[Attac-d] FW: [AG-Info] Zwei Appelle f ü r ein
gemeinsames Wahlprojekt der deutschen politischen Linken (ungewollte
Zusendung bitte ich zu entschuldigen)
Betreff: Zwei Appelle für ein gemeinsames
Wahlprojekt der deutschen politischen Linken
Von: rainer.rilling@linksnet.de
Datum: Sat, 28 May 2005 10:15:48 +0200
Datum: Sat, 28 May 2005 09:33:04 +0200 An: attac info
Erster Appell
Nächste Woche wird in Berlin
über ein linkes Wahlprojekt beraten. Wir möchten dieses
Ansinnen unterstützen und darauf drängen, dass es unbedingt
zu einem für alle tragbaren Abschluß geführt wird und
dieses kurze Statement den unmittelbaren Akteuren am Anfang der Woche
mit möglichst viel Unterschriften übergeben wird. Wir bitten
um Weitergabe bzw. einen Rücklauf an rainer.rilling@linksnet.de
bis Sonntagnacht.
Mit freundlichem Gruß
Rainer Rilling & Christoph Spehr
http://www.rainer-rilling.de/
Appell
Ab Herbst droht jetzt die schwarze
Agenda: Zerschlagung des Flächentarifvertragssystems mit der Folge
massiver Lohnsenkung, weiteres Ausbluten öffentlicher
Daseinsvorsorge und sozialer Sicherungen, weitere Begünstigungen
für die sogenannten Leistungsträger, ein Schulterschluss mit
der Bush-Regierung und vieles mehr. Schwarz-Gelb wird eine
Machtfülle nutzen können, von der die Kohl-Regierung noch
nicht zu träumen wagte. Rot-Grün hat dafür den Boden
bereitet und nimmt auch im Wahlkampf keine grundsätzliche
Strategiekorrektur vor. Es droht die kalte Perspektive eines
schwarz-gelb verwalteten Neoliberalismus.
In dieser Situation beginnt sich eine
neue politische Dynamik der Linken und der sozialen Opposition zu
entwickeln, die eine historische Chance für die politische
Verankerung emanzipatorischer Kräfte birgt. Diese Chance darf
nicht vertan werden. Die Hoffnungen auf ein gemeinsames Antreten zur
Bundestagswahl 2005 dürfen nicht enttäuscht werden. Nur ein
gemeinsames Antreten von WASG und PDS zur Bundestagswahl 2005 kann
diese Verankerung sichern. Das Scheitern eines gemeinsamen Projekts
birgt die Gefahr des Rückzugs vieler Menschen, die jetzt engagiert
und willens sind, sich für eine andere Politik und eine bessere
Zukunft einzusetzen. Der Erfolg einer linken Kraft ist auch wichtig
für die Spielräume der fortschrittlichen Kräfte
innerhalb der SPD und der Grünen.
Ein gemeinsames Projekt erfordert von
den Beteiligten eine Bereitschaft zum Kompromiss und zur Anerkennung
der Divergenz, eine Kultur der wechselseitigen verlässlichen
Solidarität. Gegenseitige Abwertung darf es nicht geben. Die
Schwierigkeiten, die durch den enormen Zeitdruck und die Anforderungen
des Wahlrechts bestehen, gilt es solidarisch und in Respekt vor den
unterschiedlichen politischen Identitäten zu lösen.
Es gibt keine erfolgversprechende
Alternative zu einem gemeinsamen Wahlprojekt der deutschen politischen
Linken. Kommt keine Zusammenarbeit zustande, schlägt dies
dramatisch und mit langfristigen Wirkungen auf die Linke zurück.
Wir appellieren an die Mitglieder, Mandatsträger und
Vorstände von WASG und PDS, diese Chance zu ergreifen und ihrer
historischen Verantwortung gerecht zu werden! Die Ausstrahlungskraft,
die ein solches Projekt jetzt hätte, ist es wert.
