Parodien und Satiren zu J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings
von Alex
Parodies and Satires on J. R. R. Tolkien's The Lord of the Rings
by Alex
Vielen Dank an Annatar und Lallrog, die Texte zur Veröffentlichung auf dieser Seite beigesteuert haben.
Aragorn und
Arwen - Liebe auf den ersten Blick? (Aus den geheimen Tagebüchern von König Elessar)
Zeitungsmeldung,
26. März III 3019: Bergsteiger gerettet (In Bergnot am Orodruin)
Zeitungsmeldung,
2. Mai III 3019: Ehrung für Bergwachtpiloten (Gwaihir befördert)
Zeitungsmeldung,
25. Juni III 3019: Weißer Baum geklont (Triumph der gondorischen Genetik)
Kurzgeschichte:
Nächtliche Begegnungen
(Heiße Nächte in Minas Tirith ...)
Anzeige: Abenteuer-Urlaub in Mordor (Auf den Spuren von Sam und Frodo)
Zeitungsmeldung,
30. Juli IV 02: Tierschützer protestieren gegen Reiseveranstalter (Die
Staatsanwaltschaft ermittelt)
Zeitungsmeldung,
1. April IV 17: Achtzehnter Geburtstag des Kronprinzen
Zeitungsmeldung:
Balrog in der Schweiz ausgestorben (Der Naturschutzbund informiert)
Zeitungsmeldung:
New Line Cinema verklagt - Filmstart in Frage gestellt (Die Fans zittern)
Zeitungsmeldung:
Erste Balrog-Aufzucht geglückt
(Aus dem Innsbrucker Alpenzoo)
Die Wahrheit über das Rote Buch (Gollum, der
tragische Held des Ringkriegs)
Unveröffentlichtes
Tolkien-Fragment: Sam und Rosie (Steht nicht einmal in der HoME)
Am Scheideweg
Kurzgeschichte: Die
Adler und der Ring (Wenn man Gwaihir mit dem Ring zum Orodruin geschickt
hätte...)
HdR-Fandom ( ...
was ein echter HdR-(Film)-Fan ist)
Die Brücke von Khazad-Dûm
(Filmkritiker-Version)
Die Brücke von Khazad-Dûm (die Balrog-Flügel-Frage) (von Lallrog)
Das Herr-der-Ringe-Film-Forum
Die
Zukunft des Forums... (nur für Insider. Eine Prognose von Anfang
Dezember 2001)
Sprachgefühl (nicht für Wolfgang-Krege-Fans geeignet)
Mein Erstes Mal (der deutsch-Übersetzungs-Leser)
Kurzgeschichte: Jenseits von Arda (Karl
May meets J. R. R. Tolkien)
Die Fabel vom
Ballrock und vom Naßgull
(Wie der Naßgull zu seinem Namen kam)
Kennst du das Land, wo die Vulkane glühn? (nach Goethe)
Der
Hexkönig (von Annatar)
Ein Weißer
Baum steht einsam (nach
Heine)
Words of Advice
to a Young Balrog (after
Kipling)
Balrog Mating
Flight
(after Whitman)
(THE EXPLANATION at last!)
Ach!
zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Balrog ausgebreitet schwebt
Und über Flächen, über Seen
Der Nazgûl nach der Heimat strebt.
Goethe
[inspiriert durch einen
englisch-finnischen Beitrag von Bart Lathouwers in
rec.arts.books.tolkien. Danke für die Anregung!]
Wie die Redaktion des Nachrichtenmagazins STERN mit großer
Werbekampagne ankündigte, gelang es dem STERN, die bisher
unbekannten geheimen Tagebücher von König Elessar für eine
nicht genannte achtstellige Summe zu erwerben. Als Beweis für
die Echtheit der Tagebücher hat der STERN eine kurze Passage
vorab veröffentlicht. Darin beschreibt der 20jährige Aragorn
die erste Begegnung mit seiner künftigen Verlobten Arwen:
"Sie war heiß, als ich sie zuerst in die Arme nahm, heiß
wie glühende Kohle, heißer als jede andere Elbenbraut diesseits
der See, und sie trat mich in die Weichteile, so daß ich
bezweifele, ob ich jemals wieder von dem Schmerz befreit werde.
Doch jetzt, da ich schreibe, ist sie abgekühlt und hat mir einen
Eisbeutel gebracht, und 'sie' scheinen zu schrumpfen und ihre
gewöhnliche Form wiederzugewinnen. Sie spricht zu mir mit ihrer
lieblichen Elbenstimme, doch die Sprache ist mir unbekannt. Was
sie besaget, weiß ich nicht; aber ich zeichne hier eine
Mitschrift auf, falls sie irgendwann jemand übersetzen kann:
"Wos host dir denn denkt, du geiler Bock, du damischer! Host
denkt, du konnst mir ans Dirndl gehn und wenn i schwanger werd,
machst di davon? Nah, mei Liaber, net mit mir. Wennst mi habn
willst, dann muaßt mi scho heiratn, und des geht net von heit
auf morgn, des versprech i dir! Na? Willst?"
Ich vermute, daß sie sich für ihre Grobheit entschuldigen will,
deshalb lächele ich sie an und nicke ihr freundlich zu."
Zeitungsmeldung, III 26.3.3019
Minas Tirith, 26. März (upi) - Während des jüngsten Ausbruchs des Orodruin im vom Bürgerkrieg zerrissenen Mordor wurden zwei ausländische Bergsteiger von einem Helikopter der Gondorischen Bergwacht gerettet und ins Hospital von Minas Tirith ausgeflogen. Bei den Geretteten handelt es sich um F. Baggins und S. Gamgee aus dem Auenland. Beide erlitten mittelschwere Verletzungen, Herrn Baggins mußte der Ringfinger der rechten Hand amputiert werden. Wie verlautet, sollen die Piloten für ihren Einsatz mit der Flug-Verdienstmedaille Erster Klasse ausgezeichnet werden. "Der Anflug war extrem schwierig," sagte Oberstleutnant Hugo Gwaihir, Pilot des Bergrettungsdienstes von Gondor, "Wir flogen direkt in einen beginnenden Vulkanausbruch hinein und können von Glück sagen, daß wir da heil herausgekommen sind." Gwaihir räumte ein, daß der Einsatz von Verteidigungsminister Mithrandir persönlich autorisiert war, wollte aber keine Angaben darüber machen, wie die Bergwacht von der Notlage der Kletterer erfahren hatte. Das Verteidigungsministerium war zu einer Stellungnahme nicht bereit. Dies nährt Spekulationen, daß die Auenländer in einer Geheimmission im Zusammenhang mit dem nunmehr glücklich beendeten Bürgerkrieg unterwegs waren, wenn auch unklar bleibt, was sie ausgerechnet in den Gorgoroth-Bergen, weit entfernt vom Hauptquartier der Rebellen in Barad-Dûr, zu suchen hatten. Wie ein Sprecher von Kanzlerkandidat Estel Elessar mitteilte, werden die Kletterer nicht für Grenzgebietsverletzungen zur Verantwortung gezogen, obwohl sie ohne gültige Visa und unter Umgehung der gondorischen und mordorischen Grenzposten ins Bürgerkriegsgebiet eindrangen. Die Auenländer werden unter strengen Sicherheitsvorkehrungen im Heilende-Hände-Hospital behandelt und standen noch nicht für Interviews zur Verfügung. Wie uns die behandelnde Oberschwester Ioreth neben zahlreichen anderen aufschlußreichen Einzelheiten mitteilte, befinden sie sich auf dem Wege der Besserung. Sie möchten nach ihrer Entlassung so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren. Auf Herrn Gamgee warten berufliche Herausforderungen in seiner Landschaftsgärtnerei und anscheinend steht auch eine Heirat ins Haus. Herr Baggins will eine erholsame Seereise antreten. Wir wünschen den beiden für ihren weiteren Lebensweg alles Gute.
Zeitungsmeldung, III 2.5.3019
Minas Tirith, 2. Mai (ap/reuters) -
Im Palast des Truchseß fand gestern vormittag die Verleihung der
Flug-Verdienstmedaille Erster Klasse an drei Mitglieder des
Gondorischen Bergrettungsdienstes statt. Die Ehrung erfolgte in
Anerkennung ihres Einsatzes am Orodruin während der ersten
Stunden der katastrophalen Eruption vom 25. März. Die Piloten
hatten heldenhaft ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um zwei
Bergsteiger aus dem Auenland vor dem sicheren Tod zu retten (wir
berichteten). "Es war ein Höllenflug," sagte Co-Pilot
Joe Landroval, und der für seine Leistungen beförderte Oberst
Hugo Gwaihir ergänzte: "Die Lavabrocken fielen dicht an
dicht. Ein Glück, daß die Rotorblätter intakt blieben. Erst
als wir gelandet waren, sahen wir das ganze Ausmaß der Schäden
an der Maschine." Die Notlandung des Helikopters auf dem
Landeplatz des Heilende-Hände-Hospitals in Minas Tirith wird
allen Anwesenden lange in Erinnerung bleiben. "Ich dachte
wirklich, da kommt ein Nazgûl vom Himmel gefallen!"
schauderte eine hübsche Blondine aus Rohan, die sich nach
längerer Rekonvaleszenz bei Dr. Faramir im Hospital aufhielt.
Das Wrack des Helikopters wurde in der Stille von Rath Dínen zur
letzten Ruhe gelegt.
Gwaihir, Landroval und Navigator Harry Meneldor erhielten den
Verdienstorden aus der Hand des neugewählten Präsidenten Estel
Elessar höchstpersönlich. Unter den Ehrengästen befanden sich
neben den geretteten Touristen F. Baggins und S. Gamgee auch ihr
Verwandter P. Took, Soldat der Wache von Minas Tirith sowie ein
weiterer Auenländer, M. Brandybuck (Kavallerie von Rohan), der
sich in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern ausgezeichnet hat.
Weitere Ehrungen für außergewöhnliche Leistungen im jüngst
beendeten Bürgerkrieg werden in den nächsten Tagen folgen und
die allgemeinen Festlichkeiten zur Amtseinführung des
Präsidenten ergänzen.
Und noch immer kocht die Gerüchteküche. Verteidigungsminister
Mithrandir hatte zwar nach Kriegsende eine Pressekonferenz
abgehalten, die aber nur wenige konkrete Fakten lieferte, da er
es verstand, den Fragen der Journalisten wie immer eloquent
auszuweichen. Wie aus üblicherweise gut unterrichteten Quellen
verlautet, sollen die Auenländer eine größere Rolle bei der
Niederschlagung des Bürgerkriegs gespielt haben als bekannt ist.
Die von anderen Blättern gebrachten Meldungen können wir jedoch
nicht bestätigen: Es wurde berichtet, daß zwei der Periannath
sich nach Barad-Dûr eingeschlichen, die Festung durch
Sprengladungen zur Explosion gebracht und dadurch den gesamten
Führungsstab von Rebellenführer Sauron eliminiert haben sollen.
Geologen vermuten dagegen, daß Barad-Dûr durch die heftigen
Erdstöße beim Vulkanausbruch zerstört wurde. Dies läßt sich
momentan nicht klären, da die Umgebung von Barad-Dûr von
gondorischen Elite-Einheiten besetzt und für Zivilisten zum
Sperrgebiet erklärt wurde. Nach außen hin heißt es, die Reste
der Mauern seien einsturzgefährdet und das Gelände
möglicherweise vermint. Wie Angehörige der Streitkräfte
durchblicken ließen, wird das Terrain von Spezialeinheiten
durchgekämmt, die unter anderem nach einem runden,
kristallkugelartigen Objekt Ausschau halten. Eine radioaktive
Bedrohung scheint jedoch nicht zu bestehen, da die Spezialtruppen
keine Schutzkleidung tragen.
Zeitungsmeldung, III 25.6.3019
Minas Tirith, 25. Juni (upi) - Die
Gondorische Akademie der Wissenschaften gab heute bekannt, daß
die langjährigen Bemühungen gondorischer Genetiker, den
ausgestorbenen Weißen Baum (Leucodendron nobilis) zu
klonen, endlich Früchte getragen haben. "Wir sind froh,
damit unter anderem auch einen politisch-gesellschaftlichen
Beitrag zur Kontinuität unserer Regierung zu leisten,"
meinte Projektleiter Prof. Klohntihn in einer Stellungnahme.
Einer der ersten, der das hoch an den Hängen des Mindolluin
gelegene Genlabor besuchte und die junge Pflanze in Augenschein
nehmen durfte, war Präsident Estel Elessar: "Yé!
utúvienyes!" rief er überwältigt vor Freude und hätte
den Schößling beinahe aus der Pflanzschale gerissen, "Wir
haben diese Forschungen mit beträchtlichen finanziellen
Zuwendungen unterstützt und sind sehr, sehr glücklich, endlich
ein Ergebnis zu sehen." Wie aus unterrichteten Quellen
verlautet, könnte die Freude unseres unverheirateten
Präsidenten auch private Gründe haben. Nach Angaben aus seinem
engsten Freundeskreis sollen sich schon vor Jahren in Eriador
zarte Bande zwischen dem damaligen Waldläufer Aragorn und einer
jungen Dame vornehmster Abstammung entwickelt haben. Wir hoffen,
in baldiger Zukunft Näheres hierzu berichten zu können.
Wie uns der ehrwürdige Kräutermeister von Minas Tirith
ergänzend mitteilt, wurden die Blätter des Weißen Baums seit
alters her wegen ihrer aphrodisiakischen Wirkung geschätzt und
waren bei der einfachen Landbevölkerung unter dem Namen
Viagralaub bekannt. In manchen Gegenden wird der Weiße Baum
heute noch als "Richt-ihn-auf" oder
"Ständerbaum" bezeichnet.
Als nächstes Projekt wollen die Genetiker sich einem Säugetier
zuwenden: dem ausgestorbenen Balrog, einem sanften,
schoßhündchengroßen Pflanzenfresser, der einst weite Teile des
Landes bevölkert haben soll. Im kommenden Jahr wird eine
Expedition ins Nebelgebirge aufbrechen. "Es gibt Hinweise,
daß das letzte Exemplar vor gar nicht langer Zeit von einem
berüchtigten Großwildjäger auf dem Gipfel des Celebdil erlegt
wurde," sagte Prof. Klohntihn. "Über der Schneegrenze
bleibt organisches Material lange erhalten. Wir brauchen nicht
viel, eine Gewebeprobe, einen Knochen, einen Blutspritzer. Wenn
alles gut geht, können wir die Fauna von Mittelerde bald um ein
weiteres interessantes Lebewesen bereichern." Falls das
genetische Material nicht ausreichen sollte, will das
Forschungsteam die Balrog-Gene mit denen eines Olifanten
kombinieren.
Nein, gemütlich war es hier nicht. Sam
rieb sich das schmerzende Knie, während er vergeblich versuchte,
in der ihn umgebenden Dunkelheit irgendetwas auszumachen. Die
Nacht war stockfinster. Er wußte, daß er sich sehr, sehr
vorsichtig bewegen mußte, weil er auf einem schmalen Sims stand,
der vom Fenster aus rund um die Außenwand des Turmzimmers
verlief. Das Fenster, aus dem er eben geklettert war und an dem
er sich das Knie so elend gestoßen hatte, war jetzt wieder von
dem schweren Brokatvorhang verdeckt, der kein Licht und kaum ein
Geräusch durchließ. Sam hatte eine laute Männerstimme
erwartet, nahm aber nur undeutliches Geflüster wahr.
"Naja," dachte er, "So endet es, wie ich es mir
vorgestellt habe. Hätte ich mir ja gleich denken können. Ich
bin ja nur ein unansehnlicher kleiner Hobbit." Er ließ den
Kopf hängen und gab sich für eine Weile seinem Selbstmitleid
hin. Hinter dem Vorhang ging das Geflüster allmählich in
unterdrücktes Stöhnen über, was Sams schlechte Laune auf den
absoluten Nullpunkt sinken ließ. Er tastete sich ein bißchen
weiter den Sims entlang, um das nicht mit anhören zu müssen.
Plötzlich gab es im Zimmer ein hektisches Geraschel und
Getrappel, dann teilte sich der Vorhang und ein Lichtstrahl fiel
heraus. Für einen Moment wurde eine vertraute, kleine Gestalt
sichtbar, die aufgeregt den Fenstersims erklomm. "Herr
Frodo!" hätte Sam beinahe laut ausgerufen. Frodo wendete
sich vom Fenster zur anderen Seite des Simses, ohne etwas von Sam
bemerkt zu haben, zog seine Hosen hoch und blieb
mucksmäuschenstill stehen. Auch Sam gab keinen Laut von sich.
Die Situation erschien ihm plötzlich peinlich.
So standen beide eine Weile im Dunkel rechts und links vom
Fenster und schon begann sich Sam zu fragen, wie er Frodo seine
Anwesenheit bekanntmachen sollte, ohne ihn zu erschrecken, da
begannen wieder Geräusche aus dem Zimmer zu dringen. Geflüster
und unterdrücktes Kichern offenbar hatten da zwei Leute
viel Spaß miteinander. Sam glaubte zu bemerken, daß Frodo
zusammenzuckte, als die Laute an sein Ohr drangen. Das Gekicher
hielt an und nahm an Lautstärke noch zu, bis es urplötzlich
abbrach. Irgendetwas schepperte, der Vorhang wurde wieder
aufgerissen und jemand erschien am Fenster. Eine halbwüchsig
wirkende, bärtige Gestalt, aber von viel kräftigerem Körperbau
als ein Hobbit, und was war das? Hatte Sam da eine Axt
schimmern sehen? Der neue Gast auf dem Fenstersims wendete sich
nach rechts, wo Frodo stand. Es gab einen kleinen Zusammenstoß
und danach ein verblüfftes Schweigen, wie es immer eintritt,
wenn zwei plötzlich merken, daß sie im selben Boot sitzen und
das Boot ein großes Leck hat.
Kurz darauf wurde es im Turmzimmer wieder laut. Und wie. Jetzt
ging es richtig zur Sache. Kleine, spitze Schreie ertönten in
kurzen Abständen, dazu lautes Stöhnen und Keuchen.
Unaufhörlich knarrte ein hölzerner Bettrahmen. Sam wünschte
sich ganz weit weg. "Ein Seil!" ging es ihm durch den
Kopf, "Ich wußte, ich würde ein Seil brauchen, wenn ich
keins habe."
Da wurde an die Tür gehämmert, so laut, daß man es bis
draußen vor dem Fenster hören konnte. Sofort verstummten die
Geräusche im Raum und eilige Fußtritte näherten sich dem
Fenster. Als diesmal der Vorhang aufging, konnte Sam nichts
Deutliches erkennen. Eine dunkle Wolke schob sich vor das Licht,
das aus dem Zimmer fiel; es war wie ein Schatten, in dessen Mitte
sich ein dunkler Umriß abzeichnete, von Menschengestalt
vielleicht, doch größer; und Chaos und Unrast schien in ihm zu
sein und ihm voranzugehen. Er war gar nicht überrascht über
Sams Anwesenheit, sondern drängelte nur und nuschelte dabei:
"PUH! MANNOMANNOMANNOMANN! RUTHMARUTHMARUTHMA!"
[Aussprachehilfe: das TH wird ähnlich wie das englische th gesprochen, nur noch lispelnder und etwas nuschelnd.]
Sam war verwirrt, weil er die Gestalt im Inneren dieses Schattens
nicht klar ausmachen konnte. Jetzt zischelte es noch einmal:
"RUTHMATHNELL!"
"Ist ja gut," flüsterte Sam, "Ich rutsch ja
schon, aber schnell geht das nicht." Er wagte sich
vorsichtig ein Stückchen weiter und der Neuankömmling machte
sich auf dem Sims breit. Dabei bewegte er seinen Kopf hin und her
und winkte sogar kurz zu Frodo und Gimli hinüber, die ihn
allerdings geflissentlich ignorierten. Da wendete er sich wieder
zu Sam und gab ihm einen konspiratorischen Stoß in die Rippen.
"HATHUAUHMIAHWEN?" fragte das schattenartige Wesen
und da wurde es Sam endlich klar: Ein LALLROG! Wehe! Wehe!
Ein Lallrog war gekommen.
"HATHU AUH?" wiederholte der Lallrog, "MIH
AHWEN?"
"Ja, ja, ich hab' auch mit Arwen," gab Sam mißmutig
zurück, "aber nur ganz kurz." "Eigentlich gar
nicht," dachte er bei sich, aber das mußte er diesem Wesen
ja nicht auf die Nase binden. Der Lallrog schien dagegen sehr
mitteilungsbedürftig zu sein, denn er begann wieder zu nuscheln:
"MANNOMANNOMANN! WATHNWEIB, WATHNWAHNTHINTHWEIB, WATH?"
Der gute Sam hätte niemals eine Frau als Wahnsinnsweib
bezeichnet, aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und nickte
kurz. Das genügte dem Schatten als Aufforderung zum
Weiterlabern: "THUPERHEITHERTHEX WATH?
REINRAUTH-REINRAUTH-REINRAUTH!
TSCHUGGTSCHUGG-TSCHUGGTSCHUGG!" Sam schüttelte sich. Wenn
das alles war, was ein Lallrog draufhatte, dürfte Arwen sich
nicht besonders amüsiert haben.
"UNDWIETHIETHREITWENNTHIEKOMMT!" fuhr der Lallrog fort,
"GEILGEILGEILWIE? GEILGEILGEILWATH?" Sam gab keine
Antwort mehr. Ihm begann der Kopf zu brummen.
"HATHUAUHGETHPÜRT" sabberte ihm der Schatten ins Ohr,
"AUH GETHPÜRT WIE THIE THAPPELT?"
Nein, gezappelt hatte sie bei Sam eigentlich nicht. Ihm wurde
jetzt langsam übel. Der Lallrog aber richtete sich zu seiner
vollen Größe auf und der Schatten um ihn schien sich wie zwei
riesige Flügel meterweit zu erstrecken.
"THOOOOOEINENLANGENHABICHGEHABT!" brüstete er sich und
reckte die Flügelspitzen noch ein bißchen weiter auseinander.
Ein Schwindel erfaßte Sam, als er nach oben sah, um die
Fünfmeterspannweite zu begutachten. Eine solche Länge hätte
nie ins Turmzimmer gepaßt. Der Lallrog schien Sams Zweifel zu
spüren und schob seine Flügel wieder etwas zusammen.
"NAJA, ALTHO - FATHT THO LANG," nuschelte er
versöhnlich. "UNDGEKOMMENITHTHIEBEIMIR - THWANTHICHMAL!
MINDETHTENTH!"
Farbige Ringe und Sterne tanzten vor Sams Augen. Seine Knie
zitterten und er schwankte. "THWANTHICHMAL!"
wiederholte der Lallrog, "HATHUDATHNICHGEHÖRT?"
Sam konnte kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Mit dem
letzten Rest seines Verstandes überlegte er, ob die Schreie, die
er gehört hatte, nicht vielmehr auf einen Holzsplitter in Arwens
Allerwertestem zurückzuführen waren.
"HATHUTHGEHÖRT?" insistierte der Laller, "WIE
ICHTH IHR BETHORGT HAB? UN WIE THIE GEQUIEKT HAT?"
In diesem Moment verlor Sam das Gleichgewicht und fiel mit
ausgestreckten Armen vornüber ins Leere. Ein scharfer Luftzug
wehte ihm ins Gesicht und die Mauer des Turms sauste auf einmal
an ihm vorbei. Er sah den Erdboden mit rasender Geschwindigkeit
näherkommen und erwartete den Aufprall. Da schob sich auf einmal
der dunkle Schatten dazwischen, der seinen Fall bremste und ihn
sanft festhielt. "NU THAG THON: HATHUTHGEHÖRT? THAG
THON!"
"Ja..." hauchte Sam mit letzter Kraft und fühlte sich
vorsichtig auf den Boden gesetzt. Während ihm die Sinne
schwanden, schien eine Stimme in irgendeiner vergessenen Welt
hoch oben zu nuscheln: "THO, JETHZ MUTH ICH ABA LOTH. HAB
NOCHN RONDEHWUH HEUT NACHT. MIT DER LADY VON ROHAN. ITH AUCH
GANTH THEXY, DIE KLEINE. UND THO THÖN BLOND. NETTE ABWECKTHLUNG.
ALTHO MACHTH GUT. MAN THIEHT THICH."
* * * * * * *
Als Sam erwachte, lag er in dem weichen
Bett im Turmzimmer und sah die besorgten Gesichter von Frodo und
Gimli über sich. Aragorn warf gerade einige Blätter in einen
Topf mit kochendem Wasser, und sofort breitete sich ein
erfrischender Duft im Raum aus, der Sams Geist wohltat und ihn
beruhigte. "Sam," rief Frodo, "Wie fühlst du
dich?" Aragorn kam herbei und legte Sam eine Hand auf die
Stirn. "Er wird es überstehen," verkündete er ernst.
"Aber er hat sehr viel Glück gehabt. Nur wenige Sterbliche,
die von einem Lallrog belabert werden, überleben diese Marter
unversehrt. Du hattest Glück, Sam, daß er dich nur kurz vor
seinem Labermaul hatte. Wie um alles in der Welt bist du ihm nur
so nahe gekommen?"
"Also, ich... -äh..." begann Sam zu stottern, da
unterbrach ihn Frodo und sagte rasch: "Es war genauso, wie
ich vorhin schon erzählte, Streicher. Wir drei, Gimli, Sam und
ich, machten einen Abendspaziergang an der frischen Luft. Da fiel
uns ein merkwürdiger Schatten auf, der um das Turmzimmer von
Lady Arwen kreiste. Wir wollten sie nicht unnötig stören,
deshalb stiegen wir über die Dächer zum Turm hinauf. Und dort
wurden wir von dem Lallrog angefallen, der Sam mit in die Tiefe
riß. Glücklicherweise verhedderten sich beide, so daß der
Lallrog gezwungen war, Sam mitzutragen und auf dem Boden
abzusetzen. Den Rest hast du miterlebt."
"In der Tat," sprach Aragorn, "Und es war ein ganz
schöner Schreck für Arwen und mich, als ihr beide plötzlich
durchs Fenster geklettert kamt. Ach ja - ähm - Im Interesse
unserer Freundschaft bitte ich euch übrigens, zu vergessen, was
ihr da gesehen habt. Das sind Privatangelegenheiten." Dabei
schob er mit dem Fuß eine schwarze Gummimaske, eine Peitsche,
ein Paar Handschellen und andere Utensilien unauffällig unter
das Bett.
Als Sam sich aufsetzte, sah er, daß Arwen, züchtig in einen
hochgeschlossenen weißen Umhang gehüllt, am Kopfende des Bettes
saß. Sie blickte von Sam zu Frodo und Gimli. "Ich bin euch
allen überaus dankbar!" sagte sie und ihre dunklen Augen
leuchteten. "Erst die Zukunft wird erweisen, wie gut es war,
daß ihr drei heute nacht euren Mann gestanden habt."
Eine späte Fortsetzung dieser Geschichte - 19 Jahre danach - findet sich HIER
Ein Abenteuer-Urlaub, den Sie nie vergessen werden:
Auf den Spuren von Frodo und Sam in Mordor
Erleben Sie zwei Wochen im ehemaligen Reich des Bösen!
Betreten Sie Mordor durch die Morgulschlucht.
Lassen Sie die großartige Landschaft auf sich wirken. Hier zogen Saurons Heere vorüber. (Der Bergpfad über Cirith Ungol (Frodo's Trail) ist leider gesperrt, seitdem dort mehrere Touristen unter mysteriösen Umständen verschwunden sind. Aber wir arbeiten daran, eine Zugangsgenehmigung für Reisegruppen zu erwirken.)
Durchwandern Sie die atemberaubende Hochebene von Gorgoroth.
Atmen Sie die verpestete Luft des Vulkanplateaus. Schleppen Sie sich über Saurons Militärstraßen. Auf Wunsch werden originale Ork-Rüstungen ausgegeben (Alle Größen vorrätig). Unsere garantiert ungefährlichen Ork-Offiziere (Ringkriegsveteranen) lassen Sie den militärischen Drill mit Schwert und Peitsche hautnah erleben.
Besuchen Sie mit uns die malerischen Ruinen von Barad-Dûr.
Zur Zeit nur von außen zu besichtigen. Gondorische Sicherheitskräfte haben die inneren Bereiche wegen Einsturzgefahr abgesperrt. Doch dafür werden Sie im neu errichteten "Sauron's Tower Hotel" voll entschädigt. Ein 300 Sitze fassender Vorführraum zeigt Ihnen das alte Barad-Dûr zu Zeiten Saurons in wahrheitsgetreuen dreidimensionalen Projektionen: Alle 27 Nazgûl umschwärmen den 500 m hohen Turm, auf dessen Spitze Die Drei Roten Augen leuchten. Ein unvergeßliches Erlebnis. Hier holte sich Peter Jackson viele Anregungen für sein Filmprojekt.
Erklettern Sie mit erfahrenen Bergführern den Mount Frodo (früher Orodruin).
Die Eruptionen haben sich fast ganz gelegt und nur an zwei Stellen gibt es noch aktive Lavaströme. Bei günstigen Bedingungen ist sogar eine Wanderung über den "Hobbit-Trail" zu den Ringklüften (früher Schicksalsklüfte) und durch die Schwefeldämpfe zu dem Aussichtspunkt "Gollum's End" möglich. (Sauerstoffmasken werden von der Reiseleitung zur Verfügung gestellt). Einsame Wanderer berichteten, daß hier an ganz stillen Tagen noch immer das Echo von Gollums Letzten Worten zu vernehmen ist: "Schatzzzzz...!" Lauschen Sie in Richtung der Schwefelgasschlote: "Zzzzzzzzzz!"
Auf dem Rückweg gelangen Sie in Eilmärschen zur Ebene von Udûn und zum Morannon. Hier kann die Letzte Schlacht in Originalkostümen und mit echten Waffen nachgespielt werden. Der Adler-Flugservice bringt sie schließlich wieder zurück nach Minas Tirith.
Nur für körperlich fitte Teilnehmer. Reiseversicherung unbedingt erforderlich. Gelbfieber- und Typhusimpfungen obligatorisch. Unsere Anwälte helfen gerne, Ihren Letzten Willen aufzusetzen.
Entdecken Sie die neue Dimension des Abenteuers!
Adventure Tours Inc., Minas Tirith, Burgsteige 17
Und in der nächsten Saison: Abenteuer-Urlaub in Moria. Fordern Sie unsere Sonderprospekte an
Zeitungsmeldung, IV 30.7.0002
Minas Tirith, 30. Juli (ap) - Dem Reiseveranstalter
Adventure Tours Incorporated werden schwere Verstöße gegen die
Tierschutzgesetze vorgeworfen. Bei seinen Abenteuer-Reisen "Auf den Spuren
der neun Gefährten durch die Minen von Moria" hatte der Veranstalter
Schaukämpfe gegen einen "Balrog" angeboten. Ein Gandalf-Darsteller,
oft aber auch die Touristen selber, kämpften dabei gegen den "Balrog"
und besiegten ihn. Bisher war angenommen worden, daß es sich dabei um
Animationen handelte. In Wirklichkeit wurden, wie der Gondorische Tierschutzbund
jetzt aufdeckte, lebende Tiere als Balrog verkleidet und hingemetzelt. Unter dem
schwarzen Fell verbarg sich jedesmal ein Lallrog, der ungefährlichere Vetter
des Balrogs.
Nach Informationen des Tierschutzbundes wurden die Tiere weitab vom Tageslicht
in einer der unteren Sohlen Morias in winzigen Käfigen eingepfercht. Abgesehen
von dieser nicht artgerechten Haltung sollen sie grausamen Mißhandlungen
ausgesetzt worden sein: Um die Lallrogath an einer Lautäußerung zu hindern,
wurden ihnen die Zungen herausoperiert. Als ebenso schwerwiegend vermerken die
Tierschützer, daß den Tieren vor dem Auftritt das Fell mit Benzin übergossen
und angezündet wurde, um das Brennen eines Balrogfells zu imitieren. Die
Peitsche, die man ihnen in die Hand gab, war aus Gummi, das Flammenschwert aus
Plastik. Kein Wunder, daß sie leichte Beute für die Touristen waren. Manchmal
wurden zwei oder drei Tiere pro Tag in die Spalte gestürzt.
Bei der Durchsuchung von Moria durch gondorische Ordnungskräfte wurden in den
Käfigen noch vier lebende Lallrogath aufgefunden. Die Tierschützer glauben
nicht, daß sich diese Tiere ohne Zunge jemals wieder in freier Wildbahn
behaupten können und haben empfohlen, sie für den Rest ihrer Tage in einem Zoo
unterzubringen.
