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Inhalt:

Chronik des Kosovo-Krieges

Chronik der vergangenen 12 Monate

Der Kosovo-Konflikt - historische Wurzeln und Perspektiven.

1912 – 1945: SERBIEN EROBERT KOSOVO – IM ZWEITEN WELTKRIEG VEREINIGUNG MIT ALBANIEN

NACHKRIEGS-JUGOSLAWIEN: MEHR RECHTE FÜR KOSOVO – UND NEUE REPRESSIONEN

UNRUHEN IM KOSOVO NACH TITOS TOD UND DIE AUFHEBUNG DER AUTONOMIE 1989

DER WESTEN, MILOSEVIC UND DIE ZUKUNFT DES KOSOVO

Zur Geschichte des Kosovo

 

 

 

 

 

 

 

 

Chronik des Kosovo-Krieges

Donnerstag, 10. Juni - 79. Tag: Beginn des serbischen Rückzugs. Wenig später setzt die Nato ihre Luftangriffe aus. Gegen 15.30 Uhr MESZ teilt Nato-Generalsekretär Solana den Bombardierungsstopp mit. Am Abend verabschiedet der Weltsicherheitsrat eine Resolution, die den Weg für den Einsatz einer internationalen Kosovo-Friedensstreitmacht frei machen soll. 14 Staaten stimmen dafür, nur China enthielt sich. Die Außenminister der G8, der EU und mehrerer Balkan-Staaten beschließen den G-Plan für einen Stabilitätspakt zugunsten Südosteuropas. Darin sind Wirtschaftshilfen, die Entwicklung der Demokratie und Minderheitenschutz vorgesehen. Eine Geberkonferenz soll später stattfinden.

Mittwoch, 9. Juni - 78. Tag: Am Abend Einigung bei den Militärverhandlungen zwischen Nato und Jugoslawien in Kumanovo. Die Nato dehnt die vorgesehene 24-Stunden-Frist zwischen erwiesenem Abzugsbeginn der Serben und Einrücken der internationalen Schutztruppe aus. Das hatte Jugoslawien gefordert.

Dienstag, 8. Juni - 77. Tag: Die Außenminister der G7-Staaten und Rußlands einigen sich in Köln auf den Textentwurf für eine Kosovo-Resolution des UN-Sicherheitsrates. Darin ist vorgesehen, daß gleichzeitig mit dem Rückzug der jugoslawischen Sicherheitskräfte aus dem Kosovo eine internationale Friedenstruppe in die Provinz einrückt. Die Nato meldet schwere Angriffe ihrer Flugzeuge auf jugoslawisches Militär an der Grenze zu Albanien. Dabei sollen möglicherweise mehrere hundert Menschen getötet worden sein.

Montag, 7. Juni - 76. Tag: Nach den gescheiterten Militärgesprächen in Kumarovo setzt die Nato ihre Angriffe gegen Ziele in Serbien und Kosovo fort. Es bleibt unklar, wann die Verhandlungen fortgesetzt werden. Kanzler Schröder (SPD) kündigt an, daß sich die EU anstrengen werde, den Friedensprozeß im Kosovo-Konflikt zu forcieren. Das Bundeskabinett beschließt die Erhöhung des Bundeswehrkontingents für die Kosovo-Friedenstruppe um 2500 auf 8500.

Sonntag, 6. Juni - 75. Tag: Die Nato und der Generalstab Jugoslawiens können sich in Kumanovo nicht über den jugoslawischen Truppenrückzug einigen und unterbrechen ihre Gespräche. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn bombardiert die Nato in der Nacht Serbien nicht. Die USA kündigen an, Serbien nur beim Wiederaufbau finanziell zu helfen, wenn Belgrad mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal zusammenarbeitet.

Sonnabend, 5. Juni - 74. Tag: Generäle der Nato und Jugoslawiens beginnen im mazedonischen Grenzort Blace Gespräche über Einzelheiten des jugoslawischen Truppenrückzugs. Rußland schließt erneut eine Beteiligung an einer Nato-geführten Friedenstruppe für das Kosovo aus. Bundesverteidigungsminister Scharping fordert eine Aufstockung des deutschen Kontingents für die Friedenstruppe.

Freitag, 4. Juni - 73. Tag: Auf dem EU-Gipfel in Köln einigen sich die sieben führenden westlichen Indusrieländer auf den Text einer Kosovo-Resolution des UN-Sicherheitsrates. Die Nato-Luftangriffe gehen trotz des Einlenkens Belgrads weiter. Sie konzentrieren sich vor allem auf den Südwesten des Kosovo, wo die Kämpfe zwischen der UCK und der jugoslawischen Armee anhalten.

Donnerstag, 3. Juni - 72. Tag: Jugoslawiens Präsident Milosevic und das serbische Parlament akzeptieren den Zwölf-Punkte-Plan der G8-Staaten. Dieser sieht einen Rückzug aller serbischen Kräfte aus dem Kosovo binnen sieben Tagen und die Stationierung einer Friedenstruppe mit wesentlicher Nato-Beteiligung vor. Der EU-Beauftragte, Finnlands Staatschef Ahtisaari, unterrichtet in Köln die Staats- und Regierungschefs der EU von den Gesprächen in Belgrad. Bundeskanzler Schröder spricht von einem politischen Durchbruch. US-Präsident Clinton kündigte weitere Luftangriffe bis zum nachprüfbaren Rückzug der jugoslawischen Verbände aus dem Kosovo an.

Mittwoch, 2. Juni - 71. Tag: Die Kosovo-Beauftragten Rußlands und der EU, Tschernomyrdin und Ahtisaari, führen in Belgrad ein erstes Gespräch mit Milosevic. Dabei geht es um den in Bonn mit US-Vizeaußenminister Talbott erzielten Kompromiß für einen Friedensplan. Die Belgrader Seite will den Vorschlag prüfen. Dieser sieht "parallel" den Rückzug serbischer Einheiten aus dem Kosovo, die Stationierung einer internationalen Sicherheitstruppe und den Stopp der Nato-Luftschläge vor. Die Nato konzentriert trotz der Gespräche ihre Angriffe auf Belgrader Vororte sowie die Städte Novi Sad, Prizren und Obrenovac. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag weist zehn Klagen Jugoslawiens auf ein sofortiges Verbot der Bombenangriffe ab.

Dienstag, 1. Juni - 70. Tag: Die Vermittler Rußlands, der USA und der EU, Tschernomyrdin, Talbott und Ahtisaari, bereiten in Bonn die Gespräche mit der jugoslawischen Führung in Belgrad vor. Dabei wird festgelegt, daß Ahtisaari erstmals gemeinsam mit Tschernomyrdin mit Milosevic konferieren wird. Bundesaußenminister Fischer bezeichnet die Bereitschaft Belgrads, die G-8-Grundsätze anzuerkennen, als "wichtiges Signal" im Bemühen um eine diplomatische Lösung des Kosovo-Konflikts. Die Nato legt bei ihren Luftangriffen erneut die Stromversorgung Belgrads lahm. Auch die Umgebung der jugoslawischen Hauptstadt und die Kosovo-Metropole Pristina sind erneut Ziele der Attacken.

Montag, 31. Mai - 69. Tag: Jugoslawien erklärt, die Grundsätze der G-8 zur Lösung des Kosovo-Konflikts anzunehmen. Die Regierung unter Präsident Milosevic ruft den UNO-Sicherheitsrat auf, eine Resolution zu verabschieden, damit der Kosovo-Konflikt beendet werden könne. Die Nato verteidigt ihren Angriff auf jene Brücke in Serbien, bei der elf Zivilisten ums Leben kamen. Die Brücke sei ein legitimes militärisches Ziel gewesen. Die Bundestagsfraktion der Grünen spricht sich für eine Feuerpause aus, will diese Haltung aber nicht gegen den Willen ihres Koalitionspartners SPD durchsetzen.

Sonntag, 30. Mai - 68. Tag: Ein deutscher Transportpanzer stürzt in Albanien von einer Brücke. Ein Sanitätssoldat der Bundeswehr kommt ums Leben, zwei weitere werden verletzt. Die jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug meldet elf Todesopfer nach dem Nato-Beschuß einer Brücke in Serbien. Nach Angaben Tanjugs traf die westliche Allianz bei ihren Angriffen im Kosovo auch einen Konvoi ausländischer Journalisten. Ein Fahrer sei getötet worden, ein Franzose und ein Brite hätten Verletzungen erlitten. Die Nato fordert eine persönliche Erklärung Milosevics über ein Einlenken Jugoslawiens. Das und ein sichtbarer Rückzug jugoslawischen Militärs aus dem Kosovo seien die Mindestvoraussetzungen für einen Stopp der Nato-Luftangriffe.

Sonnabend, 29. Mai - 67. Tag: Nach den Einlenksignalen Jugoslawiens bleibt der Westen skeptisch, kündigt aber eine Prüfung der jugoslawischen Vorschläge an. Es wird bekannt, daß sich Verteidigungsminister Scharping am Donnerstag mit seinen Amtskollegen Cohen (USA) und Robertson (GB) getroffen hat. Scharping dementiert, daß es um den Einsatz von Bodentruppen gegangen sei. Man habe über die Zusammensetzunge einer internationalen Schutztruppe für das Kosovo gesprochen. Jugoslawien meldet nach Nato-Angriffen mehrerere Todesopfer unter Zivilisten. In Belgrad werden drei Mitarbeiter der Hilfsorganisation Care wegen Spionage zu Haftstrafen verurteilt. Die zwei Australier und ihr jugoslawischer Kollege sollen für die Nato gearbeitet haben.

Freitag, 28. Mai - 66. Tag: Der russische Jugoslawien-Beauftragte Tschernomyrdin reist wieder nach Belgrad. Nach mehrstündigen Verhandlungen teilt das Büro des jugoslawischen Präsidenten Milosevic mit, Belgrad akzeptiere die Prinzipen der G-8-Staaten zum Kosovo. Albanische Manöver an der Grenze zu Kosovo lassen Befürchtungen wachsen, daß es zu einem bewaffneten Konflikts Tiranas mit Jugoslawien kommt. Nach Nato-Angaben drangen jugoslawische Truppen nach Bosnien-Herzegowina ein und nahmen sechs Soldaten der internationalen Friedenstruppe fest. Die Männer seien nach achtstündigem Verhör freigelassen worden.

Donnerstag, 27. Mai - 65. Tag: Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag erhebt offiziell Anklage gegen Jugolawiens Präsidenten Milosevic und weitere führende Politiker Serbiens und der jugoslawischen Bundesrepublik. In den vorangegangenen 24 Stunden hatte die Nato ihre bislang heftigsten Angriffe seit Beginn des Krieges geflogen. Vertriebene aus dem Kosovo kommen nicht mehr nach Mazedonien durch, da Serbien die Grenze zum Nachbarland schloß. Etwa 15.000 Menschen, die im Grenzgebiet auf ihre Ausreise warteten, seien verschwunden, sagte ein UNHCR-Sprecher. Durch Kampfhandlungen in der Nähe von Kukes in Albanien nehmen Befürchtungen für die Sicherheit der über 100.000 Flüchtlinge in den dortigen Lagern zu.

Mittwoch, 26. Mai - 64. Tag: Die Nato setzt ihre Angriffe auf Jugoslawien fort. Am Nachmittag wurden im Kosovo in der Nähe der Grenze nach Albanien jugoslawische Truppen bombardiert. Die Sonderbeauftragten Rußlands, Finnlands und der USA versuchten, Streitfragen bei der Lösung des Kosovo-Konflikts beizulegen. Im Kosovo spielte sich an der Grenze zu Mazedonien ein neues Flüchtlingsdrama ab. Etwa 15.000 Menschen wollten sich nach Angaben von Vertriebenen in das Nachbarland retten, werden von den Serben aber an der Flucht gehindert.

Dienstag, 25. Mai - 63. Tag: Der Nato-Rat stimmt der Aufstockung der geplanten Kosovo-Friedenstruppen (KFOR) von 28.000 auf 45.000 Soldaten zu. Dies sei nötig, weil sich die Flüchtlingszahlen erhöht haben und die wichtigsten Bauten ansonsten nicht wiederhergestellt werden könnten. Bundesaußenminister Fischer trifft sich mit US-Amtskollegin Albright. In Mazedonien kommen 8500 Flüchtlinge aus dem Kosovo an.

