Die Bauern der Niederung
"... Rodearbeit in der Marienwerderschen Niederung begann, als Landmeister Hermann Balke seinen bürgerlichen Mitstreitern die Uferschwelle der Nogat (Oberfeld, Mareese) und dem Niedersachsen Dietrich von Depenow die 300 Hufen umfassende Tiefenau überließ. ... Von der Höhe aus sandten die dortigen Anwohner nach Ablauf des Hochwassers ihre Rinder-, Schwein- und Pferdeherden auf die Weide, ließen durch sie die fruchtbaren, mit allerlei Wurzeln durchsetzten Schlickböden der Uferschwellen zertreten und gestalteten somit die Rodearbeit einfacher, weniger zeitraubend.
Allmählich wandelte sich die Uferschwelle der Nogat. Die 51 Bürger der Stadt Marienwerder konnten nach Ablauf des Wassers in schmalen Ackerstreifen die Braugerste säen, die sie für ihre Malz- und Brauhäuser benötigten. Aber kein Bürger der Stadt baute dort sein Anwesen auf, selbst die Hirtenhäuser lagen noch auf dem östlichen Anhügel zur Höhe.
Einzelne Niederlassungen werden aber trotz aller Unwirtlichkeit der Niederung schon um das Jahr 1300 bestanden haben. Fischer, die es wagten, auf den Sandhügeln am Hohensee auch den Winter über auszuharren, oder Hirten, die auf den hohen Uferschwellen sich in festen Blockhäusern gegen die Unbilden des Winters und Frühjahrs wehrten, mögen seßhaft gewesen sein. Doch der Bauer fehlte.
Das Bedürfnis, für die zunehmende Volkszahl ... neues Siedlungsgebiet zu gewinnen, ... führte zu dem Entschlusse, wenigstens die besten und den gewöhnlichen Hochwasserfluten nicht ausgesetzten Böden in der Niederung nutzbar zu machen. ... Die Einigung von Bischof und Kapitel über ihre Ansprüche an dem "neuen Werder", die 1334 erfolgte, machte die Gelegenheit zu Dorfgründungen frei. Wann sie erfolgten, ist nicht bestimmbar. ... Die Bewohner der Niederungsdörfer waren Deutsche. ...
Der Stadt Marienwerder war ihr Niederungsbesitz durch Bischof Bertold 1336 bis zur Mitte der Weichsel erweitert. Auf dem neugewonnenen Werder Ziegellack legten die Bürger ein deutsches Zinsdorf an, das gleiche Besitzrecht wie die bischöflichen Dörfer erhielt. Ihr folgte die Stadt Mewe mit Bürgersdorf (Mewischfelde). Die Besitzer von Rothof-Tiefenau siedelten hart an der Südgrenze ihres Besitzes und unter gleichen Bedingungen wie die obigen ein Dorf Scholpin an, das mehrfach bei Grenzstreitigkeiten genannt wird.... Gleichzeitig entstanden Einzelsiedlungen in Gestalt von Krügen an den Fährstellen über die Weichsel: die Rote Bude, an der Südgrenze von Ziegellack, wo ein Kai der Marienwerderer, die Anlegestelle der Weichselschiffer, errichtet wurde, der weiße und der rote Krug auf der großen Weide an der Landstraße längs der Weichselstraße von der Fährstelle gegenüber Mewe (Johannisdorf), der Fährkrug Schadewinkel. ...
Die schweren Kämpfe im 15. Und zu Anfang des 16. Jahrhunderts entvölkerten die Niederung, so daß nur noch Einzelwohner, nicht mehr geschlossene Dorfschaften gemeldet werden. ... Es finden sich in der Niederung nur noch Fischerwohnungen und Krüge an den bisherigen Fährstellen. ...
Den Anfang einer neuen Besiedlung machte Salomon Reimann, der erste weltliche Amtshauptmann in Marienwerder, im Jahre 1564 an der Liebe in der Niederung auf der Feldflur des heutigen Kampangen. Wegen der Überschwemmungen scheiterte dieser Versuch.
