Chronik der vergangenen 12 Monate
Der Kosovo-Konflikt - historische Wurzeln und Perspektiven.
1912 1945: SERBIEN EROBERT KOSOVO IM ZWEITEN WELTKRIEG VEREINIGUNG MIT ALBANIEN
NACHKRIEGS-JUGOSLAWIEN: MEHR RECHTE FÜR KOSOVO UND NEUE REPRESSIONEN
UNRUHEN IM KOSOVO NACH TITOS TOD UND DIE AUFHEBUNG DER AUTONOMIE 1989
DER WESTEN, MILOSEVIC UND DIE ZUKUNFT DES KOSOVO

Donnerstag, 10. Juni - 79. Tag:
Beginn des serbischen Rückzugs. Wenig später setzt die Nato
ihre Luftangriffe aus. Gegen 15.30 Uhr MESZ teilt
Nato-Generalsekretär Solana den Bombardierungsstopp mit. Am
Abend verabschiedet der Weltsicherheitsrat eine Resolution, die
den Weg für den Einsatz einer internationalen
Kosovo-Friedensstreitmacht frei machen soll. 14 Staaten stimmen
dafür, nur China enthielt sich. Die Außenminister der G8, der
EU und mehrerer Balkan-Staaten beschließen den G-Plan für einen
Stabilitätspakt zugunsten Südosteuropas. Darin sind
Wirtschaftshilfen, die Entwicklung der Demokratie und
Minderheitenschutz vorgesehen. Eine Geberkonferenz soll später
stattfinden.
Mittwoch, 9. Juni - 78. Tag: Am Abend Einigung bei den
Militärverhandlungen zwischen Nato und Jugoslawien in Kumanovo.
Die Nato dehnt die vorgesehene 24-Stunden-Frist zwischen
erwiesenem Abzugsbeginn der Serben und Einrücken der
internationalen Schutztruppe aus. Das hatte Jugoslawien
gefordert.
Dienstag, 8. Juni - 77. Tag: Die Außenminister der
G7-Staaten und Rußlands einigen sich in Köln auf den
Textentwurf für eine Kosovo-Resolution des UN-Sicherheitsrates.
Darin ist vorgesehen, daß gleichzeitig mit dem Rückzug der
jugoslawischen Sicherheitskräfte aus dem Kosovo eine
internationale Friedenstruppe in die Provinz einrückt. Die Nato
meldet schwere Angriffe ihrer Flugzeuge auf jugoslawisches
Militär an der Grenze zu Albanien. Dabei sollen möglicherweise
mehrere hundert Menschen getötet worden sein.
Montag, 7. Juni - 76. Tag: Nach den gescheiterten
Militärgesprächen in Kumarovo setzt die Nato ihre Angriffe
gegen Ziele in Serbien und Kosovo fort. Es bleibt unklar, wann
die Verhandlungen fortgesetzt werden. Kanzler Schröder (SPD)
kündigt an, daß sich die EU anstrengen werde, den
Friedensprozeß im Kosovo-Konflikt zu forcieren. Das
Bundeskabinett beschließt die Erhöhung des
Bundeswehrkontingents für die Kosovo-Friedenstruppe um 2500 auf
8500.
Sonntag, 6. Juni - 75. Tag: Die Nato und der Generalstab
Jugoslawiens können sich in Kumanovo nicht über den
jugoslawischen Truppenrückzug einigen und unterbrechen ihre
Gespräche. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn bombardiert die Nato
in der Nacht Serbien nicht. Die USA kündigen an, Serbien nur
beim Wiederaufbau finanziell zu helfen, wenn Belgrad mit dem
Internationalen Kriegsverbrechertribunal zusammenarbeitet.
Sonnabend, 5. Juni - 74. Tag: Generäle der Nato und
Jugoslawiens beginnen im mazedonischen Grenzort Blace Gespräche
über Einzelheiten des jugoslawischen Truppenrückzugs. Rußland
schließt erneut eine Beteiligung an einer Nato-geführten
Friedenstruppe für das Kosovo aus. Bundesverteidigungsminister
Scharping fordert eine Aufstockung des deutschen Kontingents für
die Friedenstruppe.
Freitag, 4. Juni - 73. Tag: Auf dem EU-Gipfel in Köln
einigen sich die sieben führenden westlichen Indusrieländer auf
den Text einer Kosovo-Resolution des UN-Sicherheitsrates. Die
Nato-Luftangriffe gehen trotz des Einlenkens Belgrads weiter. Sie
konzentrieren sich vor allem auf den Südwesten des Kosovo, wo
die Kämpfe zwischen der UCK und der jugoslawischen Armee
anhalten.
Donnerstag, 3. Juni - 72. Tag: Jugoslawiens Präsident
Milosevic und das serbische Parlament akzeptieren den
Zwölf-Punkte-Plan der G8-Staaten. Dieser sieht einen Rückzug
aller serbischen Kräfte aus dem Kosovo binnen sieben Tagen und
die Stationierung einer Friedenstruppe mit wesentlicher
Nato-Beteiligung vor. Der EU-Beauftragte, Finnlands Staatschef
Ahtisaari, unterrichtet in Köln die Staats- und Regierungschefs
der EU von den Gesprächen in Belgrad. Bundeskanzler Schröder
spricht von einem politischen Durchbruch. US-Präsident Clinton
kündigte weitere Luftangriffe bis zum nachprüfbaren Rückzug
der jugoslawischen Verbände aus dem Kosovo an.
Mittwoch, 2. Juni - 71. Tag: Die Kosovo-Beauftragten
Rußlands und der EU, Tschernomyrdin und Ahtisaari, führen in
Belgrad ein erstes Gespräch mit Milosevic. Dabei geht es um den
in Bonn mit US-Vizeaußenminister Talbott erzielten Kompromiß
für einen Friedensplan. Die Belgrader Seite will den Vorschlag
prüfen. Dieser sieht "parallel" den Rückzug
serbischer Einheiten aus dem Kosovo, die Stationierung einer
internationalen Sicherheitstruppe und den Stopp der
Nato-Luftschläge vor. Die Nato konzentriert trotz der Gespräche
ihre Angriffe auf Belgrader Vororte sowie die Städte Novi Sad,
Prizren und Obrenovac. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag
weist zehn Klagen Jugoslawiens auf ein sofortiges Verbot der
Bombenangriffe ab.
Dienstag, 1. Juni - 70. Tag: Die Vermittler Rußlands, der
USA und der EU, Tschernomyrdin, Talbott und Ahtisaari, bereiten
in Bonn die Gespräche mit der jugoslawischen Führung in Belgrad
vor. Dabei wird festgelegt, daß Ahtisaari erstmals gemeinsam mit
Tschernomyrdin mit Milosevic konferieren wird.
Bundesaußenminister Fischer bezeichnet die Bereitschaft
Belgrads, die G-8-Grundsätze anzuerkennen, als "wichtiges
Signal" im Bemühen um eine diplomatische Lösung des
Kosovo-Konflikts. Die Nato legt bei ihren Luftangriffen erneut
die Stromversorgung Belgrads lahm. Auch die Umgebung der
jugoslawischen Hauptstadt und die Kosovo-Metropole Pristina sind
erneut Ziele der Attacken.
Montag, 31. Mai - 69. Tag: Jugoslawien erklärt, die
Grundsätze der G-8 zur Lösung des Kosovo-Konflikts anzunehmen.
Die Regierung unter Präsident Milosevic ruft den
UNO-Sicherheitsrat auf, eine Resolution zu verabschieden, damit
der Kosovo-Konflikt beendet werden könne. Die Nato verteidigt
ihren Angriff auf jene Brücke in Serbien, bei der elf Zivilisten
ums Leben kamen. Die Brücke sei ein legitimes militärisches
Ziel gewesen. Die Bundestagsfraktion der Grünen spricht sich
für eine Feuerpause aus, will diese Haltung aber nicht gegen den
Willen ihres Koalitionspartners SPD durchsetzen.
Sonntag, 30. Mai - 68. Tag: Ein deutscher Transportpanzer
stürzt in Albanien von einer Brücke. Ein Sanitätssoldat der
Bundeswehr kommt ums Leben, zwei weitere werden verletzt. Die
jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug meldet elf Todesopfer
nach dem Nato-Beschuß einer Brücke in Serbien. Nach Angaben
Tanjugs traf die westliche Allianz bei ihren Angriffen im Kosovo
auch einen Konvoi ausländischer Journalisten. Ein Fahrer sei
getötet worden, ein Franzose und ein Brite hätten Verletzungen
erlitten. Die Nato fordert eine persönliche Erklärung
Milosevics über ein Einlenken Jugoslawiens. Das und ein
sichtbarer Rückzug jugoslawischen Militärs aus dem Kosovo seien
die Mindestvoraussetzungen für einen Stopp der
Nato-Luftangriffe.
Sonnabend, 29. Mai - 67. Tag: Nach den Einlenksignalen
Jugoslawiens bleibt der Westen skeptisch, kündigt aber eine
Prüfung der jugoslawischen Vorschläge an. Es wird bekannt, daß
sich Verteidigungsminister Scharping am Donnerstag mit seinen
Amtskollegen Cohen (USA) und Robertson (GB) getroffen hat.
Scharping dementiert, daß es um den Einsatz von Bodentruppen
gegangen sei. Man habe über die Zusammensetzunge einer
internationalen Schutztruppe für das Kosovo gesprochen.
Jugoslawien meldet nach Nato-Angriffen mehrerere Todesopfer unter
Zivilisten. In Belgrad werden drei Mitarbeiter der
Hilfsorganisation Care wegen Spionage zu Haftstrafen verurteilt.
Die zwei Australier und ihr jugoslawischer Kollege sollen für
die Nato gearbeitet haben.
Freitag, 28. Mai - 66. Tag: Der russische
Jugoslawien-Beauftragte Tschernomyrdin reist wieder nach Belgrad.
Nach mehrstündigen Verhandlungen teilt das Büro des
jugoslawischen Präsidenten Milosevic mit, Belgrad akzeptiere die
Prinzipen der G-8-Staaten zum Kosovo. Albanische Manöver an der
Grenze zu Kosovo lassen Befürchtungen wachsen, daß es zu einem
bewaffneten Konflikts Tiranas mit Jugoslawien kommt. Nach
Nato-Angaben drangen jugoslawische Truppen nach
Bosnien-Herzegowina ein und nahmen sechs Soldaten der
internationalen Friedenstruppe fest. Die Männer seien nach
achtstündigem Verhör freigelassen worden.
Donnerstag, 27. Mai - 65. Tag: Das
Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag
erhebt offiziell Anklage gegen Jugolawiens Präsidenten Milosevic
und weitere führende Politiker Serbiens und der jugoslawischen
Bundesrepublik. In den vorangegangenen 24 Stunden hatte die Nato
ihre bislang heftigsten Angriffe seit Beginn des Krieges
geflogen. Vertriebene aus dem Kosovo kommen nicht mehr nach
Mazedonien durch, da Serbien die Grenze zum Nachbarland schloß.
Etwa 15.000 Menschen, die im Grenzgebiet auf ihre Ausreise
warteten, seien verschwunden, sagte ein UNHCR-Sprecher. Durch
Kampfhandlungen in der Nähe von Kukes in Albanien nehmen
Befürchtungen für die Sicherheit der über 100.000 Flüchtlinge
in den dortigen Lagern zu.
Mittwoch, 26. Mai - 64. Tag: Die Nato setzt ihre Angriffe
auf Jugoslawien fort. Am Nachmittag wurden im Kosovo in der Nähe
der Grenze nach Albanien jugoslawische Truppen bombardiert. Die
Sonderbeauftragten Rußlands, Finnlands und der USA versuchten,
Streitfragen bei der Lösung des Kosovo-Konflikts beizulegen. Im
Kosovo spielte sich an der Grenze zu Mazedonien ein neues
Flüchtlingsdrama ab. Etwa 15.000 Menschen wollten sich nach
Angaben von Vertriebenen in das Nachbarland retten, werden von
den Serben aber an der Flucht gehindert.
Dienstag, 25. Mai - 63. Tag: Der Nato-Rat stimmt der
Aufstockung der geplanten Kosovo-Friedenstruppen (KFOR) von
28.000 auf 45.000 Soldaten zu. Dies sei nötig, weil sich die
Flüchtlingszahlen erhöht haben und die wichtigsten Bauten
ansonsten nicht wiederhergestellt werden könnten.
Bundesaußenminister Fischer trifft sich mit US-Amtskollegin
Albright. In Mazedonien kommen 8500 Flüchtlinge aus dem Kosovo
an.
Montag, 24. Mai - 62. Tag: Bundesverteidigungsminister
Scharping trifft in Tetovo mit dem mazedonischen Präsidenten
Gligorov und seinem Amtskollegen Kljusev zusammen. Seinen Angaben
zufolge kann Deutschland weitere 2000 Soldaten für eine
internationale Kosovo-Friedenstruppe bereitstellen.