Montag, 24. Mai - 62. Tag: Bundesverteidigungsminister Scharping trifft in Tetovo mit dem mazedonischen Präsidenten Gligorov und seinem Amtskollegen Kljusev zusammen. Seinen Angaben zufolge kann Deutschland weitere 2000 Soldaten für eine internationale Kosovo-Friedenstruppe bereitstellen. Bundesaußenminister Fischer reist nach Washington. Dort will er mit US-Außenministerin Albright über die Lage im Kosovo sprechen. Die Nato fliegt erneut Angriffe auf Ziele in Jugoslawien. Bevorzugtes Angriffsziel ist die serbische Stadt Novi Sad. Der Angriff auf das Gefängnis von Istok am 21. Mai soll nach serbischen Angaben mindestens 100 Tote und 200 Verletzte gefordert haben.

Sonntag, 23. Mai - 61. Tag: Nach Angaben des britischen Außenministers Cook will die Nato die geplante Kosovo-Friedenstruppe deutlich verstärken, damit die Flüchtlinge noch vor Anbruch des Winters in ihre Heimat zurückkehren können. Statt bisher 28.000 Soldaten seien 40.000 bis 50.000 geplant. Bundesverteidigungsminister Scharping besucht das Hauptquartier der deutschen Soldaten im mazedonischen Tetovo. Nato-Kampfflugzeuge fliegen Angriffe auf jugoslawische Stellungen im Kosovo. US-Präsident Clinton bekräftigt den bisherigen militärischen Kurs der Nato.

Sonnabend, 22. Mai - 60. Tag: Die Nato setzt ihre Luftangriffe fort. Nach Angaben der Allianz werden an diesem Tag rund 650 Einsätze geflogen - so viel wie noch nie in diesem Krieg. Nach jugoslawischen Angaben wird die Stromversorgung in Belgrad und weiteren neun Städten zeitweilig lahmgelegt. Die Nato-Jets beschießen irrtümlich eine Kaserne im Kosovo, die bereits vor einem Monat von der Untergrundarmee UCK erobert worden war. Beschädigt wird auch die pakistanische Botschaft in Belgrad. Aus den USA verlautet, daß 50.000 Nato-Soldaten für den Fall einer Erfüllung der Bedingungen des Bündnisses durch Milosevic in Mazedonien zur Friedenssicherung bereitgestellt werden sollen.

Freitag, 21. Mai - 59. Tag: Die Vermittlungsbemühungen um eine Beilegung des Krieges werden in Moskau fortgesetzt. Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin, Finnlands Staatschef Ahtisaari und US-Vizeaußenminister Talbott vertagen ihre Gespräche auf den 26. Mai. Bundesaußenminister Fischer fordert angesichts der ungewollten Bombardierung ziviler Ziele durch die Nato eine Überprüfung der Zielplanung der Allianz. Bei einem Angriff auf ein Treibstofflager in Belgrad wird auch die Schweizer Botschaftsresidenz in Mitleidenschaft gezogen. Getroffen wird zudem ein Gefängnis in der Kosovo-Stadt Istok. Dabei sterben nach jugoslawischen Angaben 19 Menschen. Die politischen Direktoren aus den Außenministerien der G-8-Staaten beenden ihre Beratungen in Bonn. Das Bonner Auswärtige Amt spricht von kleineren Fortschritten. Die jugoslawische Nachrichtenagentur Beta meldet Anti-Milosevic-Demonstrationen in der serbischen Stadt Cacak.

Donnerstag, 20. Mai - 58. Tag: Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin spricht in Belgrad fast sieben Stunden lang mit Milosevic. Nach jugoslawischen Angaben gibt es Einigkeit darüber, daß der Friedensplan der G-8-Staaten als Grundlage für die Verhandlungen um eine Beilegung der Kosovo-Krise dienen soll. In Moskau konferiert Tschernomyrdin mit Finnlands Staatschef Ahtisaari und US-Vizeaußenminister Talbott. Die Nato setzt die Bombenangriffe fort. Die Allianz gibt zu, daß eine Bombe ihr Ziel verfehlte. Laut Belgrader Medien sollen ein Krankenhaus sowie die Residenz des schwedischen Botschafters getroffen worden sein.

Mittwoch, 19. Mai - 57. Tag: In mehreren europäischen Städten werden die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung des Kosovo-Konflikts fortgesetzt. Bundeskanzler Schröder konferiert in Brüssel mit Nato-Generalsekretär Solana und dem Nato-Oberkommandierenden Clark. Schröder lehnt in der Unterredung erneut den Einsatz von Bodentruppen ab. Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin fliegt erneut zu Gesprächen mit Milosevic nach Belgrad. Beim Treffen der Politischen Direktoren der G-8-Staaten in Bonn sprechen sich Rußland und Italien für eine Feuerpause aus. In mehreren serbischen Städten gibt es Antikriegs-Demonstrationen.

Dienstag, 18. Mai - 56. Tag: Bundeskanzler Schröder lehnt beim Treffen mit seinem italienischen Amtskollegen D'Alema in Bari den Einsatz von Bodentruppen ab. Dieser Einsatz ist Bestandteil von D'Alemas Kosovo-Plan. Führende jugoslawische Politiker bezeichnen den italienischen Plan als annehmbar. Serbiens Präsident Milutinovic telefoniert darüber mit Italiens Außenminister Dini. Nato-Kampfflugzeuge fliegen erneut Angriffe auf Ziele in Jugoslawien. Dabei wird eine Brücke der "Autobahn der Brüderlichkeit und Einheit" zerstört. Die US-Armee läßt zwei jugoslawische Kriegsgefangene frei.

Montag, 17. Mai - 55. Tag: Bundeskanzler Schröder erörtert in Bari mit dem italienischen Regierungschef D'Alema den neuesten Vorstoß Italiens zur Beilegung des Krieges. Zuvor hat Schröder in Helsinki dem finnischen Präsidenten Ahtisaari die volle Unterstützung der EU für seine Vermittlerrolle zugesagt. Großbritanniens Außenminister Cook betont erneut, daß sich die Nato die Option für den Einsatz von Bodentruppen offenhalte. Die Nato intensiviert ihre Luftangriffe: Nach jugoslawischen Angaben wurden Ortschaften im Kosovo und im serbischen Kernland angegriffen. Dabei sei ein Zivilist getötet worden. Auch Ziele in der Nähe von Belgrad gerieten unter Beschuß der Nato-Bomber.

Sonntag, 16. Mai - 54. Tag: Der italienische Ministerpräsident D'Alema legt einen neuen Friedensplan vor. Die Nato solle einseitig das Feuer einstellen, wenn gleichzeitig Rußland und China einer UNO-Resolution gegen Jugoslawiens Präsidenten Milosevic zustimmten. Falls dann die serbischen Truppen nicht aus dem Kosovo abgezogen würden, solle die UNO Bodentruppen entsenden. Nato-Sprecher Shea begrüßt den Vorschlag. Am Wochenende kommt wieder einer größere Flüchtlingszahl nach Mazedonien. Nato-Generalsekretär Solana rechnet mit einer Rückkehr aller Flüchtlinge ins Kosovo bis zum Winter.

Sonnabend, 15. Mai - 53. Tag: Die Nato räumt den Angriff auf das Kosovo-Dorf Korisa ein. Sie bestreitet jedoch, dabei sogenannte Streubomben eingesetzt zu haben. Nato-Sprecher Shea äußert den Verdacht, die getöteten Flüchtlinge könnten als menschliche Schutzschilde mißbraucht worden sein. Der UNO-Sicherheitsrat einigt sich auf eine Erklärung zum Nato-Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad. Darin bringt das Gremium sein tiefes Bedauern über das Bombardement zum Ausdruck. Der Text ist zurückhaltender als die von China eingebrachte Formulierung, enthält allerdings auch nicht den von den USA geforderten Hinweis auf einen irrtümlichen Angriff.

Freitag, 14. Mai - 52. Tag: Bei einem Angriff auf das Kosovo-Dorf Korisa werden nach jugoslawischen Angaben 84 Menschen getötet und mindestens 58 weitere verletzt. Die Nato räumt zunächst ein, "möglicherweise" für den Angriff verantwortlich zu sein. Am Abend verdichten sich nach Angaben der Allianz die Anzeichen dafür, daß die jugoslawische Armee schuld an dem Tod der Zivilisten ist. Die Nato bestätigt zudem, daß Kampfjets bereits mehrfach Bomben über der Adria abgeworfen hätten. USA-Präsident Clinton entschuldigt sich bei seinem chinesischen Amtskollegen Jiang für den Nato-Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad am 8. Mai. Nato-Sprecher Jertz bestätigt, daß das Militärbündnis bei seinen Angriffen panzerbrechende Munition mit bearbeitetem Uran eingesetzt habe.

Donnerstag, 13. Mai - 51. Tag: Die Nato erklärt, sie habe keine Beweise dafür, daß sich serbische Truppen aus dem Kosovo zurückzögen. Sprecher Shea erklärt, im Kosovo seien insgesamt 40.000 serbische Soldaten und Polizisten stationiert. Die Allianz fliegt erneut Angriffe auf Ziele in Jugoslawien. Ihren Angaben zufolge werden dabei fünf jugoslawische Kampfflugzeuge am Boden zerstört. Die Belgrader Regierung gesteht zum ersten Mal Verluste bei Armee und Sicherheitspolizei ein. Rußlands Präsident Jelzin droht bei einem Treffen mit seinem französischen Amtskollegen Chirac erneut mit dem Rückzug seines Landes aus den Bemühungen und eine Lösung der Kosovo-Krise. Auf einem Sonderparteitag von Bündnis 90/Die Grünen in Bielefeld setzt sich die gemäßigte Linie mit der Forderung nach einem befristeten Bombenstopp der Nato durch.

Mittwoch, 12. Mai - 50. Tag: Bundeskanzler Schröder entschuldigt sich in China im Namen der Nato nochmals offiziell für den "völkerrechtswidrigen" Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad. Dennoch gelingt es ihm nicht, Chinas Zustimmung zum Friedensplan der G 8 zu erhalten. Rußland droht überraschend an, sich aus den internationalen Bemühungen um einen Frieden im Kosovo zurückzuziehen. Begründung: Die bisherigen Vorschläge Moskaus werden vom Westen nicht ausreichend berücksichtigt. In der Nacht hatte die Nato erneut schwere Angriffe auf Jugoslawien geflogen. Nato-Generalsekretär Solana fordert die Mitgliedsländer der Nato und der EU auf, noch mehr Kosovo-Flüchtlinge aufzunehmen, um die Situation in Albanien und Mazedonien zu entspannen.

Dienstag, 11. Mai - 49. Tag: Die Spannungen zwischen China und dem Westen wegen des Nato-Angriffs auf die chinesische Botschaft im Belgrad überschatten die Bemühungen um eine politische Lösung des Kosovo-Konflikts. China fordert im Weltsicherheitsrat vergeblich eine offizielle Verurteilung des Angriffs. Ebenso wie Rußland wirft es der Nato zudem vor, sich einer politischen Lösung zu verweigern, da diese auf den von Jugoslawien angekündigten Teilrückzug aus dem Kosovo nicht reagiere. Bundeskanzler Schröder fliegt am Nachmittag zu Vermittlungsgesprächen nach Peking. Die Nato setzt unterdessen ihre Angriffe auf Jugoslawien fort. Zur Begründung heißt es, daß es keine Beweise für einen jugoslawischen Rückzug aus dem Kosovo gebe. In der Krisen-Provinz liefern sich serbische Sicherheitskräfte und die albanische Untergrundarmee UCK neue Kämpfe. In Belgrad wird der seit Wochen festgehaltene deutsche Journalist Schnitzler wieder auf freien Fuß gesetzt.

Montag, 10. Mai - 48. Tag: Die jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug berichtet, die jugoslawische Armee und die serbische Polizei hätten mit einem Teilrückzug aus dem Kosovo begonnen. Die Nato erklärt umgehend, dies reiche nicht für einen Waffenstopp aus. In Deutschland hat sich der Parteivorstand der Grünen auf einen Leitantrag für den Parteitag am 13. Mai geeinigt, in welchem eine befristete Feuerpause gefordert wird. Der Parteirat der SPD lehnt eine Feuerpause ab. China verlangt von der USA eine offizielle Entschuldigung für die Bombardierung der Botschaft und eine Bestrafung der Verantwortlichen.

Sonntag, 9. Mai - 47. Tag: Einen Tag nach dem Beschuß der Chinesischen Botschaft in Belgrad gibt die Nato als Ursache eine Fehlinformation des US-Geheimdienstes an. Vorschnelle personelle Konsequenzen schließt Nato-Generalsekretär Solana jedoch aus. In China gehen die Proteste gegen Nato-Angriffe und USA mit ausdrücklicher Billigung der Regierung weiter. In Kanton wird das deutsche Generalkonsulat beschädigt. In Montenegro treffen sich der Präsident der jugoslawischen Teilrepublik, Djukanovoc, und der serbische Oppositionspolitiker Djindjic. In einem gemeinsamen Papier fordern sie die politische Isolierung Milosevic'.