Wie denken die beteiligten Touristen darüber, daß sie unschuldige Tiere
getötet haben? Rembert M., Schüler aus Dol Amroth, der an einer der
berüchtigten Moria-Reisen teilgenommen und dabei einen "Balrog"
umgebracht hat, sagte: "Man merkt doch gar nich, daß das echte Tiere sind,
ey. Die sehn doch aus wie Animationen. Und wenn man so auf seine Rolle als
Gandalf konzentriert iss und diesen krassen High-Tech-Zaubastab und das geniale
Leuchtschwert in der Hand hat, den ganzen Tag durch die Minen marschiert iss,
abends den Bauch volla Lembas-Burger und McMiruvor hat, dann fällt einem
einfach nich auf, daß da eine Kreatur leidet. Und schließlich iss man ja auch
selba in Gefahr; ich hätte dabei draufgehen können, sehn Sie mal: [*zeigt eine
fast 2 cm lange Schürfwunde am Knie*] Echt geil, was? Damit komm ich bei den
Girls supagut an. Also erzähln Sie hier bloß nich 'rum, daß der Balrog, den
ich gekillt hab, kein echta Balrog war!"
Zeitungsmeldung, IV 1.4.0017
Minas Tirith, 1. April (von unserem Hofberichterstatter) - Heute beging unser Kronprinz Eldarion, der Augapfel seiner Mutter, der Stolz seines Vaters und der Liebling der ganzen Stadt, seinen achtzehnten Geburtstag. Im Palast wurde ein prachtvoller Empfang gehalten, zu dem viele Gäste aus der Stadt und aus allen Teilen des Landes geladen waren. Der kleine Prinz - er wird so genannt, weil er kleiner ist als andere Jugendliche seines Alters - zeigte sich wie immer von seiner liebenswürdigsten Seite und verteilte Geschenke an alle Anwesenden - eine hübsche Sitte, die er von den Periannath übernommen hat. So verging der Tag mit Festlichkeiten, Ansprachen und Spielen und wurde von einem großen Bankett abgeschlossen. Am Schluß bedankte sich Eldarion bei den Gästen und verabschiedete sie, zwischen seinen Eltern stehend, alle persönlich. Sorge bereitet seinen Ärzten, daß der junge Mann im Wachstum zurückgeblieben ist, doch können sie keine Krankheit entdecken. Im Gegenteil, der Kronprinz strotzt vor Gesundheit und ißt am liebsten 6 Mahlzeiten am Tag (wenn er sie bekommen kann). Eine besondere Vorliebe hat er für Pilze. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört das Rauchen von Pfeifenkraut, eine Vorliebe, die er von seinem Vater übernommen hat. Krankenschwester Ioreth, die sich öfters im Palast aufhält, berichtete uns von der merkwürdigen Angewohnheit des Prinzen, regelmäßig seine Füße zu rasieren. Auf seine Wachstumsschwierigkeiten angesprochen, meint seine Mutter nur scherzhaft: "Oh, das macht nichts. Ich hatte schon immer eine Schwäche für kleine Männer." Und so verläßt Eldarion den Saal, gefolgt vom Lächeln seiner Mutter und dem nachdenklichen Blick seines Vaters.
Zeitungsmeldung, 11.3.2001
Bern, 11. März (ap) - Der
Vorsitzende des Schweizer Naturschutzbundes, Dr. Dieter
Blütschli, gab gestern bekannt, daß die größte und
eindrucksvollste Art der Schweizer Großtierfauna, der Balrog (Balrogus
ferox), nunmehr als ausgestorben angesehen werden muß. Bis
in die 1990er Jahre wurden gelegentlich einige Exemplare - drei
alte Männchen - in unzugänglichem Gelände in den Hochlagen des
Schweizer Nationalparks beobachtet. Die Seltenheit der Tiere und
die Schönheit ihres Fells - tiefschwarz mit einem auffälligen
feurigen Schimmer - hatte in der Vergangenheit zu exzessiver
Überjagung geführt, so daß die Art in den meisten Ländern
schon bald nach der Einführung moderner Feuerwaffen ausgerottet
war. Nur in sehr unwegsamen Gebirgen fand sie noch Schutz.
Trotz dauernder Bewachung der Lebensräume durch freiwillige
Hilfskräfte gelang es auch in der Schweiz nicht, der Wilderei
gänzlich Herr zu werden. So wurde das jüngste und kräftigste
Tier 1992 von einem ausländischen Jäger illegal abgeschossen.
Das Fell konnte beschlagnahmt werden, als ein Händler versuchte,
es nach Italien auszuführen. Anhand der sogenannten
"Pseudoflügel" - bei denen es sich in Wirklichkeit um
kurze Fortsätze der Schulterblätter handelt, die den Tieren
helfen, in den starken Bergwinden ihre Balance zu halten - war es
eindeutig als Balrogfell zu identifizieren. Der anschließende
Prozeß wurde zum Medienereignis. Der internationale Aufschrei
des Protests ging durch die Welt und half vielerorts, bessere
Schutzmaßnahmen für den Balrog durchzusetzen. Nur für die
Schweizer Population war es zu spät. Nach 1992 wurde kein
lebendes Tier mehr gesichtet, und als letztes Jahr ein
Balrogskelett in einer Höhle aufgefunden wurde, wohin sich das
Tier offenbar zum Sterben zurückgezogen hatte, erloschen die
letzten Hoffnungen.
"Die Schweiz hat damit eine ihrer wertvollsten Attraktionen
verloren," sagte Dr. Blütschli, "Nie wieder wird sich
der Bergwanderer Auge in Auge mit diesem beeindruckenden Raubtier
sehen; nie wieder wird der Älpler seine Kühe gerissen und
ausgeweidet auf der Weide finden, die Almhütte aufgebrochen und
den Käsevorrat geplündert; nie wieder wird der Paarungsruf des
männlichen Balrogs im Morgennebel von Gipfel zu Gipfel hallen.
Den Balrog wird es in Zukunft nur noch in Legenden geben."
Man könnte hinzufügen, daß es ihn auch auf den Tafeln eines
Schweizer Schokoladenherstellers geben wird. Aber die
heranwachsende Generation hat die natürlichen Eigenschaften des
Balrogs schon fast vergessen: eine Umfrage in Schulen ergab, daß
die meisten Kinder glauben, der Balrog sei lila ...
(Aus der Diskussion im Forum:)
Antwort von Anduril666:
Tja, einerseits schade, daß es diese beeindruckende Gattung
wegen der Geldgier einiger Leute nicht mehr in Europa gibt, aber
andererseits gab es doch schon immer einige Balrogs, die ihren
Jagdinstinkt nicht auf Bergziegen, Geißböcke und Schafe
reduziert haben. Wieviele Bergwanderer sind denn Opfer eines
Balrogs geworden, im Grunde nur weil einige linke Politiker seit
Jahren jeden Gesetzentwurf gegen diese enorm gefährliche
Tiergattung blockiert? Ist doch gar nicht so lange her, da wurde
eine Gruppe von Wanderern ohne Grund von einem Balrog
angegriffen. Nur mit Glück überlebten acht aus der Gruppe, nur
der Führer, ein älterer, normalerweise vorsichtiger und
erfahrener Mann stürzte dabei zu Tode....da hörts dann mit dem
Artenschutz doch auf, finde ich.
Erwiderung von Alex:
Das war doch nur Propaganda, die von den acht "Überlebenden" der
Gruppe unter die Leute gebracht wurde. In Wirklichkeit war es nämlich so, daß
der Führer dieser neun Wanderer den Absturz überlebte (den er übrigens selbst
verschuldet hatte, indem er die Brücke zerstörte auf der er stand; das zeugt
nicht gerade von Vorsicht und Erfahrung). Und nicht nur das, er hat dann den
Balrog gejagt und verfolgt, ihn schließlich auf einem Berggipfel in die Enge
getrieben und dort erbarmungslos zur Strecke gebracht.
Der Balrog hatte nur sein ganz normales Verhaltensrepertoire gezeigt. Jedermann
weiß, daß Balrogath standorttreue Tiere sind, die alle Eindringlinge in ihr
Territorium angreifen und verjagen. Das hätte auch der "erfahrene" Führer
wissen müssen. Wie aus dem Kreis dieser neun Wanderer verlautete, hatte einer
von ihnen diesen Balrog sogar leichtsinnigerweise gereizt, indem er einen Stein
in einen Schacht warf, in dem das Tier ganz harmlos und ungefährlich schlief.
Läßt man die Tiere in Ruhe, dann tun sie einem nichts. Wenn man sie erst zur
Weißglut reizt, braucht man sich über ihre Gefährlichkeit nicht zu wundern.
So kann man jede Art von Artenschutz demagogisch ad absurdum führen.
Ich darf vielleicht noch ein paar harte
Zahlen anfügen:
Nach den Polizeistatistiken sind in den westeuropäischen
Ländern von 1980 bis 2000 174mal soviele Menschen von
Kampfhunden angefallen, verletzt oder getötet worden wie von
Balrogath.
Laut Angaben des ADAC waren in demselben Zeitraum in Deutschland
genau 2 Balrogath in Verkehrsunfälle verwickelt, während die
Zahl der durch Hunde, Wildschweine, Rehe, freilaufende Pferde,
Rinder usw. verursachten Unfälle in die Tausende geht.
Korrektur: Nach genauerem Studium der
Quelldaten muß ich meine obige Aussage dahingehend relativieren,
daß nur ein Balrog einen Verkehrsunfall verursacht hat,
indem er vor ein Auto lief. Der andere Fall betrifft einen
Balrog, der als Führer eines Kraftfahrzeugs einen Unfall
verursachte. Dieses Tier war in einem Versuchslabor
gefangengehalten worden, wo man die feuerresistenten
Eigenschaften seines Fells untersuchte. Nachdem der Balrog unter
anderem mehrere Hauttransplantationen über sich ergehen lassen
mußte, gelang ihm eines Nachts die Flucht. Er fraß den
Nachtwächter und stahl den Mercedes des Laborleiters. Leider kam
er mit der Gangschaltung und der Steuerung nicht gut zurecht, da
man ihm an jeder Hand mehrere Finger amputiert hatte. Das eine
Auge, das man ihm gelassen hatte, war so geschädigt, daß es
für eine Nachtfahrt kaum brauchbar war und diverse Gehirnsonden
beeinträchtigten das Wahrnehmungsvermögen. Auf einer Brücke
geriet er ins Schleudern, durchbrach das Geländer - und FLOG und
FLOG und FLOG und FLOG - krachte auf ein Bahngleis, wurde von
einem Explosivstoffe transportierenden Güterzug erfaßt, der
eine Weiche überfuhr und in einen wartenden CASTOR-Behälter
raste. Es kam zu einer Explosion, die alles im Umkreis von 500 m
atomisierte.
(P.S. Einer oft kolportierten Legende zufolge soll der Balrog
rechtzeitig aus dem Wagen geschleudert worden und auf der anderen
Seite der Brücke weich gelandet sein. Von Greenpeace-Aktivisten
gerettet, gesundgepflegt und später außer Landes geschmuggelt
ist er heute in Hollywood als Berater von Industrial Light &
Magic tätig. -- Naja. Zu schön um wahr zu sein.)
Zeitungsmeldung, 1.4.2001
New York, 1. April (upi) - Wie die
"Organisation of Post-Third-Age Elven Communities"
(OPEC) am Montag in einer Pressekonferenz mitteilen ließ, werden
ihre Anwälte versuchen, eine einstweilige Verfügung gegen die
Lord-of-the-Rings-Filmtrilogie zu erwirken. Die Elben fühlen
sich durch die Darstellung in Peter Jacksons Filmen verhöhnt und
klagen auf Beleidigung und Rufschädigung.
Was viele Elben am meisten erbost, ist ihre Darstellung mit
zugespitzten Ohren. "Als ob wir Vulkanier wären! So eine
Unverschämtheit!" entrüstete sich Tuhlong Peuntedihrs, ein
OPEC-Sprecher und Vorsteher einer Elbengemeinde in Connecticut.
"Wie jedermann weiß, sind wir groß, schön, stark und
intelligent, aber sonst nicht von besseren Exemplaren der Gattung
Mensch zu unterscheiden." In diesem Zusammenhang wird
kritisiert, daß die für die Elbenrollen ausgewählten
Schauspieler/innen in puncto Aussehen und Leistung weit unter dem
Elbenstandard zurückbleiben. "Wir können akzeptieren, daß
die elbische Hauptrolle mit einem Schauspieler besetzt wurde, der
nach menschlichen Maßstäben wie eine dekorative Schwuchtel
wirkt," sagte der niederländische Elbenvertreter Fik van
Hinten, "aber die weiblichen Rollen sind grobe
Fehlbesetzungen. Jeder Breitmaulfrosch aus meinem Gartentümpel
wäre für die Rolle der Arwen geeigneter als die unattraktive
Tochter dieses Rocksängers."
Die OPEC ist zuversichtlich, den Filmstart im Dezember stoppen zu
können. Sollten die Gerichte den Beschwerden stattgeben, könnte
der Film nur in beträchtlich gekürzter Fassung (ohne die
Elbenszenen) in die Kinos kommen, oder es müßten erhebliche
Teile nachgedreht / nachbearbeitet werden, was den Start des
Films um Monate verzögern würde.
Ein Sprecher von New Line Cinema gab sich optimistisch, daß die
Elben mit ihrer Klage scheitern werden: "Die Filme spielen
vor Tausenden von Jahren und schildern Vorgänge, in die
entfernte Vorfahren der heutigen Elben verwickelt waren. Daraus
ergibt sich, daß keine Parallele und schon gar keine
Verunglimpfung der rezenten Elbenpopulationen beabsichtigt sein
kann. Die Details (z.B. Ohren) fallen unter die künstlerische
Freiheit. Wir sehen dem Gerichtsentscheid mit Gelassenheit
entgegen."
Zeitungsmeldung, 12. 8. 2001
Innsbruck, 12. August 2001 (reuters) - Dem Innsbrucker Alpenzoo gelang es als erstem Zoo der Welt, in der Gefangenschaft geborene Balrog-Junge aufzuziehen. Da das Muttertier bei der Geburt starb, mußten die Biologen versuchen, den drei Jungtieren möglichst naturnahe Verhältnisse zu bieten, ohne sie allzusehr an die Anwesenheit von Menschen zu gewöhnen. Zu diesem Zweck wurden die Jungen mit Hilfe einer Handpuppe aus Balrogfell gefüttert, die vor jeder Mahlzeit in Brand gesetzt wurde. Die Zoologen bezeichneten die dabei gewonnenen Erfahrungen als schmerzlich aber überaus wertvoll. Sie warten gespannt darauf, ob die Jungen mit zunehmendem Alter die nur ungenau bekannten schattenartigen flügelähnlichen Extremitäten entwickeln werden, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Nach dem Flüggewerden sollen die Tiere dann in einem geeigneten Schutzgebiet in den österreichischen Alpen ausgewildert werden. Aus Sorge vor negativen Reaktionen in der Bevölkerung wird die ausgewählte Lokalität streng geheimgehalten. Die Bauernverbände haben bereits ihren Widerstand gegen das Projekt angekündigt, denn sie glauben, daß die Balrogath Haustiere und Weidevieh reißen werden. Die Zoologen befürchten dagegen, daß die freilebenden Balrogath Wilderer anlocken werden und planen eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung des Schutzgebiets und aller seiner Zufahrten. Man möchte auf jeden Fall vermeiden, daß sich Tragödien wie im Schweizer Nationalpark wiederholen, wo einer der letzten freilebenden Balrogath das Opfer eines ausländischen Großwildjägers wurde.
Es ist an der Zeit, daß endlich einmal aufgeräumt wird mit dem verzerrten Geschichtsbild, wie es im Roten Buch der Westmark überliefert wird. Dieses clever gemachte Werk, im 20. Jahrhundert noch unkritisch als historische Wahrheit akzeptiert und auch von Tolkien so aufgefaßt, ist inzwischen von führenden Historikern als Meisterstück revisionistischer Geschichtsschreibung entlarvt worden. Durch detaillierte Stilanalysen konnte gezeigt werden, daß der Text an manchen Stellen modifiziert und von dritter Hand verändert wurde.
Es war Sam, der scheinbar einfältige Gärtner, der es die ganze Zeit auf den Einen Ring abgesehen hatte, Sam, der seinem vertrauensseligen Brötchengeber den ergebenen Diener vorspielte und sich unentbehrlich machte, bis er auf die Reise mitgenommen wurde. Es war Sam (nicht Pippin), der in Moria den Balrog weckte und es war Sam, der Frodo schließlich von der Gemeinschaft trennte. Trotz der zahlreichen Fälschungen, die Sam in Frodos Text im Roten Buch anbrachte, gelang es ihm nicht ganz, alle Verdachtsmomente zu tilgen. So erkennen wir noch Spuren des Mißtrauens, das ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde: von Gandalf, der ihn beim Lauschen vor dem Fenster erwischte, von Aragorn, der ihn seit der ersten Begegnung in Bree nicht leiden konnte, von Elrond, von Faramir und besonders von Gollum. Nachdem er die beiden Hobbits eingeholt hatte, tat Gollum sein Möglichstes, Frodos Vertrauen zu gewinnen, ihm die Augen zu öffnen und ihn Sams Einfluß zu entziehen, aber es war bereits zu spät. Von Sam klugerweise als Ringträger benutzt und dadurch völlig erschöpft war Frodo an den Schicksalsklüften nahe daran, meuchlings durch Sams Klinge zu fallen, hätte Gollum nicht im letzten Augenblick eingegriffen. Er stellte sich gegen Sam und opferte heldenhaft sein eigenes Leben, um den Ring zu zerstören, Sauron zu vernichten und die Welt zu retten. Der ins Delirium gefallene Frodo hatte später keine klare Erinnerung mehr an diese Vorgänge und akzeptierte rückhaltlos die ihm von Sam aufgetischte Version, Gollum hätte ihn gebissen, obwohl es doch Sam war, der Frodos Finger abgeschnitten hatte. Nur Gandalf hat wohl insgeheim die Wahrheit vermutet. Nachdem der Ring verloren war, konnte sich Sam immerhin als Begleiter und Beschützer seines Herrn feiern lassen und eine gehörige Portion Berühmtheit einheimsen, die zuerst seine Landschaftsgärtnerei zu einem Erfolg werden ließ und ihm schließlich auch noch den lukrativen Posten des Bürgermeisters einbrachte. Seine Gerissenheit ging so weit, daß es ihm gelang, als Frodos Alleinerbe eingesetzt zu werden, seinen Herrn kurz danach auf einer gemeinsamen Reise verschwinden zu lassen und hinterher die Version von einer angeblichen Seereise Frodos zu verbreiten (Merry und Pippin waren nicht dabei, sie wurden erst später von Sam in dieses Kapitel hineingeschrieben).
Kein Denkmal erinnert an Sméagol, den man mit dem abscheulichen Schimpfnamen Gollum belegt, kein Lied besingt seine Taten, kein Gedicht schildert seinen schlichten Heldenmut, seine Aufopferung, seine Liebe zu allen Geschöpfen und seine tiefe Weisheit und Güte.
(P. S. Es war natürlich auch Gollum gewesen, der Sting an sich genommen und Shelob bekämpft hatte, der Frodo und Sam aus dem Turm von Cirith Ungol befreit und Sam gezwungen hatte, Frodo den Ring wieder zurückzugeben).
Offenbar hat Tolkien
manchmal Semesterarbeiten seiner Studenten benutzt, um
Geschichten, die ihm während der langweiligen Korrigierarbeit in
den Sinn kamen, festzuhalten. So meldete sich ein Robert Orger
aus Southampton, dessen Großvater F. Orger in den dreißiger
Jahren bei Tolkien studiert hatte. Beim Durchsehen des Nachlasses
stieß Orger auf eine Examensarbeit, die auf den Rückseiten der
Blätter Texte in Tolkiens Handschrift trug. Dazu hatte sein
Großvater gekritzelt: Thats the kind of stuff Prof.
T. writes in his spare time. Ha!
Die Blätter wurden letztes Jahr in einer Auktion bei
Christies von einem anonymen Bieter ersteigert.
Neuseeländische Reporter deckten jetzt auf, daß der Käufer
Peter Jackson ist, der das Textfragment in seinem Film verwenden
wird. Es handelt sich um eine Szene, die ins erste Buch von LotR
paßt, noch bevor die Hobbits das Auenland verlassen. Der Text
ist in der Auckland Press erschienen und wird sicher bald ins
Internet kommen. Ich gebe hier eine (nicht autorisierte)
Übersetzung ins Deutsche:
[die Szene scheint in
einem Heuschober irgendwo um Hobbiton zu spielen]
Du wirst bald mit Herrn Frodo weggehen, nicht wahr,
Sam?
Ja Rosie, das muß ich. Er braucht mich da draußen in der Fremde.
Aber du willst es auch selbst. Du
willst in ferne Länder ziehen, du willst Elfen sehen...
Elben, Rosie, das heißt Elben, verbesserte sie Sam.
Er klatschte mit der flachen Hand auf seinen Hals und hielt ihr
das Tier hin, das ihn umschwirrt hatte. Das sind Elfen,
Rosie. Lästige Plagegeister, mit Flügeln, wie Mücken. Er
schnippte die verdatterte Elfe in den nächsten Busch, Und
daß du mir in dieser Geschichte nur ja nicht nochmal auftauchst,
hörst du! rief er ihr nach.
Dann wandte er sich wieder Rosie zu, die ihm tief in die treuen,
braunen Augen sah. Liebst du mich auch wirklich, Sam?
Aber ja doch, Rosie.
Dann zeigs mir.
Sam umarmte sie schüchtern und gab ihr einen schlecht gezielten
Kuß auf die Wange.
Und? War das etwa alles, Sam? fragte sie enttäuscht.
Äh..., ist das denn nicht genug?
Da hat mich der junge Sandyman ja schon feuriger
geküßt.
Was? fuhr Sam hoch. Sandyman? Sandyman?
Mir dem hast du------- Hast du mit dem etwa-- Was
hast du mit dem gehabt?!?
Aber Sam! Beruhig dich, Liebster! Das war doch nur
Spaß, kicherte Rosie. Ich wollte sehen, ob du
eifersüchtig wirst. Jemandem wie Sandyman würde ich nicht mal
die Hand geben, das solltest du eigentlich wissen.
...
[unleserliche Stelle wegen eines Tintenflecks]
...
Wenn du mich wirklich liebst, dann mußt du mir beweisen,
daß du ein echter Mann bist. Sie strich mit ihren Zehen
zärtlich über Sams Fuß, bis sich seine Haare kräuselten. Die
Reaktion gefiel ihr.
Ach, Rosie, stotterte der errötende Sam, Ich
bin doch... ich hab doch noch nie... ich meine, ich hab das
doch nur bei den Ponies und Hunden gesehen...
Die Ponies und Hunde machens immer nur von hinten,
Sam. Bei uns Hobbits ist das anders. Langsam zog Rosie
ihren Rock hoch und gab Sam freien Ausblick auf ihre behaarten
Füße, ihre kräftigen Waden, ihre weißen Schenkel, ihre
ebenfalls wollig behaarte...
Sam bekam Glubschaugen und mußte sich plötzlich mit beiden
Händen an Rose festhalten. Aber Rosie, du trägst ja gar
nichts drunter.
Ich wußte doch, daß ich dich treffen würde. Da habe ich
mich vorbereitet. Langsam ließ sie sich hintenüber ins
weiche Heu sinken, gleichzeitig knöpften ihre flinken Finger
Sams Hose auf.
Sam kam sich machtlos vor gegenüber soviel weiblicher Strategie.
Im gleichen Maße, wie er sich jetzt ganz intensiv zu Rosie
hingezogen fühlte, wünschte er sich aber auch weit weg. Weg von
Bindungen, weg von gefühlsmäßigen Komplikationen, weg von der
Angst, sexuell zu versagen, auf eine lange Reise, eine
unbeschwerte Wanderung ins Elbenland, da draußen, wo es eine
ganze Welt zu entdecken galt.
Aber Rosie hatte seine schwellende Männlichkeit jetzt fest im
Griff und steuerte ihn sicher ins Ziel. Dann geschah alles wie
von selbst und es war Sam, als sei es schon immer so gewesen.
Sinnlichkeit und Wollust und ein mächtiger Orgasmus überkamen
Sam, und seine Sinne schwanden in einer großen Dunkelheit.
"So endet meine Jungfräulichkeit, wie ich es mir
vorgestellt hatte", sagte sein Denken, als es eben
davonflatterte; und es lachte ein wenig in ihm, ehe es floh, fast
fröhlich anscheinend, weil es endlich allen Zweifel und Sorge
und Angst abschütteln konnte. Und als es sich eben emporschwang
in Vergessenheit, hörte es Rosies Stimme, und sie schien in
irgendeiner vergessenen Welt hoch oben zu schreien: "Ich komme, Sam! Ich komme! Oh Sam, ich komme, ich
komme!"
Noch einen Augenblick verharrte Sams Denken. "Ja, ich
glaube, ich bin auch gekommen. Wir sind zusammen gekommen. Was
für eine großartige Erfahrung! Das hier war meine
Jungfräulichkeit, und nun ist sie zu Ende." Und sein Denken
floh in weite Ferne, und seine Augen sahen nichts mehr.
Ein Fuchs, der in eigener Sache durch den Wald zog, blieb einige
Minuten am Heuschober stehen und schnüffelte.
Hobbits! dachte er. Ja, ja, das Übliche. Jetzt
ist ihre Haupt-Paarungszeit. Aber daß sie es bis zur
Bewußtlosigkeit treiben wie diese beiden, habe ich selten
erlebt. Da steckt etwas höchst Sonderbares dahinter. Er
hatte ganz recht, aber niemals hat er mehr darüber
herausgefunden.
[Damit endet das
Fragment. Es folgt ein Satz in weiblicher Handschrift,
wahrscheinlich von Edith:] Ronald, das
kannst du den jüngeren Lesern nicht zumuten. Und laß dich nicht
immer von unseren eigenen Bettgeschichten inspirieren. Aber ein
paar der Formulierungen sind wirklich sehr gut, die solltest du
an anderen Stellen verwenden.
zurück nach
oben
In der Mittagshitze rumpelte ein vierspänniger Planwagen gemächlich über eine staubige Landstraße irgendwo in Eriador. Ein bärtiger Mann in einem braunen Umhang saß auf dem Bock und lenkte, vier weitere lagerten sich unter der Plane, die auf der Außenseite bunt bemalt war und die Fünf als eine Gruppe von fahrenden Zauberkünstlern und Magiern auswies. Aus dem Wagen drangen kleine blaugraue Rauchwölkchen. Die Männer ließen gerade einen Joint herumgehen.
Lando nahm einen tiefen Zug. "Aahhhhhh... Ich muß schon sagen, Alf, daß du dieses Gras organisiert hast, war wieder mal ein Meisterstück von dir. Willst du uns nicht sagen, wo du es her hast?"
Alf lächelte. "So bekifft bin ich noch nicht, daß ich euch freiwillig meine Quellen verraten würde."
Manni rümpfte die Nase. "Ihr solltet euch nur mal anschauen! Erwachsene Männer, und rauchen Hasch wie die Schulkinder. Unsere Mission ist euch wohl ganz egal, wie?"
"Mission, Mission!" meckerte Ali. "Ab und zu wird man ja wohl noch seinen Spaß haben dürfen. Die Mission läuft uns nicht weg."
Alf nickte zustimmend. "Ein bißchen Entspannung muß sein, besonders bei einem so schweren Job wie unserem. Sei nicht so streng mit den Jungs, Manni."
"Na schön, dann laßt mich auch mal probieren," bat Manni. "Man soll ja jede Gelegenheit nutzen, sein Wissen zu vermehren." Er nahm den Joint entgegen und inhalierte. Tränen traten ihm in die Augen. "Also, ich kann nicht behaupten, daß dieses Zeugs mein Bewußtsein erweitert. Ich kriege Kopfschmerzen davon."
"Wart's doch ab," meinte der auf dem Kutschbock. "Du bist immer so ungeduldig. Laß es in aller Ruhe auf dich wirken."
"Ich spüre immer noch nichts. Außer daß mir schlecht wird. Da hätte ich auch einen deiner Kräutertees probieren können, Gasti."
"Was kann ich dafür, daß du so empfindlich bist? Unser Sensibelchen!"
"Na und? Besser sensibel als einfältig. Schau dich doch mal selber an! Meinst du, daß aus dir jemals mehr werden wird als ein drittklassiger Vogelbändiger?" höhnte Manni.
Gasti zog die Zügel an und drehte sich nach hinten. "Das 'drittklassig' nimmst du sofort zurück!" giftete er.
Manni grinste. "Wenn wir sterblich wären, würde auf deinem Grabstein stehen: Er redete mit dem Vieh, den Fischen und den Vögeln."
"Vielleicht würde auch nur draufstehen: Er war gut zu Vögeln," rief Ali und lachte hämisch.
"Das wäre doch nichts Schlimmes," entgegnete Gasti arglos.
"Er hat's nicht kapiiiiert!" Manni wälzte sich vor Lachen auf dem Wagenboden.
"Ihr seid ja so gemein," schniefte Gasti. "Immer werde ich ausgelacht und weiß nicht mal, weswegen."
"Nur mit der Ruhe, mein Junge," beschwichtigte Alf und reichte ihm den Joint. "Hier, entspann dich mal ein bißchen. Ich übernehme solange die Zügel." Er stieg nach vorne und griff sich die Riemen. Als er die Tiere antrieb, schüttelte er sorgenvoll den Kopf und tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. "So kann es nicht mehr lange weitergehen mit uns," dachte er bei sich. Hinten im Wagen zeigte die Droge allmählich ihre Wirkung und für ein kurzes Stündchen wurde es ruhig und friedlich.
* * * * * * *
Der Wagen näherte sich einer Wegkreuzung. Vor dem Wegweiser zügelte Alf die Pferde. "Hier geht's wieder nach Imladris. Aber bei Elrond haben wir erst vorletzte Woche Halt gemacht."
"Dann nehmen wir eben eine andere Richtung," meinte Gasti. "Rechts oder links?"
"Nach Osten," rief Lando.
"Nach Osten," rief Ali.
"Ihr und eure Sucht nach dem Osten," mäkelte Gasti. "Fahren wir doch nach Westen, in Richtung Meer. Ich wollte schon immer mal Delphine sehen."
"Also wißt ihr, dieses dauernde Rumfahren geht mir schon lange auf den Keks," warf Manni ein. "Immer auf Achse, immer unterwegs. Nie hat man richtig seine Ruhe zum Studieren. Warum lassen wir uns nicht mal eine zeitlang irgendwo nieder? Es gibt doch so schöne Gegenden. Ein kleines Häuschen irgendwo im Grünen, das wär doch was. Oder noch besser ein alter Turm. Ich liebe die Aussicht aus Turmfenstern."
"Ein dauerhaftes Standquartier hab ich mir auch oft gewünscht," stimmte Gasti zu. "Am liebsten mitten im Wald, umgeben von Rehen und Hirschen, Füchsen und Wildschweinen. Unter dem Dachtrauf nisten die Schwalben, und hinter dem Haus ein Taubenschlag..."
"Das hat schon was für sich," gab Lando zu. "Mal einen guten Rehrücken, mal gebratenes Wildschwein, mal ein Täubchen zum Abendessen. Mmmmmm!"
Gasti blickte ihn entsetzt an. "Ich meinte doch, um mich mit ihnen zu unterhalten!"
"Und ich will trotzdem nach Osten," sagte Ali und griff Alf in die Zügel.
"Nein, nein, nein," rief Gasti und griff ebenfalls zu.
"Halt, Jungs," gebot Manni und erhob seinen Stab. Es gab einen blendenden Lichtblitz. Die Pferde wieherten vor Schreck und zogen ruckartig an. Der Wagen schlitterte, fing sich wieder, schleuderte nochmals und landete mit einem lauten Krachen schräg im Straßengraben.
"So eine verdammte Orksch**ße! Das war die Hinterachse." Alf kletterte vorsichtig vom Kutschbock und rieb sich den Rücken. Die anderen stiegen hinten aus. Gasti spannte die zitternden Pferde los, die mit dem Schrecken davongekommen waren. Der Wagen aber sah übel aus. Während die anderen vier herumstanden, ihre blauen Flecke zählten und über Reparaturen diskutierten, holte Alf sein Bündel vom Wagen, setzte sich auf einen großen Stein und zog seine Pfeife aus der Tasche. Bedächtig stopfte er sie und zündete sie an. Während er die ersten Züge genoß, beobachtete er seine Kameraden. Sie waren schon wieder dabei, sich in Rage zu reden. So konnte es nicht weitergehen.
"Herhören, Leute!" rief er gebieterisch. Sie blickten ihn an.
"Ich mache mir schon seit einiger Zeit Gedanken über unsere Zukunft. Wir sind jetzt seit einem guten Jahrhundert zusammen unterwegs und es ist nicht zu leugnen: Wir gehen uns gegenseitig gewaltig auf die Nerven. Ich finde, wir sollten uns trennen und es mal alleine versuchen. Dann kann jeder seine eigenen Ziele besser verfolgen und wir können uns in Mittelerde ein wenig verteilen. Das könnte unserer Mission zugute kommen. Was meint ihr dazu?"
Manni strich sich durch den Bart. "In der Tat, in der Tat. Diese Idee ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Wir müssen aber regelmäßige Zusammenkünfte abhalten, damit wir unsere Aktivitäten aufeinander abstimmen können. Mindestens einmal im Jahrhundert. Und am besten bei demjenigen von uns, der das geräumigste Haus hat. Der sollte in der Öffentlichkeit zweckmäßigerweise als Anführer unserer Gruppe auftreten."