Name - Beruf und/oder Funktion - Ort
Zweiter Appell
Bundestagswahl September 2005
Drohende neue Rechtsentwicklung und Chancen für
linke Politik
Erstunterzeichnende:
Angela Klein (attac und
Sozialistische Zeitung/SoZ; Köln), Jürgen Habich
(Vorsitzender der Sozialinitiative gegen Armut und Ausgrenzung
Neumünster e.V.); André Leisewitz (verantwortlicher
Redakteur “Z³; Frankfurt/M.), Ekkehard Lieberam (Marxistisches
Forum Sachsen; Leipzig), Werner Seppmann (Vorsitzender der
Marx-Engels-Stiftung; Haltern); Gerd Wiegel (MOBIT Mobile
Beratung in Thüringen für Demokratie Gegen
Rechtsextremismus; Gotha), Winfried Wolf (Mitherausgeber der “Zeitung
gegen den Krieg³; Wilhelmshorst)
Der Ruf nach einer vorgezogenen
Bundestagswahl im September 2005 wird inzwischen von allen
gesellschaftlich relevanten Parteien und Gruppen unterstützt.
Insbesondere Vertreter aus den Unternehmerverbänden haben die
Initiative positiv aufgegriffen. Die Börse reagierte mit einem
Kursanstieg.
Tatsächlich droht eine
Verschärfung des neoliberalen Kurses und ein beschleunigter
Prozess der Umverteilung von unten nach oben. Gleichzeitig sehen wir
mit einer linken Kandidatur allerdings auch Möglichkeiten für
eine Stärkung fortschriftlicher demokratischer,
ökologischer und sozialistischer Positionen. Den
Entscheidungsträgern in der PDS und in der Wahlalternative Soziale
Gerechtigkeit (WASG) kommt in diesen Tagen eine große
Verantwortung zu, diese Möglichkeiten wahrzunehmen.
I
Zweck der “Operation vorgezogene Bundestagswahl³
Als Bundeskanzler Gerhard Schröder
und SPD-Parteichef Franz Müntefering am Abend der NRW-Wahl und
noch vor Bekanntgabe eines vorläufigen amtlichen Endergebnisses
eine Bundestags-Neuwahl im September 2005 forderten, wurde dies als
“Befreiungsschlag³ mit demokratischer Grundtendenz ausgegeben: Die
Wählerinnen und Wähler sollten klären, ob die
SPD-Grünen-Regierung und ihre Politik in der Bevölkerung noch
eine Mehrheit hätten.
In Wirklichkeit hat das Projekt
“vorgezogene Bundestagswahl³ antidemokratische und unsoziale
Konsequenzen:
-
Sollte
wider Erwarten die SPD-Grünen-Regierung die Wahl gewinnen,
dann werden Schröder-Fischer argumentieren, sie seien auf der
Grundlage von Agenda 2010 und Hartz IV “bestätigt³ worden.
Der antisoziale Kurs würde fortgesetzt, wenn nicht
verschärft.
-
Im Fall des
wahrscheinlichen konservativ-liberalen Wahlsiegs wird der
Kurs zum Abbau des Sozialstaats und von Privatisierungen im
öffentlichen Sektor ebenfalls fortgesetzt bzw., wie teilweise
angekündigt, nochmals verschärft.
-
Beide
potentiellen Regierungslager stehen für einen Kurs der
Militarisierung. Beide unterstützen sie den EU-Verfassungsentwurf
mit der Aufrüstungsverpflichtung. Rot-Grün hat den Tabu-Bruch
des Angriffskriegs auf Jugoslawien 1999 zu verantworten und will
zukünftig deutsche Interessen u.a. “am Hindukusch
verteidigen³. Schwarz-gelb hat unter Helmut Kohl den Kurs auf
Auslandseinsätze der Bundeswehr begonnen; Kanzlerkandidatin Angela
Merkel wollte 2003 deutsche Soldaten nach Bagdad schicken.
-
In der SPD und
bei den Grünen wirkt die faktische Ausrufung zur vorgezogenen
Bundestagswahl als Disziplinierungsinstrument. Die logische
Feststellung, man habe insbesondere bei den Stammwählern in
der lohnabgängigen Bevölkerung und bei Erwerbslosen
wegen des antisozialen, neoliberalen Kurses die Wahl verloren,
unterliegt einem Denkverbot. Die naheliegende Folgerung, diesen Kurs
aufzugeben, wird kaum noch artikuliert.
