Kapitel 6: Frühling
Es hat gereicht, einfach gereicht. Dem Internet gedankt, weiß Maud, wann ER in Frankreich Konzerte gibt. So wird ER zum Frühlingsanfang im Südwesten Frankreichs spielen. Als Ausgeburt der tristen Situation im Winter war es ausgemachte Sache für sie, den 20. März in Agen auf einem Konzert von IHM zu feiern. Das zweite Frühlingsfest der Göttin, im Süden und IHN zu sehen, das schien im grauen Zwielicht der Kälte, im überraschend auftauchenden Schnee im Februar und überhaupt das Genialste. Urlaubsantrag bewilligt, Katzensitter organisiert und Auto vorhanden, alles in Ordnung.
Oder nicht?
Gibt es da was?
Unruhe, hmm, na ja Streß, scheiß Wetter oder so!
Oder nicht?
Was soll das?
Ist da mehr?
Was ist, wenn ER so ganz anders ist? Wenn ich vielleicht gar nicht nach Backstage komme? Die Sprache, da kann ich keinen voll labern. Und das Ambiente, so ganz anders als bei uns. Und die Araber, auch so ganz anders. Wie soll ich mir die vom Hals halten. In Berlin, null Problemo, aber da?
Und dann möchte ich meine Ruhe, nach dem ganzen Ärger, auf Arbeit und so!
Dann das ganze Unbekannte, Unwägbare, ist ja ne tolle Erholung.
Ne, muß doch nicht sein, ER spielt ja laut Internet im Mai und Juli auch in Deutschland. Also eaysier, warum dann den Streß? Richtigen Urlaub hab ich doch viel nötiger.
Ja, was ist los, Maud wird egoistisch. Ein Groupie gehört zum Star und d sie denkt über Urlaub nach. Echten Urlaub! Verstand oder Irrsinn?
Nicht nur oder beides, Maud war nie nur ein Groupie. Ihre Stärke ist ihre Vielfalt.
In so vielen Seelen oder Seiten schimmert ihr Selbst, da kann vielleicht ein Etwas, wie das Groupie, über längere Zeit die Richtlinie anstimmen, aber nur im relativen Gleichklang mit allen anderen. Irgend etwas drehte das Rad und Maud hatte die Schnauze voll, IHM hinterher zu rennen.
Eine Nase voll Speed und das Leben genießen, das war angesagt. Im Frühling ist der Tod näher und das Wissen darüber. Die ersten Anzeichen des wieder beginnenden Lebens erzählen vom ewigen Kreislauf und schaffen Hoffnung. Als Esotussi ist ihr das alles klar, Beruhigung und Antrieb zugleich. Oder glaubt sie dies nur?
Maud, sensibel wie ein Holzklotz hatte keine Laune, die Gründe für ihren komischen Sinneswandel abzuchecken. Lustig wie ein Kreisel vollzog sie dennoch die Kehrtwendung um 180 Grad.
ER wurde zum Lied, dem frau mit wehmütigen Gedanken nachhängt und gleichzeitig Glücksgefühle hat.
Ein Nachhall der Seele auf vergangene und fast vergessene Glücksgefühle.
So fuhr sie zum Strand, ans Meer, in die Sonne.
Sechs Tage Autofahrt, um zwei volle Tage da zu sein.
Sie war zwei Tage voll da, weil sie vorher drei Tage gefahren ist.
Maud haßt Fliegen. Dieses Ding mit dem Flugzeug. Erstens ist es fremdbestimmt. Frau ist ohnmächtig dem Piloten ausgeliefert. Beim Autofahren hat sie es ihn der Hand. Ihr Leben und Sterben. Na ja wenigstens die körperliche Unversehrtheit.
Und dann dieses plötzliche Dasein., beim Fliegen.
In ein, zwei Stunden bist du ganz woanders.
Mit dem Auto drei Tage, in denen die Unterschiede, nicht nur des Klimas, erlebt werden.
So war Maud da, wahrlich in Südfrankreich. Am Meer, am Strand, in der Sonne, bei diesen Menschen und im warmen Sand gebettet, genährt durch die Sonne, vor Wohlgefallen seufzend, erbat sie sich von der großen Mutter drei Wünsche zum Frühlingsanfang:
1. Laß mich die Sonne mitnehmen zu mir ins kalte Berlin, auf daß dort der Frühling
ist.
