Die politische Meinung #339 - Später Beifall
livre noir du communisme

Konrad Adenauer Stiftung - Publikationen

Die politische Meinung Ausgabe 339 (Februar 1998)

Mehr als ein Jahrzehnt lang wurden die Thesen von Ernst Nolte tabuisiert. Das hat jetzt ein Ende.

Später Beifall

Volker Kronenberg

François Furet brach das Eis. In seinem 1995 in Frankreich und ein Jahr später in Deutschland erschienenen Rückblick auf den Kommunismus im zwanzigsten Jahrhundert Das Ende der Illusion hatte Furet als ehemaliges Mitglied der KPF und angesehener Revolutionsforscher der gemäßigten Linken das Unglaubliche getan: Er ergriff Partei für seinen deutschen Historiker-Kollegen Ernst Nolte. Allein die Tatsache, so berichtet Furet in einem Brief an Nolte, "daß ich Sie zitiert habe, hat bei der Linken geradezu einen ,pawlowschen' Reflex hervorgerufen. Selbst so unterschiedliche angelsächsische Historiker wie Eric Hobsbawm oder Tony Judt haben mir schon die Tatsache zum Vorwurf gemacht, daß ich nur Ihren Namen zitiert habe, ohne es für nötig zu halten, diese Exkommunikation zu rechtfertigen. Man muß den Bann dieses magischen Gedankengangs brechen; darum bereue ich mein Tun weniger denn je."

In einer langen Anmerkung zu seinem Kapitel über das Verhältnis von Kommunismus und Faschismus, in dem Furet ausführlich auf den deutschen Historikerstreit und die daraus resultierende "Verdammung" Noltes eingeht, bezeichnet der Franzose Noltes Werk und die ihm zugrunde liegende Interpretation als eine der "tiefschürfendsten der letzten fünfzig Jahre". Furet bezieht sich dabei auf Noltes Theorie eines ideologischen Bürgerkrieges zwischen "der marxistisch-kommunistischen Utopie, der faschistisch-nationalsozialistischen Gegen-Utopie und der westlich-pluralistischen Utopielosigkeit", der 1917 mit der Machtergreifung der Bolschewisten in Rußland seinen tragischen Anfang nahm und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Satellitenstaaten zu Ende ging. So machte nach Ansicht Noltes "eine in mächtigen Tendenzen der Moderne gegründete, aber aus uralten Zeiten herrührende, ebenso enthusiastische wie terroristische Reinigungsideologie mit ihrem Heilsversprechen .. nach ihrer Umsetzung in die Praxis eine auf ihre Weise ebenfalls enthusiastische und terroristische Reinigungsideologie mit einem spezifischen Heilsversprechen möglich, die indessen weitaus irrationaler war".

"Obwohl ich aus einer anderen Richtung komme", so bemerkte Furet wenige Monate vor seinem Tod gegenüber Nolte, "versuche ich, ebenso wie Sie, die seltsame Faszination, welche die beiden großen ideologischen und politischen Bewegungen - nämlich der Faschismus und der Kommunismus - in unserem Jahrhundert ausgeübt haben, zu begreifen. Sie konzentrieren die Aufmerksamkeit auf den Faschismus, während ich versuche, die Verführungskraft, die die kommunistische Idee auf die Gemüter der Menschen ausgeübt hat, zu begreifen. Aber niemand kann eins der beiden Lager verstehen, wenn er nicht auch das andere berücksichtigt; so sehr hängen diese nämlich in ihren Vorstellungen, ihren Leidenschaften und der globalen historischen Realität voneinander ab."

