Meine Philosophie
Graz, 27. April 2003
Ich wurde schon des Öfteren gefragt, ob ich meine Gedanken zu
dem Themenkomplex Transvestismus, Soziologie und Ethik nicht auf meiner
Homepage ausformulieren könnte. Denn schließlich leben Transvestiten
nicht im luftleeren Raum, sondern unter ganz bestimmten sozialen, historischen
und kulturellen Rahmenbedingungen. Dieser Text ist ein Versuch, diese
Parameter miteinander in Beziehung zu setzen, zu untersuchen, in wie weit
Transvestismus einen Sinn innerhalb des sozialen Gefüges besitzt.
Es finden sich hier Gedanken, die ich bereits auf Wichtige Aspekte
meiner Biographie und Eineinhalb Jahre
Michaela - eine Bilanz angesprochen habe, diese Arbeit dient
dazu, diese zusammenzufassen, zu systematisieren und eventuelle Konsequenzen
abzuleiten. Ich möchte hier keine wissenschaftliche Recherche betreiben,
sondern genährt aus eigenem Erleben versuchen, einige Grundfragen
zu stellen und zu beantworten. Doch bereits die erste Frage: „Woher kommt
Transvestismus?“, wirft sofort sekundäre Fragen auf. Da diese Frage
eine der wohl meistgestellten – von Betroffenen wie von Außenstehenden
– ist, ist sie wohl auch so fatal. Denn sie ist der falschen Fragestellung
wegen nicht beantwortbar. Das Wort „woher“ impliziert, dass Transvestismus
eine vom Subjekt losgelöste Sache ist, ein „Ding“ oder eine Krankheit,
die ohne das Subjekt zu beschädigen wieder entfernt werden könnte.
Hier wird also ein Normalzustand vorausgesetzt, der Transvestismus nur
als pathologischen Fremdkörper kennt. Wie sehr transvestitische Neigungen
mit dem jeweiligen Träger dieser Neigung verwachsen sind wird deutlich,
wenn man in die persönlichen Biographien von Betroffenen blickt. Da
wird sehr oft ein Kampf zwischen „Ich“ und „Es“ deutlich, ein fast immer
zum Scheitern verurteilter Versuch, sich als Person außerhalb transvestitischer
Neigungen zu betrachten. Dass dieser auf Kosten der eignen Psyche geführte
Kampf fast immer mit dem Eingeständnis der Akzeptanz endet, löst
freilich nicht das Problem, dass Transvestismus im gesellschaftlichen Kontext
nach wie vor ein Tabuthema darstellt.
Ich möchte die Frage daher umformulieren zu: „Was drückt
sich in transvestitischen Neigungen aus?“. Da sich Transvestismus nur gemeinsam
mit einer geschlechtsspezifischen Kleiderordnung entwickeln konnte,
ist er naturgemäß kulturell bedingt. Und Kulturen schaffen
ihre eignen Verhaltensmuster, Symbole und Codes. Die Entwicklung verlief
hier freilich nicht bei beiden Geschlechtern parallel, sondern höchst
unterschiedlich, wie die Geschichte über die jahrhundertelange Diskriminierung
von Frauen bezeugt. Dass sich mit dem gesteigerten männlichen Machtwillen
auf der anderen Seite ein immer engeres, auch äußerlich graueres
Männerbild entwickelte, ist ebenfalls nicht ohne Tragik, wurden dadurch
doch so menschliche Charakteristika wie Fantasie, Gefühlswahrheit und
Sensibilität stark in den Hintergrund gedrängt. Die aktuelle weltpolitische
Situation zeugt davon.
Dass die gegebenen emotionalen Ressourcen auch im Männlichen zur
natürlichen Entfaltung streben, sollte außer Frage stehen, und
hier möchte ich mein Hauptargument aufknüpfen: Transvestismus
ist eine logische soziale Reaktion auf eine Gesellschaft, die ihr Männerbild
über Jahrhunderte mehr und mehr eingeengt hat. In ihm drückt
sich das Verlangen nach ganzheitlicher Wahrnehmung und Wahrgenommensein
aus. Kann Transvestismus frei und ohne Angst gelebt werden, dann,
so erlebe ich es selbst immer wieder, öffnen sich neue Sichtweisen
der Umwelt, vor allem aber hinsichtlich der Geschlechterrollen. Dies hat
nur am Rande mit sexuellen Aspekten zu tun, wesentlich wichtiger ist die
Wahrnehmung von einzementierten sozialen Rollenspielen und –mustern. Oder
um es einfacher zu sagen: Transvestismus befreit vom falschen Mannsein.