-
Ein weiterer
linker Differenzierungsprozess der SPD, ein möglicher
Differenzierungsprozess in den Gewerkschaften und vor allem die Bildung
einer glaubwürdigen Wahlalternative werden durch die extrem knappe
Zeitspanne bis zur Wahl außerordentlich erschwert.
II
Brisantes soziales Umfeld
Das Projekt “vorgezogene Neuwahl³
findet in einem brandgefährlichen sozialen und ökonomischen
Umfeld statt:
-
In den ersten
drei Monaten 2005 gab es erstmals seit 1932 mehr als fünf
Millionen offiziell registrierte Erwerbslose. Auch bei der Wahl im
September wird die Arbeitslosigkeit mit rund 4,5 Millionen so hoch wie
nie zuvor bei einer Bundestagwahl sein.
-
Die neoliberale
Wirtschaftspolitik hat bei den deutschen Konzernen zu einem aggressiven
Kurs auf den Weltmarkt beigetragen. Die relativ kleine Bundesrepublik
Deutschland war 2003 und 2004 “Exportweltmeister³. Dennoch
heißt es: “Der Standort Deutschland ist gefährdet.³
Gleichzeitig drohen die Schwäche des Binnenmarkts und
Krisenerscheinungen auf dem Weltmarkt in eine neue allgemeine Rezession
umzuschlagen.
-
Die neoliberale
große Koalition von SPD, Bündnis 90/Die Grünen, CDU/CSU
und FDP hat die sogenannte “Politikverdrossenheit³ verstärkt.
Selbst bei der “Richtungswahl³ in NRW gingen knapp 40 Prozent der
Walberechtigten nicht an die Urnen.
Nicht nur die sozioökonomische Lage,
auch der Ruf nach vorgezogenen Neuwahlen weist fatale geschichtliche
Parallelen auf. Die viel bemühten “Väter (und Mütter)
des Grundgesetzes³ hatten eine Vertrauensfrage im Parlament mit
vorgezogenen Neuwahlen unter Verweis auf die negativen Erfahrungen in
der Weimarer Republik nur als äußerste Möglichkeit
vorgesehen. Das Bundesverfassungsgericht hat vor dem Hintergrund der
Erfahrungen 1982 und 1983 (Ablösung der Regierung Schmidt durch
die Regierung Kohl) festgestellt, vorgezogene Neuwahlen seien nur dann
verfassungskonform, wenn die amtierende Regierung im Bundestag
tatsächlich keine Mehrheit mehr hat. Eine Niederlage in einer
Vertrauensfrage dürfe “nicht künstlich
herbeigeführt³ werden.
Doch genau dies plant die
SPD-Grünen-Regierung. Diese Regierung hat eine parlamentarische
“eigene³ Mehrheit (von Abgeordneten von SPD und Bündnis
90/Die Grünen). Darüber hinaus wird ihr politischer Kurs
grundsätzlich auch von CDU und FDP unterstützt. Die “Blockade
im Bundesrat³ kann kein Thema sein, da auch eine vorgezogene
Bundestagswahl nichts an den dort herrschenden
Mehrheitsverhältnissen ändert.
Die gleiche große
Parteien-Koalition, die in den letzten Wochen eine Volksabstimmung
über den Entwurf einer EU-Verfassung ablehnte und für
verlogene 95-Prozent-Mehrheiten für diesen Verfassungstext in
Bundestag und Bundesrat sorgte, verbiegt mit dem Projekt “vorgezogene
Bundestagswahl³ verfassungsrechtliche Bestimmungen. Das angebliche
Plebiszit ist pure Demagogie. Der wahre Grund, weshalb der
größte Teil des politischen Establishments und insbesondere
das Unternehmerlager und die Börse das Projekt “vorgezogene
Bundestagswahl³ unterstützen, ist das rabiate Interesse an
einer Fortsetzung und Verschärfung des neoliberalen und
antisozialen Kurses.