Geschichte anstelle Gottes

Noltes Überlegungen zu einer "transzendentalen Soziologie unserer Zeit", die vor nunmehr 35 Jahren sein erstes Hauptwerk über den Faschismus in seiner Epoche abschlossen, bilden bis heute den Keim immer neuer Anläufe zu einer begreifenden Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Noltes Grundannahme besteht darin, daß die Deutungen der Welt und des Menschen, die als solche ebenso alt sind wie die Menschheit selbst, mit dem fundamentalen Wandlungsprozeß der Lebensverhältnisse durch die Industrielle Revolution eine neue Qualität annahmen, indem die Geschichte anstelle Gottes oder des Kosmos zum Mittelpunkt wurde. Von nun an konnten Ideologien zu einem zentralen Faktor von Bewegungen und Staaten werden, welche sich die vollständige "Veränderung der Welt" zum Ziel setzten. Marxismus und Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus stellten von hier aus keine schroffen Gegensätze, sondern die beiden bis 1945 bedeutendsten, wenngleich in Charakter und Niveau ganz unterschiedlichen Versuche dar, auf die beängstigenden Realitäten der "Moderne", das heißt des durch praktische Transzendenz bestimmten Zeitalters, eine aus dem Denken geborene und sich in der Praxis realisierende Antwort zu geben, die eine Bewahrung grundlegender Wesenszüge des Menschen ermöglicht und doch die Moderne, diejenige des "Liberalen Systems" als Matrix der Industriellen Revolution, radikal verneint und fundamental verändert. In seinem 1987 erschienenen Buch über den Europäischen Bürgerkrieg 1917 bis 1945 nahm Nolte eine konkretisierende Akzentverschiebung seiner bisherigen Deutung vor, indem er jenen "Bürgerkrieg" zwischen Marxismus und Faschismus, der bereits in seiner Faschismus-Definition von 1963 impliziert war, sehr viel genauer begriff als bisher.

"War nicht . . . der frühe ,rote Terror' der fundamentale Tatbestand, die Leninsche ,Klassenvernichtung', und stand die spätere ,Judenvernichtung' dazu nicht in einer unübersehbaren Beziehung?" - diese, von Nolte im Rahmen eines Zeitungsartikels notwendig verkürzt dargelegte Fragestellung war es, welche 1986 den emotionalen Kern des Historikerstreits bildete, dessen Konsequenz eine jahrelange volkspädagogische Verinselung Noltes als tabuisierter "Eigenbrötler der Zeitgeschichte" (Martin Broszat) war. Dabei hatte Nolte den Nationalsozialismus nie auf einen reinen Antibolschewismus und Hitler nie auf einen reinen Antikommunisten reduziert, wie von seinen zahlreichen Kritikern in steriler Einfalt immer wieder behauptet. "Doch Hitler", so hatte Nolte immer betont, "war nicht nur Antikommunist und Antisemit, sondern er war auch ein Nationalist von reinstem Wasser. Als solcher wußte er genau, was er in Rußland wollte, auch wenn Stalin ideologisch ein Antisemit und die große Mehrzahl der Russen antikommunistisch gewesen wäre. Er wollte ,Lebensraum' für sein Volk."

Daß Hans Mommsen, nach Habermas einer der vehementesten Kritiker Noltes, im Verlauf des Historikerstreits Passagen aus Noltes Buch, in denen dieser die Positionen Hitlers als Teil seiner Analyse objektivierend resümiert, in Anführungszeichen setzte und als Noltes subjektive, rechtsextreme Position ausgab, wie Immanuel Geiss zweifelsfrei nachgewiesen hat, ging in einer publizistischen Welle der Entrüstung über Noltes vermeintliche "Apologie" Hitlers und des Nationalsozialismus unter. Im Kampf um die Rettung "des verfassungspolitischen Konsenses" und der "vorbehaltlosen Öffnung der Bundesrepublik gegenüber dem Westen", wie Habermas und seine Gefolgschaft eiferten, konnte ein solches "Detail" ohnehin nicht ins Gewicht fallen.

Nach dem Historikerstreit

Wie wichtig und richtig indessen Noltes wissenschaftliche Frage nach einer historisch-genetischen Verbindung der beiden Groß-Totalitarismen und dem Liberalen System als dem "Wurzelgrund der Ideologien" zum Verständnis unseres Jahrhunderts ist, sollte mit dem Zusammenbruch des Kommunismus nur wenige Jahre später deutlich werden. So bezeichnete Zbigniew Brzezinski in einer ersten Bilanz des "gescheiterten Experiments" im Jahre 1989 das Auftreten des Kommunismus als die "größte politische Manifestation des zwanzigsten Jahrhunderts", die nicht vom Aufstieg des Faschismus und Nationalsozialismus zu trennen sei, denn beide Phänomene seien "genetisch verwandt" gewesen, "standen historisch miteinander in Zusammenhang und waren einander politisch sehr ähnlich". Ebenso wie Nolte und Brzezinski kommt auch der russische Wissenschaftler Kamaludin Gadshijew bei seiner Analyse des Totalitarismus zu dem Befund, daß "Ähnlichkeit und Verwandtschaft von Faschismus und Bolschewismus nach mehreren Parametern ... eine festzustehende Tatsache zu sein" scheinen. Gadshijew erinnert in diesem Zusammenhang an den "rationalen Kern" einer Einschätzung Churchills, der Faschismus sei "Schatten und Ausgeburt des Kommunismus" gewesen.