2. Glück in der Liebe.
3. Gesundheit und langes Leben mir und allen, die ich liebe.
Profan und albern mag all dies klingen.
Esoterische Auswüchse eines naiven Geistes.
Tja Pech meine lieben "Wirklichkeitsfreaks", Maud, neben Junkie, Groupie und Esotussi muß wohl in ihrer grundtiefen Naivität, den Zugang zu einer Macht, Kraft bekommen haben, wovon jeder Diktator nur schwärmen kann. Als Esotussi war sie eigentlich nicht so unbedarft, aber am Strand, in der Sonne gibt es keine Rituale, nur ein Sein.
Zurück in Berlin scheint die Sonne am Himmel, aber im Herzen bleibt’s dunkel. Drogen nehmen wäre zwar eine Alternative, leider hat Maud keine mehr da. Und sich welche besorgen, ach ne die Zeiten sind vorbei.
ER wiederum ist eine Quelle der Wut. Internet gedankt, auf dem neuesten Stand der Tourplanung, verfällt Maud regelmäßig der Paranoia. Tout France und sogar Jena! Ist im Plan, nur nicht Berlin. Hat ER Angst vor ihr, haßt ER sie?
Maud versteht gar nicht, warum sie noch kein Magengeschwür hat. Vor lauter Wut fängt sie an, den Boden ihres Badezimmers zu streichen. Vielleicht kriegt sie ja auch ihre Tage. Aber auch so eine Frechheit. Überall auf der Weltgeschichte Konzerte zu geben, nur nicht in Berlin. War sie nicht vielleicht doch zu hart, Backstage, beim letzten Gig. Egal! Sie fühlt es im Urin, das kann es nicht sein. Wahrscheinlich ist ER so wie alle Typen. Erst das Geschäft, dann die Liebe. Scheiße auch!
Brennend würde sie ja in diesem Zusammenhang interessieren, ob ER ihre Grußkarte bekommen hatte. Im Dezember, Internet gedankt, erfuhr Maud, daß ER in Zürich spielen sollte. Nach kurzem, oder etwas längerem gedanklichen Hin und Her, hinsichtlich des Hinfahrens., entschloß sie sich ein Angebot der Deutschen Bundespost anzunehmen. Pralinen per Post, in die ganze Welt. Geschwind ein Text aufgesetzt, einen Kollegen zur Übersetzung überredet und ab zur Postfiliale. In Schönschrift alles abgekupfert, hin mit der Karte zum Schalter, Leider sagt der Beamte die Sendung wird nicht rechtzeitig angekommen. Junge Dame, meint er süffisant, zuerst muß die Sendung zum Schokoladenkonzern, bis die dann das gepackt haben, das dauert mindestens drei Tage und dann bis in die Schweiz, ja da hätten sie vor drei Wochen kommen müssen.
Lag es an der neuen Marketingstrategie, oder am Gewissen, das unversehens gezwackt hat, oder an Maud´s entgeisterten, tieftraurigem Gesichtsausdruck, der Beamte zeigte menschliche Züge. Er schenkte ihr die Grußkarte, die eigentlich zum Gesamtpaket gehört und ..., ja und kam sie dann auch an?!
Wenn ER sie bekam, dann hatte ER kein Interesse mit ihr in Kontakt zu treten, schließlich hatte Maud auf der Karte ausführlich ihre diversen Adressen aufgezählt. Oder ER sah keinen Anlaß sich mit einem kleinen Groupie einzulassen. Jedenfalls genügend Stoff für Maud in eine mittlere Depression zu verfallen. Im besten, immer noch schlechten, Falle nahm ER sie, die Karte, zur Kenntnis, wohlwollend ob der Bewunderung, die im angediehen wurde und vergaß sie und die Karte sofort, wegen der Geschäfte. XY, sie sind doch alle gleich!
Auf dem nächsten Konzert würde sie deshalb Hakim umgarnen. Vor seinen Augen!
Ihn nett behandeln, aber nur so ein bißchen. Und Hakim so fertig machen, daß er vor IHM sagt: "Raki greebe t´hablini!"
Und dann wollte sie mal sehen, wie ER reagiert.
