Propagandafilm Ingo Schultz
Theresienstadt und seine besondere Rolle für die NS-Propaganda
(„Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“)
 

Auf einem Hamburger Güterbahnhof wurde am 25. Oktober 1941 der erste von insgesamt 16 Transporten abgefertigt, mit denen Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung in die „Ghettos“ und Vernichtungslager des NS-Lagersystems deportiert wurden. Viele von ihnen lebten noch nicht lange in Hamburg. Vor allem nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 waren sie aus schleswig-holsteinischen Städten und Gemeinden in die vermeintliche Anonymität der Großstadt geflüchtet, in der trügerischen Hoffnung, hier vor der Verfolgung durch die gnadenlos präzise arbeitende NS-Bürokratie und die allgegenwärtige Gestapo sicher zu sein. Doch auch in Hamburg konnten sie der amtlichen Registrierung als Juden nicht entgehen. Ihre verbliebenen Vermögen wurden eingezogen, sie mussten den Judenstern tragen, und schließlich wurden sie in eigens eingerichteten „Judenhäusern“ zusammengelegt. Die meisten ahnten nicht, dass sie sich nun bereits in den Warteräumen zu den Todestransporten befanden.
Die wenigen Juden, die noch in Lübeck, Kiel, Friedrichstadt und Rendsburg, den ehemaligen Zentren jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein, oder in kleineren Orten wohnten, wurden kurz vor der Deportation ebenfalls nach Hamburg gebracht.
Zielorte dieser zu Recht gefürchteten sog. „Osttransporte“ waren Lodz, Minsk, Riga und Auschwitz. Hier überlebten nur wenige Gefangene. Den ersten fünf Transporten aus Hamburg folgte eine bis zum 12. Februar 1945 andauernde Serie von 11 Transporten nach Theresienstadt, der alten Garnisons- und Gefängnisstadt der ehemaligen Donaumonarchie; sie war aufgrund ihrer zentralen Lage im Nordwesten der Tschechoslowakei von den Nazis als Konzentrationslager eingerichtet worden.

Zu den Opfern der Judenverfolgung in Schleswig-Holstein zählten auch viele Menschen, die damals in Flensburg gelebt haben. Stellvertretend für sie möchte ich hier zwei Namen nennen:
Emil Löwenthal war 1938 aus Flensburg nach Berlin verzogen. Im Januar 1943 wurde der 86-Jährige nach Theresienstadt transportiert. Bereits einen Monat später ist er dort gestorben. Caroline Horwitz, geb. Lewin, wurde im Juli 1942 mit einem Transport aus Hamburg nach Theresienstadt gebracht. Sie war 87 Jahre alt, als sie 1944 dort starb.
In diesem Zusammenhang noch ein kurzer Hinweis: „Jüdische Schülerinnen an der Auguste-Viktoria-Schule in Flensburg“ hieß ein Projekt, das vor einigen Jahren von einem Leistungskurs der Schule bearbeitet wurde. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass – im Hinblick auf das spätere Schicksal dieser Schülerinnen und ihrer Familien – auch die AVS unmittelbar vom Holocaust betroffen war.
Die zunächst übliche Bezeichnung der Deportationen als „Evakuation“ konnte den Zweck der Transporte nur mühsam verschleiern; dagegen  bewirkte der für das Transportziel Theresienstadt offiziell eingeführte Begriff „Wohnsitzverlegung“ eine gewisse Beruhigung unter den betroffenen, überwiegend alten Menschen. Freilich konnte keiner von ihnen ahnen, dass mit diesem Terminus ein Propagandamanöver begann, dessen Dimensionen damals selbst für die Erfinder der sog. „Endlösung“ noch nicht absehbar waren.

