Die Epoche des Expressionismus in der Literatur
Deutsch-Ausarbeitung
 
Die Epoche des Expressionismus

 

 

von:

Ralph Mennicke

DBG, Klasse 11c

 

Schwerpunkt:

Der literarische Expressionismus in Deutschland

 

 

Der Expressionismus
 
 
Inhaltsübersicht
 
 
1. - ohne Titel - *
2. Der Expressionismus in der Malerei *
3. Musikalische Gestaltung in dieser Zeit *
4. Überleitung zum literarischen Expressionismus *
5. Soziale und ethische Hintergründe der Entstehung des Expressionismus *
6. Der historische Hintergrund *
7. Der philosophische Hintergrund *
8. Die Denkweise der Expressionisten, Vergleich mit dem Sturm und Drang *
9. Vertreter der Literatur *
10. Ausprägungen des Expressionismus *
10.1 Der Dadaismus  
10.2 Arbeiterdichtung  
11. Die expressionistische Prosa *
12. Das dramatische Schaffen des Expressionismus *
13. Die expressive Lyrik *
14. Die bedeutendsten Autoren und wichtige Werke des Expressionismus *
14.1 Die Dramatiker  
14.2 Die Lyriker  
15. "De profundis" von Georg Trakl *
16. Ausklang *
17. Anlagen [hier nicht verfügbar]
18. Nachtrag [hier nicht verfügbar]


 
 

1. - ohne Titel -

"[...] Auf meine Stirne tritt kaltes Metall

Spinnen suchen mein Herz.

Es ist ein Licht, das in meinem Munde erlöscht. [...]"

 

Schaurig-rätselhaft, ungewöhnlich, merkwürdig, zerhackt, pessimistisch, schrecklich, absurd, erschreckend, eklig, traurig, sinnlos, viel aussagend, grausig-schön, unrealistisch...

Das ist nur eine wirklich kleine Liste von Eindrücken und Gefühlsregungen, die allein diese drei Verse eines expressionistischen Gedichts im Leser erregen können.

 

Warum die Expressionisten es so einzigartig schafften, im Leser einen so erstaunlichen, noch dazu so negativen Gefühlssturm auszulösen, wird im Folgenden erklärt.

 

2. Der Expressionismus in der Malerei

Farbe, Dynamik, Gefühl - drei Elemente, die sich unschwer in nahezu jedem expressionistischen Kunstwerk finden lassen. Auch das Titelbild dieses Referates weist diese Merkmale in plakativer Form auf. Die "Küstenlandschaft", wie das Gemälde heißt, das André Derain um 1905 fertigstellte, vereinigt tiefes, schönes Blau mit dem grellen Farbton Rot und einem saftigen Gelb, schließlich wird es doch noch harmonisch abgerundet durch die Verwendung von Pastellfarbtönen. Die triumphierenden Farben geben der an sich friedlichen Landschaft eine extreme Dynamik.

Den Malern dieser Epoche war nicht die wirklichkeitsgetreue Weitergabe von Eindrücken und schöne Formen wichtig; im Gegensatz zu den impressionistischen Malern drücken die Expressionisten ihre eigenen Regungen aus, sie geben ein "durchfühltes" und interpretiertes Motiv weiter.

Sogar ein schwarzweißer Nachdruck eines Bildes lässt die Energie und das Gefühlsleben des Künstlers erahnen (s. Anlage 1).

Künstlervereinigungen wie "Die Brücke" oder "Der Blaue Reiter", der unter anderem die bekannten Künstler August Macke, Paul Klee und Franz Marc angehörten, führten diesen Malstil weiter bis hin zur Abstraktion.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Ausdrücken von Gefühlen auch den Musikern wieder Anreize gab, nachdem sie während des Impressionismus lange darauf verzichteten.