Bundesaußenminister Fischer reist nach Washington. Dort will er
mit US-Außenministerin Albright über die Lage im Kosovo
sprechen. Die Nato fliegt erneut Angriffe auf Ziele in
Jugoslawien. Bevorzugtes Angriffsziel ist die serbische Stadt
Novi Sad. Der Angriff auf das Gefängnis von Istok am 21. Mai
soll nach serbischen Angaben mindestens 100 Tote und 200
Verletzte gefordert haben.
Sonntag, 23. Mai -
61. Tag: Nach Angaben des britischen Außenministers Cook
will die Nato die geplante Kosovo-Friedenstruppe deutlich
verstärken, damit die Flüchtlinge noch vor Anbruch des Winters
in ihre Heimat zurückkehren können. Statt bisher 28.000
Soldaten seien 40.000 bis 50.000 geplant.
Bundesverteidigungsminister Scharping besucht das Hauptquartier
der deutschen Soldaten im mazedonischen Tetovo.
Nato-Kampfflugzeuge fliegen Angriffe auf jugoslawische Stellungen
im Kosovo. US-Präsident Clinton bekräftigt den bisherigen
militärischen Kurs der Nato.
Sonnabend, 22. Mai - 60. Tag: Die Nato setzt ihre
Luftangriffe fort. Nach Angaben der Allianz werden an diesem Tag
rund 650 Einsätze geflogen - so viel wie noch nie in diesem
Krieg. Nach jugoslawischen Angaben wird die Stromversorgung in
Belgrad und weiteren neun Städten zeitweilig lahmgelegt. Die
Nato-Jets beschießen irrtümlich eine Kaserne im Kosovo, die
bereits vor einem Monat von der Untergrundarmee UCK erobert
worden war. Beschädigt wird auch die pakistanische Botschaft in
Belgrad. Aus den USA verlautet, daß 50.000 Nato-Soldaten für
den Fall einer Erfüllung der Bedingungen des Bündnisses durch
Milosevic in Mazedonien zur Friedenssicherung bereitgestellt
werden sollen.
Freitag, 21. Mai - 59. Tag: Die Vermittlungsbemühungen um
eine Beilegung des Krieges werden in Moskau fortgesetzt.
Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin, Finnlands
Staatschef Ahtisaari und US-Vizeaußenminister Talbott vertagen
ihre Gespräche auf den 26. Mai. Bundesaußenminister Fischer
fordert angesichts der ungewollten Bombardierung ziviler Ziele
durch die Nato eine Überprüfung der Zielplanung der Allianz.
Bei einem Angriff auf ein Treibstofflager in Belgrad wird auch
die Schweizer Botschaftsresidenz in Mitleidenschaft gezogen.
Getroffen wird zudem ein Gefängnis in der Kosovo-Stadt Istok.
Dabei sterben nach jugoslawischen Angaben 19 Menschen. Die
politischen Direktoren aus den Außenministerien der G-8-Staaten
beenden ihre Beratungen in Bonn. Das Bonner Auswärtige Amt
spricht von kleineren Fortschritten. Die jugoslawische
Nachrichtenagentur Beta meldet Anti-Milosevic-Demonstrationen in
der serbischen Stadt Cacak.
Donnerstag, 20. Mai - 58. Tag: Rußlands
Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin spricht in Belgrad fast
sieben Stunden lang mit Milosevic. Nach jugoslawischen Angaben
gibt es Einigkeit darüber, daß der Friedensplan der G-8-Staaten
als Grundlage für die Verhandlungen um eine Beilegung der
Kosovo-Krise dienen soll. In Moskau konferiert Tschernomyrdin mit
Finnlands Staatschef Ahtisaari und US-Vizeaußenminister Talbott.
Die Nato setzt die Bombenangriffe fort. Die Allianz gibt zu, daß
eine Bombe ihr Ziel verfehlte. Laut Belgrader Medien sollen ein
Krankenhaus sowie die Residenz des schwedischen Botschafters
getroffen worden sein.
Mittwoch, 19. Mai - 57. Tag: In mehreren europäischen
Städten werden die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung
des Kosovo-Konflikts fortgesetzt. Bundeskanzler Schröder
konferiert in Brüssel mit Nato-Generalsekretär Solana und dem
Nato-Oberkommandierenden Clark. Schröder lehnt in der
Unterredung erneut den Einsatz von Bodentruppen ab. Rußlands
Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin fliegt erneut zu
Gesprächen mit Milosevic nach Belgrad. Beim Treffen der
Politischen Direktoren der G-8-Staaten in Bonn sprechen sich
Rußland und Italien für eine Feuerpause aus. In mehreren
serbischen Städten gibt es Antikriegs-Demonstrationen.
Dienstag, 18. Mai - 56. Tag: Bundeskanzler Schröder lehnt
beim Treffen mit seinem italienischen Amtskollegen D'Alema in
Bari den Einsatz von Bodentruppen ab. Dieser Einsatz ist
Bestandteil von D'Alemas Kosovo-Plan. Führende jugoslawische
Politiker bezeichnen den italienischen Plan als annehmbar.
Serbiens Präsident Milutinovic telefoniert darüber mit Italiens
Außenminister Dini. Nato-Kampfflugzeuge fliegen erneut Angriffe
auf Ziele in Jugoslawien. Dabei wird eine Brücke der
"Autobahn der Brüderlichkeit und Einheit" zerstört.
Die US-Armee läßt zwei jugoslawische Kriegsgefangene frei.
Montag, 17. Mai - 55. Tag: Bundeskanzler Schröder
erörtert in Bari mit dem italienischen Regierungschef D'Alema
den neuesten Vorstoß Italiens zur Beilegung des Krieges. Zuvor
hat Schröder in Helsinki dem finnischen Präsidenten Ahtisaari
die volle Unterstützung der EU für seine Vermittlerrolle
zugesagt. Großbritanniens Außenminister Cook betont erneut,
daß sich die Nato die Option für den Einsatz von Bodentruppen
offenhalte. Die Nato intensiviert ihre Luftangriffe: Nach
jugoslawischen Angaben wurden Ortschaften im Kosovo und im
serbischen Kernland angegriffen. Dabei sei ein Zivilist getötet
worden. Auch Ziele in der Nähe von Belgrad gerieten unter
Beschuß der Nato-Bomber.
Sonntag, 16. Mai - 54. Tag: Der italienische
Ministerpräsident D'Alema legt einen neuen Friedensplan vor. Die
Nato solle einseitig das Feuer einstellen, wenn gleichzeitig
Rußland und China einer UNO-Resolution gegen Jugoslawiens
Präsidenten Milosevic zustimmten. Falls dann die serbischen
Truppen nicht aus dem Kosovo abgezogen würden, solle die UNO
Bodentruppen entsenden. Nato-Sprecher Shea begrüßt den
Vorschlag. Am Wochenende kommt wieder einer größere
Flüchtlingszahl nach Mazedonien. Nato-Generalsekretär Solana
rechnet mit einer Rückkehr aller Flüchtlinge ins Kosovo bis zum
Winter.
Sonnabend, 15. Mai - 53. Tag: Die Nato räumt den Angriff
auf das Kosovo-Dorf Korisa ein. Sie bestreitet jedoch, dabei
sogenannte Streubomben eingesetzt zu haben. Nato-Sprecher Shea
äußert den Verdacht, die getöteten Flüchtlinge könnten als
menschliche Schutzschilde mißbraucht worden sein. Der
UNO-Sicherheitsrat einigt sich auf eine Erklärung zum
Nato-Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad. Darin
bringt das Gremium sein tiefes Bedauern über das Bombardement
zum Ausdruck. Der Text ist zurückhaltender als die von China
eingebrachte Formulierung, enthält allerdings auch nicht den von
den USA geforderten Hinweis auf einen irrtümlichen Angriff.
Freitag, 14. Mai - 52. Tag: Bei einem Angriff auf das
Kosovo-Dorf Korisa werden nach jugoslawischen Angaben 84 Menschen
getötet und mindestens 58 weitere verletzt. Die Nato räumt
zunächst ein, "möglicherweise" für den Angriff
verantwortlich zu sein. Am Abend verdichten sich nach Angaben der
Allianz die Anzeichen dafür, daß die jugoslawische Armee schuld
an dem Tod der Zivilisten ist. Die Nato bestätigt zudem, daß
Kampfjets bereits mehrfach Bomben über der Adria abgeworfen
hätten. USA-Präsident Clinton entschuldigt sich bei seinem
chinesischen Amtskollegen Jiang für den Nato-Angriff auf die
chinesische Botschaft in Belgrad am 8. Mai. Nato-Sprecher Jertz
bestätigt, daß das Militärbündnis bei seinen Angriffen
panzerbrechende Munition mit bearbeitetem Uran eingesetzt habe.
Donnerstag, 13. Mai - 51. Tag: Die Nato erklärt, sie habe
keine Beweise dafür, daß sich serbische Truppen aus dem Kosovo
zurückzögen. Sprecher Shea erklärt, im Kosovo seien insgesamt
40.000 serbische Soldaten und Polizisten stationiert. Die Allianz
fliegt erneut Angriffe auf Ziele in Jugoslawien. Ihren Angaben
zufolge werden dabei fünf jugoslawische Kampfflugzeuge am Boden
zerstört. Die Belgrader Regierung gesteht zum ersten Mal
Verluste bei Armee und Sicherheitspolizei ein. Rußlands
Präsident Jelzin droht bei einem Treffen mit seinem
französischen Amtskollegen Chirac erneut mit dem Rückzug seines
Landes aus den Bemühungen und eine Lösung der Kosovo-Krise. Auf
einem Sonderparteitag von Bündnis 90/Die Grünen in Bielefeld
setzt sich die gemäßigte Linie mit der Forderung nach einem
befristeten Bombenstopp der Nato durch.
Mittwoch, 12. Mai - 50. Tag: Bundeskanzler Schröder
entschuldigt sich in China im Namen der Nato nochmals offiziell
für den "völkerrechtswidrigen" Angriff auf die
chinesische Botschaft in Belgrad. Dennoch gelingt es ihm nicht,
Chinas Zustimmung zum Friedensplan der G 8 zu erhalten. Rußland
droht überraschend an, sich aus den internationalen Bemühungen
um einen Frieden im Kosovo zurückzuziehen. Begründung: Die
bisherigen Vorschläge Moskaus werden vom Westen nicht
ausreichend berücksichtigt. In der Nacht hatte die Nato erneut
schwere Angriffe auf Jugoslawien geflogen. Nato-Generalsekretär
Solana fordert die Mitgliedsländer der Nato und der EU auf, noch
mehr Kosovo-Flüchtlinge aufzunehmen, um die Situation in
Albanien und Mazedonien zu entspannen.
Dienstag, 11. Mai - 49. Tag: Die Spannungen zwischen China
und dem Westen wegen des Nato-Angriffs auf die chinesische
Botschaft im Belgrad überschatten die Bemühungen um eine
politische Lösung des Kosovo-Konflikts. China fordert im
Weltsicherheitsrat vergeblich eine offizielle Verurteilung des
Angriffs. Ebenso wie Rußland wirft es der Nato zudem vor, sich
einer politischen Lösung zu verweigern, da diese auf den von
Jugoslawien angekündigten Teilrückzug aus dem Kosovo nicht
reagiere. Bundeskanzler Schröder fliegt am Nachmittag zu
Vermittlungsgesprächen nach Peking. Die Nato setzt unterdessen
ihre Angriffe auf Jugoslawien fort. Zur Begründung heißt es,
daß es keine Beweise für einen jugoslawischen Rückzug aus dem
Kosovo gebe. In der Krisen-Provinz liefern sich serbische
Sicherheitskräfte und die albanische Untergrundarmee UCK neue
Kämpfe. In Belgrad wird der seit Wochen festgehaltene deutsche
Journalist Schnitzler wieder auf freien Fuß gesetzt.
Montag, 10. Mai - 48. Tag: Die jugoslawische
Nachrichtenagentur Tanjug berichtet, die jugoslawische Armee und
die serbische Polizei hätten mit einem Teilrückzug aus dem
Kosovo begonnen. Die Nato erklärt umgehend, dies reiche nicht
für einen Waffenstopp aus. In Deutschland hat sich der
Parteivorstand der Grünen auf einen Leitantrag für den
Parteitag am 13. Mai geeinigt, in welchem eine befristete
Feuerpause gefordert wird. Der Parteirat der SPD lehnt eine
Feuerpause ab. China verlangt von der USA eine offizielle
Entschuldigung für die Bombardierung der Botschaft und eine
Bestrafung der Verantwortlichen.
Sonntag, 9. Mai - 47. Tag: Einen Tag nach dem Beschuß der
Chinesischen Botschaft in Belgrad gibt die Nato als Ursache eine
Fehlinformation des US-Geheimdienstes an. Vorschnelle personelle
Konsequenzen schließt Nato-Generalsekretär Solana jedoch aus.
In China gehen die Proteste gegen Nato-Angriffe und USA mit
ausdrücklicher Billigung der Regierung weiter. In Kanton wird
das deutsche Generalkonsulat beschädigt. In Montenegro treffen
sich der Präsident der jugoslawischen Teilrepublik, Djukanovoc,
und der serbische Oppositionspolitiker Djindjic. In einem
gemeinsamen Papier fordern sie die politische Isolierung
Milosevic'.
