Informationen über die Entstehung von Goethes 'Faust'
"Im Anfang war der Sinn."
Wie Goethe zu seinem "Faust" kam

 

Informationen über die Entstehung von Goethes "Faust"

Ein Deutsch-Referat von Ralph Mennicke, Jgst. 13

 

 

Inhaltsverzeichnis

"Im Anfang war der Sinn." *

1. Das "Faust"-Referat - Markstein des Deutschunterrichts? *

2. "Historia von D. Johann Fausten" *

a) Vorbemerkung zur "Historia von D. Johann Fausten" *

b) "Doktor Faustus läßt ihm das Blut heraus in einen Tiegel,

setzt es auf warme Kohlen und schreibt, wie hernach folgen wird" *

3. Der historische Dr. Faust * a) Über die Person *

b) Wo liegt die ursprüngliche "Bedeutung" des historischen Dr. Faust? *

c) Dr. Faust avanciert zum Dramenhelden *

4. Die wichtigsten Vorgänger von Goethes "Faust" * a) "Historia von D. Johann Fausten" *

b) Marlowes "The Tragical History of Doctor Faust" *

c) Ein Puppenspiel *

5. Die Konzeption des "Faust" * a) Goethes Geisteshaltung zu Beginn seines Schaffens *

b) Der "Urfaust" *

c) "Faust, ein Fragment" *

d) Einfluß Schillers *

e) Planskizze *

f) "Faust, der Tragödie erster Teil" *

g) "Faust, der Tragödie zweiter Teil" *

6. "Faust" - ein Lebenswerk * a) Sein Leben lang "Faust" auf dem Tisch *

b) Goethes Arbeitsweise *

7. Zeittafel *

8. Anlagen *

9. Bezugsquellenverzeichnis *

 

  1. Das "Faust"-Referat - Markstein des Deutschunterrichts?
  2. Kein Werk unserer deutschen klassischen Literatur wurde so oft betrachtet, interpretiert und aus keinem wird mehr zitiert als aus dem Goethe’schen "Faust". Konsequenterweise findet man "Faust" regelmäßig auf den Lehrplänen der gymnasialen Oberstufe wieder, und selbst wenn nicht, so wird er doch meist von den Deutschlehrern als "Wahlstoff" vorgeschlagen und von den Schülern in ehrfürchtiger Erwartung angenommen.

    Zur Behandlung gehören natürlich immer auch Interpretationen und Referate, zu denen die Schüler allerdings unterschiedliche Haltungen einnehmen:

    Es gibt da den Teil, der sich weniger Gedanken über den großen Namen dieses Werkes macht und "ganz normal" den an ihn gestellten Aufgaben nachkommt.

    Anders hörte ich von einem Mitschüler, den ich zu einer weiteren Gruppe zähle, daß für ihn die Auseinandersetzung mit "Faust" den Höhepunkt des Deutschunterrichts überhaupt darstelle und er infolgedessen seinem Referat eine ganz bedeutende Stellung einräume, sich also besonders intensiv und sorgfältig dem Themenstoff widme.

    Eine letzte Gruppe geht zwar ebenfalls von der Überzeugung aus, daß jede Beschäftigung mit Goethes Faustdichtung "etwas Ungeheures" ist. Sie bezweifelt jedoch gerade wegen des unsagbaren Reichtums und der Vielfalt, der Tiefsinnigkeit des faustischen Dramas, daß ein Schüler dem Gehalt in einem Referat auch nur annähernd gerecht werden könne. Man könnte diese dahingehend vielleicht als "Skeptiker" bezeichnen.

    Da ich mich nun (leider?) am ehesten der dritten Gruppe angehörig fühle, ist es bereits sehr schwer gefallen, den eigentlichen Gegenstand meines Referates zu bestimmen. Ein schwerpunktmäßig interpretierendes Referat fiel von Vornherein meinen Zweifeln "zum Opfer". So wurde ich mir bewußt, daß nur ein weitgehend vom Originaltext unabhängiges Referat in Frage komme.

    Und schnell war dann die Entstehungsgeschichte des "Faust" als Subjekt gefunden, zu der ich nun nach doch langer Vorrede kommen möchte.

