Helmut Quiring war ein leidenschaftlicher
Leser. Er deckte sich manchmal mit Büchern regelrecht ein. Und früher,
als man Romane noch
an den Lottoannahmestellen leihen konnte,
kam es vor, daß er sich noch dort, in dem kleinen Laden, auf einem
Hocker sitzend, vollkommen in
einem Buch verlor. Ein Buch konnte ihn fesseln,
konnte ihn Zeit und Müdigkeit vergessen lassen. Bis in die Nacht hinein
lag er dann wach und fieberte über den bedruckten Seiten. Die Zeit?
Vergessen. Der Schlaf? Später. Er hat auch so gelebt! Er hat das,
was er tat, auch so
getan: Leidenschaftlich. Selbstvergessen.
Mit ganzem Herzen. Schon seine Jugend war von diesem markanten Wesenzug
geprägt. 1928, am
Ausgang der <Goldenen Zwanziger Jahre>,
in Dortmund, in der Paulinenstraße geboren, ließ sich der Junge
von dem faszinieren und
begeistern, was auch die meisten Erwachsenen
mitriß, die es vielleicht hätten besser wissen müssen:
Von den Werten und Zielen des Dritten
Reiches. Als zarter, sensibler Junge wurde
er Pimpf in der HJ, und als Sechsehnjähriger Wehrmachtssoldat an der
Front. Und als er nach kurzer Kriegsgefangenschaft zurückkam, machte
er die erschütternde Erfahrung seiner ganzen Generation: Nicht nur
die Heimat war in Trümmern, nicht
nur seine Stadt war zerstört, sondern
auch die Hoffnungen und Träume einer Jugend. Ist es ein Wunder, daß
es den Männern dieser Generation schwerfiel, über ihre Gefühle
zu sprechen? Wenn sie lieber den Schmerz über ihre betrogene Jugend
vergessen wollten und sich dem Wiederaufbau
widmeten? Das tat auch mein Vater. Und er
tat es mit der ihm eigenen Hingabefähigkeit. Anfang der vierziger
Jahre hatte er bei der Werksunion, den späteren Hoeschwerken, eine
Lehre als Maschinenschlosser gemacht. Nach der Kriegsgefangenschaft begann
er in dem gleichen Betrieb zu arbeiten und blieb ihm sein ganzes langes
Arbeitsleben lang treu. Der Betrieb war sein zweites Zuhause. Auch Hoeschianer
war er von ganzem Herzen. Auch in seiner Arbeit war er leidenschaftlich,
auch von ihr ließ er sich fesseln. Er nahm zunächst zusätzliche
Schichten an, um seiner Familie die wirtschaftliche Grundlage zu sichern,
er verschaffte sich Anerkennung und Respekt, so daß er betriebsintern
zum Meister befördert wurde. Er drückte als Vierzigjähriger
noch einmal die Schulbank, um auch vor der Industrie und Handelskammer
Dortmund seine Meisterprüfung abzulegen und so bei Hoesch den Status
eines Angestellten zu erlangen. "Wenn man etwas richtig anpackt, dann schafft
man es auch" - so sein Motto, "man muß es nur wollen, und dann in
Angriff nehmen und bis zum Ziel durchziehen." So wie man ein Buch in einer
Nacht durchliest. Und mit dieser Zielstrebigkeit und Gradlinigkeit hat
er auch für die Familie gesorgt. Was Vater für uns war, wird
vielleicht am deutlichsten an einem der Großprojekte seines Lebens:
Er baute ein Haus. Aus eigener Kraft, mit seiner Hände Arbeit schuf
er buchstäblich ein Zuhause für uns. Dieser Bau hat ihn viel
Lebenskraft gekostet. Aber so wollte er das: Etwas schaffen aus eigener
Kraft, sein Herzblut geben, und dann sagen können: "Ich bin glücklich,
daß ich das geschafft habe." <Schepp auf!> hieß sein Spruch:
Nicht lange fackeln, nicht viel diskutieren, die Schüppe in die Hand
nehmen und anfangen zu graben. Diese Entscheidung prägte auch sein
soziales Leben, die Art, wie er Mensch unter Menschen war - Mitmensch eben!