Sonnabend, 8. Mai - 46. Tag: Bei ihren nächtlichen
Angriffen auf Belgrad trifft die Nato mit insgesamt drei Raketen
die chinesische Botschaft. Vier Menschen sterben, mehr als
zwanzig werden verletzt. Die Nato bedauert den Irrtum, der von
China eilends einberufene UN-Sicherheitsrat zeigt sich
"schockiert". In China kommt es zu teilweise
gewalttätigen Protesten gegen die Bombardierung. Die Nato
kündigt an, ihre Luftangriffe fortzusetzen. Rußlands
Balkan-Beauftragter Tschernomyrdin ist bei Bundeskanzler
Schröder zu Gast. Im Anschluß sagt er eine geplante Reise nach
Belgrad ab. Im Kosovo wird ein enger Rugova-Vertrauter tot
aufgefunden. Serbische Polizei und UCK beschuldigen sich
gegenseitig, den Politiker, der auch bei den
Rambouillet-Verhandlungen teilnahm, getötet zu haben.
Freitag, 7. Mai - 45. Tag: Ungeachtet des erzielten
Friedensplanes setzt die Nato ihre Angriffe fort. Jugoslawischen
Angaben zufolge ist in Nis ein Krankenhaus getroffen worden. Die
Nato will die Angaben prüfen. Die Nachrichtenagentur Tanjug
bezeichnet den Friedensplan der G8 als Beginn eines komplexen
Prozesses, der erfolgreich enden wird, Belgrad stimmt außerdem
der sofortigen Entsendung einer UNO-Beobachtermission ins Kosovo
zu. Die Untergrundarmee der Kosovo-Albaner, UCK, lehnt dagegen
den G8-Plan ab. Beispielsweise sei der Verbleib des Kosovo im
jugoslawischen Staatsverband unannehmbar, sagt ein UCK-Sprecher.
Donnerstag, 6. Mai - 44. Tag: Die Außenminister der
sieben führenden Industrienationen und Rußlands einigen sich
auf ein 5-Punkte-Konzept zur Beendigung des Krieges.
US-Präsident Clinton bezeichnete die Einigung als Beginn eines
"wirklichen Friedensprozesses". Das Konzept sieht u.a.
den Rückzug serbischer Armee und Polizei, die Rückkehr der
Kosovo-Alnbaner, die Stationierung ziviler und militärischer
UN-Kontingente und die Entwaffnung der UCK vor.
Mittwoch, 5. Mai - 43. Tag: Die Nato muß die ersten
eigenen Toten im Kosovo-Krieg beklagen. Beim Absturz eines
Apache-Hubschraubers in Albanien kamen beide Insassen um.
Präsident Clinton kommt nach Deutschland und zeichnet die drei
aus jugoslawischer Gefangenschaft entlassenen US-Soldaten aus.
Dienstag, 4. Mai - 42. Tag: D ie diplomatischen
Bemühungen um eine Lösung des Konflikts laufen auf Hochtouren.
Rußlands Sonderbeauftragter Tschernomyrdin trifft US-Präsident
Clinton und UN-Generalsekretär Annan. Konkrete Ergebnisse werden
jedoch nicht erzielt. Sowohl die Nato als auch der serbische
Rundfunk vermelden den Abschuß eines feindlichen Kampfflugzeugs.
Die Nato spricht vom Abschuß einer MiG-29 und dementiert den
Verlust einer eigenen Maschine.
Montag, 3. Mai - 41. Tag:Der Nato-Angriff auf ein großes
Kraftwerk in Serbien führt in weiten Teilen des Landes zu einem
Stromausfall. Die Allianz setzte Graphit-Bomben ein, deren
Staubwolken Kurzschlüsse verursacht. Unmittelbar vor seinem
Treffen mit Rußlands Kosovo-Sonderbeauftragtem Tschernomyrdin
erklärt US-Präsident Clinton, die Nato sei zu einer Feuerpause
bereit. Bedingung sei aber der Rückzug Serbiens aus dem Kosovo
und die Beendigung der Vertreibung. Über die Teilnehmer an einer
internationalen Kosovo-Truppe lasse sich verhandeln; die Nato
müsse aber ausreichend vertreten sein.
Sonntag, 2. Mai - 40. Tag: Jugoslawien läßt auf Bitten
des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Jackson die drei
gefangenen US-Soldaten frei. Sie fliegen auf die US-Militärbase
in Ramstein (Rheinland-Pfalz), wo sie in einem Hospital
untersucht werden. Die USA begrüßt zwar die Freilassung,
kündigt aber die Fortsetzung der Angriffe gegen Jugoslawien an.
Jackson hingegen fordert USA-Präsident Clinton auf, sich mit
Präsident Milosevic zu treffen. Bomben der Nato treffen die
serbische Stromversorgung. In Belgrad und weiten Teilen Serbiens
fällt daraufhin der Strom aus. Die Nato verliert zwei Kampfjets:
Eines bei einem Übungsflug und eines in Serbien. Die Piloten
sind in Sicherheit.
Sonnabend, 1. Mai - 39. Tag: Albanien meldet stündlich
etwa 1800 Flüchtlinge aus der Kosovo-Stadt Prizren, wo das
jugoslawische Militär nach Augenzeugenberichten Vertreibungen im
großen Stil organisiert. Nach Angaben der jugoslawischen
Nachrichtenagentur Tanjug sterben bei einem Nato-Angriff auf eine
Brücke im Kosovo rund 40 Fahrgäste eines Busses. Das Pentagon
dementiert. US-Bürgerrechtler Jesse Jackson erreicht bei einem
Treffen mit Präsident Milosevic die Zusage, daß die drei
gefangenen US-Soldaten am Sonntag freikommen. Die
"Washington Times" druckt ein Gespräch mit Milosevic
ab, in dem dieser der Stationierung einer leichtbewaffneten
Friedenstruppe im Kosovo unter UNO-Führung und russischer
Beteiligung zustimmt. Auf einer Mai-Kundgebung in Saarbrücken
wirft Ex-SPD-Chef Lafontaine der Nato vor, die falsche
militärische Strategie zu verfolgen. Er fordert Verhandlungen
unter Mitwirkung der UNO und Rußlands.
Freitag, 30. April - 38. Tag: Rußlands
Jugoslawien-Beauftragter, Tschernomyrdin, hat ein mehrstündiges
Gespräch mit Präsident Milosevic. Zurück in Moskau äußert
sich Tschernomyrdin optimistisch: Eine Lösung des
Kosovo-Konflikts sei nah, obwohl noch harte Arbeit bevorstehe.
Einzelheiten nennt der Unterhändler nicht. Die Nato weist die
Signale aus Belgrad zurück. Nato-Sprecher Shea sagt, sie seien
einer ernsthaften Prüfung nicht würdig. Unterdessen bombardiert
die Allianz in Jugoslawien rund 650 Einzelziele. Nach
jugoslawischen Angaben kommen dadurch 17 Menschen ums Leben. Im
Kosovo scheinen serbische Milizen ihren Terror gegen die Albaner
zu verstärken. Das UNHCR teilt mit, Paramilitärs
"säuberten" die Stadt Prizren.
Donnerstag, 29. April - 37. Tag: Jugoslawien lehnt erneut
die wichtigste Nato-Bedingung für ein Ende der Angriffe ab.
Belgrad werde im Kosovo lediglich eine zivile von der UNO
geführte Truppe hinnehmen, sagte ein Sprecher von Präsident
Milosevic. Rußlands Jugoslawien-Beauftragter Tschernomyrdin
kündigt einen neuen Friedensplan an, der auch UNO-Truppen im
Kosovo vorsieht. Bundeskanzler Schröder spricht nach einem
Treffen mit Tschernomyrdin in Bonn von "gewissen
Annäherungen" zwischen der Nato und Rußland. Belgrad
reicht beim Internationalen Gerichshof in Den Haag eine Klage
gegen zehn Nato-Staaten, darunter auch Deutschland ein. Der
Gerichtshof setzt daraufhin für den 10. Mai eine Anhörung an.
Mittwoch, 28. April - 36. Tag: Der jugoslawische
Vize-Regierungschef Drascovic wird entlassen. Belgrad erklärt,
seine Äußerungen stünden im Widerspruch zur Haltung der
Regierung. Drascovic hatte für einen Kosovo-Kompromiß
plädiert. Auch drei Minister seiner monarchistischen Bewegung
verließen inzwischen das Kabinett. UNO-Generalsekretär Annan
und Kanzler Schröder (SPD)treffen sich in Berlin. Über 4000
ethnische Albaner sollen nach offiziell unbestätigten
Flüchtlingsberichten bisher im Kosovo von serbischen Truppen und
Paramilitär hingerichtet worden sein.
Dienstag, 27. April - 35. Tag: Den ganzen Tag über fliegt
die Nato Angriffe. Nach Luftschlägen gegen die südostserbische
Stadt Surdulica meldet Belgrad den Tod von 20 Zivilisten. In
Belgrad beschießen Flugzeuge der Allianz zum zweiten Mal die
Parteizentrale der Sozialistischen Partei Milosevics. Das
UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 3500 neuen
Flüchtlingen aus dem Kosovo innerhalb von 24 Stunden. Der
jugoslawische Vize-Regierungschef Drascovic relativiert seine
Äußerungen über einen Kosovo-Kompromiß und verschärft seine
Kritik an Milosevic. Er sagt, sein Vorschlag für einer
bewaffneten UN-Friedenstruppe im Kosovo sei nicht mit Milosevic
abgestimmt gewesen. Die Partei des Präsidenten und die
Linkspartei von dessen Frau Mira Markovic nutzten den
Kriegszustand aus, um die Menschenrechte und Freiheiten
einzuschränken. Rumänien, Mazedonien und Albanien beziffern
ihre Wirtschaftsverluste durch den Kosovo-Krieg auf rund 3,6
Milliarden Mark.
Montag, 26. April - 34.Tag: Der jugoslawische
Vize-Regierungschef Drascovic schlägt in mehreren
Rundfunk-Interviews einen Kompromiß im Kosovo-Konflikt vor. Sein
Land sei bereit, die Stationierung bewaffneter UN-Truppen im
Kosovo zu akzeptieren. Auch Nato-Soldaten könnten dabeisein.
Drasovic fordert die jugoslawische Führung auf, dem Volk die
Wahrheit zu sagen. Jugoslawien sei isoliert. Rußland werde
keinen dritten Weltkrieg riskieren. Nato-Flugzeuge zerstören die
fünfte und letzte Donau-Brücke in Novi Sad. Bei einem Besuch in
Berlin kündigt UN-Generalsekretär Annan an, zwei Vermittler
für den Kosovo-Konflikt zu benennen. Er wirft der EU vor, sich
nicht rechtzeitig um die Einbeziehung Südosteuropas gekümmert
zu haben. Kosovo-Flüchtlinge berichten, in der Stadt Prizren
würden Frauen und Kinder als "menschliche
Schutzschilde" mißbraucht. Die SPD-Politiker Vogel, Stolpe
und Thierse fordern einen kurzzeitigen Waffenstillstand, um
Verhandlungen wiederaufzunehmen.
Sonntag, 25. April - 33. Tag: In der Nacht zum Sonntag
hatten Nato-Kampfflugzeuge die Zentrale des serbischen Fernsehens
in Belgrad angegriffen. Das Staatsfernsehen wurde dabei für
Stunden ausgeschaltet. Der jugoslawischen Nachrichtenagentur
Tanjug zufolge nahmen Nato-Piloten auch zivile Ziele ins Visier.
An der Grenze zu Bosnien sei dabei eine Bergsteiger-Unterkunft
getroffen worden, meldete die Agentur. Bei dem Nato-Gipfel in
Washington verabschiedete die Allianz einen Stabilitätspakt und
einen Aktionsplan für die jugoslawischen Nachbarstaaten.
Sonnabend, 24. April - 32. Tag: Heute wurde die Hauptstadt
des Kosovo, Pristina, mit Raketen angegriffen. Bereits in der
Nacht hatten Kampfflugzeuge die südserbische Industriestadt Nis
angegriffen. Auf dem Nato-Gipfel in Washington einigte sich die
Allianz darauf, die Luftschläge weiter zu führen. Zugleich
beschloß das Bündnis ein "Strategisches Konzept",
welches der Nato ein größeres internationales Gewicht zuweist,
Einsätze in Krisengebieten aber auf den
"euro-atlantischen" Raum beschränkt.
Freitag, 23. April - 31. Tag: In der Nacht zum 23.April
wurden vor allem Sendeanstalten bombardiert. Kampfflugzeuge
griffen das Gebäude des serbischen Staatsfernsehens im Belgrader
Zentrum an. Nach Angaben des Senders sollen dabei neun
Mitarbeiter getötet worden sein. Nahe Belgrad wurde eine
Sendeanlage getroffen. In großen Teilen Serbiens konnten die
Programme des jugoslawischen Staatsfernsehens vorübergehend
nicht mehr empfangen werden. Die Nato bezeichnete Milosevics
Vorschlag, eine internationale Präsenz im Kosovo zuzulassen, als
nicht ausreichend und kündigte an, Luftangriffe und Sanktionen
zu verschärfen.