Vorerst verfolgten SS, Gestapo und die beteiligten Behörden drei Ziele:

1. Der widerstandslose Abtransport der Opfer sollte dadurch gewährleistet werden, dass man ihnen mit der „Wohnsitzverlegung“ in das nunmehr so genannte „Alten-Ghetto“ Theresienstadt ein ruhiges, ungestörtes Leben in Aussicht stellte.
2. Bei der Bevölkerung im eigenen Lande brachte der Hinweis auf die scheinbar privilegierten Lebensverhältnisse im „Musterlager“ Theresienstadt Nachfragen und hin und wieder aufkommende Kritik zum Verstummen.
3. Das Ausland konnte mit der Präsentation der nordböhmischen Kleinstadt als „jüdisches Siedlungsgebiet“ über die wirklichen Vorgänge in diesem Lager wie auch in den Vernichtungslagern getäuscht werden.

In der Einleitung zum 3. Band des „Theresienstädter Gedenkbuchs“ wird geschildert, wie die Realität des Lagers aussah, mit der die voller Erwartungen ankommenden Häftlinge konfrontiert wurden:
 
„Sie fuhren mit der Überzeugung ab, dass sie in einem privilegierten Altersghetto bis zu ihrem Lebensende Unterkunft, Verpflegung und medizinische Betreuung zugestanden bekämen. Die große Mehrheit hatte ‚Heimeinkaufverträge‘ unterschrieben, um diese Sicherheit zu erlangen. Sie zahlten dafür mit ihrem gesamten restlichen Vermögen.
Kaum vorstellbare drastische Szenen spielten sich ab, wenn die völlig desorientierten deutschen und österreichischen Juden mit ihrem 50 kg schweren Gepäck [ ... ] auf dem Bahnhof von Bauschowitz ausstiegen und die zweieinhalb Kilometer nach Theresienstadt zu Fuß zurücklegen mussten. Dort wurden sie in keinem Kurhaus, sondern in Kasematten oder auf Dachböden untergebracht, und zum Essen bekamen sie etwas Kaffee-Ersatz und eine Scheibe Brot. Die Ernüchterung war grauenvoll. Viele ertrugen sie nicht, sie brachen psychisch und physisch zusammen.“

Schlimmer als die geschilderte Enttäuschung war nur noch die unausweichliche Erfahrung, dass sich auch die Darstellung Theresienstadts als „Endlager“, von dem aus kein Weitertransport zu befürchten wäre, als Lüge erwies. Bereits seit Januar 1942 fuhren auch aus diesem KZ die Deportationszüge in das Vernichtungslager Treblinka, später nach Auschwitz. Für die meisten Häftlinge bedeutete der Aufenthalt im „Transitlager“ Theresienstadt lediglich einen mehr oder weniger verlängerten Aufschub bis zur „Einreihung“ in einen jener „Osttransporte“, denen sie mit der Entscheidung für die „Wohnsitzverlegung“ ins „Altenghetto“ glaubten entkommen zu sein.

Die beschönigende und verschleiernde Bezeichnung Theresienstadts als „Muster- und Altenghetto“ wurde von den Nazis in der Folge zu einem regelrechten Propagandaprojekt weiterentwickelt, über dessen Verlauf und Hintergründe ich Ihnen nun berichten möchte.