Diese Politik muss zu noch mehr
Erwerblosen, zu noch mehr Anhäufung von Reichtum, zum Absturz von
Millionen in Armut und Elend und zu noch mehr
“Politikverdrossenheit³ führen. In diesem Kontext droht die
Stärkung der extremen Rechten, ein parlamentarisches und
außerparlamentarisches Anwachsen von faschistischen,
neonazistischen und rassistischen Positionen.
Eine Politik, die eine solche soziale und
wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt oder auch nur in Kauf nimmt,
ist gerade auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte
verantwortungslos.
III
Verantwortung der Linken
In dieser Situation hat die Linke eine
große Verantwortung und eine ernsthafte Chance.
Offensichtlich hätte ein breites linkes Bündnis, hinter dem
PDS und WASG stehen, die Chance, auf rund zehn Prozent der Stimmen zu
kommen. Gleichgültig wer ab September 2005 die neue neoliberale
Regierung stellt, sie würde sich einer großen Fraktion von
50 und mehr Bundestagsabgeordneten gegenüber sehen, von denen
erwartet werden kann, dass sie den antisozialen und militaristischen
Kurs einer solchen Regierung angreifen und den demokratischen und
sozialen Bewegungen im Land eine Stimme verleihen.
Die Bildung einer solchen Wahlpartei ist
noch möglich. Sie würde dem Modell folgen, das
1969 mit der “Aktion Demokratischer Fortschritt (ADF)³ praktiziert
wurde. Dies würde erfordern, dass unverzüglich autorisierte
Vertreter beider Parteien eine Initiative zur Gründung einer
linken Wahlalternative bilden. Da nach Paragraph 18 des
Bundeswahlgesetzes “spätestens am neunzigsten Tag vor der
Wahl³ der Wahlvorschlag eingereicht werden muss, müsste bis
Mitte Juni (spätestens bis 18. Juni) ein Gründungsparteitag
durchgeführt werden.
Behauptungen, wonach sich in einem solchen
Fall die bestehenden Parteien auflösen müssten, sind
unzutreffend. Im Gegenteil: Eine solche Wahlpartei sollte durch die
Fortexistenz der bestehenden Parteien der realen Situation Rechnung
tragen: Die bestehenden Differenzen zwischen PDS und WASG und die
existenten unterschiedlichen Kulturen unter anderem zwischen Ost
und West würden respektiert. Gleichzeitig würde es sich
um ein offenes Projekt handeln, mit dem sich eine Dynamik zur
Einbeziehung sozialer Bewegungen u.a. derjenigen zur Kritik von
Globalisierung und Konzernmacht entwickeln könnte.
Getrennt als PDS und WASG zu kandidieren,
birgt offensichtlich die Gefahr, dass beide Parteien an der
5-Prozent-Hürde scheitern. Damit droht ein demokratisches
Potential von einigen Millionen Wählerinnen und Wähler
parlamentarisch unberücksichtigt zu bleiben. Die Hoffnung, dass
die PDS es “diesmal im Alleingang schafft³, ist extrem gewagt: Das
Beispiel der NRW-Wahl hat gezeigt, dass die PDS im entscheidenden
Westen kaum die hier erforderliche Stimmenzahl auf sich vereinen kann,
um bundesweit auf fünf Prozent zu kommen. Gleichzeitig haben die
gut drei Jahre neoliberaler Politik des Berliner SPD-PDS-Senats zur
Folge, dass drei PDS-Direktwahl-Mandate in Berlin ebenfalls in Frage
stehen.
Eine bundesweite Kandidatur der WASG
wiederum, die offensichtlich dann zur Debatte steht, wenn sich PDS und
WASG nicht auf eine gemeinsame Wahlpartei einigen, ist ebenfalls mit
enormen Risiken verbunden.
Wir fordern die Führungen von PDS
und WASG auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Chance
für eine gemeinsame linke Kandidatur zu nutzen!
Unterstützung mit Namen und Wohnort und
ggfs. Funktion bitte mailen an: