Touristen erleben die Türkei - Leseprobe ----------------------------------------- andere Suchworte: Reiseberichte, Reisen, Reisebücher, Buecher, Bücher, Bücher, travel books, books, leisure, Touristik, Tourismus, Abenteuer, Erlebnis, Wohnmobil, Caravan, Reisemobil, Camping, Türkei, Portugal, Hessen, Ungarn, Ostdeutschland, Südafrika, South Africa, Zimbabwe, Botswana, Namibia, Swaziland, Thüringen, Mecklenburg, Vorpommern, Reiseliteratur, Literatur, Sahara, Jemen, Normandie, Bretagne, USA, Amerika

WBV Logo


Zurück zum WBV

Touristen erleben die Türkei


Diese Seite wird gesponsert von:

Reiseberichte-Banner


Der nachfolgende Text wurde 1:1 aus dem gleichnamigen Buch entnommen. Bitte beachten Sie das Copyright. Die Presse meint zu diesem Buch folgendes.
Um diese .htm-Datei nicht allzu gross werden zu lassen (das Original hat 146 KiloBytes), habe ich einige Kapitel herausgelöscht. Sie können diese Kapitel gerne per email anfordern. Da es in der türkischen Schrift eine Reihe von Sonderzeichen gibt, und der nachstehende Text auf einer anderen Computerplattform entstanden ist, sind diese Sonderzeichen hier (noch) nicht durch die richtigen Zeichen ersetzt. Sie finden stattdessen Ziffern vor. Ich hoffe, das stört Sie nicht beim Lesen! Sie werden sehr schnell bemerken, dass auch der Zeilenumbruch nicht stimmt. Das sieht natürlich im Originalbuch viel viel besser aus!


Über ein Dutzend Autoren im Alter von 17 bis 73 nehmen Sie mit auf ihre Reisen nach Anatolien. Sie waren unterwegs mit Flugzeug, Miet- und eigenem Wagen, Wohnmobil, Motorrad, Schiff, Fahrrad, Bus, Sammeltaxi und natürlich zu Fuß. Sprachlich zeigt sich hier eine große Vielfalt. Dies liegt vor allem daran, daß die sehr unterschiedlichen Beiträge in der ursprünglichen Ausdrucksweise der Autoren belassen wurden. Also ein Buch von Laien- Schriftstellern für den Türkei- interessierten Leser, als Reiselektüre oder auch zum Einstimmen zuhause. Lassen Sie sich erzählen! ISBN 3-926918-01-2
Mehr Info und Bestellmöglichkeit im Internet unter: WBV







Wolfgang Brugger (Herausgeber):



Touristen erleben die
Türkei


Wolfgang Brugger Verlag, Dillingen


Für Amalia, Martha, Gottfried und
Dietmar


 
  (A) ISBN 3-926918-01-2

------------------

    Statt eines Vorwortes

   Zwölf Tugenden für
    Türkei-Reisen


      1.
Beginnen Sie Ihre Reise mit dem
Wunsch, mehr über das Land und seine
Menschen zu erfahren.

      2.
Respektieren Sie die Gefühle der
gastgebenden Bevölkerung. Bedenken
Sie, daß Sie durch Ihr Verhalten
auch ungewollt verletzen können. Dies
betrifft vor allem das Fotographieren.

      3.
Machen Sie es sich zur Gewohnheit,
zuzuhören und zu beobachten, anstatt
nur zu hören und zu sehen.

     4.
Halten Sie sich vor Augen, daß andere
Völker oft andere Zeitbegriffe haben.
Das heißt nicht, daß diese schlechter
sind - sie sind eben verschieden.

      5.
Entdecken Sie, wie interessant und
wertvoll es ein kann, die andere Art des
Lebens kennenzulernen.

      6.
Machen Sie sich mit den örtlichen
Sitten und Gebräuchen vertraut. Sie
werden sicher jemanden finden, der
Ihnen dabei hilft.

      7. Legen
Sie die Gewohnheit ab, auf alles eine
Antwort parat zu haben. Seien Sie
mal der- oder diejenige, der (die) eine
Antwort haben möchte.

      8.
Denken Sie daran, daß Sie nur einer
von tausenden Touristen im Land sind.
Beanspruchen Sie keine besonderen
Privilegien.

      9. Wenn
Sie etwas günstig eingekauft haben,
denken Sie daran, daß Ihr Vorteil
vielleicht nur deswegen möglich war,
weil die Löhne in Ihrem Gastland
niedrig sind.

      10.
Machen  Sie  niemandem
Versprechungen, wenn Sie nicht sicher
und willens sind, Ihr Wort zu halten.

     11.
Nehmen Sie sich täglich etwas Zeit,
um Ihre Erlebnisse zu verdauen. Sie
werden dann mehr vom Reisen haben.

      12. Wenn
Sie es unterwegs wie zu Hause haben
wollen, dann verschwenden Sie Ihr
  Geld nicht für's Reisen - bleiben Sie lieber
daheim.

(nach: Touristenkompaß für Reisen in die
Dritte Welt, Bundesministerium für
wirtschaftliche   Zusammenarbeit,
Information/Bildungsarbeit

Inhaltsverzeichnis


Winterreise zu den "Tanzenden
Derwischen" nach Konya
(Edeltraud und Wolfgang Brugger,
Dillingen).........11

Ein Unfall und seine Folgen
(Michael  Völkel,  Stuttgart)
.......................22

Beim Metzger (Edeltraud Brugger,
Dillingen) .................... 27

Haran und der Nimrod-Berg
(Gottfried  Sodeck,  St.  Pölten,
Österreich) ...........30

Anamur:  Camping-  Eindrücke
(Edeltraud  Brugger,  Dillingen)
.....................49

Telefonieren  (Wolfgang  Günther,
München) .................... 52

Besuch in einem kleinen antolischen
Dorf
(Doris  Deniz,  München)
..........................53

Eine unvergeßliche Busfahrt (Manfred
Dressel,     Asperg)
........................ 58