 

3. Musikalische Gestaltung in dieser Zeit

Die Musik des Expressionismus verzichtet auf Wohlklang und Melodie, so wie es in der romantischen Tonsprache vorkommt. Vielmehr wird der kalte Ton und die harmonische Struktur verwendet. Schönbergs Prinzip der Atonalität widersprach der bisher geltenden Harmonie, das heißt, der Komponist achtete beispielsweise nicht mehr auf Tonarten und harmonische Intervalle.

Diese Sachverhalte kennt jeder, der schon einmal ein Stück von Claude Debussy, Igor Strawinsky oder Paul Hindemith miterlebt hat.

 

4. Überleitung zum literarischen Expressionismus

Wenn man nun die Kunst und die Musik dieser Zeit betrachtet hat, fällt es wohl kaum mehr schwer, das Wort "Expressionismus" zu übersetzen: Aus den beiden lateinischen Wörtern "ex" und "primere" zusammengesetzt bedeutet es "Ausdruckskunst"; es werden also innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse dargestellt, nicht die Lichtreize, wie sie auf das Auge fallen.

Den Expressionismus lässt man meist von ca. 1910 bis 1925 andauern. Doch oft wird auch gesagt, dass man diese Epoche nach hinten schlecht begrenzen kann, da nach dem zweiten Weltkrieg bis heute noch manche bedeutsamen Werke eigentlich expressionistisch sind.

 

5. Soziale und ethische Hintergründe der Entstehung des Expressionismus

An dieser Stelle möchte ich Hermann Bahr, einen bedeutenden Beobachter dieser Zeit, zitieren, dessen Aussage ich als Ausgangspunkt nehmen werde:

"Darum geht es, dass der Mensch sich wiederfinden will... Die Maschine hat ihm die Seele weggenommen - und jetzt will ihn die Seele wiederhaben. Darum geht es; alles, was wir erleben, ist nur der ungeheure Kampf um den Menschen, Kampf mit der Maschine.

Wir leben ja nicht mehr, wir werden gelebt... Niemals war eine Zeit von solchem Entsetzen geschüttelt, von solchem Todesgrauen. Die ganze Zeit wird ein einziger Notschrei, auch die Kunst schreit mit. Sie schreit nach dem Geist: das ist der Expressionismus!" (zitiert nach Wilhelm Grenzmann: "Deutsche Literatur der Gegenwart", 1953).

In diesem Kommentar steckt deutlich erkennbare Kritik an der damaligen Situation:

Der expressionistische Künstler lehnt sich auf gegen eine "Enthumanisierung" durch die Industrialisierung. Er sieht sich von den Maschinen, die durch die sprunghaft wachsende Industrie allgegenwärtig sind, und durch die Autorität der Großunternehmer diktiert. Dadurch fühlt er sich selbst ein bisschen als Maschine.

Zusätzlich ist auch immer mehr die Anonymität der Großstadt ein Grund, dass der Mensch den Bezug zu seinem Geist und seiner Seele verliert. Durch die technischen Erfolge kommt Selbstzufriedenheit in den Menschen auf. Letztlich würde die Weiterführung dieser Gedanken zu einer Gesellschaft ohne Rücksicht und Moral führen.

 

6. Der historische Hintergrund

Die "Ausdruckskunst" wurde in eine Zeit von großen Ereignissen, Turbulenzen und vor allem in die Zeit bzw. Vorzeit der Weltkriege hineingeboren.

Unter Wilhelm II. erlebte Deutschland eine unruhige Zeit. Auf der einen Seite stand seine Vernachlässigung innenpolitischer und sozialer Probleme, auf der anderen Seite die verstärkte Militarisierung und die turbulente Außenpolitik:

Dem Dreibund Deutschlands mit Italien und Österreich-Ungarn standen zum einen der Pakt Russlands mit Frankreich, zum anderen die sogenannte "Entente cordiale" Frankreichs mit Großbritannien. Als sich dann Deutschland nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgepaares in den kritischen Konflikt "verhedderte", sah sich Deutschland schließlich auch beim dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs umgeben von Gegnern.

