bilanz
Eineinhalb Jahre Michaela in Freiheit – eine Bilanz

Graz, 21. September 2002

Seit einem guten Jahr lebt nun parallel zu meiner männlichen Identität eine weibliche – Michaela. Diese Zeit brachte eine Unsumme an Erfahrungswerten. In diesem Text möchte ich Rückschau halten: auf ein gutes Jahr, auf die inneren und äußeren Erlebnisse dieser Zeit, auf die Bestätigung oder Beseitigung von Erwartungen, Hoffnungen oder Ängsten.

Kopf Und gleich zu Beginn kann ich von der Tatsache berichten, dass all jene Ängste, die wohl jeden Crossdresser quälen, nämlich ausgelacht, schief angeschaut oder abgelehnt zu werden, grundlos waren. Ich bin durchschnittlich einmal pro Woche als Michaela unterwegs und habe dabei kein einziges mal mit Problemen im öffentlichen Raum zu kämpfen gehabt; weder beim Bummeln noch beim Einkaufen, weder in der Straßenbahn noch in Bussen, weder in der Stadt noch auf dem Land, weder in einfachen Gaststätten noch bei eleganten Bällen; weder alleine, noch zu zweit, noch in Gruppen.... Sich öffentlich als Crossdresser zu zeigen ist für mich so normal geworden wie als Mann durch die Stadt zu gehen, nur eben in einer alternativen Identität. Und diese wird auch angenommen, ich hatte so viele schöne Erlebnisse, mit Menschen aller Altersgruppen und sozialer Schichten. Ob es nun nette Gespräche, anregende Diskussionen, ein zufälliger Plausch im Café, eine Email-Konversation oder die Überraschungen beim Einkaufen waren, ich werde als Michaela genauso ernst genommen wie sonst – warum denn aber auch nicht? Ich bin ja der gleiche Mensch, der gleiche Kunde, der gleiche Gast. Ich bewege mich nach den Spielregeln des öffentlichen Raumes in diesem, nur eben im anderen Geschlecht. Und das ist den meisten Leuten völlig egal.
Ich will hier nicht den Himmel blauer beschreiben als er tatsächlich ist. Natürlich gibt es Menschen, für die Transgender-Personen eine Provokation darstellen, die diversen Meldungen in machen Internet-Foren oder bei manchen Talk-Shows sind ja bekannt. Sie sind aber, wie ich feststellte, nicht auf den Alltag übertragbar. Da nämlich die ablehnende Haltung praktisch immer auf reinen Annahmen beruht, und meine Existenz diesem Konstrukt ob ihrer Normalität radikal widerspricht, findet ein realer Kontakt mit solchen Ansichten nicht statt. Wahrscheinlich übersehen mich ganz einfach die meisten jener Misanthropen, da ich deren Bild eines Transvestiten radikal widerspreche. Die gleichen Erfahrungen teilen übrigens auch jene FreundInnen, die ob ihrer Größe etc. schnell als Transe erkennbar sind, auch sie hatten keinerlei Probleme im öffentlichen Raum.

Wenn es Probleme gab, dann nur indirekt, und ich kann hier nur von einer - wenngleich auch schmerzhaften - Erfahrung berichten. Ich lernte beim TransX-Fest in Wien zur Europride eine liebe Frau kennen. Wir trafen uns danach wieder, wobei wir vorhatten, als zwei Damen in Dirndln durch die Wiener Innenstadt zu bummeln. Als sie dieses Vorhaben ihrem Mann und ihren Arbeitskollegen erzählte rebellierten diese: mit „so jemandem“ könne sie sich doch nicht öffentlich blicken lassen. Sie wurde also gemobbt. Das Projekt scheiterte, an den Bildern und Ängsten, die manche Menschen in andere hineinprojizieren ohne diese zu kennen.
Daneben gab es aber viele schöne Erfahrungen mit Bio-Frauen, vom Stadtbummel über ein riesen Geschenkpaket voller Kleidung , das ich spontan angeboten bekam, bis hin zu netten Rendezvous. Frauen sind hier ohnehin sehr tolerant und finden mein Dasein als Crossdresser nicht selten völlig normal.