Im Hamam (Edeltraud Brugger,
Dillingen) .................... 60

Türkei: Mit dem Gelände - Motorrad
entdeckt (Christian Hallweger,
München) ...................63

Impressionen  aus  Iznik  (Nicäa)
(Edeltraud  Brugger,  Dillingen)
.................... 71 

Ich fahr' gerne Bus
(Peter  Airainer,  Kottgeisering)
.................... 73

Zafer und Jenay (Hermann Bauer,
München)
.......................76

Geistige Getränke in der Türkei
(Peter  Airainer,  Kottgeisering)
.....................80

Milet im Frühjahr
(Wolfgang  Brugger,  Dillingen)
.................... 82

Sonnenaufgang am Ararat
(Hermann  Bauer,  München)
...................... 84

Lokanta- oder "Schwarz wie Kohle"
(Edeltraud  Brugger,  Dillingen)
.................... 88

Am Anfang war die Sonne (Patrick
Daubitz,      Berlin)
......................... 90

Besuch bei Ibrahim (Silke Nestler,
München)
.........................94

Pamukkale-Kaffeefahrt-   oder
"Modernes   Teppich-Marketing"
(Bernhard     Schulz,
Dillingen).......................
98

Türkei - pauschal (Gertrud Wagner,
Puchheim/Bhf.)  ...............
103

I want to swim in winter - Ich möchte
im Winter schwimmen gehen (Edeltraud
Brugger,
Dillingen)................... 110

Verzeichnis der Photos und
Illustrationen ........ 115



--------------

Edeltraud und Wolfgang
Brugger:

 Winterreise zu den Tanzenden Derwischen nach Konya
 _________________________________________

   "Komm, komm, komm, komm wieder,
 ob Du nun Christ, Jude oder Atheist bist - unser Heim ist
 nicht die Stätte der Hoffnungslosigkeit. Selbst wenn Du
  Dein Gelöbnis hundertmal gebrochen hast -
     komm wieder! "
   Mevlana Celaleddin Rumi, 13. Jh. n. Chr.




      1

  Fahrt von der Südküste der Türkei
über den Taurus

Auf der breiten, staubigen
Durchgangsstraße des kleinen Ortes
Mezitli an der türkischen Südküste
beginnt sich allmählich Leben zu regen.
Es ist halb sieben, Mitte Dezember, die
Sonne ist noch nicht aufgegangen.
Lastwagen rattern vorbei, Kisten mit
Orangen und Zitronen türmen sich
unter der Plane. Es ist kühl. Mit
Zweigen aus angrenzenden Gärten
haben sich Männer am Straßenrand
kleine Feuer gemacht und sitzen nun
wartend daneben. Ganz in Schwarz,
eingemummt in eine stoffreiche
Pluderhose und ein dickes Kopftuch,
hockt eine ältere Frau etwas abseits, an
eine Mauer gelehnt. Wir stellen uns in
den wärmenden Sonnenstrahl, der sich
soeben zwischen Dorfmoschee und
Barbierladen  hindurchzwängt.  Der
Muezzin wird gleich den Lobpreis
Allahs verkünden. Ein

Dutzend Männer verläßt das von
Tabakqualm und Kohlerauch erfüllte
Teehaus, um eine Mitfahrgelegenheit
auf einem Lastwagen zu ergattern.
Hinter dem Fünften schließt sich die
Fahrerkabine, aber hoch auf den Kisten
ist noch genug Platz. Ein junger Mann
in weiten schwarzen Hosen kommt von
der nahen Bäckerei und trägt seinen
köstlichen Erwerb, eingewickelt in
Zeitungspapier vom letzten Jahr, an uns
vorbei. Der Duft des frischen
Weißbrotes, vermischt mit dem
allgegenwärtigen Zigarettenrauch, steigt
uns in die Nase. Über allem liegt der
Staub,  erzeugt  vom  allmählich
anwachsenden Verkehr. Wir drei sind
die einzigen,die hier auf den Bus ins
320 km entfernte Konya warten.

 Pünktlich kommt der Überlandbus,
ein Luxusgefährt, angerollt. Drinnen ist
es warm und bequem, die Fahrgäste
schlafen. Der Busschaffner weist uns
die Plätze an und kontrolliert zufrieden
seine Passagierliste. Wenig später wird
er uns duftendes Wasser zur
Erfrischung auf die Hände spritzen. Die
Straße führt zuerst ein Stück der Küste
entlang, vorbei an Orangen- und
Zitronenhainen. Zwischen dichtem,
dunkelgrünem Blätterwerk leuchten
reife Früchte  im  Schein  der
Morgensonne. Die Bäume selbst sind
niedrig, fast ohne Stamm, die Äste
berühren den Boden. Den Straßenrand
säumen Alleen von Kiefern und Hohen
Dattelpalmen. Die grünen Früchte der
Bananenstauden sind in dicke Lagen von
Zeitungspapier und Folie gewickelt,
zum Schutz gegen die nächtliche Kälte.
Nun wird die Küste felsiger, die Berge
des Taurus rücken heran. Der Ausblick
auf das Mittelmeer ist herrlich.
Badebuchten mit leeren Sandstränden
träumen vom nächsten Sommer.
Zwischen kleinen Dörfern verstecken
sich antike Ruinen unter dichtem
Pflanzenbewuchs. Im Busbahnhof von
Silifke halten wir für

eine längere Pause an. Hier herrscht
bereits ein buntes Treiben. Mitten in
dem Menschengewühl zwischen den
Bussen stehen die Schaffner und
verkünden ihre Fahrtrichtungen:
Antalya, Antalyayaaaa  !  Konya,
Konyayaaaa! Dabei versuchen sie, sich
gegenseitig  in  Lautstärke  und
Durchhaltvermögen auszustechen. Ein
Junge mit einem Blech voller
Sesamkringel ist in den Bus gestiegen.
Simmit, simmit ! Draußen hält einer
einen Korb voll vergilbter Windräder
feil. Die Reisenden kommen aus den
Teestuben zurück, die Fahrt geht
weiter.