Donnerstag, 22. April - 30. Tag: Die Zerstörung einer
Residenz des jugoslawischen Präsidenten Milosevic durch
Nato-Raketen und die Friedensinitiative des russischen
Kosovo-Beauftragten Viktor Tschernomyrdin standen am Donnerstag
im Mittelpunkt des Krieges. Die Nato sagte zwar, das Gebäude sei
kein Wohnhaus, sondern die Kommandozentrale Milosevics gewesen.
Die Allianz gab aber an, auch nichtmilitärische Machtzentralen
bombardieren zu wollen. Tschernomyrdin führte ein neunstündiges
Gespräch mit Milosevic. Danach sprachen sich beide für ein
Stopp der Nato-Angriffe und eine internationale Präsenz im
Kosovo aus. Unklar ist, ob mit internaionaler Präsenz zivile
oder militärische Einheiten gemeint ist.
Mittwoch, 21. April - 29. Tag: Am Morgen hat die Nato den
Sitz der regierenden Sozialistischen Partei von Präsident
Milosevic bombardiert. In dem beschossenen 22-stöckigen
Bürogebäude hatten außerdem 20 Firmen und mehrere Radio- und
Fernsehanstalten ihren Sitz. Außerdem galten die Angriffe wieder
Brücken über Donau und Save. Dabei wurde die letzte
Donaubrücke von Novy Sad zerstört. Im Tagesverlauf sind die
ersten panzerbrechenden Apache-Hubschrauber in Albanien
eingetroffen. Die Europäische Union einigte sich nun doch auf
ein Öl-Embargo gegen Jugoslawien.
Dienstag, 20. April - 28. Tag: Zur Verstärkung der
Nato-Streitmacht im Kosovo-Konflikt haben die USA 24
Kampfhubschrauber vom Typ "Apache AH-64s" von Italien
nach Albanien verlegt. Die Bundesregierung stellt sich darauf
ein, innerhalb kürzester Frist zusätzliche Soldaten für einen
humanitären Einsatz nach Albanien zu schicken.
Bundesverteidigungsminister Scharping sprach sich dafür aus, das
Bundestagsmandat für diesen Einsatz zu erweitern. Bundeskanzler
Schröder stellte klar, die rot-grüne Koalition bleibe bestehen.
Bundesumweltminister Trittin habe Berichte, nach denen er den
NATO-Einsatz als fehler bezeichnet habe, "glasklar"
dementiert. Die Europäische Union konnte sich nicht auf ein
Öl-Embargo gegen Jugoslawien einigen, da sich Italien und
Griechenland dagegen aussprachen.
Montag, 19. April - 27. Tag: Fünf Tage nach Angriffen auf
zwei Fahrzeug-Konvois im Kosovo mit Dutzenden ziviler Opfer hat
die Nato erstmals klar eingeräumt, daß ihre Piloten dafür
verantwortlich waren. Insgesamt neun Bomben seien auf die beiden
Konvois abgeworfen worden, hieß es in einer Erklärung. In einem
Telefonat mit US-Präsident Clinton übt Rußlands Präsident
Jelzin erstmals "schwere Kritik" an Milosevic, weil
dieser bisher den Einsatz einer internationalen Friedenstruppe im
Kosovo ablehne. Bundesverteidigungsminister Scharping hat der
Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals, Arbour,
umfangreiches Beweismaterial über serbische Greueltaten an
Kosovo-Albanern übergeben. Jugoslawische Einheiten hindern
Kosovo-Albaner, die auf dem Weg in die Nachbarländer sind,
gewaltsam daran, das Land zu verlassen. Laut UNHCR kommen keine
Flüchtlinge mehr bis an die Grenzübergänge.
Sonntag, 18. April - 26. Tag: Großbritanniens
Außenminister Cook ist Berichten über angebliche Vorbereitungen
der Nato auf einen Einsatz von Bodentruppen im Kosovo
entgegengetreten. Auch Nato-Generalsekretär Solana schloß im
BBC-Fernsehen eine Invasion zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. An
der Grenze zwischen dem Kosovo und Albanien sind nach
OSZE-Angaben zwei Frauen und drei Kinder, die mit ihrem Fahrzeug
auf eine Mine gefahren waren. Nach einem neuen Flüchtlingsstrom
ist die Kapazität der Auffanglager in Mazedonien nach Angaben
des UNHCR nahezu erschöpft.
Sonnabend, 17. April - 25. Tag: Jugoslawische Einheiten
vertreiben immer mehr Kosovo-Albaner aus ihrer Heimat. Nach
UNHCR-Angaben kamen von Freitag zu Sonnabend mehr als 25.000
Menschen zu den Grenzübergängen nach Albanien, Mazedonien und
Montenegro. Die Nato hatte wegen schlechten Wetters weniger
Angriffe auf Ziele in Jugoslawien geflogen als in den Tagen
zuvor. Die Allianz kündigte eine Verstärkung der Luftangriffe
an. Ihr Sprecher Shea sagte in Brüssel, es gebe Berichte über
Massengräber und Erschießungen von Kosovo-Albanern. Die Nato
meldete einen ersten jugoslawischen Kriegsgefangenen - einen
Offizier.
Freitag, 16. April - 24. Tag: Der Angriff auf einen
Flüchtlingskonvoi im Kosovo, bei dem angeblich 70 Menschen
getötet wurden, ist noch immer ungeklärt. Die Nato wies
jegliche Schuld an dem Blutbad zurück. Nato-Sprecher Shea
räumte nur ein, daß die Allianz in einem einzigen Fall
nördlich von Djakovica irrtümlich ein ziviles Fahrzeug
bombardiert habe. Serbische Einheiten griffen an der Grenze zu
Albanien erneut Gebiete an. Laut albanischem Innenministerium
wurde das Dorf Kolsh mit Granaten beschossen. Das
US-Verteidigungsministerium plant laut "New York Times"
die Einberufung von 33.000 Reservisten. Nach Angaben des UNHCR
sind 100.000 weitere Kosovo-Flüchtlinge auf dem Weg nach
Mazedonien.
Donnerstag, 15. April - 23. Tag: Die Nato hat offiziell
einen Angriff auf den Konvoi im Kosovo bestätigt. Es wurde
eingeräumt, daß es bei dem Angriff Tote gegeben habe. Ein
Nato-Flugzeug habe irrtümlich die Bombe abgeworfen. Unterdessen
wurden die Angriffe fortgesetzt. Nach jugoslawischen Angaben
wurde der Belgrader Industrievorort Rakovica angegriffen. Zudem
hätten Nato-Flugzeuge Ziele im Süden des Landes attackiert. In
Bonn fand eine Sondersitzung des Bundestages zum Kosovo statt.
Bundeskanzler Schröder äußerte in einer Regierungserklärung
die Hoffnung, daß sich Rußland stärker in die Bemühungen um
eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts einschaltet. Die
Regierungsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen sowie
CDU/CSU und FDP bekundeten ihre Unterstützung für das Vorgehen
der Nato. Sie kritisierten den Besuch von PDS-Fraktionschef Gysi
in Belgrad. Unterdessen haben nach Angaben des
UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) weitere 10.000 Kosovo-Albaner
ihre Heimat verlassen.
Mittwoch, 14. April - 22. Tag: Die Europäische Union
unterstützt nach Angaben von Bundeskanzler Schröder die
Friedensbemühungen von UN-Generalsekretär Annan im
Kosovo-Konflikt. Der Sondergipfel der EU-Staats- und
Regierungschefs verständigte sich in Brüssel darauf, Rußland
enger in den Friedensprozeß einzubinden. Die Nato reagierte
unterdessen zurückhaltend auf den deutschen Friedensplan. Ihr
Sprecher Shea nannte ihn einen nützlichen Ansatz. Die
Militärallianz setzte ihre Angriffe auf Ziele im Kosovo fort.
Dabei sollen nach serbischen Angaben 70 Flüchtlinge getötet und
mehr als 100 verletzt worden sein. Nato-Kreise erklärten
dagegen, daß eine Militärkolonne angegriffen und getroffen
worden sei. Nach Angaben von Bundesverteidigungsminister
Scharping und US-Verteidigungsministerium haben serbische Truppen
die Flüchtlinge angegriffen. Jugoslawiens Präsident Milosevic
erklärte in getrennten Unterredungen mit PDS-Fraktionschef Gysi
und dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko, daß er nur
zivile UNO-Beobachter im Kosovo dulden würde.
Dienstag, 13. April - 21. Tag: Die Nato will ihre Angriffe
auf Jugoslawien, aber auch ihr Bemühen um eine diplomatische
Lösung der Kosovo-Krise verstärken. Bei ihren nächtlichen
Angriffen hat die Allianz nach eigenen Angaben alle
jugoslawischen Anlagen zur Treibstoff-Produktion zerstört.
Nato-Oberbefehlshaber Clark fordert 300 weitere Flugzeuge an.
Auch US-Präsident Clinton kündigt eine Ausweitung der
Bombardements an. In Oslo trifft sich US-Außenministerin
Albright mit ihrem russischen Amtskollegen Iwanow. Streitpunkt
zwischen beiden bleibt eine künftige Friedenstruppe im Kosovo:
Moskau ist weiter dagegen, daß sie von der Nato geführt wird.
Die Ukraine erklärt ihre Bereitschaft, sich an einer
internationalen Friedenstruppe zu beteiligen. Von der
serbisch-albanischen Grenze werden heftige Gefechte gemeldet.
Nach Berichten der albanischen Regierung und von OSZE-Beobachtern
überschreiten jugoslawische Soldaten die Grenze, umzingeln das
albanische Dorf Kamenica, ziehen sich aber nach einer
stundenlangen Schießerei mit Grenzschützern zurück.
Montag, 12. April - 20. Tag: Nato-Raketen treffen einen
Personenzug auf einer Eisenbahnbrücke im Südosten Serbiens.
Nach jugoslawischen Angaben kommen dabei mindestens neun
Passagiere des Zuges Thessaloniki-Belgrad ums Leben. Die
Nato-Außenminister kündigen nach einer Beratung in Brüssel
neue politische Initiativen an. Rußland soll stärker einbezogen
werden. Die Nato erneuert ihre Forderungen an Milosevic. Erstmals
ist nur noch von einer internationalen internationalen Präsenz
im Kosovo die Rede. Bisher verlangte die Allianz Belgrads
Zustimmung zu einer Nato-geführten Nato-Truppe.
UN-Generalsekretär Annan bietet seine Vermittlung an. Das
jugoslawische Parlament beschließt, den Beitritt zur
russisch-weißrussischen Allianz zu beantragen. Mit großer
Mehrheit befürwortet ein SPD-Sonderparteitag den Kosovo-Kurs der
Bundesregierung. Ein Einsatz von Bodentruppen wird abgelehnt.
Sonntag, 11. April - 19. Tag: Wegen des orthodoxen
Osterfestes hat die Nato nach eigenen Angaben ihre Luftschläge
vermindert. Die Allianz spricht von Erkenntnissen über 180 000
Flüchtlinge innerhalb des Kosovos. Frisch aufgeworfene Erdhügel
nahe Orahovac könnten nach Ansicht der Nato auf ein Massengrab
deuten. Der Nato-Rat beschließt die Entsendung von 8000 Soldaten
nach Albanien, die dort humanitäre Hilfe leisten sollen.
Deutschland beteiligt sich mit 150 Bundeswehrangehörigen.
Nato-Generalsekretär Solana sieht erste Anzeichen für ein
Einlenken der jugoslawischen Regierung. Jugoslawiens
stellvertretender Ministerpräsident Draskovic sagt, sein Land
sei bereit, ausländische Präsenz im Kosovo zur Überwachung
eines Friedensabkommens zu akzeptieren. Die Albaner könnten im
Kosovo sogar eigene Steuern erheben, die Provinz müsse aber Teil
Serbiens bleiben.
Sonnabend, 10. April - 18. Tag: Die Nato setzt ihre
Angriffe fort und zieht Zwischenbilanz. Sprecher Shea meldet die
Zerstörung der Hälfte aller jugoslawischen
Mig-29-Kampfflugzeuge; auch die Luftabwehr Belgrads sei
entscheidend geschwächt. Die USA kündigen an, weitere 82
Flugzeuge für den Einsatz gegen Jugoslawien bereitzustellen.
Großbritannien schickt den Flugzeugträger Invincible in die
Adria. Der Militärexperte von CDU/CSU, Austermann, rehnet damit,
daß der Bundeswehreinsatz im Kosovo mehr als 1,2 Milliarden Mark
kosten wird. Die Hardthöhe dementiert die Angabe. Die
jugoslawische Armee vertreibt nach Angaben der
UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR nach dreitägiger Pause wieder
Kosovo-Albaner aus ihrer Heimat. Die ersten 220 Flüchtlinge
treffen in Sachsen ein.