Am 23. Juni 1944, gegen 12 Uhr, traf eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes zu einer Inspektion des KZ Theresienstadt ein. Ihr gehörten der Schweizer Vertreter des IRK, Dr. Maurice Rossel, und die beiden dänischen Delegierten Henningsen und Hvass an. Sie wurden von hochrangigen SS-Offizieren in Zivil begleitet, die während des Besuchs ständig in ihrer Nähe blieben. Zur Begrüßung waren der Lagerkommandant Rahm und der Vorsitzende des jüdischen Ältestenrats Dr. Eppstein erschienen. Obwohl Epstein im SS-Jargon als „Judenältestenvorsitzender“ geführt wurde, stellte man ihn als ,,Bürgermeister des jüdischen Siedlungsgebiets“ vor. Auf dem Besichtigungsprogramm standen etliche Einrichtungen, die von der SS eigens für diesen Besuch klingende Namen wie „Dampfwäscherei“,  „Kindererholungsheim“, „Bank“ oder „Postamt“ erhalten hatten; in der sog. ,,Speisehalle“ wurde das Mittagessen eingenommen; schließlich konnten die Delegierten noch einen Blick auf ausgesuchte Wohnungen prominenter Häftlinge und dänischer Deportierter werfen. Im sog. ,,Gemeinschaftshaus“ – einer ehemaligen Turnhalle – wurde ihnen eine Szene aus der Kinderoper ,,Brundibár“ von Hans Krása vorgeführt, die schon lange zum Repertoire des Theresienstädter Musiklebens gehörte. Gegen 18 h verließ der Konvoi mit den IRK-Delegierten und ihren SS-Begleitern die Stadt.
Aus Dr. Rossels Bericht über die Lager-Inspektion geht hervor, daß die jüdischen Internierten den Umständen entsprechend gut leben würden, daß sie in festen Gebäuden untergebracht seien, keine Häftlingskleidung trügen, keine Hungersymptome zeigten und erstaunlicherweise ein selbstverwaltetes Gemeinwesen mit allen erforderlichen Institutionen einschließlich eines reichhaltigen kulturellen Lebens geschaffen hätten.
Der Bericht fiel in allen Einzelheiten zur vollen Zufriedenheit der SS aus, zeigte er doch genau jenes freundliche und ungetrübte Bild eines repressionsfreien jüdischen Gemeinschaftslebens in einem Internierungslager, das die Planer und Vollstrecker der ,,Endlösung der Judenfrage" der Außenwelt beschwichtigend zu vermitteln gedachten.

An der von Anfang an bestehenden Absicht der SS-Führungsspitze, den Völkermord an den europäischen Juden vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen, gibt es allerdings keinen Zweifel; sie ist u. a. in der höchsten Geheimhaltungsstufe dokumentiert, der alle vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin gesteuerten Planungen und Maßnahmen unterlagen. Doch darüber hinaus arbeitete die SS an einem offensiven Konzept zur Täuschung der öffentlichen Meinung im westlichen Ausland. Schon die Protokollnotizen der sog. Wannsee-Konferenz, die Reinhard Heydrich am 20. Januar 1942 zur Vorbereitung und Koordination der planmäßigen Ermordung der europäischen Juden einberufen hatte, lassen erkennen, daß in diesen Überlegungen dem KZ Theresienstadt als ,,Alters- und Prominenten-Ghetto" die Rolle eines Vorzeigelagers zugedacht war. Was man sich von dessen Außenwirkung erhoffte, zeigte sich erstmals Anfang 1943, als im Zusammenhang mit der Niederlage von Stalingrad eine siebenmonatige Unterbrechung der Transporte aus Theresienstadt in die Vernichtungslager angeordnet wurde. Mit hinreichender Deutlichkeit formulierte der von Heinrich Himmler veranlasste Befehl die beabsichtigte Wirkung:
 
,,Der Reichsführer-SS wünscht nicht die Abtransportierung von Juden aus Theresienstadt, da sonst die Tendenz, daß die Juden im Altersghetto Theresienstadt leben und sterben können, damit gestört werde."