Kurz nach Silifke biegt die Straße ins
Landesinnere ab und steigt beständig
an. An die Hänge geschmiegte
Bergdörfer werden durchquert. Ziegen
laufen über die Straße. Kinder winken
am Straßenrand, Frauen ziehen den
Schleier vor die Gesichter. An einem
hoch gelegenen Aussichtspunkt lesen
wir auf einem Hinweisschild den Namen
Friedrich
Barbarossa. Tief unten in
einem  canyonartig  eingegrabenen,
malerischen Tal schlängelt sich der
blaugrüne Göksu, in dem der Kaiser bei
 einem Bad ertrunken sein soll. Wenig
 später liegt eine weite, kaum bewohnte
Hochebene  vor  uns  mit
vulkankegelförmigen Bergen im
Hintergrund. Aus dem beständigen
Rauschen des Busradios endlich eine
irgendwie bekannte Melodie mit
türkischem Text: Jingle Bells ! Wir
lächeln. Nun hat uns mitten im fernen
Anatolien doch  ein  wenig
Adventsstimmung erreicht.

Währenddessen sind die vorderen
Fahrgäste unruhig geworden. Das
Lenkrad des Busses schlägt ohne
ersichtlichen Grund bedenklich nach
beiden Seiten aus. Der Fahrer läßt sich
nichts anmerken und fängt stoisch die
Vibrationen mit seinen kräftigen Armen
auf. Dann ruft er

per Hupe den Schaffner. Doch siehe da,
wieder  einmal  DEMO-Effekt  !
Ausgerechnet jetzt ist alles in Ordnung!
Nach einem prüfenden Blick auf den
Fahrer bewegt er sich kopfschüttelnd
wieder nach hinten. Als dann der Fahrer
später nochmal mit dem Lenkrad
kämpft, betrachten es die Fahrgäste als
humorvolle Einlage. Wir schauen schon
nicht mehr hin, denn draußen bietet
sich ein interessanteres Bild. Wir haben
den Sertavul-Paß erreicht, der mit 1610
Metern der höchste Punkt der Reise ist.
Über den Gipfeln und Hängen liegt
leichter Schnee, wie hingehaucht.



    2. Konya, unser Ziel

Konya ist eine weitläufige Stadt in
einem fruchtbaren Oasengebiet am
Rande  der  zentralanatolischen
Trockensteppe. Als wir nach sechs
Stunden Fahrt ankommen, hängt eine
Smogglocke über der Stadt und eine
ungewohnte  Kälte  schlägt  uns
entgegen.  Vom  spätsommerlichen
Wetter der Südküste sind wir über das
Taurus-Gebirge  in  den  Winter
Zentralanatoliens gereist Wir packen
uns also erst mal in warme Sachen ein:
Wollmütze, Schal, Handschuhe, einen
Schneeanzug für den Kleinen. Dann
steigen wir in einen Kleinbus, der nicht
umsonst dolmu3 (= vollgestopft,
gefüllt) heißt.

Auf breiten Boulevards geht es ins
Stadtzentrum  vorbei  am
seldschukischen Zitadellenhügel mit der
Alaeddin- Moschee. Die Teehäuser und
-gärten dort oben sind ein belieber
Treffpunkt. Vor dem Mevlana-Kloster
drängen sich die Menschen. Hier war
das Zentrum des 1925 von Atatürk
aufgelösten Derwisch- Ordens. In dem
zum Museum

umgewandelten Räumen besuchen die
Pilger die mit bestickten Tüchern
bedeckten  Sarkophage  des
Ordensgründers und seines Vaters.

Wer war dieser Mann, der von so vielen
islamischen Gläubigen als Heiliger
verehrt wird, ja sogar den Ehrentitil
Mevlana, d. h. Erlöser, bekam ? Als
Konya im 13. Jahrhundert die blühende
Hauptstadt des seldschukischen Reiches
war, holte Sultan Alaeddin Kaikobad
den persisch-islamischen Mystiker und
Philosophen Celaleddin Rumi an seinen
Hof. Dort befanden sich bereits viele
Künstler und Gelehrte, die vor den
anrückenden Mongolen aus dem Osten
geflohen waren. Der Sultan war
beeindruckt von dem gebildeten Mann.
Celaleddin lehrte eine Weltanschauung,
die von Liebe und Toleranz getragen
wurde und sah sein höchstes Ziel im
direkten Kontakt mit Gott. Während
andere dies durch Askese und
Meditation zu erreichen suchten, fand
er es im ekstatischen Wirbelanz.

Vom hinreißenden Rhythmus dieses
Tanzes und seiner Musik sind auch
seine mystischen Schriften und
Gedichte beeinflußt, die zur wichtigsten
Lektüre der damaligen Zeit wurden. Zu
seinem Todestag im Dezember finden
jedes  Jahr  in  Konya  große
Feierlichkeiten statt und Pilger von nah
und fern bevölkern für eine Woche die
Stadt.  Der  mit  kostbaren
Erinnerungsstücken aus dem Leben des
Ordensgründers geschmückte Saal im
Kloster, wo die Tänze früher aufgeführt
wurden, ist längst zu klein geworden.
Die Feierlichkeiten wurden deshalb in
eine Sporthalle etwas außerhalb des
Zentrums verlegt. So ging der würdige
Rahmen verloren. Vor dem Eingangstor
des ehemaligen Klosters bieten
Fotografen ihre Dienste an, schieben
Nüsseverkäufer ihre Karren hin und her,
die Röstöfen

qualmen.  Händler  haben
Wallfahrtsandenken auf der Straße
ausgebreitet: Ein Heer tanzender
Derwische streckt seine Arme als
Kerzenständer gen Himmel, der
Ordensgründer blickt von bemalten
Tellern mild auf seine Anhänger,
goldenen  arabische  Schriftzeichen
blitzen eingerahmt in der Sonne.
Fromme Pilger kommen lautlos betend
und sich ständig verneigend rückwärts
aus dem Portal, das Gesicht nicht von
dem Raum mit den sterblichen
Überresten des Heiligen abwendend.
Durch ihre grünen Uniformen fallen die
vielen Soldaten auf, die überall
anwesend sind. Laut einem kleinen
Schild  am  Eingang  ist  jede
Gebetshandlung in dem Museum
verboten, aber so ganz genau wird es
scheinbar nicht genommen. Auf der
Hauptstraße bestreichen die kaum noch
wärmenden letzten Sonnenstrahlen die
bunter Auslagen der Teppichhändler.