Sonnabend, 8. Mai - 46. Tag: Bei ihren nächtlichen Angriffen auf Belgrad trifft die Nato mit insgesamt drei Raketen die chinesische Botschaft. Vier Menschen sterben, mehr als zwanzig werden verletzt. Die Nato bedauert den Irrtum, der von China eilends einberufene UN-Sicherheitsrat zeigt sich "schockiert". In China kommt es zu teilweise gewalttätigen Protesten gegen die Bombardierung. Die Nato kündigt an, ihre Luftangriffe fortzusetzen. Rußlands Balkan-Beauftragter Tschernomyrdin ist bei Bundeskanzler Schröder zu Gast. Im Anschluß sagt er eine geplante Reise nach Belgrad ab. Im Kosovo wird ein enger Rugova-Vertrauter tot aufgefunden. Serbische Polizei und UCK beschuldigen sich gegenseitig, den Politiker, der auch bei den Rambouillet-Verhandlungen teilnahm, getötet zu haben.

Freitag, 7. Mai - 45. Tag: Ungeachtet des erzielten Friedensplanes setzt die Nato ihre Angriffe fort. Jugoslawischen Angaben zufolge ist in Nis ein Krankenhaus getroffen worden. Die Nato will die Angaben prüfen. Die Nachrichtenagentur Tanjug bezeichnet den Friedensplan der G8 als Beginn eines komplexen Prozesses, der erfolgreich enden wird, Belgrad stimmt außerdem der sofortigen Entsendung einer UNO-Beobachtermission ins Kosovo zu. Die Untergrundarmee der Kosovo-Albaner, UCK, lehnt dagegen den G8-Plan ab. Beispielsweise sei der Verbleib des Kosovo im jugoslawischen Staatsverband unannehmbar, sagt ein UCK-Sprecher.

Donnerstag, 6. Mai - 44. Tag: Die Außenminister der sieben führenden Industrienationen und Rußlands einigen sich auf ein 5-Punkte-Konzept zur Beendigung des Krieges. US-Präsident Clinton bezeichnete die Einigung als Beginn eines "wirklichen Friedensprozesses". Das Konzept sieht u.a. den Rückzug serbischer Armee und Polizei, die Rückkehr der Kosovo-Alnbaner, die Stationierung ziviler und militärischer UN-Kontingente und die Entwaffnung der UCK vor.

Mittwoch, 5. Mai - 43. Tag: Die Nato muß die ersten eigenen Toten im Kosovo-Krieg beklagen. Beim Absturz eines Apache-Hubschraubers in Albanien kamen beide Insassen um. Präsident Clinton kommt nach Deutschland und zeichnet die drei aus jugoslawischer Gefangenschaft entlassenen US-Soldaten aus.

Dienstag, 4. Mai - 42. Tag: D ie diplomatischen Bemühungen um eine Lösung des Konflikts laufen auf Hochtouren. Rußlands Sonderbeauftragter Tschernomyrdin trifft US-Präsident Clinton und UN-Generalsekretär Annan. Konkrete Ergebnisse werden jedoch nicht erzielt. Sowohl die Nato als auch der serbische Rundfunk vermelden den Abschuß eines feindlichen Kampfflugzeugs. Die Nato spricht vom Abschuß einer MiG-29 und dementiert den Verlust einer eigenen Maschine.

Montag, 3. Mai - 41. Tag:Der Nato-Angriff auf ein großes Kraftwerk in Serbien führt in weiten Teilen des Landes zu einem Stromausfall. Die Allianz setzte Graphit-Bomben ein, deren Staubwolken Kurzschlüsse verursacht. Unmittelbar vor seinem Treffen mit Rußlands Kosovo-Sonderbeauftragtem Tschernomyrdin erklärt US-Präsident Clinton, die Nato sei zu einer Feuerpause bereit. Bedingung sei aber der Rückzug Serbiens aus dem Kosovo und die Beendigung der Vertreibung. Über die Teilnehmer an einer internationalen Kosovo-Truppe lasse sich verhandeln; die Nato müsse aber ausreichend vertreten sein.

Sonntag, 2. Mai - 40. Tag: Jugoslawien läßt auf Bitten des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Jackson die drei gefangenen US-Soldaten frei. Sie fliegen auf die US-Militärbase in Ramstein (Rheinland-Pfalz), wo sie in einem Hospital untersucht werden. Die USA begrüßt zwar die Freilassung, kündigt aber die Fortsetzung der Angriffe gegen Jugoslawien an. Jackson hingegen fordert USA-Präsident Clinton auf, sich mit Präsident Milosevic zu treffen. Bomben der Nato treffen die serbische Stromversorgung. In Belgrad und weiten Teilen Serbiens fällt daraufhin der Strom aus. Die Nato verliert zwei Kampfjets: Eines bei einem Übungsflug und eines in Serbien. Die Piloten sind in Sicherheit.

Sonnabend, 1. Mai - 39. Tag: Albanien meldet stündlich etwa 1800 Flüchtlinge aus der Kosovo-Stadt Prizren, wo das jugoslawische Militär nach Augenzeugenberichten Vertreibungen im großen Stil organisiert. Nach Angaben der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug sterben bei einem Nato-Angriff auf eine Brücke im Kosovo rund 40 Fahrgäste eines Busses. Das Pentagon dementiert. US-Bürgerrechtler Jesse Jackson erreicht bei einem Treffen mit Präsident Milosevic die Zusage, daß die drei gefangenen US-Soldaten am Sonntag freikommen. Die "Washington Times" druckt ein Gespräch mit Milosevic ab, in dem dieser der Stationierung einer leichtbewaffneten Friedenstruppe im Kosovo unter UNO-Führung und russischer Beteiligung zustimmt. Auf einer Mai-Kundgebung in Saarbrücken wirft Ex-SPD-Chef Lafontaine der Nato vor, die falsche militärische Strategie zu verfolgen. Er fordert Verhandlungen unter Mitwirkung der UNO und Rußlands.

Freitag, 30. April - 38. Tag: Rußlands Jugoslawien-Beauftragter, Tschernomyrdin, hat ein mehrstündiges Gespräch mit Präsident Milosevic. Zurück in Moskau äußert sich Tschernomyrdin optimistisch: Eine Lösung des Kosovo-Konflikts sei nah, obwohl noch harte Arbeit bevorstehe. Einzelheiten nennt der Unterhändler nicht. Die Nato weist die Signale aus Belgrad zurück. Nato-Sprecher Shea sagt, sie seien einer ernsthaften Prüfung nicht würdig. Unterdessen bombardiert die Allianz in Jugoslawien rund 650 Einzelziele. Nach jugoslawischen Angaben kommen dadurch 17 Menschen ums Leben. Im Kosovo scheinen serbische Milizen ihren Terror gegen die Albaner zu verstärken. Das UNHCR teilt mit, Paramilitärs "säuberten" die Stadt Prizren.

Donnerstag, 29. April - 37. Tag: Jugoslawien lehnt erneut die wichtigste Nato-Bedingung für ein Ende der Angriffe ab. Belgrad werde im Kosovo lediglich eine zivile von der UNO geführte Truppe hinnehmen, sagte ein Sprecher von Präsident Milosevic. Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin kündigt einen neuen Friedensplan an, der auch UNO-Truppen im Kosovo vorsieht. Bundeskanzler Schröder spricht nach einem Treffen mit Tschernomyrdin in Bonn von "gewissen Annäherungen" zwischen der Nato und Rußland. Belgrad reicht beim Internationalen Gerichshof in Den Haag eine Klage gegen zehn Nato-Staaten, darunter auch Deutschland ein. Der Gerichtshof setzt daraufhin für den 10. Mai eine Anhörung an.

Mittwoch, 28. April - 36. Tag: Der jugoslawische Vize-Regierungschef Drascovic wird entlassen. Belgrad erklärt, seine Äußerungen stünden im Widerspruch zur Haltung der Regierung. Drascovic hatte für einen Kosovo-Kompromiß plädiert. Auch drei Minister seiner monarchistischen Bewegung verließen inzwischen das Kabinett. UNO-Generalsekretär Annan und Kanzler Schröder (SPD)treffen sich in Berlin. Über 4000 ethnische Albaner sollen nach offiziell unbestätigten Flüchtlingsberichten bisher im Kosovo von serbischen Truppen und Paramilitär hingerichtet worden sein.

Dienstag, 27. April - 35. Tag: Den ganzen Tag über fliegt die Nato Angriffe. Nach Luftschlägen gegen die südostserbische Stadt Surdulica meldet Belgrad den Tod von 20 Zivilisten. In Belgrad beschießen Flugzeuge der Allianz zum zweiten Mal die Parteizentrale der Sozialistischen Partei Milosevics. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 3500 neuen Flüchtlingen aus dem Kosovo innerhalb von 24 Stunden. Der jugoslawische Vize-Regierungschef Drascovic relativiert seine Äußerungen über einen Kosovo-Kompromiß und verschärft seine Kritik an Milosevic. Er sagt, sein Vorschlag für einer bewaffneten UN-Friedenstruppe im Kosovo sei nicht mit Milosevic abgestimmt gewesen. Die Partei des Präsidenten und die Linkspartei von dessen Frau Mira Markovic nutzten den Kriegszustand aus, um die Menschenrechte und Freiheiten einzuschränken. Rumänien, Mazedonien und Albanien beziffern ihre Wirtschaftsverluste durch den Kosovo-Krieg auf rund 3,6 Milliarden Mark.

Montag, 26. April - 34.Tag: Der jugoslawische Vize-Regierungschef Drascovic schlägt in mehreren Rundfunk-Interviews einen Kompromiß im Kosovo-Konflikt vor. Sein Land sei bereit, die Stationierung bewaffneter UN-Truppen im Kosovo zu akzeptieren. Auch Nato-Soldaten könnten dabeisein. Drasovic fordert die jugoslawische Führung auf, dem Volk die Wahrheit zu sagen. Jugoslawien sei isoliert. Rußland werde keinen dritten Weltkrieg riskieren. Nato-Flugzeuge zerstören die fünfte und letzte Donau-Brücke in Novi Sad. Bei einem Besuch in Berlin kündigt UN-Generalsekretär Annan an, zwei Vermittler für den Kosovo-Konflikt zu benennen. Er wirft der EU vor, sich nicht rechtzeitig um die Einbeziehung Südosteuropas gekümmert zu haben. Kosovo-Flüchtlinge berichten, in der Stadt Prizren würden Frauen und Kinder als "menschliche Schutzschilde" mißbraucht. Die SPD-Politiker Vogel, Stolpe und Thierse fordern einen kurzzeitigen Waffenstillstand, um Verhandlungen wiederaufzunehmen.

Sonntag, 25. April - 33. Tag: In der Nacht zum Sonntag hatten Nato-Kampfflugzeuge die Zentrale des serbischen Fernsehens in Belgrad angegriffen. Das Staatsfernsehen wurde dabei für Stunden ausgeschaltet. Der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug zufolge nahmen Nato-Piloten auch zivile Ziele ins Visier. An der Grenze zu Bosnien sei dabei eine Bergsteiger-Unterkunft getroffen worden, meldete die Agentur. Bei dem Nato-Gipfel in Washington verabschiedete die Allianz einen Stabilitätspakt und einen Aktionsplan für die jugoslawischen Nachbarstaaten.

Sonnabend, 24. April - 32. Tag: Heute wurde die Hauptstadt des Kosovo, Pristina, mit Raketen angegriffen. Bereits in der Nacht hatten Kampfflugzeuge die südserbische Industriestadt Nis angegriffen. Auf dem Nato-Gipfel in Washington einigte sich die Allianz darauf, die Luftschläge weiter zu führen. Zugleich beschloß das Bündnis ein "Strategisches Konzept", welches der Nato ein größeres internationales Gewicht zuweist, Einsätze in Krisengebieten aber auf den "euro-atlantischen" Raum beschränkt.

Freitag, 23. April - 31. Tag: In der Nacht zum 23.April wurden vor allem Sendeanstalten bombardiert. Kampfflugzeuge griffen das Gebäude des serbischen Staatsfernsehens im Belgrader Zentrum an. Nach Angaben des Senders sollen dabei neun Mitarbeiter getötet worden sein. Nahe Belgrad wurde eine Sendeanlage getroffen. In großen Teilen Serbiens konnten die Programme des jugoslawischen Staatsfernsehens vorübergehend nicht mehr empfangen werden. Die Nato bezeichnete Milosevics Vorschlag, eine internationale Präsenz im Kosovo zuzulassen, als nicht ausreichend und kündigte an, Luftangriffe und Sanktionen zu verschärfen.