Zur vollen Entfaltung kamen die Theresienstadt betreffenden Pläne der SS jedoch erst im ersten Halbjahr 1944, als das äußere Erscheinungsbild des Lagers im Zuge der sog. ,,Stadtverschönerung“ tiefgreifende Veränderungen erfuhr. Nach genauen Vorgaben der SS-Kommandantur mussten die Lagerinsassen Häuser räumen und neu einrichten, Fassaden renovieren, Gehwege reinigen, Straßen asphaltieren, Plätze und Parks mit Blumenrabatten schmücken u.a.m. Als eigentliches Motiv für diese Aktion lassen sich die hartnäckig vorgebrachten Erkundigungen der dänischen Regierung nach dem Schicksal der im Oktober 1943 nach Theresienstadt deportierten dänischen Juden ausmachen.
Die Deportation der dänischen Juden war von den Nazis für Anfang Oktober 1943 geplant worden. Sie scheiterte jedoch an einer solidarischen Widerstandsaktion der dänischen Bevölkerung. Dadurch wurde es den Juden möglich, zunächst unterzutauchen und sich dann dem Zugriff der Gestapo und deutscher Polizeieinheiten durch die Flucht nach Schweden zu entziehen. 7906 Menschen konnten – zumeist in Fischerbooten – über den Öresund der drohenden Verhaftung entkommen, dank der Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit ihrer dänischen Mitbürger. Lediglich 481 Juden wurden – teilweise durch Verrat – gefasst und nach Theresienstadt gebracht. Die dänische Regierung betrachtete sie jedoch weiterhin als Bürger ihres Landes.
Bei ihren Vorstößen ging es den dänischen Diplomaten nicht allein darum, mehr oder weniger unverbindliche Auskünfte über das Verbleiben und Befinden ihrer deportierten Staatsbürger zu erhalten, sondern sie drängten auch auf eine Besuchserlaubnis für Theresienstadt. Adolf Eichmann, der Leiter der zuständigen Abteilung im Reichssicherheitshauptamts , der auch Theresienstadt unterstellt war, signalisierte als möglichen Besuchstermin schließlich das Frühjahr 1944. Die Zusage wurde dann aber noch bis zu dem bereits genannten Datum des 23. Juni hinausgezögert. In der zwischen Dezember 1943 und Juni 1944 verbleibenden Zeit wurde das Lager mit allen äußeren Attributen eines ,,Musterghettos" versehen, das zukünftigen ausländischen Besuchern das sorgenfreie und zivilisiert gestaltete Leben der Juden in der Obhut ihrer SS-Bewacher vorgaukeln sollte. Und obwohl die tatsächlichen Lebensverhältnisse sich nicht änderten, regte sich bei vielen Gefangenen die Hoffnung, daß der Kommissionsbesuch Verbesserungen bringen werde. Andere, darunter auch viele Jugendliche, durchschauten den scheinhaften Charakter aller beobachteten Veränderungen. Die 15-jährige Helga Weissová schrieb damals in ihr Tagebuch:

,,Die Schule beim Baubüro, die bisher als Krankenhaus verwendet wurde, ist über Nacht geräumt worden. Die Patienten wurden in ein anderes Spital geschafft, während das Gebäude völlig neu gestrichen wurde. Alle Räume wurden ausgerieben. Dann wurden Schulbänke herbeigeschafft, und am Morgen konnte man schon von weitem ein Schild ,Knaben- und Mädchenschule‘ sehen. Es schaut wirklich gut aus, eine richtige Schule, nur die Schüler und Lehrer fehlen. Aber diesem kleinen Mangel ist durch einen Zettel am Schultor abgeholfen worden, auf dem einfach ,Ferien' steht.“