Schon 1947 wurde er Mitglied der IG-Metall. Ein Mann wie er - gradlinig,
aufrichtig, hartnäckig - pflegte nicht mit seiner Meinung hinter dem
Berg zu halten. Ein Bekannter sagte von ihm: "Er fürchtete weder Tod
noch Teufel, wenn es darum ging, die Wege zu betreten, die er für
die richtigen hielt und das Ziel zu verfolgen, das er sich vorgenommen
hat." Natürlich kann so ein Mensch gar nicht pflegeleicht sein, natürlich
wird er immer wieder unbequem. Mit dieser zielstrebigen, unbequemen Art
setzte er sich zum Beispiel als Mitvorsitzender der Elternpflegschaft der
Volksschule dafür ein, daß aus der evangelischen Siemensschule
und der katholischen St. Anna-Schule, die damals unter einem Dach, in einem
Haus, getrennt arbeiteten, eine überkonfessionelle Schule wurde. Und
diese unbequeme, zielstrebige Art war wohl auch die Voraussetzung, um in
einem weiteren Großprojekt seines Lebens zum Erfolg zu kommen. Vater
war erster Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Dorstfeld-Süd. Und
als sich in den achtziger Jahren, nach dem Bau der Siedlung, herausstellte,
daß der Baugrund, auf dem die Häuser errichtet wurden, verseucht
war, ließ der leidenschaftliche Mann seinen Protest bis in die höchsten
politischen Ebenen laut werden. Auf einer denkwürdigen SPD-Versammlung,
an der auch der damalige Parteivorsitzende Willy Brand teilnahm, meldete
sich Vater zu Wort. Der Bundestagsabgeordnete des SPD-Wahlkreises wollte
ihn zurückpfeifen, und Willy Brand sagte: "Laß diesen Mann reden!"
Vielleicht hatte er ja gespürt, daß sich hier einer zu Wort
meldet, der sich nicht so ohne weiteres zurückpfeifen läßt.
In einem anschließenden Privatgespräch sicherte Willy Brand
gegenüber meinem Vater seine Hilfe für die Siedlergemeinschaft
zu. Die Stadt zahlte Entschädigungen, die besonders betroffenen Bewohner
der Kernsiedlung konnten ihre Häuser an die Stadt zurückverkaufen
und mit dem Geld eine neue Existenz aufbauen. Damals ist Vater in die SPD
eingetreten. Er hat diesen Erfolg nie an die große Glocke gehängt.
Vielleicht hat er im Stillen ähnlich gedacht wie nach dem Hausbau:
"Ich bin glücklich, daß ich es geschafft habe!" Das war Vater.
Auch wenn Vater Karten spielte, war er mit ganzem Herzen dabei. Er war
ein leidenschaftlicher Kartenspieler und hat der Mutti einmal gestanden,
daß er jeden Tag Karten spielen könnte. Über einem Buch,
am Arbeitsplatz, beim Hausbau, bei der Versorgung der Familie, in der Verantwortung
als Bürger, beim Spiel - was er tat, tat er mit Leidenschaft, selbstvergessen
und mit ganzem Herzen. So war Vater. Sein Lebenskreis schloß sich
am 28. Januar. Bezeichnenderweise litt er an dem Organ, dessen ungeteilte,
leidenschaftliche Kraft er Zeit seines Lebens in alles investierte, was
er tat - an seinem Herzen. Montags saß er noch mit uns zusammen beim
Grünkohlessen, spielte Skat und abends ging er zu Bett, um nicht mehr
aufzuwachen. Wie ein Mann nach einem langen Arbeitstag.