Freitag, 9. April - 17. Tag: Am Abend meldet die serbische
Seite Luftangriffe in Pristina, Goles (Kosovo), Belgrad und im
südserbischen Nis. US-Streitkräfte beginnen mit der Verlegung
von Apache-Kampfhubschraubern nach Albanien. Panzer und
Raketenwerfer sollen folgen. Die Bundesregierung bemüht sich
weiterhin, die Debatte um Nato-Bodentruppen zu bremsen. Rußlands
Präsident Jelzin warnt die Nato: "Treibt uns nicht zu einer
Militäraktion, sonst wird es definitiv einen europäischen,
möglicherweise sogar einen Weltkrieg geben!" Am selben Tag
dementierte Moskau eine Aussage von Duma-Chef Selesnjow. Dieser
hatte behauptet, Rußland habe seine Atomraketen wieder auf die
Nato-Länder gerichtet. In Deutschland sind bereits über 1000
Kosovo-Flüchtlinge eingetroffen.
Donnerstag, 8. April - 16. Tag: Nato-Kampfflugzeuge
beschießen zum zweiten Mal Gebäude in der Innenstadt Belgrads.
Nach Berichten des serbischen Fernsehens sterben bei Angriffen
der Allianz auf das Dorf Tornik drei Zivilisten. Weiter
ungeklärt ist das Schicksal Tausender Kosovo-Albaner, die in der
Nacht zum Mittwoch aus dem Grenzgebiet zu Mazedonien
verschwanden. Die Nato hält es für möglich, daß Milosevic
diese Menschen im Kosovo als lebende "Schutzschilde"
gegen die Nato-Angriffe einsetzt. Die EU-Außenminister
beschließen, 250 Millionen Euro für die humanitäre Hilfe
bereitzustellen. Den Kosovo-Flüchtlingen soll vor allem vor Ort
geholfen werden. Der zyprische Parlamentspräsident Kyprianou
reist nach Belgrad, um die Freilassung der drei
gefangengenommenen US-Soldaten zu erreichen.
Mittwoch, 7. April - 15. Tag: Der deutsche Außenminister
Fischer erklärt die Bedingungen, die Jugoslawien vor einem Stopp
der Nato-Luftangriffe erfüllen muß: u.a. vollständiger
Rückzug von Armee, Miliz und paramilitärischen Einheiten aus
dem Kosovo. Der Nato gelingt nach eigenen Angaben erstmals ein
direkter Angriff auf Panzer der jugoslawischen Armee. Nach einer
Pause von mehreren Tagen greift die Nato wieder Ziele in
Montenegro an. Jugoslawien schließt seine Grenzen zu Albanien
und Mazedonien und treibt die am Grenzübergang auf ihre Ausreise
wartenden Kosovaren offenbar zurück ins Landesinnere. Die ersten
Kosovo-Vertriebenen treffen in Deutschland ein.
Dienstag, 6. April - 14. Tag: Jugoslawien verkündet
überraschend einen einseitigen Waffenstillstand im Kosovo zum
orthodoxen Osterfest. Die Nato lehnt das Angebot als
"unzureichend" ab. Eine Nato-Rakete verfehlt in der
südserbischen Stadt Aleksinac ihr Ziel und tötet mehrere
Zivilisten. Die albanische Regierung stimmt der Stationierung von
"Apache"-Hubschraubern zu. Die internationale
Staatengemeinschaft stellt dem UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) 74.000
Plätze für Kosovo-Vertriebene zur Verfügung. Deutschland will
zunächst 10.000 Kosovaren aufnehmen.
Ostermontag, 5. April - 13. Tag: Zum ersten Mal starten
Nato-Flugzeuge von deutschem Boden aus. Die bisher heftigsten
Angriffe richten sich auf Ziele in ganz Serbien. Der Nato-Rat
billigt den geplanten Einsatz der
"Apache"-Hubschraubern. Der israelische Politiker
Schimon Peres bietet seine Vermittlung an. Eine Gruppe von
Freiwilligen aus Rußland trifft in Serbien ein. Der
Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Das Deutsche Rote Kreuz
richtet eine Luftbrücke nach Mazedonien ein. Die Bundesluftwaffe
verstärkt Hilfsflüge.
Ostersonntag, 4. April - Zwölfter Tag: Belgrad wird die
dritte Nacht in Folge von Marschflugkörpern getroffen. Unter den
Zielen sind das Hauptquartier der jugoslawischen Luftwaffe und
der nahegelegene Flughafen Surcin. Aus Novi Sad und Nis
südöstlich von Belgrad werden brennende Gebäude im Fernsehen
gezeigt. Das USA kündigen die Entsendung von 24
«Apache»-Hubschraubern nach Albanien an, um im Kosovo
Bodentruppen und Panzer wirksamer zu bekämpfen. Die Bundeswehr
beginnt mit Transportmaschinen eine großangelegte Hilfsaktion
für die Flüchtlinge. Jugoslawien beantragt eine Sitzung des
Weltsicherheitsrates.
Sonnabend, 3. April - Elfter Tag: Die Angriffe richten
sich hauptsächlich gegen militärische Ziele um Belgrad.
Südlich der Hauptstadt wird auch ein Heizkraftwerk getroffen.
Auch eine Ölraffinerie im zentraljugoslawischen Kraljevo und
eine Polizeiakademie werden bombardiert. Die einzige
Eisenbahnverbindung zwischen den jugoslawischen Teilrepubliken
Serbien und Montenegro wird von der SFOR-Friedenstruppe in
Bosnien gesprengt, um jugoslawische Truppenverlegungen zu
verhindern. In Novi Sad und dem westlich gelegenen Backa Palanka
werden zwei weitere Donaubrücken von Cruise Missiles zerstört.
Die Nato will damit vor allem die Nachschublinien der
jugoslawischen Truppen unterbrechen.
Karfreitag, 2. April - Zehnter Tag: In der Nacht zu
Sonnabend nimmt die Nato erstmals die Innenstadt von Belgrad ins
Visier: Von Schiffen abgefeuerte Marschflugkörper zerstören das
Gebäude des serbischen und jugoslawischen Innenministeriums -
nach Ansicht der Allianz das Organisationszentrum für die
Vertreibung der Kosovo- Albaner. Tagsüber greifen Jets
Infanterielager im Südwesten Kosovos, weitere Donaubrücken und
Radareinrichtungen an. Jugoslawien bittet Rußland und
Weißrußland um schnelle Militärhilfe gegen die
"Nato-Agression". Mittlerweile nimmt der
Flüchtlingsstrom dramatische Ausmaße an. Nach Schätzung der
Allierten sind 765 000 Kosovo-Albaner auf der Flucht.
Donnerstag, 1. April - Neunter Tag: Die Amerikaner setzen
erstmals den strategischen Fernbomber B-1 ein und kündigen die
Entsendung weiterer F-117-Maschinen an. Die Donaubrücke in Novi
Sad ist zerstört - das erste größere getroffene zivile Ziel.
Die US-Soldaten werden im serbischen Fernsehen gezeigt. Ihre
Gesichter weisen deutliche Verletzungen auf. US-Präsident Bill
Clinton macht Milosevic persönlich für das Wohlergehen der
Soldaten verantwortlich. Albaner- Führer Ibrahim Rugova tritt im
serbischen Fernsehen mit Milosevic auf und spricht sich angeblich
für ein Ende der Luftangriffe aus.
Mittwoch, 31. März - Achter Tag: Im Grenzgebiet zwischen
dem Kosovo und Mazedonien geraten drei US-Soldaten in die Gewalt
der jugoslawischen Armee. Die Nato-Angriffe gehen weiter. Aus der
Krisenprovinz werden weitere Morde der Serben an Albanern
schweres Artilleriefeuer auf Dörfer gemeldet. Die
Untergrundarmee UCK verkündet eine Generalmobilmachung. Moskau
will Kriegschiffe in das Mittelmeer schicken.
Dienstag, 30. März - Siebter Tag: Die Nato kündigt an,
Einsätze "rund um die Uhr" zu fliegen: Deutsche
Tornados starten zu ihrem ersten Einsatz bei Tageslicht. Der
russische Ministerpräsident Primakow versucht vergeblich, in
einem Gespräch mit dem jugoslawischen Präsidenten Milosevic
eine politische Lösung zu erreichen.
Montag, 29. März - Sechster Tag: Bei mehrstündigen
Einsätzen mit mindestens 40 Flugzeugen werden unter anderem
Militärkomplexe rund um Belgrad getroffen, darunter erneut eine
Flugzeugfabrik in Pancevo. Flüchtlinge, die aus dem Kosovo in
immer größerer Zahl nach Mazedonien kommen, berichten von
serbischen Greueltaten in ihrer Heimat.
Sonntag, 28. März - Fünfter Tag: Mit heftigen
Luftangriffen setzt die Nato die Phase 2 fort. Vorrangiges Ziel:
Das brutale Vorgehen der Militärs gegen die albanische
Bevölkerung im Kosovo soll gestoppt werden. Bonns
Verteidigungsminister Rudolf Scharping sagt, alle Anzeichen
sprächen dafür, daß im Kosovo ein "Völkermord"
begonnen habe. In der Nacht beschießen Kampfflugzeuge
Stützpunkte der serbischen Sonderpolizei im Kosovo. In der
Provinz werden nach "verläßlichen Informationen" der
Nato führende Albaner ermordet.
Sonnabend, 27. März - Vierter Tag: Die Nato beschließt
den Beginn einer zweiten Phase ihrer Angriffe. Sie schließt
massive Bombardements auf Bodentruppen, Panzer und Artillerie im
Kosovo ein. Erstmals geht eine Nato-Maschine verloren: Der Pilot
der westlich von Belgrad abgestürzten (nach Belgrader Angaben:
abgeschossenen) US- Maschine vom Typ F 117 "Night-Hawk"
wird von einem Spezialteam mit Hubschraubern gerettet.
Freitag, 26. März - Dritter Tag: Aus dem Süden des
Kosovo kommen verstärkt Berichte, daß die jugoslawische Armee,
ganze Dörfer vernichtet, ihre Einwohner vertreibt und Männer
erschießt. Unter dem Namen "Allied Force"
("Allierte Kraft") fliegen Nato-Kampfjets bei ihren
ersten Tageslicht-Angriffe. Insgesamt werden 249 Einsätze
registriert. Belgrad meldet Treffer in Chemiebetrieben mit
Freisetzung giftiger Gase. Am Nachmittag werden zwei in den
bosnischen Luftraum eingedrungene MIG-29-Kampfflugzeuge der
Jugoslawen abgeschossen.
Donnerstag, 25. März - Zweiter Tag: Am Abend werden etwa
20 Marschflugkörper zum Beginn neuer Angriffe von Schiffen in
der Adria abgefeuert. Ihnen folgen Nato-Jets sowie erneut zwei
B2- Tarnkappenbomber. Erste Nato-Bilanz nach zwei Nächten und
Tagen: Bei 400 Einsätzen wurden 50 Militärziele getroffen.
Mittwoch, 24. März - Erster Tag: Knapp 24 Stunden nach
dem Einsatzbefehl starten von Norditalien aus die ersten
Kampfbomber. Dazu gehören vier Tornados der Bundeswehr. Gegen
20.00 Uhr bestätigt die Nato den Beginn von Luftangriffen auf
Jugoslawien. Ziel der von etwa 100 Marschflugkörpern
unterstützten Angriffe sind militärische Ziele. Nach knapp drei
Stunden kehren die ersten Maschinen zu ihrer Ausgangsbasis
zurück.
Chronik der vergangenen 12 Monate
Länger als ein Jahr dauert der
bewaffnete Konflikt in der südserbischen Provinz Kosovo bislang.
Die Chronik der Ereignisse seit Beginn der Kämpfe bis zu den
Folgen der letztlich gescheiterten Vermittlungsversuche von
Rambouillet:
1998
28.02.98: Serbische Einheiten beginnen eine Offensive gegen die
Kosovo-Befreiungsarmee UCK. Die UCK kämpft für eine Autonomie
der Provinz in Südserbien. Sowohl Belgrad als auch der Westen
lehnen die Forderung ab. Der Kosovo ist zu 90 Prozent von
Albanern bewohnt.
10.03.98: Die USA und die
Europäische Union fordern den jugoslawischen Staatspräsidenten
Slobodan Milosevic zum Rückzug seiner Truppen auf. Andernfalls
werden Sanktionen angedroht.
25.03.98: Die
Balkan-Kontaktgruppe beschließt auf ihrem Treffen in Bonn ein
Waffenembargo gegen Jugoslawien. Rußland lehnt im
Weltsicherheitsrat Sanktionen ab.
31.03.98: Der Sicherheitsrat
verabschiedet das Waffenembargo und fordert die Aufnahme von
Autonomieverhandlungen.
08.06.98: Die Europäische Union
beschließt ein Investitionsembargo gegen Serbien. Rußland und
China verhindern im Weltsicherheitsrat eine Resolution gegen
Jugoslawien.