Es dauert nicht lange, dann sitzen wird
auch schon teetrinkend bei Händler
Mehmed. Dabei wollen wir gar keinen
Teppich kaufen. Unser Gastgeber
bestellt uns telefonisch die Fahrkarten
für den Bus heute Nacht und erzählt,
daß er seine Waren in den umliegenen
Dörfern einkaufe. Den Grundstock für
sein Geschäft hat er sich in langen
Jahren in Deutschland erarbeitet. Als
wir uns verabschieden, ist es draußen
schon fast dunkel. Was vorher noch
bunt und lebendig wirkte, ist im
nebligen, kalten Dunst nur noch
ungemütlich. Die Luft wird bald kaum
noch zu atmen sein, wenn alle
Haushalte die rußige Braunkohle
verbrennen und der Rauch sich über die
Stadt senkt. Durch die schmalen Gassen
der Altstadt gelangen wir schnell zum
Stadion. Schon von weitem blickt uns
ein fünf Meter hohes Portrait Mevlanas
an und scheint die frierenden Pilger zu
begrüßen. Wir treten durch das Tor und
wissen nicht, wohin wird uns in dem
noch

unbeleuchteten weiten Gelände wenden
sollen. Da taucht aus dem Nebel ein
zweites riesiges Transparent auf.
Diesmal ist es der türkische
Staatsgründer Atatürk, der uns den
Weg weist. Die Heizungen in der Halle
laufen auf vollen Touren. Wir sind
lange Zeit die einzigen Gäste. Dann
füllt sich mit einem Mal die nüchterne
Sporthalle. Mehrere Busse haben
draußen ihre Menschenfracht entladen.
Durch die Pendeltüren zieht langsam,
aber sicher auch der Dunst Konyas in
den Raum, beleuchtet von mehreren
Scheinwerfern. Eine Gruppe älterer,
teilweise verschleierter Frauen setzt
sich zu uns. Unser dreijähriger Sohn ist
hocherfreut über die vielen
"Ersatzomas". Es dauert auch keine 10
Minuten, dann kramt eine nach der
anderern irgendeine Süßigkeit aus der
Tasche. Vollbeladen mit türkischen
Schleckerein kommt er strahlend von
seinen Streifzügen zurück und so wird
der Abend auch für ihn zum Erlebnis.

Von der langen Ansprache der
Veranstalter verstehen wir natürlich
nicht viel. Auch für unsere Nebensitzer
scheint der Text nicht allzu interessant
zu sein. Einige Aufregung gibt es noch,
als ein einzelner verspäteter Besucher
seinen numerierten Platz zwischen einer
Frau und uns einnehmen will. Sie
protestiert energisch, und zieht dann
schnell Edeltraud wie einen
Schutzschild zu sich. Auf keinen Fall
möchte sie neben einem fremden Mann
sitzen! Das würde gegen alle guten
Sitten verstoßen.  Nachdem  der
"Eindringling"gegangen ist, um sich
einen neuen Platz zu suchen, klopft die
Frau ihrer neu gewonnen Nachbarin
lächelnd auf den Arm.

Als nach einer kurzen Pause die
eigentliche Zermonie beginnt, wird es
ganz ruhig im Saal. Die Tänzer, ein

Dutzend Männer mit hohen, braunen
Filzhüten und bodenlangen, schwarzen
Mänteln bekleidet, verharren zunächst
knieend auf dem Boden. Wenn die
Musik erklingt, küssen sie den Boden,
erheben sich und beginnen feierlich
hintereinander im Kreis zu schreiten. Es
ist ein langes, monoton erscheinendes
Ritual, unterbrochen von vielen
Verbeugungen, unterstützt vom
rhythmischen Schlag der Trommel.
Dann nimmt der Ranghöchste und
Älteste, der Sheikh, seinen Platz auf
einem roten Fell ein. Die Derwische
legen ihre scheinbar belastenden und
beengenden Mäntel ab. Die
Erdenschwere, das irdische Dasein soll
abgestreift werden.

Sie verlassen ihre Gräber, erklärt der
englischsprachige Begleittext. Strahlend
weiße Kleider mit weiten Röcken
erscheinen. Arme und Hände der
Männer liegen jedoch noch immer wie
gefesselt verschränkt auf Brust und
Schultern. Ein Chor beginnt zu singen,
die Musik setzt ein. Der erste Tänzer
verbeugt sich vor dem Sheikh, beginnt
sich zu drehen, öffnet dabei langsam
die Arme und breitet sie schießlich
ganz aus. Die Szene wiederholt sich bei
jedem und erinnert an das Öffnen einer
Knospe oder das Schlüpfen eines
wunderbaren Schmetterlings aus einem
viel zu engen KOKON.

Bald ist der ganze Raum erfüllt von
sich im Wirbeltanz um die eigene Achse
drehenden Derwischen. Die rechten
Hände zeigen nach oben: Wir
empfangen von Gott. Die linken weisen
nach unten: Wir geben den Menschen
weiter. Vierzig Minuten dauert der Tanz
und viermal halten die Tänzer an, um
sich vor dem Sheikh zu verbeugen.
Jedesmal scheinen sie sich schneller zu
drehen. Zuletzt schweben die Männer
wie schwerelos im Raum zum Klang
einer Schilfrohrflöte.

Fremdartig, wehmütig ist ihr Ton, aus
anderen fernen Sphären scheint er zu
kommen.

 Wir kommen von Gott und gehen wieder zu ihm.
   Außer Gott hat niemand die Macht
   und die Kraft uns aufzuhalten.
    Wir kommen aus dem Nichts
   und gehen wieder dorthin zurück.