Nach schweren Kriegsjahren (s. Anlage 2) waren die politischen und wirtschaftlichen Probleme Deutschlands noch lange nicht ausgestanden. Der "Vertrag von Versailles" 1919 mit immensen Forderungen an die Weimarer Republik war ein erneuter Rückschlag. Die Gebietsabtretungen, der Verlust des Auslandsvermögens und die Wiedergutmachungszahlungen stürzten die Wirtschaft in ein tiefes Loch. So sah man sich 1923 mit der Inflation, die das Vertrauen der Bürger in den Staat schwer erschütterte, an einem neuen Tiefpunkt angelangt.

Immer schwieriger wurde es nun auch, eine Mehrheit bei der Regierungsbildung zu finden, da das Parlament immer weiter zersplitterte.

 

7. Der philosophische Hintergrund

Der Einfluß des naturwissenschaftlichen Denkens wird auf die Geisteswissenschaften gelenkt. Von besonderen Einfluß wird die Philosophie des Franzosen Henri Bergson (1859 - 1941). Er versucht zu beweisen, daß nur die Intuition, d.h. die innere Anschauung und nicht der "zergliederte" Verstand, das Wesentliche unmittelbar erfassen können.

In Deutschland und Österreich findet er Nachfolger, wie z.B. Oswald Spengler (1880 - 1936) mit seinem "Untergang des Abendlandes".

Ein Vorbild findet man vor allem im bekannten deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Er forderte den neuen Menschen, den sogenannten "Übermenschen", dazu auf, er solle dem Neuen ungeachtet der Gefahren entgegengehen (Seiltänzer im Werk "Zarathustra").

8. Die Denkweise der Expressionisten, Vergleich mit dem Sturm und Drang

In der Jugend der Jahre um die Jahrhundertwende vollzog sich bald eine Aufbruchsstimmung ähnlich der des Sturm und Drangs.

Die jungen Leute kritisierten die aktuelle Ordnung, sie hatten den festen Willen der Erneuerung. Revolutionär und respektlos griff, in beiden Epochen, die Jugend die Vergangenheit an. Der Unterschied besteht nun darin, dass die Stürmer und Dränger nur die sozialen Missstände, z.B. die Ständeordnung, anklagten und für geistige und schöpferische Freiheit kämpften, wogegen die jungen Expressionisten neben diesen Zielen vor allem die Welt vor einem bevorstehenden Chaos retten wollten.

In den jungen Dichtern entbrannten düstere Visionen vom (Welten-) Ende ("Menschheitsdämmerung"). Diese Gemütslage lässt sich unschwer im Gedicht "Aufbruch der Jugend" von Wilhelm Lotz (s. Anlage 3) erkennen.

Die Autoren traten nun für einen kompletten Bruch mit der Vergangenheit ein und setzen sich das Ziel, sich selbst wiederzufinden und der Welt zu helfen. Zugrunde lag diesem Ziel insbesondere nach 1914 ein starker Pazifismus. Dieser bildete sich vor allem heraus, zumal ein Großteil der Dichter den Ersten Weltkrieg miterlebten und selbst als Soldaten Dienst leisteten.

 

9. Vertreter der Literatur

Man könnte denken, dass speziell die kleinbürgerlichen Schichten die ersten Vertreter der neuen Literaturrichtung stellten, denn sie waren ja die eigentlichen Opfer der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände. Doch erstaunlicherweise stammen die kritischen Autoren aus bürgerlich-gebildeten Schichten und besuchten fast alle ein Gymnasium oder eine Universität. Der Hintergrund dieses scheinbaren Paradoxons ist die erstarrte Bildung, d.h., es wurden Ideale geleert, die schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Diese Widersprüche fielen der Jugend natürlich auf und verunsicherten ihre persönlichen Wertvorstellungen.

So kam es, dass die Karriere verdrängt wurde und sich die neuen Künstler entweder als Verkünder einer neuen Zeit verstanden oder sie sich einfach nur befreien wollten von Konventionen.