17.06.98: Der jugoslawische
Staatspräsident Slobodan Milosevic erklärt sich nach einem
Treffen mit Boris Jelzin zu Verhandlungen bereit.
18.07.98: Serbische Einheiten
starten im Kosovo eine Großoffensive gegen Hochburgen der UCK.
23.07.98: Die USA erklären, sie
würden notfalls eigenmächtig militärisch im Kosovo eingreifen.
30.07.98: Milosevic erklärt die
Großoffensive für beendet. Dennoch gehen die Kämpfe weiter.
24.08.98: Der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen ruft angesichts einer drohenden
Flüchtlingskatastrophe im Kosovo zum Waffenstillstand auf.
23.09.98: Der Weltsicherheitsrat
droht bei einer Fortsetzung der Kämpfe mit
"Maßnahmen". Dies gilt als erste Vorstufe zu einem
möglichen Militäreinsatz.
24.09.98: Die NATO
unterstreicht, daß sie es mit einem militärischen Eingreifen
ernst meint: Der NATO-Rat ruft die Mitgliedstaaten auf, ihre
Beteiligung an möglichen Luftangriffen bekanntzugeben.
28.09.98: Die jugoslawische
Staatsführung verkündet ein Ende der Offensive gegen die UCK
und zieht einige Einheiten ab. Dennoch gehen die Kämpfe weiter.
01.10.98: Kurz vor Beginn einer
Dringlichkeitssitzung des Weltsicherheitsrates melden die Serben
den Rückzug ihrer Einheiten. Kosovo-Albaner berichten über ein
Massaker an zwölf Menschen in der Region Suva Reka.
08.10.98: Die UCK erklärt den
einseitigen Gewaltverzicht. Angesichts unmittelbar bevorstehender
NATO-Luftangriffe auf militärische Stellungen in Jugoslawien
beginnen die USA, Großbritannien und Australien ihre Botschaften
in Belgrad zu evakuieren.
12.10.98: Nach tagelanger
Pendeldiplomatie erreicht USA-Vermittler Richard Holbrooke
umfassende Zugeständnisse von Milosevic: Jugoslawien will einen
Waffenstillstand anerkennen, alle Einheiten abziehen, die
Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen und OSZE-Beobachter
zulassen. Dennoch beschließt der NATO-Rat den militärischen
Einsatz.
16.10.98: Der Bundestag stimmt
für eine Beteiligung deutscher Soldaten bei militärischen
Aktionen im Kosovo. 27.10.98: Bei Ablauf des NATO-Ultimatums für
die Umsetzung des Abkommens vom 12.10. hat Milosevic seine
Zusagen weitgehend eingehalten.
1999
08.01.99: Die Entführung von acht serbischen Soldaten löst in
den folgenden Tagen neue Kämpfe aus.
11.01.99: Milosevic stellt der
UCK ein Ultimatum zur Freilassung der Soldaten. Zwei Tage später
kommen sie frei.
15.01.99: Erstmals werden zwei
OSZE-Beobachter angeschossen. Serbische Sicherheitskräfte töten
bei einer neuen Offensive mindestens 15 UCK-Kämpfer. 16.01.99:
In dem Dorf Racak werden nach einem Massaker an der
Zivilbevölkerung 45 Leichen entdeckt.
18.01.99: Die jugoslawische
Regierung beschließt die Ausweisung des OSZE-Missionsleiters
William Walker, setzt den Beschluß aber später aus. Der
Anklägerin des Internationalen Kriegsverbrechertribunals, Louise
Arbour, wird die Einreise verweigert.
19.01.99: Nach erfolglosen
Gesprächen zweier NATO-Generäle mit Milosevic droht die Allianz
mit Luftangriffen. 23.01.99: Bundeskanzler Schröder erklärt,
daß er notfalls zur Entsendung deutscher Bodentruppen bereit
ist.
26.01.99: Die UCK kündigt die
Bildung einer eigenen Regierung an.
29.01.99: Die
Balkan-Kontaktgruppe stellt den Konfliktparteien ein Ultimatum
bis zum 06.02. für einen Verhandlungsbeginn. Als Ort für die
Gespräche wird Rambouillet gewählt.
30.01.99: Der NATO-Rat
ermächtigt Generalsekretär Javier Solana zu Militäraktionen
gegen Jugoslawien.
02.02.99: Die UCK erklärt sich
zur Teilnahme an den Verhandlungen von Rambouillet bereit.
04.02.99: Auch das serbische
Parlament stimmt den Friedensgesprächen zu.
06.02.99: Die
Kosovo-Friedenskonferenz von Rambouillet beginnt.
23.02.99: Nach zweieinhalb
Wochen zäher Verhandlungen wird die Friedenskonferenz vertagt:
Kosovo-Albaner und Serben haben sich nach Angaben der
Balkan-Kontaktgruppe auf eine weitgehende Autonomie für die
serbische Provinz geeinigt, den Friedensplan aber noch nicht
unterzeichnet. Am 15. März soll in Frankreich eine
Friedenskonferenz zur Umsetzung der Vereinbarung beginnen.
15.03.99: Wiederaufnahme der
Friedensverhandlungen: Die Zustimmung der Kosovo-Albaner zum
Abkommen könnte den westlichen Staaten ermöglichen, ihren Druck
auf die Serben zu konzentrieren. Der jugoslawische Präsident
Milosevic läßt bekräftigen, daß seine Regierung der
Stationierung einer NATO-Friedenstruppe ablehnend
gegenübersteht.
19.03.99: Die albanischen
Verhandlungsführer unterschreiben in Rambouillet den
Kosovo-Friedensplan. Die Vertreter Serbiens lehnen das
"Interimsabkommen für Frieden und Selbstverwaltung im
Kosovo" weiterhin ab. Daraufhin geben die Vorsitzenden der
Kosovo-Friedenskonferenz die Vertagung der Diskussion bekannt. Es
werde keine Wiederaufnahme geben, solange die Serben nicht ihre
Zustimmung zu dem Abkommen erklären. Die Vorbereitungen für
einen NATO-Luftschlag laufen auf Hochtouren: Die OSZE zieht ihre
Beobachter ab, westliche Länder fordern ihre Landsleute auf, die
Krisenregion zu verlassen.
20.03.99 USA-Präsident Clinton
bekräftigt die Bereitschaft der USA für ein entschlossenes
Handeln im Kosovo.
21.03.99: Nach den Verhandlungen
von Paris neue Kämpfe und Vertreibungen im Kosovo. Belgrad
erklärt die Visa der OSZE-Beobachter für ungültig.
23.03.99: Der USA-Sondergesandte
Richard Holbrooke erzielt in mehrstündigen Verhandlungen mit
Belgrad keine wesentlichen Fortschritte. Nach dessen Bericht
über das Scheitern seiner Bemühungen erteilt
NATO-Generalsekretär Javier Solana dem NATO-Oberkommandierenden
in Europa, Wesley Clark, den Befehl für Luftoperationen. Belgrad
soll noch eine letzte Frist zum Einlenken gewährt werden.
Rußland bezieht eindeutig Stellung gegen die Pläne der NATO:
Angesichts der Entwicklungen bricht Rußlands Regierungschef
Jewgeni Primakow seine Reise in die USA beim Flug über den
Atlantik ab und kehrt nach Hause zurück.
24.03.99: Die NATO beginnt mit Luftangriffen auf militärische Ziele in Jugoslawien.
Der Kosovo-Konflikt - historische Wurzeln und Perspektiven. Essay von Prof. Wolfgang Höpken
1912 1945: SERBIEN EROBERT
KOSOVO IM ZWEITEN WELTKRIEG VEREINIGUNG MIT ALBANIEN
Der Konflikt um das Kosovo ist älter als die Politik eines
Slobodan Miloevic. Im Grunde genommen gelang es zu keiner
Zeit, die Region und seine albanische Bevölkerung in einen
serbischen bzw. jugoslawischen Staat zu integrieren und die
Beziehungen zwischen Serben und Albanern dauerhaft zu
stabilisieren. Welche Strategie man auch wählte, sie weckte
entweder den Widerstand der albanischen Bevölkerung oder aber
den Unmut der dortigen serbischen Minderheit und der serbischen
Öffentlichkeit.
1912 hatte Serbien das Gebiet im Balkan-Krieg vom zerfallenen
Osmanischen Reich erobert. Die Großmächte nahmen dies hin und
verzichteten darauf, das bereits damals überwiegend albanisch
besiedelte Kosovo dem 1913 auf der Londoner Konferenz ins Leben
gerufenen albanischen Staat zuzugestehen. Die Frage des Kosovo
wurde damit zu einer Frage der albanischen Minderheit in einem
serbischen bzw. ab 1918 jugoslawischen Staat. Für Serbien
bedeutete die Eroberung des Kosovo 1912 die Rückgewinnnung eines
Gebietes, das im Mittelalter den Kern des serbischen Staates und
der serbischen Kirche gebildet hatte.
Gegen die ethnischen Realitäten wurde das Kosovo daher als
serbisches Territorium angesehen, in dem es serbische
Vorherrschaft zu sichern bzw. durchzusetzen galt. Mit einer
massiven Kolonialisierung, durch eine oftmals mittels staatlichen
Drucks begünstigte Auswanderung von Albanern in die Türkei,
aber auch durch Versuche der Assimilierung suchte man daher in
der Zwischenkriegszeit, die ethnischen Realitäten zugunsten der
serbischen Bevölkerung zu verschieben. Diese hatten sich in den
Jahrhunderten der osmanischen Herrschaft durch albanische
Zuwanderung und serbische Abwanderung immer mehr zugunsten der
Albaner verändert.
Selbst Pläne für eine Massenvertreibung der Albaner - jenen
nicht unähnlich, die heute realisiert werden - wurden in den
1930er Jahren in nationalistischen Kreisen bereits diskutiert,
wenn sie auch nicht umgesetzt wurden. Den Albanern wurden zwar
politische Rechte zugestanden, sie konnten wählen und Parteien
bilden; schon hinsichtlich der kulturellen und bildungsmäßigen
Rechte jedoch blieb Jugoslawien weiter hinter den Verpflichtungen
des Völkerbundes zurück, zu denen es sich im
Minderheitenschutzvertrag von 1919 verpflichtet hatte. Politisch,
kulturell und sozial blieben die Albaner Bürger zweiter Klasse,
auch gewaltsame Konflikte zwischen serbischer Armee und
albanischen Untergrundgruppen gehörten bereits damals zum
Alltag.
Es nimmt nicht wunder, daß die Albaner das Königreich
Jugoslawien zwischen 1918 und 1941 nicht als ihren Staat, sondern
als Kolonialherrschaft empfanden. Die italienische Herrschaft die
dem Überfall auf Jugoslawien und die Zerschlagung des Staates
1941 folgte, erschien demgegenüber in den Augen vieler
Kosovo-Albaner nicht als fremde Besatzung, vereinigte sie doch
erstmals seit der osmanischen Herrschaft wieder das Kosovo mit
Albanien, wenn auch unter der Vormundschaft eines faschistischen
Staates.
Titos Partisanen waren im Kriege mit dem Anspruch angetreten,
auch in der nationalen Frage, an der das alte Jugoslawien - nicht
nur im Kosovo - letztendlich gescheitert war, neue Wege zu gehen.
Was dabei aus dem Kosovo werden sollte, war zunächst durchaus
unklar. Albanische und Kosovo-albanische Partisanen vereinbarten
1943 die Vereinigung Albaniens mit dem Kosovo für die Zeit nach
dem Ende des Krieges; die jugoslawische Partisanenführung hob
diesen Beschluß freilich auf.
NACHKRIEGS-JUGOSLAWIEN: MEHR RECHTE
FÜR KOSOVO UND NEUE REPRESSIONEN
Auch für Tito kam eine Abtretung des Kosovo nicht in Frage. Eine
Zeitlang scheint er darauf gehofft zu haben, der strittigen
Kosovo-Frage durch die Idee einer staatlichen Vereinigung
Jugoslawiens mit Albanien (und evtl. Bulgarien) in einer
Balkan-Föderation die Spitze zu nehmen. Der
sowjetisch-jugoslawische Bruch 1948, in dem sich Albanien an die
Seite Moskaus stellte, machte solche Pläne jedoch zunichte,
bevor sie Gestalt annehmen konnten. Auch das sozialistische
Jugoslawien mußte daher nach einer Lösung für das Kosovo
suchen. Das Jugoslawien Titos brachte für die Albaner dabei
zunächst zwar kulturelle Verbesserungen. Politisch jedoch
änderte sich an ihrem Status der Zweitrangigkeit nichts. Anders
als im Königreich Jugoslawien waren sie jetzt zwar erstmals als
ethnische Minderheit anerkannt: Schulen, Zeitungen, kulturelle
Einrichtungen in albanischer Sprache wurden geschaffen. Politisch
jedoch dominierte in den ersten zwei Jahrzehnten nach Kriegsende
die serbische Minderheit in der Provinz. Sie hielt alle
Machthebel in der Hand. Die (serbisch dominierte) jugoslawische
Geheimpolizei übte ein strenges Regiment über die albanische
Bevölkerung aus, der man - nicht zuletzt angesichts chronisch
angespannter Beziehungen zum Nachbarland Albanien zutiefst
mißtraute. Noch Jahre nach Kriegsende herrschte in der Provinz
ein Zustand der Labilität und auch die fünfziger Jahre waren
nicht frei von offenen Zusammenstößen. Für die Albaner des
Kosovo war somit auch das sozialistische Jugoslawien zunächst
nicht wesentlich attraktiver als das alte monarchistische; beide
Staaten erlebten sie im wesentlichen als serbische Dominanz.