Donnerstag, 22. April - 30. Tag: Die Zerstörung einer Residenz des jugoslawischen Präsidenten Milosevic durch Nato-Raketen und die Friedensinitiative des russischen Kosovo-Beauftragten Viktor Tschernomyrdin standen am Donnerstag im Mittelpunkt des Krieges. Die Nato sagte zwar, das Gebäude sei kein Wohnhaus, sondern die Kommandozentrale Milosevics gewesen. Die Allianz gab aber an, auch nichtmilitärische Machtzentralen bombardieren zu wollen. Tschernomyrdin führte ein neunstündiges Gespräch mit Milosevic. Danach sprachen sich beide für ein Stopp der Nato-Angriffe und eine internationale Präsenz im Kosovo aus. Unklar ist, ob mit internaionaler Präsenz zivile oder militärische Einheiten gemeint ist.

Mittwoch, 21. April - 29. Tag: Am Morgen hat die Nato den Sitz der regierenden Sozialistischen Partei von Präsident Milosevic bombardiert. In dem beschossenen 22-stöckigen Bürogebäude hatten außerdem 20 Firmen und mehrere Radio- und Fernsehanstalten ihren Sitz. Außerdem galten die Angriffe wieder Brücken über Donau und Save. Dabei wurde die letzte Donaubrücke von Novy Sad zerstört. Im Tagesverlauf sind die ersten panzerbrechenden Apache-Hubschrauber in Albanien eingetroffen. Die Europäische Union einigte sich nun doch auf ein Öl-Embargo gegen Jugoslawien.

Dienstag, 20. April - 28. Tag: Zur Verstärkung der Nato-Streitmacht im Kosovo-Konflikt haben die USA 24 Kampfhubschrauber vom Typ "Apache AH-64s" von Italien nach Albanien verlegt. Die Bundesregierung stellt sich darauf ein, innerhalb kürzester Frist zusätzliche Soldaten für einen humanitären Einsatz nach Albanien zu schicken. Bundesverteidigungsminister Scharping sprach sich dafür aus, das Bundestagsmandat für diesen Einsatz zu erweitern. Bundeskanzler Schröder stellte klar, die rot-grüne Koalition bleibe bestehen. Bundesumweltminister Trittin habe Berichte, nach denen er den NATO-Einsatz als fehler bezeichnet habe, "glasklar" dementiert. Die Europäische Union konnte sich nicht auf ein Öl-Embargo gegen Jugoslawien einigen, da sich Italien und Griechenland dagegen aussprachen.

Montag, 19. April - 27. Tag: Fünf Tage nach Angriffen auf zwei Fahrzeug-Konvois im Kosovo mit Dutzenden ziviler Opfer hat die Nato erstmals klar eingeräumt, daß ihre Piloten dafür verantwortlich waren. Insgesamt neun Bomben seien auf die beiden Konvois abgeworfen worden, hieß es in einer Erklärung. In einem Telefonat mit US-Präsident Clinton übt Rußlands Präsident Jelzin erstmals "schwere Kritik" an Milosevic, weil dieser bisher den Einsatz einer internationalen Friedenstruppe im Kosovo ablehne. Bundesverteidigungsminister Scharping hat der Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals, Arbour, umfangreiches Beweismaterial über serbische Greueltaten an Kosovo-Albanern übergeben. Jugoslawische Einheiten hindern Kosovo-Albaner, die auf dem Weg in die Nachbarländer sind, gewaltsam daran, das Land zu verlassen. Laut UNHCR kommen keine Flüchtlinge mehr bis an die Grenzübergänge.

Sonntag, 18. April - 26. Tag: Großbritanniens Außenminister Cook ist Berichten über angebliche Vorbereitungen der Nato auf einen Einsatz von Bodentruppen im Kosovo entgegengetreten. Auch Nato-Generalsekretär Solana schloß im BBC-Fernsehen eine Invasion zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. An der Grenze zwischen dem Kosovo und Albanien sind nach OSZE-Angaben zwei Frauen und drei Kinder, die mit ihrem Fahrzeug auf eine Mine gefahren waren. Nach einem neuen Flüchtlingsstrom ist die Kapazität der Auffanglager in Mazedonien nach Angaben des UNHCR nahezu erschöpft.

Sonnabend, 17. April - 25. Tag: Jugoslawische Einheiten vertreiben immer mehr Kosovo-Albaner aus ihrer Heimat. Nach UNHCR-Angaben kamen von Freitag zu Sonnabend mehr als 25.000 Menschen zu den Grenzübergängen nach Albanien, Mazedonien und Montenegro. Die Nato hatte wegen schlechten Wetters weniger Angriffe auf Ziele in Jugoslawien geflogen als in den Tagen zuvor. Die Allianz kündigte eine Verstärkung der Luftangriffe an. Ihr Sprecher Shea sagte in Brüssel, es gebe Berichte über Massengräber und Erschießungen von Kosovo-Albanern. Die Nato meldete einen ersten jugoslawischen Kriegsgefangenen - einen Offizier.

Freitag, 16. April - 24. Tag: Der Angriff auf einen Flüchtlingskonvoi im Kosovo, bei dem angeblich 70 Menschen getötet wurden, ist noch immer ungeklärt. Die Nato wies jegliche Schuld an dem Blutbad zurück. Nato-Sprecher Shea räumte nur ein, daß die Allianz in einem einzigen Fall nördlich von Djakovica irrtümlich ein ziviles Fahrzeug bombardiert habe. Serbische Einheiten griffen an der Grenze zu Albanien erneut Gebiete an. Laut albanischem Innenministerium wurde das Dorf Kolsh mit Granaten beschossen. Das US-Verteidigungsministerium plant laut "New York Times" die Einberufung von 33.000 Reservisten. Nach Angaben des UNHCR sind 100.000 weitere Kosovo-Flüchtlinge auf dem Weg nach Mazedonien.

Donnerstag, 15. April - 23. Tag: Die Nato hat offiziell einen Angriff auf den Konvoi im Kosovo bestätigt. Es wurde eingeräumt, daß es bei dem Angriff Tote gegeben habe. Ein Nato-Flugzeug habe irrtümlich die Bombe abgeworfen. Unterdessen wurden die Angriffe fortgesetzt. Nach jugoslawischen Angaben wurde der Belgrader Industrievorort Rakovica angegriffen. Zudem hätten Nato-Flugzeuge Ziele im Süden des Landes attackiert. In Bonn fand eine Sondersitzung des Bundestages zum Kosovo statt. Bundeskanzler Schröder äußerte in einer Regierungserklärung die Hoffnung, daß sich Rußland stärker in die Bemühungen um eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts einschaltet. Die Regierungsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen sowie CDU/CSU und FDP bekundeten ihre Unterstützung für das Vorgehen der Nato. Sie kritisierten den Besuch von PDS-Fraktionschef Gysi in Belgrad. Unterdessen haben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) weitere 10.000 Kosovo-Albaner ihre Heimat verlassen.

Mittwoch, 14. April - 22. Tag: Die Europäische Union unterstützt nach Angaben von Bundeskanzler Schröder die Friedensbemühungen von UN-Generalsekretär Annan im Kosovo-Konflikt. Der Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs verständigte sich in Brüssel darauf, Rußland enger in den Friedensprozeß einzubinden. Die Nato reagierte unterdessen zurückhaltend auf den deutschen Friedensplan. Ihr Sprecher Shea nannte ihn einen nützlichen Ansatz. Die Militärallianz setzte ihre Angriffe auf Ziele im Kosovo fort. Dabei sollen nach serbischen Angaben 70 Flüchtlinge getötet und mehr als 100 verletzt worden sein. Nato-Kreise erklärten dagegen, daß eine Militärkolonne angegriffen und getroffen worden sei. Nach Angaben von Bundesverteidigungsminister Scharping und US-Verteidigungsministerium haben serbische Truppen die Flüchtlinge angegriffen. Jugoslawiens Präsident Milosevic erklärte in getrennten Unterredungen mit PDS-Fraktionschef Gysi und dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko, daß er nur zivile UNO-Beobachter im Kosovo dulden würde.

Dienstag, 13. April - 21. Tag: Die Nato will ihre Angriffe auf Jugoslawien, aber auch ihr Bemühen um eine diplomatische Lösung der Kosovo-Krise verstärken. Bei ihren nächtlichen Angriffen hat die Allianz nach eigenen Angaben alle jugoslawischen Anlagen zur Treibstoff-Produktion zerstört. Nato-Oberbefehlshaber Clark fordert 300 weitere Flugzeuge an. Auch US-Präsident Clinton kündigt eine Ausweitung der Bombardements an. In Oslo trifft sich US-Außenministerin Albright mit ihrem russischen Amtskollegen Iwanow. Streitpunkt zwischen beiden bleibt eine künftige Friedenstruppe im Kosovo: Moskau ist weiter dagegen, daß sie von der Nato geführt wird. Die Ukraine erklärt ihre Bereitschaft, sich an einer internationalen Friedenstruppe zu beteiligen. Von der serbisch-albanischen Grenze werden heftige Gefechte gemeldet. Nach Berichten der albanischen Regierung und von OSZE-Beobachtern überschreiten jugoslawische Soldaten die Grenze, umzingeln das albanische Dorf Kamenica, ziehen sich aber nach einer stundenlangen Schießerei mit Grenzschützern zurück.

Montag, 12. April - 20. Tag: Nato-Raketen treffen einen Personenzug auf einer Eisenbahnbrücke im Südosten Serbiens. Nach jugoslawischen Angaben kommen dabei mindestens neun Passagiere des Zuges Thessaloniki-Belgrad ums Leben. Die Nato-Außenminister kündigen nach einer Beratung in Brüssel neue politische Initiativen an. Rußland soll stärker einbezogen werden. Die Nato erneuert ihre Forderungen an Milosevic. Erstmals ist nur noch von einer internationalen internationalen Präsenz im Kosovo die Rede. Bisher verlangte die Allianz Belgrads Zustimmung zu einer Nato-geführten Nato-Truppe. UN-Generalsekretär Annan bietet seine Vermittlung an. Das jugoslawische Parlament beschließt, den Beitritt zur russisch-weißrussischen Allianz zu beantragen. Mit großer Mehrheit befürwortet ein SPD-Sonderparteitag den Kosovo-Kurs der Bundesregierung. Ein Einsatz von Bodentruppen wird abgelehnt.

Sonntag, 11. April - 19. Tag: Wegen des orthodoxen Osterfestes hat die Nato nach eigenen Angaben ihre Luftschläge vermindert. Die Allianz spricht von Erkenntnissen über 180 000 Flüchtlinge innerhalb des Kosovos. Frisch aufgeworfene Erdhügel nahe Orahovac könnten nach Ansicht der Nato auf ein Massengrab deuten. Der Nato-Rat beschließt die Entsendung von 8000 Soldaten nach Albanien, die dort humanitäre Hilfe leisten sollen. Deutschland beteiligt sich mit 150 Bundeswehrangehörigen. Nato-Generalsekretär Solana sieht erste Anzeichen für ein Einlenken der jugoslawischen Regierung. Jugoslawiens stellvertretender Ministerpräsident Draskovic sagt, sein Land sei bereit, ausländische Präsenz im Kosovo zur Überwachung eines Friedensabkommens zu akzeptieren. Die Albaner könnten im Kosovo sogar eigene Steuern erheben, die Provinz müsse aber Teil Serbiens bleiben.

Sonnabend, 10. April - 18. Tag: Die Nato setzt ihre Angriffe fort und zieht Zwischenbilanz. Sprecher Shea meldet die Zerstörung der Hälfte aller jugoslawischen Mig-29-Kampfflugzeuge; auch die Luftabwehr Belgrads sei entscheidend geschwächt. Die USA kündigen an, weitere 82 Flugzeuge für den Einsatz gegen Jugoslawien bereitzustellen. Großbritannien schickt den Flugzeugträger Invincible in die Adria. Der Militärexperte von CDU/CSU, Austermann, rehnet damit, daß der Bundeswehreinsatz im Kosovo mehr als 1,2 Milliarden Mark kosten wird. Die Hardthöhe dementiert die Angabe. Die jugoslawische Armee vertreibt nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR nach dreitägiger Pause wieder Kosovo-Albaner aus ihrer Heimat. Die ersten 220 Flüchtlinge treffen in Sachsen ein.