Unter den Expressionisten herrschte immer ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, so dass sich Vereinigungen wie der "Charon" bildeten. Diese gaben Zeitschriften heraus wie "Der Sturm", "Der Brenner", "Die Aktion" (s. Anlage 4), "Das neue Pathos" oder die berühmte Zeitschrift "Die Brücke" (s. Anlage 4). Letztere wurde von Karl Röttger (1877-1942) herausgegeben, um die Ideen der "Charontiker" bekanntzumachen.

In den Zeitschriften wurden wiederholt politische Thesen und sozialistische Forderungen veröffentlicht. Vielfach handelten Texte von Themen wie Frieden, Weltverbrüderung oder Ähnlichem.

Betrachtet man nun die genannten Zusammenhänge, fällt dem Leser sicherlich der "sozialistische Touch" auf. Es stimmt auch, dass sich nicht wenige Expressionisten zum Sozialismus hingezogen fühlten. Jene Autoren verurteilten den aufkommenden Nationalismus auch immer und sahen ihn als Bedrohung kommen.

Deshalb und überhaupt wegen der Ansichten der Expressionisten wurden sie nach 1933 verlacht und verfolgt. Die Zäsur der Nationalisten setzte der Kunstepoche ein jähes Ende.

 

10. Ausprägungen des Expressionismus

10.1 Der Dadaismus

Zuerst einmal muss natürlich diese wunderliche und seltsam-komische Bezeichnung zu klären. Der Legende nach wurde einmal ein Federmesser in ein deutsch-französisches Lexikon gesteckt, das den Blick auf "dada = kindliche Bezeichnung für Holzpferdchen" lenkte. Doch selbst die Dadaisten waren sich nicht einig, was Dada bedeutet. Zum 50. Jubiläum des Dadaismus schrieb Hans Arp folgende Verse zur Titelfrage:

"Vor 50 Jahren war dada da,

da dada da war,

eh dada da war,

war dada da

als dada da war."

So "unvernünftig", wie dieser Titel also ist, so "ohne Vernunft" war auch das Denken der Dadaisten. Man war der Meinung, dass die menschliche "Vernunft" es so weit gebracht hatte, dass sich beispielsweise die Völker in Kriegen vernichteten. Deshalb verlangten die Schriftsteller eine "Rückkehr der menschlichen Naivität" und einen "Verzicht auf jede Logik". Ohne Zweifel sind diese Forderungen auch im Schreibstil der Dadaisten erkennbar. Oft wurden Worte oder Sätze ohne logischen und grammatikalischen Zusammenhang aneinandergereiht oder das Ergebnis eines Werkes war absurd und aussagelos.

Kurt Schwitters Titelgedicht zu "Anna Blume" (1919) gipfelte beispielsweise einmalig und völlig unerwartet in der erschütternden Feststellung:

"Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne: »a-n-n-a«."

Äußerst interessant sind auch Kurt Schwitters sogenannte "visuelle Gedichte", die nicht durch ihren Inhalt, sondern durch den Einfall und das Arrangement glänzen (s. Anlage 3).

Wichtige Vertreter:

Hugo Ball (1886-1927) - gründete "Cabaret Voltaire" (berühmtester Dadaisten-Club)

Hans Arp (1887-1966)

Richard Huelsenbeck (1892-1974)

 

10.2 Arbeiterdichtung

Auch die Arbeiter wollten an der Zeit des Frühexpressionismus teilhaben. Sie betonten in ihrer Dichtung ihren Stolz und ihr Selbstbewußtsein und bekannten sich zu ihrer Arbeit.

Sie dachten sehr kommunistisch und ordneten sich in die Gesamtheit des Volkes ein.

Die Träger der Arbeiterdichtung waren u.a. Alfons Petzold, Heinrich Lersch und Jakob Kneip.

 

11. Die expressionistische Prosa

Die Erzählkunst des Expressionismus ist von eher geringer Bedeutung.