Während Nolte somit vom Ausland her bereits seit längerer Zeit "glänzend rehabilitiert" wird, wie Hans Maier zutreffend bemerkt, bricht Heinrich August Winkler nun auch in Deutschland das eisige Beschweigen Noltes auf, indem jener jüngst in einem Artikel der Zeit konzedierte, es sei falsch gewesen, als Konsequenz des deutschen Historikerstreits "Noltes Fragen für erledigt oder gar für moralisch unzulässig" erklärt zu haben. "Die Frage etwa, ob es ohne die russische Oktoberrevolution zum Triumph des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus gekommen wäre, war und ist legitim. ... Daß es Nolte war, der diese Jahrhundertfrage stellte, reichte aus, sie in Deutschland nachhaltig zu diskreditieren. Die Folge des Frageverzichts ist, daß es heute einen Erkenntnisrückstand der deutschen Geschichtswissenschaft gibt."

Anlaß für Winklers Signal einer Bereitschaft zum konstruktiven Streit um der Sache willen ist das vor wenigen Monaten in Frankreich, pünktlich zum achtzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution, erschienene Schwarzbuch des Kommunismus, worin französische Historiker die Verbrechen und die Unterdrückung durch kommunistische Regime in der Sowjetunion, in Osteuropa, China und anderen Ländern bilanzieren. In einem Vorwort zu der 850seitigen "Studie des Grauens" stellt Stéphane Courtois, der Koordinator des Mammut-Projektes, insgesamt hundert Millionen Opfer des Kommunismus 25 Millionen Opfern des Nationalsozialismus gegenüber. "Die Zahlen", so Courtois, "spiegeln die Realität wider. Die Größenordnung soll der Öffentlichkeit vor Augen führen, daß der Kommunismus eine enorme Tragödie verschuldet hat, deren Ausmaß mindestens so groß ist wie die Tragödie, die der Nationalsozialismus verantworten muß." Gegenüber den umgehend erhobenen Vorwürfen, er beabsichtige mit seiner Gegenüberstellung der Opferzahlen eine Aufrechnung historischer Schuld zugunsten des Nationalsozialismus, verweist Courtois als ausgewiesenster französischer Kommunismusforscher der Gegenwart auf sein rein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse: Wer das zwanzigste Jahrhundert verstehen wolle, so Courtois, "muß die beiden unheilvollen Systeme gleichzeitig betrachten". Dies bedeute nicht, daß das kommunistische System der Sowjetunion und das nationalsozialistische System Deutschlands identisch gewesen seien, "aber als Wissenschaftler ist es unerläßlich und legitim, beide Systeme vergleichend zu betrachten. Das nicht zu tun, wäre nicht normal."

So gilt es fortan auch bei uns, ohne den verbrecherischen Charakter des Dritten Reiches zu trivialisieren und ohne die singulären Züge der nationalsozialistischen Verbrechen im Namen der "Rasse" angesichts der vergleichbaren Verbrechen im Namen der "Klasse" zu verkennen, die Gesamtheit des Dritten Reiches differenzierend zu erfassen und die "Verschränkung des Gegensätzlichen, die Koexistenz des Antagonistischen sowie die Vereinbarkeit des Unvereinbaren, kurzum: das Zeitgenossen und Nachlebende so teuflisch Verwirrende, also die Diabolik dieser Tyrannis als Wesensmerkmal des modernen Totalitarismus im weltgeschichtlichen Zusammenhang einordnend" zu entfalten, wie Klaus Hildebrand den schwierigen, doch einzig würdigen Weg deutscher Zeitgeschichtsforschung zur Deutung der Tragödie unseres Jahrhunderts weist. Eben dazu hat Ernst Nolte, der gerade 75 Jahre alt wurde, mit seinem fast vollendeten Lebenswerk einer historischen Tetralogie und einer philosophischen Trilogie einen gewichtigen Beitrag geleistet, den es jenseits ideologischer Denkblockaden und "pawlowscher Reflexe" im Dienste wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts nutzbar zu machen gilt.

"Als ob die Wissenschaft, genauso wie das Denken überhaupt, nicht entweder dauernde Revision oder gar nicht ist" - dieser spektakulär unspektakuläre Hinweis Joachim Fests sollte heute, im Rückblick auf unser tragisches Jahrhundert, wieder zum Leitspruch historischen Fragens werden.