Hier endet in der Regel ein Tagtraum. Auch ein Groupie beläßt es hiermit. Wohlweislich!
Tagträume brachten IHN aber auch nicht näher. Immer noch kein Tourabstecher nach Berlin geplant. So mußte Maud die alte Regierungsstadt besuchen.
ER will Anfang Mai in Düsseldorf, Bonn und Bochum spielen und in Bonn wohnt ein Arbeitskollege und drei Tage vorher ist sie eh in Westdeutschland auf Arbeit. Einmal auf Reisen ... , abschalten, in Errinnerung bringen, die Liste der Ausreden hinzufahren ist lang und kurz der Entschluß. Zuerst arbeiten und dann ....
Das Seminar war anstrengend wie immer, wenig Schlaf, viel Reden, so pudert sich Maud im Zug noch einmal die Nase und erblickt die ehemalige Hauptstadt.
"Meine Fresse, warum machen die so einen Aufriß mit dem Umzug, sollen soch froh sein.!" Maud nervt das Kleinstadtgehabe, so aufgeräumt und so kleine Häuser und überhaupt sind die alle so pseudo gut gelaunt. Lieber ´ne Kleinstadt in Sachsen als das. Kein Wunder daß die Ära Kohl ein Remake des Biedermeier war. Na Berlin wird die Weicheier von Bonnern schon wecken.
Nervös, hippelig und leicht angesäuert checkt sie erst mal den Ort des Geschens ab. Unten nichts, im ersten Stock der Auftrittssaal und ne Kneipe, die Feuertreppe runter müssen die Gaderoben sein. Also erst mal die Kneipe, die Lage auskundschaften und etwas Ballaststoffe dem Magen zuführen.
Der Platz an der Theke, blitzende Augen kombiniert mit einem Lächeln und schon vergißt das Personal Internas nicht laut vorzutragen. Ist ja auch 'ne Sauerei, daß mensch noch nachts um 1.00 Uhr Essen für die Hauptband servieren muß. Hier im Lokal, wo doch sowieso so viel zu tun ist ....
Maud langweilt sich, ging alles viel zu schnell. Noch eine halbe Stunde bis zum Hauptgig. So wird zur Kurzweil der Einlaß begutachtet.
"Ob es denn möglich wäre Monsieur ..., ein kleines Präsent vor dem Konzert zu kommen zu lassen?" Maud säuselt die Empfangsdame, die Hüterin der Karten, an.
"Ja, da muß ich mal nachdenken, mmh ja die Managerin, die lief vorhin hier rum , die ist dafür zuständig? Ich weiß jetzt aber nicht wo die ist."
Maud redet beruhigend auf die Dame ein und da erscheint die Managerin. Jung und sehr bemüht, möchte diese Maud gleich nach Backstage geleiten. Ist aber nicht im Sinne ihrer Strategie. So wird der Guten das Päckchen mit den Pralinen überreicht, damit es den Adressaten vor dem Konzert signalisiert, sie ist da. Überraschung heuchelnd vernimmt Maud die Kunde, daß nach dem Konzert ER mit Band in der Kneipe speist. So was auch.
Alles geht viel zu glatt. Nicht einmal richtige Ordner haben die in Bonn. Freundlichkeit pur oder Naivität. Egal, die Steinziege lockt nur die Heraudforderung, nicht die ruhige See. Um der grauen Gleichmütigkeit zu entfliehen, wird noch einmal die Nase gepudert. Dann endlich öffnen sich die Pforten.
Ein kleiner Saal, auf der Rückseite versuche sich einige Stufen nach oben, vorne eine kleine Bühne. Kleinkunstbühne, dunkel, rauchig, heimelig. Ganz in Schwarz sichert die Hexe aus Berlin ihr Revier. In front of the mikrophon of Hakim. Um sie herum eine Familie mit Kindern. Und gutgelaunte Präriebonner. Wie vermisst sie das Motzen und Anpöppeln. Und dann das Konzert.