Denn die wohlüberlegte Struktur eines epischen Werkes stand der Ausdruckskunst gegensätzlich gegenüber und es fiel schwer, das eigene Fühlen zum Ausdruck zu bringen.

Autoren wie Klabund (eigentlich Alfred Henschke) und Kasimir Edschmid versuchten sich zwar in der expressionistischen Epik, doch hatten sie nur mit wenigen dieser Werke Erfolg.

Bekannt sind lediglich Klabunds "Kreidekreis", zudem "Moreau" und sein "Mohammed", Leonhard Frank schrieb "Die Räuberbande".

Der berühmteste Erzähler der Zeit war Alfred Döblin (1878-1957), der z.B. durch den Roman "Berlin Alexanderplatz" Weltruhm erlangte.

"Berlin Alexanderplatz" ist in vielfacher Hinsicht ein "moderner Roman": Nicht nur die Abkehr von traditionellen Helden und der chronologisch erzählten Fabel machen ihn dazu, sondern auch die Verwendung neuartiger Mittel des Erzählens (innerer Monolog, erlebte Rede und Bewußtseinsstrom) und die häufig eingesetzte Montagetechnik (Einführung von Songtexten, Überschriften von Tageszeitungen etc.)

Zu Beginn des Romans verläßt Biberkopf, ein ehemaliger Transportarbeiter, die Strafanstalt Tegel, in der er einsitzen musste, da er im Affekt seine Freundin Ida erschlagen hatte. Döblin schildert nun in neun Büchern den Weg Biberkopfs durch Berlin, der dabei ist, sich Arbeit und Wohnung zu suchen und "ein neuer Mensch" zu werden.

 

12. Das dramatische Schaffen des Expressionismus

Im Drama konnten expressionistische Schriftsteller ihre Ideen der Wandlung wirkungsvoll demonstrieren. Daher übernahm es damals neben der beherrschenden Lyrik eine wichtige Rolle. Die Geburt des neuen, gewandelten Menschen wurde gezeigt und als Beispiel dargestellt (z.B. "Die Wandlung" von Ernst Toller).

Unterstützt wird das Drama durch Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekte. Die Personen werden nicht als individuelle Wesen, sondern typisiert dargestellt ("Mann", "Frau", "Tochter" ...). Die Charaktere werden oft übersteigert oder grotesk verzerrt, um die Seele aufzudecken; oftmals fehlt die Ausgestaltung der individuellen Wesenszüge. Meist wurde als Hauptfigur ein junger Mensch ins Zentrum gesetzt, der Konflikte mit den Schicksalsgewalten, mit der engstirnigen Gesellschaft oder mit dem eigenen Vater austrug.

 

13. Die expressive Lyrik

Am besten waren die Gedanken der "Epoche des Ausdrucks" in der Lyrik auszudrücken. In ihr konnten die Probleme besonders klar schon von der Wurzel angesprochen werden. Ausdrucksfülle sollte die unmittelbaren, nicht selten anklagenden Gefühle mitteilen.

Bedeutend für die expressionistischen Dichter war nicht die eigene Situation und persönliche Schwierigkeiten, also nicht die eigene Persönlichkeit, sondern die Beziehungen aller Menschen untereinander. Fortlaufend wurde an Humanität, Menschenliebe (so u.a. in Gottfried Benns "Der Weltfreund") und Frieden appelliert; Krieg, (Völker-) Hass und Tod waren dagegen, insbesondere für die kriegsteilnehmenden Dichter, "Horrorvision" und Angriffspunkt (Gedichte wie "Der Krieg" von Georg Heym, s. 14.).

 

14. Die bedeutendsten Autoren und wichtige Werke des Expressionismus

14.1 Die Dramatiker

14.1.1 Ernst Toller (1893-1939)

Der junge Toller hatte 1916 ein Schlüsselerlebnis, nachdem er als freiwilliger Soldat an der Front verletzt wurde. Der spätere Dramatiker erlitt einen physischen und psychischen Zusammenbruch und lag lange im Lazarett.

