden gelingt ihm die totale Schändung der abendländischen Kleiderordnung, trägt er doch dunkle Hosen mit Nadelstreifen, unter denen gelbe Socken In Wildlederschuhen stecken.
Herr Schwerdtner hat sich zweifellos überlegt, wie er verfahren will. Mit "Bitte Platz nehmen" beginnt er in C-Dur. Die Sitzung ist nur leider noch keine fünf Minuten alt, da spitzen die Angeklagten schon die Ohren unter der Wolle. Herr Schwerdtner, "stahlhart" wäre sein Ton im Tagblatt von Pillkallen genannt worden: "Aber eines machen Sie sich klar...Jede Unverschämtheit wird mit einer Ordnungsstrafe geahndet." Über die Toppen geflaggt, illuminiert mit einem Scheinwerfer in jedem Bullauge und Tonnen Wasser verdrängend, fährt das Zielschiff vor zwei mit Spatzenbüchsen ausgerüsteten Fischdampfern auf. Wer wird schon, seiner Sinne mächtig, in ein offenes Messer laufen. Andererseits kann natürlich, wer will, in ein offenes Messer rennen. Und man kann sogar vorher die Backen aufblasen, damit es nachher lauter knallt. Rainer Langhans und Fritz Teufel sind, inzwischen dürfte das bekannt sein, unterwegs, um faule Autorität aufzuspüren. Herr Schwerdtner aber hält ihnen die "Unverschämtheit" hin wie einen Köder. Herrn Schwerdtners Würde steht darin auf dem Spiel, wie man ihm begegnet. Sicher wäre es Herrn Schwerdtner persönlich gleichgültig, wie sich die jungen Leute benehmnen. Doch hat er die Würde des Gerichts zu wahren, und die, darauf besteht er ersichtlich, die darf ihm nicht gleichgültig sein. Genau auf solche Haltungen indessen sind Rainer Langhans und Fritz Teufel erpicht. Gerade in solchen Haltungen wittern sie das Autoritäre, das lächerlich zu machen sie aufgebrochen sind. Man beschert es ihnen, denn die Berliner Strafjustiz schlurft Amok, wo sie an Studenten gerät. Im Juli 1967 verhandelte die Kammer in einem eigentlich den Schwurgerichten vorbehaltenen Saal. Diesmal geht die Sitzung im Raum 101 vor sich. Im Juli 1967 konnten mehr als 60 interessierte Berliner die Verhandlung beobachten. Diesmal finden 20 Zuhörer Platz. Dafür liegt der Raum 101 direkt neben dem Haupteingang des Kriminalgerichts Moabit, und vor dem Gebäude aufgefahrene Polizei kann ihn rasch bevölkern. Die Wahl des Raums 101 unterstellt, es werde zwangsläufig zu Demonstrationen der Angeklagten oder des Publikums kommen, die der Vorsitzende mit seiner Sitzungsgewalt nicht mehr steuern kann. Kindergärtnerinnen, Lehrer, Eltern und Dompteure wissen, daß man einer möglichen Gefahr nur schlotternd entgegenzagen muß, um eine tatsächlich gefährliche Situation zu schaffen...." (Der Spiegel, 1968, Nr. 11, S.68, Sie kommen mir so bekannt vor, Spiegel-Reporter G. Mauz im Prozeß gegen R. Langhans und F. Teufel) Das die beiden sich auch in der Strafprozeßunordnung bestens auskennen, belegt folgender Bericht. Mit einer "Klau mich" betitelten Dokumentation sind die Berliner Kommunarden Teufel und Langhans auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Als dieser aus Gerichts- berichten, Kommune-Aphorismen und Lesefrüchten gemixte Beitrag zur Strafprozeß-Unordnung erschien, wurde Langhans in Berlin wegen Hausfriedensbruchs zu sieben Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt und Mitangeklagter Teufel verhaftet, weil er