Gut, sehr gut. Voller Drive und Elan. Warum nur hat Maud ständig das Gefühl, daß ER sie verarscht.Gur liegt an ihrer schlechten Laune, eigentlich sind doch alle gut drauf. Und schön ist es IHN zu hören, sein Schauspiel mit Hakim zu betrachten. Und alle sind gut drauf. Nur bei dem Lied des Mannes an seinen Geliebten, da werden sie anwesenden Araber etwas still. ER zelebriert es richtig, mit Hakim als Liebesobjekt Ob die Botschaft verstanden wurde? Wahrscheinlich nur von den 01 % der Comingoutler, die sich im Sumpf der bodenständigen "Gute Laune" verirrt haben. Denn Gott Sei Dank geht es danach wieder weiter mit dem Hit der Saison. Da kann der Rheinländer schunkeln. Tanzend gegen das Grauen, tanzen um das Feeling der Musik zu finden, abseits der Menge verliert sich Maud endlich doch. Sofort ist das Konzert vorbei.
Fröhlich gestimmt verliert sich die Menge in das gesichtslose Grau des Alltags, einige wenige in die Kneipe. Maud hat die Schnauze voll. Die Musik war gut, die Show war gut, aber das Setting war ideal für einen Horrortrip.
Dagegen gibt es keine Drogen. Im holden Ort der Gastlichkeit, Maud schwingt sich gerade auf einen strategisch günstigen Barhocker treibt sich Konkurrenz herum. Kichernde Teenies und eine etwas ältere Frau. Na Klasse. Groupie sein ist das eine Ding, aber in der Laune in Konkurrenz zu treten, bringt nur Kalamitäten. Nur mühsam unterdrückt Maud ihre Aggressionen. Auch sie hat mal so angefangen. Nichts daran ist verwerflich. Aber sie ist kein Hund, der zähnefletschend sein Revier verteidigt. Katzen kämpfen oder sehen zu, wie die anderen kämpfen. Sie positionieren und posieren. Bis ...
So wird sich der Lage entzogen, es wird ihr elegant der Rücken gezeigt. Auch wenn neben an die Stars Platz genommen haben. Tunlichst übersehen ist das Motto des Abends. Die jungen Fans verharren in anbetungsvoller Starre, nur die ältere wanzt sich dreist an den Tisch von IHM und will sich gemein machen. Irgendwie erwischt sie dabei Hakim. Der nicht dumm, stellt sich neben Maud, bestellt sich einen Pastis und entdeckt sie zufällig.
"Ah Mona, ca va?"
"Bon soire Hakim, merci tres bien, et toi?"
Leider hat der gute Menschd einen äußerst schlechten Augenblick gewählt, Madame ist ungnädig. Einsilbig, läßt ihn auflaufen. Beäugt aber voller Interesse jede seiner Handlungen und das gut geschnittene Gesicht. Nach einem erregten Wortwechsel mit der Barschaft, ob des nicht vorhandenen Getränkes, entzieht er sich der Situation äußerst geschickt.
Ist mir doch alles egal, Gefühls- und Antriebslosigkeit macht sich breit. Was soll das alles. Auf Spielchen hat die Spielerin keinen Bock. Schreibwütiges Arbeiten wird als Maske der Unschlüssigkeit inszeniert.
Ein zweites Mal, diesmal begleitet von Zurufen des Tisches wagt sich Hakim an ihre Seite. Verweilt etwas, unsicher, da ohne Aufmunterung, aber heftig beobachtet, gibt er auf. Ohne etwas zu sagen.
Endlich bewegt sich Maud, so kann es ja nicht weiter gehen. Graf Koks ist jak nichts gegen sie. Will sie hier sitzen und auf Eisblock machen, bis ER geht? So bewegt sie ihren Hinter von der Rückenstellung zur Seitenlage.
Kaum sitzt sie seitswärts zum Tisch ertönt ein lauter Schrei:
"Ohla Maud, ca va?"
ER Schreit sie an. Dankbar wendet sei sich endgültig der VIP-Lounge zu. Und ER winkt sie zu sich heran. Immer noch arrogant schlängelt sie sich den Hocker hin zu IHM. Strahlend Küßchen hier und da die Begrüßung. Was machst du hier? (Auf französisch natürlcih, aber das bißchen versteht sie).
"Ich habe letze Woche in der Nähe von Bonn gearbeitet, so habe ich einen Tag verlängert für das Konzert"
verkündet Maud ihren einstudierten Satz.
ER murmelt irgentetwas französisches und deutet auf den Nachbar zur Linken von Maud.