      Mevlana

Eine Koranlesung schließt die Feier ab,
für viele der Besucher war es
Gottesdienst. Die Tänzer haben ihr
Mäntel wieder angelegt. Der Sheikh
richtet ein Gebet an Mevlana und
beschließt es mit dem Wort Hu.
Alle Namen Gottes sollen in diesen
zwei Buchstaben vereinigt sein. Als
Abschiedsgruß streicht er mit beiden
Handflächen über sein Gesicht. Die
Anwesenden erwidern diese Geste.

Draußen ist der Nebel dichter, die Luft
noch kälter geworden. Ein Taxi bringt
uns zum Busbahnhof, wo gegen
Mitternacht der Bus in Richtung Mersin
abfährt. Um fünf Uhr früh an der
Hauptstraße abgesetzt laufen wir noch
die letzten Kilometer zum
Campingplatz. Die Hähne krähen - wir
gehen schlafen.


----------------------------

Michael Völkel:

Ein Unfall und seine Folgen

Im Sommer 1983 war ich zum ersten
Mal in der Türkei unterwegs. Leider
trug es sich zu, daß der Omnibus, in
dem ich gerade fuhr, einen Unfall hatte
und ich mit mittelschweren
Verletzungen  in  ein  türkisches
Krankenhaus in eine Kleinstadt südlich
von Izmir eingeliefert wurde. Über die
medizinische Betreuung, die für
türkische Verhältnisse vielleicht gar
nicht so schlecht gewesen sein mag,
will ich mich hier nicht weiter
auslassen. Weitaus interessanter war
die menschliche Betreuung und die
daraus resultierenden Folgen.

Im Jahr 1983 war der Tourismus in der
Türkei noch relativ schwach ausgeprägt,
und besagte Kleinstadt ist auch heute
noch kein Touristenziel geworden.
Umso interessanter war ich natürlich
für Krankenhauspersonal und Patienten.

Derweil galt mein vorwiegendes
Interesse einer Krankenschwester, die
mir schon bei meiner Einlieferung
aufgefallen  war.  Ihre  liebliche
Erscheinung- schwarze Haare, dunkler
Teint und eine für türkische
Verhältnisse schlanke Figur- brachte
mich wieder auf fröhlichere Gedanken.
Daß sie auch noch ein wenig Englisch
konnte, betrachtete ich als glückliche
Fügung.

In der Nacht meiner Einlieferung hatte
sie Nachtdienst. Gegen 3 Uhr morgens
wachte ich mit Fieber, Schmerzen und
Kreislaufbeschwerden auf, ließ sie rufen
und mich behandeln. Dabei konnten wir
uns erstmals ein wenig ungestört
unterhalten und so grundlegende Dinge
wie namentliche Vorstellung und Austausch der
Adressen vornehmen. So erfuhr ich, daß
ihr Name Serpil war. Wie bei allen
türkischen Namen, so hatte ich auch bei
diesem zu Beginn Mühe, ihn mir zu
merken. Ich half mir mit einer
Eselsbrücke: Zuerst dachte ich an ein
bekanntes deutsches Waschmittel, dann
vertauschte ich den ersten und vierten
Buchstaben. Doch schon bald hatte ich
diese Hilfestellung nicht mehr nötig.

Am nächsten Tag wurde ich in die
orthopädische  Abteilung  verlegt.
Mittlerweile hatte sich im Krankenhaus
herumgesprochen, daß ein deutscher
Tourist unter den Patienten weilte, was
zu großem Besucherandrang führte. Ich
war darauf vorbereitet, hatte ich mir
doch mit Hilfe meines türkischen
Wörterbuches     meine
Krankheitsgeschichte in groben Zügen
zurechtgelegt. Die Besucherströme
kamen wellenförmig. Zunächst standen
ein paar in der Tür und äugten
vorsichtig ins Zimmer. Auf mein
Kopfnicken hin traten sie näher und
begrüßten mich, woraufhin ich meine
Story auspackte. Langsam füllte sich
das Zimmer, bis irgendwann ein Pfleger
kam und die Leute hinauswarf. Dann
war eine Weile Ruhe, bis das ganze von
vorne begann.

Dem Oberschenkelhalsbruch im Bett
nebenan wurde das Treiben wohl auf
die Dauer zuviel, denn er ließ sich nach
zwei Tagen in ein anderes Zimmer
verlegen. Auch zahlreiche Gastarbeiter,
die in die Türkei zurückgekehrt waren
oder zu Besuch hier waren, kamen
vorbei und boten mir Hilfe an. Auf
diese Weise kam ich zu der einen oder
anderen Flasche Bier, die- unbemerkt
von den Ärzten- zu meiner Genesung
beitragen sollte. Auch in einer anderen
Beziehung lockerte ich die Sitten des
Krankenhauses. In meinem Gepäck
befand sich ein Kartenspiel, und ich
begann, einigen Mitpatienten

mit meinen bruchstückhaften Türkisch-
Kenntnissen die Regeln von "17 und 4"
zu erklären. Sie kapierten es leidlich
und konnten mich hin und wieder
schlagen. Die Krankenpfleger verfolgten
das ganze mit Stirnrunzeln, bis sie auch
das Kartenspiel lernten und zeitweise
mitspielten.

Unterdessen machte ich mir Gedanken
um Serpil. Da ich ans Bett "gefesselt"
war, konnte ich sie aus eigenem Antrieb
nicht sehen. Zum Glück gedachte sie
meiner und kam mich ab und zu
besuchen, auch nach Dienstschluß, da
sie im Krankenhaus wohnte. Um den
türkischen Moralansprüchen zu
genügen, war sie zwar nie allein mit
mir im Zimmer, aber ich war dennoch
zufrieden.

Der nächste Höhepunkt in meiner
Krankengeschichte trat ein, als nach
knapp einer Woche meine Mutter mit
einer Bekannten aus Deutschland
eintraf, um meinen Rücktransport zu
organisieren. Meine Eltern waren
nämlich  mittlerweile  verständigt
worden, mein Vater am Kommen leider
verhindert.