"Ich sehe, du hast dir schon einige Gedanken gemacht, Manni," sagte Alf. "Vielleicht hast du auch schon eine geeignete Immobilie in Aussicht?"
"Nun ja, äh, zufälligerweise hörte ich neulich, daß in der Pforte von Rohan ein alter Turm zu vermieten ist..."
"In Isengard," warf Alf ein.
"Äh, genau. Richtig. Isengard. Und da ich ein bißchen was auf der hohen Kante hatte, habe ich meinen Agenten in Edoras beauftragt, mal ganz unverbindlich anzufragen. Und zufälligerweise war ich wohl der einzige finanzkräftige Interessent..."
"Gut, gut," sagte Alf. "Dann wissen wir, wo wir den Anführer unseres Ordens in Zukunft finden werden. - Ich werde mich nicht niederlassen. Ich werde wandern."
"Ich denke, ich gehe in den Osten," verkündete Lando. "Oder in den Süden."
"Ich auch," entschied Ali.
"Und ich suche mir ein Häuschen im Wald. Fürs Erste. Denke ich mal," überlegte Gasti laut.
"Wir sind fünf, aber wir haben nur vier Pferde," sagte Manni.
"Ich brauche keins," meinte Alf. "Ich werde laufen."
Und so kam der Abschied. Sie umarmten sich, gaben sich halb ernstgemeinte gute Ratschläge, witzelten auch ein wenig herum, aber in Gedanken war jeder schon auf seinem eigenen Weg. Innerlich hatten sie die Trennung schon lange vollzogen. Sie wußten nicht, daß nur drei von ihnen sich jemals wiedersehen sollten.
Als die Hufschläge verklungen waren und der Staub sich gelegt hatte, stand Alf alleine auf der Wegkreuzung. Er holte tief Luft. "Ja, es war wirklich Zeit. Höchste Zeit." Er schulterte seinen Packen. "Und jetzt werde ich mir mal dieses interessante Hobbitvölkchen näher anschauen."
Eine Kurzgeschichte in Fortsetzungen unter Verwendung von Motiven aus J. R. R. Tolkiens "The Lord of the Rings".
Vorbemerkung: Verschiedentlich wird spekuliert, wie die Handlung von LotR abgelaufen wäre, hätte man die Adler mit dem Ring nach Mordor fliegen lassen. Für Tolkien waren die Adler ein sparsam, aber immer noch zu oft eingesetzter deus ex machina, der der Erzählung über schwierige Stellen hinweghalf. Hätte man Gwaihir mit dem Ring zum Orodruin geschickt, wäre die Geschichte natürlich nach wenigen Kapiteln und ohne viele Abenteuer vorüber gewesen. Daß es aber auch mit Beteiligung der Adler zu interessanten Verwicklungen hätte kommen können, soll die folgende Geschichte zeigen.
Die Handlung beginnt mit dem Rat von Elrond, dessen Ergebnis ein wenig anders ausfällt als in Tolkiens Version der Geschichte.
Die Adler und der Ring
Vorspiel: Elronds Rat
"Gut," sprach Elrond und blickte in die Runde. "So sind wir uns
einig. Wir werden also Boten ausschicken nach nah und fern, an alle Geschöpfe,
die guten Willens sind, mit der Bitte, daß sie nach den Adlern Ausschau halten.
Und wer die Adler trifft, soll ihnen sagen, daß sie sich im Lande Hulsten
einfinden sollen. Und die neun Gefährten sollen dorthin ziehen und den Adlern
den Ring übergeben, damit diese ihn zum Schicksalsberg fliegen und in die
Schicksalsklüfte werfen. So sei es."
"Damit sind wir ja noch gut weggekommen, Herr Frodo," flüsterte Sam erleichtert. "Eine zeitlang dachte ich schon, sie würden von dir verlangen, daß du den Ring persönlich bis nach Mordor trägst." Frodo antwortete nicht. Er tastete nur nach der Kette, die er um den Hals trug.
Nun war die Versammlung beendet und die Teilnehmer gingen auseinander, mit Ausnahme von Elrond, Gandalf und Aragorn, die sich mit ernsten Mienen noch einmal in kleinem Kreise zusammensetzten.
Frodo und Sam gingen mit Bilbo in dessen Gemächer, wo sie Merry und Pippin die Beschlüsse von Elronds Rat mitteilten und vor allem die drei verpaßten Mahlzeiten nachholten. Danach saßen sie noch lange beisammen, rauchten Pfeifenkraut und sprachen über dieses und jenes, besonders aber über die bevorstehende Wanderung zu den Adlern.
Der Ring geht nach Süden
Als Sam abends in Gedanken versunken zu seinem Zimmer ging, kam er an einer halb geöffneten Tür vorbei, hinter der er die Stimme von Elrond und eine schöne melodische Frauenstimme vernahm. Wie es seine Gewohnheit war, stellte er seine neugierigen Ohren auf und lauschte. Die junge Frau sprach gerade, beherrscht, aber sehr eindringlich:
"Versteh doch, Papa! Ich WILL diese Rolle! Ich MUSS diese Rolle haben! Ich würde ALLES dafür tun! Und wenn sie von mir verlangen, daß ich ein Schwert tragen und den Neun entgegenreiten soll, dann würde ich auch das tun."
"Mein Kind, das kann doch nicht dein Ernst sein! Noch niemals haben sich Elben dafür hergegeben, sterblichen Menschen in verdunkelten Sälen auf großen Leinwänden zur Zerstreuung zu dienen."
"Dann wird es vielleicht langsam Zeit, daß eine von uns damit anfängt. Das dritte Zeitalter geht zu Ende. Du willst es nicht wahrhaben, aber die Zeiten ändern sich."
"Das ist umso mehr ein Grund für die Elben, sich selber treu zu bleiben. Wenn ich nur an den Glanz der Altvorderenzeit denke ... die Heere Beleriands ... das Letzte Bündnis ... die Heerscharen von Gil-Galad und Elendil ... Die Pracht ihrer Banner..."
"Ach, mein armer Papa, du bist ein Fossil. Du lebst in der Vergangenheit. Wie soll man jemandem wie dir erklären, was heutzutage in Filmen alles machbar ist?"
"Tochter, du weißt ja gar nicht, wovon du sprichst! Die Sterblichen würden unreine Gedanken haben, wenn sie dich anschauen. Sie würden in deine Augen sehen und an deine Kurven denken."
"Na, und? Warum auch nicht? Das tun die Elben ja auch. Wenn ich daran denke, wie mich Glorfindel immer mit seinen Blicken auszieht..."
"Und sie könnten von dir verlangen, in kurzen Röckchen aufzutreten... Oder in sexy Spitzen-BHs....." Elronds Stimme versagte fast bei dieser ungeheuerlichen Vorstellung.
"Meine Beine können sich sehen lassen!" gab seine Tochter patzig zurück. "Und meinen Busen brauche ich auch nicht zu verstecken."
"Um Erus Willen, Kind! Du bist doch viel zu jung für derartige Rollen."
"Papa, ich bin in diesem Jahr 2777 geworden. Ich bin eine zweitausendsiebenhundertsiebenundsiebzigjährige Jungfrau! Ich will endlich mal 'raus hier. Ich will was erleben. Und ich will Männer kennenlernen. Richtige Männer, nicht so durchgeistigte schwuchtelige Typen wie du sie hier immer versammelst." Ihre Stimme nahm einen schwärmerischen Ton an. "Windgegerbte Waldläufer mit derben Händen und ungeschliffenen Manieren. Kräftige, gedrungene Axtträger. Knuddelige Hobbits mit haarigen Füßen. Ach..."
Sam überlief es heiß und kalt.
Elrond seufzte. "Diese Dickköpfigkeit hast du von deiner Mutter geerbt. Die wußte auch immer genau, wie sie mich 'rumkriegen konnte, wenn sie etwas wollte. Und deine Großmutter erst... o je... Na, nun schau mich nicht so an wie ein Breitmaulfrosch, dessen Teich trockengefallen ist. Von mir aus geh und wirk in diesem Film mit."
"Oh Papa!" jubelte die junge Frau, "Danke! Vielen Dank!"
"Danke mir lieber nicht. Denn du kannst noch nicht erkennen, worauf du dich einläßt. Ewig ist ein großes Wort, selbst für elbische Maßstäbe. Aber wer eine Rolle in einem Film der Sterblichen übernimmt, muß sich darüber klar sein, daß seine Leistung für ewige Zeiten auf Zelluloid und DVD gebannt ist, auf Magnetbändern und Festplatten gespeichert wird, und noch in Jahrtausenden Anlaß für Bewunderung oder aber für Hohn und Spott sein wird. Also mach dich besser darauf gefaßt, daß dich manche der Sterblichen in dieser Rolle nicht mögen werden. Komm nicht hinterher zurück und jammere mir vor, du wärst eine Fehlbesetzung gewesen."
"Keine Sorge, Papa. Denen werde ich's richtig zeigen. Denen werde ich eine "Elbenprinzessin" hinlegen, daß ihnen die Augen aus dem Kopf fallen!"
"Aber eines muß von Anfang an klar sein, mein Kind: Du wirst auf gar keinen Fall mit den neun Gefährten ziehen. Das ist unmöglich, hörst du? Unmöglich."
"Natürlich, Papa," murmelte sie leise und Sam glaubte, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit in ihren Worten zu spüren. Dann wünschte sie Elrond eine gute Nacht und verließ den Raum. Sam hatte gerade noch die Zeit und die Geistesgegenwart, sich hinter einem Wandvorhang zu verstecken. Aufgeregt lugte er hinter dem Seidenstoff hervor.
Und so erblickte Samwise der Hobbit sie zum erstenmal: Arwen Undómiel, den Abendstern ihres Volkes, die Vielbesungene, die Vielgeliebte, die Schönste unter den Schönen, eine mit ihrem Los unzufriedene Elbin, vom Schicksal dazu verdammt, sich einzubilden, eine gute Schauspielerin zu sein.
Sie schritt langsam den Gang entlang und schien zu überlegen. Dann blieb sie stehen. Schließlich nickte sie mit dem Kopf, als ob sie für sich eine Entscheidung getroffen habe, ging mit energischen Schritten weiter und verschwand um die Ecke.
Aber Sam stand noch lange hinter dem Wandvorhang, das liebliche Bild der jungen Elbin vor seinem geistigen Auge und ein breites, dümmliches Grinsen im Gesicht. Es stand ihm gut.
* * * * * * *
In den nächsten Wochen wurden verschiedene Vorbereitungen getroffen, die für die Wanderung nötig waren. Elendils Schwert wurde von Elbenschmieden neu geschmiedet und Aragorn nannte es Andúril, Flamme des Westens. Gandalf war jetzt oft mit Aragorn zusammen; sie sprachen über den Weg, der vor ihnen lag und zogen all die Aufzeichnungen zu Rate, die in Elronds Haus zur Verfügung standen.
Als Frodo einmal allein mit Bilbo in dessen Zimmer war, holte der alte Hobbit sein Schwert Stich hervor und schenkte es Frodo, der es dankbar annahm. Dazu bat Bilbo ihn, auch das Panzerhemd, das er einst von Thorin erhalten hatte, anzunehmen. Frodo probierte es an und es paßte ganz ausgezeichnet. Er konnte es unter der Kleidung tragen, so daß äußerlich nichts davon zu sehen war.
An diesen langen Abenden war einige Male ein Mensch zu Gast am Tisch, den die Hobbits vorher noch nicht gesehen hatten. Er war kleiner als Aragorn und Boromir, dafür aber so korpulent wie beide zusammen, und er trug einen kurzen schwarzen Bart und Augengläser. Meist saß er an Arwens Seite und war lange mit ihr ins Gespräch vertieft. Um die anderen kümmerte er sich kaum, nur Elrond zollte er den gebührenden Respekt. Selbst Gandalf schien nicht viel über ihn zu wissen, oder er wollte nicht viel sagen, als Pippin ihn fragte. Er käme aus einem Land fern im Süden, viel südlicher noch als Harad, ein Land, das Gandalf "Die Taufrischen Meeres-Gefilde" nannte, und wo, wie er behauptete, die Sommer Winter waren und die Winter Sommer. Über seinen Auftrag erfuhren die Hobbits nichts, und seine Verhandlungen mit Arwen blieben ihnen dunkel, auch wenn sie gelegentlich Gesprächsfetzen aufschnappten, in denen es um eine "größere Rolle", um "höhere Gage" und um ein "geändertes Drehbuch" ging.
Schließlich kam der Tag des Aufbruchs. Alle waren von Elrond gut mit warmer Kleidung ausgestattet worden. Zusätzliche Kleidung, Decken und andere notwendige Dinge wurden auf das Pony Bill geladen, das sie auf Bree mitgebracht hatten und das sich in Imladris gut erholt hatte. Boromir ließ seine Tröte erschallen und Elrond sprach einige Abschiedsworte. Dann zogen die Gefährten davon in die Dämmerung und ließen die Lichter des Letzten Heimeligen Hauses hinter sich zurück. An der Bruinenfurt verließen sie die Straße, wandten sich nach Süden und gingen auf schmalen Pfaden durch das hügelige Land.
* * * * * * *
Als sie vier Tage unterwegs waren und sich abends ihr Nachtlager einrichteten, sah Frodo, wie Aragorn in der heraufziehenden Dämmerung angestrengt das Gelände musterte, durch das sie gekommen waren. "Siehst du etwas?" fragte er ihn. "Nein," entgegnete Aragorn, "Und doch kommt es mir seit gestern so vor, als folgte uns jemand - oder etwas. Ich glaubte einen Schatten zu sehen und ein Geräusch zu hören, ein leises Quaken vielleicht, ganz wie von einem Breitmaulfrosch. Ich werde nachsehen. Aber sag den Anderen nichts, solange wir uns nicht sicher sind." Damit schlich er lautlos in die Büsche.
Die Gefährten machten ein kleines Feuer, rösteten einige Lembas-Waffeln und bereiteten ihr Nachtlager vor. Es kam Frodo wie eine Ewigkeit vor, bis Aragorn wieder auftauchte. Er kam ganz sorglos aus dem Gebüsch geschlendert, die Hände in den Taschen und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. In der Nähe des Feuers warf er sich auf den Boden, verschränkte die Arme unter dem Kopf und blickte träumerisch in die Sterne.
"Hast du etwas gesehen?" fragte Frodo leise.
"Wie? - Ach so, wegen des Schattens. Nein, ich habe nichts gesehen. Niemand folgt uns. Niemand ist in der Nähe. Ich muß mich wohl geirrt haben. Wir sind ganz allein hier. Keine Gefahr." Er gähnte, schlug seinen Mantel um sich und schlief ein. Ein schwacher Duft wie von Elbenparfum stieg Frodo in die Nase. Das war wohl eine Erinnerung an Imladris und an Elronds schöne Tochter, auch wenn der Duft von Aragorn zu kommen schien. Nun ja, auch Aragorn hatte etwas Elbenhaftes, besonders in Augenblicken wie jetzt. Beruhigt legte sich Frodo nieder und bald waren alle Gefährten eingeschlafen. Das Feuer knisterte. Die Sterne funkelten und in der Ferne erklang das sehnsüchtige Quaken eines Breitmaulfrosches.
Von diesem Tage an machte Aragorn es sich zur Gewohnheit, jeden Abend einen längeren Erkundungsgang zu unternehmen.
* * * * * * *
In den nächsten Tagen kamen sie gut voran, aber das Land um sie herum war wenig einladend. Grau und öde kam es Frodo vor, obwohl hier und da an den Südseiten der Hügel noch grünes Gras zu sehen war. Tiere ließen sich kaum blicken, von einigen schwarzen Vögeln abgesehen, die sie mit mißtrauischen Augen beobachteten. Weit im Osten erhoben sich die schneebedeckten Gipfel des Nebelgebirges. Unnahbar und lebensfeindlich sahen sie aus und die Hobbits waren froh, daß die Gemeinschaft nicht diese Pässe überqueren mußte.
Abends wurde ein Lagerfeuer angezündet, wann immer es Gandalf und Aragorn für sicher hielten. Dann drängten sich die Hobbits um die wärmenden Flammen und die anderen Gefährten bildeten einen Kreis um sie. Trotz der Kälte wurde es dann beinahe gemütlich, und dennoch wünschten sich Merry und Pippin insgeheim mehr als einmal, sie wären daheim im Auenland geblieben.
Manchmal sprachen sie am Feuer über vergangene Zeiten und alte Legenden, so auch an einem windigen und ungemütlichen Abend, als der Wind immer wieder ins Feuer fuhr und es abwechselnd anfachte und auszublasen drohte. Zur Ablenkung ergriff Aragorn das Wort:
"Ich will euch eine alte Geschichte erzählen: die Geschichte von Lúthien und ihrem Bären... Lúthien war eine fette, häßliche Freudenhauspächterin irgendwo in Beleriand..."
"Ja, zum Cadrach nocheinmal!" fuhr da Gandalf wütend auf. "Wie kannst du es wagen, Plagiate von dir zu geben, und das in Anwesenheit eines Elben und eines Istar? Weißt du nicht, daß die Geschichte von Lúthien und ihrem Bären nicht hierher gehört, sondern dorthin? Weißt du nichts von Geistigem Eigentum? Weißt du nicht, daß Lizenzen beantragt und Vergütungen gezahlt werden müssen? Weißt du nicht, daß die jährlichen Hauptausschüttungen fürs Geschichtenerzählen von Jahr zu Jahr abnehmen? Weißt du nicht, daß ein ganzer Berufszweig gefährdet ist, weil anarchistische Amateure im Geschichtenerzählen glauben, sie müßten Mittelerde mit ihren drittklassigen Plagiaten überschwemmen?"
Damit hüllte er sich wütend in seine Decke und drehte dem Lagerfeuer und den verwunderten Gefährten seinen Rücken zu.
"Habt keine Sorge," beruhigte sie Aragorn. "Ein wunder Punkt bei Gandalf. Es ist nichts wirklich Wichtiges, worüber er sich aufregt. Es geht da nur um Urheberrechte, Copyrights, Plagiarismus und solche Kleinigkeiten. Kein echter Geschichtenerzähler in Mittelerde hat sich jemals um sowas gekümmert. Aber Istari haben eben ihre Illusionen von einer heilen und gerechten Welt... Ich werde euch eine andere Geschichte erzählen."
Und so begann Aragorn von neuem: "Es war einmal eine wunderschöne junge Elbin, die hatte zwei aufregende, wohlgeformte Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! Z E N S I E R T ! N I C H T J U G E N D F R E I ! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich bis zum heutigen Tage." Damit endete er und blickte gedankenverloren in das fast niedergebrannte Feuer. Die Gefährten hingen ihren eigenen Gedanken nach und versuchten vergeblich, ihre Erektionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. In dieser Nacht schliefen sie unruhig. Nur Legolas wandelte ungerührt unter den Sternen und flocht kleine Zöpfchen in sein güldenes Haar, so wie er es bei Gimli gesehen hatte.
* * * * * * *
Am nächsten Tag erreichten sie ein parkartiges, mit einzelnen Bäumen bestandenes Gelände, das schon viel freundlicher wirkte als die dürren Hügel, die sie bisher durchschritten hatten. Gegen Mittag trafen sie einen Mann, der auf einer Böschung am Rand des Pfades saß. Sein Pferd graste neben ihm. Er trug eine braune Kutte wie ein Mönch und sein Gesicht war von einer Kapuze beschattet.
"Radagast!" rief Gandalf erfreut.
Der Mann hob den Kopf und warf die Kapuze zurück. Ein schmales, bärtiges Gesicht kam zum Vorschein. Blaugraue Augen leuchteten mit fast jugendlichem Glanz. Ein heiteres Lächeln umspielte die dünnen Lippen, zwischen denen eine unlängst ausgegangene Pfeife steckte.
"Gandalf! Welch glückliches Treffen!" rief er den Gefährten entgegen. "Gerade ist mir das Pfeifenkraut ausgegangen." Als sein Blick nacheinander über die ganze Gruppe wanderte, wurde er ernster. "Wie ich sehe, geht hier etwas Großes vor. Selten hat man in Mittelerde eine so bemerkenswerte Gesellschaft gesehen."
"Selten auch war Mittelerde in größerer Gefahr als jetzt," sagte Gandalf und zückte seinen Tabaksbeutel. "Hier, mein Freund, bediene dich. - Wir suchen die Adler. Hast du etwas von ihnen gehört?"
"Ich weiß von eurer Suche," entgegnete Radagast, während er ganze Hände voller Pfeifenkraut von Gandalfs Tabaksbeutel in seinen eigenen schöpfte. "Elronds Botschaft hat mich erreicht. Ich habe sie an meine Freunde, die Vögel, und an andere Tiere weitergeleitet. Sie alle werden Ausschau halten. Aber bisher gab es noch keine Antwort. Keiner hat etwas von den Adlern gesehen."
Ungeduldig zog Gandalf seinen Tabaksbeutel zurück. "Genug davon! Wir sind in Eile. Unser Weg führt uns nach Süden. Bis wir in Hulsten ankommen, sollten die Adler von unserem Treffpunkt erfahren haben. Es könnte gefährlich werden, wenn wir uns länger dort aufhalten müßten, um auf sie zu warten."
Radagast betrachtete die Hobbits mit unverhohlenem Erstaunen. "Dies sind also die Halblinge, bei denen du immer deine Sommerferien verbringst."
"Immer nicht," meinte Gandalf. "Aber immer öfter... Es ist wirklich ein erstaunliches Völkchen. Du wirst sie mögen, wenn du dich einmal näher mit ihnen beschäftigst."
"Nun, wenn sie tierlieb sind und ihre Ponies gut behandeln-" Sam kraulte gerade das Pony Bill hinter den Ohren "-dann werde ich einmal bei ihnen vorbeischauen."
Radagast hatte an sich schon eine feuchte Aussprache, aber jetzt fiel ihm ein größeres Stückchen aus dem Mund. Er bückte sich und hob es auf. "Wehe! Meine neue Brücke! Und der Heiler hatte versprochen, sie säße ganz fest." Er wandte sich zu den Gefährten. "Ein guter Rat, meine Freunde: Laßt euch nie bei Dr. Khazad-Dûm behandeln. Seine Brücken taugen einfach nichts." Vorsichtig manövrierte er sich das Gebilde wieder in den Mund.
Gandalf runzelte nachdenklich die Stirn. "Die Brücke von Khazad-Dûm?" sinnierte er. "Woran erinnert mich das? Bekannt scheint es und doch auch fremd."
Aragorn blickte ihn ernst an. "Auch ich habe viel Übles über die Brücken von Dr. Khazad-Dûm gehört. Seine Praxis ist dunkel und geheimnisvoll und sein Bohrer brennt wie die Flamme von Udûn. Dies ist ein Weg, den man nur in der äußersten Not gehen sollte, nur wenn kein anderer Heiler Sonntagsdienst hat. Ich möchte diesen Weg nicht nehmen. Nicht bevor wir alle auf dem Zahnfleisch gehen."
"Das ist höchst merkwürdig," ließ sich Gimli vernehmen. "Bei den Zwergen hatte Khazad-Dûm früher einen guten Ruf. Für die Füllungen benutzte er das hochwertige Mithril-Silber, das es bei keinem anderen Heiler gab. Und seine junge Sprechstundenhilfe Moira war bei jedermann beliebt. Aber seit Balin zum Zwecke einer Wurzelbehandlung mit einigen seiner Getreuen Khazad-Dûm aufsuchte, gelten sie als verschollen. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist."
"Vielleicht wirst du es erfahren, mein guter Zwerg," sprach Gandalf. "Vielleicht werden wir Khazad-Dûm besuchen müssen."
Inzwischen hatte Radagast jeden der Gefährten um Pfeifenkraut angeschnorrt und war damit beschäftigt, seine fast aus den Nähten platzenden Tabaksbeutel in den Satteltaschen zu verstauen. Schließlich schwang er sich in den Sattel und bedankte sich noch einmal.
"Möge die Macht mit euch sein!" sagte er und stob von dannen, als ob die Neun hinter ihm her wären.
"Die Macht? Was meint er nun damit schon wieder?" murmelte Gandalf und schaute ihm verwundert nach. "Ich fürchte, der gute Radagast ist irgendeiner Sekte in die Hände gefallen, seit ich ihn das letzte Mal sah. Leider hatte er schon immer einen Hang zum Esoterischen."
Aragorn sah besorgt aus. "Befürchtest du etwa, er könnte zum Feind übergelaufen sein?"
"Aber nein," beruhigte ihn Gandalf. "Radagast ist eine durch und durch ehrliche Haut. Aber er ist nicht gerade einer der Hellsten, wenn du verstehst, was ich meine. Oh, er kann hervorragend mit Tieren umgehen, das ist seine Stärke und seine große Begabung." Gandalf lächelte. "Ich erinnere mich noch an den großen Jahrmarkt von Pelargir - das muß so um D.Z. 1600 herum gewesen sein, unter König Hyarmendacil Vinyarion. Ein schwarzer Panther wurde gezeigt, ein wirklich gefährliches Tier, auch wenn sein Blick vom Vorübergehn der Stäbe schon so müd geworden war, daß er nichts mehr hielt - aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls brach er aus und verletzte mehrere Leute. Ich setzte all mein Können ein, versuchte es mit Blitzen, mit Feuerwerk - vergeblich. Das Biest hatte sich auf einen Baum geflüchtet und wollte nicht mehr herunter. Da kommt Radagast herangeschlendert, stellt sich vor den Baum, hebt die rechte Hand und macht das Zeichen eines Kreuzes. Der Panther zieht den Schwanz ein, klettert herab und wird eingefangen. Ich sage zu Radagast, 'Gasti,' sage ich, 'das war fantastisch! Wie hast du das nur gemacht?' Er guckt ganz bescheiden und meint: 'Ach Alf, das war doch einfach. Senkrechte Handbewegung: "Entweder du kommst jetzt runter -", waagerechte Handbewegung: "- oder wir sägen den Baum ab."' - Hmmm. Ja, und dann hat ihn der Schaubudenbesitzer überredet, dieselbe Show noch in 3 anderen Städten abzuziehen. Und Radagast hat mitgemacht und sich dabei gehörig über den Tisch ziehen lassen. So ist er eben, der Gute."
* * * * * * *
Nachdem die Gefährten ihre bedeutend geschrumpften Tabaksvorräte verglichen hatten, wobei noch ein paarmal hinter vorgehaltener Hand das Wort "Schnorrer" fiel, setzten sie ihren Weg in südlicher Richtung fort und machten erst am Abend am Rand eines kleinen Wäldchens halt, das ihnen Schutz vor dem Wind und in zwei Richtungen auch einen Sichtschutz gewährte.
Als Pippin gerade vom Austreten zurückkam, wäre er kurz vor dem Lager beinahe über Legolas gestolpert, der hinter einem Baum im Gebüsch hockte und mit verzücktem Blick in Richtung Sonnenuntergang schaute. "Hoppla! Tschuldigung," sagte Pippin und folgte dem Blick des blonden Elben nach Westen. Dort, zwischen einigen großen Buchen, bereitete sich Gimli, der Zwerg, auf sein Nachtlager vor. Die untergehende Sonne zauberte einen Strahlenkranz um seine untersetzte Gestalt. Die kräftigen Muskeln seiner ziemlich stark behaarten und etwas krummen Beine spielten im Gegenlicht, als er sich seines vielfach geflickten Wamses entledigte und aus den speckigen Beinkleidern schlüpfte. Auf einem Felsen sitzend entflocht er seine Zöpfe und ließ die Zwergenbürste mit dem Mithrilgriff wieder und wieder durch sein reiches, rotblondes Haar gleiten, dem das Abendlicht einen goldenen Schimmer verlieh. Leise summte er eine Melodie vor sich hin, ein uraltes Liebeslied in Khuzdul, mit dem der Zwergenmann den dichten Bartwuchs der Zwergenfrau besingt.
Legolas wurde ganz zappelig. "Haaach!" schmachtete er Gimli an, "Ist er nicht ein süüßes Kerlchen? Mit dem würde ich zuu gern mal - äh... die Klingen kreuzen, wenn du verstehst, was ich meine."
Pippin verstand überhaupt nichts. Wollte der Elb sich mit Gimli duellieren? Obwohl er ihn so süß fand? Aber allmählich wunderte er sich über nichts mehr. Als Hobbit gewöhnte man sich daran, daß einem die Elben oft unverständlich und merkwürdig vorkamen. "Na, dann kreuzt nur eure Klingen oder was auch immer," murmelte Pippin und ging weiter.
Der Abend war so warm, daß die Gefährten bis lange nach Einbruch der Dunkelheit ohne ein Feuer herumsaßen und Pfeifenkraut rauchten. Dann schien es Frodo, als ob es urplötzlich kälter würde. Die anderen merkten es auch und Gandalf blickte zum Sternenhimmel.
"Elbereth Gilthoniel!" seufzte Legolas, als er hinaufschaute. Und während er noch schaute, kam etwas Dunkles aus der Schwärze des Südens hervor, wie eine Wolke geformt und doch keine Wolke, denn es bewegte sich weit schneller, raste auf die Gruppe zu und löschte, als es sich näherte, alles Licht aus. Bald sah man, daß es ein großes geflügeltes Wesen war, schwärzer als Höhlen in der Nacht. Ein Schauer überlief Frodo mit einemmal und griff ihm ans Herz.
Plötzlich sang der große Bogen von Legolas. Schrill schoß der Pfeil von der Elbensehne. Frodo schaute auf. Fast über ihm schwankte das geflügelte Wesen. Es gab einen krächzenden Schrei von sich, als es herabstürzte in die Finsternis. Der Himmel war wieder klar.
"Gepriesen seien der Elbenbogen, und Hand und Auge von Legolas!" sagte Gimli. "Das war ein mächtiger Schuß im Dunkeln, mein Freund!"
"Wer kann sagen, was er traf?" fragte Legolas.
"Wenige Pfeile, die abgeschossen werden, treffen ihr Ziel," orakelte Gandalf, "und einige, die treffen, finden das falsche Ziel."
"Was meinst du damit?" fragte Merry.
"Weiß ich auch nicht genau," erwiderte Gandalf. "Das ging mir nur so durch den Kopf. Ich muß noch darüber nachdenken."
In dieser Nacht zündeten sie kein Feuer an.
* * * * * * *
Der Morgen kam kühl, aber sonnig, und es versprach, ein schöner Vorfrühlingstag zu werden. Die Gefährten machten sich zeitig auf den Weg und hatten bis zum Mittag schon mehrere Meilen hinter sich gebracht. An einem kleinen Bach, dessen eiskaltes Wasser vom Gebirge im Osten gespeist wurde, hielten sie ihre Mittagsrast. Das Gelände war jetzt hügelig und stellenweise bewaldet, was den Überblick erschwerte. Als sie ihren Durst gestillt hatten, wanderten sie weiter. Sie waren noch nicht weit gekommen, als Aragorn, der voranging, anhielt und warnend die Hand hob.
"Ich rieche ein Feuer."
"Ich auch," sagte Legolas, "Und den Geruch von gebratenem Fleisch."
"Dann können es immerhin keine Orks sein," warf Boromir ein. "Tageslicht und gebratenes Fleisch, das paßt nicht zu Orks."
"Da sollten wir nicht so sicher sein," meinte Gandalf, "Saruman hat mir gegenüber mit seinen Uruk-hai geprahlt und dabei auch die Bemerkung fallengelassen, er habe eine Rasse gezüchtet, die das Sonnenlicht nicht fürchtet."
"Aber dies werden sie fürchten!" sprach Gimli und zog seine Axt aus dem Gürtel.
"Und dies!" sagte Legolas und legte einen Pfeil auf die Sehne.
"Und dies!" ergänzte Aragorn, indem er Andúril aus der Scheide zog.
"Und... äh... dies!" rief Boromir und setzte seine Tröte an die Lippen.
"Nein! Nicht!" rief Gandalf, aber es war zu spät. Der schrille Ton des Instruments, eines Meisterwerks der alten gondorischen Trötenbauerkunst, stieg in die Luft und breitete sich mit Schallgeschwindigkeit aus.
"Schnell! Hinter ihn!" bedeutete Gandalf den anderen und warf sich selber hinter Boromir auf den Boden, beide Zeigefinger fest in den Ohren verankert. Die anderen taten es ihm nach. Nur Legolas stand verwundert dabei und lauschte verzaubert den Klängen des Instruments, auf dem Boromir seine Spielkunst meisterlich zur Entfaltung brachte. Aber bald drang noch etwas anderes an das scharfe Gehör des Elben: Die Todesschreie von Orks, großen, wilden Orks, die dem Getröte wehrlos ausgeliefert waren, weil ihre Finger zu kurz und dick waren, um sie sich in die Ohren zu stecken.
Schließlich ging Boromir der Atem aus und er setzte die Tröte ab. Hinter einem Büschel Farn erhob sich Aragorns Kopf, dem sein Robin-Hood-Hütchen in die Augen gerutscht war. Mit einem hörbaren "plop" zog er die Finger aus den Ohren und wischte das Ohrenschmalz am Farnkraut ab. Auch die anderen kamen langsam wieder auf die Beine.