     

  3. "Historia von D. Johann Fausten"
  4. a) Vorbemerkung zur "Historia von D. Johann Fausten"

    "Historia von D. Johann Fausten,

    dem weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler,

    wie er sich gegen dem Teufel

    auf eine benannte Zeit verschrieben,

    was er hierzwischen für seltsame Abenteuer gesehen,

    selbst angerichtet und getrieben,

    bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen.

    Mehrerteils aus seinen eigenen hinterlassenen Schriften

    allen hochtragenden,

    fürwitzigen und gottlosen Menschen

    zum schrecklichen Beispiel,

    abscheulichen Exempel und treuherziger Warnung

    zusammengezogen und in Druck verfertiget."

    b) "Doktor Faustus läßt ihm das Blut heraus
    in einen Tiegel,
    setzt es auf warme Kohlen und schreibt,
    wie hernach folgen wird"

    Ich, Johannes Faustus, Doktor, bekenne mit meiner eigen Hand, offentlich zu einer Bestätigung und in Kraft dies Briefs: Nachdem ich mir fürgenommen die Elementa zu spekulieren und aber aus den Gaben, so mir von oben herab bescheret und gnädig mitgeteilt worden, solche Geschicklichkeit in meinem Kopf nicht befinde und solches von den Menschen nicht erlernen mag, so hab ich gegenwärtigem gesandtem Geist, der sich Mephostophiles nennet, ein Diener des hellischen Prinzen in Orient, mich untergeben, auch denselbigen, mich solches zu berichten und zu lehren, mir erwählet, der sich auch gegen mir versprochen, in allem untertänig und gehorsam zu sein. Dagegen aber ich mich hinwieder gegen ihme verspriche und verlobe, daß so 24 Jahr, von dato dies Briefs an, herum und füruber gelaufen, er mit mir nach seiner Art und Weis, seines Gefallens, zu schalten, walten, regieren, führen, gut Macht haben solle, mit allem, es sei Leib, Seel, Fleisch, Blut und Gut, und das in sein Ewigkeit. Hierauf absage ich allen denen, so da leben, allem himmlischen Heer und allen Menschen, und das muß sein. Zu festem Urkund und mehrer Bekräftigung hab ich diesen Rezeß [Vertrag] eigner Hand geschrieben, unterschrieben und mit meinem hiefür gedrucktem [herausgepreßtem] eigen Blut, meines Sinns, Kopfs, Gedanken und Willen verknüpft, versiegelt und bezeuget etc.

    Subscripto [Unterschrift]

    Johann Faustus, der Erfahrne

    der Elementen und der Geistlichen Doktor

     

     

  5. Der historische Dr. Faust
  6. a) Über die Person

    Goethe selbst ist nicht der Urheber der Faustdichtung.

    Es bildeten sich schon seit dreihundert Jahren vor Goethe Geschichten und Sagen um den Gelehrten Dr. Johannes (eigentlich Georg) Faust (­ 2), der vermutlich um 1480 in dem württembergischen Städtchen Knittlingen geboren worden war. Dieser Dr. Faust muß schon als dreißigjähriger Mann durch seine Tätigkeit als Arzt, Alchemist und Astrologe weithin bekannt gewesen sein.

    Schon zu seiner Lebzeit hat die Sagenbildung wohl begonnen, als er äußerte, ein "Meister in der Zauberei" und "Herr über geheime Kräfte" zu sein. Er soll sich gar einen "Halbgott" genannt haben. Von diesen Gerüchten aus und in Anbetracht der Tatsache, daß Faust 1539 eines unnatürlichen, angeblich übernatürlichen Todes starb, war der Schritt nicht mehr weit, dem "Schwarzkünstler" einen Pakt mit dem Teufel anzudichten.

    b) Wo liegt die ursprüngliche "Bedeutung" des historischen Dr. Faust?

    Die Menschen seiner Zeit formten über die Jahre einen regelrechten Faustmythos, der zu großen Teilen sein Entstehen in der Unaufgeklärtheit von Zeit und Leuten hatte.