Freitag, 9. April - 17. Tag: Am Abend meldet die serbische Seite Luftangriffe in Pristina, Goles (Kosovo), Belgrad und im südserbischen Nis. US-Streitkräfte beginnen mit der Verlegung von Apache-Kampfhubschraubern nach Albanien. Panzer und Raketenwerfer sollen folgen. Die Bundesregierung bemüht sich weiterhin, die Debatte um Nato-Bodentruppen zu bremsen. Rußlands Präsident Jelzin warnt die Nato: "Treibt uns nicht zu einer Militäraktion, sonst wird es definitiv einen europäischen, möglicherweise sogar einen Weltkrieg geben!" Am selben Tag dementierte Moskau eine Aussage von Duma-Chef Selesnjow. Dieser hatte behauptet, Rußland habe seine Atomraketen wieder auf die Nato-Länder gerichtet. In Deutschland sind bereits über 1000 Kosovo-Flüchtlinge eingetroffen.

Donnerstag, 8. April - 16. Tag: Nato-Kampfflugzeuge beschießen zum zweiten Mal Gebäude in der Innenstadt Belgrads. Nach Berichten des serbischen Fernsehens sterben bei Angriffen der Allianz auf das Dorf Tornik drei Zivilisten. Weiter ungeklärt ist das Schicksal Tausender Kosovo-Albaner, die in der Nacht zum Mittwoch aus dem Grenzgebiet zu Mazedonien verschwanden. Die Nato hält es für möglich, daß Milosevic diese Menschen im Kosovo als lebende "Schutzschilde" gegen die Nato-Angriffe einsetzt. Die EU-Außenminister beschließen, 250 Millionen Euro für die humanitäre Hilfe bereitzustellen. Den Kosovo-Flüchtlingen soll vor allem vor Ort geholfen werden. Der zyprische Parlamentspräsident Kyprianou reist nach Belgrad, um die Freilassung der drei gefangengenommenen US-Soldaten zu erreichen.

Mittwoch, 7. April - 15. Tag: Der deutsche Außenminister Fischer erklärt die Bedingungen, die Jugoslawien vor einem Stopp der Nato-Luftangriffe erfüllen muß: u.a. vollständiger Rückzug von Armee, Miliz und paramilitärischen Einheiten aus dem Kosovo. Der Nato gelingt nach eigenen Angaben erstmals ein direkter Angriff auf Panzer der jugoslawischen Armee. Nach einer Pause von mehreren Tagen greift die Nato wieder Ziele in Montenegro an. Jugoslawien schließt seine Grenzen zu Albanien und Mazedonien und treibt die am Grenzübergang auf ihre Ausreise wartenden Kosovaren offenbar zurück ins Landesinnere. Die ersten Kosovo-Vertriebenen treffen in Deutschland ein.

Dienstag, 6. April - 14. Tag: Jugoslawien verkündet überraschend einen einseitigen Waffenstillstand im Kosovo zum orthodoxen Osterfest. Die Nato lehnt das Angebot als "unzureichend" ab. Eine Nato-Rakete verfehlt in der südserbischen Stadt Aleksinac ihr Ziel und tötet mehrere Zivilisten. Die albanische Regierung stimmt der Stationierung von "Apache"-Hubschraubern zu. Die internationale Staatengemeinschaft stellt dem UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) 74.000 Plätze für Kosovo-Vertriebene zur Verfügung. Deutschland will zunächst 10.000 Kosovaren aufnehmen.

Ostermontag, 5. April - 13. Tag: Zum ersten Mal starten Nato-Flugzeuge von deutschem Boden aus. Die bisher heftigsten Angriffe richten sich auf Ziele in ganz Serbien. Der Nato-Rat billigt den geplanten Einsatz der "Apache"-Hubschraubern. Der israelische Politiker Schimon Peres bietet seine Vermittlung an. Eine Gruppe von Freiwilligen aus Rußland trifft in Serbien ein. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Das Deutsche Rote Kreuz richtet eine Luftbrücke nach Mazedonien ein. Die Bundesluftwaffe verstärkt Hilfsflüge.

Ostersonntag, 4. April - Zwölfter Tag: Belgrad wird die dritte Nacht in Folge von Marschflugkörpern getroffen. Unter den Zielen sind das Hauptquartier der jugoslawischen Luftwaffe und der nahegelegene Flughafen Surcin. Aus Novi Sad und Nis südöstlich von Belgrad werden brennende Gebäude im Fernsehen gezeigt. Das USA kündigen die Entsendung von 24 «Apache»-Hubschraubern nach Albanien an, um im Kosovo Bodentruppen und Panzer wirksamer zu bekämpfen. Die Bundeswehr beginnt mit Transportmaschinen eine großangelegte Hilfsaktion für die Flüchtlinge. Jugoslawien beantragt eine Sitzung des Weltsicherheitsrates.

Sonnabend, 3. April - Elfter Tag: Die Angriffe richten sich hauptsächlich gegen militärische Ziele um Belgrad. Südlich der Hauptstadt wird auch ein Heizkraftwerk getroffen. Auch eine Ölraffinerie im zentraljugoslawischen Kraljevo und eine Polizeiakademie werden bombardiert. Die einzige Eisenbahnverbindung zwischen den jugoslawischen Teilrepubliken Serbien und Montenegro wird von der SFOR-Friedenstruppe in Bosnien gesprengt, um jugoslawische Truppenverlegungen zu verhindern. In Novi Sad und dem westlich gelegenen Backa Palanka werden zwei weitere Donaubrücken von Cruise Missiles zerstört. Die Nato will damit vor allem die Nachschublinien der jugoslawischen Truppen unterbrechen.

Karfreitag, 2. April - Zehnter Tag: In der Nacht zu Sonnabend nimmt die Nato erstmals die Innenstadt von Belgrad ins Visier: Von Schiffen abgefeuerte Marschflugkörper zerstören das Gebäude des serbischen und jugoslawischen Innenministeriums - nach Ansicht der Allianz das Organisationszentrum für die Vertreibung der Kosovo- Albaner. Tagsüber greifen Jets Infanterielager im Südwesten Kosovos, weitere Donaubrücken und Radareinrichtungen an. Jugoslawien bittet Rußland und Weißrußland um schnelle Militärhilfe gegen die "Nato-Agression". Mittlerweile nimmt der Flüchtlingsstrom dramatische Ausmaße an. Nach Schätzung der Allierten sind 765 000 Kosovo-Albaner auf der Flucht.

Donnerstag, 1. April - Neunter Tag: Die Amerikaner setzen erstmals den strategischen Fernbomber B-1 ein und kündigen die Entsendung weiterer F-117-Maschinen an. Die Donaubrücke in Novi Sad ist zerstört - das erste größere getroffene zivile Ziel. Die US-Soldaten werden im serbischen Fernsehen gezeigt. Ihre Gesichter weisen deutliche Verletzungen auf. US-Präsident Bill Clinton macht Milosevic persönlich für das Wohlergehen der Soldaten verantwortlich. Albaner- Führer Ibrahim Rugova tritt im serbischen Fernsehen mit Milosevic auf und spricht sich angeblich für ein Ende der Luftangriffe aus.

Mittwoch, 31. März - Achter Tag: Im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und Mazedonien geraten drei US-Soldaten in die Gewalt der jugoslawischen Armee. Die Nato-Angriffe gehen weiter. Aus der Krisenprovinz werden weitere Morde der Serben an Albanern schweres Artilleriefeuer auf Dörfer gemeldet. Die Untergrundarmee UCK verkündet eine Generalmobilmachung. Moskau will Kriegschiffe in das Mittelmeer schicken.

Dienstag, 30. März - Siebter Tag: Die Nato kündigt an, Einsätze "rund um die Uhr" zu fliegen: Deutsche Tornados starten zu ihrem ersten Einsatz bei Tageslicht. Der russische Ministerpräsident Primakow versucht vergeblich, in einem Gespräch mit dem jugoslawischen Präsidenten Milosevic eine politische Lösung zu erreichen.

Montag, 29. März - Sechster Tag: Bei mehrstündigen Einsätzen mit mindestens 40 Flugzeugen werden unter anderem Militärkomplexe rund um Belgrad getroffen, darunter erneut eine Flugzeugfabrik in Pancevo. Flüchtlinge, die aus dem Kosovo in immer größerer Zahl nach Mazedonien kommen, berichten von serbischen Greueltaten in ihrer Heimat.

Sonntag, 28. März - Fünfter Tag: Mit heftigen Luftangriffen setzt die Nato die Phase 2 fort. Vorrangiges Ziel: Das brutale Vorgehen der Militärs gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo soll gestoppt werden. Bonns Verteidigungsminister Rudolf Scharping sagt, alle Anzeichen sprächen dafür, daß im Kosovo ein "Völkermord" begonnen habe. In der Nacht beschießen Kampfflugzeuge Stützpunkte der serbischen Sonderpolizei im Kosovo. In der Provinz werden nach "verläßlichen Informationen" der Nato führende Albaner ermordet.

Sonnabend, 27. März - Vierter Tag: Die Nato beschließt den Beginn einer zweiten Phase ihrer Angriffe. Sie schließt massive Bombardements auf Bodentruppen, Panzer und Artillerie im Kosovo ein. Erstmals geht eine Nato-Maschine verloren: Der Pilot der westlich von Belgrad abgestürzten (nach Belgrader Angaben: abgeschossenen) US- Maschine vom Typ F 117 "Night-Hawk" wird von einem Spezialteam mit Hubschraubern gerettet.

Freitag, 26. März - Dritter Tag: Aus dem Süden des Kosovo kommen verstärkt Berichte, daß die jugoslawische Armee, ganze Dörfer vernichtet, ihre Einwohner vertreibt und Männer erschießt. Unter dem Namen "Allied Force" ("Allierte Kraft") fliegen Nato-Kampfjets bei ihren ersten Tageslicht-Angriffe. Insgesamt werden 249 Einsätze registriert. Belgrad meldet Treffer in Chemiebetrieben mit Freisetzung giftiger Gase. Am Nachmittag werden zwei in den bosnischen Luftraum eingedrungene MIG-29-Kampfflugzeuge der Jugoslawen abgeschossen.

Donnerstag, 25. März - Zweiter Tag: Am Abend werden etwa 20 Marschflugkörper zum Beginn neuer Angriffe von Schiffen in der Adria abgefeuert. Ihnen folgen Nato-Jets sowie erneut zwei B2- Tarnkappenbomber. Erste Nato-Bilanz nach zwei Nächten und Tagen: Bei 400 Einsätzen wurden 50 Militärziele getroffen.

Mittwoch, 24. März - Erster Tag: Knapp 24 Stunden nach dem Einsatzbefehl starten von Norditalien aus die ersten Kampfbomber. Dazu gehören vier Tornados der Bundeswehr. Gegen 20.00 Uhr bestätigt die Nato den Beginn von Luftangriffen auf Jugoslawien. Ziel der von etwa 100 Marschflugkörpern unterstützten Angriffe sind militärische Ziele. Nach knapp drei Stunden kehren die ersten Maschinen zu ihrer Ausgangsbasis zurück.

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Chronik der vergangenen 12 Monate

Länger als ein Jahr dauert der bewaffnete Konflikt in der südserbischen Provinz Kosovo bislang. Die Chronik der Ereignisse seit Beginn der Kämpfe bis zu den Folgen der letztlich gescheiterten Vermittlungsversuche von Rambouillet:

1998

28.02.98: Serbische Einheiten beginnen eine Offensive gegen die Kosovo-Befreiungsarmee UCK. Die UCK kämpft für eine Autonomie der Provinz in Südserbien. Sowohl Belgrad als auch der Westen lehnen die Forderung ab. Der Kosovo ist zu 90 Prozent von Albanern bewohnt.

10.03.98: Die USA und die Europäische Union fordern den jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic zum Rückzug seiner Truppen auf. Andernfalls werden Sanktionen angedroht.

25.03.98: Die Balkan-Kontaktgruppe beschließt auf ihrem Treffen in Bonn ein Waffenembargo gegen Jugoslawien. Rußland lehnt im Weltsicherheitsrat Sanktionen ab.

31.03.98: Der Sicherheitsrat verabschiedet das Waffenembargo und fordert die Aufnahme von Autonomieverhandlungen.

08.06.98: Die Europäische Union beschließt ein Investitionsembargo gegen Serbien. Rußland und China verhindern im Weltsicherheitsrat eine Resolution gegen Jugoslawien.