Mit tausenden von Gefangenen wurde der Ablauf des Kommissionsbesuchs schließlich in einer regelrechten Inszenierung bis in die Einzelheiten festgelegt und geprobt; und an zahlreichen weiteren Begleiterscheinungen dieses gespenstischen potemkinschen Theaters wurde deutlich, daß die Nazis keine Nuance des beabsichtigten Eindrucks auf die Kommission dem Zufall überlassen wollten. Dazu möchte ich lediglich zwei Beispiele anführen:
1. Eine Woche vor dem Eintreffen der IRK-Delegierten wurde eine Art Generalprobe abgehalten, zu der eigens der stellvertretende Reichsprotektor, SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank, aus Prag anreiste.    Und
2. Um Anzeichen von Überbevölkerung und Überalterung aus dem Gesichtsfeld zu verbannen, wurden Mitte Mai 1944, also knapp 6 Wochen vor dem Kommissionsbesuch,  7.500 Menschen, darunter zahlreiche Alte und Kranke, in drei Transporten nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Die Kulissen und die Darsteller des Stücks, das die Theresienstädter Gefangenen zum Kommissionsbesuch aufführen mussten, änderten sich nicht, als wenige Wochen später zu einer Wiederholung angesetzt wurde.
Am 16. August 1944 wurden die ersten Aufnahmen für einen Propagandafilm über Theresienstadt gedreht. Der Film wird bis heute unter dem nicht-authentischen und irreführenden Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ zitiert. Tatsächlich lautet sein Titel „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm  aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“.
Es wird angenommen, daß die Planungen für die ,,Stadtverschönerung" und für das Filmprojekt etwa gleichzeitig im Dezember 1943 begannen. Wahrscheinlich bestand sogar die Absicht, den Film rechtzeitig zum Kommissionsbesuch fertigzustellen. Die bereits laufenden Vorbereitungen wurden jedoch im März 1944 zugunsten der ,,Stadtverschönerung“ vorerst eingestellt. Der Entwurf stammt bis ins Detail aus dem Prager ,,Zentralamt  für die Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren“. Da alle materiellen und personellen Voraussetzungen in Theresienstadt vorhanden waren, brauchte man für die Aufnahmen lediglich ein Kamerateam der tschechischen Wochenschau ,,Aktualita“ zu engagieren, dessen Mitglieder sich schriftlich zu strengster Verschwiegenheit verpflichten mußten.
Neuen Auftrieb bekam das Projekt nach dem Eingang des positiven Berichts der IRK-Kommission über ihren Besuch am 23. Juni 1944. Die SS witterte eine realistische Chance, an den gerade errungenen Erfolg anzuknüpfen, und das moderne Medium Film schien besonders geeignet, den in westlichen Ländern immer lauter vernehmbaren Genozid-Vorwurf durch eine schönfärberische Propagandabotschaft vom guten Leben der Juden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu widerlegen.
Zum Regisseur des Films wurde Kurt Gerron bestimmt; er hatte sich in den 20er und 30er Jahren einen Namen als Film- und Bühnenschauspieler,  aber auch als Kabarettist und UFA-Regisseur gemacht. Ich erinnere an seine Auftritte in den Filmen ,,Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und ,,Die drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann, sowie in der Inszenierung der ,,Dreigroschenoper“ im Berliner ,,Theater am Schiffbauerdamm“ (1928). Gerron war bereits im April 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung aus Deutschland vertrieben worden. Nach seiner Verhaftung im holländischen Exil und der Internierung im Durchgangslager Westerbork brachte man ihn im Februar 1944 nach Theresienstadt. Dort wurde er im Juli mit der Vorbereitung und Durchführung der Dreharbeiten beauftragt. Er musste mehrere Drehbuchentwürfe abliefern, an denen SS-Leute immer wieder herumkorrigierten. Schließlich wurde der Film an 12 Drehtagen zwischen dem 16. August und dem 11. September 1944 abgedreht. Die ständige SS-Präsenz schloß auch persönliche Visiten des Lagerkommandanten und selbst die gelegentliche Anwesenheit von hohen SS-Führern aus Prag ein. Verschärft wurde das Kontrollsystem durch lückenlos anzufertigende Aufnahmeprotokolle und regelmäßig abzuliefernde Tagesberichte. Die Sequenzen des Films deckten sich inhaltlich weitgehend mit den bereits referierten Stationen des Kommissionsbesuchs. Hinzu kamen Kinderheime und Schulen, in denen sich die kleinen Darsteller ausschließlich zu den festgesetzten Drehzeiten aufhalten durften, das sog. ,,Eger-Freibad“, das extra für die Filmaufnahmen eingerichtet und bevölkert wurde, und das sog. ,,Kabarett im Freien“ vor den Toren der Stadt, das es sonst während der gesamten Lagerzeit nicht gegeben hat.

Mit besonderem Nachdruck bestand die SS darauf, die sog. ,,Prominenten“ unter den Häftlingen zu jeder sich bietenden Gelegenheit ins rechte Licht zu rücken. Neben führenden Persönlichkeiten der von der SS-Kommandantur eingesetzten jüdischen ,,Selbstverwaltung“ wurden zahlreiche ehemalige Minister, hohe Militärs, Bankdirektoren, Wissenschaftler und Künstler im Bild festgehalten.