    Von Seiten der Kirche wurde Dr. Faust stets als Warnbeispiel angeführt. Sie verurteilte dessen Beschäftigung mit schwarzen Künsten und der Theosophie, d.h. der selbständigen Suche nach dem Gottesbegriff. Philipp Melanchthon rief Faust sogar nach, "der Teufel selbst" zu sein.

    c) Dr. Faust avanciert zum Dramenhelden

    Die Denkströmungen der Reformation (­ 1) und der Renaissance förderten die Entwicklung der Geschichten des Dr. Faust. So galt in der Renaissance der allseitig gebildete Mensch, der seine Persönlichkeit selbst formte und individuellen Charakter hatte, als Idealbild. Der historische Dr. Faust sollte diesem Idealbild entsprechen, weil er sich über die Bevormundung althergebrachten, kirchlichen Denkens hinwegsetzte und durch Forschen vor allem auf dem Bereich der Alchemie beachtliches Aufsehen erregt hatte. Er wurde im Volke bald zum "Sinnbild menschlichen Erkenntnisstrebens".

    Doch in Wahrheit hatte der historische Dr. Johannes Faust gar nicht so sehr diesem Idealbild entsprochen. Zwar muß er stets von Unruhe und Unzufriedenheit gequält gewesen sein, doch seine Ziele waren vielmehr die Befriedigung seiner Neugier und die Suche nach Wissen allein aus einem gewissen "Machtstreben" heraus. Dem Ideal eines Humanisten hätten damals vielmehr Luther, Kolumbus oder Michelangelo entsprochen.

     

     

  7. Die wichtigsten Vorgänger von Goethes "Faust"
  8. a) "Historia von D. Johann Fausten"

    Im Jahre 1587 erschien das erste Volksbuch über Dr. Fausten (­ 3). Vermutlich schrieb ein abergläubischer Theologe, der durch große Höllenangst gequält wurde, die "Historia von D. Johann Fausten" auf. Mittelalterlich ist an inhaltlichen Aspekten vor allem der Glaube an den Teufel und die Zauberei. Ein schon humanistisches Motiv entdeckt man im Wissensdrang des Protagonisten. Durch dieses Buch wie auch durch mündliche Überlieferung verbreitete sich die Sage von Dr. Fausten schnell und drang gar bis nach England vor.

    b) Marlowes "The Tragical History of Doctor Faust"

    Im 16. Jahrhundert hatten sich bereits einige wenige, eher unbedeutende Dichter mit dieser Person befaßt, waren allerdings nie zu einem zusammenhängenden Theaterstück gelangt.

    Erst der Engländer Christopher Marlowe vollendete im Jahre 1589 "The Tragical History of Doctor Faust" (­ 4) als zusammenhängende Tragödie.

    Marlowe stellt in seiner Tragödie Faust als macht- und sinnlichkeitsversessenen Mann dar, der sich zu antichristlichem Handeln verleiten läßt. Er trifft mit dem Teufel die Abmachung, seine Seele gegen 24 Jahre irdischen, genußvollen Lebens einzutauschen. Dadurch soll seine Seele dem himmlischen, ewigen Leben nach dem Tod entzogen werden. Faust, der nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, nimmt den Verlust seiner Seele nicht wichtig und schließt den Pakt mit dem Teufel, um irdischer Macht und des Vergnügens willen.

    Von englischen Schauspieltruppen in Deutschland aufgeführt, verlor das Stück bald jedoch seinen geistig hohen Anspruch. Um das Publikum in Zeiten des Barocks zu fesseln, wurden Passagen verändert oder hinzugefügt. Der individuelle Charakter des Dr. Faust ging verloren.

    c) Ein Puppenspiel

    Einige Teile von Marlowes Tragödie wurden immer wieder als Puppenspiel aufgeführt. Es wird angenommen, daß Goethe als kleiner Junge solch eine Puppentheateraufführung gesehen hat und sich seitdem nicht mehr davon lösen konnte.

     

     

  9. Die Konzeption des "Faust"
a) Goethes Geisteshaltung zu Beginn seines Schaffens

Als maßgeblicher Charakter der Sturm-und-Drang-Zeit vertrat Goethe folgende Geisteshaltung: Er wollte die "Abkehr von den regelgebundenen Dramen der Franzosen hin zum Ausdruck des Natürlichen im Leben wie in der Dichtung". Natur bedeutete für ihn die Ganzheit des menschlichen Charakters und eine allumfassende Einheit des Universums. Dazu zählte für ihn auch die Aufhebung von Gut und Böse. Der Mensch sollte sich von Heilsversprechen lossagen und realistisch denken, d.h. er sollte sich seinem Schicksal, charakterisiert durch Tod und Untergang, bewußt werden.

b) Der "Urfaust"

Goethe arbeitete während der Jahre 1768 bis 1775 in Straßbourg und Frankfurt an der ersten Fassung des "Faust" (­ 5) und präsentierte Auszüge aus seinem Werk erstmals in Weimar vor einer Hofgesellschaft des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. In den Jahren 1777/1778 wurde eine Abschrift des "Urfaust" veröffentlicht und fand große Beachtung.