Und das tut außerordentlich gut.
Freilich müssen jetzt nicht alle Männer in Kleider oder Stöckelschuhe
schlüpfen (wobei angemerkt werden muss, dass nicht die Kleidung,
sondern die Natürlichkeit, sie zu tragen, wesentlich ist). Transvestismus
ist eine Facette unter vielen, die kulturellen Grenzen der Geschlechter
zu sprengen. Warum tritt Transvestismus aber fast immer trieb-, ja zwanghaft
auf? Und wieso ist die Grenze zum Fetischismus so fließend?
Hier, so denke ich, sind jene Parameter verantwortlich, die wir über
Jahrhunderte als kulturell-historischen Ballast mit uns herumtragen. In
triebhaften Neigungen drückt sich zumeist ein Aspekt des kollektiven
Unbewussten aus. Gepaart mit den oben angesprochenen Repressalien, die
das Männerbild im laufe der Zeit erfuhr, ist klar, dass ein soziologischer
Ausbruch daraus nicht nur ein Spiel sondern ein ernst zu nehmender Kampf
ist; ein Kampf, der zumeist auf dem Schlachtfeld der eigenen Psyche ausgetragen
wird. Denn dort, wo er eigentlich stattfinden sollte, im öffentlichen
und medialen Raum, fällt er meiner Erfahrung nach zumeist überraschend
einfach und spielerisch aus.
Um hier die Frage: „Was drückt sich in transvestitischen Neigungen
aus?“ also zusammenzufassen: Ich denke, dass Transvestiten ein notwendiges
Korrektiv zu einer Gesellschaft darstellen, die schon viel zu lange an einem
konstruiert einseitigen Männerbild arbeitet.
Hier stellt sich nun die Frage nach der Verantwortung, denn eine Neigung
damit zu begründen, dass sie ein fasches Gesellschaftsbild in Frage
stellt, kann noch keine Rechtfertigung dafür sein, dies auch hemmungslos
auszuleben; könnten damit ja praktisch alle Neigungen und Triebe gerechtfertigt
werden.
Ich möchte die Frage nach der Verantwortung aufteilen. Es gibt
eine Verantwortung mir selbst und eine solche meiner Umgebung gegenüber.
Was mich selbst betrifft, so heißt das für mich, meine Neigungen
und Sehnsüchte ernst zu nehmen, sie möglichst ehrlich wahrzunehmen
und so zu leben, dass ich mich guten Gewissens in den Spiegel schauen
kann. Das klingt jetzt einfach und logisch, doch alleine das Wort Transvestit
ohne Scham für mich selbst gelten zu lassen, hat mich viel Zeit und
innere Widerstände gekostet. Die inneren Blockaden sind oft gewaltig.
Hinsichtlich der Verantwortung der Umgebung gegenüber gelten die
üblichen Regeln der Würde und des Respekt allen Menschen gegenüber.
Das heißt, dass ich mein Verlagen, mich als Frau zu kleiden und öffentlich
zu bewegen, nur soweit ausleben kann, als ich niemand anderen dadurch beeinträchtige.
Da für mich der Grundsatz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
gilt, habe ich auch kein Problem damit, wenn andere durch mich gestört
oder gar verstört werden (was übrigens kaum geschieht und wenn
ja, dann ist dies ja gerade der oben angesprochene Effekt der Korrektur
der zu engen Geschlechtergrenzen). Eine Frage stellt sich hier jedoch innerhalb
einer Partnerschaft. Lebe ich mein Verhalten ohne Rücksicht auf die
Wünsche der Partnerin aus, dann darf ich mich freilich nicht wundern,
wenn es hier zu ernsteren Störungen kommt. Denn Partnerschaft bedeutet
ja immer auch, Verantwortung für den geliebten Menschen zu übernehmen.
Ich bin als Transvestit also genauso stark in den sozialen Raum eingebunden
wie allen anderen, egal, ob ich meine Neigung nur zu Hause oder öffentlich
auslebe. Mir hat es sehr viel geholfen, mich als Michaela nicht isoliert
zu betrachten, sondern selbstbewusst im kulturell-sozialen Rahmen integriert
zu wissen. Ob ich mit meinen Gedanken in die richtige Richtung weise,
können nur ehrlich geführte Diskussionen und seriöse Untersuchungen
beantworten. Wenn ich andere dazu anrege, kritisch über sich und die
Umgebung nachzudenken, freut es mich.
Michaela Miro