Meine zweite Geburt
Meine zweite Geburt

Es ist wohl das schwierigste und ersehnteste Erlebnis eines jeden Crossdressers: Sich das erste mal ganz als Frau in die Öffentlichkeit zu wagen. Da schwingen so viele Ängste mit: Erkennt mich jemand? Werde ich ausgelacht? Wird hinter meinem Rücken getuschelt und gekichert? Was mache ich, wenn ich Bekannte treffe? Wird man mich an meiner Stimme, an meinem Gang, an meiner maskulinen Ausstrahlung erkennen? Und wie reagiere ich, wenn ich "aufgedeckt" werde?
All' diese Sorgen gingen natürlich auch mir durch den Kopf, als ich mich bei Claudia, einer sehr guten Freundin umzog und schminkte. Doch da musste ich einfach durch, die Zeit war einfach reif dafür. Ich trug ein schlichtes gelbes Leinenkleid im Landhausstil, dazu recht schöne, aber nicht zu hohe Pumps, wie eine Frau, die sich über das herrliche Frühlingswetter freut. Wir hatten uns nicht wenig vorgenommen. Wir wollten bummeln gehen, und zwar nicht am Abend und in einer entlegenen menschenleeren Gegend, sondern am Einkaufssamstag durch die belebtesten Straßen von Graz. Das war meine Feuertaufe, und ich wusste, ich würde sie bestehen. Der genaue Plan so folgendermaßen aus:
Als erstes würden wir durch einen Park spazieren, gewissermaßen zum aufwärmen. Ich wollte dann ein Geschäft besuchen, wo ich vor kurzem ein echtes Ausseer Dirndl gesehen hatte, zu einem sehr günstigen Preis. Und mir einmal ganz normal ein Dirndl zu kaufen, war immer schon mein Traum gewesen. Dann durch die Herrengasse, wo sich zu dieser Zeit Unmengen an Menschen bewegen. Und dann, je nach Lust und Laune, wollten wir etwas Essen oder Trinken.
Die ersten Schritte auf der Straße waren mörderisch. Ich war so nervös, so unsicher und doch so glücklich, es war einfach unbeschreiblich. Die erste Person, die wir trafen, waren gleich Nachbarn Claudias, doch sie reagierten überhaupt nicht auf mich. Das beruhigte. Wir gingen also in den Park. Das schöne Wetter hatte viele Leute, darunter auch viele Kinder, aus ihren Wohnungen gelockt. Wie würden sie auf mich reagieren? Doch auch hier, keinerlei Besonderheiten. Als wir uns das erste mal setzten und auch da die Menschen ganz normal an mir vorübergingen, wurde ich schon selbstbewusster. Ich war offensichtlich wirklich so überzeugend, wie Claudia es mir gesagt hatte. Als dann auch die hundertste Person keinerlei Besonderheit an mir feststellte, war die Angst schon komplett weg. Freilich war ich noch sehr vorsichtig, sprach nur ganz leise und vermied jeden Augenkontakt, doch das machen echte Frauen ja auch oft.

Wir gingen die Mur entlang hin zu dem Trachtengeschäft, wo ich das Ausseer Dirndl gesehen hatte. Ich ging also rein, sagte der Verkäuferin, dass ich gerne dieses Dirndl in der Auslage probieren würde..., und sie reagierte so, als ob ich eine echte Frau wäre, bis zum Ende. Entweder erkannte sie mich wirklich nicht, oder sie war einfach so professionell, dass sich mich wie jeden anderen Kunden sonst behandelte. Ich probierte also dieses Dirndl - und es passte perfekt, bis auf eine Kleinigkeit in der Brust, da muss ich in Zukunft etwas mehr ausstopfen ;-) Das Kleid gefiel mir so gut, dass ich es gleich anließ. Ich zahlte mit meiner (männlichen) Kreditkarte, die aber gar nicht so genau betrachtet wurde, und wir verließen das Geschäft. Das muss man sich jetzt vorstellen: Ich stehe in jener Kleidung auf der Straße, in der ich mich schon so lange gerne gesehen hätte. Das war eigentlich unglaublich, und doch fühlte ich mich ganz normal.
Wir gingen zuerst kurz in einen DM und dann auf den Hauptplatz. Als wir in die Herrengasse, die wichtigste Straße von Graz kamen, und ich vor und neben mir wahre Menschentrauben in den Straßencafés sitzen sah, kam ich mir vor wie in einer Auslage. Doch auch hier, keinerlei Reaktion. Wir bummelten also durch die Straße, machten viele Bilder, da wollte Claudia ein Eis essen. Hier zögerte ich aber, denn im und vor dem Eisladen drängten sich die Leute. Und rechts und links, vorne und hinter meinem Gesicht nur fremde Menschen zu sehen, war mir doch zu viel. Claudia hatte übrigens schon vergessen, wie sie sagte, dass ich ja "verkleidet" sei und behandelte mich wie eine gute Freundin, so als ob ich gar kein Crossdresser wäre. Zum Glück hatte sie Verständnis, dass ich hier kneifte, und so gingen wir in ein anderes Café, suchten uns einen schönen Platz auf der Straße und entspannten uns erst einmal bei einem guten Glas Bier. Wir wussten nicht genau, was wir dann machen würden, da kam mir die goldrichtige Idee: Ich wollte auf den Schlossberg gehen, den Stadtberg von Graz, um ein Bild mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Uhrturm zu machen. Gesagt - getan. Es war wundervoll. Die Kirschbäume blühten, der Garten am Berg stand in voller Farbenpracht, was kann sich ein Crossdresser in seinem bunten Dirndl da schöneres wünschen. Und egal ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, ja sogar betrunkene Jugendliche (meine Angstgegner), sie alle blieben von mir als Person recht unbeeindruckt. Mein Kleid, und damit natürlich auch ich, wurde bewundert, das war's schon. Wir gingen dann langsam wieder zurück. Die Füße schmerzten etwas, was aber absolut unproblematisch war, und so gingen wir an der Mur wieder in Claudias Wohnung zurück. Kurz davor, ich sprach schon wieder etwas tiefer, und sehnte mich langsam auch wieder in meine Männerrolle zurück, traf mich der einzige kritisch musternde Blick dieses so wundervollen Nachmittags, von einer Frau. Sie hatte mich wohl als Mann erkannt, das war's dann aber schon.
Wieder in Claudias Wohnung angekommen machten wir noch ein paar Bilder, dann schminkte ich mich ab, duschte mich, und hatte einen riesen Appetit.

Ja, so endete dieser Nachmittag, ein Tag, den ich jetzt als meine zweite Geburt bezeichne. Denn ich weiss jetzt, dass sich Michaela in mir nicht zu fürchten braucht. Zwar benötige ich noch etwas Zeit, um auch ohne stützende Begleitung fortzugehen, doch die Feuertaufe habe ich hinter mir. Trotz meines nun nicht gerade unauffälligen Outfits hat mich niemand auch nur irgendwie angegafft oder schlimmeres. Und dabei war das Makeup gerade gegen Ende dieser Ausflugs nicht einmal mehr so perfekt, wie ich geplant hatte.
Mich frei als Crossdresser zu bewegen, davon habe ich immer geträumt, und nun wurde es Wirklichkeit.

So ging ich ausser Haus
Mein  frisch gekauftes Dirndl