Der Handlungsverlauf des "Urfaust" weichte von der späteren Fassung erheblich ab. Es fehlten mehrere Szenen des ersten Teils (Fausts zweiter Monolog, "Osterspaziergang", "Hexenküche", "Walpurgisnacht", ...), der zweite Teil war überhaupt noch nicht vorhanden. Die Tragödie existierte in dieser Form unverändert ca. 10 Jahre.

c) "Faust, ein Fragment"

Am Drama von Dr. Faust schrieb Goethe erst 1786 weiter. Er wollte die Tragödie für die Herausgabe einer Werksammlung vollenden, scheiterte aber an diesem Vorhaben. Erst in Italien, wohin er nach zehn Jahren Weimar aufgebrochen war, fügte er dem Stück wieder mehrere Szenen hinzu. Es entstanden die Szenen "Hexenküche" und "Wald und Höhle". Außerdem wandelte er die Szene "Auerbachs Keller" von der Prosaform in die klassische Verssprache um und veränderte die Handlung dieser Szene auf die heutige Fassung. Versuche in den Jahren 1788/89, den "Faust" endgültig abzuschließen, schlugen fehl.

Aus diesem Grunde veröffentlichte Goethe 1790 das Werk als Fragment (­ 6). Danach ließ er den "Faust" wieder sieben Jahre lang ruhen.

d) Einfluß Schillers

Erst auf Drängen Schillers hin, mit dem er seit 1794 eine enge Freundschaft geschlossen hatte, verfaßte Goethe 1797 die "Zueignung", das "Vorspiel auf dem Theater" und den "Prolog im Himmel". In Briefen schrieb Schiller an den gemeinsamen Verleger Cotta:

"Nun noch einen guten Rat. Ich fürchte, Goethe läßt seinen "Faust", an dem schon so viel gemacht ist, ganz liegen, wenn er nicht von außen und durch anlockende Offerten veranlaßt wird, sich noch einmal an diese große Arbeit zu machen und sie zu vollenden ... Sie können ihn, das bin ich überzeugt, durch glänzende Anerbietungen dahin bringen, dieses Werk in diesem Sommer auszuarbeiten ..." (24. März 1800)

Doch wieder kam Goethe zu keinem endgültigen Ende. Nichtsdestotrotz faßte er vermutlich kurz darauf erstmals den Plan, die Faustdichtung auf zwei Teile anzulegen.

 

e) Planskizze

Der ursprüngliche Plan, von dem aus Goethe 1797 an die Vollendung der faustischen Dichtung ging, ist nicht erhalten, doch deutet die folgende aus der Folgezeit erhaltene Planskizze einiges von den Vorstellungen von Gliederung und Inhalt des Ganzen an:

"Ideales Streben nach Einwirken und Einfühlen in die ganze Natur.

Erscheinung des Geistes als Welt- und Taten-Genius.

Streit zwischen Form und Formlosem.

Vorzug dem formlosen Gehalt vor der leeren Form.

Gehalt bringt die Form mit, Form ist nie ohne Gehalt.

Diese Widersprüche, statt sie zu vereinigen, disparater zu machen.

Helles, kaltes wissenschaftliches Streben - Wagner.

Dumpfes, warmes wissenschaftliches Streben - Schüler.

Lebens-Genuß der Person - von außen gesehen - 1. Teil - In der Dumpfheit der Leidenschaft.

Taten-Genuß - nach außen - 2. Teil. - Und Genuß mit Bewußtsein. Schönheit.

Schöpfungs-Genuß - von innen - Epilog im Chaos - auf dem Weg zur Hölle."

f) "Faust, der Tragödie erster Teil"

Nachdem wir gehört haben, daß Goethe die Hauptfigur des "Faust" der Geschichte "entliehen" hat und auch die Erkenntnissuche kein bisher unverwendetes Motiv darstellte, muß natürlich auf die wesentlichen originalen Züge seiner Konzeption hingewiesen werden. An vorderster Stelle ist hier die Gretchen-Tragödie zu nennen, die weder Bestandteil von Marlowes Drama noch eines anderen "Vorgängers" ist. Mit der Liebe zu einem bürgerlichen Mädchen bringt Goethe einen ganz neuen Themenbereich ein, den er auf beeindruckende Art mit dem historischen Faust und der mephistophelischen Thematik verbindet.

Wenige Worte seien auch noch den übernatürlichen und teuflischen Elementen geliehen:

    1. Die Idee der Wette zwischen Gott und Teufel fand Goethe in der biblischen Geschichte des Hiob. Dort wie hier wird der Mensch quasi auf eine Probe gestellt, er gerät in ein "Spiel Gottes und des Teufels" und in Konflikte mit dem Glauben.
    2. Auch dem "Geist, der stets verneint" begegnete Goethe bereits in Verbindung mit dem "Faust"-Stoff.
Trotzdem zeigen sich dem Goethe-Kenner, wie man liest, ganz persönliche Gedanken des Dichters. Man könne in der Faustfigur Goethe wiedererkennen, was sicherlich auch nicht abwegig ist, da er sich doch fast sein gesamtes Leben lang mit der faustischen Tragödie beschäftigte.

Im Jahr 1805, Schiller war inzwischen gestorben, vollendete Goethe den "Faust", kennzeichnete ihn als Teil I und rührte ihn fast zwei Jahrzehnte lang kaum mehr an (­ 7).

g) "Faust, der Tragödie zweiter Teil"

Goethe war erst im Jahre 1825 wieder bereit, am "Faust" weiterzuarbeiten (­ 8). Zu dieser Zeit faßte der Dichter den Entschluß, Teil II der Tragödie (­ 9) zu vollenden, was bedeutete, sechs Jahre fast täglich an dem Werk zu arbeiten. Er zog sich für diese Arbeit fast vollständig aus dem gesellschaftliche Leben zurück und schrieb im Juli 1831 im Alter von zweiundachtzig Jahren in sein Tagebuch, das Hauptgeschäft sei getan, alles sei ins Reine geschrieben und eingeheftet. Er verfügte die Veröffentlichung für die Zeit nach seinem Tode.

 

 

6. "Faust" - ein Lebenswerk

a) Sein Leben lang "Faust" auf dem Tisch

Zahlreiche Hinweise aus den überlieferten Lebensdaten Goethes lassen den Schluß zu, daß sich der Dichter fast sein ganzes Leben lang mit dem Thema "Faust" beschäftigt hat.

Die junge Schaffensperiode Goethes wurde vom Dichter Heinrich Christian Boie als äußerst aktive und ertragreiche Zeit geschildert:

"Er hat mir viel vorlesen müssen, ganz und Fragment, und in allem ist der originale Ton, eigne Kraft, und bei allem Sonderbaren, Unkorrekten, alles mit dem Stempel des Genies geprägt. Sein "Doktor Faust" ist fast fertig und scheint mir das Größte und Eigentümlichste von allem." (15. Oktober 1774)

Noch deutlicher kommt die hohe "Produktivität" jener Zeit in dem Satz "Er zieht die Manuskripte aus allen Winkeln seines Zimmers hervor" (Karl Ludwig von Knebel, 23. Dezember 1774) zum Ausdruck.

Phasen intensivster Arbeit wechselten sich jedoch nur allzu oft mit solchen ab, in denen nur Ansporn und die Erwartung von außen Goethe am "Faust" halten konnten:

"Goethe hat an seinem "Faust" noch viel Arbeit, eh’ er fertig wird. Ich bin oft hinter ihm her, ihn zu beendigen; und seine Absicht ist wenigstens, daß dieses nächsten Sommer geschehen soll ..." (16. Dezember 1798)

Kurz vor der Beendigung der Arbeiten am "Faust"-Werk äußerte sich Goethe:

"Es ist keine Kleinigkeit, das, was man im zwanzigsten Jahr konzipiert hat, im zweiundachtzigsten außer sich darzustellen und ... dem fertig Hingestellten noch einige Mantelfalten umzuschlagen, damit alles zusammen ein offenbares Rätsel bleibe, die Menschen fort und fort ergötze und ihnen zu schaffen mache." (1. Juni 1831)

Am Ende seines über achtzigjährigen Lebens schrieb Goethe Ähnliches an Wilhelm von Humboldt:

"Es sind über sechzig Jahre, daß die Konzeption des "Faust" bei mir jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag ..." (17. März 1832)

b) Goethes Arbeitsweise

Noch kurz vor seinem Tod im März 1832 entsiegelte Goethe das Manuskript ein letztes Mal, um folgende Änderung vorzunehmen.