TITO ÄNDERT SEINEN KURS: AUTONOMIE
FÜR KOSOVO, ABWANDERUNG VON SERBEN
Eine Änderung und damit die erstmalige Chance, den Albanern
Jugoslawien als Heimatstaat näherzubringen, ergab sich erst in
der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Innerhalb der
jugoslawischen Kommunistischen Partei hatte sich - gegen
serbischen Widerstand eine Koalition meist jüngerer
Funktionäre (vor allem aus Slowenien, Kroatien und Mazedonien)
durchgesetzt, die auf eine Kehrtwendung in der nationalen Frage
drängte. Sie forderte einen Abbau des immer noch bestimmenden
Zentralismus und mehr Autonomie für die Teilrepubliken. Tito
schlug sich auf die Seite dieses Flügels und ebnete damit dem
Kurswechsel in der Nationalitätenpolitik den Weg. Die
Entmachtung des zweiten Mannes hinter Tito, Aleksandar Rankovic,
der als langjähriger Verantwortlicher des Geheimdienstes auch
für die Politik der Unterdrückung im Kosovo verantwortlich
gewesen war, symbolisierte 1966 diesen nationalitätenpolitischen
Wechsel.
Im Ergebnis wurde im folgenden Jahrzehnt das föderative Gerüst
Jugoslawiens einer tiefgreifenden Reform unterzogen, die
schließlich in der Verfassung von 1974 mündete. Den Republiken
wurden dabei immer mehr Kompetenzen zugewiesen, die Macht der
Zentralorgane deutlich geschwächt. Für manche hatte Jugoslawien
mit dieser Verfassung den Weg von der Föderation zur
Konföderation beschritten. Auch den beiden zu Serbien
gehörenden Autonomen Provinzen - Kosovo und der Vojvodina -
wurden im Zuge dieses Prozesses eine beträchtliche Autonomie
zugestanden. Sie erhielten einen Status, der sie nurmehr noch
wenig von dem der Teilrepubliken unterschied. Für das Kosovo
hatte der 1966 eingeleitete Kurswechsel eine fundamentale
Veränderung der Machtverhältnisse zur Folge. Hatte bis in die
Mitte der 1960er Jahre eine serbische Minderheit über die
albanische Mehrheit geherrscht, so ging jetzt die Macht in die
Hände einer albanischen Führungsgarnitur über. Kosovo wurde
jetzt nicht nur von den ethnischen Verhältnissen her, sondern in
jeder Hinsicht zu einer albanischen Provinz. Alle politischen
Ämter, Ressourcen, selbst Arbeitsplätze wurden nach ethnischem
Schlüssel vergeben und begünstigten dadurch natürlich die
albanische Bevölkerungsmehrheit. Albanische kulturelle und
Bildungseinrichtungen wurden stark ausgebaut; die Eröffnung der
Universität Pristina wurde zum Symbol einer neuen,
selbstbewußter werdenden albanischen Intelligenz.
Die Verfassungsordnung von 1974, die Tito dem Staat für die Zeit
nach seinem Ableben als dauerhaftes Fundament angedacht hatte,
hat jedoch weder den Gesamtstaat noch den Kosovo stabilisieren
können. Im Gegenteil: sie löste Unzufriedenheit auf beiden
Seiten, unter Serben wie unter Albanern, aus. Der Unmut der
Serben über die 1974 ins Leben gerufene Autonomie des Kosovo
wuchs dabei schon zu Titos Zeiten, vor allem in Teilen der
serbischen Intelligenz. Solange Tito lebte, war an diesem
Zustand, dem er selbst den Segen gegeben hatte, freilich nicht zu
rütteln. Nach seinem Tode jedoch begann sich schon bald diese
Kritik offen zu artikulieren, in Slobodan Miloevic sollte
sie ab 1987 schließlich den Mann finden, der bereit war, den
Status des Kosovo um jeden Preis zu revidieren. Die Autonomie,
die von den Albanern des Kosovo als erstmalige Aufwertung ihres
Status und angemessene Berücksichtigung ihrer ethnischen
Dominanz im Kosovo gewertet wurde, empfand die serbische
Minderheit im Kosovo und mit ihr die serbische Öffentlichkeit
als politische Entmachtung, in letzter Instanz als Beschneidung
serbischer Souveränität über eine Region, in der man nach wie
vor das Herz serbischer Staatlichkeit sah. Das Wort von der
"Amputation Serbiens" machte die Runde. Es hieß, Tito
habe den Serben das Kosovo genommen.
Die serbische Bevölkerung im Kosovo fühlte sich dabei zunehmend
unwohl angesichts einer albanischen Bevölkerung, deren
zahlenmäßige Dominanz aufgrund einer hohen Geburtenrate immer
erdrückender wurde, deren Sprache man nicht verstand und auch
nie hatte verstehen wollen, und deren Führung immer
selbstbewußter die Provinz zu regieren begann. Tausende von
Serben verließen seit den späten 1970er Jahren die Provinz. Die
serbische Propaganda hat daraus einen gezielten
Vertreibungsterror der Albaner gemacht, der das Ziel habe, ein
ethnisch rein albanisches Kosovo zu schaffen. Die Gründe für
die Abwanderung waren hingegen komplizierter: sie waren zunächst
ökonomischer Natur. Serben verließen genauso wie Albaner das
jugoslawische Armenhaus Kosovo, das ihnen keine Lebensperspektive
bot. Während viele Albaner jedoch als Gastarbeiter ins Ausland
(oder auch nach Slowenien) gingen, wanderten die Serben zumeist
in ihre Mutterrepublik aus. Die Abwanderung war sicherlich auch
ein Reflex auf den Umstand, daß man sich aus der Position der
herrschenden Minderheit plötzlich in die Situation einer wenig
geliebten Minorität versetzt sah. Zweifelsohne aber gab es auch
Druck von seiten der Albaner, dem die albanische Provinzführung
nicht entschieden genug entgegentrat. Schon vor dem Ausbrechen
offener Feindseligkeiten verfiel das ethnische Klima daher
zunehmend.
Aber auch auf Seiten der Albaner gab es viele, denen die
Autonomie der Provinz nicht reichte. Trotz allen Verbesserungen
fühlten sie sich nach wie vor als Benachteiligte im
jugoslawischen Staat. Für sie war es schwer begreiflich, warum
600.000 Montenegriner eine eigene Republik hatten, 1.8 Mio
Albaner aber nur eine (wenn auch fast gleichgestellte) Provinz.
Trotz Wirtschaftshilfe der entwickelteren Republiken
vergrößerte sich der ohnehin große Abstand des Kosovo zu den
anderen Republiken in punkto Wirtschaftskraft und Lebensstandard
sogar noch. Das das Gefühl der Unterprivilegierung verstärkte.
Zugleich war jedoch in dem Jahrzehnt der Autonomie eine neue
junge albanische Generation herangewachsen, welche diese Jahre
als eine Zeit erfahren hatte, in der sich albanische nationale
Identität erstmals hatte entfalten können. Sie, die in der
Provinz selbst kaum eine soziale Perspektive fand, wurde zur
Trägerschicht nationalen Unmuts auf albanischer Seite.
UNRUHEN IM KOSOVO NACH TITOS TOD UND
DIE AUFHEBUNG DER AUTONOMIE 1989
1981, fast auf den Tag ein Jahr nach Titos Tod, kam es im Kosovo
zu Unruhen unter Schülern und Studenten, die schnell auch auf
andere Bevölkerungsteile und auch auf die Albaner in Mazedonien
übergriffen. Ihre Forderung war die nach einem vollen
Republikstatus für den Kosovo, einige Hitzköpfe kokettierten
wohl auch mit der Parole des Anschlusses an Albanien. Es waren
diese Unruhen, die den Auftakt bildeten zu einem Jahrzehnt
fortlaufender Instabilität Jugoslawiens, die mit dem Zerfall des
Staates endete. Die (damals noch ganz in den Fußstapfen
Tito´scher Politik stehende) jugoslawische Führung machte sich
freilich wenig Mühe, die komplizierten sozialen, politischen und
auch emotionalen Ursachen zu ergründen, die hinter den Unruhen
standen. Für sie waren es separatistische und
"konterrevolutionäre" Proteste, denen man am besten
mit dem probaten Mittel kommunistischer Krisenbewältigung
beikam, nämlich mit Polizei und Panzern. Vor allem auf
serbischer Seite sah man in den Unruhen ein Ergebnis der falschen
Autonomie-Politik und zugleich eine Chance, diese zu revidieren.
Vor allem die serbische Seite machte sich daher zum Anwalt einer
repressiven Politik. Die schon in den frühen 1980er Jahren
begonnenen Repressionen, die Verhaftungen und drakonischen
Haftstrafen für Hunderte von Schülern und Studenten, die
Säuberungen der Uni, der Staats- und Parteiorgane - sie lösten
freilich nichts, sondern trugen lediglich zur Verschärfung des
ethnischen Klimas und zur erneuten Entfremdung der albanischen
Bevölkerung vom jugoslawischen Staat bei.
Die Autonomie der Provinz blieb dabei zunächst noch gewahrt.
Auch die serbischen Politiker wagten nicht, diese anzutasten,
wohl wissend um die Folgen, die dies für das sensible
Gleichgewicht der Republiken innerhalb der ganzen jugoslawischen
Föderation gehabt hätte. Erst Slobodan Milosevic tat diesen
Schritt und legte damit nicht nur die Axt an die Stabilität des
Kosovo, sondern des gesamten jugoslawischen Staates. Er selbst
hatte sich eigentlich in seiner Karriere nie für das Kosovo
stark gemacht. In dem Maße, in dem die serbische
Öffentlichkeit, Intelligenz und orthodoxe Kirche um die Mitte
der 1980er Jahre jedoch immer nationalistischer wurde,
"entdeckte" er die Kosovo-Frage als Vehikel eigener
Macht. Das Versprechen, "Kosovo für Serbien
zurückzugewinnen", verhalf ihm an die Spitze der
Kommunistischen Partei Serbiens und sicherte ihm in der zweiten
Hälfte der 1980er Jahre eine geradezu enthusiastische
Unterstützung. Die Aufhebung der Autonomie des Kosovo (und der
zweiten Provinz Vojvodina) 1989 sollte dieses Versprechen
einlösen. Dieser Akt, brutal umgesetzt durch Armee und
Sonderpolizei, war nicht nur die Wasserscheide für das Kosovo;
er war auch ein gewichtiger Schritt auf dem Wege der Zerstörung
Jugoslawiens. Für die Albaner des Kosovo bedeutete er das
endgültige Ende der Möglichkeit des Verbleibs innerhalb
Serbiens. Für Slowenen und Kroaten, um diese Zeit bereits tief
verstrickt in politischen Auseinandersetzungen mit Belgrad um die
Zukunft des Staates, war diese Maßnahme der endgültige Beleg
dafür, was sie von einem Jugoslawien erwarten dürften, in dem
Milosevic die Oberhand gewinnen würde. Die Aufhebung der
Autonomie im Kosovo untegrub so auch die Zukunftschancen
Jugoslawiens und beschleunigte seinen Zerfall.
Die Autonomie des Kosovo und die Verfassung von 1974 hatte
sicherlich ihre Tücken. Sie schuf einen merkwürdigen
staatsrechtlichen Status, der auf beiden Seiten Anlaß für
Unzufriedenheit bot. Die Provinz hatte (fast) alle Rechte einer
Republik, aber sie war keine Republik. Umgekehrt war das Kosovo
zwar formal weiterhin Bestandteil Serbiens; albanische
Abgeordnete saßen im serbischen Parlament und stimmten dort
über die Politik in Serbien ab; umgekehrt jedoch war serbischen
Instanzen praktisch jedes Eingreifen im Kosovo genommen. So
unausgegoren diese Regelung auch war, immerhin war sie ein
Versuch gewesen, den ethnischen Realitäten Rechnung zu tragen
und einer damals bereits zu 80% albanisch besiedelten Region die
notwendige Eigenständigkeit zu geben. Letztlich aber war es
nicht diese Autonomie, die das Kosovo in die Krise führte,
sondern der einseitige Akt Milosevics, diese Autonomie aufzuheben
und durch ein Regiment der Repression und serbischen
Vorherrschaft zu ersetzen.
Nach 1989 begannen sich die Fronten zunehmend zu verhärten, die
Spielräume für einen Kompromiß wurden zusehends enger. Was den
einen zuviel war - Autonomie im Stile von 1974 - , das war den
anderen angesichts der alltäglichen Repression längst zu wenig.