17.06.98: Der jugoslawische Staatspräsident Slobodan Milosevic erklärt sich nach einem Treffen mit Boris Jelzin zu Verhandlungen bereit.

18.07.98: Serbische Einheiten starten im Kosovo eine Großoffensive gegen Hochburgen der UCK.

23.07.98: Die USA erklären, sie würden notfalls eigenmächtig militärisch im Kosovo eingreifen.

30.07.98: Milosevic erklärt die Großoffensive für beendet. Dennoch gehen die Kämpfe weiter.

24.08.98: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ruft angesichts einer drohenden Flüchtlingskatastrophe im Kosovo zum Waffenstillstand auf.

23.09.98: Der Weltsicherheitsrat droht bei einer Fortsetzung der Kämpfe mit "Maßnahmen". Dies gilt als erste Vorstufe zu einem möglichen Militäreinsatz.

24.09.98: Die NATO unterstreicht, daß sie es mit einem militärischen Eingreifen ernst meint: Der NATO-Rat ruft die Mitgliedstaaten auf, ihre Beteiligung an möglichen Luftangriffen bekanntzugeben.

28.09.98: Die jugoslawische Staatsführung verkündet ein Ende der Offensive gegen die UCK und zieht einige Einheiten ab. Dennoch gehen die Kämpfe weiter.

01.10.98: Kurz vor Beginn einer Dringlichkeitssitzung des Weltsicherheitsrates melden die Serben den Rückzug ihrer Einheiten. Kosovo-Albaner berichten über ein Massaker an zwölf Menschen in der Region Suva Reka.

08.10.98: Die UCK erklärt den einseitigen Gewaltverzicht. Angesichts unmittelbar bevorstehender NATO-Luftangriffe auf militärische Stellungen in Jugoslawien beginnen die USA, Großbritannien und Australien ihre Botschaften in Belgrad zu evakuieren.

12.10.98: Nach tagelanger Pendeldiplomatie erreicht USA-Vermittler Richard Holbrooke umfassende Zugeständnisse von Milosevic: Jugoslawien will einen Waffenstillstand anerkennen, alle Einheiten abziehen, die Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen und OSZE-Beobachter zulassen. Dennoch beschließt der NATO-Rat den militärischen Einsatz.

16.10.98: Der Bundestag stimmt für eine Beteiligung deutscher Soldaten bei militärischen Aktionen im Kosovo. 27.10.98: Bei Ablauf des NATO-Ultimatums für die Umsetzung des Abkommens vom 12.10. hat Milosevic seine Zusagen weitgehend eingehalten.

1999

08.01.99: Die Entführung von acht serbischen Soldaten löst in den folgenden Tagen neue Kämpfe aus.

11.01.99: Milosevic stellt der UCK ein Ultimatum zur Freilassung der Soldaten. Zwei Tage später kommen sie frei.

15.01.99: Erstmals werden zwei OSZE-Beobachter angeschossen. Serbische Sicherheitskräfte töten bei einer neuen Offensive mindestens 15 UCK-Kämpfer. 16.01.99: In dem Dorf Racak werden nach einem Massaker an der Zivilbevölkerung 45 Leichen entdeckt.

18.01.99: Die jugoslawische Regierung beschließt die Ausweisung des OSZE-Missionsleiters William Walker, setzt den Beschluß aber später aus. Der Anklägerin des Internationalen Kriegsverbrechertribunals, Louise Arbour, wird die Einreise verweigert.

19.01.99: Nach erfolglosen Gesprächen zweier NATO-Generäle mit Milosevic droht die Allianz mit Luftangriffen. 23.01.99: Bundeskanzler Schröder erklärt, daß er notfalls zur Entsendung deutscher Bodentruppen bereit ist.

26.01.99: Die UCK kündigt die Bildung einer eigenen Regierung an.

29.01.99: Die Balkan-Kontaktgruppe stellt den Konfliktparteien ein Ultimatum bis zum 06.02. für einen Verhandlungsbeginn. Als Ort für die Gespräche wird Rambouillet gewählt.

30.01.99: Der NATO-Rat ermächtigt Generalsekretär Javier Solana zu Militäraktionen gegen Jugoslawien.

02.02.99: Die UCK erklärt sich zur Teilnahme an den Verhandlungen von Rambouillet bereit.

04.02.99: Auch das serbische Parlament stimmt den Friedensgesprächen zu.

06.02.99: Die Kosovo-Friedenskonferenz von Rambouillet beginnt.

23.02.99: Nach zweieinhalb Wochen zäher Verhandlungen wird die Friedenskonferenz vertagt: Kosovo-Albaner und Serben haben sich nach Angaben der Balkan-Kontaktgruppe auf eine weitgehende Autonomie für die serbische Provinz geeinigt, den Friedensplan aber noch nicht unterzeichnet. Am 15. März soll in Frankreich eine Friedenskonferenz zur Umsetzung der Vereinbarung beginnen.

15.03.99: Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen: Die Zustimmung der Kosovo-Albaner zum Abkommen könnte den westlichen Staaten ermöglichen, ihren Druck auf die Serben zu konzentrieren. Der jugoslawische Präsident Milosevic läßt bekräftigen, daß seine Regierung der Stationierung einer NATO-Friedenstruppe ablehnend gegenübersteht.

19.03.99: Die albanischen Verhandlungsführer unterschreiben in Rambouillet den Kosovo-Friedensplan. Die Vertreter Serbiens lehnen das "Interimsabkommen für Frieden und Selbstverwaltung im Kosovo" weiterhin ab. Daraufhin geben die Vorsitzenden der Kosovo-Friedenskonferenz die Vertagung der Diskussion bekannt. Es werde keine Wiederaufnahme geben, solange die Serben nicht ihre Zustimmung zu dem Abkommen erklären. Die Vorbereitungen für einen NATO-Luftschlag laufen auf Hochtouren: Die OSZE zieht ihre Beobachter ab, westliche Länder fordern ihre Landsleute auf, die Krisenregion zu verlassen.

20.03.99 USA-Präsident Clinton bekräftigt die Bereitschaft der USA für ein entschlossenes Handeln im Kosovo.

21.03.99: Nach den Verhandlungen von Paris neue Kämpfe und Vertreibungen im Kosovo. Belgrad erklärt die Visa der OSZE-Beobachter für ungültig.

23.03.99: Der USA-Sondergesandte Richard Holbrooke erzielt in mehrstündigen Verhandlungen mit Belgrad keine wesentlichen Fortschritte. Nach dessen Bericht über das Scheitern seiner Bemühungen erteilt NATO-Generalsekretär Javier Solana dem NATO-Oberkommandierenden in Europa, Wesley Clark, den Befehl für Luftoperationen. Belgrad soll noch eine letzte Frist zum Einlenken gewährt werden. Rußland bezieht eindeutig Stellung gegen die Pläne der NATO: Angesichts der Entwicklungen bricht Rußlands Regierungschef Jewgeni Primakow seine Reise in die USA beim Flug über den Atlantik ab und kehrt nach Hause zurück.

24.03.99: Die NATO beginnt mit Luftangriffen auf militärische Ziele in Jugoslawien.

 

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Der Kosovo-Konflikt - historische Wurzeln und Perspektiven. Essay von Prof. Wolfgang Höpken

1912 – 1945: SERBIEN EROBERT KOSOVO – IM ZWEITEN WELTKRIEG VEREINIGUNG MIT ALBANIEN

Der Konflikt um das Kosovo ist älter als die Politik eines Slobodan Miloševic. Im Grunde genommen gelang es zu keiner Zeit, die Region und seine albanische Bevölkerung in einen serbischen bzw. jugoslawischen Staat zu integrieren und die Beziehungen zwischen Serben und Albanern dauerhaft zu stabilisieren. Welche Strategie man auch wählte, sie weckte entweder den Widerstand der albanischen Bevölkerung oder aber den Unmut der dortigen serbischen Minderheit und der serbischen Öffentlichkeit.

1912 hatte Serbien das Gebiet im Balkan-Krieg vom zerfallenen Osmanischen Reich erobert. Die Großmächte nahmen dies hin und verzichteten darauf, das bereits damals überwiegend albanisch besiedelte Kosovo dem 1913 auf der Londoner Konferenz ins Leben gerufenen albanischen Staat zuzugestehen. Die Frage des Kosovo wurde damit zu einer Frage der albanischen Minderheit in einem serbischen bzw. ab 1918 jugoslawischen Staat. Für Serbien bedeutete die Eroberung des Kosovo 1912 die Rückgewinnnung eines Gebietes, das im Mittelalter den Kern des serbischen Staates und der serbischen Kirche gebildet hatte.

Gegen die ethnischen Realitäten wurde das Kosovo daher als serbisches Territorium angesehen, in dem es serbische Vorherrschaft zu sichern bzw. durchzusetzen galt. Mit einer massiven Kolonialisierung, durch eine oftmals mittels staatlichen Drucks begünstigte Auswanderung von Albanern in die Türkei, aber auch durch Versuche der Assimilierung suchte man daher in der Zwischenkriegszeit, die ethnischen Realitäten zugunsten der serbischen Bevölkerung zu verschieben. Diese hatten sich in den Jahrhunderten der osmanischen Herrschaft durch albanische Zuwanderung und serbische Abwanderung immer mehr zugunsten der Albaner verändert.

Selbst Pläne für eine Massenvertreibung der Albaner - jenen nicht unähnlich, die heute realisiert werden - wurden in den 1930er Jahren in nationalistischen Kreisen bereits diskutiert, wenn sie auch nicht umgesetzt wurden. Den Albanern wurden zwar politische Rechte zugestanden, sie konnten wählen und Parteien bilden; schon hinsichtlich der kulturellen und bildungsmäßigen Rechte jedoch blieb Jugoslawien weiter hinter den Verpflichtungen des Völkerbundes zurück, zu denen es sich im Minderheitenschutzvertrag von 1919 verpflichtet hatte. Politisch, kulturell und sozial blieben die Albaner Bürger zweiter Klasse, auch gewaltsame Konflikte zwischen serbischer Armee und albanischen Untergrundgruppen gehörten bereits damals zum Alltag.

Es nimmt nicht wunder, daß die Albaner das Königreich Jugoslawien zwischen 1918 und 1941 nicht als ihren Staat, sondern als Kolonialherrschaft empfanden. Die italienische Herrschaft die dem Überfall auf Jugoslawien und die Zerschlagung des Staates 1941 folgte, erschien demgegenüber in den Augen vieler Kosovo-Albaner nicht als fremde Besatzung, vereinigte sie doch erstmals seit der osmanischen Herrschaft wieder das Kosovo mit Albanien, wenn auch unter der Vormundschaft eines faschistischen Staates.

Titos Partisanen waren im Kriege mit dem Anspruch angetreten, auch in der nationalen Frage, an der das alte Jugoslawien - nicht nur im Kosovo - letztendlich gescheitert war, neue Wege zu gehen. Was dabei aus dem Kosovo werden sollte, war zunächst durchaus unklar. Albanische und Kosovo-albanische Partisanen vereinbarten 1943 die Vereinigung Albaniens mit dem Kosovo für die Zeit nach dem Ende des Krieges; die jugoslawische Partisanenführung hob diesen Beschluß freilich auf.

NACHKRIEGS-JUGOSLAWIEN: MEHR RECHTE FÜR KOSOVO – UND NEUE REPRESSIONEN

Auch für Tito kam eine Abtretung des Kosovo nicht in Frage. Eine Zeitlang scheint er darauf gehofft zu haben, der strittigen Kosovo-Frage durch die Idee einer staatlichen Vereinigung Jugoslawiens mit Albanien (und evtl. Bulgarien) in einer Balkan-Föderation die Spitze zu nehmen. Der sowjetisch-jugoslawische Bruch 1948, in dem sich Albanien an die Seite Moskaus stellte, machte solche Pläne jedoch zunichte, bevor sie Gestalt annehmen konnten. Auch das sozialistische Jugoslawien mußte daher nach einer Lösung für das Kosovo suchen. Das Jugoslawien Titos brachte für die Albaner dabei zunächst zwar kulturelle Verbesserungen. Politisch jedoch änderte sich an ihrem Status der Zweitrangigkeit nichts. Anders als im Königreich Jugoslawien waren sie jetzt zwar erstmals als ethnische Minderheit anerkannt: Schulen, Zeitungen, kulturelle Einrichtungen in albanischer Sprache wurden geschaffen. Politisch jedoch dominierte in den ersten zwei Jahrzehnten nach Kriegsende die serbische Minderheit in der Provinz. Sie hielt alle Machthebel in der Hand. Die (serbisch dominierte) jugoslawische Geheimpolizei übte ein strenges Regiment über die albanische Bevölkerung aus, der man - nicht zuletzt angesichts chronisch angespannter Beziehungen zum Nachbarland Albanien – zutiefst mißtraute. Noch Jahre nach Kriegsende herrschte in der Provinz ein Zustand der Labilität und auch die fünfziger Jahre waren nicht frei von offenen Zusammenstößen. Für die Albaner des Kosovo war somit auch das sozialistische Jugoslawien zunächst nicht wesentlich attraktiver als das alte monarchistische; beide Staaten erlebten sie im wesentlichen als serbische Dominanz.