Dagegen bauten ein Jahr später auf dem südlicher gelegenen Groß Paradies sich vier Bauern mit Erfolg an, nachdem die Liebe durch einen Kanal von dem Zufluß zum Hohensee abgelenkt war. Dann meldeten sich 1574 als Vorläufer von westdeutschen Flüchtlingen holländische Friesen (Perbandt, Heimson, Pelke, Lamterson, Jochim Lamkeson und Jochim Clausson) zur Ansiedlung auf 13 Hufen in Kampangen und zogen weitere Bauern nach sich, die in Ellerwalde heimisch wurden.
Mit ihnen kam eine in unseren (deutschen; der Verfasser) Gebiete unbekannte Flureinteilung und ein neues Besitzrecht, die Zeitemphyteuse (Erbpacht auf 30-40 Jahre, in späteren Zeiten auf ewig) auf.
Die Form der neuen Dörfer der Niederung blieb nicht mehr das mittelalterliche Angerdorf (Straßendorf mit erweitertem Platz für die Kirche, den Dorfteich und die gemeinschaftlichen Hirten- und sonstigen Häuser, vor dem Straße sich spaltete und hinter dem sie wieder zusammenlief) und der Dorfgemeinschaft mit Flurzwang.
Die Nordwestdeutschen brachten die Marschhufensiedlung mit, die ganz ihrem Charakter zu selbständiger Wirtschaftsform angepaßt war. Die "Gemeinschaft" mit ihrem Flurzwang erschien ihnen als äußeres Zeichen der bäuerlichen Abhängigkeit von den übrigen Dorfmitgliedern. Sie mieteten zwar in Gemeinschaft die betreffende Ortschaft, teilten dann aber die Flur in Längsstücke quer zur Straße auf, die von der Weichsel bis an die gegenüberliegende Grenze reichten, und setzten ihren Hof an das Kopfende des Streifens. So war ein jeder in einem zusammenhängenden Stücke für sich. Die Formel, die oft gebrauchte, "jeder für alle, alle für einen" bezog sich daher nur auf die Zinsleistung. Der Hang zum Individualismus konnte keinen schärferen Ausdruck als in den Marschhufensiedlungen finden. ...
Die Marschhufensiedlungen wurden auch auf die binnenwärts liegenden Dörfer ausgedehnt, wie in Kampangen, Ellerwalde und Schinkenberg, dagegen nur teilweise auf Rundewiese. ...
Der allgemeine Siedlungseifer setzte mit dem Jahre 1575 in der oberen Niederung ein...." Die obere Niederung konnte, bis auf Rundewiese in mehr als zehn Jahren voll besiedelt werden. "Für die zeitliche Reihenfolge geben die Zinsbücher des Amtes Aufschluß: Gr. Paradies 1565, Kampangen (zum 2. Male) 1574, Kanitzken 1574, Ellerwalde 1775, Schinkenberg 1576, Stangendorf 1576, Gr. und Kl. Nebrau 1580, Russenau 1581, Gr. und Kl. Grabau 1581, Neuhöfen 1584, Treugenkohl 1587, Neu-Mühlbach 1587. ...
Die landsuchenden Westdeutschen (Holländer, Westfalen, Friesen, Holsteiner und Pommern-Mecklenburger) brachten anscheinend aus ihrer Heimat neben ihren Kenntnissen im Deichbau erhebliches bares Geld mit, so daß sie nicht auf die Zuweisung von lebendem Inventar durch das Amt angewiesen waren. Zumeist kamen sie als Flüchtlinge aus religiösen Gründen, mußten sich aber zur lutherischen Konfession nach preußischem Ritus bekennen, falls sie nicht ausgewiesen werden wollten. Mennoniten (solche, die keinen Eid ablegen wollten!) wurden nicht aufgenommen.