"Dies ist die beste Fernwaffe, die Gondor jemals gegen die Orks eingesetzt hat." brüstete sich Boromir. "Leider ist das Geheimnis ihrer Herstellung schon vor vielen Jahren verlorengegangen, als der letzte Trötenbauer ohne Nachfolger starb. Nun haben wir nur noch zwei funktionierende Tröten und keiner weiß mehr, wie sie hergestellt werden."
"Und das ist vielleicht ganz gut so, wenn Leute wie du sie in die Finger kriegen," murmelte Gimli in seinen Bart. "Laßt uns nachsehen, ob noch ein paar Orks für meine Axt übriggeblieben sind!"
Sie kamen zu einer ebenen Stelle zwischen den Hügeln, wo ein großes Feuer gebrannt und die Orks wohl ein Gelage gefeiert hatten. Auf einigen Planken war eine Art Buffet angerichtet gewesen. Überall fanden sie die Leichen von Orks, große Uruk-Hai mit schrecklich verzerrten Gesichtern, die sich im Todeskampf gewunden hatten. Kein einziger war mehr am Leben.
Um die Feuerstelle lagen große, abgenagte Knochen. Hinter einigen Büschen, wo man die Beute gerupft hatte, war noch ein kleines Häufchen Federn zu sehen, den Rest hatte der Wind fortgeweht. Einige davon waren unschwer als die großen braunen Schwungfedern eines riesigen Adlers zu erkennen. Legolas bückte sich und hob einen langen, dünnen Gegenstand auf, der zwischen den Federn lag. Es war ein Pfeil; ein Pfeil, den er gut kannte, unzweifelhaft einer seiner eigenen Elbenpfeile. Er erschauerte. Verstohlen blickte er sich zu den Gefährten um, doch die waren alle damit beschäftigt, die Umgebung abzusuchen. Keiner schaute her. Da steckte er den Pfeil schnell in seinen Köcher und ging mit ernster Miene weiter.
Schließlich kamen alle in der Mitte des Lagerplatzes zusammen. Neben dem Feuer und dem improvisierten Buffet steckte ein Pfosten mit einem rohen Holzschild, auf dem Worte geschrieben standen. Gandalf seufzte: "Dies sind Worte in der schwarzen Sprache. Ich kann sie lesen, doch ihr Sinn ist mir dunkel. Sie besagen:
HOITE ZERVIHREN VIR AHDLA - ZHAZHLIKH!
aber ihre Bedeutung kann ich nicht ergründen. Nichts Gutes für uns, vermute ich."
Legolas ließ den Kopf hängen und sagte kein Wort.
* * * * * * *
Je weiter die Gefährten nach Süden zogen, umso aufmerksamer wurden sie. Die Begegnung mit den Orks hatte sie vorsichtig gemacht. Gandalf und Aragorn warnten auch vor Tieren, die als Späher des Feindes dienen mochten, vor allem vor den schwarzen Krähen, die gelegentlich in Schwärmen auftauchten und vor denen sie jedesmal schnell in Deckung gingen. Von den Adlern sahen sie nichts.
Seit einigen Tagen hatte Frodo eine Veränderung in Sams Verhalten festgestellt. Er wirkte übermüdet, ja erschöpft und war manchmal abwesend und träumerisch. Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Frodo begann, ihn zu beobachten und stellte fest, daß Sam in der ersten Nachthälfte aus dem Lager verschwand. Wenn Aragorn von seinem regelmäßigen abendlichen Erkundungsgang zurückgekehrt war, zog Sam sich zum Schlafen zurück, doch als Frodo kurze Zeit später nachschaute, war sein Schlafsack leer. Ein bis zwei Stunden später kam Sam unauffällig zurück ins Lager, als ob er nur mal rasch austreten gewesen wäre. Er schwitzte und seine Kleidung war durcheinandergebracht. Als sich das an mehreren Abenden wiederholte, überlegte Frodo, ob er Sam darauf ansprechen sollte. Aber vielleicht wollte Sam ja niemanden wissen lassen, daß er abends joggen ging. Er war etwas empfindlich, was seine Leibesfülle betraf, und es stimmte schon, daß er von allen vier Hobbits das Training am nötigsten hatte. So beschloß Frodo, nichts zu sagen. Aber bald darauf stellte er fest, daß auch Merry und Pippin sich angewöhnten, nachts zu joggen, und sogar noch später als Sam. Merkwürdigerweise wirkte Sam nun nicht mehr so gestreßt wie zuvor. Kopfschüttelnd gab Frodo es auf, einen Sinn hinter den sportlichen Aktivitäten der Hobbits zu suchen. Sollten sie doch joggen, wann und wie sie wollten. Hauptsache er selber hatte seine 8 Stunden Nachtruhe. Und die brauchte er, denn er spürte die Bürde des Rings mit jedem Tag mehr, auch im körperlichen Sinne.
* * * * * * *
Kalt wehte der Wind, der vom Gipfel des Zirakzigil blies. Der große Adler, der auf einem Felsen, Hunderte von Metern über dem Schattenbachtal thronte, ließ sich von den Böen das Nackengefieder zerzausen und rührte sich nicht. Die Welt um ihn versank im Dunkel der hereinbrechenden Nacht, aber Landroval saß still. Er wartete auf ein Zeichen. Seine Aufmerksamkeit war auf die Berge im Osten gerichtet und so bemerkte er zu spät, daß sich links von ihm etwas bewegte. Ein Schatten, dunkler als die Nacht, näherte sich. Da knirschte ein Steinchen zur Rechten des Adlers und er warf seinen Kopf herum. Er hörte etwas durch die Luft zischen und breitete reflexartig seine Flügel aus, um zu entfliehen, doch das Wurfnetz schlang sich eng um seinen Körper und hinderte ihn. Von allen Seiten stürzten sich gedrungene schwarze Gestalten mit Keulen, Äxten und kurzen Schwertern auf ihn. Landroval war entsetzt. Noch nie solange die Welt sich drehte, hatten Orks es gewagt, einen Großen Adler anzugreifen. Dies war nicht nur ein Angriff, es war die Entweihung eines geheiligten Prinzips. Aber er hatte keine Zeit mehr zum Nachdenken, denn die Angreifer waren über ihm. Landroval kämpfte wie noch nie. Seine Flügel waren unter dem Netz fast nutzlos, aber mit dem Schnabel und den Krallen seiner kräftigen Fänge konnte er manchem Angreifer empfindliche, ja tödliche Wunden beibringen. Doch die Orks waren zu viele. Es gelang ihnen, das Netz an mehreren Stellen am Boden zu verankern, so daß Landroval immer weniger Bewegungsfreiheit hatte und den Schlägen und Stichen nicht mehr ausweichen konnte. Ein großer, kräftiger Ork mit einer Narbe quer über das Gesicht, der bisher abseits gestanden und die anderen befehligt hatte, verzog das Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. Er hob seine schwere Lanze und lief auf den Adler zu. Mit einem dumpf klatschenden Geräusch drang der schwarze Stahl tief in Landrovals Brust. Sein Körper verkrampfte sich. Seine Bewegungen wurden schwächer. Vergeblich versuchte er, die Lanze mit dem Schnabel zu fassen und herauszuziehen. Nun stießen, hieben und hackten die Orks mit vermehrter Kraft auf ihn ein. Als er sich kaum noch rührte, kletterte der große Ork am Netz hinauf, riß ihm die Federn aus dem Halsgefieder, bleckte seine gelben Fangzähne und zerfetzte dem Adler mit einem einzigen, kräftigen Biß die Luftröhre. Das letzte, was Landroval wahrnahm, war sein eigenes Blut, das aus dem Mund des Orks tropfte. Dann wurde alles schwarz.
"Zhau dir das an, Akhadrath!" meinte einer der Orks vorwurfsvoll zum Anführer. "Wir haben neun Leute verloren!"
Der große Ork wendete sich zu dem anderen und schmatzte widerlich mit den Lippen: "Aba es lohnt sich, Postdokh! Wartet nur, bis auch ihr vom Ahdla-Zhazhlikh gekostet habt!"
* * * * * * *
Am nächsten Vormittag durchquerten die Gefährten ein hügeliges Waldland. An einigen Stellen traten Felsformationen zu Tage und bildeten kleine Berge mit Tälern und Schluchten, so daß das Gelände sehr unübersichtlich war. Deshalb gingen Aragorn und Legolas als Kundschafter voraus. Die anderen folgten und hielten die Augen offen. Plötzlich erschien Legolas unter den Bäumen und hob warnend eine Hand. "Vor uns liegt der Eingang zu einer Schlucht, durch die ein alter Elbenpfad nach Norden führt. Wir haben dort ein seltsames, brummendes Geräusch gehört. Aragorn erkundet die Lage und wird uns dann berichten. Laßt uns auf ihn warten." Mit sorgenvollem Gesicht führte Gandalf die Gefährten in den Schatten einer von Gebüschen umstandenen Baumgruppe, die ihnen etwas Deckung bot.
Als Aragorn zurückkam, umspielte ein Lächeln seine Lippen. "Wir haben nichts zu fürchten," verkündete er. "Im Gegenteil, das wird eine lustige Begegnung. Kommt und seht selbst." Und zu Gandalf gewendet fügte er hinzu: "Ein Nagula." Sofort verschwanden Gandalfs Sorgenfalten und die vertrauten Lachgrübchen waren wieder da. "Ja, das könnte eine lehrreiche Begegnung werden," stimmte er zu.
Aragorn führte die Gefährten vorsichtig durch den Wald bis sie den Eingang zur Schlucht mit den Felswänden auf beiden Seiten erkennen konnten. Da hörten sie auch schon das laute Brummen:
"Hmmmdrrmmhmmmrrgghhhmmmdrrrhmm..."
Es kam von einer graubraunen Gestalt, die unter den Bäumen stand. Das Tier war von etwas über Menschengröße und ähnelte einem struppig behaarten, pummeligen Känguruh. Auf dem dicken Hals saß ein länglicher, eselartiger Kopf mit großen Glubschaugen, die mit stierem Blick in die Schlucht gerichtet waren. Zwischen den Ohren erhob sich die kleine Hirnschale als kaum wahrnehmbarer Buckel.
"Hmmm, durch diese Schlucht müssen sie kommen, jajaja..." grummelte der Nagula. "Hier kommen sie durch, hierhierhier. So steht es geschrieben, so steht es geschrieben. Auf der Sarcasm Page steht es geschrieben, jajaja..."
Aragorn gab den anderen ein Zeichen, stehenzubleiben. Er selbst zog lautlos sein Schwert und schlich sich ganz nah an den Nagula heran. Dann klatschte er dem Tier die Breitseite des Schwerts auf das dicke Hinterteil.
Die Reaktion war heftiger als Aragorn erwartet hatte. Das Ungetüm stieß einen schrillen Schreckensschrei aus und machte einen Satz zur Seite, wobei es mit dem Schädel gegen die Felswand prallte, taumelte eine Weile hin und her und faßte sich mit beiden Pfoten an den Kopf. Die Gefährten sahen nun, daß der Nagula eine Art pelzigen Beutel auf dem Bauch trug, aus dem eine Menge Pergamente, ein Tintenfäßchen und diverse Schreibfedern herausragten. Einige der Blätter flatterten zu Boden, eines davon landete direkt vor Frodos Füßen. Er hob es auf und überflog die feine Schrift: "... als die Schwarzen Reiter unter Führung des Hexenkönigs auftauchen und die Hobbits durch den Wald verfolgen. Frodo stellt fest, dass sie das Dorf Bree dem Erdboden gleichgemacht haben. Als der Hexenkönig mit einem Bannspruch auch das Haus ihres Freundes Tom Bombadil bedroht, will er entsetzt kehrtmachen und gegen sie kämpfen, doch an einem Berg namens Wetterspitze begegnet er einem Adligen namens Aragorn, der ihn überzeugt, in die Elbensiedlung Bruchtal weiterzuziehen".
"Was steht denn da, Frodo?" fragte Merry, aber Frodo war unfähig, einen Ton hervorzubringen. Sprachlos las er weiter:
"Die kleine Gruppe durchwatet den letzten Fluss zwischen sich und Bruchtal, als der Hexenkönig einen Bann über das Wasser ausspricht, worauf es ansteigt und alle zu ertränken droht. Lediglich Frodos rasche Reaktion rettet sie - er benutzt die Zauberkraft des Rings, damit alles Wasser zu Nebel verdampft. Der Nebel ist so dicht, dass die Schwarzen Reiter sich hoffnungslos verirren, sodass unsere Helden sicher nach Bruchtal gelangen."
War es das, was in späteren Zeiten einmal über sie erzählt werden würde? Würden zukünftige Generationen so über ihre Abenteuer lesen? Frodo fühlte, wie sich sein Magen umdrehte. Krampfartig beugte er sich vor und erbrach sich direkt auf die Manuskriptblätter, die von der ätzenden Flüssigkeit langsam zerfressen wurden. Nur am oberen Rand blieb der Schriftzug "Michael Nagula - Tolkiens Welt" und am unteren Rand die Aufschrift "Droemer Knaur Verlag" erhalten. Frodo trat auch diese Reste in den Staub und war sich doch in der Tiefe seines Herzens sicher, daß dies nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit gewesen sein konnte.
Nachdem er sich den Mund abgewischt und einen Schluck aus seiner Wasserflasche genommen hatte, wendete er sich dem Nagula zu, der inzwischen, von den Gefährten umringt, mit dem Rücken an der Felswand stand und mit seinen Glotzaugen von einem zum anderen schaute. "Aber.. aber... aber..." stammelte der Nagula, "Die neunzehn Gefährten, die Gemeinschaft des Rings, das seid doch ihr, oder?" Sein Blick schweifte über die Gesellschaft. "Wieso seid ihr denn nur neun...?" fragte er verwirrt.
"Kann es sein, daß Ihr falschen Informationen aufgesessen seid, o edler Nagula?" fragte Boromir sarkastisch. Er hatte eben ein paar Manuskriptseiten durchgelesen und festgestellt, daß er selbst im Nagula-Buch völlig unterrepräsentiert war.
"Niemals... niemals..." versicherte der Nagula und versuchte halbherzig, ein paar der verstreuten Blätter einzusammeln, doch Merry und Pippin waren schneller und scheuchten den Nagula hin und her, indem sie abwechselnd mit den Papieren raschelten. Schließlich blieb das Beuteltier mit rollenden Augen erschöpft hocken und ließ es widerstandslos geschehen, daß Gandalf ihm mit den Worten "Komm, mein Junge, das nehme ich. Das ist bei uns besser aufgehoben," auch die restlichen Pergamente aus dem Beutel zog.
Sie ließen das tumbe Tier, das nur noch den Kopf schüttelte und vor sich hin grummelte, am Eingang zur Schlucht sitzen und setzten ihren Weg fort. Gandalf verteilte die Blätter und sie ließen sie reihum gehen, damit jeder etwas zu lesen hatte.
"Was für ein Wesen ist dieser Nagula eigentlich?" fragte Pippin. "Er kam mir vor wie die verkörperte Dummheit."
"Eine Beschreibung, die manchmal auch auf dich zutrifft, Peregrin Took," entgegnete Gandalf. "Aber du hast nicht ganz Unrecht. Ein Nagula ist ein bemitleidenswertes, vom Ehrgeiz zerfressenes Tier, dem die Fähigkeit abgeht, selber etwas Schriftstellerisches zu leisten, und das deshalb zum Plagiator wird. Leider fehlt ihm die Intelligenz, um erkennen zu können, welche Sekundärquellen zuverlässig sind und welche nicht. Und ihm fehlt die Selbsterkenntnis, um sich auf Tätigkeiten zu beschränken, für die es geeignet ist - nicht daß es da sehr viele gäbe..."
"Arwen wird als Undómeniel bezeichnet, [S. 153]" empörte sich Aragorn, "ich sterbe durch eigene Hand, bin also ein Selbstmörder, und mein Leichnam bleibt lange Zeit unbestattet [S. 157]! Oh Eru, was für ein Schrott!" Boromir klopfte ihm teilnahmsvoll auf die Schulter: "Nur nicht aufregen, Dúnadan. Einfach den Ignorier-Button im eigenen Kopf drücken."
Der Zauberer schmunzelte und zog an seiner Pfeife. "Viele Manuskripte, die veröffentlicht werden, verdienen ein kritischeres Lektorat. Und manche, die abgelehnt werden, verdienen die Veröffentlichung. Könnt ihr sie ihnen geben? Dann seid auch nicht so rasch mit euren negativen Rezensionen bei der Hand. Ihr müßt das Ganze von der heiteren Seite sehen. Ohne den Nagula hätten wir nie erfahren, daß wir von bösen Mächten in den finsteren Wald von Lothlórien getrieben werden, wo uns die schöne, aber verruchte Königin Berúthiel gefangen nimmt und uns ihre gute Schwester Galadriel aus dem Kerker befreit... [S. 114]"
"Also, meine Lieblingsstelle ist das Stück, wo der Hexenkönig das Haus von Tom Bombadil abfackelt, [S. 113]" rief Merry.
"Und mir gefällt die Stelle, wo Merry zum Junker des König Théoden ernannt wird, nachdem er in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern zusammen mit seiner Schildmagd Éowyn den Hexenkönig von Morgul erschlug, [S. 235]" tönte Sam.
"Ob es Menschen gibt, die so etwas wirklich lesen wollen?" überlegte Legolas.
"Du wärst überrascht, worauf Menschen so reinfallen," sagte Gimli. "Ja, das ist eine sehr reale Gefahr. Wenn wir längst tot und vergessen sind und keiner mehr lebt, der sich an unsere Abenteuer erinnert, dann wird man sie - wie das große Legenden so an sich haben - immer weiter ausschmücken und verändern. Und warum auch nicht? Ich bin zufrieden, wenn zu meinen Lebzeiten mein Bart und meine Axt richtig geschildert werden. Was später passiert - wen kümmert's? Vielleicht werden sie mir irgendwann zwei oder drei Äxte mehr andichten oder aus Boromirs Tröte ein edel verziertes Horn machen, vielleicht stellen sie Sam und Frodo als schwules Liebespaar dar, wer weiß?"
Bei den Worten "schwules Liebespaar" warf der blonde Elb einen raschen Seitenblick auf Gimli und in seinen Augen blitzte es auf. Aber er sagte nichts. Gimli hatte den Blick wohl bemerkt, ließ sich aber nichts anmerken.
Aragorn setzte die Spekulationen fort: "Vielleicht wird man unsere Wanderung dramatisieren, uns eine Besteigung des Caradhras oder eine Durchquerung von Khazad-Dûm unterstellen."
Gandalf lächelte. "Oh, jetzt übertreibst du aber.
Soo schlimm wird es sicher nicht kommen. - Nehmt die Blätter alle mit, sie
werden uns noch gute Dienste leisten."
Der Zerfall des Bundes
Zahlreiche Hulstbäume, die in den Wäldern und Tälern immer häufiger auftraten, je weiter sie nach Süden kamen, zeigten den Gefährten in den nächsten Tagen, daß sie nun das Land Hulsten erreicht hatten. Die glänzenden, immergrünen Blätter verliehen den sonst kahlen Wäldern einen frühlingshaften Anstrich, das Wetter blieb freundlich und die Hobbits fühlten sich fast wie auf einer Wanderung im Auenland. Nur das abendliche Bad und das prasselnde Kaminfeuer vermißten sie sehr. Das hohe Gebirge, das man noch immer im Osten liegen sah, wirkte fremdartig und ein wenig bedrohlich auf sie.
"Haben wir unser Ziel erreicht, Gandalf?" fragte Frodo. "Und was werden wir jetzt tun?"
"Wir werden noch eine Strecke weiter nach Süden gehen," entgegnete der Zauberer. "Hulsten ist ein schmaler Landstrich, der sich weit von Nord nach Süd erstreckt. Ich möchte einen der größeren Hügel in der Mitte des Landes erreichen, von dem aus man eine gute Aussicht nach allen Seiten hat. Dort wird sich am ehesten ein Adler einfinden."
Am nächsten Tag konnten sie einen dieser Hügel in der Ferne sehen und hielten darauf zu. Das Wetter war sonnig und es sangen tatsächlich einige Vögel, so als ob sie damit den Frühling herbeirufen könnten. Ein paar Eichhörnchen tollten an den Waldrändern herum und auf einer Wiese beobachtete Merry zwei langschwänzige Nager, die sich gegenseitig umkreisten. "Was machen denn diese Ratten da drüben?" wunderte er sich. Sam und Pippin blieben stehen und schauten ebenfalls zu. An einer ebenen, offenen Stelle, die wie eine Arena anmutete, trugen zwei große, häßliche Ratten einen Zweikampf aus. Jede versuchte, die andere an der Kehle zu packen, aber vergeblich, denn beide waren zu geschmeidig und zu schleimig und beide kannten dieselben schmutzigen Tricks.
"He, ihr da!" rief Sam. "Was macht ihr da?"
"Ich bin Shroeda," grollte die eine Ratte, "und ich bin hier der Boss!"
"Und ich bin Stoiba," zischte die andere, "und ich bin der Boss hier!"
Da kam eine dritte Ratte auf die Wiese stolziert. Sie sah etwas räudig aus, trug aber eine modische Frisur und ein breites, fotogenes Dauergrinsen im Gesicht. "Ich bin Vestavella und ich bin sowieso der Allergrößte hier," flüsterte die Ratte heiser. Shroeda und Stoiba hielten sich die Bäuche vor Lachen. Vestavella kratzte sich den verlängerten Rücken und hörte gar nicht mehr auf damit. "Was hat er denn?" fragte Schroeda. "Wahrscheinlich Flöhe," feixte Stoiba. Vestavella kratzte und kratzte. An einigen Stellen trat schon Blut aus, so sehr hatte er sein Fell bearbeitet. Aber dann zog er sich auf einmal eine riesige, fette Laus aus dem Pelz. "Hab ich dich endlich, Moellaman!" freute sich Vestavella, führte den unglücklichen Moellaman zum Mund und ließ ihn mit einem knackenden Biß zwischen seinen gutgepflegten Jacketkronen verschwinden. Während er mampfte, kaute und schluckte, schauten sich Shroeda und Stoiba mißmutig an. Das Lachen war ihnen vergangen. "Und s'ist trotzdem kei Konkurrenz," beharrte Stoiba. "Das werden wir sehen," murmelte Shroeda. In diesem Augenblick stieß der Bussard, der schon seit geraumer Zeit über ihnen gekreist war, blitzartig herab, packte den noch immer kauenden Vestavella und trug ihn davon. Man hörte ein langgezogenes, dünnes Quieken, dann war es wieder still. Schroeda und Stoiba kauerten dicht aneinandergedrängt im Gras und zitterten.
"Laßt euch das eine Lehre sein," ermahnte sie Merry. "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Vierte über den Dritten ... oder so ähnlich. Na, jedenfalls: achtet in Zukunft ein bißchen mehr auf euer Publikum!"
Damit überließen die Hobbits die verdatterten Ratten wieder ihrem Duell und liefen den Gefährten hinterher, die sich schon gewundert hatten, warum sie zurückgeblieben waren.
* * * * * * *
Am Spätnachmittag waren sie am Fuße des Hügels angekommen, der ihr Ziel war. Auf der Südseite floß ein Bach durch ein kleines, buschbestandenes Tälchen. "Schau nur, Sam," sagte Frodo. "Dieser Platz erinnert mich an eine Stelle im Grünbergland, wo ich mal Pilze gesucht habe. Ob wir heute hier übernachten?"
In diesem Moment rief Gandalf laut: "Seht!" und zeigte zum Himmel. Über der Kuppe des Hügels kreiste ein riesiger Greifvogel. Noch nie hatten die Gefährten einen Adler wie diesen gesehen. "Das ist Gwaihir, der Herr des Windes," sprach Gandalf und seine Augen leuchteten auf. "Laßt uns zu ihm gehen."
Auf dem flachen Gipfel des Hügels standen krüppelig gewachsene, vom Sturm gebeugte Eichenbüsche, die eine Grasfläche umschlossen. Dort erwartete sie der Adler. Er war gigantisch und beeindruckend. Den Hobbits erschien er wie ein Wesen aus einer älteren, längst vergangenen Welt.
"Sei gegrüßt, Gandalf!" sprach er. "Ich habe Elronds Nachricht erhalten. Ich weiß von eurem Auftrag und ich kenne eure Namen. Ich werde euch helfen. Aber es ist eine schlimme Zeit und die Adler sind zum erstenmal in großer Gefahr. Wir werden angegriffen. Ja," wiederholte er, als er Gandalfs ungläubigen Blick sah, "Ja, es gibt eine Macht in Mittelerde, die selbst vor den Großen Adlern nicht Halt macht. Einige meiner Brüder sind in den letzten Wochen spurlos verschwunden. Wir wissen nicht, was ihnen zugestoßen ist und sind in größter Sorge." Legolas blickte zu Boden und versuchte, sich ganz, ganz klein und unauffällig zu machen.
"Was immer hier vorgeht," sagte Gandalf, "Wir müssen rasch handeln, sonst ist es zu spät. Tritt vor, Frodo, und hole den Ring heraus."
Als Frodo alle Augen auf sich gerichtet fühlte, überkam ihn ein merkwürdiges Widerstreben. Langsam zog er die Kette mit dem Ring unter seiner Kleidung hervor, zog sie über den Kopf und nahm den Ring von der Kette. Gandalf spürte seinen Kampf gegen sich selbst. "Es ist zu unser aller Nutzen, Frodo. So wie Bilbo den Ring weitergeben mußte, als die Zeit dazu gekommen war, so bist auch du hier am Ende deines Weges als Ringträger. Der Ring muß weitergegeben werden. Gib ihn Gwaihir. Er wird ihn zum Orodruin bringen und zerstören, dann bist du deine Bürde los."
Langsam, sehr langsam streckte Frodo seine Hand mit dem Ring aus.
"Ihr wollt mich be-ringen?" fragte Gwaihir kopfschüttelnd. "In ganz Mittelerde gibt es noch keine Vogelwarten. Weißt du, daß du deiner Zeit um mehrere tausend Jahre voraus bist, Olórin?"
"Ich halte es für das Beste, wenn du ihn ansteckst, Gwaihir." entgegnete Gandalf. "Dann kannst du ungesehen von verräterischen Augen Mordor erreichen."
"Nun gut," meinte Gwaihir, hob einen Fuß und streckte Frodo seinen Mittelzeh entgegen. Zögernd schaute Frodo ihn an, dann schob er ihm langsam und immer noch innerlich widerwillig den Ring auf die Kralle. Gwaihir wurde unsichtbar und Frodo trat zurück.
Man hörte ein lautes Flattern und spürte einen Luftzug, dann wurde es wieder ruhig.
"Da schwebt er dahin," sagte Gandalf, zum Himmel aufblickend.
"Wo?" fragte Gimli, den Kopf hin und her wendend. "Kannst du ihn denn sehen, Gandalf?"
"Nein, mein guter Zwerg, sehen kann ich ihn nicht," meinte der Zauberer, "Aber mein Gefühl sagt mir, daß er auf dem Weg ist."
"Ähem," hüstelte es neben ihnen, so daß sie erschreckt zusammenfuhren. "Ich widerspreche dir nur ungern, Gandalf, aber es scheint da ein paar technische Probleme zu geben." Damit zog Gwaihir den Ring von der Kralle und wurde wieder sichtbar. "Mit diesem Ring am Finger kann ich nicht abfliegen! Er macht mich flugunfähig."
"Wehe!" rief Gandalf entsetzt. "Dann sind all unsere Pläne zunichte! Bist du auch ganz sicher, Gwaihir, daß dies die Wirkung des Ringes ist?"
"Ich bin mir ganz sicher, Gandalf. Leider. Es kommt vom Ring. Ich spüre es genau. Mit diesem Ding am Finger - äh, am Zeh - kann ich nicht essen und nicht trinken, nicht verdauen und mich nicht paaren - und auch nicht fliegen."
"Wie interessant," meinte Gandalf mit einem Seitenblick auf Frodo. "Daß der Eine Ring impotent macht, ist schon öfters vermutet worden. Hier scheint sich das zu bestätigen. Die Großen Adler reagieren anscheinend besonders empfindlich auf den Ring. Aber Gwaihir, mein Freund, wie wäre es denn, wenn du ihn nur umhängst?"
"Das könnten wir versuchen," stimmte der Adler zu. "Habt ihr eine Kette in passender Größe? Die von Frodo wird mir zu klein sein."
Eine Kette war nicht zu finden, aber Aragorn hatte einen passenden Lederriemen, an den der Ring gehängt und der Gwaihir um den Hals gelegt wurde.
"Nun, wie fühlst du dich jetzt?" fragte Gandalf.
"Gut, sehr gut," entgegnete der Adler. "Der Ring kommt mir schwerer vor, als er aussieht, aber ich kann das Gewicht dennoch tragen. Ich denke, so kann ich starten."
"Halt!" rief da eine befehlende Stimme. Frodo trat entschlossen nach vorne, Sting in der Faust und auf Gwaihir gerichtet. "Gib ihn mir zurück!" stieß er zwischen zusammengepreßten Zähnen hervor. Ein unheimliches Funkeln glühte in seinen Augen.
Gwaihir hob arrogant eine Augenbraue. "Ähm, lieber junger Freund," entgegnete er gönnerhaft, "steck lieber dein Messerchen weg, bevor du dich schneidest. Du kannst mich damit nicht ver-"
Blitzschnell zuckte Frodos Klinge vor – ein Ruck – und Gwaihirs Kopf fiel, sauber vom Rumpf getrennt, zu Boden. "-letzen" hauchte er noch, dann wurden seine Augen starr. Sein Körper stand noch ein paar Sekunden aufrecht, dann knickte er langsam ein und brach zusammen. Eine Blutlache breitete sich aus. Die Gefährten waren wie gelähmt vor Schreck.
Frodo hatte den Ring an sich genommen und wieder um den Hals gehängt, bevor Gandalf einschreiten konnte. Groß und drohend stand der Zauberer vor dem Hobbit, zögerte aber, Gewalt anzuwenden. "Was hast du getan, Frodo?" rief er mit anklagender Stimme. "Du hast Gwaihir getötet!"
"Er hatte meinen Ring genommen," flüsterte Frodo. "Ich mußte ihn wiederhaben. Meinen Ring. Meinen Schatz."
Gandalf schloß die Augen und sein Gesicht nahm einen
schmerzlichen Ausdruck an. "Das ist das Ende," dachte er bei sich.
"Meine Mission ist gescheitert. Der Ringträger steht jetzt unter der Macht
des Ringes und ich kann ihn nicht mehr erreichen. Jetzt muß er seinen Kampf
alleine kämpfen - solange er noch kämpfen kann. Das wird ein einsamer Weg für
ihn werden. Und wer kann sagen, wie er enden wird?"
Special
thanks für Anregungen verschiedener Art
an Cadrach für die "Bären-Luthien"-Geschichte,
an Thror für den "Zahnärzte in Mittelerde"-thread,
an die Leute von r.a.b.t., die den LotR-e-text schreiben,
an M. Nagula und das hocheffiziente Lektorat des
Droemer-Knaur-Verlages
Wörtliche Zitate in pink stammen aus:
Michael
Nagula (2001): Tolkiens Welt. Von A wie Auenland bis Z wie Zauberberg. Alles
über den Schöpfer des Herr der Ringe und sein Werk. - Droemer Knaur. 416
S. ISBN 3-426-70249-5.
Achtung: Die berüchtigte Erstausgabe von Dezember 2001 mit den bizarren
Plagiaten, unter anderem von O. Sharps "Tolkien
Sarcasm Page" ist inzwischen vom Verlag zurückgezogen worden. Eine
"überarbeitete" 2. Auflage ist im Handel.
(Fortsetzung folgt; hoffentlich - wenn ich in den nächsten Monaten ein bißchen Freizeit erübrigen kann.)
Die Nebel lichten sich und ich blicke direkt in Galadriels wunderschöne Augen. Langsam nähert sie sich und haucht mir einen Kuß auf die Lippen...
RRRRIIINNGGGGG!!!!!! schrillt der Wecker. RRRRIIINNGGGGG!!!!!!
Ich schrecke hoch. Es ist sechs Uhr dreißig.
Ich blinzele durch meine vom Schlaf verquollenen Lider und blicke direkt in Galadriels wunderschöne Augen. Das Poster hängt genau vor meinem Bett und sollte mal ersetzt werden, denn Galadriels Mund ist von meinen vielen Küssen schon ganz verblaßt.
Der Wecker klingelt immer noch. Das Zifferblatt stellt einen Ork dar, sein Kopf ist die Glocke, darüber thront eine Gimli-Figur und trommelt mit seiner Axt im Stakkato auf die Glocke. Ich ziehe dem Gimli eins über und er hört auf, den Ork zu spalten. Es kehrt Ruhe ein.
Ich schlüpfe in meine Hobbit-Fuß-Hausschuhe (mit garantiert echtem Hobbitfußhaar), schlurfe ins Badezimmer und lasse mich auf dem Klo nieder. Gestern habe ich neues Klopapier gekauft. Auf den einzelnen Blättern ist abwechselnd der Kopf von Gollum, von Grishnakh, von Ugluk, und von Saruman aufgedruckt. Heute wische ich mich mit Ugluk ab. Er macht kein glückliches Gesicht.