Nach seiner Freistellung aus dem Kriegsdienst, war er politisch sehr aktiv (s. Anlage 5). Seine Einstellung hatte sich grundlegend geändert. Er wandelte vom Kriegsfreiwilligen zum absoluten Pazifisten (festgehalten in seinen Dramen "Die Wandlung" (s. Anlage 6) und "Masse - Mensch").

Aus seiner extrem pazifistischen und sozialistischen Überzeugung heraus wuchsen für ihn die Probleme. Schließlich musste er wegen Hochverrats für mehrere Jahre ins Gefängnis (s. Anlage 5).

Weitere Werke (u.a.):

1921 "Der Maschinenstürmer"

1923 "Krieg und Frieden"

1924 "Hinkemann"

1924 "Der entfesselte Wotan"

 

14.1.2 Georg Kaiser (1878-1945)

Der erfolgreichste Dramatiker der expressionistischen Generation war Georg Kaiser. Aus seinem wirken als Autor gingen 60 Dramen hervor, von denen aber viele in Vergessenheit gerieten.

In "Die Bürger von Calais" (1914) geht es um die moralische Haltung, "...den Hass ... durch Menschenliebe und stellvertretendes Opfer zu überwinden." (Königs Erläuterungen).

Gesellschaftskritisch äußert sich Kaiser in seinem Werk "Von Morgen bis mitternachts" (1916). Hier zeigt er den im Selbstmord endenden Helden als Vorbild auf.

"Die Koralle", "Gas I" und "Gas II" bilden eine Trilogie, die sehr bedeutend im Schaffen des Autors waren. Der Kampf mit der Maschine (s. Punkt 5) stellt den Hauptkonflikt dieser Dramensammlung auf, in der ausnahmsweise Millionäre, und nicht Bürgerliche als Protagonisten auftreten.

 

14.2 Die Lyriker

14.2.1 Else Lasker-Schüler (1869-1945)

"Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte", wie Gottfried Benn sie hervorhob, hatte ein wirklich äußerst bewegtes Leben hinter sich:

Kurzbiographie:

1869 11. Februar: Geburt Else (Elisabeth) Schülers als sechstes Kind jüdischer Eltern in Elberfeld an der Wupper

1880 Erkrankung am Veitstanz auf Grund eines Familienerlebnisses

1882 2. Februar: Tod des jüngsten Bruders Paul

1890 27. Juli: Tod der Mutter

1894 15. Januar: Heirat mit Arzt Dr. Jonathan Berthold Lasker in Eberfeld

Übersiedlung nach Berlin

1895-96 Eigenes Atelier, Studium der Malerei

1897 3. März: Tod des Vaters

1899 24. August: Sohn Paul wird geboren

Erste Veröffentlichungen ihrer Gedichte in einer Zeitschrift

1902 Erster Gedichtband "Styx"

1903 Scheidung von Berthold Lasker

30. November: Heirat mit Georg Levin

1905 Zweiter Gedichtband "Der siebente Tag"

1909 Erstes Schauspiel "Die Wupper" erscheint

1910 Trennung von Georg Levin

1911 "Meine Wunder"

1912/13 Begegnungen mit Gottfried Benn, Franz Marc, Franz Werfel

1913 Essayband "Gesichte"; "Hebräische Balladen"

1914 "Der Prinz von Theben"

1917 "Die gesammelten Gedichte"

1927 14. Dezember: Tod des schwerkranken Sohnes Paul

1933 19. April: Emigration in die Schweiz [Hitlers Machtergreifung]

1935 "Nürnberger Gesetze"

1939 plötzliche Auswanderung nach Palästina nach Reise

1940/41 Letztes Schauspiel "Ichundich"

1943 Letzter Gedichtband "Mein blaues Klavier" (s. Nachtrag)

1945 Vereinsamter Tod nach schwerer Erkrankung

Else Lasker-Schüler (s. Anlage 7) war mit zahlreichen Schreibern ihrer Zeit gut befreundet und fand unter ihnen viel Anerkennung. Doch unter "normalen" Lesern hatte damals kaum Anhänger. Ihr Leben war geprägt von vielen Schicksalsschlägen, Umbrüchen und vor allem von ihrem jüdischen Glauben.