"Kennst du ihn noch ...?"
Maud begrüßt das älteste Bandmitlgied.
"Und hast du schon gesehen, Hakim ist auch da?"
Sie grinst schief und Hakim genauso.
Daraufhin verabschiedet ER sich, er wäre müde. Maud ist alles egal und gut sieht ER auch nicht aus. Küßchen und weg ist ER.
Konsterniert und irgendwie erleichtert, weiß Maud nicht, was zu tun. Zusammenreißen die Klamotten vom Barhocker gepackt, an den Tisch gegeüber von Hakim gesetzt und erstmal entspannen.
Deie herum hippelnden Fans hätten sich das in ihren heißesten Träumen nicht ausmalen können, aber Maud wir schon wieder auf das heftigste von einem anderen Bandmitglied begüßt. Gleichzeitig wird der Managerin erzählt, daß sie sie schon in München und vor allem in Berlin gesehen haben. Nett das.
Mittlerweilen hat sich die ältere Fan-Frau unliebsam bemerkbar gemacht, in dem sie hemmungslos den Teller von Hakim leer frißt. Indigniert registiert Maud diese Auswüchse. Einer achtzehn Jährigen läßt man dies durchgehen. So ist das nur peinliches Schnorrertum. Ihr Blick wird bemerkt und falsch verstanden? Hakim bietet ihr einen Bißen an. No chance, kein Hunger könnte ihr das Essen reintreiben, bei dem Schauspiel vorher.
So geht die Chose weiter. Immer wenn Hakim mit Maud reden möchte, mischt sich diese Frau ein, leider kann sie ziemlich gut französisch. So sindplötzlich alle bis auf diese Frau, die Managerin, Maud und Hakim verschwunden. Ab und zu ertönt ein Ruf, der zum Nachkommen auffordert, aber Hakim überhört geflissentlich die Mahnung. Spät, zu spät frägt er sie, wo sie zu nächtigen gedenkt.
"Ich fahr mit dem Zug heut früh. Bis dahin mach ich Party..."
Maud bietet in Angesicht der drei Stunden Aufenthalt noch an, daß sie gerne noch mitkommen würde, um sich weiter zu unterhalten. Doch die Managerin redet auf Hakim ein, sein Gesicht wird immer länger, bis ihm der Geistesblitz kommt.
"Bist du morgen in Bochum?"
"Nein in Berlin".
Enttäuschung. Aber:
"Wir spielen in Berlin auf der Féte de la musique!"
"Ich weiß!"
Noch ein Satz, scheiße diese Sprachschwierigkeiten. Hakim hätte gerne.., was? Die Managerin drängt zum Aufbruch und schleppt ihn weg.
Absofort hat Maud die ältere Frau am Hals. Jetzt durch ihr unqualifierziertes Gelabere wird Maud auch der Hintergrund deutlich. Diese Mischpoke hatte sich den ganzen Tag bzw Nacht der Band aufgedrängt. Sie brauchte angeblich einen Schlafplatz, da sie aus der Bonner oder NRW Prärie stammt und ihr Zug eine halbe Stunde später als der von Maud fährt. Und sie hätte ja noch ihre minderjährige Tochter plus Freundin dabei ....
Kein Wunder, um die los zu werden, hätte ich mich auch verpißt.
Die einen wurden die Tussi los und Maud hatte sie am Hals. So eine Klette hatte sie schon lange nicht erlebt. Kein Problem sie Alte los zu werden, aber dann tauchten wirklich die Kinder auf.
Der Abend war sowieso gelaufen. Und endlich gibt es eine Zielscheibe für ihre Laune. Bis der Zug abfährt wird die Alte mit Zutun ihrer Tochter und deren Freundin verarscht. Fünfzehnjährige haben halt manchmal mehr drauf als ihre Mütter. Schon schlimm.
Maud sorgte jedenfalls für Kurzweil und daß die drei Kinder zum Bonner "Hauptbahnhof" kamen. Gab den Teenies noch ein paar gute Tips für die nächste Stunde, hoffend, daß die Alte die Kinder nicht in Schwierigkeiten bringen würde.
Und außer einem medizinischen Notfall in ihrem Zugabteil schlief sie gut.