Das   Auftauchen   zweier
westeuropäischer Frauen versetzte das
männliche   Krankenhauspersonal
einschließlich derÄrzte sichtlich in
Erregung. Nie sonst wurde ich von
Pflegern und Ärzten so zahlreich und
langewährend umsorgt wie zu diesem
Anlaß. Nachdem die Ärzte ein paar Tage
später meine Transportfähigkeit
festgestellt hatten, stieg am Vorabend
meiner Abreise eine in dieser Form
wohl noch nie dagewesene
Abschiedsparty. Ich hatte das Gerücht
meiner Abreise im Laufe des Tages
unter einigen Mitpatienten und der
Krankenschwesternschaft  verbreitet,
und mit dem vorläufig letzten
Eintreffen meiner Mutter kamen noch
ein paar Krankenpfleger und sogar ein
Arzt hinzu. So drängten

sich ca. 15 Personen in meinem Zimmer,
irgend jemand brachte den
unvermeidlichen Tee vorbei und die
Stimmung war hervorragend. Die
Letzten blieben bis nach Mitternacht.
So war es nicht verwunderlich, daß mir
der Abschied von dem Krankenhaus im
allgemeinen und von Serpil im
besonderen schwerfiel. Glücklicherweise
hatte meine  Mutter  mir  ein
Abschiedsgeschenk zugespielt, so daß
ich nicht mit leeren Händen dastand.

Am nächsten Morgen in aller Frühe
ging es im Krankenwagen zum
Flughafen Izmir und von dort nach
Istanbul, wo ich noch ein paar Tage bis
zu meinem Rückflug nach Deutschland
im modernen, aber tötlich langweiligen
Amerikanischen Krankenhaus zubrachte.
In Deutschland kam ich schnell wieder
auf die Beine. Der Briefwechsel mit
Serpil erwies sich als äußerst ergiebig,
und so beschloß ich, in den
darauffolgenden Semesterferien im
Frühjahr 1984 meine im Vorjahr so jäh
unterbrochene Reise nach einem Besuch
in meinem Krankenhaus in Richtung
Osten der Türkei fortzusetzten. Aber es
kam wiederum anders. Nach einer
interessanten Zugfahrt nach Istanbul
und einem Flug nach Izmir stieg ich mit
Pudding in den Knien in einen Omnibus.
Er brachte mich diesmal wohlbehalten
an meinen Bestimmungsort. Auf eigenen
Füßen stehend bereitete mir der Besuch
des Krankenhauses wesentlich mehr
Vergnügen als im Vorjahr. Man war
über meinen Besuch allgemein höchst
erfreut. Insbesondere Serpil, die ich
bereits brieflich über mein Kommen
unterrichtet hatte, war entzückt. Sie
kümmerte sich diesmal um ein
Vielfaches eingehender um mich, und
auch die türkischen Moralvorstellungen
wurden hin und wieder, so glaube ich,
angekratzt. So war es mir einfach

unmöglich, diesen Ort so bald wieder
zu verlassen, und aus den geplanten
paar Tagen wurde der ganze Rest
meines Urlaubes.

-------------------------

Edeltraud Brugger: 
Beim Metzger

... in dieser Version gelöscht !



-------------------------------------------------

Gottfried Sodeck:

Haran und der Nimrod- Berg 

... in dieser Version gelöscht !


----------------------
Herr Gottfried Sodeck zeichnete die
meisten der Illustrationen im Buch "Türkei-
Reiseratgeber für Wohnmobil und Caravan"
aus demselben Verlag wie dieses Buch.
Bestellanschrift hinten.

-----------------------

Edeltraud Brugger: Anamur: Camping-
Eindrücke

Eigentlich suchen wir ein im Aufbau
befindliches Camp in Anamur, das wir
uns unbedingt anschauen sollen. Der
Besitzer verkauft zur Zeit noch frische
Hühnchen in Silifke und hat mir den
Mund wässrig gemacht mit seinen
Beschreibungen. Statt dessen winkt uns
plötzlich ein Mann mit schwarzem
Anzug, weißem Hemd und Krawatte in
einen schmalen Zufahrtsweg zu seinem
Platz. Wir hätten nicht gedacht, daß
auf dem Gelände überhaupt jemand ist,
so verlassen und aufgegeben sieht es
jetzt Mitte Januar aus. Izmet ist ein
Lebenskünstler. Er spricht recht gut
deutsch, das er aber nach eigenen
Angaben nicht in der Schule, sondern
im praktischen Leben, sprich im
Umgang mit deutschen Touristen auf
seinem Platz gelernt hat. "Entschuldigung", 
dabei blickt er mich an, "ich
bin öfters mit deutschen Frauen
gereist". "Wahrscheinlich mit dem
Fischerboot bis zur nächsten Bucht!"
denke ich mir. Aber er ist ein
sympathischer Typ mit weichem,
schwarz gewellten Haar und einem
großen Schnauzbart.

Am Nachmittag kommt er mit einer
Flasche Rotwein und bittet um einen
Öffner. Da auf dem ganzen Platz außer
einem "bis zur Erschöpfung nichts
tuenden" Elektriker (der Elektriker ist
eigentlich der Gärtner, wie wir später
festgestellt haben) und uns niemand
anwesend ist und er doch kaum die
Flasche allein leeren wird, richte ich
gleich mal

drei Gläser her. Schließlich sitzen wir
alle samt 4 Katzen im Kreis auf dem
Grasboden (der Elektriker trinkt Bier)
und genießen den lauen "Frühlingstag".
Izmet im noblen Anzug mit Krawatte
erzählt vom bunten Treiben im Sommer hier und führt uns anschließend
über den Platz, der doch irgendwie
unvollendet aussieht. Das Geld ist ihm
halt ausgegangen, deshalb die drei
Betonfundamente ohne Überbau
zwischen  den  romantischen
Holzhäuschen auf Stelzen. Im Sommer
kocht er selbst für seine Gäste und bis
spät in die Nacht wird gesungen und
getanzt.