 

14.2.2 Gottfried Benn (1886-1956)

Gottfried Benn, ein guter Freund Lasker-Schülers und zeitweise sogar Geliebter, besuchte als Sohn eines evangelischen Pfarrers ein humanistisches Gymnasium und wurde dann Mediziner.

Benns erste Gedichte handeln ohne Rücksicht auf den Leser in einer extremen Weise von Verwesung, Zerfall und Leichenhäusern ("Morgue" - übersetzt Leichenschauhaus - 1912). Es kommen Bilder vor wie ein Rattennest in der Bauchhöhle oder der Besuch einer Krebsbaracke. Diese Werke sind meist in einem zynischen Ton und/oder Medizinersprache geschrieben. Ein weiterer bedeutender Gedichtband dieser Zeit war "Schutt", mit dem Benn einen Neuanfang in seinem Dichten vollzog.

Gottfried Benn lehnte die Hervorhebung des Menschen als höchstes Geschöpf ab (Zitat: "Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch"). In den Gedichten flüchtet er meist aus der Wirklichkeit in Wunschzustände.

 

14.2.3 Georg Heym (1887-1912)

Charakteristisch für die Beunruhigung und die Vorahnungen der Expressionisten sind einige Werke Georg Heyms:

Gedichte wie "Umbra vitae" (= Schatten des Lebens), "Der Gott der Stadt" oder "Die Morgue" zeigen düstere Visionen der kommenden Ereignisse. Ihn quälten meist Sorgen vom Untergang der Menschen und vom Tod, obwohl er eigentlich lebensfroh war. Doch fand er in seinen Überlegungen immer den Tod als für ihn schrecklich-rätselhafte Bedrohung.

Sein bekanntestes Werk "Der Krieg" (s. Nachtrag) sagte die Schrecken voraus, die sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg so traurig bewahrheiten sollten.

Georg Heym ertrank mit nur 24 Jahren am 16.1.1912 mit einem Freund beim Schlittschuhlaufen auf der Havel.

 

14.2.4 Ernst Stadler (1883-1914)

Ernst Stadler, der nach der Veröffentlichung seines Gedichtsammlung "Der Aufbruch" 1914 zu einer wegweisenden Leitfigur des Expressionismus, unterschied sich von Heym wesentlich dadurch, dass er sich durch die Vorahnungen von Unheil nicht abschrecken ließ. Dieser Dichter rief die Leser dagegen auf, zu einem besseren Dasein aufzubrechen, und er suchte, die Depressionen zu vertreiben. Gerade er, der auf dem Wege zum Aufbruch war, starb im Krieg als Soldat.

 

14.2.5 August Stramm (1874-1915)

Auch August Stramm fiel dem Krieg zum Opfer. Schriften wie "Patrouille" zeichnen sich aus durch die bemerkenswert einfache Sprache, in der oft kein Wert auf die Grammatik gelegt wurde und Substantive, substantivierte Verben und Neologismen den Hauptbestandteil darstellten.

 

14.2.6 Georg Trakl (1887-1914)

"An Novalis":

"In dunkler Erde ruht der heilige Fremdling.

Es nahm von sanftem Munde ihm die Klage der Gott,

Da er in seiner Blüte hinsank.

Eine blaue Blume

Fortlebt sein Lied im nächtlichen Haus der Schmerzen."

Laut seinem Jugendfreunde Erhard Buschbeck könnte obenstehendes Gedicht, das von Trakl (s. Anlage 7) selbst verfasst wurde, auf dessen eigenem Grabstein stehen. Der vielleicht beste expressionistische Dichter beging im ersten Weltkriegsjahr Selbstmord durch eine Überdosis Drogen (Kokain). Er konnte das Geschehen um sich herum, den Krieg, nicht mehr ertragen.

