Einige wichtigeAspekte meiner Biographie
Einige wichtige Aspekte meiner Biographie

Wie fast alle Transgender-Personen habe auch ich meine persönliche Leidensgeschichte erlebt. Ich möchte sie hier nicht zuletzt deswegen schildern, damit Personen, welche ähnlich Neigungen wie ich besitzen, vielleicht die eine oder andere Hemmschwelle leichter überwinden können. Denn eines ist klar: Transgender-Neigungen sind fast immer so tief in der jeweiligen Persönlichkeit verankert, dass sie mit dieser untrennbar verbunden sind. Doch anstatt dies als Chance zu betrachten, den Gegensatz zwischen den Geschlechtern spielerisch nutzen zu können, bilden sich bei fast allen von uns Schuldgefühle. Scham und Angst gehen dabei meist eine so unglückliche Kombination ein, dass Neurosen entstehen. Auch ich war in psychotherapeutischer Behandlung, und über die ganzen unterdrückten Wünsche einmal nur sprechen zu können, sie damit also konkret beim Namen zu nennen und damit akzeptieren zu müssen, war alleine schon sehr schwer. Doch der Weg war ohnehin schon gepflastert, und so entdeckte ich meine Neigung nicht nur zu akzeptieren, sondern irgendwie auch zu schätzen.
Ich selbst bin heterosexueller Crossdresser und liebe als solcher vor allem elegante schöne lange Kleider und Röcke, also Dirndl (aber keinen Kitsch!) oder Abendkleider, was meiner Figur - ich besitze sehr kräftige Radfahrerbeine - sehr gut entgegenkommt. Um meinen Bierbauch zu kaschieren, trage ich ein Schnürkorsett. So schrumpfe ich meine Damengröße von 44 auf 40. In puncto Größe (169 cm) und Schuhgröße (40/41) hat es Mutter Natur gut mit mir gemeint. Weiters bin ich Freund schöner Stoffe wie Brokat, Samt, Seide oder Taft, was sich jedoch schon rein aus finanziellen Gründen nicht immer so leicht verwirklichen lässt.
Durch die zahlreichen Outings in den letzen Monaten - mit ausschließlich (sic!) sehr anerkennenden Reaktionen - habe ich mir viele Gedanken über das Wesen Transgender gemacht. Ich möchte hier einige Auszüge aus einem Brief veröffentlichen, den ich kurz nach meinem großen Outing im Februar 2001 meinem ehemaligen Psychotherapeuten geschickt habe:

"...Wenn ich meine Zeit bei Ihnen rückschauend betrachte, so standen drei Themen im Vordergrund: Transvestismus, neurotische Zwänge und allgemeine psychische Labilität. Ich bin weit davon entfernt, diese alle "bewältigt" zu haben oder vollständig in Zusammenhang bringen zu können. Der Anlass, einen persönlichen "Fortschritt" erkenne zu können, ist äußerlich betrachtet auch recht banal. Dennoch glaube ich, einigen Aspekten meiner Persönlichkeit näher gekommen zu sein. Ich möchte hier nun diese Umstände kurz schildern, um danach theoretisch darüber zu reflektieren.