Interessant sind auch die Erfahrungen, die ich innerhalb der Transgender-Community gemacht habe, wobei es auch hier schönes und enttäuschendes zu berichten gibt. Zuvor möchte ich aber über ein interessantes Phänomen berichten, das auch mich nicht verschonte, jenes der sogenannten zweiten Pubertät.Ausseer
Mir war diese Zeit von den Berichten auf anderen Homepages bekannt. Dabei soll sich der bislang nicht ausgelebte Teil der Persönlichkeit so markant in Szene setzen, dass er oft völlig übers Ziel hinausschießend ein Erscheinungsbild formt, welches kaum alltagstauglich ist. Auch bei mir kam diese zweite Pubertät zum Vorschein. Sie manifestierte sich einerseits darin, dass ich mich zu Beginn auf jene Kleidung konzentrierte, die ich als kleiner Junge schon so gern getragen hätte, nämlich Dirndl, andererseits in einer übersteigerten Egozentrik. Die Dirndl sind so etwas wie mein Markenzeichen geworden, obwohl ich sie zwar immer noch sehr gerne, aber nur mehr selten trage. (Ich weiß, die Bilder sprechen eine andere Sprache, doch geben diese weniger den Alltag, als besondere Situationen wieder.) Die genannte Egozentrik führte aber zu Konflikten, vor allem innerhalb der Grazer Transgender-Community, und es waren schmerzhafte Diskussionen notwendig, mir dies nachhaltig bewusst zu machen.
Ebenfalls nicht ohne Reibung verlief der Kontakt zu manch Transsexueller, manchmal musste ich mich auch des Vorwurfs erwehren, ich sei nur so etwas wie eine Transgender-light-Person. Dass ich solche Rankings grundsätzlich ablehne, ist klar, doch ist solch eine versteckte Hierarchie leider immer wieder einmal zu beobachten; freilich als Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Einige Transsexuelle zählen inzwischen auch zu meinen besten FreundInnen.
Ein fast verstecktes Problem konnte ich aber auch im Crossdressing-Bereich beobachten. Ich bekomme nicht selten mails, die von einer tiefen Sehnsucht gepaart mit großer Verzweiflung künden, von Menschen, die es sich – aus diversesten Gründen – verbieten, ihre Neigungen zu leben und zu erfahren. Die daraus entstehenden, mir bestens bekannten Spannungen, führen nicht selten zu Krankheit – psychisch wie physisch. Mit diesem Leiden unmittelbar konfrontiert zu sein kann, wenn Unterstützung möglich ist, schön und berührend sein. Wenn die Unterdrückung aber schon so weit fortgeschritten ist, dass deutlich eine Art voyeuristische Ader zum Vorschein kommt, so wird echter Kontakt unmöglich.

Nun möchte ich etwas über meine inneren Erfahrungen, über psychische und seelische Momente berichten.
Die Existenz als frei lebender Crossdresser tut mir gut, daran besteht kein Zweifel. Ich bin wesentlich selbstbewusster, im Beruf aktiver, wacher und auch körperbewusster geworden. Auch betrachte ich mich und mein Umfeld viel mehr als kreativen Boden, auf dem ich verschiedene Rollen spiele; wobei Michaela ja nur eine davon darstellt. Der Begriff der Kreativität wurde überhaupt sehr wesentlich für mich, wobei ich vor allem von meinen Pflanzen viel gelernt habe. Die Natur ist nämlich ein fantastischer Meister in Strategien der Problemlösung. Die sich hier manifestierende Phantasie ist so faszinierend vielfältig, die kreative Kraft zu grenzenlos, dass ich mich als Mensch gerne von ihr inspirieren lasse. Und gerade das Schminken bietet hier wunderbare Möglichkeiten, zu experimentieren und zu formen. Ich möchte es nicht mehr missen.