7. Johannisfeuer
Zwei Träume, der erste - wundersam belebend - versprach, daß ER auf dem Festival in Thüringen auftreten wird. Für Maud ein Lebenselixier den ganzen Tag über. Die nächste Nacht, die Nacht vor dem Ereignis, bot einen ganz anderen Traum. Die ganze Band freut sich auf den Auftritt. Etwas hält sie auf. Im Traum war es eine Sackgasse, geschaffen von einem Feuerwehrauto, das so einfach in der Gegend falsch herum stand. Wehmütigen Blickes fuhren alle weiter, nur Hakim sah der Träumenden ins Auge und signalisierte Bedauern, ob der verpaßten Gelegenheit? Gerne hätte er die Schlafende mit auf den Wagen genommen. Im Traum war das Konzert dann abgeblasen.
Gar lustig ist das Reisen, insbesondere wenn sich ungebetene Gäste verspäten. So fuhr eine zwei Autos messende Karawane etwas später als geplant von Berlin los. Allen voran, der alte Citroen von Maud, die als leidenschaftliche Ralleyfahrerin, kein Fahrzeug vor sich duldet. So kurvt hinter ihr eine, sagen wir es ruhig, komische Frau inklusive deutsch-nordamerikanischem Pärchen und ein Kind. Nun so fuhren sie des längeren dahin, im Konvoi, durch einige willkürliche Pausen, auch bekannt als Stau, aber so reizend war der Ausblick.
Bis es ein Ende nahm auf einem Acker nahe der pitoresken altehrwürdigen Stadt Rudol.
Bis in den letzten Knochen ungnädig gestimmt, dennoch langmütig nimmt Maud das Schlaf- bzw. Zeltaubauplatzgeusche hin. Sogar ein dreimaliges Gewandere hin zum Orte des potentiellen Schlafens, zurück zum parkenden Lastesesls, namens Auto, immer vollgepackt, wird dank chemischer Ersatzstoffe gleichmütig hingenommen.
Aber das, was Maud die Laune so endgültig auf einen nennenswerten Tiefpunkt bringt, ist ein Stück Papier. Harmlose Letter verkünden Unsagbares und Leid verheißendes: Das Konzert mit ihm ist ABGSAGT, ERSATZLOS GESTRICHEN!
Wiedersprüchlichkeit der Träume, der Gefühlswahrnehmung. Maud war sich zwar sicher, daß beide Träume war sind. Die Zusage und die Absage. Innerlich hatte sie immer gehofft, daß die Zusage die obere Waagschale ist. Diese Hieroglyphen, schwarz auf weiß und die Aussage der verfügbaren Veranstalter verlautete das andere Stück der Waagschaale. Der Traum mit der Absage hatte ja noch eine andere Botschaft, es nach der Absage ging so einiges schief und war traummäßig nicht so erbaulich.
Nach dem Motto glaube deinen Träumen und der Devise, schaffe die Realität nach deinem eigenen Gusto, beschließt Maud das Beste aus der ganzen Angelegenheit zu machen.
Lächelnd, gute Laune vorheischend, kurz abseits die Fassade mit Stimulanz aufgefrischt und sich in punkto Programmplannung durchgesetzt, findet sich Maud mit der Karawane mittemang der Altstadt thüringischer Herkunft wieder. Vier Frauen, zwei Kinder, weiblichen Geschlechtes, lauschen einer Gruppe aus der Westsahara, Leyouad, die animalisch ihre urst eigenen Gesänge etc. darbieten. Was für ein Geschreie, stolze schöne Frauen und als Beiwerk drei stimmlich minderbemittelte Hähnchen, Gockel.
Maud hatte von der Mittsommernacht noch etwas in der Hand. In der Linken sozusagen. Während der westsaharischen Musik versetzte sich die alte Hexe ein bißchen in Trance und holte IHN aus der Hosentasche. Ein kleines Ritual, um dem Liebsten Gesundheit zu wünschen, so gut wie ein Wunsch an eine Sternschnuppe. Nur IHM zu geben, von der Energie, die so rumfleucht. Haben diese Dinge doch den Vorteil, das die Ausübende ruhiger wird, gelassener oder sowas in der Richtung. Erspart auf alle Fälle den Therapeuen.