Ethnische Apartheid bestimmte den Alltag im Kosovo in den 1990er
Jahren. Die Serben herrschten, die Albaner zogen sich auf den von
ihnen geschaffenen "Parallelstaat" zurück eine
eigene politische und soziale Infrastruktur, die sie unter den
Augen der serbischen Polizei in den 1990er Jahren aufbauten.
Zunächst erklärte man sich zu einer eigenen jugoslawischen
Republik, nach dem Zerfall des Staates dann in einem Referendum
zu einem souveränen und unabhängigen Staat "Kosova"
eine staatliche Separation, die freilich von niemandem
anerkannt wurde.
DER WESTEN, MILOSEVIC UND DIE ZUKUNFT
DES KOSOVO
Auch im Westen fand der Gedanke eines unabhängigen Kosovo keine
Unterstützung. Drei Gründe waren dafür wohl ausschlaggebend:
Zum einen hatte man sich bei der Anerkennung der jugoslawischen
Nachfolgestaaten auf das Prinzip der Achtung der Republiksgrenzen
verständigt; von diesem Grundsatz konnte man sich jetzt, da es
um Serbien ging, schlecht verabschieden. Zum zweiten hätte die
Anerkennung eines unabhängigen Kosovo auch die mühsam gefundene
Friedensgrundlage in Bosnien untergraben: hätte man den
Kosovaren die Abspaltung von Serbien gestattet, hätte man
gleiches den bosnischen Serben kaum mehr verweigern können.
Schließlich fürchtete man die Sogwirkung, die ein unabhängiges
Kosovo auf die Albaner Mazedoniens - auch hier mindestens 30% der
Gesamtpopulation und territorial kompakt an der Grenze zum Kosovo
siedelnd - hätte haben können. Mochte man in dieser Haltung der
internationalen Gemeinschaft mit Blick auf die
Gesamtkonstellation auf dem westlichen Balkan noch eine gewisse
Logik erkennen, so wirkte es sich in mehrfacher Weise
folgenschwer aus, daß die Gemeinschaft sich gleichwohl nicht um
irgendeine andere Lösung für das im wahrsten Sinne des Wortes
bereits brennende Problem bemühte.
In Dayton klammerte man das Kosovo-Problem aus, um Milosevic,
ohne den man nicht an eine Lösung für Bosnien glaubte, bei der
Stange zu halten. Auch nach Dayton behandelte man diesen Konflikt
trotz aller Rhetorik um seine möglichen Folgewirkungen
zögerlich. Man ignorierte damit nicht nur die um keinen Deut
nachlassende Repression im Kosovo, sondern auch die Tatsache,
daß damit die Strategie des rein passiven Widerstands, zu der
sich die Albaner und ihr Präsident Ibrahim Rugova im Wisssen um
die hoffnungslose Unterlegenheit gegenüber der serbischen
Militärmaschinerie bekannt hatten, zunehmend an Einfluß verlor.
Nicht nur die anhaltende serbische Repression, auch die Ignoranz
der Staatengemeinschaft gab jenen Auftrieb, für die nicht nur
jeder Verbleib in Serbien undenkbar war, sondern für die auch
die friedliche Strategie Rugovas zu nichts geführt hatte. Die
UCK war so nicht nur ein Produkt der serbischen
Repressionspolitik, sondern auch des verspäteten Handelns der
Staatengemeinschaft.
Der Vertragsentwurf von Rambouillet hätte, auch wenn er aus
serbischer Perspektive als Diktat des Westens und Besatzung
eigenen Territoriums verteufelt wurde, vielleicht einer Lösung
den Weg öffnen können, die Kosovo für Serbien erhalten hätte.
Auch wenn die albanische Unterschrift dabei taktischem Kalkül
entsprungen sein mag, die NATO zu einer Intervention zu
veranlassen; letztendlich war es die Verweigerung der
Unterschrift von serbischer Seite, die den Verbleib des Kosovo
bei Serbien verspielte. So wie Milosevic mit seiner Politik in
Kroatien und Bosnien serbische Interessen verspielte, so läuft
er jetzt Gefahr, auch den Kosovo endgültig zu verlieren. Eine
Autonomielösung im Sinne der 1974er Verfassung oder des
Rambouillet-Vertrages jedenfalls dürfte zumindest
kurzfristig - kaum mehr realistisch und nach den Vertreibungen
der letzten Wochen für die albanische Bevölkerung auch kaum
mehr zumutbar sein; eine Unabhängigkeit Kosovos wiederum wäre
nur um den Preis einer totalen Niederlage Milosevics zu
realisieren.
Mit Blick auf die möglichen spillover-Folgen für die albanisch
besiedelten Gebiete Mazedoniens und die Folgewirkungen auf
Bosnien dürfte der Westen aber selbst dann zögern, einem
solchen unabhängigen Staat Kosovo zuzustimmen. Was bleibt,
scheint auf nahe Zukunft allenfalls die Möglichkeit eines
internationalen Protektorats zu sein, welches - ohne den Status
der Region festzulegen - auf Jahre hinweg politisch wie
militärisch stabilitätssichernd wirkt; in der Hoffnung, daß
veränderte politische Verhältnisse in Serbien irgendwann einmal
eine einvernehmliche Gestaltung des Kosovo-Problems möglich
machen. Auch dafür fehlt es freilich noch an den
Voraussetzungen.
Professor Wolfgang Höpken lehrt ost- und südeuropäische
Geschichte an der Universität Leipzig.
6./7.JAHRHUNDERT: Slawen
besiedeln nahezu den gesamten Balkan. Ob bereits Albaner zu
diesem Zeitpunkt im Kosovo ansässig waren, ist unklar.
14. JAHRHUNDERT: Das Kosovo
stellt das wirtschaftliche und religiöse Zentrum des feudalen
Serbien dar.
1389: Die berühmte Schlacht auf
dem Amselfeld (Kosovo polje). Die Türken besiegen die Serben und
Bosnier.
1690: Tausende Serben fliehen
vor den Türken in die Vojvodina.
1878: Der Berliner Kongreß
erklärt Serbien für unabhängig. Das Kosovo gehört weiterhin
zum Osmanischen Reich.
1912: Im Zuge des ersten
Balkankrieges erobert Serbien das Gebiet des heutigen Albaniens
und des Kosovo.
1913: Die Großmächte erkennen
den albanischen Staat an. Der Kosovo hingegen wird Teil des
Königreichs Serbien.
1943-45: Aufstand von etwa
10.000 Rebellen albanischer Abstammung. 40.000 Soldaten der
jugoslawischen Befreiungsarmee schlagen ihn nieder.
1945: Die Kommunisten unter
Marschall Tito übernehmen die Macht in Jugoslawien. Das Kosovo
wird autonomes Gebiet innerhalb der Republik Serbien.
ANFANG DER 50ER JAHRE: Dutzende Tote nach hartem Durchgreifen der
Serben gegen Rebellen.
1963: Das Kosovo wird autonome
Provinz.
1968: Der jugoslawische
Präsident Tito verleiht dem Kosovo eine größere
Eigenständigkeit. Bei Massendemonstrationen fordern albanische
Studenten noch mehr Selbstbestimmung.
1974: Die föderative Verfassung
Jugoslawiens wird erweitert. Das Kosovo bekommt umfangreiche
politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomierechte,
wodurch das Kosovo weitgehend den sechs jugoslawischen Republiken
gleichgestellt ist. Nach Titos Tod ist auch der jeweilige
Kosovo-Staatschef Mitglied des jugoslawischen Staatspräsidiums
und übernimmt so nach dem Rotationsprinzip das Amt des
Staatsoberhaupts.
MÄRZ/APRIL 1981: Ethnische und soziale Spannungen zwischen
Albanern und der serbischen Minderheit führen nach Titos Tod zu
Studentenprotesten: neun Tote, mehrere hundert Verletzte,
Verhaftungen von Studenten. Die Kosovo-Albaner fordern eine
eigenständige Republik innerhalb Jugoslawiens. Die jugoslawische
Regierung schickt Truppen in die Region und verhängt für kurze
Zeit das Kriegsrecht.
FEBRUAR 1989: Streiks und
Massendemonstrationen der Albaner. Belgrad verhängt den
Ausnahmezustand über das Kosovo.
MÄRZ 1989: Präsident Slobodan
Milosevic hebt den Autonomiestatus des Kosovo faktisch auf. Bei
Auseinandersetzungen sterben mehr als 20 Menschen.
JUNI 1989: Bei der Feier zum
600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld sagt Milosevic vor
über einer Million Menschen: "Heute stehen wir abermals im
Kampf und sehen Schlachten entgegen."
JUNI 1990: Die jugoslawische
Regierung schickt Truppen, Panzer, Kampfflugzeuge und 2000
weitere Polizisten in das Kosovo. Sein Autonomiestatus wird
endgültig aufgehoben. Albanische Behörden und Institutionen
werden durch serbische ersetzt.
JULI 1990: Vor dem
Parlamentsgebäude in der Provinzhauptstadt Pristina erklären
die albanischen Abgeordneten die Unabhängigkeit der Republik
Kosova. Belgrad löst das Regionalparlament daraufhin auf. Die
Kosovo-Albaner bauen einen Untergrundstaat mit eigenem Bildungs-
und Gesundheitswesen auf und leisten den Serben gewaltlosen
Widerstand. Die stärkste politische Kraft ist die Demokratische
Liga Kosovo (LDK) unter Ibrahim Rugova.
SEPTEMBER 1990: Die neue
serbische Verfassung sieht keine Autonomie für das Kosovo vor.
SEPTEMBER 1991: Mehr als 90
Prozent der Kosovo-Albaner stimmen in einem Referendum für die
Unabhängigkeit ihrer Region. Nur Albanien erkennt die Republik
Kosova an.
MAI 1992: Gegen den Widerstand
der serbischen Behörden wählen die Kosovo-Albaner den
Schriftsteller Ibrahim Rugova zum Präsidenten ihrer
selbsternannten Republik. Belgrad erkennt die Wahl nicht an.
Dennoch kommt es erstmals seit drei Jahren zu Friedensgesprächen
zwischen serbischen und albanischen Gesandten. 1993: An der
albanischen Grenze zu Jugoslawien und Mazedonien kommt es zu
blutigen Zwischenfällen.
1994: Albanien tritt der
NATO-"Partnerschaft für den Frieden" bei.
1995: Mehrere hundert kroatische
Serben werden in das Kosovo umgesiedelt. Bei den Verhandlungen in
Dayton steht das Kosovo nicht auf der Tagesordnung.
APRIL 1996: Erstmals tritt die
Untergrund-Befreiungsarmee UCK in Erscheinung.
MAI 1996: Die
Bosnien-Kontaktgruppe fordert weitgehende Autonomie für das
Kosovo.
JUNI 1996: Mehrere Dutzend
Kosovo-Albaner werden wegen Bildung einer terroristischen
Vereinigung zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Sympathiekundgebungen für die Verurteilten enden mit der
gewaltsamen Auflösung durch die Polizei.
JANUAR 1997: Der serbische
Rektor der Universität Pristina wird durch eine Autobombe schwer
verletzt. Innerhalb weniger Wochen werden mindestens 26 Albaner
verhaftet. Ein mutmaßlicher UCK-Anführer wird bei einer
Schießerei mit der Polizei getötet. Ein serbisches
Flüchtlingslager wird mit Granaten und Maschinengewehren
angegriffen. Separatisten behaupten, ein jugoslawisches Flugzeug
abgeschossen zu haben. Zahlreiche Überfälle auf serbische
Polizeiwachen.
NOVEMBER 1997: Bewaffnete
Kämpfer der UCK zeigen sich erstmals öffentlich. Februar/März
1998: Mindestens 60 Tote bei Kämpfen zwischen Albanern und der
serbischen Polizei. Die Balkan-Kontaktgruppe beschließt in
London Sanktionen gegen Belgrad, um die serbische
Unterdrückungspolitik im Kosovo zu beenden.
APRIL 1998: 95 Prozent der
Serben unterstützen in einem Referendum Milosevics Ablehnung
einer internationalen Vermittlung im Kosovo-Konflikt.
MAI 1998: Serbische
Großoffensive im Zentrum und im Osten der Unruheprovinz.
JUNI 1998: Erstmal treffen sich
UCK-Vertreter mit dem USA-Gesandten Richard Holbrooke.
JULI 1998: Knapp 200 Tote bei
Gefechten in Orahovac und Djeravica. Das von Belgrad nicht
anerkannte Kosovo-Parlament erkennt die UCK als legitime
Streitmacht an. Es stimmt dem Einsatz von Gewalt zur Erlangung
der Unabhängigkeit zu. Hunderte von albanischen
Untergrundkämpfern werden tagelang von der serbischen Polizei in
der Grenzstadt Junik eingekesselt. Serbische Kräfte nehmen die
UCK-Hochburg Malisevo ein.
AUGUST 1998: Während
internationale Vermittlungsgversuche scheitern, gehen die Kämpfe
unvermindert weiter.