TITO ÄNDERT SEINEN KURS: AUTONOMIE FÜR KOSOVO, ABWANDERUNG VON SERBEN

Eine Änderung und damit die erstmalige Chance, den Albanern Jugoslawien als Heimatstaat näherzubringen, ergab sich erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Innerhalb der jugoslawischen Kommunistischen Partei hatte sich - gegen serbischen Widerstand – eine Koalition meist jüngerer Funktionäre (vor allem aus Slowenien, Kroatien und Mazedonien) durchgesetzt, die auf eine Kehrtwendung in der nationalen Frage drängte. Sie forderte einen Abbau des immer noch bestimmenden Zentralismus und mehr Autonomie für die Teilrepubliken. Tito schlug sich auf die Seite dieses Flügels und ebnete damit dem Kurswechsel in der Nationalitätenpolitik den Weg. Die Entmachtung des zweiten Mannes hinter Tito, Aleksandar Rankovic, der als langjähriger Verantwortlicher des Geheimdienstes auch für die Politik der Unterdrückung im Kosovo verantwortlich gewesen war, symbolisierte 1966 diesen nationalitätenpolitischen Wechsel.

Im Ergebnis wurde im folgenden Jahrzehnt das föderative Gerüst Jugoslawiens einer tiefgreifenden Reform unterzogen, die schließlich in der Verfassung von 1974 mündete. Den Republiken wurden dabei immer mehr Kompetenzen zugewiesen, die Macht der Zentralorgane deutlich geschwächt. Für manche hatte Jugoslawien mit dieser Verfassung den Weg von der Föderation zur Konföderation beschritten. Auch den beiden zu Serbien gehörenden Autonomen Provinzen - Kosovo und der Vojvodina - wurden im Zuge dieses Prozesses eine beträchtliche Autonomie zugestanden. Sie erhielten einen Status, der sie nurmehr noch wenig von dem der Teilrepubliken unterschied. Für das Kosovo hatte der 1966 eingeleitete Kurswechsel eine fundamentale Veränderung der Machtverhältnisse zur Folge. Hatte bis in die Mitte der 1960er Jahre eine serbische Minderheit über die albanische Mehrheit geherrscht, so ging jetzt die Macht in die Hände einer albanischen Führungsgarnitur über. Kosovo wurde jetzt nicht nur von den ethnischen Verhältnissen her, sondern in jeder Hinsicht zu einer albanischen Provinz. Alle politischen Ämter, Ressourcen, selbst Arbeitsplätze wurden nach ethnischem Schlüssel vergeben und begünstigten dadurch natürlich die albanische Bevölkerungsmehrheit. Albanische kulturelle und Bildungseinrichtungen wurden stark ausgebaut; die Eröffnung der Universität Pristina wurde zum Symbol einer neuen, selbstbewußter werdenden albanischen Intelligenz.

Die Verfassungsordnung von 1974, die Tito dem Staat für die Zeit nach seinem Ableben als dauerhaftes Fundament angedacht hatte, hat jedoch weder den Gesamtstaat noch den Kosovo stabilisieren können. Im Gegenteil: sie löste Unzufriedenheit auf beiden Seiten, unter Serben wie unter Albanern, aus. Der Unmut der Serben über die 1974 ins Leben gerufene Autonomie des Kosovo wuchs dabei schon zu Titos Zeiten, vor allem in Teilen der serbischen Intelligenz. Solange Tito lebte, war an diesem Zustand, dem er selbst den Segen gegeben hatte, freilich nicht zu rütteln. Nach seinem Tode jedoch begann sich schon bald diese Kritik offen zu artikulieren, in Slobodan Miloševic sollte sie ab 1987 schließlich den Mann finden, der bereit war, den Status des Kosovo um jeden Preis zu revidieren. Die Autonomie, die von den Albanern des Kosovo als erstmalige Aufwertung ihres Status und angemessene Berücksichtigung ihrer ethnischen Dominanz im Kosovo gewertet wurde, empfand die serbische Minderheit im Kosovo und mit ihr die serbische Öffentlichkeit als politische Entmachtung, in letzter Instanz als Beschneidung serbischer Souveränität über eine Region, in der man nach wie vor das Herz serbischer Staatlichkeit sah. Das Wort von der "Amputation Serbiens" machte die Runde. Es hieß, Tito habe den Serben das Kosovo genommen.

Die serbische Bevölkerung im Kosovo fühlte sich dabei zunehmend unwohl angesichts einer albanischen Bevölkerung, deren zahlenmäßige Dominanz aufgrund einer hohen Geburtenrate immer erdrückender wurde, deren Sprache man nicht verstand und auch nie hatte verstehen wollen, und deren Führung immer selbstbewußter die Provinz zu regieren begann. Tausende von Serben verließen seit den späten 1970er Jahren die Provinz. Die serbische Propaganda hat daraus einen gezielten Vertreibungsterror der Albaner gemacht, der das Ziel habe, ein ethnisch rein albanisches Kosovo zu schaffen. Die Gründe für die Abwanderung waren hingegen komplizierter: sie waren zunächst ökonomischer Natur. Serben verließen genauso wie Albaner das jugoslawische Armenhaus Kosovo, das ihnen keine Lebensperspektive bot. Während viele Albaner jedoch als Gastarbeiter ins Ausland (oder auch nach Slowenien) gingen, wanderten die Serben zumeist in ihre Mutterrepublik aus. Die Abwanderung war sicherlich auch ein Reflex auf den Umstand, daß man sich aus der Position der herrschenden Minderheit plötzlich in die Situation einer wenig geliebten Minorität versetzt sah. Zweifelsohne aber gab es auch Druck von seiten der Albaner, dem die albanische Provinzführung nicht entschieden genug entgegentrat. Schon vor dem Ausbrechen offener Feindseligkeiten verfiel das ethnische Klima daher zunehmend.

Aber auch auf Seiten der Albaner gab es viele, denen die Autonomie der Provinz nicht reichte. Trotz allen Verbesserungen fühlten sie sich nach wie vor als Benachteiligte im jugoslawischen Staat. Für sie war es schwer begreiflich, warum 600.000 Montenegriner eine eigene Republik hatten, 1.8 Mio Albaner aber nur eine (wenn auch fast gleichgestellte) Provinz. Trotz Wirtschaftshilfe der entwickelteren Republiken vergrößerte sich der ohnehin große Abstand des Kosovo zu den anderen Republiken in punkto Wirtschaftskraft und Lebensstandard sogar noch. Das das Gefühl der Unterprivilegierung verstärkte. Zugleich war jedoch in dem Jahrzehnt der Autonomie eine neue junge albanische Generation herangewachsen, welche diese Jahre als eine Zeit erfahren hatte, in der sich albanische nationale Identität erstmals hatte entfalten können. Sie, die in der Provinz selbst kaum eine soziale Perspektive fand, wurde zur Trägerschicht nationalen Unmuts auf albanischer Seite.

UNRUHEN IM KOSOVO NACH TITOS TOD UND DIE AUFHEBUNG DER AUTONOMIE 1989

1981, fast auf den Tag ein Jahr nach Titos Tod, kam es im Kosovo zu Unruhen unter Schülern und Studenten, die schnell auch auf andere Bevölkerungsteile und auch auf die Albaner in Mazedonien übergriffen. Ihre Forderung war die nach einem vollen Republikstatus für den Kosovo, einige Hitzköpfe kokettierten wohl auch mit der Parole des Anschlusses an Albanien. Es waren diese Unruhen, die den Auftakt bildeten zu einem Jahrzehnt fortlaufender Instabilität Jugoslawiens, die mit dem Zerfall des Staates endete. Die (damals noch ganz in den Fußstapfen Tito´scher Politik stehende) jugoslawische Führung machte sich freilich wenig Mühe, die komplizierten sozialen, politischen und auch emotionalen Ursachen zu ergründen, die hinter den Unruhen standen. Für sie waren es separatistische und "konterrevolutionäre" Proteste, denen man am besten mit dem probaten Mittel kommunistischer Krisenbewältigung beikam, nämlich mit Polizei und Panzern. Vor allem auf serbischer Seite sah man in den Unruhen ein Ergebnis der falschen Autonomie-Politik und zugleich eine Chance, diese zu revidieren. Vor allem die serbische Seite machte sich daher zum Anwalt einer repressiven Politik. Die schon in den frühen 1980er Jahren begonnenen Repressionen, die Verhaftungen und drakonischen Haftstrafen für Hunderte von Schülern und Studenten, die Säuberungen der Uni, der Staats- und Parteiorgane - sie lösten freilich nichts, sondern trugen lediglich zur Verschärfung des ethnischen Klimas und zur erneuten Entfremdung der albanischen Bevölkerung vom jugoslawischen Staat bei.

Die Autonomie der Provinz blieb dabei zunächst noch gewahrt. Auch die serbischen Politiker wagten nicht, diese anzutasten, wohl wissend um die Folgen, die dies für das sensible Gleichgewicht der Republiken innerhalb der ganzen jugoslawischen Föderation gehabt hätte. Erst Slobodan Milosevic tat diesen Schritt und legte damit nicht nur die Axt an die Stabilität des Kosovo, sondern des gesamten jugoslawischen Staates. Er selbst hatte sich eigentlich in seiner Karriere nie für das Kosovo stark gemacht. In dem Maße, in dem die serbische Öffentlichkeit, Intelligenz und orthodoxe Kirche um die Mitte der 1980er Jahre jedoch immer nationalistischer wurde, "entdeckte" er die Kosovo-Frage als Vehikel eigener Macht. Das Versprechen, "Kosovo für Serbien zurückzugewinnen", verhalf ihm an die Spitze der Kommunistischen Partei Serbiens und sicherte ihm in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine geradezu enthusiastische Unterstützung. Die Aufhebung der Autonomie des Kosovo (und der zweiten Provinz Vojvodina) 1989 sollte dieses Versprechen einlösen. Dieser Akt, brutal umgesetzt durch Armee und Sonderpolizei, war nicht nur die Wasserscheide für das Kosovo; er war auch ein gewichtiger Schritt auf dem Wege der Zerstörung Jugoslawiens. Für die Albaner des Kosovo bedeutete er das endgültige Ende der Möglichkeit des Verbleibs innerhalb Serbiens. Für Slowenen und Kroaten, um diese Zeit bereits tief verstrickt in politischen Auseinandersetzungen mit Belgrad um die Zukunft des Staates, war diese Maßnahme der endgültige Beleg dafür, was sie von einem Jugoslawien erwarten dürften, in dem Milosevic die Oberhand gewinnen würde. Die Aufhebung der Autonomie im Kosovo untegrub so auch die Zukunftschancen Jugoslawiens und beschleunigte seinen Zerfall.

Die Autonomie des Kosovo und die Verfassung von 1974 hatte sicherlich ihre Tücken. Sie schuf einen merkwürdigen staatsrechtlichen Status, der auf beiden Seiten Anlaß für Unzufriedenheit bot. Die Provinz hatte (fast) alle Rechte einer Republik, aber sie war keine Republik. Umgekehrt war das Kosovo zwar formal weiterhin Bestandteil Serbiens; albanische Abgeordnete saßen im serbischen Parlament und stimmten dort über die Politik in Serbien ab; umgekehrt jedoch war serbischen Instanzen praktisch jedes Eingreifen im Kosovo genommen. So unausgegoren diese Regelung auch war, immerhin war sie ein Versuch gewesen, den ethnischen Realitäten Rechnung zu tragen und einer damals bereits zu 80% albanisch besiedelten Region die notwendige Eigenständigkeit zu geben. Letztlich aber war es nicht diese Autonomie, die das Kosovo in die Krise führte, sondern der einseitige Akt Milosevics, diese Autonomie aufzuheben und durch ein Regiment der Repression und serbischen Vorherrschaft zu ersetzen.