Gut sieht Maud aus an diesem Abend, die alt bewährte hautenge schwarze Satinhose, wilde blonde Haare, frisch blauschwarz gefärbte Wimpern (die so wunderbar Iihre kobaltblauen Augen Gestalt geben) und weil all dies der Welt gehören muß, verliert sie "plötzlich" die Gruppe und tigert durch die Gegend. Ein Paradoxum? DieGroßstadtkatze in mitten von mehr oder weniger gewollten Landeiern.
Frei von den Zwängen des Rudels geht es Maud jedenfalls gut und so streift sie durch das Festivalgelände. Immer auf der Suche nach Beute. So kommt es, daß sie wie immer am richtigen Platz zur richtigen Zeit war. Ein Fetzen aus den Lautsprechern, stutz, nachgefragt, ja ein Wunder. Trotz der Absage ER spielt.
Eine Wirkung des Rituals? Egal, vor zur erste Reihe, einfachste Übung, Platz behaupten und dann....
Hakim checkt die Instrumente mit den Tonregler-Menschen ab. Hübsch macht er das.
"Hakim" ruft Maud.. "Ca va!" Sehen, bemerkt werden, ab nach hinten, erzählen. So ist auch ER von der Dame in der ersten Linie in Kenntnis.
Flaschback, 1982, München Olympiastadion, Intro des Rolling Sones Konzertres. Genauso fängt ER heute an. Noch nie waren Seine Songs so rockig. Gut gewählt das Intro, die Bühnenshow eine Raiparodie von Mick und Keith, mit Hakim und IHM in den Hauptrollen. Wie alt manche da aussehen. Kein Heruntergeleiere der alten und neuen Songs., sondern ein eingespieltes Team mit fassbarerer und energiereicher Freude an der Melodei. Daß ER zwischen ein Päuschen macht, die Gesundheit will halt nich wie der Wille, fällt nur geübten Mauds auf. So toleriert sie genädig SEIN Nachgeäffe ihres Tanzstils. Hauptsache wir haben Spaß. Ekstase und wohliges Gefühl, so gut war noch nie ein Konzert von IHM. Was eine krankheitsbedingte Pause so bwirken kann. Oder ist es ihre Anweenheit? Der Gleichklang von Auditorium und dem Derwisch auf der Bühne harmoniesiert und elektrisiert sich im Wechselspiel. Dann geht Maud nach der ersten Zugabe.
Wunder über Wunder, der Order am Backstagebereich hat null Interesse zu kontrollieren, wer rein geht und wer nicht rein darf. Ja im Osten ist alles anders. Wohl ne Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Eine Hürde, die keine ist, schafft eher gute Laune und so begutachtet Maud den Rest des Konzertes aus dieser Warte aus. Liegt es an ihrer Kurzsichtigkeit oder hat das Duo ER/Hakim den Drive verloren engagiert lustlos ziehen die beiden ihre Songs durch. Hin und Fort ist die lustvolle Power, die sie vorher so wunderbar lebten. Tja die Muse hatte sich ja auch verpißt. Ein Stimulanz muß nicht immer chemischer Natur sein.
Im Rücken der Helden der Musik macht Maud gar so seltsame neue Erfahrungen, Hürdenlosigkeit schafft Konkurrenz. Zwei niedliche teeniemäßige Adepten des Groupietums harrten gleich ihr der Ankunft des Herrn. Verwirrt und unschlüssig ob der ungewohnten Situation, aber natürlich geschickt plaziert, träut Maud dem Schicksal. Hat sie was verpaßt? Na klar, ER ist ein Star geworden, ohne daß Maud es wirklich begriffen hat. Komisch auch.
Der letzte Akord ist ausgeklungen, ER schreitet wankelnd die Treppen der Bühne herab. Der Nachwuchs will sich schon vordrängen, da sieht ER Maud. Ein Freudesjauchzen, fast schon schreiig, entkommt SEINER Kehle, freudig stürzt ER auf Maud zu. Alte Freunde unter sich. Küßchen auf die und die andere Wange. Man ist ER dicht. Schon wird ER vom Pampersunwesen genötigt. Die ordnende Kraft der "neuen?" Managerin treibt die Scharr in Richtung Gadaroben-Container.
Will sie Maud den Eintritt verwehren.
"They know me!"
Und von drinnen kommt Ives auf Maud zu und begrüßt die alte Bekannte. Geschlagen gibt die"Managerin" den Weg frei. Perplex wie sie ist vergißt die den Nachwuchs, der drängelt mit und fordert von IHM detailierte Autogramme. Maud begrüßt den Rest der Band im engen Kabuff und besetzt den Platz neben Hakim, der sie sofort nach ner Kippe anhaut. Aufmerksam wie immer heischt auch Ernach der Erlösung durch Nikotin und bekommt den Stoff durch Maud. Mittlerweilen ohne störenden Nachwuchs´beginnt die "Managerin" einen ´Jollie zu bauen. Alles entspannt sich, ER labert Maud auf Französisch zu.
Same procedure, Maud versucht auf french zu erklären, daß sie kein french kann. Beruhigt setzt ER sich neben sie, an die Stirnseite des raumgreifenden Tisches. Hakim schert sich in der Pause einen Dreck und zwingt die Biervorräte in die Schutzhülle seines Instrumentes. Der Joint ist fertig, ER, da etwas weitab sitzend, bekommt ihn durch Maud überreicht, die dreist die Mittlerin spielt.
Spröde die Kehle, Maud zieht die Wegzehrung, den Rest einer Flasche Minervois aus der Tasche, die sofort kritisch beäugt wird. Bäh, yeunesse vine. Irgendjemand möchte wissen, woher sie jetzt kommt. Berlin natürlich!
Zügig gut aufgelegt begehrt ER französischer Weise etwas von Maud zu wissen. Sie kontert in Englisch.
"Do you know that I don´t speak french, I can speak only english!"
"Englisch, englisch .... your nome Maud or ... ?"
"Maud!"
So nuckelt der eine zufrieden, während das "Managerin" jauchzt, in deutsch sogar.
"Du bist Maud, ich hab schon von dir gehört."
"Ach ja was denn?"
"Naja du warst in Bonn und Berlin und so ..." verlegen verschweigt die "Managerin"
Maud wundert sich und vergißt glatt nachzuhaken.
Perplex und müde wird ihr zum Glück gewar, daß ER mit dem Joint in der Hand weggeträumt ist. Ein anerkennendes Lachen entfleucht ihrer Kehle. ER wacht auf, grinst sie an und überreicht ihr das Corpus Delicti mit einer charmanten Geste. Wie zufällig müssen ihre Fingersptizen die SEINEN zärtlich kurz berühren. Hakim will dann irgendiwe nicht mitrauchen. Dafür wird ER ins Bett geschafft.
In sich zurückgezogen verbleiben die beiden in mitten der Reste der Band. Rhetorisch bestätigt Maud den Zustand von Hakim.
"Es fatigue?"
"Oui"
Kein Wald kann so schön schweigen wie die beiden. Selten ist auch so eine harmonische
Ruhe. Nur der Körper verrät die Unruhe von Maud. Ihr Bein zappelt unruhevoll in seinem Eigenleben. Endlich ist der Rest der Bagage Richtung Schlafplatz verschwunden, als Hakim wissen will, wo sie zu nächtigen gedenkt.
"I stay here"
Knapp prägnant die Antwort und sie drückt ihm einen schweißdurchtränkten Zettel in die Hand.
"Here is something for you"
Welche Aussagekraft. Anscheinend kommt es an. Denn Maud wird durch zwei zärtliche feste Schmatzer auf beiden Wangen belohnt. Ein Abschiedssatz und weg sind sie alle.
Ein Meilenstein in der Geschichte, daß wird ihr aber erst in den Tagen danach klar. Kaum ist sie wieder die einzelgängerische Raubkatze, zurückgelassen in einem Aufenthaltscontainer wird Maud munter. Sie streift durch das Gelände, erfreut thüringische Ordner und andere wache Besucher des Festivals mit ihrer Anwesenheit. Bis sie mit einem langhaarigen Verehrer auf der Brücke des kühlen Flusses Saale steht und in der warmen Morgensonne ihre Fäden spinnt. Mond und Sonne am Himmel und im Herzen, Unbewältigtes im Kopf, die ganze Schönheit der Mutter, Natur, vor Augen; Zeit schlafen zu gehen.
Fortsetzung folgt....
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