Die Aufzählung der Personen und Einrichtungen, die der Film zeigt, könnte noch lange  fortgesetzt werden. Sie trägt freilich wenig zu der Erkenntnis des ganzen Ausmaßes an Verlogenheit und Zynismus der Darstellung bei, das man erst zu durchschauen beginnt, wenn man bedenkt, welche Seiten des Theresienstädter Lageralltags dem Betrachter vorenthalten werden. Ich möchte dazu einen Satz des niederländischen Historikers Karel Margry zitieren, der eine grundlegende Studie zur Analyse und Rekonstruktion des Films erarbeitetet hat.  Margry meint, ,,daß die eklatante Lüge des Films in dem liegt, was er nicht zeigt: den Hunger, das Elend, die Überbevölkerung, die Sklavenarbeit für die deutsche Kriegsindustrie, die hohe Sterblichkeit und, vor allem, die Transporte in den Osten“.

Der Kommissionsbesuch und das Filmprojekt weckten zwar bei den Inhaftierten die Hoffnung auf das baldige Ende der Gefangenschaft; die zeitweise sogar euphorische Stimmung vieler Angehöriger der Theresienstädter Zwangsgemeinschaft fand jedoch ein jähes Ende, als Dr. Paul Eppstein, der eben noch als „Bürgermeister“ präsentierte Vorsitzende des jüdischen Ältestenrats, verhaftet und ermordet wurde und zugleich, knapp drei Wochen nach Beendigung der Filmaufnahmen, die sog. ,,Herbsttransporte“ begannen. Mit ihnen wurden  innerhalb eines Monats über 18.000 Gefangene aus Theresienstadt nach Auschwitz gebracht; die meisten wurden dort in den Gaskammern ermordet, unter ihnen fast alle im Film gezeigten Menschen, auch der Regisseur Kurt Gerron. Zu den Opfern zählten ausserdem zahlreiche Musiker und Komponisten, als deren Repräsentanten ich Pavel Haas, Hans Krása und Viktor Ullmann nennen möchte. Ullmann komponierte während seiner Theresienstädter Gefangenschaft die inzwischen weltberühmte Oper „Der Kaiser von Atlantis“; von Krása stammt die bereits erwähnte Kinderoper „Brundibár“; und aus der „Studie für Streichorchester“, der letzten Komposition von Pavel Haas, werden wir im Filmfragment einen längeren Ausschnitt hören und sehen können.
 
Am 28. Oktober 1944 verließ der letzte Deportationszug dieser Transportserie das Lager. Er war zugleich der letzte, der auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau selektiert wurde. Doch die schreckliche Bilanz des Konzentrationslagers Theresienstadt konnte erst nach der Befreiung am 8. Mai 1945 gezogen werden: etwa 140.000 Menschen waren zwischen November 1941 und Mai 1945 nach Theresienstadt verschleppt worden; im Lager selbst kamen 33.000 ums Leben; 88.000 wurden in die Vernichtungslager transportiert, und nur 19.000 überlebten in Theresienstadt.

Die beschwichtigende Wirkung der Theresienstädter Propagandaprojekte auf das Internationale Rote Kreuz und damit indirekt auf die öffentliche Meinung im westlichen Ausland sollte man keinesfalls unterschätzen. Sie zeigt sich u.a. daran, dass eine erneute IRK-Inspektion Theresienstadts erst am 6. April 1945 erfolgte, also etwa einen Monat vor der Befreiung des Lagers.