Für die Verse 11579-11582 ("Faust II")

"Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.

Zum Augenblicke dürft ich sagen:

Verweile doch, du bist so schön!"

hatte Goethe mehrere Formulierungen entworfen. Insbesondere für den Vers 11580 hatte er mehrere Variationen mit geringfügig verschobenen Bedeutungsinhalten angelegt, z.B.

"Auf eigenem Grund und Boden stehn" oder

"Auf wahrhaft eigenem Grund und Boden stehn" und

"Auf wahrhaft freiem Grund und Boden stehn".

Es ließ ihm keine Ruhe die treffendste Formulierung zu finden. Die endgültige Fassung

"Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn"

befriedigte endlich die Ansprüche des Dichters, denn wahrhaft frei ist Grund und Boden, wenn er dem freien, dem befreiten Volk gehört, und wahrhaft frei ist das Volk, wenn ihm Grund und Boden gehören.

Dieses Beispiel soll zum Schluß noch einmal veranschaulichen, wie intensiv der Arbeitsprozeß war und wie genau und bedacht jeder Vers formuliert wurde.

 

7. Zeittafel  
  1350 - 1600 Die Denkströmungen der Reformation und der Renaissance werden die Entwicklung der Geschichten des Dr. Faust fördern.
  1480 Geburt des Johannes Faust in Knittlingen
  1539 Dr. Faust stirbt eines unnatürlichen übernatürlichen Todes.
  1587 Das erste Volksbuch über Dr. Fausten erscheint.
  1589 Der Engländer Christopher Marlowe vollendet "The Tragical History of Doctor Faust" als zusammenhängende Tragödie.
  1600 - 1750 In der Epoche des Barocks werden Passagen von "The Tragical History of Doctor Faust" verändert oder hinzugefügt. Der individuelle Charakter des "Doctor Faust" geht verloren.
  1749 Geburt Goethes
  1753 Goethe sieht als kleiner Junge eine Puppentheateraufführung von "The Tragical History of Doctor Faust".
  1755 - 1767 Lessings Faustfragment
  1760 - 1790 Als maßgeblicher Charakter der Sturm-und-Drang-Zeit zielt Goethe auf die "Abkehr von den regelgebundenen Dramen der Franzosen hin zum Ausdruck des Natürlichen im Leben wie in der Dichtung".
  1768 - 1775 Goethe arbeitet in Straßbourg und Frankfurt an der ersten Fassung des "Faust" und präsentiert Auszüge aus seinem Werk erstmals in Weimar vor einer Hofgesellschaft des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach.
  1777/1778 Abschrift des "Urfaust" wird veröffentlicht.
  1790 Versuche in den Jahren 1788/89, den "Faust" endgültig abzuschließen, schlagen fehl. Infolgedessen veröffentlicht Goethe das Werk als Fragment.
  1797 Auf Drängen Schillers hin schreibt Goethe die "Zueignung", das "Vorspiel auf dem Theater" und den "Prolog im Himmel".
  1805 Goethe vollendet "Faust I".
  1825 Der Dichter faßt den Entschluß, Teil II der Tragödie zu vollenden, was bedeutet, sechs Jahre fast täglich an dem Werk zu arbeiten.
  1831 Im Alter von 82 Jahren vollendet Goethe sein Lebenswerk "Faust".
  1832 Goethe stirbt. Kurz nach Goethes Tod wird "Faust II" veröffentlicht.
  1947 Thomas Manns "Doctor Faustus"
 

8. Anlagen

Anlage 1: "Reformation"

Anlage 2: "Dr. Faustus"

Anlage 3: "Volksbuch"

Anlage 4: "Marlowes Faust"

Anlage 5: "Faust"

Anlage 6: "Fragment"

Anlage 7: "Faust und Margarethe"

Anlage 8: "Goethe 1826"

Anlage 9: "Mephistopheles und Faust"

(Die Anlage 1 bis 9 sind den unten aufgeführten Bezugsquellen entnommen.)

Anlage Q: Folie "Gliederung"

9. Bezugsquellenverzeichnis  
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