Dann fällt sein Blick auf den herrlichen
Sandstrand und er schimpft, halb
lächelnd, über Leute, die am frühen
Morgen viele Wagen Sand vor seinem
Platz "gestohlen" haben. Der Platz liegt
nämlich direkt am Meer, und die
"Sanddiebe" sind mit Lastwagen und
Planierraupe quer durch den Campingplatz gefahren und haben schon ein
tiefes Loch in den Strand gebaggert. Es
wird hier sehr viel gebaut. Links und
rechts  schießen  mehrstöckige
Ferienwohnungen in die Höhe. Wie
lange wird es dauern, bis auch Izmet
sein Land verkauft und wieder ein
Stück türkischer Küste zugebaut ist?

Am nächsten Tag treffen wir Izmet
zufällig in Anamur. Er sitzt bei einem
Tee mit Bekannten am Straßenrand. Sie
betrachten einen Brief mit Fotos von
deutschen Urlaubern. Auf die Fotos ist
er stolz: Izmet zwischen hübschen
Frauen als Hahn im Korb. Izmet zeigt
uns sein Gästebuch und einen Stapel
handgeschriebener Briefe. Seine
deutschen Freunde sollen ihm Geld
leihen, damit er weiterbauen kann. Viel
Glück, Izmet!

-----------------------

Wolfgang Günther: Telefonieren

... in dieser Version gelöscht !



-----------------------------

Edeltraud Brugger:

I want to swim in winter Ich möchte
im Winter schwimmen gehen

"Ich mag diesen Ort nicht, es ist zu
schmutzig hier!" Sükrü blickt dabei
stolz und ein wenig besorgt an seinen
Jeans hinunter auf seine blitzblank
geputzten teuren, neuen Lederschuhe.
Auf der staubigen Straße werden sie
wohl nicht mehr lange glänzen.

Wir sind jetzt schon über eine Woche
in dem kurdischen

Bergdorf  Kahta,  das  als
Ausgangsstation für die Touren zum
Berg  Nemrut  berühmt  wurde.
Normalerweise bleiben Fremde hier
nicht lange. Es ist auch nichs geboten,
was die Touristen nach ihrem Ausflug
hier halten würde. Aber wir mußten
einige Tage auf gutes Wetter warten.
Dabei lernten wir Sükrü kennen, der
gut englisch spricht und im Sommer
Touristen führt. Den Winter über hat er
nichts zu tun. Er ist ein hübscher Kerl,
betont westlich gekleidet und recht
aufgeschlossen.

Heute Abend sollen wir ihn besuchen.
Es dunkelt schon, als er uns durch die
immer  schmaler  und  staubiger
werdenden Gassen führt. Nur die breite
Durchgangsstraße ist geteert. Anfangs
gibt es durch hohe Randsteine
abgegrenzte Fußgängerwege rechts und
links. Aber diese meiden die
Einheimischen, wenn sie es eilig haben.
Das Trottoir ist belagert von
schwatzenden älteren Leuten, von
lärmenden Kindern, von Hühnern und
Hunden. Man würde über Auslagen von
Geschäften stolpern, über Holzstapel
und  Körbe  und  den  dicken
Elektrizitätsmasten ständig ausweichen
müssen. Auf der Straßenmitte dagegen
kommt man schneller voran. Nur selten
verscheucht uns ein Pferdegespann.
Jetzt sind die Wege eng und dunkel,
wir würden allein kaum wieder aus dem
Dorf herausfinden. Die Innenhöfe der
anliegenden Häuser sind zur Straße hin
durch schattenspendende hohe Mauern
abgegrenzt.

Durch ein Tor betreten wir einen dieser
Innenhöfe, wo rechts das Häuschen
steht, in dem Sükrü mit seiner Mutter
lebt. Die Geschwister sind verheiratet
und wohnen teilweise im zweistöckigen
Haus nebenan, in dem auch zwei
Lehrerinnen zur Miete einquartiert sind.

Die Schuhe bleiben wie immer draußen,
mit ihnen der Straßenstaub. Die "gute
Stube" besteht aus einem Raum, in dem
wir vergebens nach Möbeln suchen.
Unser Gastgeber reicht uns kleine
flache Sitzpolster. Der festgestampfte
Boden ist mit einfachen gewebten
Teppichen  ausgelegt.  An  den
weißgekalkten Wänden hängen an
manchen Stellen bunt bedruckte und
bestickte Tücher. Sie verdecken
zugleich kleinere und größere Nischen
im Mauerwerk, in denen Kleidung und
andere Habseligkeiten ihren Platz
finden. Unser Freund schiebt das Tuch
mit der Kaaba von Mekka zur Seite und
holt unter einem Stapel von
Schulbüchern einige Briefe hervor, die
mit einem blauen Stoffband
zusammengehalten werden.

Im selben Moment spitzt ein
kurzgeschorener Lausbubenkopf zur Tür
herein, entdeckt die Gäste und
verschwindet sofort wieder, um nach
kurzer Zeit mit einem Dutzend Kindern
wiederzukehren. Zwei ältere Mädchen
bringen auf einem großen silbernen
Tablett Tee für uns. Jetzt werden wir
neugierig gemustert. Die Qualität des
Rockstoffes wird begutachtet. Nein, der
Pullover ist nicht selbstgestrickt.
Erstaunt stellen die älteren Mädchen
fest, daß ich außer dem Ehering gar
keinen Schmuck trage, ja nicht mal ein
bißchen geschminkt bin. Das enttäuscht
sie etwas. Die blonden Locken unseres
Kleinen werden auf ihre Echtheit
geprüft. Schließlich nehmen mich die
Kinder bei der Hand und führen mich
über den Hof ins nächste Haus. Dort
gibt es noch mehr Nachwuchs. Sie
sitzen vor dem Fernseher oder sind
bereits auf dem Sofa eingeschlafen.
Jetzt kommt die Mutter aus dem
Nebenraum und begrüßt mich. Sie ist
noch keine dreißig Jahre alt und doch
gehören zehn der Kinder ihr. Der Mann
arbeitet weiter weg und

kommt nur am Wochenende heim. Ob
das mein einziges Kind sei, fragt sie
und betrachtet mich fast mitleidig.