statt der Verhandlung den Frankfurter SDS-Kongreß besucht hatte. Nun müssen sich die beiden armen Teufel vor dem Landgericht wegen Aufforderung zur Brandstiftung verantworten Der "Spiegel" dazu: "SCHWERDTNER (Gerichtsvorsitzender): Warum wurden nun gerade diese Flugblätter veröffentlicht, in denen es um den Brand des Warenhauses in Brüssel ging? TEUFEL: Es hat uns gereizt, die moralische Empörung der Leute hervorzurufen, die sich niemals entrüsten, wenn sie in inrer Frühstückszeitung über Vietnam oder über andere schlimme Dinge lesen. SCHWERDTNER: Sie demonstrieren also gegen Vietnam? TEUFEL: Nicht nur, wir demonstrieren auch gegen die Saturiertheit und Selbstzufriedenheit. SCHWERDTNER: Wer ist denn saturiert? TEUFEL: Man kann es auch anders formulieren. Die Deutschen sind ein demokratisches, freiheitliches, tüchtiges Völkchen. Sie haben zwar eine Menge Juden umgebracht, aber dafür werden jetzt mit deutschen Waffen Araber umgebracht, das ist eine Art Wiedergutmachung. - Es ist doch so: Je mehr von den Schwarzen oder Gelben da unten verrecken, desto besser ist es für uns. SCHWERDTNER (erschrocken): Das meinen Sie aber doch nicht ernst. (Gelächter im Saat) TEUFEL: Doch - doch? KUNTZE (Staatsanwalt): Und wenn nun irgend jemand auf den Gedanken gekommen wäre, das zu probieren, was in den Flugblättern steht, eine Zigarette in einer Umkleidekabine eines Warenhauses anzuzünden? TEUFEL: Ich muß sagen, es ist keiner auf den Gedanken gekommen, daß man das tun könnte - bis auf den Herrn Staatsanwalt. Der hat es aber auch nicht getan, sondern eine Anklageschrift verfaßt. SCHWERDTNER: Aber welchen Zweck verfolgten Sie mit den Flugblättern, was wollten Sie damit erreichen? Eine Handlung ist doch zweckbestimmt. LANGHANS: Das alles ist gar nicht schwierig, deshalb haben wir uns so amüsiert, daß man es in dieser Weise auffassen könnte. Wir haben doch nie gedacht daß so was als Aufforderung angesehen werden könnte. Das ist geradezu absurd! Darf ich fragen,wie Sie überhaupt zu der Auffassung kommen. Daß das eine Aufforderung zur Brandstiftung sein soll? SCHWERDTNER (unterbricht unwillig): Sie haben nicht... LANGHANS (Ihn anbrüllend): Ich kann keinen Satz ausreden, ohne unterbrochen zu werden. Seien Sie jetzt mal still, bis ich fertig bin! (Schwerdtner sagt nichts mehr) LANGHANS (weiter): Es geht mir jetzt darum, Sie zu fragen, wie sie darauf kommen können, daß das Aufforderung zur Brandstiftung sein könne, das ist doch blödsinning SCHWERDTNER: Was soll das heißen? LANGHANS: Das heißt, daß wir Leute, die sich zur Brandstiftung aufgefordert fühlen, nur für blöd halten können - und da hat sich das Gericht ja sehr hervorgetan. TANKE (Staatsanwalt): Auch in dieser Formulierung ist ein ungebührliches Verhalten - ich stelle Antrag auf eine Ordnungsstrafe von einem Tag Haft ... Was war denn Ihre Absicht mit den Flugblättern? Sie sind dem ausgewichen! LANGHANS: Schreien Sie nicht so! TANKE: Ich dachte, Sie hören unter Ihren Haaren schlecht. LANGHANS: Jetzt verstehe ich Sie nicht. TANKE: Dann gehe ich etwas näher heran. LANGHANS: Ja, ja, kommen Sie nur! SCHWERDTNER: Lieber nicht! LANGHANS: Wohl, weil ich stinke? SCHWERDTNER: Ja, ja! TEUFEL (im Zusammenhang mit Zeugenaussagen über