Das älteste, direkt an der Weichsel eingerichtete und mit der Dorfverfassung versehene Dorf ist Kanitzken. Es erhielt auf den 40 Hufen, die zur Gemarkung gehörten, 15 Hofstellen. Die Einrichtungsurkunde des Dorfes, die die Bauern durch eigene Verhandlungen in Königsberg zu verbessern suchten, ist zum Muster für die Pachtverträge für die übrigen geworden. In ihr heißt es: "Von Gottes Gnaden wir Albrecht Friedrich ... tun kund ..., daß im Nachbenannten Holländern Dirike Johannsen, Hansen Silbelmann, Johann Claussen, Lorenz Gertsen, Joachim Witt und Groß Joachim Witt samt ihren Mitgesellen das Gut Kanitzken in unserem Amte Marienwerder, welches früher Groß Lichtenauer (als Weideland) gehalten haben, in seinen feststehenden Grenzen auf 30 Jahre von Michaelis 1575 ab vermietet haben."
... Die Bezeichnung "Holländer" für die Bauern und nur für diese hat mit der Heimat, aus der sie kamen, nichts zu tun. Das Wort, so heißt es, müsse eigentlich "Hauländer" (Rodeländer) gedeutet werden, denn mit Holländer werden auch Pommern genannt, die gleiches Recht erhielten.
Die in Kanitzken angesiedelten Bauern wechselten zum Teil innerhalb der ersten dreißigjährigen Pachtperiode nach anderen neu zur Siedlung ausgegebenen Orten über, so z.B. ein Witt nach Weichselburg. Auf einer Flurkarte Kanitzkens vom Jahre 1607 sind die Bauern einzeln aufgeführt. Von der Grenze gegen Gr. Grabau bis zur Grenze gegen Weichselburg Dirk Brandt, der Schulze, Jochim Jonas, Wessen, Wilhelmsen, Paulsen, Dirksen, Zink, Jacobsen, Wortensen, Quiring, Krüger, Claussen, Gertsen. Die Heimatorte sind nicht festgelegt, die Kirchenbücher beginnen erst 20 Jahre später. ...
Die unmittelbare Herkunft der neuen Einwanderer, der Bauern, ihrer Knechte, Mägde, Tagelöhner und der Handwerker läßt sich bis 1623 überhaupt nicht feststellen. Trau-, Geburten- und Sterberegister existieren erst seit 1623 in Nebrau, in Marienwerder noch später. Die Dorfprivilegien, Pachturkunden, Zinsregister geben keinen Anhalt, da die Dorfschaften nicht an Einzelne, sondern an die Gemeinde insgesamt verpachtet wurden. Eine Ausnahme machen die schon erwähnten Verträge mit Kampangen und Kanitzken. Aber auch da sind die Angaben unvollständig. Aus den ergangenen Gerichtsurteilen, aus Beschwerden und Berichten läßt sich eine Reihe von etwa 50 Namen von Bauern feststellen, die der ersten Pachtperiode etwa bis 1670 entstammen.
Zwei Hauptgruppen der Herkunft sind zu unterscheiden:
Nordwestdeutsche und Pommern. Letztere sind hauptsächlich in Rundewiese nachweisbar und breiten sich von dorther nach Norden aus. Die älteren Siedlungen Kanitzken, Kampangen, Ellerwalde, Schinkenberg und Stangendorf sind von nordwestdeutschen Bauern besiedelt, die später folgenden – z.B. Nebrau, Weichselburg, Russenau, Grabau und Neuhöfen – von Pommern. ...
Unter den Westdeutschen, den Flüchtlingen vor religiösen Verfolgungen, fanden sich viele unruhige Elemente, denen es schwer wurde, seßhaft zu werden. Infolgedessen hatte schon in den ersten Jahren der ersten Pachtzeit eine Umschichtung stattgefunden. Doch heute noch gibt es eine große Reihe von Familien, die im männlichen Stamme Nachkommen der ersten Einwanderer sind:
Adrian, Brandt, Dietrichsen, Dirksen, Gibbe, Heinrichsen, Wilbrad, Peckholz,
Pokrandt, Quiring, Thimm, Witt, Menz. ..."
Quelle: Sonderschrift des Vereins für Familienforschung in Ost-
und Westpreussen e.V., Nr. 42; Wernicke, Erich, Kreis Marienwerder, Aus
der Geschichte des Landkreises bis zum 19. Jahrhundert, Hamburg 1979, Im
Selbstverlag des Vereins, ISSN 0505-2734