Unter der Dusche singe ich wie jeden Morgen
"Ai! laurië lantar lassi súrinen,
Yéni únótimë ve rámar aldaron!
Yéni ve lintë yuldar avánier
mi oromardi lisse-miruvóreva
Andúnë pella, Vardo tellumar
nu luini yassen tintilar i eleni
ómaryo airetári-lírinen." ... undsoweiter, während ich den
köstlichen Duft nach Elanor und Niphredil einatme, den das
"Herr-der-Ringe-Shampoo, Duftnote Lórien" entfaltet. Ich muß
unbedingt auch mal die anderen Duftnoten ausprobieren: "Auenland. Mit
Wiesenblumen und Kräutern", "Gondor: Herb und männlich. Mit Weißem
Baum und Athelas", "Ithilien. Der Duft des Südens. Mit Thymian und
mediterranen Kräutern". Da fragt man sich, warum sie keine
"Mordor-Duftnote" herausbringen. Geruch nach Schwefeldämpfen und
Vulkanasche? Könnte man doch als heilende Mischung vermarkten. Ich würd's
jedenfalls kaufen, schon um die Serie vollständig zu haben.
Ich öffne das Spiegelschränkchen und überlege, welchen Ring ich heute tragen soll. Ich habe sie alle: die aus Plastik und aus billigem Metall, den aus Sterlingsilber und mehrere aus Gold, sogar den aus Platin. Ich entscheide mich für einen aus Gold mit der Inschrift nur auf der Innenseite - sieht aus wie ein Ehering. Im Spiegel bewundere ich meine HdR-Tattoos. Ich hebe den linken Arm, lasse den Bizeps spielen und Boromirs Brust hebt und senkt sich, während er in sein Horn bläst. Das gleiche mit dem rechten Arm, und Gimlis Axt zuckt im Zuschlagen auf und nieder. Der große, grüne Elbenstein, den ich neuerdings wie Aragorn auf der Stirn trage, ist einfach herrlich. Die Kollegen haben zwar anzügliche Bemerkungen gemacht, aber ein echter Fan läßt sich durch so etwas nicht beirren. Außerdem kann ich mir jederzeit die Haare drüber fallen lassen, wenn ich inkognito gehen will. Das nächste Tattoo ist schon in Planung. Mein Tätowierer hat zwar merkwürdig geguckt, als ich ihm vorschlug: ein zertretener Ork auf der rechten Fußsohle, aber gesagt hat er nichts. Er kennt mich allmählich. Und er verdient gut an mir.
In der Küche kocht bereits das Wasser in meinem neuen Topf. Das alte Geschirr war zwar schöner und besser verarbeitet, aber als ich "Sams Kochgeschirr, komplett in 12 Teilen, für nur DM 299,-" im Laden gesehen habe, konnte ich einfach nicht widerstehen. Dafür war "Bilbos Teegeschirr für eine Hobbit-Geburtstagsparty" in 150 Teilen ein echtes Schnäppchen. Ich mußte nur ein zusätzliches Küchenregal anschaffen, um alles unterzubringen. Während ich durchs Fenster die Morgensonne beobachte, überlege ich, wieviel schöner dieser Anblick doch durch ein rundes Fenster wäre. Dazu müßte dann auch eine runde Haustür gehören. Was wohl mein Vermieter dazu sagen würde? Ich habe gelesen, daß am Schönberg bei Freiburg exklusive Wohnungen in Hobbithöhlenart erstellt werden, in Süd- und Westlage in den Hang gegraben, mit vielen, hellen Fenstern, gut belüftet, so richtig gemütlich. Für mich leider finanziell unerschwinglich. Seufz.
Dann ist der Tee fertig. Ich sitze unter meinem metergroßen HdR-Filmposter und lasse meinen Blick durchs Zimmer schweifen, wo Alan-Lee-, John-Howe- und Ted-Nasmith-Bilder alle Wände bedecken und verweile kurz auf der lebensechten Frodo-Büste, die den Ehrenplatz in einer Wandnische einnimmt. Als ich die aufstellte, begann der Zoff mit meiner Freundin, weil ich dafür ihr Bild von der Wand nehmen mußte. Inzwischen ist sie ausgezogen. Manche Leute haben eben kein Gefühl für Prioritäten.
Ich blättere in der Fernsehzeitschrift und lege fest, was ich heute alles auf Video aufnehmen muß. Ein Film, bei dem der HdR-Kameramann vor 10 Jahren die Kamera geführt hat, und ein weiterer, bei dem der Beleuchter das HdR-Films beleuchtet hat. Die muß ich selbstverständlich haben, um mir eine Meinung über ihre Fähigkeiten bilden zu können. Ein Film, in dem ein Bruder eines Nebendarstellers aus dem HdR-Film mitspielt, ist ebenso wichtig, damit ich beurteilen kann, ob das Talent in der Familie liegt. Außerdem kommt noch ein Film mit Liv Tyler, aber den habe ich natürlich schon x-mal gesehen und in 2 Fassungen auf Video.
Eine dicke schwarze Fliege ärgert mich. Ich versuche sie mit HoME Band 12 zu erschlagen, bin aber nicht schnell genug. Sie umschwirrt mich und macht dabei kein Geräusch, wie ein Balrog. Das bringt mich auf eine Idee. Ich öffne meinen Waffenschrank und hole Glamdring heraus (1,20 m, echter Stahl, 1.350,- $). Aber jetzt mache ich einen Fehler. Ich stelle mich mitten ins Zimmer, schließe die Augen, hebe das Schwert und lausche (wie einst Luke Skywalker im ersten Star-Wars-Film). Dann summt es links von mir, ich hole aus und schlage zu. KRAAACH! SPLITTER! Ich öffne die Augen. Die Fliege habe ich zwar erwischt, ihre Einzelteile kleben an den Splittern, aber ich habe meine lebensgroße Aragorn-Statue geköpft! O Eru Iluvatar! So ein Unglück! Wahrscheinlich hat's daran gelegen, daß ich meinen Gandalfhut nicht aufgesetzt hatte. Das gute Stück hängt an der Wand und dort, wo das Sonnenlicht darauf fällt, fängt die himmelblaue Farbe an, zu einem häßlichen Grau zu verblassen. Ich muß mir unbedingt noch einen bestellen, zum täglichen Tragen.
Draußen sieht's ein wenig regnerisch aus, deshalb ziehe ich sicherheitshalber meinen grauen Elbenmantel an (von L'Orien in Paris, den Preis darf man gar nicht laut aussprechen). Der ist nicht nur schön warm, wenn es kalt ist und angenehm kühl, wenn es warm ist, er paßt sich auch farblich der Umgebung an (Mit der Lupe sieht man, daß Fäden aus reflektierendem Material eingewoben sind.) Sicherheitshalber stecke ich mir noch Stich in den Gürtel - wer weiß, vielleicht läuft mir ja wieder eine Spinne über den Weg. Ich fühle mich immer genau wie Sam, wenn ich ihnen die Schwertspitze in die Weichteile stoße. "Nimm das, du Ungeheuer!"
Bevor ich gehe, noch ein Blick in den Briefkasten. Welche Freude: die neuen Prospekte mit HdR-Klositzen sind eingetroffen. Darauf habe ich schon lange gewartet!
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Klobrille Frodo: "Hobbit's
Seat". Mit Auenland-Szenen verziert. In Hobbitgröße, auch für
Menschenkinder geeignet. Übergrößen (für erwachsene Menschen) gegen Aufpreis
erhältlich.
Klobrille Gandalf: "The Seat of the Wise". Wahlweise grau oder weiß, mit magischen Lichteffekten und meditativer Musik zur Förderung des Verdauungsvorgangs. Besonders geeignet für Langzeitsitzungen.
Klobrille Sauron: "The Ring of Fire". Aus echtem mordorischen Vulkangestein, rot-schwarz mit rauher, rissiger Oberfläche, von innen beheizt bis 80°C. Wer hält's am längsten darauf aus?
Klobrille Galadriel: "The Mirror of Galadriel". Im Design von Galadriels Spiegel. Mit hellseherischen Fähigkeiten: Schaut man hinein, dann kann man mit einigem Glück die vorangegangene Mahlzeit erkennen.
Spezialangebot:
goldene Klobrille "The One Ring" in der Form des Einen Rings. Setzt
man sich darauf, wird durch die Körperwärme nach einiger Zeit die
Ringinschrift sichtbar.
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Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an dem Schnellfreßrestaurant an der Ecke vorbei. Jetzt bieten sie Lembas-Burger™ und McMiruvor™ an. Das muß ich heute abend unbedingt mal ausprobieren. Jetzt aber schnell zur Uni, meine Studenten warten auf ihre Vorlesung über "Phantastische Literatur".
Liebes Tagebuch,
Heute hatte ich mal wieder einen sehr mittelmäßigen Tag. Endlich, ENDLICH hat mich dieser wahnsinnig gutaussehende, große, muskulöse Blonde, der morgens immer den selben Bus nimmt wie ich, mal angesprochen. Und was sagt er zu mir? Sagt er etwa: "Dein Arwen-Kostüm ist echt Spitze"? - Nein! Er sagt: "Ich wollte dich schon lange fragen, warum du immer in solchen Uralt-Klamotten rumläufst." URALT-Klamotten!!! So ein IGNORANT! So ein SPIESSER! An den werde ich jedenfalls keine feuchten Träume mehr verschwenden, sexy Grübchen hin oder her.
Der Vormittag verging ziemlich ereignislos. Ich hatte zwei Vorlesungen, dann bin ich zur Institutsbibliothek gegangen, wo ich stundenweise jobbe, zusammen mit meiner Freundin Susi. Wir haben die Abteilung "Science Fiction und Fantasy" neu katalogisiert. Typisch: die Tolkien-Bücher sind zur Zeit dauernd ausgeliehen, und es liegen schon wieder massenhaft Vormerkungen dafür vor. Wir haben einige Anschaffungsvorschläge für den Bibliotheksleiter geschrieben; das Institut hat zwar nicht viel Geld, aber acht oder neun zusätzliche Exemplare der Carroux-Übersetzung und des englischen Originals sollten schon noch her. Und ich schwör's: sobald die ausgeliehene Krege-Übersetzung wieder zurückgegeben wird, werde ich sie "aus Versehen" in den Reißwolf fallen lassen...
Gegen Mittag guckt Susi aus dem Fenster und wird ganz blaß. "Oh mein Gott! Was machen die denn da?" Ich dachte, ich sehe nicht recht. Gegenüber stehen zwei würfelförmige Uni-Gebäude, die im obersten Stock durch einen kurzen Übergang verbunden sind. Auf diesem Übergang tanzten zwei Figuren und fuchtelten mit Schwertern herum. Der eine hatte so was wie ein überdimensionales Gorilla-Kostüm an, der andere trug einen grauen Mantel, einen langen weißen Bart und einen spitzen, blauen Hut. Die Situation kam mir sofort bekannt vor. Wir haben das Fenster aufgemacht, Susi hat mir ihre Videokamera geliehen und durchs Teleobjektiv habe ich den mit dem Gandalfhut erkannt. Es war ein Dozent für Gegenwartsliteratur aus dem Seminar für Anglistik. Bei dem höre ich eine Vorlesung über "Phantastische Literatur".
Irgendwer hatte wohl die Feuerwehr alarmiert. Die haben ihren Wagen in die Gasse zwischen den Gebäuden gestellt und ihre lange Leiter ausgefahren. Ein Feuerwehrmann ist dann hinaufgeklettert, um die Streitenden zu trennen. Das hat aber nicht geklappt, denn sie sind beide auf ihn losgegangen, der "Gandalf" mit einem langen Schwert und der "Balrog" mit einer Peitsche. Der Feuerwehrmann konnte sich gerade noch zurück auf die Leiter retten und die wurde ganz schnell eingezogen.
Aus dem einen Gebäude sind ein paar Studenten aufs Dach gekommen und haben den Gandalf angefeuert. Jemand hatte auch noch die Polizei geholt, und die sind dann in dem anderen Gebäude aufs Flachdach gestiegen. Da standen dann acht Leute auf Gandalfs Seite der Brücke und auf der anderen Seite sind hinter dem Balrog finstere Gestalten ausgeschwärmt. Es wurde wirklich immer realistischer. JRRT hätte seine Freude daran gehabt. Der Balrog hat ein Fläschchen aus seinem Kostüm gezogen, sein Schwert damit übergossen und es mit 'nem Feuerzeug angezündet. Das qualmende Schwert in der einen und die Peitsche in der anderen Hand ist er auf die Polizisten losgegangen. Nachdem die sich in anfänglichem Schreck quer übers Dach verstreut hatten, haben sie sich formiert und ihn langsam auf die Brücke zurückgetrieben. Als auch der Gandalf gemerkt hat, daß er umzingelt war, hat er mit seinem Stab wie verrückt auf das Dach des Übergangs geklopft, aber außer daß der Stab dabei zerbrochen ist, passierte nichts. Als die Polizisten den Übergang betraten, sprang der Balrog mit einem lauten Schrei in die Tiefe - und landete unversehrt im Sprungtuch der Feuerwehr. Aus dem Sprungtuch wurde er sofort in eine Zwangsjacke überführt und in einen Krankenwagen geladen.
Inzwischen hatten die Bullen den Gandalf verhaftet, gerade als er Anstalten machte, dem Balrog hinterherzuspringen. "Flieht, flieht, ihr Narren!" rief er dauernd. Ein paar Minuten später brachten sie ihn unten zum Haupteingang raus. Als die Krankenpfleger mit der Zwangsjacke auf ihn zukamen, hat er sich plötzlich losgerissen, ist zum Parkplatz gespurtet, hat sich auf eine schneeweiße Harley geworfen und ist mit dem Schrei "Noro lim, noro lim, Asfaloth!" davongebrettert. Da wurde ich denn doch etwas unsicher: Gandfindel? Glordalf?
Ich habe jedenfalls alles auf Video.
Ich hoffe, die Vorlesung wird nächste Woche nicht ausfallen.
Später gingen zwei Polizisten von Haus zu Haus, die nach Zeugen des Vorfalls suchten, und Susi und ich haben uns gemeldet (Von dem Video haben wir ihnen natürlich nichts gesagt, denn das werden wir im HdR-Fanclub vorführen). Die Uniformierten waren total humorlose Typen, die einfach nicht einsehen wollten, daß sie zwei harmlose Rollenspieler gestört und zu Unrecht verhaftet hatten. Wir haben sie vor dem 19.12. gewarnt und Susi hat ihnen ausgemalt, wie Hunderte solcher Fans auf den Straßen auftauchen werden. Sie haben zwar alles gewissenhaft notiert, uns aber nur mit mitleidigen Blicken bedacht und haben sich dann schnell verabschiedet. Oh Mann, unsere Ordnungshüter sind ja sowas von literarisch ungebildet....
Auf unserem Zeitschriftentisch lag das Programm der Volkshochschule für das nächste Semester aus. Darin fand ich einige bemerkenswerte Kurse. Zum Beispiel: "Verhütung auf elbische Art mit Galadriels magischer Methode." Das hört sich interessant an. Wie mag das funktionieren? Vielleicht teilen sie ja bloß kleine Kästchen mit einer G-Rune darauf aus, und wenn man's aufmacht, liegt ein Kondom drin? Oder sie sagen dir: Kein Verkehr ist die beste Verhütung.
Oder hier: "Menstruieren nach den Mondphasen. Synchron mit dem Mond und im Einklang mit der Natur. Kursleitung: Galadriel." Klingt nicht schlecht. Ich wollte schon immer eine regelmäßigere Periode haben. Wie man das wohl hinkriegt? Aber wahrscheinlich muß ich dann aufhören zu rauchen oder irgendeine Meditation machen oder Veganerin werden.
Ein paar sehr ausgefallene Kurse sind diesmal dabei: "Wie lasse ich einen Istar quer durch ein Turmzimmer fliegen? Kursleitung: Saruman. Technische Assistenz: Peter Jackson." Pfff, wen interessiert denn sowas?
Oder dieses: "Geschlechtsumwandlungen im kinematografischen Bereich: Aus Glorfindel mach Arwen. Kursleitung: Peter Jackson und Philippa Boyens." Damit lockt man auch keinen Hund hinterm Ofen hervor.
Nach der Mittagspause hat Susi eine amerikanische Filmzeitschrift mitgebracht, in der es ein großes LotR-Preisausschreiben gab und alle, die gerade in der Bibliothek waren und sich mit LotR auskennen, haben sich darüber hergemacht. Die Preisfrage lautete: What was the Balrog's favourite melody? - Au weia!
Ganz spontan fiel mir da Silver Wings and Golden Rings von Billie Jo Spears ein, aber auf den zweiten Blick passen silberne Flügel nicht gut, und mit dem Ring hat das Vieh auch nicht so direkt was zu tun. Susi meinte, Black Wings von Tom Waits wäre eine gute Möglichkeit, aber Robert, der schwört, daß Balrogath keine Flügel haben, glaubte, es könnte nur Please Help Me, I'm Falling von Hank Locklin gemeint sein. Chrissie fand, da würde genausogut auch I Can't Help You, I'm Falling Too von Skeeter Davis passen, woraus sich eine Diskussion entwickelte, wer von den beiden Fallenden wem hätte helfen sollen. Robert vertrat entschieden seinen "flügellosen" Standpunkt (Flying Without Wings), während Anna meinte, der Balrog hat zwar Flügel, benutzt sie aber nicht (Wings Won't Let Me Fly von Stoeyville). Kurt war sich nicht sicher, ob Balrogflügel sichtbar, schattenhaft oder unsichtbar sind (Invisible Wings von Touchstone) und nannte auch noch Shadows of the Angel's Wings von John Stewart, aber keiner von uns mochte das Biest als "Engel" anerkennen. Und selbst wenn - There's No Wings on My Angel von Eddy Arnold. Chrissie als Oldies-Liebhaberin entschied sich schließlich für I've Got a Feeling I'm Falling von Louis Armstrong. Ein neuer Student, den ich nicht kannte, meinte All God's Chillun Got Wings von Fats Waller, aber dann hätten ja auch Gandalf und die anderen Flügel haben müssen. Doro betonte die Waffe, die Gandalf zum Verhängnis wird (Whip It von Devo), und ehrlich gesagt habe ich schon immer den Verdacht gehabt, sie steht nicht nur auf Lack und Leder, sondern auch auf Peitschen. Susi schlug noch Born to Be Wild von Steppenwolf vor, und für den letzten Kampf auf dem Gipfel des Zirak-Zigil Über den Wolken von Reinhard Mey, fand aber doch The Difference Between Flying and Falling von Gameface am passendsten. Mario entschied sich für Engaged in Demonic Velocities von den Flying Luttenbachers, und ich blieb schließlich bei Mastering the Art of Falling Down von den Aqua Velvets. Robert erinnerte sich noch an einen anderen Tom-Waits-Titel, Wind Beneath My Wings, aber wo sollte in dieser Spalte in Moria wohl der Wind herkommen. Dafür paßt Learning To Fly von Tom Petty sehr gut auf den Balrog ("I'm learning to fly, but I ain't got wings. Coming down is the hardest thing..."). Wir machten 28 Kopien von der Teilnahmekarte (Einsendeschluß: 19.12. - ein Datum, das man nicht vergißt) und waren erstaunt, daß der Nachmittag schon fast vorüber war. Mal sehen, ob einer von uns gewinnt.
Auf dem Heimweg bin ich bei meinem Stammkino vorbeigegangen und habe mich zum vierten oder fünften Mal - sicher ist sicher - in die ausgelegte Liste zur Sofort-Benachrichtigung über den Kartenvorverkauf für den Herr-der-Ringe-Film eingetragen. Das Kino garantiert, daß man 2 Tage bevor der Vorverkauf beginnt per e-mail, per Telegramm und per Telefon benachrichtigt wird - die Kosten dafür muß man selber tragen. Dann kann man sich rechtzeitig 48 Stunden vor dem Kartenverkauf anstellen. Auf dem Bürgersteig haben sie schon mit Kreide eingezeichnet, wie die Warteschlange verlaufen soll, damit es keine Verkehrsbehinderungen gibt. Für diese 2 Tage wird der normale Fußgängerverkehr sicherheitshalber in eine andere Straße umgeleitet. Es wird schon eng: ein paar Fans haben bereits alte Bettgestelle und Klappstühle vor dem Kino deponiert.
Jetzt noch ein kurzer Einkauf und dann nach Hause. Unsere Wohnung ist urgemütlich und wird einer Hobbithöhle immer ähnlicher. Wenn mein Freund nicht gerade an runden Fenstern oder Türen bastelt, dann sucht er auf Flohmärkten und in Antik-Shops nach passenden Möbeln und sonstiger Ausstattung. (Über meine Enttäuschung mit dem Blonden im Bus werde ich ihm natürlich nichts erzählen, das ist schließlich meine Privatsache.)
Am Abend kam er dann. Er heißt Hubert aber ich nenne ihn Aragorn, was ihm vor seinen Freunden immer ganz peinlich ist. Wenn die wüßten, daß ich im Bett Elessar zu ihm sage. Und manchmal sogar "Mein Gebieter". Dann wird er immer so niedlich rot. Am ganzen Körper.
Aber neulich habe ich mich doch sehr über ihn geärgert. Ich hatte ein paar Sachen aus dem neuen Beate-Udûn-Katalog bestellt, darunter auch den RING. Die Beschreibung hatte mich neugierig gemacht: Der Ring, den Sie auf Ihren Einen stecken können. Mit magischen Schriftzeichen, die einem elbischen Fruchtbarkeitsritual entstammen. Übersetzt lauten sie: "Möge der Träger dieses Rings wachsen und gedeihen, möge er aufrecht und stolz seine Aufgabe verrichten, möge er weder Dunkelheit noch Feuchtigkeit fürchten, möge er unermüdlich und ausdauernd schaffen zur gemeinsamen Freude und Beglückung aller Beteiligten". Mußte ich natürlich sofort haben. Und dann hat Aragorn sich doch tatsächlich geweigert, den Ring anzustecken ...äh... überzustülpen. Behauptete, das wäre seinem Einen zu eng. Dabei ist der Ring doch aus Gummi. Na, ich werde ihn irgendwann schon überreden. Heute hat er es auch ohne Ring dreimal hintereinander geschafft.
Er plant jetzt schon für Sylvester. Gestern kam er an mit einer ganzen Kiste Gandalf-Feuerwerkskörper, die er zu einem Wucherpreis erstanden hat. Aber er meint, nach dem 19. Dezember steigen die Preise in astronomische Höhen, denn jeder wird die Gandalf-Raketen haben wollen. Dann hoffe ich nur, daß sie so schön sind wie im Film. Auf Sylvester - oder vielmehr Yule - freuen wir uns schon. Wir wollten dieses Jahr statt Bleigießen mal Mithrilgießen machen, konnten aber nirgends Mithril auftreiben. Wahrscheinlich ist das sowieso so teuer, daß man sich's gar nicht leisten kann. Und hat einen so hohen Schmelzpunkt, daß man eine ganze Zwergenschmiede dafür braucht.
Aragorn wollte zum Abendessen unbedingt wieder Lembas haben, deshalb hatte ich alles Nötige eingekauft. Seit ich das Originalrezept von einer guten Freundin bekommen habe, die letztes Jahr in Neuseeland Urlaub machte und dabei einen Typ vom Film kennenlernte, sind alle meine Freundinnen deswegen hinter mir her. Aber ich verrat's nicht! *g* Jedenfalls sind die Lembas jetzt immer der Renner auf meinen Parties. Und das Schönste ist: sie machen überhaupt nicht dick, wieviel man auch davon ißt! Es gibt neuerdings auch Fertig-Lembas von Knorr, aber die sollen nicht besonders gut sein, wie ich gehört habe. Sind zwar einfach zu machen ("15 Minuten bei 180° im Umluftofen oder bei 200° im Backofen und Sie können eine exklusiv-exotische elbische Köstlichkeit genießen") aber Susi meinte, die sind gar nicht zu vergleichen mit meinen selbstgemachten, nicht so locker, und man müßte auf jeden Fall noch nachwürzen. Ganz zu schweigen von den ekelhaften Lembas-Burgern™, die's jetzt bei Micky D's gibt...
So, liebes Tagebuch, mein Aragorn schläft jetzt und ich werde auch gleich das Licht ausmachen. Mal sehen, ob ich Ruhe finde. Gestern vor dem Einschlafen quälte mich noch lange die Frage: Welche Inschrift steht wohl auf dem Ring, der in Liv Tylers gepierctem Bauchnabel steckt?
Aus dem Polizeibericht:
Beweismittel verschwunden
Gestern wurde auf dem Flachdach des Seminars für Anglistik ein
Ruhestörungsdelikt in Tateinheit mit Erregung öffentlichen Ärgernisses und
Widerstands gegen die Staatsgewalt begangen. Die beiden unbekannten Täter, von
denen einer noch flüchtig ist, waren bei der Tat aus dem gegenüberliegenden
Bibliotheksgebäude von zwei Amateurfilmerinnen auf Video festgehalten worden.
Bei der Befragung durch Polizeibeamte stritten Arwen Bruchtaler und Susi Strolch
jedoch ab, daß ein solches Band existiert.
Heute Nacht wurde ein Einbruch in der Bibliothek begangen, bei der eine
Videokamera einschließlich der eingelegten Bandkassette entwendet wurde. Die
Kamera konnte in der Nähe des Gebäudes aufgefunden werden, das Band fehlte.
Der Verdacht richtet sich gegen den flüchtigen Ruhestörer (Fahndungsname:
"Gandalf"). Aber auch bei erneuter Befragung war Arwen Bruchtaler
nicht bereit, Angaben zu seiner Identität zu machen.
Oh Mann, wir HdR-Fans haben's wirklich nicht leicht. Das habe ich heute erst wieder gemerkt.
Morgens im Zug saß mir ein Typ gegenüber, der trug ein HdR-T-Shirt. Ich hab ihn natürlich sofort auf den Herrn der Ringe angesprochen und wir kamen ins Gespräch. Aber ich merkte bald, daß ich's mit 'nem Banausen zu tun hatte. Behauptet der Typ doch glatt, Aragorn hätte die Nazgûl auf der Wetterspitze gar nicht angezündet! Er hätte sie nur mit einer Fackel vertrieben, ohne sie anzurühren. So ein Vollidiot! Ich hab ihn gefragt, wann er den Film zuletzt gesehen hat und er hat nur gesagt "Was denn für ein Film? Ich rede vom Buch." Na das sagt doch schon alles: Kennt den Film nicht, sondern nur das Drehbuch und glaubt, trotzdem große Töne spucken zu können. Unglaublich!
'Ne halbe Stunde lang hat er über so 'nen Typen gequatscht, der im Herrn der Ringe gar nich vorkommt, einen gewissen Bombastodildo oder so ähnlich. Die Wanderung vom Auenland nach Bree - Brii hat er's ausgesprochen, wie 'nen französischen Käse - also, diese Nachtwanderung soll angeblich mehrere Tage gedauert haben. Da kam der Typ so richtig ins Fantasieren: "Alter Wald" - "Old Man Willow" - "Hügelgräberhöhen" - "Grabunholde" - der hat Geschichten erzählt, die waren so abartig, daß sie schon fast wieder aus 'm Herrn der Ringe hätten sein können. Aber irgendwie war er mir unsympathisch, wie er mich über den Rand seiner Brille angesehen hat, als ob ich und nicht er ein Geisteskrüppel wäre. An der nächsten Station hab ich so getan, als müßte ich aussteigen und bin in einen anderen Wagen gewechselt. Ich muß mich doch nich von so 'nem Proleten vollabern lassen, der seine Weisheit nur aus Büchern bezieht. Ich hab den Film mindestens fünfundzwanzigmal gesehen. Mit meinen eigenen Augen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich kenn mich aus.
Und dann war ich abends im Internet surfen, in meinem Lieblingsforum, wo es um den Film geht. Auch dort treiben sich ein paar wunderliche Typen rum, die einfach nicht erkennen können, daß PJ der Regisseur des Jahrhunderts und FotR der beste Film aller Zeiten ist. Natürlich lese ich dieses schwachsinnige Genörgel gar nicht erst, sondern sage ihnen gleich meine Meinung. Mit solchen Leuten kann man nicht diskutieren. Man kann ihnen nur ihre Beschränktheit immer wieder vor Augen führen.
Also nehmt euch in acht, Leute. Da draußen gibt es sogenannte Fans, die haben wirklich von nichts und niemand eine Ahnung.
Vorbemerkung: Der folgende Text wurde durch eine der üblichen Diskussionen zum Thema "Der Film wird gut egal wie er wird <---> der Film wird schlecht weil er sich nicht ans Buch hält" im HdR-Film-Forum inspiriert. Ganz sicher hätte Tolkien im wirklichen Leben niemals so eine nachsichtige Haltung gegenüber einer LotR-Verfilmung eingenommen wie hier beschrieben - man denke nur an die Verachtung, mit der er das (zugegeben jämmerliche) Zimmerman-Skript überschüttete und mit der er alles, was aus Hollywood kam, unter dem Oberbegriff "Disney" (für ihn ein Schimpfwort) abkanzelte. Ich fand es aber lustig, darzustellen, wie sich eine Romanfigur gegen ihren Schöpfer wendet und von diesem zurechtgewiesen wird. Persönlich kann ich mich in dieser Geschichte am besten mit Gandalf identifizieren.
Die Reihen der Orks hatten sich geöffnet, und sie wichen zurück, als ob sie selbst Angst hätten. Irgend etwas kam hinter ihnen heran. Was es war, konnte man nicht sehen: es war wie ein großer Schatten, in dessen Mitte sich ein dunkler Umriß abzeichnete, von Menschengestalt vielleicht, doch größer; und kreative Macht und literarische Größe schienen in ihm zu sein und ihm voranzugehen.
Es kam an den Rand des Feuers, und dessen Schein verblaßte, als ob sich eine Wolke darüber legte. Dann sprang es über den Spalt Die Flammen loderten auf, um es zu grüßen, und schlängelten sich darum; und ein schwarzer Rauch wirbelte durch die Luft. In seiner rechten Hand war ein altes, zerfleddertes Manuskript; in der Linken hielt es eine Pfeife, aus der dichter Rauch hervorquoll.
"Wehe! Wehe!" jammerte Legolas. "Ein J. R. R. Tolkien! Ein J. R. R. Tolkien ist gekommen!"
Gimli starrte mit aufgerissenen Augen. "Peter Jacksons Fluch!" rief er, ließ seine Axt fallen und bedeckte sein Gesicht.
"Ein Tolkien", murmelte Gandalf. "Jetzt verstehe ich." Er schwankte und stützte sich schwer auf seinen Stab. "Und ich bin schon müde."
Der Tolkien erreichte die Brücke. Gandalf stand in der Mitte des Bogens. "Halte ein", sagte er. "Bist du von der großen Sünde des Peter Jackson erweckt worden? So wende deinen Zorn nicht gegen uns, denn wir sind die Gefährten, die dich gegen die stupiden, ignoranten Massen verteidigen, sei es in Hollywood oder in Neuseeland oder in Internet-Foren überall in Mittelerde."
Da sprach der Tolkien mit donnernder Stimme: "Alter Narr! Weißt du denn nicht, daß es ganz gewöhnliche künstlerische Praxis ist, Eindrücke und Inspirationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu verändern? Ich selbst habe die nordischen Mythen und Sagen benutzt und mit großem Erfolg in meinem Werk verarbeitet (und an manchen Stellen mit nicht so großem Erfolg)."
Gandalf rief schockiert: "Aber du hast eine neue literarische Form gefunden und das Genre 'Fantasy' erschaffen!"
Und der Tolkien entgegnete: "Dummkopf! Fantasy gab es schon lange vor meiner Zeit. - Aber auch die Verwendung von Motiven aus Werken in einem anderen Medium kann ein Akt der Neuschöpfung sein. Ein Film ist ein anderes Medium als ein Buch und muß nach anderen Kriterien geschaffen und beurteilt werden. Mein Werk soll den Lesern die altenglischen, germanischen und skandinavischen Sagen und Legenden nahebringen. Der Jackson-Film mag die Zuschauer für meine Bücher begeistern. Ob der Film gut wird oder schlecht oder mittelmäßig: mein Werk wird davon nicht berührt sein. Wird der Film meinen Büchern gerecht werden? Das weiß ich nicht. Aber selbst ich habe manchmal Fehler gemacht."
Da hob Gandalf seinen Stab, und mit dem lauten Ruf "Nein, dies ist kein Wahrer Tolkien!" schlug er vor sich auf die Brücke. Der Stab zerbrach und fiel ihm aus der Hand. Eine blendend weiße Feuerwand stieg vor ihm auf. Der Mittelteil der Brücke stürzte krachend ein und mit einem Jammerschrei fiel Gandalf in den Abgrund.
Die Gemeinschaft stand vor Entsetzen wie angewurzelt. Aragorn starrte in den Abgrund, dann hob er den Kopf und blickte den J. R. R. Tolkien fragend an.
"Soll das heißen, daß Arwen mehr Sex-Appeal bekommt?"
"Woher soll ich das wissen? Ich bin nur für mein eigenes Werk verantwortlich, und Jackson ist verantwortlich für das seine. Was kann ich dafür, daß es Narren gibt, die glauben, ein Film sei dasselbe wie ein Buch?"