Rauchpulver-Bestellungen der Kommunarden): Können Sie nicht klären, was die Versendung von Rauchpulver mit diesem Verfahren zu tun hat? SCHWERDTNER (unterbricht ihn): Das machen wir doch nur, weil es uns Spaß macht TEUFEL: Bitte das zu protokollieren SCHWERDTNER: Das war doch Satire, Sie sind doch Spezialist dafür. TEUFEL: Das ist mir neu, daß Sie davon was verstehen. Das wäre ja das erste Mal, daß Sie was von uns gelernt haben. SCHWERDTNER: Ins Protokoll. Der Angeklagte sagt, der Vorsitzende habe das erste Mal was gelernt. TEUFEL: Nehmen Sie bitte gleich dazu, daß der Vorsitzende auf die Frage, ob er einen x-beliebigen Zeugen zu einem x-beliebigen Gegenstand hören wolle, um dieses Verfahren zu verlängern, mit der Bemerkung antwortete: "Ja, natürlich!" SCHWERDTNER: Herr Langhans, ich wollte das Thema eigentlich nicht behandeln. Aber weil Sie heute vormittag selbst von sexuellen Schwierigkeiten gesprochen haben, was meinen Sie damit, und auf was bezieht es sich? LANGHANS: Ja, dabei handelt es sich nicht nur um Kommune-Mitglieder, sondern auch um Sie, das ist nicht eingeschränkt. Das betrifft jeden bei uns, das kommt aus der Erziehung: Wie man mit Mädchen umgeht, Orgasmusschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen und Neurosen, die Schwierigkeit ist, mit sich und anderen richtig umzugehen... SCHWERDTNER: Wie äußert sich das denn so? Wenn man solche Schwierigkeiten hat, von denen Sie sprechen? LANGHANS: Können Sie sich das denn gar nicht vorstellen? Oder haben Sie denn keine? Das wäre erstaunlich! (Vorsitzender wird bleich und schluckt. Gelächter)" (Der Spiegel, 1968, Nr. 39, S.74-76, Beiträge zur Strafprozeßunordnung, Auszüge aus einer Berliner Kommune-Dokumentation) An anderer Stelle berichtet der Spiegel-Reporter G. Mauz über den Prozeß: "Ein Lebensziel hat man zu haben. Und so fragte denn auch Landgerichtsdirektor Schwerdtner, der Vorsitzende, die beiden angeklagten Studenten nach ihren Zukunftsplänen: "Schwebt Ihnen vor, was sie einmal werden wollen?" Das überwiegend studentische Publikum im Saal 500 des Landgerichts Moabit holte Luft durch die Nase. Es war sich mit den Angeklagten einig, daß es derzeit zunächst darauf ankommt, zu wissen, was und wie man nicht werden will. "Saturiert" und "selbstzufrieden" wollen Rainer Langbans, 27, und Fritz Teufel, 24, nicht werden. Saturiert und selbstzufrieden ist in ihren Augen die Bundesrepublik. Herr Schwerdtner väterlich: "Wer ist denn saturiert, wer ist denn selbstzufrieden?"..... Herr Schwerdtner also kann nicht fassen, daß es Saturiertheit und Selbstzufriedenheit geben soll, noch dazu in der Bundesrepublik. Die sogenannte "Horror"-Kommune unter den Berliner Studenten, der Langhans und Teufel angehören, war anderer Ansicht. Sie wollten die Öffentlichkeit provozieren und lächerlich machen, ihre satte Bequemlichkeit entlarven. Die Flugblätter, die am 24. Mai dieses Jahres von der Kommune in Berlin verteilt wurden, können geschmacklos genannt werden, man mag ihnen einen Übergriff in der Wahl der Mittel ankreiden. Unter der Überschrift "Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?" benutzte die Kommune den Brüsseler Warenhausbrand, um ein Gefühl für das zu wecken, was in Vietnam geschieht. Denn für die