Was bin ich aber dann? Nun, sicherlich keine Frau, weder körperlich noch von der Identität. In mir existiert aber auch ein weiblicher Anteil, und diesen auch äußerlich zum Vorschein zu bringen entspricht jener Normalität, die mich öffentlich so schön trägt. Ich habe mir viele Gedanken über den Begriff der Identität wie über den sozialen Sinn des Transgender-Phänomens gemacht, wobei mir die aus der Feminismus-Theorie stammenden Überlegungen, dass genetisches Geschlecht, Geburtsgeschlecht, Identitätsgeschlecht und soziales Geschlecht nicht immer übereinstimmen müssen, ja oft nur soziale Konstrukte darstellen, sehr ansprechen. Das genetische, durch Chromosomen festgelegte Geschlecht ist unabänderlich, das Geburtsgeschlecht nur sehr aufwendig durch Hormonbehandlung und chirurgische Eingriffe einer dauerhaft diesem entgegengesetzten Identität anzupassen. Wie ich mich nun aber im gesellschaftlichen Umfeld betrachte, welche Rollen ich spiele, und welchem sozial-geschlechtlichen Kontext etwa meine Arbeit entspricht, kann ich selbst beeinflussen. Als geborener Mann steht mir hinsichtlich des äußerein Erscheinungsbildes das gleiche Feld wie Frauen offen; und es zu nutzen, entspricht in hohem Maße meinem Wesen.

Roter Rock Es geht mir wie gesagt um den Begriff der Identität und nicht etwa um einen sexuellen Faktor. Dass Crossdresser gerne in Frauenkleidung masturbieren, dass dies der eigentliche Zweck sei, sich zu „verkleiden“, ist ein weit verbreitetes Vorurteil; und nicht gänzlich falsch. Auch ich ging früher dieser – wie ich es nenne – sexuellen Entlastung nach. Seit ich aber ohne Angst und Scham im öffentlichen Raum existiere, ist die sexuelle Erregung beim Tragen der Kleidung praktisch verschwunden. Es geht ja aber ohnehin nicht um die Kleidung an sich, sie ist, wie das Schminken und die Perücke, ein Mittel zum Zweck, um eben den Gleichklang mit der weiblichen Identität herzustellen. Auch bin ich zu hause nur mehr selten in Kleidern anzutreffen.

Was drückt sich aber hier nun aus? Im ICD 10 , dem International Code of disease, ist Transvestismus nach wie vor als Krankheitsbild vermerkt. Wie kann aber etwas krank sein, das auszuleben mich gesund machte? Es ist meines Erachtens auch völlig unzureichend, das Transgender-Phänomen nur in bezug auf die jeweilige „betroffene“ Person zu betrachten. Wir alle leben in einem sozialen Kontext, und nur darin existieren wir auch mit unserer geschlechtlichen Identität. Und sind Transgender-Personen hier nicht ein Spiegel, eine Bereichehrung, ein notwendiges Korrektiv einer Gesellschaft, welche sich viel zu einseitig den männlichen Tugenden widmet? Wir zerstören unsere Natur, die Lebensgrundlage unserer und folgender Generationen, in dem wir sie dem (kranken) Ideal eines rein auf Profit gerichteten Denkens opfern. Dieses auf Konfrontation und Besitz fokussierte Handeln zeugt von einem unseligen Ungleichgewicht, welches sich auch im sozialen Rollenverhalten ausdrückt. Als Crossdresser widerspreche ich diesem Rollendruck und nehme mir einen Freiraum, der diese männlich geprägten Ideale hinterfragt. Es ist natürlich gefährlich, eine zu direkte Beziehung zwischen geschlechtlicher Vorherrschaft und gesellschaftspolitischer Realität herzustellen. Doch sich in diesen Kontext auch als Crossdresser eingebettet zu sehen macht Sinn. Mit dem gelebten Widerspruch, Mann und Frau gleichzeitig zu sein, provoziere ich auf eine, wie ich denke, sehr schöne kreative Art. Ich habe mir dies freilich nicht ausgesucht, Mutter Natur hat mich offensichtlich so geschaffen. Und sie hatte wohl ihr guten Gründe dafür.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Michaela


Zurück zur Homepage