Nach 1989 begannen sich die Fronten zunehmend zu verhärten, die Spielräume für einen Kompromiß wurden zusehends enger. Was den einen zuviel war - Autonomie im Stile von 1974 - , das war den anderen angesichts der alltäglichen Repression längst zu wenig. Ethnische Apartheid bestimmte den Alltag im Kosovo in den 1990er Jahren. Die Serben herrschten, die Albaner zogen sich auf den von ihnen geschaffenen "Parallelstaat" zurück – eine eigene politische und soziale Infrastruktur, die sie unter den Augen der serbischen Polizei in den 1990er Jahren aufbauten. Zunächst erklärte man sich zu einer eigenen jugoslawischen Republik, nach dem Zerfall des Staates dann in einem Referendum zu einem souveränen und unabhängigen Staat "Kosova" – eine staatliche Separation, die freilich von niemandem anerkannt wurde.

DER WESTEN, MILOSEVIC UND DIE ZUKUNFT DES KOSOVO

Auch im Westen fand der Gedanke eines unabhängigen Kosovo keine Unterstützung. Drei Gründe waren dafür wohl ausschlaggebend: Zum einen hatte man sich bei der Anerkennung der jugoslawischen Nachfolgestaaten auf das Prinzip der Achtung der Republiksgrenzen verständigt; von diesem Grundsatz konnte man sich jetzt, da es um Serbien ging, schlecht verabschieden. Zum zweiten hätte die Anerkennung eines unabhängigen Kosovo auch die mühsam gefundene Friedensgrundlage in Bosnien untergraben: hätte man den Kosovaren die Abspaltung von Serbien gestattet, hätte man gleiches den bosnischen Serben kaum mehr verweigern können. Schließlich fürchtete man die Sogwirkung, die ein unabhängiges Kosovo auf die Albaner Mazedoniens - auch hier mindestens 30% der Gesamtpopulation und territorial kompakt an der Grenze zum Kosovo siedelnd - hätte haben können. Mochte man in dieser Haltung der internationalen Gemeinschaft mit Blick auf die Gesamtkonstellation auf dem westlichen Balkan noch eine gewisse Logik erkennen, so wirkte es sich in mehrfacher Weise folgenschwer aus, daß die Gemeinschaft sich gleichwohl nicht um irgendeine andere Lösung für das im wahrsten Sinne des Wortes bereits brennende Problem bemühte.

In Dayton klammerte man das Kosovo-Problem aus, um Milosevic, ohne den man nicht an eine Lösung für Bosnien glaubte, bei der Stange zu halten. Auch nach Dayton behandelte man diesen Konflikt trotz aller Rhetorik um seine möglichen Folgewirkungen zögerlich. Man ignorierte damit nicht nur die um keinen Deut nachlassende Repression im Kosovo, sondern auch die Tatsache, daß damit die Strategie des rein passiven Widerstands, zu der sich die Albaner und ihr Präsident Ibrahim Rugova im Wisssen um die hoffnungslose Unterlegenheit gegenüber der serbischen Militärmaschinerie bekannt hatten, zunehmend an Einfluß verlor. Nicht nur die anhaltende serbische Repression, auch die Ignoranz der Staatengemeinschaft gab jenen Auftrieb, für die nicht nur jeder Verbleib in Serbien undenkbar war, sondern für die auch die friedliche Strategie Rugovas zu nichts geführt hatte. Die UCK war so nicht nur ein Produkt der serbischen Repressionspolitik, sondern auch des verspäteten Handelns der Staatengemeinschaft.

Der Vertragsentwurf von Rambouillet hätte, auch wenn er aus serbischer Perspektive als Diktat des Westens und Besatzung eigenen Territoriums verteufelt wurde, vielleicht einer Lösung den Weg öffnen können, die Kosovo für Serbien erhalten hätte. Auch wenn die albanische Unterschrift dabei taktischem Kalkül entsprungen sein mag, die NATO zu einer Intervention zu veranlassen; letztendlich war es die Verweigerung der Unterschrift von serbischer Seite, die den Verbleib des Kosovo bei Serbien verspielte. So wie Milosevic mit seiner Politik in Kroatien und Bosnien serbische Interessen verspielte, so läuft er jetzt Gefahr, auch den Kosovo endgültig zu verlieren. Eine Autonomielösung im Sinne der 1974er Verfassung oder des Rambouillet-Vertrages jedenfalls dürfte – zumindest kurzfristig - kaum mehr realistisch und nach den Vertreibungen der letzten Wochen für die albanische Bevölkerung auch kaum mehr zumutbar sein; eine Unabhängigkeit Kosovos wiederum wäre nur um den Preis einer totalen Niederlage Milosevics zu realisieren.

Mit Blick auf die möglichen spillover-Folgen für die albanisch besiedelten Gebiete Mazedoniens und die Folgewirkungen auf Bosnien dürfte der Westen aber selbst dann zögern, einem solchen unabhängigen Staat Kosovo zuzustimmen. Was bleibt, scheint auf nahe Zukunft allenfalls die Möglichkeit eines internationalen Protektorats zu sein, welches - ohne den Status der Region festzulegen - auf Jahre hinweg politisch wie militärisch stabilitätssichernd wirkt; in der Hoffnung, daß veränderte politische Verhältnisse in Serbien irgendwann einmal eine einvernehmliche Gestaltung des Kosovo-Problems möglich machen. Auch dafür fehlt es freilich noch an den Voraussetzungen.

Professor Wolfgang Höpken lehrt ost- und südeuropäische Geschichte an der Universität Leipzig.

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Zur Geschichte des Kosovo

6./7.JAHRHUNDERT: Slawen besiedeln nahezu den gesamten Balkan. Ob bereits Albaner zu diesem Zeitpunkt im Kosovo ansässig waren, ist unklar.

14. JAHRHUNDERT: Das Kosovo stellt das wirtschaftliche und religiöse Zentrum des feudalen Serbien dar.

1389: Die berühmte Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje). Die Türken besiegen die Serben und Bosnier.

1690: Tausende Serben fliehen vor den Türken in die Vojvodina.

1878: Der Berliner Kongreß erklärt Serbien für unabhängig. Das Kosovo gehört weiterhin zum Osmanischen Reich.

1912: Im Zuge des ersten Balkankrieges erobert Serbien das Gebiet des heutigen Albaniens und des Kosovo.

1913: Die Großmächte erkennen den albanischen Staat an. Der Kosovo hingegen wird Teil des Königreichs Serbien.

1943-45: Aufstand von etwa 10.000 Rebellen albanischer Abstammung. 40.000 Soldaten der jugoslawischen Befreiungsarmee schlagen ihn nieder.

1945: Die Kommunisten unter Marschall Tito übernehmen die Macht in Jugoslawien. Das Kosovo wird autonomes Gebiet innerhalb der Republik Serbien.
ANFANG DER 50ER JAHRE: Dutzende Tote nach hartem Durchgreifen der Serben gegen Rebellen.

1963: Das Kosovo wird autonome Provinz.

1968: Der jugoslawische Präsident Tito verleiht dem Kosovo eine größere Eigenständigkeit. Bei Massendemonstrationen fordern albanische Studenten noch mehr Selbstbestimmung.

1974: Die föderative Verfassung Jugoslawiens wird erweitert. Das Kosovo bekommt umfangreiche politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomierechte, wodurch das Kosovo weitgehend den sechs jugoslawischen Republiken gleichgestellt ist. Nach Titos Tod ist auch der jeweilige Kosovo-Staatschef Mitglied des jugoslawischen Staatspräsidiums und übernimmt so nach dem Rotationsprinzip das Amt des Staatsoberhaupts.
MÄRZ/APRIL 1981: Ethnische und soziale Spannungen zwischen Albanern und der serbischen Minderheit führen nach Titos Tod zu Studentenprotesten: neun Tote, mehrere hundert Verletzte, Verhaftungen von Studenten. Die Kosovo-Albaner fordern eine eigenständige Republik innerhalb Jugoslawiens. Die jugoslawische Regierung schickt Truppen in die Region und verhängt für kurze Zeit das Kriegsrecht.

FEBRUAR 1989: Streiks und Massendemonstrationen der Albaner. Belgrad verhängt den Ausnahmezustand über das Kosovo.

MÄRZ 1989: Präsident Slobodan Milosevic hebt den Autonomiestatus des Kosovo faktisch auf. Bei Auseinandersetzungen sterben mehr als 20 Menschen.

JUNI 1989: Bei der Feier zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld sagt Milosevic vor über einer Million Menschen: "Heute stehen wir abermals im Kampf und sehen Schlachten entgegen."

JUNI 1990: Die jugoslawische Regierung schickt Truppen, Panzer, Kampfflugzeuge und 2000 weitere Polizisten in das Kosovo. Sein Autonomiestatus wird endgültig aufgehoben. Albanische Behörden und Institutionen werden durch serbische ersetzt.

JULI 1990: Vor dem Parlamentsgebäude in der Provinzhauptstadt Pristina erklären die albanischen Abgeordneten die Unabhängigkeit der Republik Kosova. Belgrad löst das Regionalparlament daraufhin auf. Die Kosovo-Albaner bauen einen Untergrundstaat mit eigenem Bildungs- und Gesundheitswesen auf und leisten den Serben gewaltlosen Widerstand. Die stärkste politische Kraft ist die Demokratische Liga Kosovo (LDK) unter Ibrahim Rugova.

SEPTEMBER 1990: Die neue serbische Verfassung sieht keine Autonomie für das Kosovo vor.

SEPTEMBER 1991: Mehr als 90 Prozent der Kosovo-Albaner stimmen in einem Referendum für die Unabhängigkeit ihrer Region. Nur Albanien erkennt die Republik Kosova an.

MAI 1992: Gegen den Widerstand der serbischen Behörden wählen die Kosovo-Albaner den Schriftsteller Ibrahim Rugova zum Präsidenten ihrer selbsternannten Republik. Belgrad erkennt die Wahl nicht an. Dennoch kommt es erstmals seit drei Jahren zu Friedensgesprächen zwischen serbischen und albanischen Gesandten. 1993: An der albanischen Grenze zu Jugoslawien und Mazedonien kommt es zu blutigen Zwischenfällen.

1994: Albanien tritt der NATO-"Partnerschaft für den Frieden" bei.

1995: Mehrere hundert kroatische Serben werden in das Kosovo umgesiedelt. Bei den Verhandlungen in Dayton steht das Kosovo nicht auf der Tagesordnung.

APRIL 1996: Erstmals tritt die Untergrund-Befreiungsarmee UCK in Erscheinung.

MAI 1996: Die Bosnien-Kontaktgruppe fordert weitgehende Autonomie für das Kosovo.

JUNI 1996: Mehrere Dutzend Kosovo-Albaner werden wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Sympathiekundgebungen für die Verurteilten enden mit der gewaltsamen Auflösung durch die Polizei.

JANUAR 1997: Der serbische Rektor der Universität Pristina wird durch eine Autobombe schwer verletzt. Innerhalb weniger Wochen werden mindestens 26 Albaner verhaftet. Ein mutmaßlicher UCK-Anführer wird bei einer Schießerei mit der Polizei getötet. Ein serbisches Flüchtlingslager wird mit Granaten und Maschinengewehren angegriffen. Separatisten behaupten, ein jugoslawisches Flugzeug abgeschossen zu haben. Zahlreiche Überfälle auf serbische Polizeiwachen.

NOVEMBER 1997: Bewaffnete Kämpfer der UCK zeigen sich erstmals öffentlich. Februar/März 1998: Mindestens 60 Tote bei Kämpfen zwischen Albanern und der serbischen Polizei. Die Balkan-Kontaktgruppe beschließt in London Sanktionen gegen Belgrad, um die serbische Unterdrückungspolitik im Kosovo zu beenden.

APRIL 1998: 95 Prozent der Serben unterstützen in einem Referendum Milosevics Ablehnung einer internationalen Vermittlung im Kosovo-Konflikt.

MAI 1998: Serbische Großoffensive im Zentrum und im Osten der Unruheprovinz.

JUNI 1998: Erstmal treffen sich UCK-Vertreter mit dem USA-Gesandten Richard Holbrooke.

JULI 1998: Knapp 200 Tote bei Gefechten in Orahovac und Djeravica. Das von Belgrad nicht anerkannte Kosovo-Parlament erkennt die UCK als legitime Streitmacht an. Es stimmt dem Einsatz von Gewalt zur Erlangung der Unabhängigkeit zu. Hunderte von albanischen Untergrundkämpfern werden tagelang von der serbischen Polizei in der Grenzstadt Junik eingekesselt. Serbische Kräfte nehmen die UCK-Hochburg Malisevo ein.

AUGUST 1998: Während internationale Vermittlungsgversuche scheitern, gehen die Kämpfe unvermindert weiter.

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