Kommune zeigt Vietnam, welcher Handlungen die Demokratie fähig ist, in der wir leben. Die Berliner Staatsanwaltschaft dagegen sah in den Flugblättern nicht etwa ein literarisches Kampfmittel, sie roch Aufforderung zur Brandstiftung. Der Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt Kuntze, dozierte dazu vergangene Woche: "Wenn man bei uns ein tieferes Verständnis für Vietnam gewinnt, würde sich in Vietnam etwas ändern?" Student Langhans: "Nein, hier". Der Oberstaatsanwalt zuckt die Achseln, er ist 56 Jahre alt. Das ist die Haltung vieler in seiner Generation: Wir können doch nichts ändern. Und wahrscheinlich ist eh alles in Ordnung. Daß man in einer Welt, in der Vietnam möglich ist, anders leben muß, jeder an seinem Platz, ist für ihn Tollheit. So wirft er denn auch sarkastisch ein, als Student Langhans einmal wieder von Greueln spricht, die keinen mehr jucken: "Wir Älteren haben ja die Erfahrung nicht nötig." Herr Kuntze weiß, was Krieg ist, sicher kann er sich sogar Napalm ausmalen. Student Langhans: "Sie denken immer nur an das, was Sie selbst erlebt haben" Herr Kuntze schüttelt darob den Kopf. Der Herr Vorsitzende seinerseits bemerkt, daß die Flugblätter die Sprache der Werbung gebrauchen. "Man will doch etwas erreichen, wenn man wirbt?!" Also will die Kommune doch Brandstiftung erreichen. Daß Student Langhans und seine Kommunarden eine "persiflierende Anwendung der Werbesprache" im Sinn hatten, geht Herrn Schwerdtner nicht ein. Es wird heute für alles geworben, fürs Totschießen, fürs Totschießenlassen, für die Religion. Warum da junge Leute auf den Gedanken kommen können, die Sprache der Werbung zu forcieren, bis sie platzt im Hirn des Flugblattlesers - unerfindlich. Fritz Teufel, Absolvent des Friedrich-Schiller-Gymnasiums zu Ludwigsburg, jüngster von sechs Brüdern, behütet aufgewachsen; Rainer Langhans, Zögling eines pietistischen Zinzendorf-Internats, Bundeswehr-Fähnrich der Reserve, der Vater ist schlagender Korpsstudent gewesen: Da liegt psychologische Deutung nah. Wir warnen: Diese jungen Leute haben keinen Generationskomplex, sie sind nicht auf Vatermord aus. Sie haben die Väter schon klaglos aufgegeben. Ein Graben, über den hinweg Worte nicht mehr helfen, ist auf- und ausgebrochen. Die Vierzig- bis Sechzigjährigen trifft das wie die Sense. Auch sie sind jung gewesen, haben ihre Kämpfe mit den Älteren gehabt, sie wissen doch, wie man mit jungen Leuten umgeht. Sie stehen doch in ihrer Zeit, sie waren immer für die NS-Prozesse - und jetzt, wie bitte, sollen sie Opas Kino sein? Einmal kommt es zum Schwur, der Herr Oberstaatsanwalt merkt es nur nicht. "Ihr Privatleben interessiert mich in diesem Zusammenhang gar nicht", fährt er dem Studenten Langhans über den Mund. Der antwortet ohne Ironie: "Es sollte Sie aber interessieren." Er lebt in einer Kommune, deren Mitglieder sich allem stellen wollen, total und jederzeit: "Sie sind jetzt hier Richter, und abends sind Sie nett zu Ihrer Frau." Student Langhans ist der Meinung, man solle nicht während der Dienststunden Beamter, abends Mensch und manchmal auch politisch interessiert sein. Vier Professoren bestätigten in Berlin dem Gericht, die Flugblätter seien im literarischen Kampfstil verfaßt. Die