Wie konnte es der SS gelingen, ein solches - aus heutiger Sicht fast unglaublich erscheinendes und obendrein erfolgreiches - Betrugsmanöver zu inszenieren? Hätten die ersten authentischen Berichte über die Massenvernichtung in Auschwitz, die die westliche Öffentlichkeit zeitgleich mit dem Kommissionsbesuch erreichten, den Erfolg nicht zumindest in Frage stellen müssen? Und sollten der zehntausendfache Tod seit Bestehen des Sammellagers Theresienstadt und die noch zahlreicheren Opfer der aus dem Durchgangslager Theresienstadt nach Osten rollenden Deportationszüge am Ort des Kommissionsbesuchs tatsächlich keine erkennbaren Spuren hinterlassen haben?
Eine befriedigende Klärung dieser und vieler anderer Fragen ist bis heute nicht gelungen. An zwei Beispielen, die stellvertretend für zahlreiche andere Lösungsansätze stehen, möchte ich versuchen, Ihnen die Probleme zu verdeutlichen, die mit der Suche nach klaren Antworten verbunden sind.  Holocaust-Forscher weisen darauf hin, dass die propagandistische Darstellung des Lagerlebens trotz der bereits bekannten Berichte über die Todesfabriken nicht ohne Wirkung geblieben sei. Ob die Erkenntnis der Täuschung zu anderen als den bekannten, die alliierte Kriegsführung betreffenden Entscheidungen geführt hätte, sei zweifelhaft, zumal die Befreiung der Lager in der Hierarchie der Kriegsziele nicht an oberster Stelle stand. Unverständlich bleibe dennoch, warum die Eisenbahnlinien, auf denen die Todestransporte bis zuletzt in die Vernichtungslager rollten, nicht frühzeitig durch Luftangriffe zerstört wurden.

Oft helfen auch die Aussagen von Zeitzeugen nicht weiter, wie das zweite Beispiel zeigt. Von den einstigen Kommissionsmitgliedern ist später als Einziger der Schweizer Dr. Rossel zu seinen Erinnerungen an die Inspektion am 23. Juni 1944 befragt worden. Claude Lanzman, der Regisseur des bekannten „Shoah“-Films, interviewte Rossel Mitte der 80er Jahre. Doch obwohl Lanzman ihm eine umfangreiche Dokumentation über die tatsächlichen Zustände im „Musterlager“ vorlegte und ihn auf die für zahllose Menschen tödlichen Konsequenzen seines Berichts hinwies, zeigte sich Rossel uneinsichtig und hielt an seiner positiven Beurteilung der damaligen Lage fest.

Erst im März 1945 lag die fertig geschnittene Fassung des Theresienstadt-Films vor. Er wurde noch in der Endphase des Krieges mehreren ausländischen Besuchern in Prag und Theresienstadt vorgeführt. Wie perfekt die Inszenierung des SS-Betruges gelungen war, läßt sich wiederum dem Bericht eines IRK-Delegierten über seinen Theresienstadt-Besuch am 6. April 1945 entnehmen.

,,Über das Lager Theresienstadt wurde ein Film gedreht, von dem auf Wunsch eine Kopie der Kommission des Internationalen Roten Kreuzes (CICR) gesandt werden kann. Wir haben Teile dieses Films gesehen, es ist eine Art Dokumentarfilm, natürlich mit leicht propagandistischem Einschlag.“

Das hier unterbreitete Angebot nahm die Genfer Zentrale nicht an. Offenbar sah man keine Veranlassung, den Film einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, um zu einer differenzierten Beurteilung des Machwerks zu gelangen. Aus historischer Sicht wurde damit die Chance vertan, eine komplette Kopie des Films, der bei 2.400 bis 2.500 Filmmetern etwa 90 Minuten dauerte, im IRK-Archiv über das Kriegsende zu retten. Erhalten blieben lediglich einige Fragmente von etwa 22-minütiger Dauer, die im Bundesarchiv Potsdam und in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufbewahrt werden.

Vor der nun folgenden Vorführung einiger Sequenzen des Propagandafilms möchte ich Sie bitten, sich bei jeder Szene das volle Ausmaß und den Zynismus der Propagandalüge wie auch das unermessliche menschliche Leid, das hinter der verlogenen Fassade verborgen bleibt, zu vergegenwärtigen. Die scheinhafte Fröhlichkeit der Bilder sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten der unfreiwilligen Statisten bereits kurz nach dem Ende der Dreharbeiten in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.