Exulanten

Historischer Exkurs:

 

Exulanten: »Wer aus dem evangelischen Mittelfranken oder seiner näheren Umgebung stammt, trägt Exulantenblut in sich«[1] behauptet Matthias Simon im Geleitwort zur 1. Auflage von Georg Rusams Standardwerk über »Österreichische Exulanten in Franken und Schwaben«. Rusam wird in der Vorbemerkung noch deutlicher: »In den Kirchenbüchern der evangelischen Gemeinden in Franken und Schwaben findet sich um die Zeit des ausgehenden Dreißigjährigen Krieges und noch ein paar Jahrzehnte danach häufig hinter den Namen der Getrauten, der Eltern von getauften Kindern und der Verstorbenen die Beifügung: "aus dem Ländlein ob der Enns" ... oder "aus Österreich" ... oder ähnlich; oft werden auch bestimmte Pfarreien oder Herrschaften genannt, die ... auf altösterreichischem Boden zu suchen sind.«[2]

Zu verwundern ist das nicht. War doch die Bevölkerung in Mittelfranken am Ende des Dreißigjährigen Krieges um ca. 50% dezimiert. Markgraf Albrecht V. von Ansbach betrieb die »Repeuplierung ... [des Landes] durch Aufnahme österreichischer Glaubensflüchtlinge, vor allem aus dem Landl ob der Enns. Die wirtschaftliche Tüchtigkeit dieser Exulanten trug viel zum raschen Wiederaufbau des verödeten Landes bei.«[3] Im Zuge der Gegenreformation durch Kaiser Ferdinand III. aus dern österreichischen Erblanden ausgewisen, »durften [sie] ihren Besitz verkaufen und kamen ... [in Franken] nicht unvermögend oder gar arm an.«[4] In Stetten zum Beispiel, heute ein Ortsteil von Gunzenhausen, »darf man aufgrund der Eintragungen in den Trau- und Sterbebüchern und in den Kommunikantenverzeichnissen annehmen, daß um 1655 bis 1670 weit über die Hälfte ... [der] Einwohnerschaft Flüchtlinge aus dem Ländlein ob der Enns waren.«[5] Wirft man aber einen Blick auf die entsprechenden Karten von Österreich, so ist schnell zu sehen, daß nicht nur das damalige Oberösterreich – Ländlein ob der Enns genannt – sondern auch Niederösterreich, und in geringem Maße wohl auch Kärnten, Tirol und die Steiermark zum Bevölkerungszuwachs in Franken beigetragen haben. Im Mühlviertel (Niederösterreich) tut sich vor allem die "Rapottensteiner Pfarr", wie es in einem Stettener Eintrag heißt, hervor.

Exulanten »im ursprünglichen Wortsinn ... [waren] Personen, die aus irgendwelchen Gründen ihre Heimat verlassen mußten und nun heimatlos, ausgeschlossen in der Fremde, im "Elend" leben. Dabei ist die Motivation des Abzugs nicht näher spezifiziert.«[6] Herkunft und soziale Stellung der hier untersuchten Exulanten engt den Kreis der Personen aber eindeutig auf Glaubensflüchtlinge, die im Zuge der Gegenreformation in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts die habsburgischen Erblande verließen, ein. Wichtig ist dabei allerdings, diese Einwanderungswelle nicht mit den salzburger und berchtesgadner Glaubensflüchtlingen des 1. Drittels des 18. Jahrhunderts zu verwechseln. Noch immer in Literatur und Gedächtnis der – vor allem evangelischen – Bevölkerung vorhanden, zogen diese Menschen in der Hauptsache nach Ostpreussen und Nordamerika weiter. In Franken verblieb nur ein geringer Bruchteil und dürfte nach meinen Forschungen unter den Vorfahren von Veronika und Karoline nicht in Erscheinung treten.

Literatur:

[1] RUSAM, GEORG: Österreichische Exulanten in Franken und Schwaben, 2. Auflage, Neustadt a. d. Aisch, Verlag Degener & Co., 1989; Seite X.

[2] ebenda, Seite XII

[3] SCHLUND, HANS HERMANN: Stetten – ein Dorf zwischen Altmühl und Hahnenkamm, Gunzenhausen, 1983; Seite 49

[4] a.a.O.

[5] SCHUHMANN, GÜNTHER: Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach – Eine Bilddokumentation zur Geschichte der Hohenzollern in Franken, Ansbach, 1980; Seite 144

[6] SCHNABEL, WERNER WILHELM: Österreichische Exulanten in oberdeutschen Reichsstädten, München, C. H. Beck, 1992

GRÖSCHEL, KARL (Hg.): Exulanten in Stadt und Bezirk Weißenburg und Dekanat Heidenheim (Weißenburger Heimatbücher 9) Weißenburg i. B., 1935


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Letzte Änderung: 1. Februar 1999