Surrealisten, der selige Swift, wer alles hat nicht so gerüttelt, wenn auch geschmackvoller, doch was bringt denn heute die Säulen der Gesellschaft noch zum Klingen? Herr Schwerdtner ordnet den verwirrenden Ansturm in einer rührend bemühten Formel. "Also Schock durch Scherz", tastet er zweifelnd. Student Langhans korrigiert: "Satire wäre die bessere Vokabel". Die Provokation Ist gelungen, die Sozietät macht sich lächerlich, entlarvt sich, reagiert so, daß der grelle Angriff jählings Berechtigung erfährt. Es wird die psychiatrische Untersuchung der Angeklagten beschlossen, der unnötige Prozeß wird auch noch abgebrochen, da capo, weil's so schön war. Student Teufel erklärt sich einverstanden, wenn auch alle anderen Verfahrensbeteiligten psychiatriert werden. Donnernder Beifall, der Saal wird geräumt..." (Der Spiegel, 1967, Nr. 29, S.26,..und abends sind sie nett zu ihrer Frau, G. Mauz) Jetzt kommen also alle in die Klapse! Der Prozeß gegen Langhans und Teufel endete mit Freispruch. Sachverständige und Richter erkannten die satirische Note dieser Flugblattaktion. Aber schon zwölf Tage nach dem Richterspuch brannte es in Frankfurt wirklich. Der Spiegelbericht führt unter dem Titel "Brandstiftung" aus: "...Vier Primitivbomben, gebastelt aus stromgespeisten Uhrwerken und benzingefüllten Plastikflaschen, gingen gegen Mitternacht im "Kaufhof" und im "Kaufhaus Schneider" hoch. Sachschaden: 2,2 Millionen Mark. Am Freitagabend gab die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Verhaftung von vier mutmaßlichen Tätern bekannt:
Die Haftbefehle ergingen wegen des Verdachts "schwerer Brandstiftung", die mit Zuchthaus bis zu 15 Jahren geahndet werden kann. Die Polizei stellte einen Volkswagen mit dem Berliner Kennzeichen B-DD 733 sicher, den Gudrun Enßlin - Germanistik-Studentin im 15. Semester - gefahren hatte. Darin wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft gefunden: Teile von Weckern, mehrere Uhrenknebel, der Glühkopf eines Gasanzünders und Tesaband der gleichen Farbe, wie es von den Bastlern der Explosionskörper verwendet worden war. In dem Berliner VW lagen außerdem vier durchnumerierte Zettel. Auf Zettel Nummer 1 waren die Zutaten für eine Bombe rezeptiert: Phosphor, Schwefel, Kaliumchlorat. Zettel Nummer 2 bis 4 enthielten Anleitungen für den Bau und die Bedienung eines aus diesen Ingredienzen gemixten Sprengsatzes... Stellungnahme der Berliner Kommune I für den SPIEGEL Wir wissen nicht, inwieweit die Beschuldigungen der Staatsanwaltschaft begründet sind. Wir haben drei der Beschuldigten im SDS Berlin kennengelernt. In der Folgezeit haben wir mit ihnen mehrmals politische Diskussionen geführt, und wir wissen, daß sie mit uns an politischen Aktionen der außerparlamentarischen Opposition teilgenommen haben. Die Kommune hat in den Brandstiftungs-Flugblättern das Mittel der politischen Brandstiftung fiktiv dargestellt. Die Situation hat sich seitdem weiter zugespitzt - dafür spricht, daß politische Brandstiftung in der Presse ausführlich diskutiert wird. Daß die Brandstiftung in den beiden Frankfurter Kaufhäusern. die ausdrücklich Menschen nicht gefährden sollte, im Zusammenhang mit dieser politischen Entwicklung steht, zeigten