Als ich nach einer Weile zu den beiden
Männern zurückkehre, sind sie in ein
Gespräch über Briefe vertieft. Sükrü ist
ganz unglücklich. Er hat sich in eine
junge Österreicherin verliebt, die heuer
mit einer Gruppe Touristen ins Dorf
kam. Der Stapel liebevoll verzierter
Briefe aus Österreich ist für ihn der
Beweis, daß seine Gefühle erwidert
werden. Sein Englisch ist gut, aber
dennoch versteht er den letzten Brief
seiner Angebeteten ganz und gar nicht.
Es liegt anscheinend am Inhalt.

Immer wieder liest er uns einen Satz
vor: I want to swim in winter. Was das
zu bedeuten habe. Wir sollen ihm das
erklären. Nach einem halbjährigen
intensiven Briefwechsel lud er das
Mädchen ein, ihn im Winter in seinem
Dorf zu besuchen. Daraufhin erschrak
die junge Dame wohl ein bißchen und
dachte zum erstenmal daran, was sie
beide außer den Tausend Kilometern
noch alles trennte. Und sie erzählte
von  ihren  Hobbys,  von
Diskothekenbesuchen, Sport und auch
von dem Hallenbad, das sie im Winter
so gern besucht. I want to swim in
winter.

Wenn sie nicht herkommen kann, dann
komme ich eben zu ihr. Ich habe drei
Berufe. Ich bin Maurer, kann kochen
und bin Fremdenführer. Es gibt noch
andere Schwierigkeiten. Wir erinnern
ihn daran, daß bei uns die Frauen eine
ganz andere Stellung in  der
Gesellschaft hätten. Das weiß er. Er
hat gesehen, wie Wolfgang im
Wohnmobil das Geschirr gewaschen
hat. Das würde er auch machen. Er
denke  da  anders  als  seine
Altersgenossen. Das sei kein Problem
für ihn. Er würde sich anpassen. Nur
hier möchte er nicht

bleiben. In dem Dorf halte ihn nichts.

Etwas nachdenklich gingen wir durch
die dunklen, jetzt ruhigen Gassen
zurück zu dem Hotel vor dem Ort.
Eigentlich paßte Sükrü schon gar nicht
mehr zu den Männern, die wir hier in
den Teehäusern sitzen sahen. Aber
würde er sich  in  Österreich
zurechtfinden?


Verzeichnis der Photos und
Zeichnungen

Bedeutung der Kürzel:
(gs) = Gottfried Sodeck, St. Pölten (Österreich)
(hb) = Hermann Bauer, München
(wb) = Wolfgang Brugger, Dillingen
o/u = oben/unten
l/r = links/rechts

Seite Titel

3  Schäferinnen
6  o: Wasserholen (bei Fethiye) (wb)
  u: Zu Gast beim Schuster von Antalya (wb)
10  Mevlana aus Wachs im Derwischkloster Konya (hb)
15  l: Islamischer Grabstein (hb)
  r: Mevlana - Puppe in Konya (hb)
19  l und r: Außenreliefs in Ostanatolien (hb)
24  o: Off-road- Erlebnis: Fahrer und Wagen werden
  gefordert (wb); u: Bazarszene (hb)
28  Dicht an der syrischen Grenze (hb)
31  Karte zum Bericht G. Sodeck (gs)
35  Szene in Haran (gs)
38  Der Weg zum Nemrut Da56 (gs)

Seite Titel (Fortsetzung)

40  Auf der Fahrt zum Nemrut Da56 (hb)
42  Die Burg Arsameia (gs)
44  Götterstatuen am Nemrut Da56 (gs)
46  Wie 44, Rekonstruktion/ Skizze (gs)
48  Der astrologische Löwe, Nemrut Da56 (gs)
50  Die Festung in Anamur (hb)
54  Unterwegs in Kurdistan (hb)
57  o und u: Landschaft in Ostanatolien (hb)
62  Häuserfront in Antalya (wb)
66  o: Gespräch vor dem Dorf (hb)
  u: Nomadin in Zentralanatolien (hb)
70  Hirtenmädchen bei Ürgüp (hb)
74  Mädchen aus Do5ubayaz6t (hb)
79  o: Sumela- Kloster bei Trabzon (hb)
  u: Ländliche Idylle in Kurdistan (hb)
83  Theater in Aspendos (hb)
87  Relief auf der Insel Ahtamar/Van- See (hb)
92  Beim Wäschewaschen oder: Zurück zur Natur (wb)
100 o: Stehend ist der Überblick besser (wb)
  u: In einem Gewürzladen in Antalya (wb)
106 Tuffsteinerosionen im Göreme-Gebiet (wb)
109 Die Ishak Pa3a Moschee, bei Do5ubayaz6t (hb)
114 o und u: Bazar in Urfa (wb)

-------------


Hallo Camper, schon gehört?

"Türkei - Reiseratgeber für Wohnmobil
und Caravan", geschrieben vom
Herausgeber dieses Buches. Fast 1 Jahr
Aufenthalt in der Türkei im Wohnmobil
mit Familie ergaben ein umfassendes
Sachbuch, das die meisten Bedürfnisse
eines  (Motor-)  Caravanfahrers
berücksichtigt.

Inhalt:

** Praktische Informationen von A bis
Z ** Reiseziele (nach Regionen, mit
über 100 Campingmöglichkeiten und
 kostenlosen Übernachtungsplätzen
** Tips für Winter- und Langzeitcamper
** Einkaufs- und Kochtips ** Großes
Kapitel Nordzypern

200 Seiten, viele Abbildungen und
Karten ISBN 3-926918-00-4


... wir würden uns freuen, wenn Sie uns im Internet besuchen!

http://BruggerNet.de/wbv

Zurück zum WBV