Der Auslöser für meine innere "Wandlung" war ein Ereignis, welches alljährlich in Graz stattfindet, der Tuntenball. Ich hatte mir diesmal vorgenommen, dort hinzugehen, so "echt" wie nur möglich. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Ich fand ca. zwei Wochen zuvor im Internet ein Online-Angebot, welches mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Eine Kärntner Firma bot ein Dirndl in einer Schönheit an, welche ich mir immer gewünscht hatte. Das Kleid war zwar recht teuer, aber ich bestellte es; glücklicherweise, wie ich sagen kann. Zum diesem Ball wurde es leider zu spät geliefert, aber die Eigendynamik, welche dieser Kauf auslöste, war zwingend. Denn parallel bemühte ich mich, Kontakte zu Gleichgesinnten auzubauen (was auch gelang), weiters hatte ich auch kaum Scheu, meinen Freundinnen und Freunden zu erzählen, warum ich denn auf diesen Ball gehe. Die Schminkutensilien kaufte ich mir großem Vergnügen selbst, und so war der Weg zu Michaela - ich heiße mit zweitem Namen Michael - nicht mehr weit. Nach dem Ball, der mir viel Freude bereitet hatte, fuhr ich nach Wien zum Regenbogenball (die einen Bilder, die Sie sehen, entstanden einen Tag zuvor bei mir zu Hause, gewissermaßen als Probe), auch am Faschingsdienstag war ich öffentlich als Frau unterwegs (zu sehen auf den anderen Fotos). Die Reaktionen waren allgemein einheitlich positiv, so viele Komplimente wie an diesen Tagen habe ich mein ganzes Leben bisher nicht bekommen. Auch zeige ich die Bilder, die Sie in Händen halten, mehr mit Stolz als mit Scheu her. Langer Rede, kurzer Sinn: Das Ausleben von bisher immer unterdrückten Seiten meiner Persönlichkeit hat sich äußerst positiv auf mich ausgewirkt. Vor allem die Angst, eine geheim gehaltene Lust könnte an die Öffentlichkeit dringen, ist praktisch weg. Frauen sind da ohnehin sehr tolerant, die Männer höchstens verwirrt. Freilich, ich war bisher nur in geschützten Systemen unterwegs, doch das Selbstvertrauen ist doch stark gestiegen. Außerdem hat mir eine Freundin angeboten, zu zweit mal in die Stadt zu gehen...

Was hat nun diese beginnende Befreiung in mir ausgelöst? Erfreulicherweise hat sich kaum etwas geändert, was meine Beziehungen nach innen und nach außen betrifft. Ich fühle mich, wenn ich mich als Frau ummogle, wie als Mann, vielleicht weil ich Anfänger in dieser Kunst bin, doch alleine die Tatsache, dass mir Frauen dann noch besser gefallen als sonst, lässt hier nicht so schnell eine Änderung erwarten. Da für mich das "Verkleiden" neben dem erotischen Reiz einen sehr starken theatralisch Aspekt besitzt, genieße ich es vor allem auch als Rollenspiel. Es ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit als Mann, diese weiblichen Seiten zu besitzen und auch ausleben zu wollen, ein Spiel, voller Ernst, aber eben doch nur ein Spiel. Erfreulich war auch, dass ich immer, wo ich mich geoutet habe - wer die Bilder sieht, fragt natürlich woher?, warum? etc. - nur entspannte Reaktionen geerntet habe. Ich glaube, vor allem Frauen schätzen es durchaus, wenn man sie als verkleideter Mann erst nimmt, also normal aussehen möchte, und nicht die ewig gleichen Klischees wiederkäut.
Nun sind freilich einige Fragen aufgetaucht. Drei davon möchte ich kurz diskutieren:
• Macht mich das Crossdressen entspannter?
• Stehen bzw. standen meine neurotischen Probleme in unmittelbarer Beziehung dazu?
• Was ist Männlich- bzw. Weiblichkeit?