In den USA ist den Schwarzen das politische Mittel der Brandstiftung zur täglichen Notwendigkeit geworden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt existieren unserer Situation besser entsprechende Objekte politischer Brandstiftung. Dennoch sind wir überzeugt, daß eine mögliche Verurteilung der Frankfurter Brandstifter das Mittel der politischen Brandstiftung in Zukunft nicht disqualifiziert. Wir haben Verständnis für die psychische Situation, die einzelne jetzt schon zu diesem Mittel greifen läßt". (Der Spiegel, 1968, Nr. 15, S.34, Brandstiftung, Kaufhäuser, Phosphor und Schwefel) Hier wird auch die Spaltung deutlich. Während die Kommunarden ihre nicht immer wohlanständigen Mittel einsetzten, um dem Establishment - dem Spießbürgertum, wie sie es nennen - einen Spiegel vorzuhalten, nahmen die wahren Terroristen, aus denen sich ja bekanntlich die RAF formierte, bewußt Menschenleben in Kauf. Kommen wir zu einem erfreulicheren Thema. Wir wissen, die Kommunarden litten unter permananter Geldnot. Wo verdient man mehr als beim Film?, dachten sich die Kommunarden. Der "Spiegel" schreibt: "Fritz Teufel, 25, Hauptakteur in zahlreichen Gerichtsverhandlungen, will jetzt auch eine Filmrolle spielen. Jung-Cineast Theodor Henner, 28, der den satirischen Roman "Die Hand des Josef König" (Autor: der Frankfurter Kabarettist Rudolf Rolfs) verfilmen möchte, bat die Berliner Kommune mitzuspielen. Nach Einsicht in ein Expose des Drehbuchs handelten die Kommunarden aus, daß sie für 10 000 Mark ihre Sieben-Zimmer-Wohnung am Stuttgarter Platz in Berlin mit allen Bewohnern für sieben Drehtage zur Verfügung stellen würden. Teufel, der unlängst in München für ein Anti-Olympia-Poster posierte, über das Filmprojekt, für das Henner noch potente Geldgeber sucht: "Die Handlung finden wir nicht sehr komisch. Aber für Geld machen wir's" (Der Spiegel, 1968, Nr. 42, S.222)
Oh, oh, der Untergang der Kommune I ist vorprogrammiert. Jetzt biedern sie sich schon dem Kapitalismus an. Dabei wurden doch gerade die großen Vorbilder Ho Tschi Minh und Mao Tse-Tung so gerne zitiert. In einem Gedicht von Mao heißt es ... "Klein, klein das Erdrund, einige Schmeißfliegen stoßen gegen Wände, summen, summen: böse verbittert die einen, verzweifelt die anderen. Ameisen erklettern die Sophore, prahlen über ihr großes Reich, Ameisen rütteln am Baum - gesagt wie leicht. Westwind ist, Blätter fallen nieder auf Ch'ang-an, es fliegen singende Pfeile. Wieviel dringende Aufgaben bisher; Die Welt wandelt sich, die Zeiten drängen. Zehntausend Jahre sind zu lang, kämpft und wetteifert Tag und Nacht. Die vier Meere wogen auf, gischtende Wasser wüten, die fünf Kontinente erzittern, Sturm und Donner dröhnen. Man muß es ausräumen, all das schädliche Gewürm: ein Ganzes - ohne Feinde!" (Mao Tse-Tung in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Tilemann Grimm, Rowohlts-Monographien, 1968, S. 151-152) Und bei Ho Tschi Minh... "Alarm in Vietnam Lieber Tod als Sklaverei! Überall in meinem Land flattern wieder die roten Fahnen. Ausgerechet jetzt bin ich gefangen! Wann werde ich freigelassen, meine Rolle im Kampf zu übernehmen?" (Ho Tschi Minh, Gefängnistagebuch, dtv-verlag, 1968, S.78)
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