Schon vor 1914 war Trakl immer eine Person, die leidend die Umwelt betrachtete und sie oft nicht ertragen konnte (wohl auch deshalb schon seit 1907 rauschgiftabhängig). Georg Trakl hatte wenige Kontakte zu anderen Menschen. Aus seinen lyrischen Werken hört man stets den Schwermut und die Qualen heraus, die er fühlt. Den Zustand seiner Seele drückt der Dichter nicht selten in ungeordneten Gedanken und Sätzen wieder.

 

Neben der Auswahl der oben vorgestellten Schriftsteller gibt es noch eine Unzahl weiterer, die im Expressionismus mit viel Erfolg geschrieben haben:

Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Berthold Brecht, Thomas Mann, Max Frisch, Wolfgang Borchert, Freidrich Dürenmatt und, und, und ...

Die meisten der eben genannten Künstler haben sich entweder bald vom expressionistischen Stil abgewendet oder sie waren ihm nicht eindeutig zuzuordnen. Aus diesem Grund habe ich sie nicht weiter einbezogen.

 

15. "De profundis" von Georg Trakl

Unter Verwendung der "Oldenbourg Interpretationen"

 

GEORG TRAKL: "De Profundis"

 

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.

Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.

Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist.

Wie traurig dieser Abend.

 

Am Weiler vorbei

Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.

Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung

Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.

 

Bei der Heimkehr

Fanden die Hirten den süßen Leib

Verwest im Dornenbusch.

 

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.

Gottes Schweigen

Trank ich aus dem Brunnen des Hains.

 

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall

Spinnen suchen mein Herz.

Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht.

 

Nachts fand ich mich auf einer Heide,

Starrend von Unrat und Staub der Sterne.

Im Haselgebüsch

Klangen wieder kristallne Engel.

 

Nachdem ich mit der fünften Strophe dieses Gedichts meine Arbeit begonnen habe, möchte ich dem Leser natürlich den Rest dieses nachdenklichen Werkes nicht vorenthalten und die Verse jener vorletzten Strophe kurz erklären. [Der Titel dieses sehr bekannten lyrischen Textes übernimmt übrigens den lateinischen Anfang des Bußpsalms 130.]

Die Schreckensbilder vor allem der fünften Strophe könnten aus Halluzinationen unter Drogeneinfluss (s. 14.2.6) entstanden sein. Der Mensch verliert seine Identität als solcher. Nur noch der Geist, das Gefühl und die Fähigkeit zu kommunizieren bilden die Person.

"...Die Metamorphose ins Metallische lässt menschliche Bewegung erstarren, Körperwärme erkalten. Der Körper wird wehrlos, das Herz zur Beute der Spinnen, die seine Lebens- und Gefühlsfähigkeit aussaugen. Das Erlöschen des Lichts außer der assoziativen Verbindung zu den religiösen Motiven des Gedichts auch den Aspekt des Sterbens..." (übernommen aus Oldenbourg Interpretationen)

 

16. Ausklang

Diese Ausarbeitung über die literarische Epoche des Expressionismus sollte dem Leser einen Überblick über das Schaffen jener Zeit geben.

In der gelesenen Arbeit wurden die Hintergründe angesprochen, die die Autoren damals zu solchen, in der Art noch nie dagewesenen Werken drängten. Die zeitkritische, revolutionäre Denkweise ließ Dichtungen entstehen, die sogar heute noch zum Großteil Geltung haben und deren Einfluss seither bemerkbar ist.

Stücke großer Autoren späterer Zeit, wie Heinrich Manns "Der Untertan", Heinrich Bölls "Verlorene Ehre der Katharina Blum", Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" oder Günter Grass’ "Die Blechtrommel", lassen noch immer Einwirkungen der expressionistischen Kunst erkennen.

 

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