Plötzlich schaute der Tolkien nach unten und bemerkte etwas. Er ließ seine Schwingen in den Spalt hinunterhängen und nach kurzer Zeit kam ein ziemlich bedrückter Gandalf daran heraufgeklettert. Er hatte seinen Stab und seinen Hut verloren und das weiße Haar hing ihm wirr ins Gesicht. "Aber-" keuchte er, "Aber du bist doch unser aller Schöpfer!"
Der J. R. R. Tolkien schaute ihn mitleidig an. "Weißt du, woher dein Name stammt? »Gandalfr« ist der Name eines Zwerges in der Edda."
"Ein Zwergenname?" stammelte der Zauberer. "Aus der Edda?"
"So ist es," sprach der Tolkien und strich seine Tweedweste glatt. "Und ich habe ihn benutzt, so wie Jackson mein Buch benutzt. - Viele Bücher, die gut sind, verdienen eine Verfilmung. Und manche, die verfilmt werden, verdienen eine bessere Verfilmung. Kannst du sie ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit deinen Film-Vorverurteilungen zur Hand."
Damit drehte er sich gemächlich um und spazierte davon, in die Dunkelheit der Halle hinein. Ab und zu sah man ein Rauchwölkchen aus seiner Pfeife aufsteigen.
Die Gefährten blickten sich verlegen an. Gandalf tat so, als sei nichts gewesen und klopfte den Staub aus seinem Mantel. Gimli rückte seine Axt zurecht und Legolas sortierte seine Pfeile. Boromir polierte an seinem Horn herum. Die Hobbits blickten auf ihre haarigen Füße und schwiegen.
"So, und was machen wir jetzt?" fragte Aragorn.
"Nichts wie raus aus Moria," bat Frodo.
"Es ist nicht mehr weit nach Lothlórien," ließ sich Legolas vernehmen. "Auf dem Berg Cerin Amroth steht ein MegaMovieDome. Wenn wir uns ein wenig beeilen, können wir bis zum 19. Dezember dort sein."
Aragorns Augen leuchteten auf, in Erinnerung an die schönen Stunden, die er mit Arwen im MegaMovieDome von Cerin Amroth verbracht hatte.
Gandalf knurrte wütend, sagte aber kein Wort.
"Ich würde gern mal ein bißchen Elbenkino sehen," meinte Sam.
"Oh ja!" rief Merry. "Ja, bitte!" rief Pippin.
"Na dann los," sprach Aragorn und setzte sich in Bewegung. Die anderen folgten. Nur Gandalf blieb im Halbdunkel stehen und fluchte leise auf PJ, auf NewLine, auf Hollywood, auf den Kommerz, den Hype, den Kapitalismus und ganz besonders auf einen gewissen Oxforder Philologie-Professor. Schließlich gingen ihm die Verwünschungen aus. Als er die Hände in die Taschen seines alten Mantels steckte, fühlte er darin ein zerknittertes Kärtchen. Er zog es heraus. Im Dämmerlicht der großen Halle konnte er die alte, verblaßte Schrift kaum entziffern:
BAKS..I
- T..e L..rd o. th.. R...gs
~~~~ 9. Rei..e, Si.z 315
~~~~
Er zuckte die Achseln. "Schlimmer als das kann es schließlich nicht mehr kommen."
"Wartet auf mich!" rief er und lief den Gefährten hinterher.
von Lallrog
Erzählt aus dem Blickwinkel der Beteiligten und im Spiegel späterer Literaturbearbeitungen, unter besonderer Berücksichtigung der Existenz / Nichtexistenz von Flügeln / Schattenflügeln / Flügelschatten und deren Modifikationen.
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Balrog: "So, jetzt werde ich diesen paar Sterblichen, diesem Elb und diesem alten Maia da vorne mal ein wenig Angst einjagen!" (*feuer fang*)
Chronist: Es kam an den Rand des Feuers, und dessen Schein verblaßte, als ob sich eine Wolke darüber legte. Dann sprang es über den Spalt Die Flammen loderten auf, um es zu grüßen, und schlängelten sich darum; und ein schwarzer Rauch wirbelte durch die Luft. Seine flatternde Mähne fing Feuer und brannte hinter ihm lichterloh.
Legolas: "Aaaahh! So eine Scheiße!! Ein Valarauko! Ein Valarauko ist gekommen!"
Gimli: "Aaaaaaaaaarrghhh!" (*schepper*)
Chronist: »Wehe! Wehe!« jammerte Legolas. »Ein Balrog! Ein Balrog ist gekommen!« Gimli starrte mit aufgerissenen Augen. »Durins Fluch!« rief er, ließ seine Axt fallen und bedeckte sein Gesicht.
Gandalf: "Ein Valarauko! Jetzt wird mir alles klar. Das geht nicht gut aus. Dem bin ich jetzt nicht mehr gewachsen."
Chronist: »Ein Balrog«, murmelte Gandalf. »Jetzt verstehe ich.« Er schwankte und stützte sich schwer auf seinen Stab. »Was für ein Unglück! Und ich bin schon müde.«
Balrog: "Na dann mal los! Die werde ich lehren, mir Steine an den Kopf zu werfen, während ich schlafe! Ich mach sie alle alle!"
Chronist: Die dunkle, Feuer verströmende Gestalt raste auf sie zu. Die Orks kreischten und schwärmten über die steinernen Laufbretter aus.
Gandalf: "Ich muß mich opfern. Ich bin der einzige, der diesem Viech Paroli bieten kann. Wenn ich es auf der schmalen Brücke eine zeitlang aufhalte, können die anderen vielleicht entkommen."
Chronist: »Über die Brücke!« rief Gandalf, der wieder Kraft gesammelt hatte. »Flieht! Das ist ein Feind, gegen den ihr alle nichts ausrichten könnt Ich muß den schmalen Weg halten. Flieht!«
Aragorn: "Hoffentlich merkt keiner, daß ich mir in die Hosen gepißt hab. Boromir sieht auch ganz blaß um die Nase aus."
Boromir: "Stärke zeigen, Stärke zeigen! Ich-hab-keine-Angst, ich-hab-keine-Angst." (*zitter*)
Hobbits: "Hilfäää" - "Mama!" - "Ich bin froh, daß du hier bei mir bist, Sam, hier am Ende aller Dinge." (*stolper* *übereinanderpurzel*)
Chronist: Aber Aragorn und Boromir hörten nicht auf den Befehl und blieben Seite an Seite hinter Gandalf am anderen Ende der Brücke stehen. Die anderen hielten an der Tür am Ende der Halle an und drehten sich um, denn sie brachten es nicht über sich, ihren Führer dem Feind allein gegenübertreten zu lassen. Der Balrog erreichte die Brücke. Gandalf stand in der Mitte des Bogens und stützte sich auf den Stab in seiner Linken, aber in seiner Rechten glänzte Glamdring, kalt und weiß.
Balrog: "Soso, er hat keine Angst vor mir, dieser Maia. Wollen ihm mal zeigen, daß wir auch ein Maia sind und daß wir unsere Gestalt verändern können." (*schatten reck wie zwei riesige flügel*)
Chronist: Sein Feind blieb wieder stehen und schaute ihn an, und der Schatten um ihn reckte sich wie zwei riesige Flügel. Er hob die Peitsche, und die Riemen wimmerten und knallten. Feuer drang aus seinen Nüstern. Aber Gandalf stand fest. »Du kannst nicht vorbei«, sagte er. Die Orks blieben stehen, und eine Totenstille trat ein. »Ich bin ein Diener des Geheimen Feuers und Gebieter über die Flamme von Arnor. Du kannst nicht vorbei. Das dunkle Feuer wird dir nichts nützen, Flamme von Udûn. Geh zurück zu den Schatten. Du kannst nicht vorbei.«
Balrog: (*feuer wieder ausmach*) "Wenn ihn das nicht beeindruckt, dann machen wir uns mal ganz groß und lassen uns zwei echte Flügel wachsen." (*echte flügel wachsen laß von wand zu wand*)
Chronist: Der Balrog gab keine Antwort. Das Feuer in ihm schien zu ersterben, aber die Finsternis nahm zu. Langsam ging er weiter auf der Brücke, und plötzlich richtete er sich zu seiner ganzen Größe auf, und seine Flügel erstreckten sich von Wand zu Wand; aber immer noch war Gandalf zu sehen, schimmernd in der Düsternis; er sah klein aus und ganz allein: grau und gebeugt wie ein dürrer Baum, ehe ein Sturm losbricht.
Aus dem Schatten sprang flammend ein rotes Schwert hervor.
Glamdring glitzerte weiß als Antwort.
Es gab einen klirrenden Aufprall und eine weiße Stichflamme. Der Balrog wich zurück, und sein Schwert flog hoch, in Stücke zerschmolzen. Der Zauberer schwankte auf der Brücke, trat einen Schritt zurück und blieb dann wieder stehen. »Du kannst nicht vorbei!« sagte er.
Balrog: "Der Alte hat ja echt was drauf. Aber jetzt kauf ich ihn mir. Keine Gnade."
Chronist: Mit einem Satz sprang der Balrog ganz auf die Brücke. Seine Peitsche wirbelte und zischte.
Aragorn: "Ich hab eine Scheißangst, aber ich muß Gandalf einfach helfen." (*nasse hose ignorier und losrenn*)
Boromir: "Wenn der Dúnadan angreift, darf ich nicht zurückbleiben." (*arschzusammenkneif und hinterherrenn*)
Chronist: »Er kann allein nicht standhalten!« rief Aragorn plötzlich und rannte wieder die Brücke entlang. »Elendil!« schrie er. »Ich bin bei dir, Gandalf!« »Gondor!« schrie Boromir und setzte ihm nach.
In diesem Augenblick hob Gandalf seinen Stab, und mit einem lauten Ruf schlug er vor sich auf die Brücke. Der Stab zerbrach und fiel ihm aus der Hand. Eine blendend weiße Feuerwand stieg vor ihm auf. Die Brücke krachte. Genau zu den Füßen des Balrogs barst sie, und der Stein, auf dem er gestanden hatte, stürzte in den Abgrund, während der Rest stehenblieb, schwebend, bebend wie eine ins Leere hinausgestreckte Zunge aus Fels.
Mit einem entsetzlichen Aufschrei fiel der Balrog vornüber, und sein Schatten stürzte hinab und verschwand. Doch noch im Fallen schwang er seine Peitsche, und die Riemen trafen die Knie des Zauberers, wickelten sich herum und zogen ihn an den Rand. Er schwankte und fiel, griff vergebens nach dem Stein und glitt in den Abgrund. »Flieht, ihr Narren!« schrie er und war weg.
Balrog: "Ich könnte ja jetzt meine Flügel benutzen und wegfliegen. Aber es macht mehr Spaß, diesen alten Narren im Fallen festzuhalten und mit meinem Feuer zu verbrennen. Und wenn wir unten sind, verwandel ich mich in irgendwas Schleimiges und würg ihn ein bißchen, hihi."
Zwei Wochen vor dem Filmstart erschien die folgende Prognose, die nur für intime Kenner des HdR-Film-Forums interessant oder verständlich ist.
Ein Zigeunerlager am Rande eines kleinen Städtchens irgendwo am Rhein. Das Abendrot verblaßt im Westen und die Dämmerung bricht an. Ein junger Mann mit dunklem Haar und einem gepflegten schmalen Bart, der den ganzen Nachmittag über in der Nähe des Zigeunerlagers auf und ab gegangen ist, faßt sich endlich ein Herz. Er nähert sich einem der Zelte, nickt dem Kassierer zu und schlägt den bunten, glöckchenbestickten Vorhang zurück. Im Kerzenlicht erkennt er eine alte Frau, die mit gebeugtem Rücken vor einer großen Kristallkugel sitzt.
"Bist du Asta... die
Wahrsagerin?"
"Tritt näher, Círdan, ich habe dich schon erwartet!" krächzt sie
mit mißtönender Stimme.
"Du kennst meinen Namen?" fragt der junge Mann erstaunt.
"Ja, Stefan, deinen Namen kenne ich auch," erwidert die Alte.
"Setz dich endlich."
Círdan läßt sich in die weichen Kissen gegenüber der alten Frau sinken.
Über die Kristallkugel hinweg blickt sie ihn unverwandt an. "Ich bin...
Ich wollte...." sagt Círdan unsicher. "Ich weiß, was du willst,
Círdan," entgegnet die Alte. "Du willst wissen, wie es mit dem HdR-Film-Forum weitergeht, jetzt wo der Film unmittelbar bevorsteht."
"Ja, richtig."
"Nun, dann schau genau hin," krächzt die Alte und läßt ihre
runzeligen Hände vorsichtig über die Kristallkugel gleiten. Langsam beginnt
die Kugel von innen heraus zu leuchten. Rote Schriftzeichen erscheinen wie aus
dem Nichts, gleiten vorüber und verblassen wieder. Angestrengt beugt Círdan
sich vor und liest die feurigen Buchstaben:
Die Zeit vom 8.12. bis 12.12.
Sinnvolle threads werden weniger und weniger. Die
Mitgliederzahl wächst aber auf über 2000, denn viele Einmalposter stellen
Anfängerfragen: Ich will in den HdR-Film gehen.
Worum geht's denn da überhaupt? --- Kann mir mal jemand eine
kurze Inhaltsangabe von HdR Film 1 bis 3 geben? ---
Wer war denn
dieser J. R. Tollkühn? --- Wehr sin eigendlich Froto un Gandolf,
ey, un wer is Ahrven? --- Ist Galahdriel nu eine Elfe oder ein
Kobold? Die Stammposter reagieren teils gelangweilt, teils
genervt und frustriert. Einige verstummen ganz, um das Abklingen des Hype zu
erwarten.
Hier und da tritt nun überraschend das Urgestein aus der Anfangszeit des Forums zutage. Die GULTY-Gruppe kommt wieder vollständig zusammen und feiert ein Wiedersehen. Sogar der OHM taucht aus der Versenkung auf und erweist sich als so unbelehrbar und streitsüchtig wie eh und je. INELUKI stattet dem Forum einen Kurzbesuch ab und verursacht tagelange Diskussionen. Die ZWEITE PROTESTANTISCHE KIRCHE TOLKIENS VON TOLKIENS GNADEN wird reaktiviert und der Papst, der Großinquisitor und der Prophet wieder in Amt und Würden eingesetzt. Sie können es kaum fassen, daß sich die Beitrittsanträge nur so häufen. Die HEILIGEN HALLEN müssen neu errichtet und gleich darauf zweimal erweitert werden. Ein neuer Kreuzzug gegen Ketzer und Ungläubige im Schatten der Filmpremiere wird geplant. Als Einstimmung finden vor mehreren Kinos Autodafés mit besonders unverbesserlichen HP-Fans statt.
Am 12.12. verabschieden sich einige Vernünftige aus dem Forum, die nicht riskieren wollen, sich durch Spoiler den Filmgenuß zu verderben. Gerade rechtzeitig, denn an diesem Tag tauchen die ersten authentischen Bilder von Gollum im Internet auf...
13.12.
Trotz der Absprache, daß die Privilegierten, die den Film schon am 12.12.
gesehen haben, nur unter sich diskutieren wollen, entstehen einzelne
"Verräterthreads": Unter harmlosen Titeln und mitten in harmlose
Texte werden Spoiler eingefügt, die man ungewollt liest: Ich
freue mich ja schon sooo auf den 19.12., dann sehe ich endlich DER BALROG SIEHT
AUS WIE FLÜSSIGE LAVA UND HAT EINE MÄHNE, EINEN LANGEN SCHWANZ UND
FLEDERMAUSARTIGE FLÜGEL. UND ALS ER IN DIE SPALTE FÄLLT, HÄLT ER SICH NOCH AN
DER BRÜCKE FEST UND SCHREIT: "HILF MIR, GANDALF, ICH BIN DOCH EIN MAIA WIE
DU!" UND GANDALF BLICKT IHM IN DIE TÜCKISCHEN AUGEN UND SAGT: "NEIN!
DU BIST BÖSE!" UND DANN LÄSST DER BALROG ABSICHTLICH LOS, DAMIT ER SEINE
PEITSCHE GEGEN GANDALF SCHWINGEN KANN...
14.12. bis 16.12.
Die Zeit gepflegter Diskussionen im Forum ist vorbei. Die Nerven liegen
blank. Die Fans können keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Mehrere
Opportunisten, die Premierenkarten gehortet haben, versuchen jetzt, sie zu
Wucherpreisen zu verhökern. Die Moderatoren sind entsetzt und wollen solche
threads schließen, aber die beim Kartenkauf zu kurz gekommenen Fans flehen
Círdan an, die "Versteigerungsthreads" zuzulassen: Mein
Papa sagt, ich darf bis dreihundert Mark mitbieten. Als die Gebote
vierstellige Summen erreichen, kommt es zu ersten Kurzschlußreaktionen bei
Schülern und Studenten: Bitte! Bitte! Ich hab nur 500
Mark aber ich geb dir auch alle meine Ü-Eier-Figuren und mein Glamdring
obendrauf! Bitte! *schluchz* ---
Was soll ich mit
dem trash? Ich akzeptiere nur gültige Kreditkarten.
18.12., nachmittags und abends
Es erscheinen mindestens 20 verschiedene threads zum Thema Ich
bereite mich gerade aufs Kinogehen vor und Ich
geh die Wände hoch - die letzten Stunden Warten sind die schlimmsten!
Die Fans schweben halb über dem Boden, halb in euphorischer Erwartung und
unterdrückter Sorge. Ein Witzbold öffnet einen thread in Anlehnung an das
Fortsetzungsspiel "Ich packe meinen Koffer und nehme mit..." und nennt
ihn Ich gehe gleich ins Kino und nehme mit...
Dieser thread erhält innerhalb von 3 Stunden 500 Beiträge. Die Emotionen
kochen hoch. Ilverin und Lallrog trauen sich, einen defaitistischen Ich
schau mir den Film nicht an-thread zu öffnen und werden von
aufgebrachten Fans virtuell gelyncht. In dem thread Hilfe,
ich hab meine Karten verlegt berichten einige zerstreute Fans von
ihrem herben Verlust, bevor sie vom Streß überwältigt in eine gnädige
Ohnmacht sinken. Die letzten Beiträge erscheinen gegen 23.30 - von den Leuten,
die's nicht weit ins Kino haben.
18.12., kurz vor Mitternacht bis 19.12. gegen 1 Uhr
morgens
Die Nicht-in-die-Mitternachtsvorstellung-Geher tauschen trotzig-tapfere
Selbstbestätigungsparolen zum Thema Ich kann erst
morgen in den Film gehen und ich fühl mich gut dabei! aus. Man
macht smalltalk und tut demonstrativ so, als ob man ganz cool ins Bett geht. In
Wirklichkeit bleiben die meisten schlaflos vor ihrem Monitor hocken und warten
zitternd auf die ersten posts von Kinoheimkehrern.
19.12., 4.30 Uhr morgens
Die Ära nach dem Film beginnt. Die Welt
hat sich verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Die ersten threads zum Thema Ich hab den Film gesehen!!!!!!!!!!!
erscheinen. Die meisten Beiträge sind kurz und knapp: EINFACH
ÜBERWÄLTIGEND! --- UNBESCHREIBLICH! --- ICH WAR IM
PARADIES! --- War's für euch auch so schön wie für
mich? --- Kann jetzt nichts schreiben, hab immer noch Tränen in
den Augen! Frodo-- *schluchz* Boromir-- *heul* Die Zuhausegebliebenen
lesen alles ehrfurchtsvoll, erfahren aber noch nicht viel über den Inhalt des
Films.
19.12., vormittags bis abends
Allmählich haben die ersten Filmgeher ausgeschlafen und
posten vom Arbeitsplatz oder der Uni aus. Die ersten vollständigen Sätze
werden gebildet, und es gibt auch schon kritische Stimmen: Der Film war
SUUUUPER, aber - habt ihr euch Gollum wirklich so vorgestellt? ---
Was für ein Jahrhundertereignis - nur Cate Blanchetts Synchronstimme
klang irgendwie heiser... --- Ja, ganz nett der Film, aber ich
glaube nicht, daß das für einen Oscar reicht... Umfangreiche threads
entstehen, in denen jedes kleinste Detail diskutiert und kritisiert wird.
Círdan muß ein eigenes Unterforum für "Fellowship" einrichten,
damit der Überblick nicht verloren geht.
Erste Erlebnisberichte aus den Kinosälen machen die
Runde:
Ich hab vom Text rein gar nichts verstanden, weil ich mitten in
einer Gruppe kreischender Idioten saß... *schluchz*
Wir
waren ja auf einiges gefaßt, aber daß sogar in diesem eher kleinen Kino ein
Ärzteteam für Notfälle bereitstand, fand ich bemerkenswert. Der leitende Arzt
sagte mir, sie rechneten vor allem mit Schwertwunden und vielleicht ein paar
Prellungen und Verbrennungen. Außerdem hätten sie Zwangsjacken bereitgelegt
und für psychiatrische Betreuung sei gesorgt. Man habe seit Monaten das
Fan-Verhalten in Internet-Foren und newsgroups studiert und sich entsprechend
vorbereitet.
Und als Arwen an der Furt auftauchte, ging ein
Stöhnen durch den Saal: Einige haben sich ihre Jacke über den Kopf gezogen und
die Finger in die Ohren gesteckt und einige sind aufgestanden und wollten sich
durch die Sitzreihen zum Ausgang quetschen. Das ist aber bei den übrigen
Zuschauern, die nicht gestört werden wollten, schlecht angekommen. An einigen
Stellen gab es Auseinandersetzungen, denn die
Arwen-boykottier-und-an-der-Furt-Rausgeher hatten sich vorbereitet und waren
meist bewaffnet. Im ganzen Saal entspannen sich hitzige Diskussionen und
Balgereien; am Ende
hat kaum einer was von der Szene mitgekriegt.
Vor der Szene
an der Furt wurde der Film unterbrochen. Der Kinobesitzer - ein
Hardcore-Tolkien-Fan - kam auf die Bühne, entschuldigte sich in Tolkiens Namen
für PJs Sakrileg und las die echte Furtszene aus dem Buch vor. Dann wurde der
Film nach der Furtszene fortgesetzt. Die Tolkien-Fans applaudierten. Die Tyler-
und PJ-Fans grölten und schworen, das nächste Mal mit faulen Eiern und Tomaten
anzurücken.
In unserem Kino war das viel besser gelöst.
Beim Reingehen sah man schon große Hinweisschilder
"Furtszenen-Boykottierer bitte nur an den Gängen und in der ersten Reihe
Platz nehmen!"
...und dann kam der Balrog... oooooohh!
Und als die Kamera wieder auf Gandalf schwenkte, sind wir alle von unseren
Sitzen aufgesprungen und haben wie er unsere Glamdrings gezogen! Das war ein
Geklirr! Die Tür ging auf, die Platzanweiserin guckte in den Saal, wurde
kreidebleich und schloß die Tür sofort wieder. Bald darauf hörten wir die
Polizeisirenen näherkommen.
Dann ist der Typ in dem
Balrogkostüm, der vor mir saß, aufgestanden, hat sich mit Benzin übergossen
und angezündet! Und ein anderer Typ mit einem Gandalfhut hat mit seinem
Zauberstab auf ihn eingedroschen, um das Feuer zu löschen! Und dann setzte die
Sprinkleranlage ein. An den Rest des Films habe ich nur verwaschene
Erinnerungen...
Neue Möglichkeiten, die Fans zu schröpf- äh, zu beglücken, werden eifrig ergriffen: Ein Tätowierer bei mir um die Ecke bietet jetzt genau das Tattoo an, das Gimli im Film auf dem Arm trägt.
Die Übertrumpfungsthreads setzen ein: Ich werde jetzt einmal pro Woche in den Film gehen, solange er läuft -- Und ich gehe zweimal pro Woche -- Ich gehe jeden Tag und wenn all mein Taschengeld dabei draufgeht! -- Dieser thread endet allerdings ziemlich abrupt, als jemand schreibt: Ich bin Filmvorführer und sehe den Film dreimal täglich - umsonst - ich werd sogar dafür bezahlt!
20.12. bis Jahresende
Die Mitgliederzahl klettert allmählich auf 3000. Den ganzen Dezember und
Januar hindurch schlagen die Emotionen hohe Wellen. Wie sich herausstellt,
bleibt die Zusammensetzung der kritischen Stimmen ungefähr gleich: wer vor dem
Film optimistisch war, bejubelt ihn auch jetzt, und wer vorher Bedenken hatte,
findet diese jetzt bestätigt. Ähnlich wie bei der Krege-Übersetzung formiert
sich eine Film-Kritiker-Fraktion und verfaßt Petitionen an Peter Jackson, um
für den zweiten Teil das Schlimmste zu verhüten.
Derweil läuft das Merchandising-Geschäft hervorragend.
Noch nie hat Ferrero mit einem Ü-Eier-Thema derartig hohe Gewinne erzielt. Die
DVD zu "Fellowship" wird mehrere hunderttausendmal vorbestellt -
obwohl es nach "Return of the King" eine Gesamt-DVD mit allen 3 Teilen
geben wird.
Ein weiterer Nebeneffekt: Auf einmal spricht niemand mehr von Harry
Potter.
Januar 2002
Die Vorbereitungen der Fans für den zweiten Film nehmen
schon Gestalt an. In vielen Städten haben sich regionale HdR-Film-Fanclubs
formiert mit Leuten, die sich zuerst im Forum und dann im Kino kennengelernt
haben. Man plant, im nächsten Dezember ganze Kinosäle komplett anzumieten.
Einige Kinoketten kündigen an, Teil 1 und 2 dann als Double Feature laufen zu
lassen. Kostümverleihe erkennen die Marktlücke und beginnen, HdR-Kostüme in
größeren Mengen herzustellen.
Februar/März 2002
Die ersten Spätfolgen der Filmnacht-Euphorie treten zutage: Um den 19.
September erwarten wir Nachwuchs. Wenn's ein Junge wird, soll er Frodo heißen,
wird's ein Mädchen, dann Arwen.
April 2002
Unterstützt durch entsprechende Marketing-Strategien (Ü-Eier mit Fangorn,
Théoden, Éowyn und Faramir etc.) beginnen sich die Themen im Forum auf den
zweiten Film zu konzentrieren. Im Forum kehrt wieder (relative) Ruhe ein. Noch 8 Monate bis Teil 2! Ich halt's einfach nicht mehr
aus!
- - Ende der Prognose für das HdR-Forum. Wir berechnen Ihnen DM 100,-. In diesem Betrag sind 16% MWSt enthalten. Bitte zahlen Sie am Ausgang. Auf Wiedersehen. - -
Mit einem Ruck findet Círdan wieder in
die Realität zurück. Die Kristallkugel ist dunkel, die alte Frau verschwunden.
Er erhebt sich langsam und wankt zum Ausgang, zahlt dort und steht wieder im
Freien. In tiefen Zügen atmet er die kühle Nachtluft ein. So übel wird es
also gar nicht werden. In seinen Alpträumen hatte alles viel, viel schlimmer
ausgesehen. Er schlägt den Mantelkragen hoch und macht sich erleichtert auf den
Heimweg.
In einem der Wohnwagen lehnt sich die alte Frau aus dem Fenster und
schaut ihm mitleidig nach: "Armer Narr! Wenn du die Wahrheit
wüßtest..."
(Gewidmet Cara und dem weiland Altherrenklub in nostalgischer Erinnerung an die roten Ledersessel, das knisternde Kaminfeuer und das 12 Jahre alte schottische Bergwässerchen... Cheers!)
Der Alte Wald lag still unter der Nachmittagssonne und noch immer irrten die vier Hobbits mit ihren Ponies ziellos umher. Merry war sich sicher, daß sie immer weiter von der geplanten Richtung abkamen, aber sie hatten keine Wahl als dem Weg zu folgen, sofern sie sich nicht mitten durch den Wald schlagen wollten, und dazu hatte keiner von ihnen Lust. Schließlich führte der Weg abwärts in eine schattige Senke, wo die Luft nicht ganz so drückend und schwül war. Aus dem Waldesdunkel vor ihnen tauchte ein großer Pfosten auf, an dem mehrere Schilder angebracht waren, die in verschiedene Richtungen zeigten - ein Wegweiser. Sie hatten eine Kreuzung erreicht, von der fünf Wege abzweigten. "Na endlich," sagte Frodo erleichtert. "Jetzt können wir unsere Richtung korrigieren. Laßt uns mal sehen, was auf den Schildern steht." Doch als sie die Hälse reckten, um die Wörter auf den hölzernen Tafeln zu lesen, stellten sie zu ihrer Enttäuschung fest, daß sie die Schrift zwar lesen konnten, aber die Sprache nicht kannten. Das war nicht die Gemeinsame Sprache, auch war es keine Elbensprache, da war sich Frodo ziemlich sicher.
"TO THE BARROW-DOWNS" stand auf dem einen Wegweiser. "To the?" fragte Pippin. "Heißt das, in dieser Richtung ist eine Tote? Aber eine tote was?"
"Also, ich glaube nicht, daß die Worte in unserer Sprache einen Sinn ergeben," meinte Merry. "Da kannst du lange buchstabieren. Schau, auf dem anderen Schild kommen nochmal dieselben Worte vor: "TO THE SHIRE". Aus dieser Richtung sind wir gekommen und hast du da irgendwo eine tote Schere gesehen? Vielleicht heißt TO THE sowas wie 'hier geht es nach'."
Frodo sagte nichts. Er dachte an die langen Abende in Beutelsend, die er mit Grillen fangen oder Pilze essen verbracht hatte. Wie gut wäre es gewesen, hätte er versucht, einige Fremdsprachen zu lernen. Schon hier, so nahe noch am Auenland, wurden sie mit der rauhen Wirklichkeit der Auslandsreisen konfrontiert. Und wie sollte das erst weitergehen? Würde man in Bree oder weiter weg überhaupt noch ihre Silberpfennige akzeptieren? Oder hätten sie die vorher in eine Fremdwährung umtauschen müssen? Würden sie hinter Bree einen Dolmetscher brauchen, weil sie dort niemanden mehr verstehen konnten? Ach, wenn doch nur Gandalf da wäre.
Merry und Pippin ergingen sich in vielerlei Bemerkungen über die mögliche Bedeutung der fremden Worte. Sam stand nur daneben und hörte zu. Er war zwar ein passabler Gedichteschreiber und -erzähler, aber wenn es um Fremdsprachen ging, war die Grenze seiner geistigen Leistungsfähigkeit bald erreicht. Frodo machte einmal die Runde um den Pfosten und schaute alle Schilder an. Neben den beiden, die sie schon gelesen hatten, gab es drei andere:
"DANGER! DO NOT GO IN THIS DIRECTION!"
"DEAD END AFTER 2 MILES"
"TO THE HOUSE OF ........" (die letzten Worte waren unleserlich)
Dann war da noch auf halber Höhe am Pfosten eine kleine Plakette aus poliertem Metall, auf der in feiner Schrift eingraviert stand: "This signpost translated by W. Krege. Sponsored by Kotz-Cletta. All rights reserved."
"Tja, Freunde, was machen wir nun?" fragte Merry. "Ich bin hier jedenfalls mit meinem Latein am Ende. Wir sollten uns in nördlicher Richtung halten, aber so wie unser bisheriger Weg sich hin- und her geschlängelt hat, ist die Richtung, in der die Wege hier abzweigen, kein sicherer Anhaltspunkt."
Frodo überlegte kurz. "Vielleicht sollten wir uns wirklich ganz auf unser Gefühl verlassen. Diese Schilder mit "TO THE..." haben irgendwie einen negativen Beigeschmack. Besonders "TO THE HOUSE...", das klingt wie tote Hose. Und "DEAD END" klingt nach Ende, das gefällt mir auch nicht. Aber "DANGER", das gefällt mir. "DANGER" klingt nach einem Anger, so schön heimelig und dörflich. Das ist die Richtung, in der ich gehen würde. Und dieser Weg zeigt auch ziemlich nach Nordosten. Aber..." Frodo blickte die anderen hilfesuchend an. "Ich kann diese Entscheidung nicht alleine treffen. Wenn wir auf diesem Weg in Gefahr geraten, wäre es meine Schuld. Das könnte ich mir nie verzeihen."
"Frodo, das ist doch nicht schlimm," sagte Pippin. "Wir sind alle mit dir einverstanden. Nicht wahr?" Sam und Merry stimmten zu.
"Aber das hilft mir nicht," seufzte Frodo. "Das sagt ihr nur, um mich zu beruhigen. Ihr würdet mir auch in jede andere Richtung folgen. Die Verantwortung lastet immer noch auf mir allein."
Merry kramte umständlich in seiner Tasche und zog einen kleinen Würfel hervor. "Tja, dann ... lassen wir doch den Zufall entscheiden."
"Ja, warum nicht?" meinte Frodo. "Das ist wahrscheinlich die unparteiischste Methode - sofern der Würfel nicht gezinkt ist, du alter Zocker." Pippin sah Merry vielsagend an, aber der setzte nur stumm seinen Beim-Pilze-Klauen-erwischt-Blick auf und schaute drein wie die beleidigte Unschuld.