1. Die erste Frage lässt sich bedenkenlos mit ja beantworten. Zwar existiert die latente Angst des "erwischt" (ein schrecklicher Wort!) werdens, dass es mir gut tut, steht jedoch außer Frage.
2. Die zweite Frage läßt sich hier freilich nur theoretisch behandeln. Dazu folgender Gedankengang: Wenn ich 30 Jahre lang einen wesentlichen Teil meiner Persönlichkeit unterdrücke, kann das nicht gesund sein. Warum ich jetzt diesen oder jenen Fetisch entwickelt habe, sei dahingestellt, wesentlich ist, dass meine bisherige Beschäftigung mit diesem Thema, nämlich die Selbstbefriedigung über Bilder oder Phantasien, ein Ersatz war. Als Indiz dafür dient auch die Erfahrung, dass mich die äußere Verwandlung in eine Frau im öffentlichen Raum lange nicht so erregt wie zu Hause in der Heimlichkeit. Ist es vielleicht so, dass die Onanie als Spannungs- und auch als Aggressionsabbau dient, weil die so ersehnte Reaktion mit der Umwelt fehlt? Perversion - was immer das sein mag - ist doch nur die Entfremdung von sich selbst hin zu Riten der Verzweiflung. Die Beziehung zwischen Lust und Aggression interessiert mich auch insofern, als meine neurotischen Komplexe ja auch einen sehr autodestruktiven Charakter hatten. Und wohin soll auch die blinde Wut über jenen Teil, der nicht existieren darf, führen? Die Frage, ob mich das Crossdressen an sich nun glücklicher macht oder ob ich auch als "normaler" Mann mit mir zufrieden sein könnte, stellt sich im Augenblick nicht. Freilich wäre es interessant, darüber nachzudenken. Vielleicht gehe ich den Wurzeln für diese Leidenschaft auch einmal näher nach. Doch jetzt ist es wohl wichtiger, die Dinge fließen zu lassen.
3. Was Männlichkeit und Weiblichkeit ist, läßt sich natürlich nicht beantworten. Ich möchte trotzdem ein bisschen darüber spekulieren. Dass Männliches Weibliches in sich trägt und umgekehrt steht wohl ausser Frage. Denn wie sonst wäre Begehren und Liebe möglich, wäre als Voraussetzung nicht die Entsprechung der Gegenseite in jedem Selbst a priori vorhanden. Die Natur scheint hier zu spielen, denn die dafür notwendigen Reize sind in ihrer kulturellen und historischen Herkunft oft grundverschieden und entbehren damit fast jedweder objektiven Grundlage. Sogar die Körper selbst werden der Schönheit willen oft umgestaltet. Was ist also Schönheit? Ist Schönheit nicht vom Geschlecht abstrahierbar? Mich fasziniert der Begriff der Androgynität. Ich meine hier freilich nicht Geschlechtslosigkeit oder Unisex, das ist todlangweilig, sondern eine Schönheit jenseits der Geschlechtlichkeit. Ich kenne wunderschöne, sehr weibliche Frauen, die dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, diesen Zug des Androgynen besitzen. Da ist nichts unmittelbar männliches, sondern eben eine in der Weiblichkeit aufgehobene Männlichkeit, eine komplexe Persönlichkeit. Ist es das, was ich anstrebe, indem ich mich schminke und verkleide? Ist es das, was ich bin??
Wichtig waren für mich da auch die Erfahrungen, die mir Mozart gelehrt hatte. Sie wissen, wie sehr ich ihn liebe. Wenn in seinen Opern Männer auftreten, dann sind es ganze Männer, wenn Frauen erscheinen, dann echte. Doch wenn diese Figuren zu singen beginnen, dann gehen sie oft eine Metamorphose ein, die sie über ihre unmittelbar gezeigte Persönlichkeit hinaus komplexer macht, zu Menschen jenseits des Geschlechts. Und ist es ein Zufall, dass mit der Figur das Cherubino quasi ein Zwitterwesen geschaffen wurde: eine Frau in einer Männerrolle als pubertärer, ewig verliebter Jüngling, der sich im Verlauf der Handlung gleich zweimal in ein Mädchen verwandelt?
Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit einem "Kollegen" aus Wien und meinte dabei, das es vielleicht unsere unfreiwillige schmerzvolle gesellschaftspolitische Aufgabe sei, einer Gesellschaft, die jahrhundertelang einem falschen, einseitigen Begriff von Männlichkeit nachgelaufen sei, einen Spiegel vorzuhalten: Wir verkleiden uns als Frauen, und auch das ist Teil der Männlichkeit, denn wir sind Männer!

Ich bin mir völlig darüber im klaren, dass meine Gedanken keine Wahrheitsanspruch besitzen, dazu sind menschlichen Persönlichkeiten auch zu komplex. Was mich jedoch sehr traurig und auch wütend macht, ist die Verkrampftheit, mit der so viele Personen und unsere Gesellschaft überhaupt mit der Weiblichkeit im Mann umgeht. Ich habe selbst 30 Jahre darunter gelitten und das hinterlässt Narben. Diese inneren Normen sind 1000-mal stärker als alle Gesetze, die uns schützen sollen. ..."

Ich würde mich über Reaktionen auf meine Gedanken sehr freuen, vor allem aber wünsche ich uns allen wie der Gesellschaft überhaupt, dass die natürliche Weiblichkeit einmal als völlig normaler Teilaspekt einer jeden komplexen Persönlichkeit anerkannt wird.

Liebe Grüße an alle
Michaela

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