"Wir haben vier Richtungen zur Wahl," fuhr Frodo fort. "Bei 1 gehen wir nach BARROW-DOWNS, bei 2 nach DANGER, bei 3 nach DEAD END und bei 4 nach HOUSE. Wenn 5 oder 6 kommt, würfeln wir nochmal. Also los, Merry."
Merry schüttelte den Würfel lange in seiner Hand, dann warf er ihn auf den Weg. Der Würfel rollte bis zum Pfosten, stieß dagegen, sprang wieder zurück und blieb liegen. Die Hobbits beugten sich alle vor, um genauer sehen zu können.
Acht große Hobbitaugen blickten auf den Würfel. Zwei Augen schauten zurück. Merry hatte eine 2 gewürfelt.
"Gut so!" sagte Frodo. "Das bestätigt mein Gefühl. Jetzt ist mir viel leichter ums Herz. Gehen wir also nach DANGER."
Sie nahmen die Zügel ihrer Ponies wieder auf, die inzwischen an dem bißchen Gras und den Büschen am Wegrand gezupft hatten, und betraten den Pfad nach DANGER. Er war etwas schmaler und rundum dichter zugewachsen als die anderen Wege. Nach wenigen Metern schon machte er eine Kurve und führte hinter einer alten Buche in leicht abfallendes Gelände. Frodo machte den Anfang, dann kam Pippin und nach ihm der zufrieden grinsende Merry. Gerade war Sam, der als Letzter ging, in den Pfad eingebogen, da hörte er in der Ferne eine Stimme, die zu singen schien. Aber sie sang Unsinn.
"Toll - Woll - Kregiwoll! Toller Wollikrege!
Alle Pfade kennt er hier, weiß hier alle Wege.
Proll - Woll - Kregiwoll, lustiger Gevatter,
Blaue Jacke hat er an, gelbe Stiefel hat er."
"Haltet mal an!" rief Sam den anderen Hobbits zu, "Ich glaube, da hinten kommt jemand!"
Sie wandten sich um und Frodo drängte sie alle noch einmal zurück zur Kreuzung, wo sie mehr Platz hatten. Auf dem Weg "TO THE HOUSE OF..." sahen sie zwischen den Bäumen einen stämmigen Mann näherkommen, hüpfend, tänzelnd und singend:
"Dolly - Polly - Wolliwoll! Toller Wollikrege!
Horcht nur, Leute, hört's euch an, die Sprache, diese schräge.
Lang - Long - Linguist, der Wolli, der ist einer!
So schön - schnöd - blöd wie er vermurkst ein Buch sonst keiner.
Linge - Lange - Lesefreud, der Wolli ärgert viele Leut,
Kann's auch nicht besser als Carroux, gibt trotzdem seinen Senf dazu.
Mund - wund - kunterbunt! Wunder bunter Worte!
Hey Chefchen, ist das nicht 'ne Post von der schlimmsten Sorte?
Ling - Lang - Linguist, der Krege-Wolli einer ist,
Das tumbe deutsche Lesevolk aus seinem Neudeutsch-Sprachtopf frißt.
Hinz - Kunz - buchverhunz! Die Übersetzung lehrt es uns,
Stellt man die Leser vor die Wahl - nichts ist so gut wie's Original."
Langsam kam der merkwürdige Mann näher. Er trug einen alten, hohen Hut, in dem eine Feder steckte, einen blauen Mantel und gelbe Stiefel. Ein brauner Bart umrahmte sein Gesicht, in dem die Augen blau und strahlend wie der Sommerhimmel inmitten von vielen Lachfältchen standen. Er schaute gespannt von einem zum anderen.
"Vier Hobbits!" murmelte er. "Kann es sein? Sind sie es? Sind sie endlich gekommen?"
Er ließ seinen Blick auf Frodo ruhen, und ein Leuchten des Erkennens ging über sein Gesicht. Er verneigte sich.
"Sei mir gegrüßt, Ringträger!" sprach er ernst. Dann ließ er ein breites, Stefan-Raab-artiges Grinsen sehen. "Mensch, Frodo, hab' ich vielleicht lange auf dich gewartet, Chef! Und Merry, Pippin, Sam, ihr alten Penner! Willkommen!"
"Wer seid ihr, Meister?" fragte Frodo, erstaunt darüber, daß dieser Mann vom Ring wußte und sie alle zu kennen schien. 'Was für ein komischer Kunde', dachte er bei sich und wunderte sich gleichzeitig, wie er auf so einen un-mittelirdischen Ausdruck verfallen konnte.
Der Mann mit den gelben Stiefeln zog ein dickes Gemeinsame Sprache-Englisch-Wörterbuch aus der Tasche, legte seine linke Hand darauf, hob die Rechte und sprach: "Ich bin Wollikrege, Ollikreges Sohn, und wenn ich durch Leben oder Tod euch retten kann, dann will ich es tun. Ich werde euch auf eurem Weg begleiten, Freunde. Ich werde für euch übersetzen."
Er schlug das Wörterbuch auf. Als Sam sich vorbeugte, sah er, daß es nur leere, unbeschriebene Seiten enthielt. Wolli Krege bemerkte seinen Blick.
"Nicht viel nütze ist es, nicht wahr, Sam?" fragte er. "Aber die Zeit ist nahe, da es neu beschrieben werden wird."
Er schaute nach Westen, wo sich der Himmel über dem unermüdlich wedelnden Laubwerk zu röten begann. "Jetzt aber auf, ihr wackren Typen! Kommt, wir müssen eilen, um rechtzeitig meine Imbißstube zu erreichen. Roswitha wird schon das Abendessen bereitet haben; ich hoffe, ihr mögt Köter. Und danach ein Pfeifchen in meinem gemütlichen Clubzimmer, was meint ihr? Also Dalli-dalli!"
Mit den besten Empfehlungen an Wolfgang "Chefchen" Krege, einen guten Übersetzer, der den Fehler gemacht hat, sich mit einer falschen Prämisse an einen fanatisch verehrten Klassiker zu wagen. Nichts für ungut, Chef!
Und mit meiner tiefempfundenen Entschuldigung an Tom Bombadil...
Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen. Ich traf sie in einer kleinen Buchhandlung in Düsseldorf-Unterrath. Das war 1979. Eigentlich hatte ich das düstere Geschäft nur betreten, um mich vor einem sturzbachartigen Gewitterregen in Sicherheit zu bringen. Und dann konnte ich natürlich nicht einfach nur herumstehen, sondern ich begann unter den Augen des griesgrämig dreinblickenden alten Buchhändlers an den Regalen entlang zu schlendern. "Theologie", "Philosophie", "Lebensweisheiten" (das Schlagwort "Esoterik" war damals noch nicht erfunden) - alles Themen, die einen Jungen meines Alters herzlich wenig interessierten. Trotzdem zog ich hier und da ein Buch heraus und blätterte ein wenig darin, um meinen Aufenthalt zu rechtfertigen.
Und dann hörte der Regen auf und die Sonne brach durch die Wolken. Ich stand in der hintersten Ecke des Ladens und schaute zum Fenster, das plötzlich in helles Licht getaucht war. Da sah ich sie. Sie stand ganz allein auf einem Podest und das Gegenlicht zauberte einen Strahlenkranz um den Umriß ihrer schlanken Gestalt. Voller Verwunderung näherte ich mich zaghaft und da sie mich nicht gleich zurückwies, blieb ich bei ihr stehen und ließ meine Augen auf ihr ruhen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wußte es sofort - die oder keine!
Sie kam gleich mit zu mir nach Hause. Und kaum war sie im Zimmer, da sah meine kleine Studentenbude gleich viel bunter und freundlicher aus als zuvor. Ich wies ihr einen Ehrenplatz an und machte es ihr gemütlich.
In dieser Nacht geschah es dann. Ich zündete Kerzen an, denn diesen Augenblick wollte ich nicht durch eine profane Glühbirne entweihen. Wir legten uns zusammen ins Bett und - ich schlug die erste Seite auf. Sie war wie eine Offenbarung für mich. Ich tauchte tief in sie ein, ich versenkte mich in sie und vergaß alles um uns herum. Sie war die Erfüllung all meiner Wünsche. Und sie schien wie durch Mag[g]ie ganz genau zu wissen, was ich brauchte. Wir waren wie eine Seele, ein Gedanke. Wir konnten uns nicht voneinander losreißen. Wir hielten uns fest bis zum Morgengrauen. Ach, meine Geliebte! - meine dreibändige grüne Ausgabe im Schuber! - meine Carroux-Übersetzung!
Viele Nächte verbrachten wir so und nach einiger Zeit, als wir uns sehr, sehr gut kennengelernt hatten, da wollten wir eine Familie gründen. Neun Monate später war es dann soweit - wir bekamen die Anhänge! Ich kann es gar nicht beschreiben, wieviel Freude uns diese Kleinen bereitet haben und immer noch bereiten.
Und was soll ich euch sagen? Wir sind heute noch zusammen. Ja, wir sind beide älter geworden und das Leben hat uns einige Falten beschert, aber wir haben uns immer noch so lieb wie am ersten Tag - meine dreibändige grüne Ausgabe und ich.
Vorbemerkung: Die folgende Geschichte parodiert Mays typische Erzählstrukturen, seine bekannten Inhalte und seinen Stil. Sie wäre in einem Karl-May-Forum - wenn man dort dergleichen Scherze dulden würde - besser aufgehoben als hier. Ich empfehle den Tolkien-Fans, sich diesen Text nur dann anzutun, wenn sie mit Mays Werken (speziell mit dem Orient-Zyklus) bestens vertraut sind. Andernfalls werden sie sich nur langweilen.
Die hypothetische Entstehungszeit dieser Geschichte kann etwa Mitte der 1890er Jahre angesiedelt werden, also nach den großen Reiseerzählungen - insbesondere der Giölgeda Padishanün-Serie - auf die hier Bezug genommen wird, aber vor der Schaffenskrise und dem Zusammenbruch auf der Orientreise 1899, nach der sich May vom (pseudo)realistischen Schreibstil abwandte und seine Hauptwerke in symbolischer Erzählweise schuf.
Fußnoten sind durch Zahlen in
runden Klammern bezeichnet; sie stehen am Ende des Textes.
Jenseits von Arda
Eine Reiseerzählung von Karl Alex May
Kapitel 1
Wieder einmal hatte mich das Fernweh gepackt und ich war kurzerhand dem deutschen Winter entflohen, hatte mich in Marseille eingeschifft und war über das Mittelländische Meer nach Kairo gefahren. Von dort reiste ich über Damaskus nach Mossul, wo ich mich nach dem derzeitigen Aufenthalt der Haddedihn erkundigen wollte. Am Tigris angekommen erfuhr ich, daß die Haddedihn jetzt in der Nähe des Dschebel Chonuka zu suchen seien, und machte mich dorthin auf den Weg. Groß war die Freude bei meinem Eintreffen. Der ganze Stamm bereitete mir einen überaus herzlichen Empfang. Am meisten und am lautstärksten freute sich mein tapferer kleiner Hadschi Halef Omar, der mir auf so vielen Reisen ein treuer Freund und Begleiter gewesen war und auch dieses Mal wieder mit mir ziehen wollte. Wir planten schon seit langem eine Reise nach Ithilien, seit wir auf einem früheren Ritt von Ferne die Ufer des Anduin erblickt hatten, aber durch unvorhergesehene Schwierigkeiten davon abgehalten worden waren, diesen Weg weiter zu verfolgen. Damals hatten wir uns die Freundschaft von Théoden Ben Thengel erworben, dem edlen Scheik der Beni Rohirrim, dessen Sohn wir gegen eine Horde plündernder Orks beistehen konnten und bei dem wir dann eine Zeitlang zu Gast gewesen waren (1). An diese Reise wollten wir nun anknüpfen. Halef, der nach dem Tode des ehrwürdigen Malek der Scheik der Haddedihn geworden war, ernannte für die Zeit seiner Abwesenheit einen Stellvertreter und verabschiedete sich von Hanneh, der Rose seines Frauenzeltes, und von seinem kleinen Sohn Kara Ben Halef. Er ritt seinen Hengst Barkh und ich Assil Ben Rih, den Sohn meines unvergeßlichen Rapphengstes Rih, der in Kurdistan sein Leben gelassen hatte, als ihn eine Kugel traf, die für mich bestimmt gewesen war (2).
Über den ersten Teil der Reise, der uns durch die Gebiete der Obeïd, der Bejat- und der Kelhur-Kurden führte, brauche ich hier nicht viel zu sagen. Wohl hatten wir einige Fährlichkeiten zu bestehen, die aber nicht in Zusammenhang mit den hier erzählten Ereignissen standen. Ich werde dem geneigten Leser an anderer Stelle über diese Abenteuer berichten (3). Danach hielten wir uns südöstlich und erreichten in der letzten Februarwoche ohne weitere Zwischenfälle den kleinen Ort Arda, den eigentlichen Ausgangspunkt unserer Reise. Hier rasteten wir einige Tage lang, um den Pferden etwas Ruhe zu gönnen, und nicht zuletzt auch, um die Speisen zu genießen, für die diese Gegend bekannt ist, vor allem das berühmte Pilzgericht Hálu Tsinogên. Ich erwarb auch wieder einen Vorrat der örtlichen Tabaksorte Hâsh, die wegen ihrer besonders belebenden, anregenden Wirkung geschätzt wird. Schon seit langem ist es mir zur Gewohnheit geworden, während des Schreibens nur diese Sorte zu rauchen und ich achte stets darauf, genügend Nachschub im Hause zu haben. Der beste und reinste Hâsh ist natürlich der, den man in den Anbaugebieten erwirbt; was in Europa als Hâsh angeboten wird, ist selten geeignet, den anspruchsvollen Raucher zufriedenzustellen. Auch Halef füllte sich die Satteltaschen.
Nach zwei Tagen fühlten wir uns gestärkt, entlohnten unseren Gastwirt und brachen früh am Morgen auf. Noch lagerte dichter Nebel über dem Tal, als wir den Bach in Richtung Süden überquerten und das leicht ansteigende Gelände auf der anderen Seite hinaufritten. Doch bald hatten wir den Nebel hinter uns gelassen, und eine weite kurzrasige Ebene dehnte sich vor uns aus. Zur Linken erhob sich in der Entfernung eine niedrige, aber steile Felswand, hinter der im Morgendunst ein weiterer Höhenzug undeutlich erkennbar war.
"Sihdi, das ist gutes Weideland," bemerkte Halef. "Welcher Stamm mag hier seine Herden weiden?"
"Wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns bereits auf dem Stammesgebiet der Beni Rohirrim," antwortete ich. "Die Klippen dort drüben könnten den Ostwall von Rohan bilden. Siehst du die Fährte dort vor uns im Grase? Wollen sehen, ob sie von Reitern stammt."
"Wo, Sihdi? Ich sehe keine Spur."
"Grad vor uns, kaum zwei Meilen entfernt. Man kann im Gegenlicht sehr gut erkennen, daß die Spitzen der Grashalme nach rechts geneigt sind. Dort ist eine Gruppe von Personen von Osten nach Westen gezogen."
"Ah, jetzt, wo du es sagst, Sihdi, sehe ich es auch."
Als wir näherkamen, merkte ich bald, daß es sich hier nicht um die Fährte einer Reitergruppe handelte. Es waren die breiten Sohlen von Fußgängern mit schweren Stiefeln, die diese Spur in der letzten Nacht getrampelt hatten. Solcherlei Spuren sind typisch für Orks. Ich schätzte ihre Zahl auf weit über hundert, vielleicht sogar doppelt so viele. Und dann sahen wir etwas Merkwürdiges. Einige Spuren trennten sich von der Hauptfährte und führten nach Norden, liefen an einer Stelle zusammen und führten dann in einer breiteren Spur wieder zurück zur Hauptfährte. Am Endpunkte der Spuren blinkte etwas im Grase.
Das war eine gute Gelegenheit, um Halefs Fertigkeiten im Spurenlesen zu üben. Drüben in den dark and bloody grounds war mir mein unvergleichlicher Winnetou ein strenger Lehrmeister gewesen und hatte den ganzen Schatz seiner Kenntnisse mit mir geteilt. Halef war nach Kräften von mir ausgebildet worden; er hatte ganz gute Fortschritte gemacht und ich nutzte jede Möglichkeit, um ihn weiter zu unterrichten.
"Was fällt dir auf, wenn du diese Spuren vergleichst, Halef?" fragte ich. Dabei blieb ich im Sattel sitzen; es war nicht nötig, abzusteigen, da mein Scharfblick bereits alle Einzelheiten erfaßt hatte.
"Eine der Spuren besteht aus viel kleineren, leichteren Abdrücken als die anderen, Sihdi. Das war ein Kind oder ein Jüngling, ohne Schuhe."
"Ganz richtig. Und es war ein Gefangener. Dies war ein Fluchtversuch."
"Woraus schließt du das, Sihdi?"
"Nun zum einen deshalb, weil ihm alle hinterhergelaufen sind und ihn zurückbrachten. Aber schau noch einmal den Endpunkt der Flucht genauer an."
Halef ging zu der Stelle und bückte sich. "Der Flüchtling hat etwas verloren," sagte er und reichte mir eine schön gearbeitete Mantelspange in der Form eines Buchenblattes, grün mit silbernen Adern. Das war keine gewöhnliche persische Arbeit, wie ich auf den ersten Blick erkannte. Es war ein überaus fein und sorgfältig hergestelltes Stück in einem Stil, den ich noch nie gesehen hatte. Ich betrachtete es genau, fertigte eine Zeichnung davon in meinem Notizbuch an und reichte es dann zurück. "Leg die Brosche wieder hin, Halef."
"Warum, Sihdi?" fragte er erstaunt. "Sie ist wertvoll. Wenn wir sie mitnehmen, dann können wir sie ihrem Besitzer vielleicht zurückgeben. Denn ich denke doch," – dabei schaute er mich pfiffig an – "daß wir dieser Fährte folgen werden?"
"Allerdings werden wir das, Halef. Einen Gefangenen der Beni Ork dürfen wir auf keinen Fall seinem Schicksal überlassen. Dennoch muß die Brosche hierbleiben. Kann der Gefangene geahnt haben, daß wir heute hier vorbeikommen würden?"
"Nein."
"Warum hat er also die Brosche zurückgelassen? Denn ich denke, daß er nur zu dem einen Zwecke von der Hauptfährte fortgelaufen ist, um die Brosche unauffällig wegzuwerfen und um seine Spuren zu hinterlassen. Er muß sich im Klaren darüber gewesen sein, daß man ihn sofort wieder einfangen würde."
"Ah, das würde bedeuten, daß er Freunde hat, die ihm folgen, Sihdi. Wenigstens hofft er darauf."
"Ganz richtig, Halef. Und für diese Freunde werden wir die Brosche hier liegenlassen. Leider können wir nicht auf sie warten, denn jede Minute zählt, und wir wissen nicht, wann sie kommen."
Wir machten unsere eigenen Spuren so gut es ging unkenntlich, denn wir konnten nicht damit rechnen, daß die Verfolger tüchtige Waldläufer waren und wollten sie nicht durch zu viele Spuren irre machen. Darum ritten wir auch nicht auf der Orkfährte weiter, sondern hielten uns parallel dazu, einige hundert Meter entfernt südlich, aber so, daß wir die Fährte gut beobachten konnten. Wir trieben unsere Pferde zu einer schärferen Gangart an. Ich hoffte, die Orks bald einzuholen und den oder die Gefangenen - denn es konnten mehrere sein - wenn möglich noch an diesem Abend zu befreien. Es war jedenfalls Eile geboten, denn ich kannte die Gewohnheiten der Orks und wußte, daß sie Gefangene gern zu Tode foltern. Unter allen Nomadenstämmen des Orients ist keiner so gefürchtet wie die Orks. Ihre Blutrünstigkeit wird nur noch von ihrer Häßlichkeit übertroffen. Mit fast allen anderen Stämmen stehen sie im Krieg oder in Blutrache. Sie sind heimtückisch, grausam und - soweit es ihre beschränkten geistigen Fähigkeiten zulassen - hinterlistig. Wir hatten Geschichten über ihre Taten gehört, bei denen kräftigere Männer als ich sich vor Ekel übergeben mußten.
Halef war auffallend schweigsam. Ich sah, daß er noch über das Gesehene nachgrübelte. Schließlich wandte er sich an mich: "Sihdi, deine Weisheit reicht von hier bis an die Grenzen des Meeres und noch darüber hinaus bis ins Bilad el Amirika (4). Du liest die Fährten der wilden Tiere und die Spuren der Menschen und erkennst darin Dinge, die sie nicht einmal selber wissen; das habe ich bei dir schon oft erlebt."
Ich dachte mir, daß dies die Einleitung zu einer Frage sei und blieb still. Ich hatte mich nicht getäuscht.
"Du hast vorhin behauptet, daß der Gefangene seine Mantelspange absichtlich weggeworfen hat."
"Ganz recht."
"Oh, Sihdi, in der letzten halben Stunde hat meine Weisheit versucht, die deinige einzuholen, aber sie ist gar zu langsam und dreht sich immer nur im Kreise, so daß mir nun ganz schwindlig ist. Sag mir, Sihdi, könnte es nicht auch sein, daß der Gefangene die Spange ganz zufällig verloren hat oder daß sie abgerissen wurde, als die Orks ihn wieder einfingen?"
"Beides ist nicht völlig unmöglich, aber jedenfalls höchst unwahrscheinlich," klärte ich ihn auf. "Du hast die Spange selbst in der Hand gehabt. War sie beschädigt oder verbogen?"
"Nein, sie war wie neu."
"Hingen Fäden oder Fasern oder gar Stoffetzen daran?"
"Nein."
"Das bedeutet, daß sie höchstwahrscheinlich nicht gewaltsam abgerissen wurde, denn bei einer solchen Behandlung wird oft das Gewand beschädigt und die Nadel oder die Nadelrast, wenn nicht die ganze Spange, verbogen. Dies war bei der Buchenblattspange nicht der Fall."
"Ja, das verstehe ich," sagte Halef langsam. "Aber könnte sie nicht ganz zufällig verlorengegangen sein?"
"Ausgerechnet am Endpunkt der Flucht? Das ist ebenso unwahrscheinlich. Und dann hätte der Flüchtling seinen Mantel verloren, den er im Dunkeln und verfolgt von den Orks sicher nicht wieder aufgehoben hätte. Nein, es war ein geplantes Wegwerfen, und seinen Mantel hat er danach gut festgehalten oder vorher schon auf andere Weise befestigt."
"Wenn du es erklärst, Sihdi, scheint alles so klar und einfach zu sein. Wie kommt es nur, daß meine Weisheit nicht den klaren und einfachen Weg findet, sondern sich in Spiralen verläuft?"
"Laß es dich nicht betrüben, mein guter Halef," tröstete ich ihn. "Deduktives Denken ist nun mal nicht jedermanns Sache. Ein Scheik der Haddedihn braucht andere Qualitäten."
Während dieses Gesprächs waren auf der Orkspur am Horizont dunkle Punkte aufgetaucht. Ich zog mein Fernrohr aus der Satteltasche und stellte fest, daß es sich tatsächlich um die Orks handelte. Es war eine große Gruppe und sie waren in dauernder Bewegung. Von dem Gefangenen sah ich nichts, was aber zu erwarten war, denn dieser wurde sicher ganz in der Mitte gehalten. Ich beobachtete sie eine Viertelstunde lang, um ihre Geschwindigkeit zu schätzen. Wir schlugen nun einen Bogen nach Süden, um aus ihrem Gesichtsfeld zu kommen und sie ungesehen zu überholen. Am frühen Nachmittag hielten wir wieder nördlich auf die Hügel zu. Bisher hatten die Orks sich am Fuß der Hügel gehalten und ich war mir sicher, daß sie dies weiterhin tun würden. Wir nahmen an, daß sie auch während der Nacht weiterlaufen und nur ab und zu eine kürzere Rast einlegen würden. Das machte es schwierig, im Voraus einen Punkt zu wählen, an dem sie halten würden. Dem mußten wir abhelfen, indem wir sie zum Halten zwangen. Wenn wir ein Lagerfeuer entzündeten, dann würden die Orks mit Sicherheit Späher dorthin schicken und den Haupttrupp in der Nähe halten lassen. Ich entschied mich für eine Stelle in flachwelligem Terrain, die mir günstig erschien und wo ein kleines Wäldchen uns Schutz und Deckung bot. Nun berechnete ich den Standort des Lagerfeuers so, daß die Orkgruppe in der Nähe des Wäldchens zum Stillstand kommen müßte, während sie Späher zum Feuer sandte.
Halef war Feuer und Flamme. Er hatte schon einige Male unter meiner Aufsicht Feinde beschleichen dürfen und rechnete darauf, dies auch heute wieder zu tun. Umso enttäuschter war er, als ich ihm eröffnete, er müsse auf der anderen Seite des Wäldchens bei den Pferden bleiben. Als ich ihm auseinandersetzte, daß er zum Beschleichen so zahlreicher und gefährlicher Feinde noch zu ungeübt sei, empfand er dies als Zurücksetzung und schmollte. Es half nichts, daß ich ihm erklärte, wie bedeutend, ja überlebenswichtig für uns die Sicherheit der Pferde war. Ich konnte sein kindisches Verhalten nicht weiter beachten, denn wir hatten die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Das Feuer war zu entzünden, wobei ich darauf achten mußte, daß es möglichst lange brannte, denn wir konnten zwischendurch kein neues Holz nachlegen. So suchte ich nur solche Hölzer aus, die sehr langsam brennen - auch hierbei wäre der kleine Hadschi überfordet gewesen - und schichtete sie in der Art und Weise, die die Apatschen Oro-Druin nennen, was soviel wie "lang andauernde Glut" bedeutet. Darauf begaben wir uns auf die dem Fluß zugewandte Seite des Wäldchens, wo ich einen geschützten Platz für Halef und die Pferde auswählte. Nun konnten wir uns etwas ausruhen und eine vorgezogene Abendmahlzeit verzehren, während wir auf den Einbruch der Dunkelheit warteten. Zu Beginn der Dämmerung erhob ich mich, gab Halef meine Gewehre und schärfte ihm nochmals ein, sehr vorsichtig zu sein und diesen Platz nicht zu verlassen. Er schien sich mit seiner Rolle abzufinden. Ich eilte nun zu der vorbereiteten Feuerstelle und entzündete das Feuer, aber derart, daß es in den nächsten Stunden nur mit kleiner Flamme brennen würde. Dann suchte ich meinen Beobachtungsposten am Wald auf, versteckte mich hinter einigen Büschen, die mir einen guten Überblick über den Waldrand und die Ebene erlaubten, und wartete. Bald war es völlig dunkel. Nach meinen Berechnungen würden die Orks erst gegen Mitternacht eintreffen, und so vertrieb ich mir die Zeit, indem ich den Koran aus dem Gedächtnis Sure für Sure vom Arabischen ins Persische übersetzte.
Kapitel 2
Wie sich herausstellte, waren die Orks noch schneller, als ich angenommen hatte. Ich schätzte die Zeit auf elf Uhr, als mir ein übler Gestank in die Nase wehte, der das Herannahen der Orkschar ankündigte. Bald konnte ich sie sehen: ein dunkler Haufen, der sich mit erstaunlicher Schnelligkeit näherte. Dann wurden sie langsamer; sie hatten das Feuer entdeckt. Tatsächlich blieben sie nicht weit von meinem Versteck entfernt halten und beratschlagten. Aber dann setzten sie sich alle ohne Ausnahme in Bewegung und begannen, die Feuerstelle einzukreisen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Was immer man über sie sagen mochte, diese Orks waren wirklich tollkiehn (5).
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihnen vorsichtig zu folgen. Glücklicherweise kannte ich das Gelände besser als sie, was mir nun zustatten kam. Ich schlug einen Bogen und näherte mich der Feuerstelle langsam von Osten. Hier konnte ich einige Bodenwellen und ein wenig spärliches Gebüsch als Deckung benutzen. Eine größere Gruppe Orks fand ich rund um das Feuer versammelt, dessen nähere Umgebung sie wohl schon abgesucht hatten. Andere waren noch im Gelände unterwegs, denn ich vernahm ihre Stimmen. Glücklicherweise hatte ich vor meiner Abreise daheim ein Lehrbuch des Orkischen durchgeblättert, so daß ich diese Sprache in vier verschiedenen Dialekten verstehen und fließend sprechen konnte. Wie ich nun hörte, gehörten die Orks zwei verschiedenen Gruppen an, die unter sich manchmal ihren jeweiligen Orkdialekt sprachen, meistens aber Westron benutzten. Dieses Westron, eine Art lingua franca hiesiger Gegend, hatte ich mir ebenso wie Halef schon bei unserem letzten Aufenthalte in Rohan angeeignet.
"Ich glaub nicht, daß das ein Feuer von den Pferdeleuten ist," sagte einer der Orks. "Was meinst du, Glukgluk?"
Der Angesprochene, ein untersetzter, kräftiger Ork mit einer S-Rune auf dem Helm und einer weißen Hand auf dem Schild, antwortete: "Wenn ihr die Schnauze haltet und mithelft, zu suchen, dann werden wir sie schon finden, wer immer sie sind. Also los! Und ein paar von euch bleiben bei den Gefangenen!"
Damit zog der größere Teil der Orks ab und verstreute sich im Terrain. Nun konnte ich sehen, daß zwei Gefangene, klein wie Kinder, nahe beim Feuer lagen. Sie waren gefesselt und rührten sich nicht.
Plötzlich erhob sich in einiger Entfernung lautes Geschrei. Dazwischen vernahm ich deutlich die Stimme von Halef: "Laßt mich los, ihr Gewürm, ihr häßlichen Ungeheuer!"
Oh, dieser unglückselige Hadschi! Er hatte meine Weisungen mißachtet und sich anschleichen wollen. Dabei war er von den Orks übertölpelt worden. Das hatte er nun davon! Wie konnte ich ihm helfen? Zunächst einmal gar nicht, da er sicher inmitten der Orkmeute steckte. Ich mußte warten, wie sich die Dinge entwickelten. Die meisten der noch ums Feuer stehenden Orks rannten zu der Stelle, von woher der Lärm ertönte. Einer der Gefangenen wurde von seinem Wächter einfach über die Schulter geworfen und mit ins Dunkel getragen. Ein Ork, der offenbar für den anderen Gefangenen verantwortlich war, machte Anstalten, auch diesen aufzuheben, ließ ihn dann aber doch liegen und blieb bei ihm stehen. Er lauschte in Richtung des Lärms und wendete mir dabei den Rücken zu. Als alle anderen Orks aus dem Lichtschein des Feuers verschwunden waren, konnte ich handeln. Ich schnellte mich zu dem Ork hin, richtete mich hinter ihm auf und versetzte ihm einen Fausthieb an die Schläfe. Das war mein berühmter Jagdhieb, der mir in den Prärien des Wilden Westens den Ehrennamen "Old Shatterhand" eingebracht hatte und mit dem ich den stärksten Menschen wie einen Klotz zu Fall bringen konnte. Offenbar hatte der Ork noch nichts davon gehört, denn anstatt bewußtlos niederzusinken drehte er sich um, fletschte die Zähne und ging auf mich los. Ich wich behende aus und schmetterte ihm mein Kinn an die Faust. Als er verblüfft innehielt, rammte ich ihm mit Wucht meinen Magen ins Knie, so daß ihm Hören und Sehen verging. Er stieß ein heiseres gelächterartiges Keuchen aus. In diesem Moment raffte sich der Knabe trotz seiner gefesselten Glieder auf und warf sich mit den Worten "Ah, Elb, errett‘ Gilthoniel!" gegen die Beine des Orks. Dieser verlor das Gleichgewicht, strauchelte, stürzte nach hinten und schlug hart mit dem Kopf gegen einen kleinen Felsen. Ich griff mir den Knaben, nahm ihn der Einfachheit halber unter den Arm, sprang aus dem vom Feuer beleuchteten Bereich und lief durch die Dunkelheit davon. Aus den Worten, die er eben ausgestoßen hatte, entnahm ich, daß sein Name Gilthoniel war und daß er mich für einen Elbenkrieger hielt, der ihn erretten sollte – eine Verwechslung, die im Dunkeln ganz verständlich war. Es war nicht das erstemal, daß ich wegen meiner ehrfurchtgebietenden Gestalt und meiner ebenmäßigen Züge für einen Elben gehalten wurde. Nach einer Weile hatten wir eine ausreichende Entfernung zum Orklager erreicht, so daß wir keine Verfolgung zu fürchten hatten. Ich konnte Gilthoniel niedersetzen und endlich seine Fesseln lösen.
"Ich danke dir, Herr!" sagte er in Westron, "Das war Rettung aus höchster Not. Und doch betrübt es mich zutiefst, daß mein Freund Merry noch in ihrer Gewalt ist, ebenso wie der andere Gefangene, den sie gerade anschleppten."
"Das war mein Freund," antwortete ich, "und sei beruhigt: Keiner von beiden wird sich lange in ihren Händen befinden, wenn ich es verhindern kann. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein Effendi aus dem fernen Dschermanistan, und ich werde sie befreien. Aber komm jetzt, Gilthoniel. Wir müssen meine Pferde erreichen und die Orks überholen. Wenn der Tag anbricht, unterhalten wir uns weiter." Bald waren wir bei den Pferden. Ich kürzte Halefs Steigbügel für Gilthoniel und ließ ihn aufsteigen, dann ritten wir eilends nach Westen, um die Orks zu überholen.
Als der Morgen anbrach, machten wir Rast und lagerten an einer geschützten Stelle unweit des Flusses. Nun hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, meinen Begleiter bei Tageslicht in Augenschein zu nehmen. Er war einer der merkwürdigsten Beduinen, den ich je gesehen hatte. Außerordentlich klein von Statur erwies er sich nicht als Kind, sondern als ein kleinwüchsiger junger Mann von etwa 20 Jahren. Er hatte ein offenes, ehrliches Gesicht und war gesund und wohlgenährt, wenn auch im Moment noch von den Strapazen der Gefangenschaft geschwächt. Ich hatte ihm Brot, Dörrfleisch und einige Süßspeisen, die wir in Arda erstanden hatten, angeboten und er tat sein Möglichstes, um "seine verpaßten Mahlzeiten nachzuholen", wie er es ausdrückte. Sein Name war nicht, wie ich angenommen hatte, Gilthoniel, sondern Peregrin Tûk, genannt Pippin, und er gehörte zu den Beni Hobbit im Lande Shair. Die Hobbits waren, erzählte er, alle so klein wie er, weswegen sie von anderen Stämmen als "Halblinge" bezeichnet wurden. Und sie hatten auch alle diese kräftigen und wollig behaarten Füße, die mir gleich an ihm aufgefallen waren. Solche Konditionen werden bei isolierten Völkerstämmen oft durch jahrhundertelange Inzucht verursacht. Ich konnte aber erfreut feststellen, daß er geistig völlig normal und dazu recht mitteilsam war. Als ich nach dem Essen meine Pfeife stopfte, war er überglücklich, es mir gleichtun zu können, da ihm die Orks alle persönlichen Gegenstände gelassen hatten, darunter auch seine Pfeife. Der Hâsh schien ihm jedoch nicht gut zu bekommen – er war sein einheimisches Shair-Kraut gewöhnt – denn die Geschichte, die er mir beim Rauchen auftischte, war in höchstem Maße ungewöhnlich. Auch wenn ich die übliche Erfindungs- und Übertreibungssucht und die blumige Redeweise der Orientalen berücksichtigte, hatte ich Schwierigkeiten, in dieser Geschichte den wahren Kern zu finden. Und doch schien er nicht alles zu sagen, was er hätte sagen können, wie ich aus einigen Pausen und Stockungen entnahm. Ich möchte meine Leser nicht mit einer Wiederholung dieser phantastischen Erzählung langweilen, sondern nur soviel sagen, daß es um die Ausführung eines überaus wichtigen Auftrags ging, mit dem neun Gefährten beauftragt waren, die zu fünf verschiedenen Stämmen gehörten. Neben Pippin waren drei weitere Hobbits beteiligt, von denen einer eine besondere Stellung unter diesen Gefährten einzunehmen schien. Ihr Chabir (6) war ein weiser alter Mann namens Gandalf gewesen. Er war in einem unterirdischen Gang im Kampf mit einem wilden Tier gefallen, wohl einem Bären, den Pippin jedoch in seiner Erzählung mit einem brennenden Fell, einem aufrechten Gang, schattenartigen Flügeln und verschiedenen anderen Unmöglichkeiten ausstattete. Mindestens ein weiteres Mitglied der Gemeinschaft war von den Orks getötet worden, aber Pippin und Merry hatten gehofft, daß die anderen den Orks nachfolgen und sie befreien würden. Ich notierte mir diese Erzählung in meinem Tagebuch und nahm mir insgeheim vor, alle Hobbits, die ich traf, nach Geschichten auszufragen.
Pippins grauer Burnus schien stets die Farben der Umgebung anzunehmen. Er bot deshalb eine vorzügliche Tarnung, wie sie mir beim Anschleichen höchst willkommen gewesen wäre. Der Umhang stammte, wie er mir erzählte, aus Lórien und war von den dort ansässigen Elben hergestellt worden. Als ich ihn mit meiner Taschenlupe untersuchte, erkannte ich, daß darin Fäden aus einem reflektierenden Material eingewebt waren, das ich jedoch nicht näher identifizieren konnte. Ich beschloß, auf der Heimreise durch Lórien zu reiten, um mir die Freundschaft der dortigen Elben und einige dieser bemerkenswerten Mäntel zu erwerben. Ich erfuhr nun auch, daß die Mantelspange, die ich klugerweise für Pippins Gefährten liegengelassen hatte, ebenfalls eine elbische Arbeit war.
Kapitel 3
Wir schlugen ein scharfes Tempo an, um die Orks erneut zu überholen und legten an diesem Tage nur zweimal für kurze Zeit eine Rast ein. Der Hobbit war das Reiten nicht gewöhnt und hatte einige Schwierigkeiten, sich den ganzen Tag über im Sattel zu halten. Glücklicherweise war Barkh ein hochedles Tier, das es seinem Reiter so leicht wie nur möglich machte. Pippin hielt sich tapfer und versicherte, um seinen Freund Merry zu befreien, alles aushalten zu können. Ich befürchtete zwar insgeheim, daß er sich wund reiten könnte, doch war dies im Augenblick nicht zu ändern. Auch wenn die Beni Hobbit keine geborenen Reiter waren, so schienen sie doch zähe, widerstandsfähige Naturen zu sein, was mir jetzt nur lieb sein konnte.
Gegen Abend näherten wir uns wieder dem Waldland. Ein kleiner Bach, der sich vom Walde her kommend durch die Steppe schlängelte, um in den Fluß zu münden, gab uns die höchst willkommene Gelegenheit, ohne auffällige Spuren zu hinterlassen zum Walde hinüber zu wechseln. Unter den Bäumen wurde es bereits dunkel und ich machte mir Sorgen, ob ich die Geschwindigkeit der Orks auch dieses Mal richtig eingeschätzt hatte. Da rief Pippin: "Schau dort, Kara Ben Nemsi!" und deutete nach Osten. Da kamen sie, die Orks. Ihre Gruppe war nicht mehr geschlossen, sondern in eine lange, unterbrochene Linie auseinandergezogen. Sie kamen mit großer Schnelligkeit über die Ebene gelaufen und hielten auf den Wald zu. Es sah ganz danach aus, als ob sie vor einem Feinde flohen, denn viele sahen sich immer wieder um. Zwei kräftige Orks trugen Halef und Merry auf dem Rücken, sie waren unter den vordersten und bereits gut zu erkennen. Um nicht gesehen zu werden, wichen wir weiter unter die Bäume zurück, wo uns die hereinbrechende Dämmerung zusätzlichen Schutz gewährte. Ich gab Pippin mein Messer, damit er nicht ganz waffenlos war. Zwar hatte ich nicht die Absicht, ihn einem Kampf auszusetzen, aber es war besser, für alle Fälle gerüstet zu sein.
Die ersten Orks verschwanden in einem kleinen Wäldchen, das auf einem Hügel zwischen ihnen und dem Rand des eigentlichen, geschlossenen Waldes lag, wo wir uns gerade befanden. Und nun tauchten am Horizont Reiter auf, die sich durch mein Fernglas wie Schattenrisse vor dem flammendroten Abendhimmel abzeichneten. Ich konnte weder ihr Aussehen noch ihre Kleidung genau erkennen, doch zweifelte ich nicht daran, daß es Rohirrim waren, denn dies war ihr Gebiet und mit den Orks lagen sie in dauernder Fehde. Die hinterste Orkgruppe war von den anderen durch eine weite Lücke getrennt und diesen Umstand nutzten die Reiter aus. Sie schnitten die Orks ab, zogen einen Kreis um sie und schossen vom Pferde aus Pfeile in die Gruppe hinein. Das war eine indianische Taktik, die ich den Rohirrim bei meinem letzten Aufenthalte in Rohan beigebracht hatte und es freute mich, zu sehen, wie geschickt und erfolgreich sie diese Technik anwendeten. Freilich wurden die Orks allmählich niedergemacht, denn die Rohirrim schossen, um zu töten. Hätte ich das Kommando über diese Reiter gehabt, so wäre nur auf die Beine gezielt worden.
Gerne wäre ich den Rohirrim jetzt entgegengeritten, aber ich kannte ihre tödliche Genauigkeit mit dem Bogen und der Lanze. Im Rausche des Kampfes und in der hereinbrechenden Dunkelheit war die Gefahr zu groß, daß sie erst schießen und dann fragen würden.
Als das Gemetzel auf der Grasebene vorüber war, umzingelten die Reiter den bewaldeten Hügel, auf den die übrigen Orks sich geflüchtet hatten. Es war nun Nacht geworden und rings um den Hügel loderten bald die Wachtfeuer der Rohirrim. Sie selbst hielten sich außerhalb des Lichtscheins der Feuer auf und zogen wachsam ihre Kreise, um Ausbrüche der Orks zu verhindern. Einmal gab es Geschrei an der Ostseite der Kuppe und kurz darauf kamen einige Reiter durch den Feuerkreis zurückgeprescht: Ein Stoßtrupp offenbar, der die Orks angegriffen und beunruhigt hatte. Der Befehlshaber der Rohirrim war wagemutig und kühn. Vielleicht war es Théodred, der Sohn des Scheiks, oder Éomer, der Neffe, die ich beide gut kannte, seit ich sie damals in Kampftaktik unterwiesen hatte (1). Ich freute mich auf unser Wiedersehen. Gleichzeitig war ich in Sorge um Halef und Merry. Aber im Moment sah es so aus, als wollten die Rohirrim das Tageslicht abwarten, um anzugreifen. Wir brachten unsere Pferde etwas tiefer in den Wald hinein und pflockten sie auf einer kleinen Waldwiese an, dann kehrten wir zum Waldrand zurück, denn ich mußte ein wachsames Auge auf die Kampfhandlungen haben. Pippin bat ich jedoch, zu schlafen, wenn er es vermochte, und der anstrengende Ritt und die vorangegangene Gefangenschaft bewirkten tatsächlich, daß er bald tief und ruhig, von seinem Elbenmantel zugedeckt im Moose schlummerte. Ich lehnte mich an einen Baumstamm, um die weitere Entwicklung in dem Orkwäldchen zu beobachten. Aber im Moment war es ruhig, so daß ich meine Gedanken schweifen lassen konnte.
Es ist etwas ganz Eigenes, eine Nacht allein in der Wildnis zu verbringen, wo sich der unermeßliche Sternenhimmel über einem wölbt. Da saß ich an einem Waldrande in Rohan, in unmittelbarer Nähe von Feinden, die uns, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, erbarmungslos niedergemacht hätten und gleichzeitig in der Nähe von Freunden, die von uns nichts wußten und von denen wir, hätten wir uns genähert, wohl mit Orks verwechselt und angegriffen worden wären. Und mit jeder Stunde, die verging, wurde Halefs und Merrys Situation verzweifelter. Aber ich verzagte nicht. Ich wußte mich in der Hand Gottes, einer Hand, die mich schon immer auf meinen Reisen geleitet und beschützt hatte, einer Hand, die mich auch hier nicht im Stich lassen, sondern sicher durch alle Gefahren lenken würde. Diese unerschütterliche Gewißheit und das Vertrauen auf meine eigenen Fähigkeiten gaben mir Ruhe und Sicherheit, während manch anderer an meiner Stelle wohl nervös und unruhig gewesen wäre.
Plötzlich glaubte ich, am gegenüberliegenden Waldrand eine Bewegung wahrzunehmen. Es war wohl mehr ein Gefühl als eine genaue Beobachtung, aber dieses Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Ein paar dunkle Gestalten schienen sich an einer unbewachten Stelle zwischen zwei Wachtfeuern hindurchschleichen zu wollen. Bald sah ich sie genauer, jedoch ohne Einzelheiten erkennen zu können. Es waren vier. Einer von ihnen war sehr klein - wie ein Hobbit. Vorsichtig weckte ich Pippin und schärfte ihm ein, sich ganz still zu verhalten. Drei der Gestalten waren plötzlich nicht mehr zu sehen. Sie mußten sich ins Gras gelegt haben. Wir hörten das Schnauben eines Pferdes, als einer der Rohirrim sich dem einen noch stehenden Ork näherte, dann glaubte ich, eine Lanze blinken zu sehen und für einen Moment verschmolzen der schattenhafte Reiter und der Ork zu einem größeren Schatten, dann lösten sie sich voneinander und der Reiter trabte weiter, während ein bewegungsloser, dunkler Fleck im Gras zurückblieb. Der Reiter hatte den Ork niedergemacht.
Nun mußte ich besonders aufmerksam sein. Und tatsächlich - nach kurzem Warten erhoben sich die drei übrigen Gestalten und bewegten sich über die Wiese fast genau auf unseren Standort zu. Als der Schein eines der Wachtfeuer sie uns als scharf abgesetzte Silhouetten sichtbar machte, erkannte ich Halef und einen Hobbit, die ein Ork mit gezücktem Schwert vor sich her trieb. Leise gebot ich Pippin, sich hinter einen dicken Baumstamm zu kauern und postierte mich selbst hinter einen großen Baum am Waldrand. Ich hatte Glück. Nur ein paar Meter von mir entfernt betraten die drei den Wald. Kaum war der Ork an mir vorüber gekommen, da trat ich vor und schlug ihn mit einem wohlgezielten Fausthieb an den Schädel nieder. Er sank ins Moos, war aber nicht vollends betäubt. Die Beni Ork hatten harte Schädel. Ich preßte ihm seine Arme auf den Rücken und rief Pippin herbei, der sogleich sein Messer zog und die Fesseln von Merry und Halef zertrennte.
"Hamdulillah!" rief Halef leise und rieb sich die Handgelenke. "Endlich frei!"
Pippin half Merry beim Aufstehen; er war am längsten in Gefangenschaft gewesen und daher recht schwach.
"Gebt mir eure Riemen, damit ich den Ork fesseln kann," bat ich sie und zog meinen Gefangenen empor, bis er auf seinen krummen Beinen stand. Der geistesgegenwärtige Halef hatte die Lederriemen bereits eingesammelt und reichte sie mir gerade, als der Ork sich mit großer Kraft zu wehren begann. Ich zog ihm seinen eigenen Krummdolch aus dem Gürtel, preßte ihm die Spitze in den vorstehenden Adamsapfel und raunte ihm in Orkisch zu: "Halt still, du häßliche Kröte, oder ich schlitze dich auf von der Kehle bis zum Bauch! Und unterm Bauch, da auch!"
Orkisch ist eine Sprache, die beim unbefangenen Hörer stets den Eindruck tiefster Profanität hinterläßt. Ich mußte mich aber solch drastischer Ausdrücke bedienen, weil ich sonst von diesen unzivilisierten Leuten nicht ernst genommen worden wäre. Selbstverständlich hätte ich meine Drohung niemals wahrgemacht. Wie meine Leser wissen, trachte ich nicht nach dem Blute meiner Feinde, sondern suche sie zu schonen, wo immer es nur möglich ist. Der Ork rollte seine gelben Augen und zitterte. Dann spürte ich etwas auf meinen Stiefel tropfen. Er hatte sich vor Angst eingenäßt. Ich hielt daraufhin etwas mehr Abstand zu ihm, ohne aber das Messer von seiner Gurgel zu nehmen. "Wie ist dein Name?" fragte ich ihn.
"Leckmich!" grunzte er.
"Sequil Beggins! – Frecher Lümmel!" fuhr Halef ihn erbost auf arabisch an.
"Ruhig, Halef," gebot ich, "Ich glaube, er hat meine Frage wahrheitsgemäß beantwortet. Ist es nicht so, Leckmich?"
"Jo," knurrte der Ork.
"Hör mir gut zu, Leckmich. Ich werde dir jetzt die Hände fesseln. Läßt du dies ruhig geschehen, dann passiert dir nichts, aber wenn du dich wehrst, so wirst du die Klinge deines eigenen Messers zu fühlen bekommen. Wirst du dich fügen?"
Der Ork grunzte zustimmend und hielt wirklich still, während ich ihn band.
Kaum war ich damit fertig, da ließ Halef einen unterdrückten Warnruf hören. "Sihdi, Sihdi, es kommen noch mehr Orks!"
Er blickte hinaus auf die Ebene, wo sich ein dunkler Haufen näherte. Es war eine größere Gruppe von fünfzehn bis zwanzig Orks, die von den hinter ihnen brennenden Wachtfeuern schwach beleuchtet wurden. Sie kamen direkt auf uns zu. Ab und zu sah man in der Dunkelheit ihre Fangzähne aufblitzen.
"Schnell!" rief ich Merry und Pippin zu, "Lauft weiter in den Wald hinein und wartet dann auf uns!" Damit warf ich Halef einen meiner Revolver zu und zog den Henrystutzen aus dem Futteral, ohne mich um die erschreckten Blicke der beiden Beni Hobbit zu kümmern, die das blitzende Metall anstarrten, als hätten sie noch nie im Leben eine Feuerwaffe gesehen. Ich legte an und gab in rascher Folge einige Schüsse auf die vordersten der Orks ab. Gleichzeitig feuerte Halef mit dem Revolver. Mehrere Orks stürzten, einige humpelten weiter, aber sie wechselten die Richtung und hielten sich entlang des Waldrands nach Westen. Wir hatten sie erfolgreich von unserem Aufenthaltsort abgelenkt. Die Schüsse hatten, wie zu erwarten war, auch die Rohirrim aufmerksam gemacht und bald erschien eine Gruppe von Reitern wie Geister aus der Dunkelheit, orientierte sich an dem Schreien und Keuchen der verwundeten Orks und folgte ihnen nach. Schon waren sie so weit von uns entfernt, daß wir nur undeutlich wahrnahmen, wie die Reiter sie einholten und angriffen. Todesschreie gellten durch die Nacht. Halef und ich hatten uns ein paar Schritte in den Wald hinein zurückgezogen und verhielten uns still, bis die Kampfgeräusche aufhörten. Die Rohirrim streiften langsam über das Grasland und suchten nach verwundeten oder sich tot stellenden Orks. Unser Gefangener, der zu unseren Füßen lag und alles gehört hatte, gab keinen Laut von sich. Nach dem Geruch zu urteilen, der ihn umwaberte, war er erneut ein Opfer seiner schwachen Blase geworden. Ich mußte an das Dichterwort von den "tausend Wohlgerüchen des Orients" denken. Ja, zuhause im Lehnstuhl läßt sich so etwas leicht niederschreiben. Wie hätte wohl eine Dichternase unsere gegenwärtige Lage empfunden: der stinkende Ork neben uns, der scharfe Geschmack des Schießpulvers an unseren Händen und Wangen, die Leichen draußen auf der Ebene, von denen der Geruch von altem Schweiß und frischem Blut aufstieg, darunter gemischt die Ausdünstungen der Pferde und der Rauch von den Holzfeuern, der gelegentlich herüberwehte. So verbrachten wir den restlichen Teil der wachsamen Nacht.
Kaum streckte die erste Ahnung des Morgengrauens ihre blassen Arme über die Ebene aus, da begannen die Rohirrim sich um die Waldkuppe zu formieren. Jetzt würden wir uns ihnen bald zeigen können, aber zuerst mußten wir die Hobbits holen. Leckmich hatte neben uns her zu gehen, als ich den spärlichen Spuren zu folgen versuchte, die Merry und Pippin hinterlassen hatten. Leider war der Boden streckenweise felsig und die Spuren demzufolge kaum zu finden. Das war nicht weiter schlimm, denn weit konnten sie ja nicht gelaufen sein. Nachdem wir uns weit genug vom Waldrand entfernt hatten, begannen wir, nach ihnen zu rufen. Als ihre Spur nicht mehr zu erkennen war, schlug ich erst einen Bogen nach Osten und dann nach Westen, aber ohne Erfolg. Nichts. Keine Antwort, kein Laut, kein Rascheln, so weit wir auch in den Wald hineingingen. Die beiden Hobbits waren verschwunden.
Fußnoten
(1) siehe Karl May, Gesammelte Werke, Band 135: In den Schluchten des Ered
Nimrais.
(2) siehe Karl May, Gesammelte Werke, Band 6: Der Schut.
(3) siehe Karl May, Gesammelte Werke, Band 142: Verwehte Spuren.
(4) Amerika
(5) Anmerkung des Herausgebers: sächsisch für tollkühn. Karl May verfiel hier
ungewollt in seinen Heimatdialekt.
(6) Führer
Fortsetzung ist in Arbeit.
Ein Ballrock saß auf einem Baum
und hüllte sich in tiefen, dunklen
Schatten, so daß er im abendlichen Zwielicht kaum zu erkennen
war. Da kam ein wandernder Gull des Weges gezogen und setzte sich
unter den Baum, um ein wenig auszuruhen. Er war den ganzen Tag
lang unterwegs gewesen, und kaum hatte er sich an den kühlen
Baumstamm gelehnt und die Augen geschlossen, da schlief er ein.
Der Ballrock hatte ihn gesehen und alte, längst vergessen
geglaubte Kindheitserinnerungen stiegen in ihm auf: Ein
kuscheliges Ballrocknest in den Wäldern von Dol Guldur. Seine
Mutter (Eru hab sie selig), die ihn und seine Geschwister
liebevoll betreute. Sein Vater, der die ganze Familie beschützte
und mit Nahrung versorgte. Eine behütete, glückliche Kindheit.
Bis eines Tages - ein Gull den Frieden des abgelegenen Tales
störte. Er streifte überall umher, verscheuchte das Wild und
führte Vermessungsarbeiten durch. Bald darauf kamen weitere
Gulle und in ihrem Gefolge viele Orks. Sie rodeten die Wälder
und bauten eine Festung für Sauron. Den Ballrocks fiel es immer
schwerer, ihre Brut zu füttern. Die Beute war rar geworden, der
tägliche Baulärm unerträglich, der Streßfaktor extrem hoch.
Eins nach dem anderen starben die jüngeren Geschwister des
kleinen Ballrock. Bald darauf folgte ihnen auch die Mutter aus
Gram ins Grab. Der Vater nahm den überlebenden Kleinen und
wanderte mit ihm ins Nebelgebirge aus.
All dies zog vor des Ballrocks geistigem Auge vorbei, während er
den unter ihm schlafenden Gull beäugte. Dem rutschte gerade der
Kopf nach hinten und er begann mit offenem Mund laut zu
schnarchen. Der Zufall wollte es, daß der Ballrock just in
diesem Augenblick einen gewaltigen Harndrang verspürte. Er ließ
kurzerhand seinen Schnofel ausfahren, zielte auf den Gull und
erleichterte sich mit lautem Geplätscher. Der Gull bekam eine
Zehn-Liter-Ladung ab, schreckte wie von der Tarantel gestochen
hoch und sprang zeternd und spuckend um den Baum. "So eine
verdammte Pisse! Wer war das? Wer hockt da oben im Baum? Wenn ich
jetzt mein Pteranodon hier hätte, dann würde ich dich
kaltmachen, du Sau!" Solche und ähnliche Profanitäten gab
er von sich. Der Ballrock entfaltete ungerührt seine
schattenumwobenen Flügel, schwang sich hoch in den Himmel und
segelte elegant gen Sonnenuntergang. Mami und Papi wären stolz
auf ihn gewesen. Der Gull aber brachte Jahre damit zu, sich von
dem klebrigen und intensiv stinkenden Ballrockurin zu reinigen.
Und so wurde er landein, landaus als "Naßgull"
verspottet.
Und die Moral von der Geschicht: Es ist nur ein Mythos, daß
Ballrocks einen 9 m langen Schnofel haben. Aber pinkeln können
sie damit äußerst treffsicher.
Wiederholt deklamiert von Samwise, für Frodo, auf dem Weg nach
Mordor.
Kennst du das Land, wo die Vulkane glühn,
Am Schicksalsberg die Lavafelder blühn,
Ein fauler Wind vom düst'ren Himmel weht,
Die Landschaft stumm und ohne Leben steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Muß ich mit dir, mein lieber Hobbit, ziehn.
Kennst du den Turm? Das rote Auge wacht
Über den Krieg, der vollends nun entfacht,
Und Orks in hellen Scharen ziehn heran,
zu brechen sich bis Gondor ihre Bahn,
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Muß ich mit dir, o mein Gebieter, ziehn!
Kennst du den Berg und seine Schicksalskluft?
Sie wird vielleicht auch bald für uns zur Gruft.
Schon klafft der Berg, speit aus die Flammenglut
Es stürzt der Fels und rinnt die Lavaflut,
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg! O Frodo, laß uns ziehn!
Mit Empfehlungen an J. W. v. G.
Eine Anfrage nach dem Erlkönig mußte ich abschlägig beantworten:
Hmmm..... Erlkönig, ich fürchte, das wird
nix. Den haben wir in der Schule immer parodiert und seitdem kann
ich mir darunter nichts Ernsthaftes mehr vorstellen. Bei mir
wäre Gandalfs Ritt nach Gondor eine Motorradfahrt:
Wer knattert so spät durch Wind und Nacht,
Es ist Mithrandir, es ist gleich acht,
Im Beiwagen Pippin, sicher und warm,
Mithrandir fährt Kurven, daß Gott erbarm. (das liegt an den
schlechten Straßen zwischen Calenhad und Minrimmon)
...
(und dann käme irgendwie das:)
...
"O Gandalf, Gandalf, siehst du sie nicht?
Die Gans auf der Straße, überfahre sie nicht!"
"Mensch, Pippin, Pippin, ich bin doch nicht dumm,
Das gibt einen Braten, die fahr' ich glatt um!" (womit wir
schon weit vom Thema abgeschweift wären)
...
(und es endet natürlich mit einem Unfall, den nur die Gans
überlebt)
Also erlaß mir den Erlkönig. Daran können sich ja andere mal
versuchen. Das Potential für eine gute Adaption steckt
jedenfalls drin.
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J. R. R. Goethe
DER HEXKÖNIG
adaptiert von Annatar
Wer reitet so spät in Furcht um den Ring
Es ist Frau Arwen mit einem Halbling;
Sie hat den Hobbit wohl in dem Arm,
sie faßt ihn sicher, sie hält ihn warm.
Mein Frodo, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Elbe, du den Reiter dort nicht?
Den Hexenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Frodo, es ist ein Nebelstreif. -
»Hey kleiner Halbling, komm, geh mit mir!
In Mordor wird Sauron spielen mit dir;
Manch heiße Feuer in Barad-Dur,
sie werden dich wärmen, glaube uns nur.«
Oh Arwen, oh Arwen, und hörest du nicht,
Was Hexenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, alleine wir sind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
»Willst, kleiner Halbling, du nicht deinen Lohn?
Die anderen Nazgul warten doch schon;
Meine Freunde führen dich bald von hier weg
gib uns nur den Ring und vorbei ist der Schreck.«
Oh Arwen, oh Arwen, und siehst du nicht dort
Hexkönigs Gefolge am düstern Ort? -
Mein Hobbit, mein Hobbit, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
»Ich will den Ring, reite nicht fort in den Wald
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«
Oh Arwen, oh Arwen, jetzt faßt er mich an!
Hexkönig hat mir ein Leids getan! -
Der Arwen grauset's, sie reitet beseelt
Sie hält in den Armen Frodo so gequält,
Sie kommt nach Bruchtal mit Mühe und Not;
In ihren Armen der Halbling war tot.
Und für den Fall, daß man Frodo doch lieber überleben sehen
möchte, hier ein alternatives Ende von Alex:
Der Arwen grauset's, der Hobbit wird blaß
Und aus seiner Hose tröpfelt es naß,
Sie kommt nach Imladris, oh, Eru sei Dank!
In ihren Armen der Halbling, der stank...
Ein Weißer Baum steht einsam
In Gondor auf kahler Höh.
Ihn schläfert; mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einem Mallorn,
Der, fern im Elbenland,
Silbern und golden schimmert
Am blühenden Waldesrand.
Mit Empfehlungen an H. H.
Anmerkung: Der Weiße Baum ist
hier jener junge Schößling, den Aragorn und Gandalf am 25. Juni
3019 hoch an den Hängen des Mindolluin gefunden haben (LotR,
book 6, chapter 5). Das Elbenland ist Lórien und der Mallorn ist
ein x-beliebiger.
(The balrog wings believers' creed -
written as if balrog wings really existed - they don't, of course)
If you can hold your fire while all about
you
are getting burned and blaming it on you.
If you can trust yourself when Gothmog doubts you,
but make allowance for his doubting too.
If you can wait and not be tired by waiting,
until a falling stone disturbs your rest,
and then move fast and sure and calculating,
To deal with all your uninvited guests.
If you can burn and not make fire your master.
If you can fly and not make flight your aim.
If you can meet with someone who flies faster
and yet not envy him (or her) that fame.
If you can bear to hear atrocious rumours
Of balrog flightlessness, of lack of wings,
And remain calm and be the one who humours
this gross distortion of the truth of things.
If you can force your heart and wings and sinew
to serve your turn long after they are gone
and so fly on when there is nothing in you
except the Will which says to them Fly on!
If you can talk with orcs and keep your virtue,
or walk with wraiths and don't believe their tales,
If neither Feanor nor Glorfindel can hurt you
If all elves fight with you, but none prevails
If you can fill the unforgiving minute
with sixty seconds worth of distance flight,
Yours is the world and everything that's in it
and - what is more - you'll be a balrog, right?
(with apologies to R. K. he would have understood)
Special thanks to Michael O'Neill for line
8!
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An ancient elven diary was recently discovered and published by the learned Dr Faramir. It contains a report of a balrog mating near the Great River, an experience which left the watcher strangely unintimidated. Rather he felt compelled to commit his observation to parchment:
Skirting the river road, (my forenoon walk, my rest,)
Skyward in air a sudden muffled sound, the dalliance of the balrogs,
The fiery amorous contact high in space together,
The clinching interlocking legs, a living, fierce, gyrating wheel,
Four beating wings, two whips, a shadowy mass tight grappling,
In tumbling, turning clustering loops, straight downward falling,
Till o'er the river poised, the twain yet one, a moment's lull,
A motionless still balance in the air, then parting, fingers loosing,
Upward again on shadow-pinions slanting, their separate diverse flight,
She hers, he his, pursuing.
Reprinted with permission of Dr Faramir and the editors of the South Ithilien Weekly Herald.
(with apologies to W. W.)
Here, at last, is the long-sought answer to the question why the Moria balrog did not fly when falling from the bridge. A balrog's behavioural program is obviously set to "fall during copulation until your partner draws away". The close contact with Gandalf during the fall must have simulated a mating situation and inadvertently triggered the response "no wing use". The balrog seems to have been somewhat sex-starved after several thousand years alone in Moria, so that his physical reaction was probably automatic. Although Gandalf later always evaded the subject - claiming unpleasant memories - he could not conceal that during or after the fall the balrog had had a massive ejaculation: "His fire was quenched, but now he was a thing of slime".
Of course, Gandalf's reticence raises further
questions:
Was the balrog's sexual arousal unspecific (i.e. would any object have done) or
was it specifically directed at Gandalf?
~ Was the Moria balrog homosexual then ??
~ Did he try to rape Gandalf during the fall ???
~ Did he succeed ????
~ Was it this experience that turned Gandalf's hair white? Was this the true
reason why he hunted the balrog so relentlessly and eventually killed him? So
that the balrog would never be able to boast of having raped an Istar? We are
reaching very slippery (and tilde-ish) terrain here, so I leave it to the Wise
to pursue these studies further...
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Future projects (perhaps... time permitting):
Busie old foole, unruly balrogge ... (with apologies to Dr. J. D.)
Goe and catche a falling balrogge ... [catche a falling Istar too]
Why so pale and wan, fond balrog
... (as sung by an Istar to a balrog in the last stage of a
battle on a mountaintop)
Has any poet done a better work than John Suckling expressing the
mutual respect, even admiration, between two Maiar whom fate had
ordained to be mortal enemies but who might have been friends
under other circumstances...
A love poem: Had we but world enough, and time, This coyness, balrog, were no crime ... (with apologies to A. M.)
Not to mention: Balrog, balrog, burning bright In the dwarven halls at night ... (with apologies to W. B.)
Nachbemerkung: Die meisten
der hier versammelten Texte wurden
erstmals in newsgroups und Foren vorgestellt. Einige Texte sind gegenüber diesen ersten Versionen geringfügig
verändert worden.
Soweit die Texte
fremdsprachige (hier: deutsche) Zitate aus LotR
enthalten, liegt diesen - natürlich - die bewährte
Übersetzung nach Margaret Carroux zugrunde. Für Leser, die
nur die umstrittene deutsche Übersetzung von Wolfgang Krege
kennen, ergibt sich daher ein geringerer Wiedererkennungswert.
Manche, die diese Parodien lesen, werden sie langweilig, absurd oder belanglos finden; und ich habe keinen Grund, mich zu beklagen, denn ich habe ähnliche Ansichten über ihre Arbeiten oder über die Art zu schreiben, die sie offenbar vorziehen.
Disclaimer: The characters from "The Lord of the Rings" are the property of The Estate of J R R Tolkien. I am using them for my own purposes and I am not making any money with them.
Die Rechte an den Texten
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Autorangabe: © Alex Pierret 2000-2003
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Letztes Update / Last updated: 15 June 2003
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